28.09.2020

Identity2020, digitales Tracing und Vertrauen: Speed Kills

Das Projekt Identity200 soll Menschen eine sichere digitale Identität geben. Doch das Misstrauen der Menschen ist groß.
/artikel/identity2020
ID2020 Digitales Tracing
(c) Adobe Stock / Alexander / beigestellt

Der Spruch „speed kills“ hat was. Er wird benutzt, wenn sich die Geschwindigkeit eines Prozesses negativ auf selbigen auswirkt. Vielleicht ist es einfach nur ein neuhochdeutsches Synonym für das verstaubte „gut Ding braucht Weile“.

In unserer hochtechnisierten Welt wird uns jedenfalls einiges abverlangt, vor allem eine hohe Adaptionsgeschwindigkeit. Und manchmal ist es einfach schwer mitzuhalten, auch wenn man eigentlich offen dafür ist. Schauen wir uns ein solch spannendes wie forderndes Projekt näher an.

Identity2020 soll digitale Identitäten für uns alle schaffen

Unter der Domain id2020.org können Interessierte erfahren, wie dieses revolutionäre System funktionieren soll.  Über eine Milliarde Menschen auf der Erde haben laut der Projektbeschreibung keine digitale ID bzw keine Unterlagen, die ihre Identität beweisen können.

So steht ein Flüchtling vielleicht ohne Pass an einer Grenze und kann seine Identität nicht belegen, andere können keine dringend benötigten Impfungen erhalten, da sie keine Geburtsurkunde oder Impfpässe haben und Touristen können nicht nachhause reisen, wenn ihre Reisedokumente im Ausland verloren gehen.

Zudem ist es unzufriedenstellend, dass unsere herkömmlichen digitalen Identitäten im Internet nur unzureichend geschützt, oft Ziel von Kriminalität und selten unter vollständiger und alleiniger Kontrolle von uns selbst sind. So weit, so einleuchtend.

Mit Biometrie und Blockchain Menschen in ihrer Individualität digital erfassen

Mit dem System der gemeinnützigen Organisation „Identity2020 Systems Inc“ sollen biometrische Daten (also etwa Scans unseres Gesichts und Fingerkuppen) in einer globalen Blockchain das Problem lösen. Ärmere Menschen sollen damit wichtige Nachweise und Behördenzugänge bekommen, ihr Wahlrecht ausüben können oder medizinische Versorgung sichergestellt bekommen.

Erste Versuche mit der digitalen Identität begannen mit Flüchtlingen in Thailand, seit 2019 soll es für ein Impfprojekt in Bangladesch zum Einsatz kommen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Nur mit einer biometrischen Kennung könne man bei Menschen ohne Obdach oder Eigentum einwandfrei nachweisen, wer welche Impfung schon erhalten habe und wer nicht. Doch das scheint erst der Beginn dieser Vision zu sein.

Die sogenannte „Digital Identity Alliance“ strebt laut Medienberichten die Schaffung weitreichender und umfassend einsetzbarer, digitaler Identitäten an. Damit sollen sich Menschen über Grenzen hinweg identifizieren können und gleichzeitig die Kontrolle über ihre eigenen Daten erhalten. Das Ziel sei eine personalisierte, biometrisch kontrollierte und völlig portable, digitale Identität, die ein ganzes Leben lang bestehen soll. Durch die dezentrale Speicherung der Daten in einer Blockchain und der dort üblichen Tokenisierung, soll das System besonders sicher werden. Jeder Nutzer soll dann selbst bestimmen können, welche Daten seiner fälschungssicheren „digitalen Identität“ er wem, wann und wie zugänglich machen möchte. So soll man irgendwann ohne Pass reisen können, seine Impfungen und Medikamente dokumentieren, aber auch Zahlungen, Kredite oder Begegnungen mit Hilfe der digitalen Identität absolut sicher verwalten können.

