20.05.2021

Lisa Friedrich von TikTok: „TikTok ist auf KMUs zugeschnitten“

Die Amerikanerin Lisa Friedrich ist Head of SMB für TikTok in Europa. Im Interview mit dem brutkasten kündigt sie einen eigenen Hub für KMUs in Österreich sowie eine TikTok-Shopify-Integration an und macht deutlich, warum kein Unternehmen auf TikTok for Business verzichten sollte.
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Lisa Friedrich TikTok
Lisa Friedrich, Head of SMB für TikTok in Europa © TikTok

TikTok startet nun auch in Österreich einen eigenen Hub für KMUs und stellt Werbetreibenden zudem die vollumfängliche Nutzung des globalen Angebots TikTok für Business zur Verfügung. Außerdem geht die führende Plattform für mobile Kurzvideos eine Partnerschaft mit der E-Commerce Plattform für Multichannel-Vertrieb, Shopify, ein, um einen Teil zum Wachstum österreichischer Unternehmen beizutragen. Vorangetrieben wird diese Initiative von Lisa Friedrich, die sich als Head of SMB für Europa mit ihrem Team vom Standort in Dublin (Irland) aus dem Erfolg von kleinen und mittelständischen Werbetreibenden auf TikTok in allen europäischen Ländern verschrieben hat. Vor ihrem Wechsel zu TikTok war Lisa Chief Marketing Officer bei Evident, einem Cybersecurity-Startup, sowie Gründerin von JCG Digital, einer Boutique-Vertriebs- und Marketingberatung, die sich auf kleine und mittelgroße Tech-Unternehmen fokussiert hat. Im Laufe ihrer Karriere hat Lisa sowohl bei Start-ups als auch bei Fortune-100-Unternehmen, darunter Facebook und der Bank of America, Führungsaufgaben wahrgenommen. Lisa bringt fast 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Vertrieb, Marketing und Management mit. Sie hat einen Undergraduate-Abschluss von der University of Georgia und einen MBA von der Georgia State University. Sie wohnt derzeit in Dublin, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Lisa, TikTok startet nach Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland nun auch in Österreich einen Hub für kleine und mittelständische Unternehmen. Was genau hat es damit auf sich?

Wir bei TikTok glauben, dass der Aufbau von authentischen und positiven Communities eine entscheidende Rolle für kleine und mittlere Unternehmen spielt. Sie müssen von potenziellen Kund*innen gehört und gesehen werden. Im Gegensatz zu den Möglichkeiten und Budgets der Werbeabteilungen größerer Unternehmen zählt für KMUs jeder Euro und jeder Cent, der ausgegeben wird. Deshalb freue ich mich, dass unser neuer TikTok-Hub ab heute kleine und mittlere Unternehmen in Österreich dabei unterstützen kann, von neuen Zielgruppen entdeckt zu werden. Konkret bedeutet das, dass wir KMUs Informationen, Tipps und Hilfestellungen geben, wie sie TikTok als Plattform und unsere Community für ihre Marketingziele nutzen können, neue Kund*innen gewinnen und bestehende binden – quasi ein One-Stop-Shop für Werbeanleitungen, kreative Inspirationen und Ressourcen. Wir haben außerdem einen Guide veröffentlicht, der jetzt auf dem SMB-Hub verfügbar ist.

Warum sollten KMUs keinesfalls auf TikTok als Werbe-und Marketinginstrument verzichten?

TikTok ist mit den Formaten auf KMU-Kund*innen zugeschnitten: Mit Produkten wie den kürzlich eingeführten sogenannten „Leadgenerierungs-Anzeigen“ können Unternehmen beispielsweise über ein von potenziellen Kund*innen ausfüllbares Formular auf einfache Weise Konversionen vorantreiben. Marken können Hashtags wie #kleinunternehmer (> 724K Aufrufe), #Geschäftsidee (> 6 Mio. Aufrufe), #entrepreneur (> 11 Mrd. Aufrufe), #smallbusinesscheck (> 9 Mrd. Aufrufe), supportsmallbusiness (> 2 Milliarden Aufrufe) oder #smallbusiness (> 26 Mrd. Aufrufe) nutzen, um ihre einzigartige Unternehmensgeschichte und -reise mit anderen zu teilen und eine Fangemeinde aufzubauen. TikTok ist außerdem der ideale Ort für KMU, um eine große Community von engagierten und gleichgesinnten Unternehmen zu erschließen. Wir ermutigen Unternehmen dazu, gerade jetzt unkonventionelle Wege zu gehen, aber wir bieten auch Ratschläge, wie eine
erfolgreiche Zusammenarbeit auf TikTok aussehen könnte.

