12.07.2021

KSV-CEO Ricardo Vybiral: „2022 ist das Comeback-Jahr“

Ricardo-José Vybiral, Chief Executive Officer der KSV1870 Holding AG, sieht eine Erholung der Wirtschaft und einen optimistische Grundstimmung unter Unternehmern und Gründern. Mahnt aber zugleich ein, nicht auf veränderte Märkte und neue digitalen Anforderungen zu vergessen.
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(c) brutkasten/Screenshot - KSV-Chef Ricardo-José Vybiral plädiert für ein Beibehalten des Optimismus.

Krisen haben stets mehrere Effekte. Grundlegend und zusammenfassend sind die meisten davon von Optimismus oder Sorgen um die Zukunft geprägt. Einen genauen Blick darauf und auf den Zustand der heimischen Wirtschaft wirft KSV CEO Ricardo-José Vybiral seit mehren Jahren. „Es befinden sich rund 250.000 Unternehmen im permanenten Mentoring“, erklärt er. Der Kreditschutzverband fragt in diesem Sinne in regelmäßigen Wellen nach, wie es den heimischen Firmen geht, erörtert ihre Zukunftsperspektive und findet heraus, wie es mit der Investitionsfreudigkeit aussieht. „Aktuell ist das Glas eher halbvoll, statt halbleer.“

Auch positive Entwicklungen

Allgemein lässt sich sagen, dass obwohl rund 60 Prozent der Unternehmen von der Krise getroffen wurden, rund zwei Drittel positiv in die Zukunft der nächsten drei Jahre blicken, so die Quintessenz des KSV. „2022 ist das Comeback-Jahr, wo wir wieder das Niveau von 2019 erreichen können“, betont Vybiral weiter. Er weiß, dass es in der COVID-Krise auch Anbieter mit positiver Entwicklung gab, Cloud-Firmen etwa oder Lieferdienste. Auch der Agrar-Bereich hat durch den Fokus-Shift auf „mehr regional“ profitiert. Die Frage sei aber, ob das Bestehen bleibt. Vybiral macht bei dieser Thematik essentielle Punkte aus, die Unternehmer und Gründer in diesen Zeiten bedenken müssen.

Der komplette Talk zur großen Erholung 2022 zum Nachsehen

Es lässt sich herauslesen, dass der Blick auf Business-Modelle, Geschäftsfelder, Vertriebskanäle und Digitalisierung besonders in den letzten 15 Monaten von immenser Bedeutung geworden ist: „Vor dem Lockdown gab es das bei etablierten Unternehmen gar nicht“, weiß Vybiral. „Wir sehen da einen ‚Turnaround‘.“

Was aber bei den „alten Hasen“ der Wirtschaft Bestand hatte, war die Kapitalkraft. Rund 60 Prozent hielt die Investitionen hoch, wenn auch nicht in der selben Höhe wie es geplant war, und die Jungen behielten während der Krise ihren Drive und Optimismus.

Kein überdimensionaler Push zu investieren

„Die Investitionsprämie war wichtig, um die Investitionen abzusichern – österreichische Unternehmen neigen in Krisen dazu die Handbremse anzuziehen – aber den überdimensionalen Push zu investieren hat es nicht gegeben“, sagt Vybiral, der jungen Unternehmen eine gewisse Dynamik und Anpassungsfähigkeit attestiert. „Ältere nutzen das Bestehende aus, solange Gewinn erwirtschaftet wird. Da müssen sie nichts erneuern. Das aber ist kurzfristig gedacht. Wir müssen den Langfristigkeits-Gedanken in die Köpfe bekommen“.

Der KSV sei mit seinem stolzen Alter von 151 Jahren ein Unternehmen, das sich permanent neu erfinde und transformiere. „Sonst würden wir verlieren und keinen Beitrag für die Wirtschaft leisten können“, so der Experte weiter. „Ich empfehle, Szenarios zu gestalten, um von Jahr zu Jahr und auch unterjährig zu überlegen, ob mein Geschäftsmodell auf Plan ist und die Umsätze wie 2019 wieder zurückkehren. Ich glaube in manchen Bereichen kommen sie nicht mehr wieder. In anderen dafür mehr.“

Kulantes Ratenzahlungssystem

Vybiral sieht in Investitionen eine Notwendigkeit, um langfristig Teil des Geschäfts zu sein, da sich der Mitbewerb verändert und andere Unternehmen daherkommen und komplette Geschäftsbereiche übernehmen. Trotz dieser Sichtweise erkennt der KSV-CEO keine überdimensionale Pleitewelle auf uns zukommen. Seit dem ersten Juli sei mit Auslaufen der Stundungen ein Ratenzahlungssystem an deren Stelle getreten. Dabei seien das Finanzamt und die Gesundheitskassen die größten Antragsteller, die sich aber in einer Art „Safety Car Phase“ befänden.

