31.07.2017

Michael Tillian: „Ziel ist der Erwerb und das Halten von Mehrheiten“

Michael Tillian, nunmehriger Co-Geschäftsführer der neuen Russmedia Digital-Holding, beantwortete dem Brutkasten einige Fragen. Russmedia hatte angekündigt, in den kommenden fünf Jahren 100 Millionen Euro im Digitalbereich zu investieren.
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Michael Tillian: 10 Forderungen zur Unternehmerpolitik
(c) Valerie Voithofer: Michael Tillian

Michael Tillian begann seine Medien-Karriere mit 27 Jahren in der Grazer Styria Media Group, zu der etwa die Tageszeitungen Die Presse und Kleine Zeitung oder das Portal willhaben gehören. Horst Pirker, der damalige CEO, wurde rasch zu seinem Mentor. Mit 31 wurde Tillian Vorstand der Styria Multi Media Gruppe, in der damals alle Zeitschriften der Styria und die Beteiligung am „WirtschaftsBlatt“ enthalten waren. Aus dieser Funktion konnte DLA Piper, eine global agierende Wirtschaftsanwaltskanzlei, Michael Tillian als Anwalt und Managementkapazität für sich gewinnen. Doch der Ruf der Medienwelt ließ nicht lange auf sich warten: Tillian wurde Vorstand der Regionalmedien Austria AG (RMA), einem Joint Venture von Styria und Moserholding mit 127 Gratis-Wochenzeitungen und einer Reichweite von über 3,6 Mio. Lesern in Österreich. Unter der Führung von Tillian wurde die RMA-Gruppe neu strukturiert und auf Wachstum ausgerichtet. In weiterer Folge übernahm Tillian nach Magazinen und Wochenzeitungen die Verantwortung für die nationalen Styria-Tageszeitungen „Die Presse“ und „WirtschaftsBlatt“ als Vorsitzender der Geschäftsführung.

Im Oktober 2014 legte Tillian nach 14 Jahren Tätigkeit für die Styria Gruppe als Manager und Anwalt all seine dortigen Management Funktionen zurück und stieg im Rahmen eines Management-Buy-in als geschäftsführender Gesellschafter in das Technologie- und Medienunternehmen MaxFun Sports ein, um selbst Unternehmer zu werden. Er zog diesen Weg laut Insidern mehreren lukrativen Angeboten aus der Medienwelt vor, übernahm aber einige Beratungs- und Aufsichtsratsmandate im In- und Ausland bei Druck- und Medienunternehmen. Im Mai 2017 beteiligte sich Tillian im Rahmen des Management-Buy-out auch am Brutkasten, dem Medium für digitale Wirtschaft, Startups und Innovation. „Weil ich an das Produkt, den Gründer und sein Team uneingeschränkt glaube und weil das Thema so spannend und zukunftsweisend ist“, sagte Tillian dazu.

Nun wird er der Sprecher der Geschäftsführung der neu gegründeten, wachstumsorientierten Digital-Holding der Vorarlberger Russmedia Gruppe. Diese will in den kommenden fünf Jahren innerhalb Europas 100 Millionen Euro in Digitalunternehmen investieren – der Brutkasten berichtete. Ein Fokus soll dabei auf E-Commerce liegen. Tillian hat mit dem Brutkasten exklusiv über Hintergründe und Pläne der neuen Russmedia Digital-Holding gesprochen.

+++ 100 Mio Euro in 5 Jahren: Voralberger Russmedia startet Investitionsoffensive +++


Russmedia bezeichnet sich als „das progressivste Multi-Nischen-Medienunternehmen Europas“. In der bunten Medienlandschaft ist das eine gewagte Ansage.

Russmedia ist ein internationales Familienunternehmen mit fast 100-jähriger Tradition. Ich erlebe das Unternehmen innovativ, schnell und stark am Puls der Zeit. An 28 Standorten in Europa arbeiten mehr als 1.450 Mitarbeiter. Dabei konzentriert sich das Unternehmen auf regional oder thematisch klar definierte Segmente und agiert mit einem sehr hohen Spezialisierungsgrad äußerst konzentriert und ausdauernd in den jeweiligen Nischen. Unter „Nischen“ verstehen wir übrigens eng definierte Zielgruppen und/oder Tätigkeiten.