Gates, Microsoft, Rockefeller und das Misstrauen

Mit an Bord von ID2020 sind unter anderem die Impfallianz GAVI, die Rockefeller Foundation, Microsoft sowie Implementierungspartner. Große Stiftungen, Banken, das UNHCR sowie Regierungen, darunter jene der USA aber auch die Europäische Kommission, scheinen zunehmend Gefallen an diesem Projekt zu finden und es zu unterstützen.

Doch Bill Gates, Microsoft und die Rockefeller Foundation sowie die ersten Anwendungen des „Identity-Systems“ an Impf-Patienten stoßen auch auf harte Kritik und kommen zudem in unzähligen Verschwörungstheorien vor, folgt man einschlägigen Messenger-Kanälen und Web-Foren. Das besonders häufig genannte und falsche Gerücht, mit den Impfungen hätte man auch Überwachungsimplantate verabreicht oder plane dies, verbreitet sich bis heute. Von antisemitischen Ressentiments bis hin zu Warnungen, es handle sich in Wahrheit um ein globales Überwachungsprogramm, das uns unterdrücken und manipulieren soll, scheinen der Angst-Fantasie derer, die ID2020 misstrauen, kaum Grenzen gesetzt.

Selbst der Qualitätssender Ö1 beginnt in seiner Sendung „Journal Panorama“ vom 22.09. eine Analyse zur neuen digitalen Identität mit einem Ausschnitt aus dem Film „Minority Report“. Darin mimt Tom Cruise einen Polizisten in Washington D.C., der potentielle Kriminelle der Zukunft eliminiert, bevor sie ihre Verbrechen begehen können. Komplexe Analysen der Identitäten der Zielpersonen würden der Polizei Vorhersagen erlauben, wer wann ein Verbrechen geplant hätte. Und weiter hieß es im Journal: „Im Internet seien bereits so viele Daten über uns gespeichert, dass sich ein Großteil unseres Lebens analysieren und voraussagen lasse.“

Einige Kritiker stellen sich die Frage, ob es ein 100% sicheres System überhaupt geben könne und was passieren würde, wenn derart global verfügbare, umfassende Informationen aller menschlichen Identitäten doch, wider Erwarten, in falsche Hände gerieten. Auch Geheimdienste und undemokratische Staaten würden das System für ihre Zwecke missbrauchen können, so die Zweifler am Projekt.

Wir müssen die Menschen endlich mitnehmen

Das visionäre Projekt ID2020 hat großes Potential. Und es hat Probleme, vor allem in der Dritten Welt, richtig analysiert. Derart fortschrittliche Technologie zur Lösung komplexer Probleme zu nutzen und sie im Sinne der Menschen einzusetzen, ist nicht bloß eine mögliche Handlungsvariante. Denn dort wo Innovation das Leben vieler in sicherer Weise verbessern kann, soll und muss sie auch angewandt werden, so auch die Überzeugung führender Ethiker. Aber die Menschen müssen der Technologie vertrauen können und sie verstehen.

Ein Paradebeispiel, wo Technologie Teil einer großen Problemlösung sein kann, ist unsere derzeitige Pandemie. Die Stopp-Corona-App hat fast nur Vorteile und dennoch europaweit einen schweren Start. Und das liegt weder an den Betreibern, noch am jeweiligen Staat, noch an den Smartphones, mit denen man sie nutzt. Es liegt laut Umfragen an unserer tief verankerten Angst vor Überwachung. Seit Jahrzehnten pflegen wir diese Angst, in unserer Literatur und Debattenkultur, online wie offline. Manchmal kritisieren wir überzogene Datennutzung und -missbrauch völlig zurecht, aber häufig fürchten wir uns grundlos und Verhindern den Einsatz wichtiger Innovationen zu unserem Wohl.

Contact Tracing in Corona-Zeiten

Wir wissen z.B. von der Stopp-Corona App, dass sie sicher ist, dass sie anonym Daten verarbeitet mit künstlich erzeugten IDs und sogar den Sourcecode haben die Entwickler transparent gemacht. Ja selbst die kritischsten Datenschützer des Landes haben dieser App einen Persilschein gegeben und dennoch nutzen viele User dieses wertvolle Programm nicht, weil ihnen ihr Instinkt sagt, dass sie damit eine Gefahr eingehen.

