24.09.2021

Nestlé-Chefin Emonet: Wieso sich die Zusammenarbeit mit Startups lohnt

Für den weltgrößten Nahrungsmittelkonzern Nestlé ist die Zusammenarbeit mit Startups eine Bereicherung. Welchen Mehrwert diese konkret hat, wie man als Jungunternehmer:in das Herz der Verbraucher:innen gewinnt und weshalb an der Digitalisierung kein Weg vorbei führt, schildert Nestlé Österreich-Geschäftsführerin Corinne Emonet im Interview mit brutkasten Wirtschaft.
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Corinne Emonet Nestlé Österreich
Corinne Emonet, Geschäftsführerin von Nestlé Österreich © ​ Michael Sazel

Corinne Emonet steht seit 1. Jänner 2019 an der Spitze von Nestlé Österreich. Die gebürtige Französin startete ihre Karriere im Unternehmen vor über 20 Jahren im Food-Bereich in der Schweiz, ehe sie für die Tierfuttermarke Nestlé Purina verschiedene Positionen auf Marktebene sowie in zentralen Funktionen verantwortete. Großes Augenmerk legt die heutige Geschäftsführerin u.a. auf die Lehrausbildung im Unternehmen.

Frau Emonet, für Nestlé scheinen Startups interessante Sparring-Partner zu sein, wie das kürzlich umgesetzte Nescafé-Pilotprojekt zum Verkauf unverpackter Lebensmittel beim Marktforschungssupermarkt go2market zeigt. Wie fällt ihre Bilanz in dem konkreten Fall aus?

Corinne Emonet: Das Projekt, das Sie ansprechen, haben wir in Österreich im Mai gemeinsam mit dem tschechischen Startup MIWA gestartet. Die Konsument:innen können dort Kaffee unverpackt einkaufen, indem sie ihre eigenen Behältnisse mitbringen und Nescafé Kaffee vor Ort abfüllen. go2market ist selbst auch ein Start-up, und es ist eine großartige Erfahrung, mit solchen Unternehmen zusammenzuarbeiten.

Was genau schätzen Sie an der Zusammenarbeit mit Jungunternehmer:innen?

Sie sind agil und leidenschaftlich bei dem, was sie tun. Im Fall von go2market ist es so, dass man uns schnelle und relevante Erkenntnisse darüber zur Verfügung stellt, wie die österreichischen Verbraucher:innen auf eine Innovation reagieren könnten. So können wir vor der Markteinführung einen echten Verbrauchertest durchführen. Wir haben bei diesem speziellen Projekt, aber auch in anderen Kategorien, mit go2market zusammengearbeitet. Selbstverständlich gibt es auch Projekte in anderen Ländern.

Welche Formen der Kooperation mit Startups sind für Nestlé prinzipiell interessant?

Für uns sind verschiedene Kooperationsformen denkbar und erfolgsversprechend: manchmal stellen wir unser Supply Modell zu Verfügung, manchmal unterstützen wir finanziell. Was zählt ist, dass wir ein gemeinsames Ziel haben, etwa die die gleichen Konsumentenbedürfnisse ansprechen wollen, und dass man gut zueinander passt.

Was kann Nestlé von Startups lernen und inwiefern profitieren Startups von einer Zusammenarbeit mit Ihnen?

Bei einer Zusammenarbeit haben in der Tat beide Seiten etwas zu bieten: die großen internationalen Unternehmen haben umfangreiche Erfahrung und Expertise zum Beispiel im Rechtsbereich, einen schnellen Zugang zu neuen und globalen Märkten, sind finanziell abgesichert, verfügen über mehr Ressourcen und das Verständnis von verschiedenen Kulturen. Startups hingegen können rasch neue Ideen und Geschäftsmodelle entwickeln, disruptiv agieren, aktiver, schneller und weniger kompliziert handeln. Sie sind weniger bürokratisch. Eine Kooperation kann daher für beide Seiten lohnend sein.

Böse Zungen behaupten, große Konzerne holen sich Startups ins Boot, um kostengünstig an neue Ideen zu kommen, die sich dann auch noch positiv aufs eigene Image auswirken.