Worin liegt die Stärke von Russmedia?

Aus meiner Sicht ist es eine Mischung aus permanenter Suche nach Erneuerung und einer sehr fokussierten Art, Neues höchst effizient und rasch umzusetzen. Eugen Russ ist der Motor des Unternehmens. Er und sein großartiges Team beobachten seit vielen Jahren internationale Best-Practice-Beispiele, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen und diese zukunftsgewandt und offen im eigenen Unternehmen zu implementieren. Veränderungen werden als Chance gesehen und ich erlebe das Führungsteam sehr unternehmerisch, exzellenzgetrieben und kämpferisch. Spitzenleistungen werden verlangt und erbracht. Ich glaube ein großer Erfolgsfaktor ist auch die Schnelligkeit, die ich in der Zusammenarbeit im unternehmerisches Denken und Handeln erlebe.

Das internationale Digitalgeschäft soll nun in der Russmedia Digital-Holding gebündelt werden. Was heiß das strategisch für Russmedia und was ist die genaue Aufgabe der Digital-Holding?

Wir haben klare Ziele formuliert und sehen den Erwerb und das Halten von strategischen Beteiligungen, und zwar von Mehrheiten, an digitalen Unternehmen als unsere erste Aufgabe. Unsere Aufgabe wird also das Management und die Führung der bereits vorhandenen Unternehmen bzw. Beteiligungen und die Akquisition, Integration und Führung von neuen strategischen Beteiligungen. Weiters wollen wir auch reine Finanzbeteiligungen eingehen. Die Digital Holding führt also das Beteiligungsmanagement, M&A sowie das strategische und operative digitale Geschäft außerhalb Vorarlbergs und im non-publishing-Bereich mit Schwerpunkt Marktplätze und Aggregatoren. Wir haben klare Wachstumsziele und wollen insbesondere auch international mit Fokus auf Europa wachsen.

„Wir werden nach fünf Jahren ein tolles, erfolgreiches Team und ein ebensolches Portfolio haben und daran werden wir uns auch messen.“

Was wird dabei Ihre Aufgabe sein? Woran werden Sie gemessen?

Ich führe die Digital Holding gesamthaft gemeinsam mit Eugen Russ und Josef Kogler als Geschäftsführer und vertrete das Unternehmen als Sprecher der Geschäftsführung nach außen. Wir werden ein gutes Team aufbauen, die bestehenden Unternehmen entwickeln und zahlreiche Beteiligung an digitalen Unternehmen in ganz Europa erwerben. In das digitale Wachstum sollen in den nächsten fünf Jahren 100 Mio. Euro investiert werden. Wir werden nach fünf Jahren ein tolles, erfolgreiches Team und ein ebensolches Portfolio haben und daran werden wir uns auch messen.

Woher stammen die 100 Millionen Euro?

Diese Mittel sind Eigenkapital und stammen ausschließlich aus der Russmedia Gruppe.

Es wurde auch kommuniziert, dass Russmedia gemeinsam mit Speedinvest einen Spezial-Fonds auflegen wird. Sollen alle 100 Millionen Euro in diesen Spezial-Fonds fließen?

Die Details zum Medien-Fonds werden zu einem späteren Zeitpunkt kommuniziert. Der größte Teil der 100 Millionen Euro werden allerdings nicht in den Fonds fließen sondern werden direkte Investitionen der Russmedia in das nachhaltige digitale Wachstum des Unternehmens sein.

Zur Investitionsstrategie: In welche Geschäftsmodelle oder Technologien will Russmedia investieren?