Im Detail bedeutet das, dass in den nächsten drei Monaten der Druck auf jene, die ihre Schulden nicht zurückzahlen, nicht verstärkt werde, meint Vybiral. Er sagt: „Wenn man alles gleich hätte zurückzahlen müssen, würden wir einen Peak an Insolvenzen sehen. Jetzt haben wir eine Glättung, Abbremseffekte, die dafür sorgen, dass die Insolvenzwelle nicht zum Tsunami wird. Böse Zungen könnten meinen, man schiebe die Probleme in die Zukunft. Auf der anderen Seite ist das aber verständlich. Man gibt Unternehmen Zeit sich zu retten, neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Aber irgendwann muss natürlich zurückbezahlt werden.“

Für das zweite Halbjahr 2021 sieht Vybiral eine positive Richtung. Wichtig wären ein hohe Durchimpfung und niedere Infektionszahlen. Der derzeitige Optimismus müsse auch beibehalten werden, um ein Momentum zu erzeugen, denn Wirtschaft sei nicht bloß auf nackte Zahlen und Fakten beschränkt, sondern auch Psychologie. Jetzt wäre die Zeit in Zukunftsthemen zu investieren, etwa Dekarbonisierung und Digitalisierung.

Faktor Regierungsmaßnahmen und das Triangelspiel

Was nicht heißt, dass die kommenden Monate nicht schwierig werden. Vybiral rechnet vorsichtig damit, dass die Insolvenzen steigen werden, sieht aber dennoch eine Erholung der Wirtschaft. Wie sich der Realzustand zeigen werde, könne man heute nicht zur Gänze beantworten, weil man nicht weiß, ob die Regierung Maßnahmen verlängern werde.

„Ab Oktober könnten die ersten Peaks kommen. Das hängt davon ab, wie stark die Finanzverwaltung und Gesundheitskassen sagen, wir müssen Insolvenzen stellen“, sagt er. „Unternehmen müssen darüber nachdenken, wie sich Märkte verändern und langfristig Projekte andenken. Und den Blick auch international schärfen. Es sollte keine Scheu vor der Zusammenarbeit mit Startups und der Wirtschaft geben. Da muss man die Triangel spielen.“

In weiterer Folge spricht Vybiral von einer guten Gründermoral, nennt Corona mangels Option einen Treiber und hält fest, dass genug Kapital da ist – anders als in der Finanzkrise, der er eine andere Typologie zuschreibt, als der jetzigen. Seine Arbeit beim KSV und den Verband allgemein verortet der Wirtschaftsexperte in der Mitte der Ökonomie und hat seit seinen vier Jahren vor Ort die Ausrichtung des Unternehmens, das über rund 30.000 b2b-Mitglieder verfügt, zum Nutzen der Wirtschaft etabliert. Er nennt es eine „Wachstumsroute“. „Wir schicken jedes Geschäftsfeld auf eine Rüttelstrecke und verstehen uns als DatenTech-Company. Mehr als 40 Prozent des Finanzeinkommens stammen aus der Wirtschaftsinformation, je 25 aus Forderungs- und Insolvenzmanagement und ein kleiner Teil aus Immobilien.“

KSV an Innovation interessiert

Und fährt fort: „Zudem haben wir eine spannende Beteiligungsstrategie. Wir sind nicht der typische Finanz-, sondern sehen uns als strategischen Investor. Wenn wir uns beteiligen, hat das Unternehmen eigene Geschäftsbereiche, aber immer auch ein verbindendes Element. Wir sind nicht an Verkauf, sondern an Innovation interessiert“ erklärt Vybiral die Ausrichtung. Bei Startups habe man sich auf den FinTech-Bereich spezialisiert, sei aber für innovative Ideen offen. Konkret aus den Bereichen LegalTech, Bonität, Datenvermengung, Forderungsmanagement, Data Analytics und Wirtschaftsinformation.

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Die beiden Polytender-Gründer Matthias Neumayer und Dima Rubanov | (c) Vlad Dobre

„Dream Big“ passt wohl auch zu Polytender. Die beiden Gründer Dima Rubanov und Matthias Neumayer haben sich zum Ziel gesetzt, sie zur größten Ausschreibungsplattform der Welt zu machen. Die beiden Wiener sehen großes ungenutztes Potential in öffentlichen Ausschreibungen. „Behörden vergeben in der EU jedes Jahr Aufträge im Wert von zwei Billionen Euro“, sagt Co-Founder Dima Rubanov im brutkasten-Gespräch.

Diese seien auf Hunderte Portale verteilt. Viele Unternehmen wüssten schlicht nicht, welche Aufträge sie gewinnen können, wodurch viele Ausschreibungen oftmals nur ein einziges Angebot hätten. Dabei sei die staatliche Beschaffung eine große Möglichkeit für Unternehmen. „SpaceX würde ohne die öffentliche Hand nicht existieren. Man vergisst oft, wie wichtig dieses Thema eigentlich ist“, sagt Rubanov. Ihre neue Plattform Polytender soll das nun ändern und die Suche nach öffentlichen Ausschreibungen erleichtern – in der gesamten EU.