Für Unternehmen welcher Branchen ist euer Angebot besonders interessant und warum?

Wir freuen uns über jedes neue Unternehmen, das TikTok bereichert. KMUs aus verschiedensten Branchen haben die Möglichkeit, den TikTok Ads Manager, unserer Self-Service-Werbeplattform, auf der Unternehmen jeder Größe In-Feed-Anzeigen auf TikTok schalten können, zu nutzen, um sich Tausenden von kleinen Unternehmen in Europa anzuschließen, die auf TikTok viral gehen, engagierte Zielgruppen erreichen und ihren Umsatz steigern.
Der TikTok Ads Manager wurde entwickelt, um Unternehmen jeder Größe den Einstieg in die Plattform zu erleichtern. Die TikTok-Community kann ihre Lieblings-Kleinunternehmen unter #SupportSmallBusiness entdecken und sie so unterstützen. Thematisch ist wirklich für jedes Unternehmen und alle potenziellen Kund*innen etwas dabei: Von Kleidung, Accessoires, Schmuck, über Kosmetik, Süßigkeiten und viele weitere Themen, es gibt auf TikTok für jede Produkt die passende, begeisterte Zielgruppe.

Um diese Zielgruppen bestmöglich zu erreichen, öffnet ihr euer globales Service „TikTok for Business“ nun auch hierzulande. Wie profitieren Unternehmen konkret davon?

TikTok for Business ist unser Angebot für Werbetreibende – wir wollen ihnen die Tools geben, kreative Geschichten zu erzählen und eine nachhaltige Beziehung mit der TikTok-Community einzugehen. Marken jeder Größe haben Möglichkeit, durch Kurzvideos entdeckt zu werden und mit ihren Zielgruppen in Kontakt zu treten.
Nutzer*innen können mit ihren Lieblingsmarken interagieren und so Teil der Marken werden. Unsere TikTok-Werbeformate decken verschiedene Stationen der Customer-Journey und der Marketing-Touchpoints ab, an denen sich das Bild einer Marke bei potenziellen Kund*innen verdichtet. Unabhängig von der Branche arbeiten wir mit den Marken individuell zusammen, um eine Kampagne zu entwickeln, die zum Unternehmen, aber auch zu TikTok passt, denn durch den einzigartigen Charakter von TikTok sollte jede Werbung auf unsere Plattform zugeschnitten sein. Um einige Highlights zu nennen: Neben Formaten wie In-Feed Videos, die im Für-dich Feed der Nutzer*innen nativ eingebunden werden und unserem „TopView“-Format, das direkt beim Öffnen der App erscheint, sind Hashtag-Challenges und Branded Effects beliebte Lösungen, weil sie auf kreative und bunte Art und Weise die Community zur Interaktion aufrufen. Wichtig ist für Werbetreibende natürlich auch, dass Kampagnen ausgewertet werden können. Mit unserem „Tiktok Creator Marketplace“ können Werbetreibende Creator*innen suchen, die zu ihrer Kampagne passen.

Mit welchen Kosten müssen Unternehmen hier rechnen?

Die Budgets sind je nach Kampagne unterschiedlich, genau wie die Vorstellungen, mit denen unsere Kunden zu uns kommen. Für viele Unternehmen ist die wichtigste Zielgröße, Awareness zu schaffen und ihre Produkte durch Engagement und Interaktion bekannter zu machen. Viele Marken nutzen TikTok, um sich in einer neuen, authentischen, bunten Umgebung zu präsentieren und mit einem breiteren Publikum zu interagieren, das man kaum auf anderen Plattformen findet. Aber auch zum Abverkauf bietet sich TikTok an, hier haben wir viele beeindruckende Beispiele zur Kaufkraft unserer Community. Erst kürzlich war der „Bio Tee Hibiskus“ von Volvic in vielen Geschäften ausverkauft, mit einem Umsatzplus von teilweise 150 Prozent, weil in der Community unter dem Hashtag PinkDrink ein Rezept für einen Sommer-Drink viral gegangen ist, der das Produkt beinhaltet.

