20.05.2021

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“

Die Amerikanerin Lisa Friedrich ist Head of SMB für TikTok in Europa. Im Interview mit dem brutkasten kündigt sie einen eigenen Hub für KMUs in Österreich sowie eine TikTok-Shopify-Integration an und macht deutlich, warum kein Unternehmen auf TikTok for Business verzichten sollte.
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Lisa Friedrich TikTok
Lisa Friedrich, Head of SMB für TikTok in Europa © TikTok

TikTok startet nun auch in Österreich einen eigenen Hub für KMUs und stellt Werbetreibenden zudem die vollumfängliche Nutzung des globalen Angebots TikTok für Business zur Verfügung. Außerdem geht die führende Plattform für mobile Kurzvideos eine Partnerschaft mit der E-Commerce Plattform für Multichannel-Vertrieb, Shopify, ein, um einen Teil zum Wachstum österreichischer Unternehmen beizutragen. Vorangetrieben wird diese Initiative von Lisa Friedrich, die sich als Head of SMB für Europa mit ihrem Team vom Standort in Dublin (Irland) aus dem Erfolg von kleinen und mittelständischen Werbetreibenden auf TikTok in allen europäischen Ländern verschrieben hat. Vor ihrem Wechsel zu TikTok war Lisa Chief Marketing Officer bei Evident, einem Cybersecurity-Startup, sowie Gründerin von JCG Digital, einer Boutique-Vertriebs- und Marketingberatung, die sich auf kleine und mittelgroße Tech-Unternehmen fokussiert hat. Im Laufe ihrer Karriere hat Lisa sowohl bei Start-ups als auch bei Fortune-100-Unternehmen, darunter Facebook und der Bank of America, Führungsaufgaben wahrgenommen. Lisa bringt fast 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Vertrieb, Marketing und Management mit. Sie hat einen Undergraduate-Abschluss von der University of Georgia und einen MBA von der Georgia State University. Sie wohnt derzeit in Dublin, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Lisa, TikTok startet nach Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland nun auch in Österreich einen Hub für kleine und mittelständische Unternehmen. Was genau hat es damit auf sich?

Wir bei TikTok glauben, dass der Aufbau von authentischen und positiven Communities eine entscheidende Rolle für kleine und mittlere Unternehmen spielt. Sie müssen von potenziellen Kund*innen gehört und gesehen werden. Im Gegensatz zu den Möglichkeiten und Budgets der Werbeabteilungen größerer Unternehmen zählt für KMUs jeder Euro und jeder Cent, der ausgegeben wird. Deshalb freue ich mich, dass unser neuer TikTok-Hub ab heute kleine und mittlere Unternehmen in Österreich dabei unterstützen kann, von neuen Zielgruppen entdeckt zu werden. Konkret bedeutet das, dass wir KMUs Informationen, Tipps und Hilfestellungen geben, wie sie TikTok als Plattform und unsere Community für ihre Marketingziele nutzen können, neue Kund*innen gewinnen und bestehende binden – quasi ein One-Stop-Shop für Werbeanleitungen, kreative Inspirationen und Ressourcen. Wir haben außerdem einen Guide veröffentlicht, der jetzt auf dem SMB-Hub verfügbar ist.

Warum sollten KMUs keinesfalls auf TikTok als Werbe-und Marketinginstrument verzichten?