Startup-Studio „Run Labs“

Die Gründer sind in der Szene keine Unbekannten. Rubanov und Matthias Neumayer entwickelten in den letzten Jahren Produkte wie Oscar Stories, die kindgerechte KI Lora oder den Dokumente-Erklär-Chatbot FragDasPDF. Alles läuft unter dem Startup-Studio Run Labs zusammen.

SpaceX würde ohne die öffentliche Hand nicht existieren.

Dima Rubanov, Co-CEO von Run Labs

400 Unternehmen in zwei Monaten

Ihre neueste Plattform, Polytender, wurde im August gelauncht und soll seitdem über 400 registrierte Unternehmen auf der Plattform gewonnen haben. Einige davon sind laut den Geschäftsführern noch Pilotkunden, es gebe aber auch bereits um die dreißig reguläre Abnehmer wie Helferline oder AV-Professional.

„Polytender beschleunigt unseren Prozess in der Suche, Bewertung und Abwicklung von Ausschreibungen wesentlich. Die dadurch freigesetzten Ressourcen können optimal eingesetzt werden“, sagt David Knapp, CEO der AV-Professional GmbH.

Eine „signifikante Zeitersparnis“

Die erhöhte Geschwindigkeit sei einer der großen Benefits, die Polytender für Firmen aufweise. „Gerade bei der Suche bieten wir für Unternehmen eine signifikante Zeitersparnis. Das funktioniert schon über alle EU-Länder und ein paar weitere Länder hinweg“, erklärt Rubanov. Neben den 27 EU-Staaten operiert Polytender auch in den USA, der Schweiz, Norwegen und Großbritannien und bündle so über 300 Vergabeportale. Die Plattform vereinfacht es den Unternehmen, Ausschreibungen überhaupt zu finden und daran teilzunehmen. Alles mit KI-Unterstützung.

KI-nativ als Alleinstellungsmerkmal

Ein Matching-Algorithmus gleicht neue Ausschreibungen sprachübergreifend mit Suchprofilen ab. Noch im November soll es auch eine KI-Zusammenfassung und eine Bid-Einschätzung geben. „Wir werden dann KI-Agenten haben, die riesige Datenmengen durchforsten, zusammenfassen und für den User personalisiert aufbereiten. Dadurch muss man nicht 100 Seiten lesen, um zu wissen, ob man sich bewerben soll oder nicht“, erklärt Neumayer.

Das Besondere: Polytender funktioniert KI-nativ. Jede Ausschreibung lässt sich direkt aus KI-Assistenten wie Mistral, Claude, ChatGPT und Microsoft Copilot durchsuchen. Unternehmen können dadurch eigene Ausschreibungs-Agenten bauen und so passende Aufträge finden und bewerten.

„Wir sind der Meinung, dass in einer AI-Agent-Zukunft weniger Interfaces notwendig sein werden. Deshalb haben wir alle App-Funktionen auch für Agents zugänglich gemacht“, erklärt Neumayer und ergänzt: „Wir haben auch Kunden, die ihre eigenen internen Agents haben, die wiederum mit ihren eigenen Daten angereichert sind. Diese Daten können sie dann mit unseren Daten aus öffentlichen Ausschreibungen, aus Dokumenten etc. verbinden und in ihre eigenen Abläufe einbauen.“

Die europäische Lösung, Datenschutz etc.

Wichtig sei den beiden Wienern, die sich bereits seit ihrer Schulzeit kennen, eine europäische Lösung anzubieten. „Wer unsere LinkedIn-Aktivitäten kennt, weiß, dass wir sehr pro-europäisch denken und uns auch europäische Souveränität wichtig ist. Wir sind auch der Meinung, dass diesbezüglich gerade die öffentliche Beschaffung ein großer Hebel wäre, der underused ist“, sagt Neumayer.

Auch bezüglich Datenschutz haben Rubanov und Neumayer klare Vorstellungen. „Wir hosten alles auf Hetzner, einem Server in Deutschland. Unsere KI-Modelle laufen auf europäischer Infrastruktur. Wir passen sehr auf, dass kein Abfluss von Daten entstehen kann. Wir sind auch DSGVO-konform“, sagt Rubanov.

Die All-in-Tender-Lösung

Rubanov und Neumayer denken die Plattform bereits weiter. Sie wollen nämlich nicht nur die Abläufe auf der Bieterseite vereinfachen, sondern auch auf der Vergabeseite. „Unsere große Vision ist es, eine All-in-one-Tender-Plattform zu haben. Sie soll auf der Bieterseite die Suche nach Aufträgen und Unterlagenerstellung und auf der Auftraggeberseite die Erstellung der Ausschreibungsunterlagen abdecken“, sagt Neumayer. Sie können sich auch vorstellen, Ausschreibungen von Unternehmen auf Polytender zu veröffentlichen, wobei der Fokus auf staatlichen Ausschreibungen liege. Diese „Vision“ wolle man noch im ersten Quartal 2027 umsetzen.

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