Inwiefern unterscheidet sich TikTok als Werbe- und Marketinginstrument von Plattformen wie Facebook oder Instagram?

TikTok ist eine einzigartige Plattform, die ein bildschirmfüllendes Erlebnis mit Ton bietet, mit einem Publikum, das Werbetreibende nirgendwo anders finden. Wir sehen uns als „Unterhaltungs-Plattform“, nicht primär als „Social Media Plattform“. Das bedeutet, dass bei uns Inhalte im Zentrum stehen. Auch ohne eine große
Follower*innenzahl können sich neue Inhalte schnell verbreiten und finden ihr Publikum, wenn sie die richtige Sprache unserer Community sprechen. Mit der kürzlich überschrittenen Reichweite von 100 Millionen monatlichen aktiven Nutzer*innen in Europa entwickelt sich TikTok schnell zu einer der kulturell und kommerziell einflussreichsten Plattformen der Welt. Unsere Mission lautet: Menschen zu inspirieren und zu bereichern, indem wir ein Zuhause für kreativen Ausdruck und positive, inspirierende Erlebnisse bieten. Damit ist TikTok eine generationsübergreifende Plattform, die Zielgruppen auf der ganzen Welt anspricht. Durch einen Algorithmus, der auf das Entdecken von neuen Inhalten ausgelegt ist, ist die interaktive Umgebung von TikTok für Marken der perfekte Ort zur Ansprache ihrer Zielgruppe.

Welche Zielgruppe erreichen KMU, wenn sie auf TikTok werben?

KMU erreichen bei uns Zielgruppen, die sie auf anderen Plattformen nicht erreichen. Unsere Zielgruppe sind die Gen Z und Millenials, aber wir werden auch immer „erwachsener“. Laut einer Kantar Studie sind mittlerweile 67 Prozent der TikTok Nutzer*innen weltweit älter als 25. 83 Prozent der Nutzer*innen geben an, dass sie durch Inhalte auf TikTok zu einem Kauf inspiriert wurden. Laut Kantar’s Kampagneneffektivitäts-Tracking ist die Kaufabsicht von Verbraucher*innen nachdem sie eine Werbung auf TikTok gesehen haben im Vergleich zu Branchenstandards 2,6 mal höher. Wir sind in mehr als 150 Märkten und 75 Sprachen verfügbar. Die Inhalte und auch die Interessen unserer Community sind sehr divers: Die Community in Österreich interessiert sich für vielfältige Themen von lehrreichen Videos, Sport und Gaming bis hin zu Comedy und Lifehacks. Österreichischen Nutzer*innen liegt außerdem das Thema Diversität am Herzen – beispielsweise unter dem Hashtag #lgbtq. Pro Minute werden weltweit mehr als 100 Millionen TikToks erstellt und generieren täglich Milliarden von Ansichten.

Ein neues Feature für österreichische Unternehmen ist eine Integration in den Onlineshopping-System-Anbieter Shopify. Wie funktioniert das genau und welche Vorteile ergeben sich für Nutzer dieses Services?