TikTok ist mit den Formaten auf KMU-Kund*innen zugeschnitten: Mit Produkten wie den kürzlich eingeführten sogenannten „Leadgenerierungs-Anzeigen“ können Unternehmen beispielsweise über ein von potenziellen Kund*innen ausfüllbares Formular auf einfache Weise Konversionen vorantreiben. Marken können Hashtags wie #kleinunternehmer (> 724K Aufrufe), #Geschäftsidee (> 6 Mio. Aufrufe), #entrepreneur (> 11 Mrd. Aufrufe), #smallbusinesscheck (> 9 Mrd. Aufrufe), supportsmallbusiness (> 2 Milliarden Aufrufe) oder #smallbusiness (> 26 Mrd. Aufrufe) nutzen, um ihre einzigartige Unternehmensgeschichte und -reise mit anderen zu teilen und eine Fangemeinde aufzubauen. TikTok ist außerdem der ideale Ort für KMU, um eine große Community von engagierten und gleichgesinnten Unternehmen zu erschließen. Wir ermutigen Unternehmen dazu, gerade jetzt unkonventionelle Wege zu gehen, aber wir bieten auch Ratschläge, wie eine
erfolgreiche Zusammenarbeit auf TikTok aussehen könnte.

Für Unternehmen welcher Branchen ist euer Angebot besonders interessant und warum?

Wir freuen uns über jedes neue Unternehmen, das TikTok bereichert. KMUs aus verschiedensten Branchen haben die Möglichkeit, den TikTok Ads Manager, unserer Self-Service-Werbeplattform, auf der Unternehmen jeder Größe In-Feed-Anzeigen auf TikTok schalten können, zu nutzen, um sich Tausenden von kleinen Unternehmen in Europa anzuschließen, die auf TikTok viral gehen, engagierte Zielgruppen erreichen und ihren Umsatz steigern.
Der TikTok Ads Manager wurde entwickelt, um Unternehmen jeder Größe den Einstieg in die Plattform zu erleichtern. Die TikTok-Community kann ihre Lieblings-Kleinunternehmen unter #SupportSmallBusiness entdecken und sie so unterstützen. Thematisch ist wirklich für jedes Unternehmen und alle potenziellen Kund*innen etwas dabei: Von Kleidung, Accessoires, Schmuck, über Kosmetik, Süßigkeiten und viele weitere Themen, es gibt auf TikTok für jede Produkt die passende, begeisterte Zielgruppe.

Um diese Zielgruppen bestmöglich zu erreichen, öffnet ihr euer globales Service „TikTok for Business“ nun auch hierzulande. Wie profitieren Unternehmen konkret davon?

TikTok for Business ist unser Angebot für Werbetreibende – wir wollen ihnen die Tools geben, kreative Geschichten zu erzählen und eine nachhaltige Beziehung mit der TikTok-Community einzugehen. Marken jeder Größe haben Möglichkeit, durch Kurzvideos entdeckt zu werden und mit ihren Zielgruppen in Kontakt zu treten.
Nutzer*innen können mit ihren Lieblingsmarken interagieren und so Teil der Marken werden. Unsere TikTok-Werbeformate decken verschiedene Stationen der Customer-Journey und der Marketing-Touchpoints ab, an denen sich das Bild einer Marke bei potenziellen Kund*innen verdichtet. Unabhängig von der Branche arbeiten wir mit den Marken individuell zusammen, um eine Kampagne zu entwickeln, die zum Unternehmen, aber auch zu TikTok passt, denn durch den einzigartigen Charakter von TikTok sollte jede Werbung auf unsere Plattform zugeschnitten sein. Um einige Highlights zu nennen: Neben Formaten wie In-Feed Videos, die im Für-dich Feed der Nutzer*innen nativ eingebunden werden und unserem „TopView“-Format, das direkt beim Öffnen der App erscheint, sind Hashtag-Challenges und Branded Effects beliebte Lösungen, weil sie auf kreative und bunte Art und Weise die Community zur Interaktion aufrufen. Wichtig ist für Werbetreibende natürlich auch, dass Kampagnen ausgewertet werden können. Mit unserem „Tiktok Creator Marketplace“ können Werbetreibende Creator*innen suchen, die zu ihrer Kampagne passen.

Mit welchen Kosten müssen Unternehmen hier rechnen?