Der inhaltliche Fokus liegt im Bereich Marktplätze, E-Commerce und Conversational Commerce, sowie Tools und Services, die an diese Themen anschließen. Marktplätze stehen im Zentrum unseres Investmentansatzes. Ziele sind dabei Marktplätze mit einem vertikalen  bzw. Nischen-Fokus, das bedeutet, dass diese Unternehmen ihre Angebote auf Waren oder Dienstleistungen aus Geschäftsfeldern einer Wertschöpfungskette einer bestimmten Branche spezialisieren. Dazu gehören auch „SaaS enabled Marketplaces“. Ein weiteres Zielsegment sind Nischen und vertikale Segmente im Bereich E-Commerce, insbesondere die Verschmelzung von E-Commerce und Marktplatz sowie Conversational Commerce, also die Nutzung von Chat, Messaging, oder anderen Sprachoberflächen, um zu interagieren. Wir haben dabei B2B und B2C im Investmentfokus. Aber unser erster Schritt wird sein, sehr zeitnah ein hervorragendes Team in der Digital Holding aufzubauen, um unsere Vorhaben erfolgreich umzusetzen.

„Wir streben eine Mischung aus Finanzbeteiligungen mit Exitorientierung und langfristigen, strategischen Investments an.“

Sind die Investitionen langfristig angelegt oder steht kurzfristige Monetisierung im Fokus?

Wir sind zu beidem bereit, wenn die Investition passt. Wir streben eine Mischung aus Finanzbeteiligungen mit Exitorientierung und langfristigen, strategischen Investments an. Wobei bei letzteren unser Schwerpunkt liegen wird, weil es vor allem um den langfristigen, nachhaltigen digitalen Ausbau der Russmedia Gruppe geht.

+++ Business Angel Philipp Kinsky: “Die teuerste Währung eines Gründers sind Anteile” +++

Wird die Holding auch in Startups investieren oder sind größere Tickets geplant?

Wir empfehlen den Startups im pre-seed und seed-Bereich Kontakt mit Speedinvest aufzunehmen. Wir suchen tendenziell eher Unternehmen, die schon etwas weiter sind, also eher Series-A und B Finanzierungen und auch insbesondere strategische Beteiligungen.

Wer ist aus Ihrer Sicht die Konkurrenz?

Alle, die sich im Bereich Marktplätze, E-Commerce und Conversational Commerce, sowie Tools und Services, die an diese Themen anschließen, engagieren und beteiligen wollen, können entweder Mitbewerber oder Partner sein. Wir sind sehr offen dafür, gute und unternehmerische Partner zu sein. Wir streben win-win Konstellationen an und haben den entscheidenden Vorteil äußerst schnell und flexibel entscheiden zu können.

Wo sehen Sie die Russmedia in 10, 20 Jahren?

Ich spreche nur für einen Teil der Russmedia Gruppe, eben für die Digital Holding. Mit ihr wollen wir dann im Bereich Marktplätze, E-Commerce und Conversational Commerce, sowie bei angrenzende Tools und Services in Europa eine starke und führende Rolle spielen. Die Gesamtgruppe soll dann im Digitalen noch weiter sein. M&A, Beteiligungserwerbe und das Eingehen von unternehmerischen Partnerschaften werden ein wesentlicher Teil der Kultur und des unternehmerischen Alltags sein. Ich hoffe es wird uns gemeinsam mit dem Führungsteam gelingen, dass das Digitale und die vorhin genannten Themen Teil des genetischen Codes der Russmedia Gruppe sein werden.

Im Rahmen der Gründung der Digital-Holding hat sich Russmedia an Ihrem Unternehmen MaxFun beteiligt. Was bedeutet Ihr Wechsel für MaxFun?

Ich bleibe Gesellschafter und suche zur Verstärkung einen operativen, marktgetriebenen Geschäftsführer. Im besten Fall mit Erfahrung aus dem Sport- und digitalen Medienbereich. MaxFun Gründer Werner Sallinger bleibt ebenfalls Geschäftsführer und ist weiterhin Motor für die technische Entwicklung und auch am Markt. Dort müssen wir im Vertrieb und in der Internationalisierung aber noch mehr tun und dafür brauchen wir eine starke Person als zusätzliche Verstärkung.

„Es geht dabei um einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag.“

Welche Summe wird Russmedia investieren? Sind Sie mit der Bewertung zufrieden?

Die MaxFun ist stark bewertet und wird mit ausreichend Wachstumskapital ausgestattet, um weiteres Wachstum und eine weitere Internationalisierung zu schaffen. Es geht dabei um einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag. Die neue Konstellation ist eine hervorragende Basis für die weitere Entwicklung der MaxFun.