Wir haben mit Shopify seit vergangenen Oktober eine globale Partnerschaft, die wir heute auch in Österreich starten. Ziel ist es, Geschäftsinhaber*innen und Gründer*innen zu inspirieren und ihnen dabei zu helfen, die Kreativität der TikTok-Community für sich zu nutzen, entdeckt zu werden und ihre Marketingkampagnen zu optimieren. Über die neue TikTok-Integration können Shopify-Händler auf Kernfunktionen des TikTok Ads Managers zugreifen, ohne das Shopify-Dashboard zu verlassen. Shopify-Händler können ihren TikTok Pixel mit einem Klick installieren oder mit dem Account verbinden, um so das Tracken von Conversions zu vereinfachen und zu beschleunigen. Händler können Kampagnen erstellen, Zielgruppen ansprechen und die Ergebnisse an einem Ort mitverfolgen. Die TikTok-Integration ermöglicht es Shopify-Händlern, eigene native, teilbare Anzeigen zu erstellen. Die intuitiven Kreativ-Tools von TikTok helfen Händlern dabei, Produktfotos und -videos in wenigen Minuten in hochwertige TikToks zu verwandeln. Und die Erweiterung des TikTok Pixels ermöglicht es Shopify-Händlern, Zielgruppen effektiver anzusprechen, um TikTok-Anzeigen besser mit Website-Konversionen abzugleichen und Zielgruppen für Retargeting weiter auszubauen.

Du hast gesagt, dass die Shopify-Integration eine globale Partnerschaft ist. In welchen Ländern bietet ihr diese bereits an und wie fällt deine Bilanz hierzu aus?

In Europa bieten wir bieten die Shopify-Integration derzeit in Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und seit heute auch in Schweden, Irland und Österreich an und sind stolz auf die spannenden und vielfältigen Unternehmen mit einer großen Bandbreite an Produkten und Geschäftsmodellen, die wir auf unserer Plattform mit ihren Communities verbinden konnten.

Kannst du exemplarisch drei besonders erfolgreiche Kooperationen in diesem Bereich nennen?

Wir haben viele inspirierende Beispiele, unter anderem das Tiroler Startup NatureCraft, das die Shopify-Integration in der Beta-Phase getestet hat. Das Unternehmen stellt handgefertigte Schmuck-Unikate aus Holz, Naturelementen, Metall und Baumwolle her. Mit In-Feed Anzeigen bringt NatureCraft seine kreativen und bunten Schmuckkreationen zur Geltung und spricht eine neue Zielgruppe an. Seine inspirierenden und kreativen Produkte passen außerdem gut zur kreativen und positiven Community auf TikTok. Ein weiteres Beispiel, diesmal aus Deutschland, ist das Startup Oatsome, das seine bisherige Marketingstrategie ergänzen und die Reichweite erheblich steigern konnte. Seine Smoothie Bowls und Bliss Balls waren im Januar beinahe ausverkauft. 93 Prozent der Kund*innen, die über TikTok zu ihnen kamen, waren Neukund*innen, was die Relevanz des Kanals für sie bestätigt hat. Ein weiteres Beispiel aus Schweden, die übrigens auch heute mit ihrer Shopify-Partnerschaft starten, ist Ninepine, ein Label mit Sitz in Stockholm, das Activewear herstellt. Durch TikTok und Shopify konnten sie über Schweden hinaus in andere europäische Märkte wachsen. Sie haben den Wert von TikTok für ihren Marketing-Mix erkannt und arbeiten zukünftig mit einem Content-Creator zusammen, der ihnen dabei helfen wird, Inhalte für die Plattform zu produzieren.

Abschließende Frage: Wie zufrieden bist du mit der Geschäftsentwicklung von TikTok aktuell?

Seit wir in Europa aktiv sind verfolgen wir einen lokalen Ansatz und wollen ein Teil der Gesellschaft sein. Das spiegelt sich in den reichhaltigen lokalen Inhalten und Trends wider. Es ist unglaublich zu sehen, wie TikTok in dieser Zeit und in den vergangenen Jahren in Europa angenommen wurde. Wir sind ja schließlich im August letzten Jahres erst zwei Jahre alt geworden. Heute nutzen in Europa mehr als 100 Millionen Menschen jeden Monat TikTok. TikTok hat derzeit rund 200 Mitarbeiter*innen für den DACH-Raum und wir bauen aktuell diverse Teams weiter aus. In den letzten Monaten fand und findet das Leben vieler Menschen verstärkt online statt – viele suchten verstärkt nach Möglichkeiten, um auf unserer Plattform mit anderen in Kontakt zu treten. Das konnten auch Marken für sich nutzen. Die Diversität unserer Plattform und der Inhalte zeigt sich auch darin, dass Familien generationenübergreifend die App nutzen und miteinander Zeit verbringen, um gemeinsam kreative Ideen umzusetzen.