Die Budgets sind je nach Kampagne unterschiedlich, genau wie die Vorstellungen, mit denen unsere Kunden zu uns kommen. Für viele Unternehmen ist die wichtigste Zielgröße, Awareness zu schaffen und ihre Produkte durch Engagement und Interaktion bekannter zu machen. Viele Marken nutzen TikTok, um sich in einer neuen, authentischen, bunten Umgebung zu präsentieren und mit einem breiteren Publikum zu interagieren, das man kaum auf anderen Plattformen findet. Aber auch zum Abverkauf bietet sich TikTok an, hier haben wir viele beeindruckende Beispiele zur Kaufkraft unserer Community. Erst kürzlich war der „Bio Tee Hibiskus“ von Volvic in vielen Geschäften ausverkauft, mit einem Umsatzplus von teilweise 150 Prozent, weil in der Community unter dem Hashtag PinkDrink ein Rezept für einen Sommer-Drink viral gegangen ist, der das Produkt beinhaltet.

Inwiefern unterscheidet sich TikTok als Werbe- und Marketinginstrument von Plattformen wie Facebook oder Instagram?

TikTok ist eine einzigartige Plattform, die ein bildschirmfüllendes Erlebnis mit Ton bietet, mit einem Publikum, das Werbetreibende nirgendwo anders finden. Wir sehen uns als „Unterhaltungs-Plattform“, nicht primär als „Social Media Plattform“. Das bedeutet, dass bei uns Inhalte im Zentrum stehen. Auch ohne eine große
Follower*innenzahl können sich neue Inhalte schnell verbreiten und finden ihr Publikum, wenn sie die richtige Sprache unserer Community sprechen. Mit der kürzlich überschrittenen Reichweite von 100 Millionen monatlichen aktiven Nutzer*innen in Europa entwickelt sich TikTok schnell zu einer der kulturell und kommerziell einflussreichsten Plattformen der Welt. Unsere Mission lautet: Menschen zu inspirieren und zu bereichern, indem wir ein Zuhause für kreativen Ausdruck und positive, inspirierende Erlebnisse bieten. Damit ist TikTok eine generationsübergreifende Plattform, die Zielgruppen auf der ganzen Welt anspricht. Durch einen Algorithmus, der auf das Entdecken von neuen Inhalten ausgelegt ist, ist die interaktive Umgebung von TikTok für Marken der perfekte Ort zur Ansprache ihrer Zielgruppe.

Welche Zielgruppe erreichen KMU, wenn sie auf TikTok werben?

KMU erreichen bei uns Zielgruppen, die sie auf anderen Plattformen nicht erreichen. Unsere Zielgruppe sind die Gen Z und Millenials, aber wir werden auch immer „erwachsener“. Laut einer Kantar Studie sind mittlerweile 67 Prozent der TikTok Nutzer*innen weltweit älter als 25. 83 Prozent der Nutzer*innen geben an, dass sie durch Inhalte auf TikTok zu einem Kauf inspiriert wurden. Laut Kantar’s Kampagneneffektivitäts-Tracking ist die Kaufabsicht von Verbraucher*innen nachdem sie eine Werbung auf TikTok gesehen haben im Vergleich zu Branchenstandards 2,6 mal höher. Wir sind in mehr als 150 Märkten und 75 Sprachen verfügbar. Die Inhalte und auch die Interessen unserer Community sind sehr divers: Die Community in Österreich interessiert sich für vielfältige Themen von lehrreichen Videos, Sport und Gaming bis hin zu Comedy und Lifehacks. Österreichischen Nutzer*innen liegt außerdem das Thema Diversität am Herzen – beispielsweise unter dem Hashtag #lgbtq. Pro Minute werden weltweit mehr als 100 Millionen TikToks erstellt und generieren täglich Milliarden von Ansichten.

Ein neues Feature für österreichische Unternehmen ist eine Integration in den Onlineshopping-System-Anbieter Shopify. Wie funktioniert das genau und welche Vorteile ergeben sich für Nutzer dieses Services?