Was genau macht MaxFun? Was ist das Geschäftsmodell? Worin liegt der USP?

Wir erbringen automationsunterstützt Dienstleistungen an Sportveranstalter. Wir organisieren das Teilnehmer-Management, insbesondere die Anmeldung und Zahlung sowie die Zeitmessung bei Wettbewerben mit einer neuen Technologie. 2017 wird MaxFun die Zeitmessungen für ca. 350.00-400.000 Läufer in Österreich, Deutschland und Tschechien machen. Weiters betreibt MaxFun mehrere Internetplattformen, auf denen Medien- und Werbeleistungen erbracht werden. Das ist Österreichs führende Laufsportplattform www.maxfunsports.com, weiters unser Shop www.maxfunshop.com sowie unsere digitales Anmeldesystem www.anmeldesystem.com und wir versenden Newsletter. In einem starken Laufsportmonat haben wir ca. 300.000 – 400.000 Visits bzw. etwa 4.200.000 Page Impressions laut Österreichischer Web Analyse (ÖWA) und erreichen ca. 290.000 Newsletter Abonnenten und ca. 37.000 Facebook Fans. Alle unsere User sind Läufer oder Laufsportinteressierte. Wir treffen und begleiten die Zielgruppe ganz genau in einem 360 Grad Modell ohne Streuverlust und haben dabei mehrere analoge und digitale Erlösströme.

Könnten Sie eine Zwischenbilanz ziehen? Sie sind im Herbst 2014 eingestiegen, was hat sich seitdem bei MaxFun getan und was sind die nächsten Schritte?

Wir haben es geschafft ein super Team aufzubauen, konnten die Umsatzerlöse verdreifachen und sind jetzt in drei Ländern tätig. Es ist viel gelungen, aber es bleibt noch mehr zu tun. Wir gehen in die richtige Richtung und können Wachstum und Internationalisierung vorantreiben. All das macht sehr viel Freude und wird uns jetzt mit Russmedia als Investor und Partner noch besser gelingen.

Nach Ihrem Buy-In ist Ihr Kontakt in die Medienwelt erhalten geblieben. Sie sind Berater und Aufsichtsrat und haben sich unlängst auch am Brutkasten beteiligt. Sind Sie mit dem „Medienvirus“ angesteckt?

Ja, eindeutig, das lässt mich nicht mehr los und begeistert mich immer wieder aufs Neue.

Sie wurden mehrmals als Geschäftsführer für mehrere große Medienunternehmen im In- und Ausland kolportiert. Womit konnte Sie nun Eugen Russ überzeugen?

Eugen Russ ist Visionär und Vorreiter in unserer Branche. Einer der Chancen sucht und sie verwertet. Wir beide sind Vorarlberger und unser Arbeitsstil ist ähnlich. Es gibt großes wechselseitiges Vertrauen und die Aufgabe, eine Digitalholding in dieser Größe aufbauen zu können, ist alles andere als alltäglich. Ich fühle mich als Mitunternehmer in der Russmedia Gruppe und partizipiere auch unternehmerisch. Es ist kein Abgehen vom Weg als Unternehmer sondern eine Bereicherung auf diesem Weg mit neuen Chancen in einem äußerst unternehmerischen Umfeld und gemeinsam mit hervorragenden Leuten.

Wenn Sie Ihre Manager-Karriere mit dem Unternehmertum vergleichen: Wo liegen die Unterschiede?

Der große Unterschied ist, dass sich Chancen und Risiken viel unmittelbarer auswirken. Und als Unternehmer ist man oft ganz alleine. In einer kleinen Struktur mit allen Problemen unmittelbar konfrontiert, dafür auch sehr schnell und flexibel.

„Demut und Mut liegen so nah beieinander, ich empfinde den Grat zwischen Erfolg und Scheitern als Unternehmer viel schmaler.“

Sind Sie nach Ihrem unternehmerischen Weg ein besserer Manager? Was konnten Sie bei MaxFun dazulernen?