Vielen Dank für das Interview.

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Frank Möbius (links) | (c) BMW Group

Knapp 30 Jahre war Frank Möbius bei BMW. Zuletzt leitete er in der Konzernforschung den Bereich Technologiemanagement und -prognose und koordinierte das weltweite Netzwerk der BMW Technology Offices vom Silicon Valley bis Tokio. Seit 2023 gibt er seine Erfahrung als Senior Innovation Advisor bei der UnternehmerTUM GmbH in München, Europas größtem Gründerzentrum, weiter. Im Interview erklärt er, wie systematische Technologie-Früherkennung funktioniert, warum die meisten Unternehmen am Transfer der daraus gewonnenen Erkenntnisse scheitern und wie KI die Tech-Trenderkennung vereinfacht hat.


brutkasten: Sie waren fast 30 Jahre bei BMW. Wie sind Sie dort zum Thema Innovation gekommen?

Frank Möbius: Ich habe an der Uni Stuttgart Maschinenbau, Fachrichtung Fahrzeugtechnik studiert und nach dem Diplom Anfang 1990 meinen ersten Job bei der Lufthansa Technik in Frankfurt gefunden. Dort durfte ich die damals neuartigen stangenlosen Flugzeugschlepper mitentwickeln und 1992 den neuen Flughafen München damit ausrüsten – meine erste Berührung mit Innovationen und ihrer Einführung im Massengeschäft. Ich verließ die Lufthansa nach ein paar Jahren, um an der Uni Kaiserslautern über Robotik zu promovieren. Nach der Promotion kam ich 1996 zu BMW, meiner Wunschfirma in meiner Wunschstadt. Dort konnte ich viele unterschiedliche Funktionen übernehmen: erst arbeitete ich vier Jahre im Versuchsfahrzeugbau, dann vier Jahre im Personalwesen, ein lehrreicher “Side Step” für einen Ingenieur!

(c) BMW Group

Mitte 2004 durfte ich eine Abteilung für Vorentwicklung und Innovationsmanagement im Bereich Antriebsproduktion übernehmen. Daraus entstand meine Rolle im damals neuen elektrifizierten Antrieb für BMW – von der strategischen Inhouse-Entscheidung und fachlichen Befähigung der Firma bis zur Großserie: über zehn Jahre lang war ich für die Industrialisierung und später Entwicklung von Hochvoltbatterien verantwortlich, vom ersten A-Muster mit einem sehr kleinen Team bis zu 100 Mitarbeitenden. 2017 bin ich schließlich in die Forschung gewechselt und habe dort das Team “Technologiemanagement und -prognose” übernommen, das später in die Einheit “Open Innovation” integriert wurde.

Was macht so eine Open-Innovation-Einheit in einem Konzern konkret?

Mit Open Innovation Methoden erkennt und verwertet man frühzeitig innovative Signale und Trends, die außerhalb der eigenen Unternehmensgrenzen stattfinden. Wir schauen bewusst in Branchen jenseits des Automobilbaus: Consumer Electronics, Luft- und Raumfahrt, Medizin, Computing, Biomaterialien, etc. Immer mit der Frage im Hinterkopf: Was können wir davon für das eigene Kerngeschäft nutzen? Konkret: Technologische Trends aus der Cross-Industrie frühzeitig erkennen, verstehen, bewerten, ein Proof-of-Concept-Projekt durchführen, z. B. mit einem Startup, einer Uni, einem Fraunhofer-Institut, etc. und diese Ergebnisse dann in die Firma für die eigenen Produkte, Services und Prozesse transferieren.

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BMW hat dafür eine eigene Abteilung aufgebaut. Wie hängen die einzelnen Bausteine zusammen?

2015 wurde die Technologie-Früherkennung mit dem Technologie-Trendradar ins Leben gerufen, fast gleichzeitig wurde die BMW Startup Garage gegründet. Das Radar ist zunächst ein Visualisierungs- und Kommunikationstool: wir platzieren die erkannten Technologien nach Kategorien und Reifegraden, um frühzeitig aufzeigen zu können, was sich technologisch weltweit tut. Aber diese Erkenntnisse stehen erstmal nur auf dem Papier. Entscheidend ist nach Bewertung und Priorisierung die Verwertung dieser Erkenntnisse, der sogenannte Transfer. Dieser erfolgt dann oft mit Startups.