Wir haben mit Shopify seit vergangenen Oktober eine globale Partnerschaft, die wir heute auch in Österreich starten. Ziel ist es, Geschäftsinhaber*innen und Gründer*innen zu inspirieren und ihnen dabei zu helfen, die Kreativität der TikTok-Community für sich zu nutzen, entdeckt zu werden und ihre Marketingkampagnen zu optimieren. Über die neue TikTok-Integration können Shopify-Händler auf Kernfunktionen des TikTok Ads Managers zugreifen, ohne das Shopify-Dashboard zu verlassen. Shopify-Händler können ihren TikTok Pixel mit einem Klick installieren oder mit dem Account verbinden, um so das Tracken von Conversions zu vereinfachen und zu beschleunigen. Händler können Kampagnen erstellen, Zielgruppen ansprechen und die Ergebnisse an einem Ort mitverfolgen. Die TikTok-Integration ermöglicht es Shopify-Händlern, eigene native, teilbare Anzeigen zu erstellen. Die intuitiven Kreativ-Tools von TikTok helfen Händlern dabei, Produktfotos und -videos in wenigen Minuten in hochwertige TikToks zu verwandeln. Und die Erweiterung des TikTok Pixels ermöglicht es Shopify-Händlern, Zielgruppen effektiver anzusprechen, um TikTok-Anzeigen besser mit Website-Konversionen abzugleichen und Zielgruppen für Retargeting weiter auszubauen.

Du hast gesagt, dass die Shopify-Integration eine globale Partnerschaft ist. In welchen Ländern bietet ihr diese bereits an und wie fällt deine Bilanz hierzu aus?

In Europa bieten wir bieten die Shopify-Integration derzeit in Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und seit heute auch in Schweden, Irland und Österreich an und sind stolz auf die spannenden und vielfältigen Unternehmen mit einer großen Bandbreite an Produkten und Geschäftsmodellen, die wir auf unserer Plattform mit ihren Communities verbinden konnten.

Kannst du exemplarisch drei besonders erfolgreiche Kooperationen in diesem Bereich nennen?

Wir haben viele inspirierende Beispiele, unter anderem das Tiroler Startup NatureCraft, das die Shopify-Integration in der Beta-Phase getestet hat. Das Unternehmen stellt handgefertigte Schmuck-Unikate aus Holz, Naturelementen, Metall und Baumwolle her. Mit In-Feed Anzeigen bringt NatureCraft seine kreativen und bunten Schmuckkreationen zur Geltung und spricht eine neue Zielgruppe an. Seine inspirierenden und kreativen Produkte passen außerdem gut zur kreativen und positiven Community auf TikTok. Ein weiteres Beispiel, diesmal aus Deutschland, ist das Startup Oatsome, das seine bisherige Marketingstrategie ergänzen und die Reichweite erheblich steigern konnte. Seine Smoothie Bowls und Bliss Balls waren im Januar beinahe ausverkauft. 93 Prozent der Kund*innen, die über TikTok zu ihnen kamen, waren Neukund*innen, was die Relevanz des Kanals für sie bestätigt hat. Ein weiteres Beispiel aus Schweden, die übrigens auch heute mit ihrer Shopify-Partnerschaft starten, ist Ninepine, ein Label mit Sitz in Stockholm, das Activewear herstellt. Durch TikTok und Shopify konnten sie über Schweden hinaus in andere europäische Märkte wachsen. Sie haben den Wert von TikTok für ihren Marketing-Mix erkannt und arbeiten zukünftig mit einem Content-Creator zusammen, der ihnen dabei helfen wird, Inhalte für die Plattform zu produzieren.

Abschließende Frage: Wie zufrieden bist du mit der Geschäftsentwicklung von TikTok aktuell?