Ich habe sehr viel gelernt, vor allem als kleine Einheit ohne Stäbe und größere Strukturen alles hinzukriegen. Finanzierung, Teamaufbau, interne Abläufe, Markt, behördliche Bürokratie, etc. Ein echter Hindernislauf mit vielen positiven und negativen Überraschungen ganz unmittelbar. Demut und Mut liegen so nah beieinander, ich empfinde den Grat zwischen Erfolg und Scheitern als Unternehmer viel schmaler.

Drei Tipps an aufstrebende Gründer?

Erstens: Es wagen und mutig ausprobieren. Zweitens: Konzentriert dahinter bleiben, sich nicht vom Weg abbringen lassen, immer wieder das Positive suchen und sich selbst immer wieder neu erfinden. Drittens: Es rentiert sich jedenfalls, so oder so – die Learnings sind unbezahlbar. Es macht sehr viel Spaß und es macht uns stärker!

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Lirone Glikman, Branding-Expertin und Gründerin der Agentur The Human Factor, spezialisiert auf Founder-Led Branding

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


In einer Welt, in der KI Inhalte massenhaft produziert und Unternehmen täglich neu entstehen, verschiebt sich der entscheidende Wettbewerbsfaktor: weg vom reinen Produkt, hin zum Vertrauen. „Founder Led Branding“ heißt das Konzept, das Gründer:innen dazu bringt, sich selbst als sichtbare Persönlichkeiten ihrer Unternehmen zu positionieren – authentisch, strategisch und mit klarer Botschaft. Anders als beim klassischen Personal Branding geht es dabei nicht nur um die eigene Person, sondern um die enge Verzahnung von Founder-Identität und Unternehmensmission. Studien und Beobachtungen auf LinkedIn zeigen: Beiträge von Personen erzielen deutlich höhere Reichweiten als jene von Unternehmensseiten. Investoren prüfen Profile, bevor sie ein Meeting zusagen. Kunden googeln Gründer, bevor sie kaufen. Wer als Founder unsichtbar bleibt, verliert Deals – noch bevor sie überhaupt verhandelt werden.

Eine, die dieses Thema international bearbeitet, ist Lirone Glikman. Die israelisch-französische Branding-Expertin begann bereits mit 16 Jahren ihre Karriere, indem sie beim CEO eines israelischen Radiosenders an die Tür klopfte und kurz darauf jüngste Radiomoderatorin des Landes wurde. Heute leitet sie ihre Agentur The Human Factor, die sich auf Founder-Led Branding spezialisiert hat, unterrichtet seit über zwölf Jahren in 28 Ländern und ist Autorin des Buchs „The Super Connector’s Playbook“. Zudem ist sie Executive Director des NGO Committee on Sustainable Development – NY, das mit der UNO affiliiert ist. Im Interview spricht sie über die Trust Economy, häufige Fehler von Gründern und darüber, warum es heute nicht mehr genügt, einfach nur ein gutes Produkt zu haben.

brutkasten: Frau Glikman, beginnen wir mit einer einfachen Frage: Wer sind Ihre Kundinnen und Kunden?

Glikman: Ich pendle zwischen Berlin und Tel Aviv. Meine Klienten sind Startups in frühen oder späteren Phasen, die Sichtbarkeit brauchen; meist dann, wenn sie Kapital aufnehmen, Kunden gewinnen oder in einen neuen Markt eintreten wollen. Dazu kommen Innovationsmanager in Konzernen.

Ein Beispiel ist Celleste Bio, ein israelisches Startup, das als erstes Unternehmen der Welt Milchschokolade mit echter Kakaobutter aus Zellsuspensionskultur-Technologie vorgestellt hat; ein Meilenstein für eine skalierbare, kommerziell tragfähige Kakao-Lieferkette. Jüngst wurde gemeinsam mit Mondelez die erste Tafel produziert, deren Kakaobutter zu 100 Prozent bio-identisch im Labor erzeugt wurde.

Wie nähern Sie sich einem Founder, der mehr Sichtbarkeit braucht?