Das ist bei uns nicht der Fall! Wir haben selbst auch gute Ideen. Ein Beispiel dafür ist die pflanzliche Thunfisch-Alternative VUNA von Garden Gourmet, die wir in Kürze auch in Österreich auf den Markt bringen. Nestlé hat ein großes globales F&E-Accelerator-Netzwerk, das 2019 ins Leben gerufen wurde und mittlerweile 12 Standorte in acht Ländern hat. Erst Anfang September wurde zudem in Lausanne in der Schweiz unser größter F&E-Accelerator offiziell eröffnet. Mit einer Fläche von 4000 m2 ist dieser nicht nur der größte in der Branche überhaupt, sondern verfügt auch über eine Vielzahl an Co-Working-Stationen, Prototyping-Küchen und Mini-Produktionsanlagen. Damit bietet dieser eine einzigartige Plattform für Startups, Studenten und Nestlé-Intrapreneure, um Innovationen auf raschem Wege auf den Markt zu bringen.

Welchen Tipp würden Sie Startups, die ihre Produkte auf den Markt und große Handelsketten von ihrer Idee überzeugen wollen, mit auf den Weg geben?

Das Produkt, das auf den Markt gebracht werden soll, muss ein Verbraucherbedürfnis befriedigen, und einen klaren USP gegenüber anderen Produkten haben. Es ist wichtig, sich darüber im Klaren zu sein. Denn daran zeigt sich, wie groß ihre Chance ist, sich zunächst im Handel und letztlich gegenüber den Verbraucher:innen durchzusetzen. Das geht uns im Übrigen nicht anders. Auch wir müssen ständig verstehen, welches Portfolio oder welche Innovationen wir brauchen, um die Bedürfnisse der Verbraucher*innen zu erfüllen.

Gelingt Ihnen das immer?

Die Corona-Pandemie hat einmal mehr gezeigt, dass die Konsument:innen großes Vertrauen in die Qualität von Marken haben, und unsere positive Entwicklung am Markt zeigt auch, dass wir mit unseren Produkten einen relevanten Mehrwert bieten.

Innovativ zu sein bedeutet aber nicht nur, sortimentsseitig am Puls der Zeit zu sein, sondern auch die digitale Transformation konsequent voranzutreiben. Wie geht Nestlé mit dieser Herausforderung um?

Digitalisierung ist für uns ein wichtiger Faktor für die stetige Weiterentwicklung und auch um agiler und effizienter zu werden. Das bedeutet für uns einerseits die Digitalisierung unserer operativen Bereiche und unserer Verwaltung, aber auch der Ausbau der digitalen Kompetenz unserer Mitarbeiter:innen. Wir wollen auch unser E-Commerce Geschäft weiter vorantreiben und noch mehr Fokus auf die Datenanalyse legen, um Konsumenten und Kunden besser zu verstehen.

Welche Schwerpunkte setzen Sie hier genau?

In unseren Fabriken setzen wir beispielsweise DMO (Digital Manufacturing Operations) ein, eine fabrikbasierte Lösung mit funktionalen Modulen zur Verwaltung und Steuerung der Aktivitäten in der Fertigung. In Österreich selbst haben wir allerdings keine Produktion mehr.
Wie wichtig die Digitalisierung für das Vorantreiben von Geschäftsmodellen ist, lässt sich aber auch am Beispiel von Nespresso zeigen.

Inwiefern?

Nespresso hat beispielsweise im Direct-to-Consumer E-Commerce ein sehr responsives digitales Ökosystem entwickelt, das eine umfangreiche Dienstleistungspalette bietet − vom Nespresso Abonnement über die Community-Bildung bis hin zu fortschrittlichen Abwicklungsfunktionen. Dank eines robusten, skalierbaren Systems konnte Nespresso den starken Anstieg bei den Online-Käufen 2020 problemlos bewältigen.

Wie stark waren denn die Steigerungen, die Sie zu bewältigen hatten?

Im ersten Lockdown im März 2020 konnten wir in der Nespresso Online Boutique ein Plus von rund 50 Prozent verzeichnen. Über den gesamten Zeitverlauf seit dem ersten Lockdown gab es mit Stand März 2021 eine Steigerung der Verkaufszahlen in der Online Boutique von rund 20 Prozent.