Seit wir in Europa aktiv sind verfolgen wir einen lokalen Ansatz und wollen ein Teil der Gesellschaft sein. Das spiegelt sich in den reichhaltigen lokalen Inhalten und Trends wider. Es ist unglaublich zu sehen, wie TikTok in dieser Zeit und in den vergangenen Jahren in Europa angenommen wurde. Wir sind ja schließlich im August letzten Jahres erst zwei Jahre alt geworden. Heute nutzen in Europa mehr als 100 Millionen Menschen jeden Monat TikTok. TikTok hat derzeit rund 200 Mitarbeiter*innen für den DACH-Raum und wir bauen aktuell diverse Teams weiter aus. In den letzten Monaten fand und findet das Leben vieler Menschen verstärkt online statt – viele suchten verstärkt nach Möglichkeiten, um auf unserer Plattform mit anderen in Kontakt zu treten. Das konnten auch Marken für sich nutzen. Die Diversität unserer Plattform und der Inhalte zeigt sich auch darin, dass Familien generationenübergreifend die App nutzen und miteinander Zeit verbringen, um gemeinsam kreative Ideen umzusetzen.

Vielen Dank für das Interview.

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Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer haben We Are Unicorns gegründet | (c) treat.agency

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen„ erschienen


An einem Mittwochabend in Yokohama treffen einander Gründerinnen und Gründer, Corporate-Innovator:innen, Studierende und Investor:innen im Tech Hub Yokohama; kein Panel, keine Preisverleihung, sondern ein offener Community-Abend unter dem Namen Yokohama Connect. Wenige Wochen später sitzt in einem Wiener Coworking-Space ein Bäckereichef neben einer Innovationsmanagerin und dem Vertreter eines Tourismusbetriebs – auch sie sprechen über die Zukunft ihrer Organisationen. Am Ende beider Abende steht dieselbe Frage: Wie zukunftsfähig sind wir wirklich?

Ein Werkzeug gegen die Ziellosigkeit

Österreich und Japan sind auf den ersten Blick weit voneinander entfernt. Bei näherer Betrachtung eint sie aber ein Muster: hohe Ingenieurskompetenz, eine dichte Landschaft aus kleinen und mittleren Unternehmen, starke Familienbetriebe, daneben große Konzerne und Städte, die vor ähnlichen Fragen stehen. Wer heute ein Unternehmen führt, hat selten Zeit für Buzzwords – gefragt sind Werkzeuge, die aus abstrakten Trends nächste Schritte machen; und eine Sprache, die über Ländergrenzen hinweg funktioniert.

Genau hier setzt das Wiener Unternehmen We Are Unicorns (WAU) an. Die Gründer:innen Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer arbeiten seit rund sieben Jahren mit Betrieben an Zukunftsthemen, zuvor gemeinsam in der Wirtschaftskammer Österreich. Ihre Beobachtung: Viele KMU stehen mehrfach unter Druck – steigende Kosten, Energiewende, Fachkräftemangel und Digitalisierung verändern die Rahmenbedingungen, während im Alltag oft Zeit, Orientierung und leistbare Unterstützung fehlen. WAU versteht sich deshalb als „Innovationsabteilung as a Service“, die komplexe Zukunftsthemen in verständliche Handlungsfelder übersetzt und Betriebe bis zur Umsetzung begleitet.

Yokohama ist die zweitgrößte Stadt Japans | (c) Antomattei

Ihr zentrales Werkzeug ist das Future Radar. Es ordnet Zukunftsfähigkeit entlang von fünf Feldern: Menschen, Organisation und Kultur; digitale Prozesse, Automatisierung und KI; Kunden, Vertrieb und Services; Geschäftsmodelle und Plattformen; Energie, Kosten und Nachhaltigkeit. Daraus werden 55 konkrete Chancen statt tausend Schlagworte, entstanden in Co-Creation-Workshops mit KMU aus ganz Österreich sowie Partnern aus Universitäten und Forschung. Ein eigens entwickelter KI-Assistent ordnet die Themen ein und leitet nächste Schritte ab, die Betriebe eigenständig umsetzen können. Er ersetzt keine unternehmerische Entscheidung, sondern versteht sich als Sparringpartner, der ins Tun bringt.