Zuerst geht es um die Bereitschaft. Viele Gründer wissen, dass sie sichtbar sein müssen – bevor sie einen Raum betreten, ist die Entscheidung beim Investor oft schon teilweise gefallen. Er googelt, schaut auf LinkedIn, gleicht ab, ob das Gesagte zum Gesendeten passt. Unsere Marke arbeitet für uns, bevor wir den Raum betreten – aber zwischen dem Wissen und dem Tun klafft eine Lücke. Viele sind kamerascheu oder arbeiten lieber am Produkt.

Wenn sie zu mir kommen, beginnen wir mit der Strategie. Founder-Persönlichkeit und Unternehmenswerte liegen am Anfang oft sehr nah beieinander. Wir bauen eine Markenidentität auf – authentisch, nicht aufgesetzt. Welche Botschaften, welche Werte, welche Stärken? Ist die Person warm, eher kühl, fürsorglich? Wir nehmen, wer sie sind, und betonen die relevanten Aspekte online.

Was unterscheidet Founder-Led Branding vom klassischen Personal Branding?

Personal Branding ist ein abgenutzter Begriff – wir alle haben eine Marke, ob wir wollen oder nicht. Founder-Led Branding bedeutet, dass man als Gründer bewusst Botschaften platziert, die einem selbst und dem Unternehmen dienen. Heute vertrauen wir Institutionen, großen Namen und Regierungen weniger – wir vertrauen einander.

Wenn Vertrauen zur Währung wird – gerade in einer Welt, in der KI Posts schreibt und Unternehmen über Nacht entstehen lässt – bleibt das Menschliche. Wenn Sie mir vertrauen, vertrauen Sie vielleicht auch meinem Unternehmen.

Auf LinkedIn performt Founder-Content stärker als Unternehmenscontent. Warum?

Der Algorithmus will, dass Sie sich mit einer Person verbinden. Unternehmensbeiträge werden weniger ausgespielt. Es geht um die Verbindung von Mensch zu Mensch.

Was sind die größten Fehler, die Gründer machen?

Erstens: Viele halten Sichtbarkeit für ein „Nice to have“. Damit fehlt die Konsistenz.

Zweitens: Es gibt keinen roten Faden. Wenn man sich Posts der letzten Monate ansieht, sollte ein Muster erkennbar sein. An einem Tag der Urlaub, am nächsten das Unternehmen, dann etwas anderes – das funktioniert nicht. Es braucht Markensäulen.

Drittens: Viele teilen nur Beiträge ihrer Firmenseite oder von Kollegen. LinkedIn mag das nicht. Die Plattform will wissen, was Sie zu sagen haben, was Ihre Kämpfe und Erkenntnisse sind.

Und viertens: Manche gehen zu Medien, die nicht zu ihrer Phase passen. Wenn das Produkt noch nicht reif ist, sollte man etwa in einem Podcast über das Feld sprechen, nicht über die Lösung. Sonst verspricht man zu viel und liefert zu wenig.

Wie viele Posts pro Woche sind realistisch sinnvoll?

Optimal wären zwei pro Woche. Realistisch reicht ein guter, tiefgehender Post pro Woche, der eine eigene Perspektive zeigt. LinkedIn liebt sogenannte „Scar Stories“ – Geschichten von Verletzungen, aus denen man gelernt hat.

Über Fehler zu sprechen ist guter Content?

Ja, weil es verbindet. Es muss nicht der größte Fehler sein. Sie können sagen: Wir haben anfangs in diese Richtung investiert, dann hat sich der Markt verändert, also haben wir gepivotet. Das ist „Building in Public“ – Sie nehmen Ihre Follower mit auf die Reise. Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihre eigene Show!

Im DACH-Raum spricht kaum jemand über Misserfolge. Wie ist das in anderen Kulturen?

Es geht nicht darum, sich in schlechtem Licht zu zeigen, sondern Lernerfahrungen zu teilen. Die israelische Kultur ist sehr expressiv und leidenschaftlich. Wir haben Gründer, die ihre tiefen Kämpfe und Frustrationen während des Aufbaus ihres Unternehmens radikal offen teilen. Das gibt anderen Gründern die Erlaubnis, es ihnen gleichzutun – was am Ende sowohl persönlich als auch für das Unternehmen hilfreich ist.