Hier kommt die BMW Startup Garage zum Einsatz. Sie betreibt Venture Clienting, d. h. sie investiert nicht, sondern scoutet im Netzwerk der internationalen BMW Tech Offices die besten Startups und koordiniert Innovationsprojekte mit den betroffenen BMW-Fachbereichen, die meist das Budget dafür stellen. Diese Startups müssen schon reifer sein, also ein stabiles Team, eine robuste Finanzierung, ein fertiges Produkt – ggf in anderen Branchen – und am besten schon erste Kunden haben. Das Ziel dabei ist immer, dass das Startup ein regulärer Lieferant für BMW werden kann, wir nennen das  “startup as a supplier”. Erst wenn die Lösung des Startups wirklich bei BMW zum Einsatz kommt – in Produkt, Service oder Prozess -, entsteht Impact!

Daneben gibt es das Team BMW iVentures als klassischer Risikokapital-Investor, der ebenfalls über das BMW Tech Office Netzwerk auch in ganz frühphasige Startups investiert. Außerdem gehört dazu ein BMW-interner Incubator und eine Crowd Innovation Plattform.

Wie läuft systematische Tech-Trenderkennung bzw. Tech-Scouting im Alltag ab?

Es gibt vier Prozessschritte: Scouten und Strukturieren, Diskutieren und Bewerten, Visualisieren und Vorbereiten und dann der Transfer in die passenden BMW-Fachbereiche und die dortige Umsetzung. Den ersten Schritt haben früher Mitarbeitende und Werkstudierende gemacht, heute erledigen das maßgeschneiderte KI-Agenten. Für den zweiten Schritt braucht man die Experten: Fachleute von intern und extern. Ggf wird zu einem bestimmten Tech-Trend eine Studie erstellt. Für den dritten Schritt sitzt man in Workshops zusammen und erarbeitet einen Vorschlag für das nächste Trendradar und mögliche Scouting- oder Prototypen-Projekte. Von einer Liste mit über hundert Themen bleiben dann vielleicht vierzig übrig, die auf das Trendradar kommen und fünf, die dann tiefergelegt werden.

(c) BMW Group

Und dann kommt der Teil, an dem viele scheitern.

So ist es! Die ganzen modernen Technologien und Trends kann man heute recht einfach im Netz recherchieren, Generative AI hilft dabei. Das Entscheidende aber ist am Ende: Was leitet das Unternehmen daraus ab? Nur neues Wissen, eine Produktverbesserung oder gleich ein neues Geschäftsmodell? Einfacher gesagt: was mache ich damit morgen besser als heute? Das ist das Schwierige, der Transferprozess. Dieser hat inhaltliche, strukturelle, finanzielle aber auch menschliche Aspekte. Der Transfer einer neuen, erstmal riskanten Technologie aus einer anderen Branche in die eigene Firma ist oft schwierig. Auch bei BMW hat es ein paar Jahre gedauert, bis erste Erfolge kamen und das Vorgehen akzeptiert war.

Was ist das Rezept, damit es funktioniert?

Man holt die Personen, die später die Erkenntnisse umsetzen sollen, frühzeitig in den Prozess mit hinein. Sie dürfen die Startups mit bewerten, sie erfahren sofort, wenn eine neue Technologie für ihren Fachbereich tiefergelegt werden soll, diese wird dann gemeinsam bewertet. Dafür gibt es in der BMW Startup Garage für jedes Ressort einen konkreten Schnittstellenpartner. Dann geht man gemeinsam in den betroffenen Fachbereich, organisiert die Ressourcen und plant das Projekt, damit das Startup den Prototypen bauen kann. Wichtig: für das Startup-Projekt wird oft das Geld des späteren Fachbereichs verwendet. Das erzeugt zusätzliches Commitment! Und das Zweite ist die Hierarchie: Wenn Du einen Bereichsleiter oder Geschäftsführer hast, der voll hinter Open Innovation steht und auch mal in oberen Etagen politisch unterstützt, dann funktioniert es deutlich besser, auch in Krisenzeiten mit Budgetknappheit.