Kommt das Future Radar in Yokohama auf den Tisch, betrachten alle Beteiligten dieselben fünf Felder, dieselben Fragen, dieselbe Auswertung. Ein japanisches KMU, ein Startup aus dem Tech Hub Yokohama und ein österreichischer Mittelständler sehen auf einen Blick, wo sie stark sind und welche Schritte sich ableiten lassen. Der Mehrwert entsteht im Vergleich.

Von Wien nach Yokohama

Warum aber der Blick nach Japan? Weil sich dort ein Ökosystem entwickelt hat, das als Referenz dienen kann. Rund um CIC Tokyo, Japans größten Startup-Campus, hat sich unter dem Dach von Venture Café Japan eine offene Innovationscommunity etabliert: wöchentliche Thursday Gatherings, Formate wie Yokohama Connect, Tsukuba Connéct oder Nagoya Connect, dazu Partner wie der Tech Hub Yokohama, der als Soft-Landing-Punkt für internationale Startups und KMU konzipiert ist. Dazu kommt die städtische Ebene: Der Midterm Plan der Stadt Yokohama verankert Nachhaltigkeit als Ziel bis 2029. Physische Orte, Community-Programme und Stadtstrategie greifen ineinander.

Wer dort sitzt und warum diese Unternehmen nach Europa schauen, zeigt Qubitcore: Das Unternehmen mit Sitz in Yokohama entwickelt Hardware für Quantencomputing, hervorgegangen aus der Forschung am Okinawa Institute of Science and Technology (OIST). Es verbindet mehrere Quantenprozessoren auf Basis von Ionenfallen über Licht miteinander und arbeitet so an fehlertoleranten Rechnern, die über die Grenzen eines einzelnen Prozessors hinaus skalieren.

„Das Quanteninternet entfaltet seinen vollen Wert erst durch grenzüberschreitende Vernetzung. Gerade Europa verfügt über große Tiefe in der Quantenoptik und in der Ionenfallenforschung. Wir hoffen, dass der Tech Hub Yokohama zur Brücke zwischen Yokohama und europäischen Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Investoren wird“, so Ryuta Watanuki, Gründer und CEO von Qubitcore.

Der Tech Hub Yokohama. | (c) TechHub Yokohama

Damit solche Verbindungen tatsächlich entstehen, braucht es Brückenbauer. Auf japanischer Seite übernimmt Marcel Rasinger mit genten LLC diese Rolle: Als Mitinitiator von Yokohama Connéct verbindet er lokale Unternehmen, Startups und städtische Organisationen mit internationalen Partnern. Auf österreichischer Seite strukturiert WAU die Zukunftsthemen heimischer Betriebe so, dass sie in den Dialog mit japanischen Partnern passen.

Die Stimme aus Tokio

Warum diese Übersetzungsarbeit nötig ist, weiß Kentaro Imai aus eigener Erfahrung – er verantwortet beim japanischen Konzern Kokuyo die Global Marketing Division im Global Workplace Business und ist dort Ansprechpartner für Europa und Nordamerika. Kokuyo beschäftigt sich seit mehr als 120 Jahren damit, wie Menschen arbeiten und lernen, und nutzt die eigenen Büros seit den 1960er-Jahren als Versuchsflächen. „Ideen lassen sich nicht einfach von einem Land in ein anderes kopieren“, sagt Imai, „sie müssen übersetzt werden, nicht nur sprachlich, sondern kulturell und organisatorisch.“ Erwartungen an Hierarchie, Entscheidungsfindung und Risiko unterschieden sich. Imai: „Brückenbauer helfen beiden Seiten zu verstehen, welche menschlichen Bedürfnisse universell sind und welche Annahmen lokal geprägt.“