Hat Nestlé eigentlich bereits mit Künstlicher Intelligenz experimentiert bzw. kommt diese im Unternehmen bereits zum Einsatz?

Nestlé nutzt künstliche Intelligenz und End-to-End-Analysen, um die Zusammenarbeit mit Kunden zu vertiefen, die Produktion zu priorisieren und die Effektivität von Werbemaßnahmen zu erhöhen. Dadurch unterstützen wir die Verbesserung der Konsumenten- und Kundenorientierung, die Flexibilität und Agilität in der Produktion und die Transparenz und Rückverfolgbarkeit in unseren Versorgungsketten.

Vielen Dank für unser Gespräch.

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(v. l.) AT-Styria-Vorsitzender Herbert Ritter, BrightFlare-CEO Markus Seme, GMAR-Präsidentin Ulrike Haslauer, DCCS-Geschäftsführer Thomas Edlinger, Joanneum Research-Geschäftsführer Heinz Mayer und AT Styria-Geschäftsführer Helmut Röck © Lukas Elsneg

Der Cluster AT Styria (Plattform Automatisierungstechnik Steiermark), ein branchenübergreifendes Netzwerk von 120 Unternehmen, die in der Automatisierungstechnik tätig sind, hat bei den „European Robotics and Automation Talks“ in Graz seinen Plan für eine Robotik-Testregion vorgestellt. Dort soll die nächste Robotergeneration unter realen Produktionsbedingungen bis zur industriellen Einsatzreife entwickelt werden.

Ziel: Industrielle Einsatzreife

Mit an Bord sind unter anderem Joanneum Research, TU Graz, FH Campus 02, Magna Steyr, der KI-Softwareanbieter DCCS und der Security-Spezialist BrightFlare. Über die „Area Süd“ werden Kärntner Partner eingebunden. Dazu kommen das slowenische Netzwerk SRIP Factories of the Future, das italienische DITEDI, mit dem im Juli 2026 ein Memorandum of Understanding unterzeichnet wurde, sowie Bayern Innovativ.

Aus Sicht von AT-Styria-Vorsitzendem Herbert Ritter, der auch Vizepräsident der WKO Steiermark ist, wird KI-gestützte Robotik zur zentralen Standortfrage. „Wir wollen Kooperationen erzeugen, als Enabler wirken und dafür sorgen, dass neue Technologien schneller in den Betrieben ankommen“, sagt er.

18 Millionen Euro aus Horizon Europe

Das Konsortium bewirbt sich um das einzige europaweite Leitprojekt, das Horizon Europe für die industrielle Integration KI-gestützter Robotik vorsieht. Horizon Europe ist das Forschungs- und Innovationsprogramm der Europäischen Union und läuft von 2021 bis 2027. Mit einem Budget von rund 95 Milliarden Euro ist es eines der größten Förderprogramme dieser Art weltweit. Gefördert werden Projekte, in denen Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus mehreren Ländern zusammenarbeiten.

Die Ausschreibung öffnet im November 2026, dafür stehen rund 18 Millionen Euro bereit. Der Antrag soll im Frühjahr 2027 eingereicht werden, die Förderentscheidung fällt im Sommer. Bei einer Zusage könnte das Projekt 2028 starten.

Drei Pilotprojekte als Rückgrat

Geplant sind drei industrielle Pilotprojekte. Im ersten arbeiten humanoide Roboter an mehreren Arbeitsplätzen einer Fertigung, bedienen Maschinen und wechseln Werkstücke. Der zweite Pilot widmet sich der innerbetrieblichen Logistik mit autonomen mobilen Robotern. Im dritten übernehmen KI-Systeme Aufgaben in Qualitätskontrolle, Inspektion und Instandhaltung.

Heinz Mayer, Geschäftsführer von Joanneum Research, erklärt das Ziel: „Jeder Pilot setzt bei einem konkreten Engpass im Betrieb an. Am Ende steht eine klare wirtschaftliche und technische Bilanz: Welche Taktzeit erreicht das System, wie zuverlässig arbeitet es, welchen Integrationsaufwand verursacht es und wann rechnet sich die Investition? Genau diese Antworten brauchen Unternehmen, bevor sie eine neue Technologie in größerem Maßstab einsetzen.“

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