In asiatischen Kulturen, im Baltikum, im DACH-Raum oder in Skandinavien sind Menschen reservierter und risikoaverser. Das ist nicht schlecht – Israelis springen auf jede Idee; manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Die Frage ist: Wie viel kann ich teilen, das mir dient, anderen Wert gibt, mir aber nicht schadet?

Wie misst man eigentlich, ob Sichtbarkeit auch Umsatz bringt?

Anders als im Vertrieb, wo Sie 50 Leute ansprechen und zwei Deals abschließen, geht es hier um Signale. Verbinden sich qualitativ relevante Menschen aus Ihrer Zielgruppe mit Ihnen? Merken Sie, dass Investoren Sie schon kennen, bevor Sie den Raum betreten? Sprechen Menschen über Sie? Das nennt man „Dark Social“ – wenn das passiert, funktioniert Ihre Marke.

Ein konkreter Tipp zur Monetarisierung: Vor jedem Meeting werden Sie beobachtet. Posten Sie zwei oder drei Tage vorher etwas, das Fragen oder Einwände beantwortet, die im Gespräch kommen werden. Wenn Investoren an der Skalierbarkeit zweifeln könnten, schreiben Sie über die Skalierbarkeit Ihrer Branche.

Das ist strategische Kommunikation pur…

Genau. Wenn Sie sich auf ein Meeting vorbereiten, gehört ein LinkedIn-Post auf die To-do-Liste. Sichtbarkeit ist kein Privileg, sondern ein Business-Tool, eine Infrastruktur.

Wie viel Zeit sollte ein Gründer investieren?

Mit KI ist das heute leichter. Erstellen Sie ein Projekt in ChatGPT oder Claude, füttern Sie es mit Ihrer Marke, Werten, Botschaften, kopieren Sie E-Mails oder Texte hinein. Dann sagen Sie: Ich möchte über die Skalierbarkeit unseres Geschäfts schreiben, hier sind drei Punkte. So entstehen Posts in Ihrer Stimme. Minimum: ein Post pro Woche. Sie können sich 30 Minuten wöchentlich Zeit nehmen oder einmal im Monat ein, zwei Stunden für alle Posts.

LinkedIn ist mit KI-Content geflutet. Sehen wir eine Gegenbewegung hin zu mehr Authentizität?

Es heißt, etwa 80 Prozent der Posts seien KI-generiert – ich denke, es sind mehr. Was Sie vermeiden sollten: den langen Gedankenstrich, den alle KI-Tools lieben; und typische Strukturen wie „Don’t do X, do Y“ oder kurze Sätze mit Punkt am Ende. Ich habe gestern in einem Post einen Tippfehler gefunden und ihn drin gelassen – weil er menschlicher ist. Verwenden Sie keine Wörter, die Sie sonst nie benutzen. KI können Sie trainieren, aber vertrauen Sie ihr nicht zu 100 Prozent.

Welche Trends sehen Sie auf LinkedIn?

Authentizität mit eigenem Stil und visuellen Wiedererkennungsmerkmalen. Und Spezifität: LinkedIn will Sie mit relevanten Menschen vernetzen – fokussieren Sie sich also auf Ihr Fachgebiet.

In Österreich gibt es Gründer, die sehr laut auftreten. Birgt das Risiken?

Kulturell, ja. Wenn Sie Wertvolles teilen, das anderen hilft, ist Lautstärke okay. Aber im DACH-Raum kann das Türen schließen. In Israel sind die Menschen wie gesagt von Natur aus lauter und leidenschaftlicher. Heute sehen wir auch einen Shift zu Solopreneuren oder Drei-Personen-Unicorns. Als Solopreneur müssen Sie Ihre Marke draußen haben – das Ziel sind Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Gibt es internationale Vorbilder?

Jensen Huang von Nvidia versteht, dass er das Gesicht des Unternehmens ist. Auf seinem LinkedIn-Profil steht Nvidia und davor ein Job als Tellerwäscher in einem Burgerladen.

Oder Sam Altman: Vor drei Jahren, als die Menschen Angst vor OpenAI hatten, machte er mit seinem Mitgründer eine Welttournee, traf Menschen auf Events. Sie nutzten ihre Founder-Marke, um Botschaften zu transportieren und Vertrauen aufzubauen.

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