Dass Zusammenarbeit über Kontinente hinweg dabei mehr braucht als Videocalls, ist für Imai keine Frage: „Digitale Technologie erlaubt Kommunikation über enorme Distanzen – aber Kommunikation allein erzeugt nicht automatisch Vertrauen, Zugehörigkeit oder Zusammenarbeit.“ Innovation beginne oft mit Beobachtung, informellen Gesprächen und unerwarteten Begegnungen. Kokuyo hat deshalb Teile seiner Konzernzentrale The Campus in Tokio-Shinagawa für die Nachbarschaft geöffnet, samt Park, Shop und Coffee Stand. „Der innovativste Raum ist nicht zwangsläufig der technisch fortschrittlichste. Es ist jener, in dem Menschen, die einander sonst nie treffen würden, beginnen, gemeinsam etwas zu denken und zu bauen“, so Imai. Was The Campus für Tokio ist, soll der Tech Hub Yokohama für europäische Partner werden.

Für Imai ist das der Punkt, an dem Werkzeug und Erfahrung zusammenfinden könnten: „We Are Unicorns und das Future Radar machen abstrakte Veränderungen für KMU verständlich und helfen dabei, von weiten Schlagworten zu konkreten Chancen zu kommen.“ Kokuyo wiederum bringe Erfahrung darin ein, wie Menschen arbeiten, lernen und physische Umgebungen nutzen. „Gemeinsam könnte das Future Radar eine Chance identifizieren, und wir könnten helfen, sie in konkrete Arbeitsweisen, Umgebungen und Pilotprojekte zu übersetzen“, sagt Imai.

Tiefe trifft Tempo

Was können beide Seiten voneinander lernen? Imai warnt vor Klischees, sieht aber komplementäre Stärken: Japanische Organisationen zeigten im besten Fall langfristige Verbindlichkeit, hohe Aufmerksamkeit für Qualität, kontinuierliche, schrittweise Verbesserung und Geduld beim Aufbau von Vertrauen; österreichische und europäische Ökosysteme brächten direkte Auseinandersetzung, schnelles Experimentieren, starke Zusammenarbeit zwischen KMU, Startups und Universitäten und eine größere Bereitschaft, Entscheidungen trotz verbleibender Unsicherheit zu treffen. Imai: „Der produktivste Austausch ist nicht Japan gegen Österreich; es ist die Kombination aus japanischer Tiefe und österreichischer Agilität.“

Für WAU heißt das: Österreich kann von der langfristigen Ökosystem-Architektur Japans lernen, vom Zusammenspiel aus Infrastruktur, Community-Programmen und städtischer Strategie. Japan wiederum profitiert von der pragmatischen KMU-Kultur in Europa, von Betrieben, die mit wenigen Ressourcen neue Technologien testen und in überschaubaren Schritten starten.

Zurück nach Yokohama, an jenen Mittwochabend im Tech Hub: Was dort als offener Community-Abend beginnt, endet im besten Fall mit einem Projekt, das ein Wiener Betrieb und ein japanisches Startup gemeinsam angehen. Das Future Radar liefert die gemeinsame Ausgangslage, die Brückenbauer den Zugang. Oder, wie Imai es formuliert: „Die Zukunft ist nichts, worauf wir warten. Sie ist etwas, das wir greifbar machen, gemeinsam testen und durch Neugier laufend verbessern.“

Über We Are Unicorns

We Are Unicorns (WAU) macht Zukunftsarbeit für österreichische KMU konkret, leistbar und umsetzbar. Das Wiener Unternehmen von Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer realisiert als „Innovationsabteilung as a Service“ auch Projekte für Regionen, Institutionen und Corporates. Zentraler Baustein ist das Future Radar mit 55 konkreten Chancen entlang von fünf Zukunftsfeldern, ergänzt um einen eigens entwickelten KI-Assistenten. Der Anspruch: Zukunft ohne Blabla.

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