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Was raten Sie einem Unternehmen, das ohne viel Budget mit Technologiemanagement starten will?

Man muss nicht gleich zehn Leute einstellen. Oft genügt erstmal eine Person mit den nötigen Ressourcen und Befugnissen, dazu evtl. einen Studierenden und ein paar Teilkapazitäten in den relevanten Fachbereichen als Unterstützung. Ggf hilft am Anfang auch eine externe Trendagentur oder ein passender Toolanbieter. KI-Kenntnisse sind wichtig, um einen KI-Agenten nutzen oder einen eigenen aufbauen zu können. Ein gutes, internationales Netzwerk in alle relevanten Industrien ist ebenso wichtig, denn inzwischen betreiben die meisten großen Firmen Technologie-Früherkennung im Rahmen von Corporate Foresight, man kann von ihnen lernen und Best Practices übernehmen. Ich habe aus meinen über 6 Jahren in dieser Rolle eine Liste mit den zehn wichtigsten Lessons Learned zusammengeschrieben. Da steht alles drin, was man braucht, man muss es halt nur noch machen.

Was machen Sie heute bei UnternehmerTUM?

UnternehmerTUM hat drei Zielgruppen: Talente, Startups und Unternehmen – vom großen  Corporate und Mittelstand bis zum Familienunternehmen. Meine Hauptarbeit liegt in der Innovationsberatung, wo ich meine BMW-Erfahrung einbringen kann. Daneben bin ich Startup-Mentor, halte Vorlesungen, unterstütze die Internationalisierung der UnternehmerTUM und betreue Delegationen. Und ich baue gerade einen KI-gestützten Technologie-Trendradar-Prozess für die UnternehmerTUM, die TUM Venture Labs und ihre Partner und Kunden auf. Der ist nochmal deutlich umfangreicher als ein Radar für die Automobilindustrie. Wir haben dafür einen KI-Agenten gebaut, der weltweit schwache Tech-Signale erkennt, also Technologien, die noch kein messbarer Trend sind. Diesen KI-Agenten trainiere ich täglich. Gerade für Mittelständler und Familienunternehmen ist das sehr hilfreich, weil sie in der Regel nicht das Netzwerk und die Möglichkeiten großer Firmen haben.

(c) BMW Group

Gibt es ein Beispiel aus Ihrer BMW-Zeit, das zeigt, was Open Innovation bewirken kann?

Aus der Tech-Trenderkennung und der Startup-Arbeit wurden in den letzten Jahren schon viele Projekte zu Quantum Computing, Fahrzeug-Satelliten-Kommunikation, Gesundheitsdaten-Monitoring im Fahrzeug, Panorama-Displays, In-Car-Gaming u.v.m. erfolgreich transferiert. Einiges davon ist schon im Auto zu erleben, manches wird noch kommen. Mein Lieblingsbeispiel ist das farbwechselnde Auto: keine klassische Trenderkennung, aber ein erfolgreicher Cross-Industry-Transfer und vielleicht sogar ein Trendsetter! Eine Mitarbeiterin von mir hatte vor vielen Jahren die mutige Idee, die Display-Funktionen eines E-Readers aufs Auto zu übertragen. Sie hat sich die E-Ink-Panels besorgt, einen Prototypen entwickelt und damit nach vielen Experimenten mit einigen Helfern den BMW iX Flow aufgebaut – übrigens anfangs im MakerSpace der UnternehmerTUM. Mit diesem Auto war sie mit BMW 2022 in der Schwarz-Weiß-Version und ein Jahr später mit dem BMW i VISION Dee in der Farbversion mit großem Erfolg auf der CES in Las Vegas: The Color-Changing Car! Das ist für mich der perfekte Cross-Industry-Transfer: Ich übertrage eine erfolgreiche Technologie aus einer Industrie in eine völlig andere und habe einen Nutzen daraus. Ob das in irgendeiner Form mal in Serie kommt? Wer weiß …

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