Das führt zu so absurden Situationen, dass man nun seine echten Namen plus Kontaktdaten in Restaurants in etlichen Städten Europas – und nun auch in Wien – beim Besuch abgeben muss, um im Fall einer Infektion kontaktiert werden zu können. In Deutschland galt diese Verordnung übrigens fast überall schon während der ersten Welle. Absurd ist das deshalb, weil man digital das „Tracing“ völlig anonym hätte ermöglichen können. Doch weil man das anonyme, „digitale Tracing“ zu wenig annahm, benötigt man nun „analoges Tracing“ – und damit das Aufgeben unserer Anonymität.

ID2020: Smarte Technologie braucht Vertrauen

Im Fall von ID2020 ist es auch eine smarte Technologie, die große Probleme lösen könnte. Doch dafür muss erstmal das Vertrauen der Nutzer gewonnen werden, denn hier geht es vergleichsweise ums Eingemachte. Viele Beobachter beklagen das unklare Verhältnis von kommerziellen, zivilen und staatlichen Zielen bei einem so mächtigen Technologieeinsatz. Es fehlen zudem klar verständliche Antworten auf etliche Fragen, die Sicherheit schaffen und dystopischen Verschwörungstheorien Einhalt gebieten.

Und gerade große Tech-Player müssen langfristig Verlässlichkeit hinsichtlich ihrer Absichten, Rollen und Verantwortung garantieren, auch und gerade gegenüber kleineren Partnern und Kunden, wie ein jüngstes anderes Beispiel zeigt.

Seit Jahren verfolgen wir KI-Entwickler die Entwicklung von Open-AI sehr wohlwollend, die hauptsächlich von Elon Musk und Microsoft finanziert wurde. Gerade Musk zeichnete immer wieder Horrorszenarien von potentiell gefährlicher Künstlicher Intelligenz (KI) an die Wand und bewarb damit dieses Unternehmen, das ethisch auf höchstem Niveau und in Open-Source Tradition auch kleineren Entwicklern Zugang zu sicherer KI geben sollte. Erst kürzlich legte ich in meiner Kolumne die Vorzüge und enormen Fortschritte der von Open-AI entwickelten, mächtigen Sprachtechnologie GPT-3 dar. Doch am Dienstag meldete Microsoft eine für uns alle völlig unerwartete „exklusive Lizenz“ an GPT-3 (der Natural Language Software von Open-AI) an, wie u.a. der Business Insider berichtete. Da hilft es uns wenig, dass auch Musk erzürnt ist und Microsoft offen kritisiert.

Was helfen der Welt die zahlreichen glatten, mit Gitarren-Musik untermalten und von sanften Stimmen erklärten, visionären Videos, wie sehr man der Welt und den Menschen nicht dienen wolle, wenn man derart mit mächtiger Technologie und seinen Partnern, Kunden und Fans umgeht, einfach weil man es ökonomisch kann? Die Urangst vieler Menschen, mächtige Konzerne könnten es sich richten und würden am Ende ohnedies nur dem eigenen Nutzen dienen, wird damit befeuert und wichtiges Vertrauen verspielt.

Neue Technologie braucht Entwicklung auf Augenhöhe

Daher braucht es gerade bei so weitgreifender Technologie wie der ID2020, wo es um nichts weniger als unsere Identitäten geht, die klare Projekt-Führerschaft demokratischer Institutionen, absolute Verlässlichkeit in punkto Zielen und Engagement aller Beteiligten, die Transparenz der entwickelten Technologie und – vor allem – die Fähigkeit, die Funktionsweise dieser Technologien den Menschen verständlich zu erklären.

Der letzte Punkt wird am meisten unterschätzt. Digitale Innovation verändert die Welt wie nichts Vergleichbares. Sie entwickelt mitunter mehr Macht, als alles davor Gewesene. Die Menschen haben es verdient, mit auf die Reise genommen und nicht bloß als Konsumenten gesehen zu werden. Wir Technologen, ob groß oder klein, müssen sie dabei rational erreichen, aber vor allem auch im Herzen und die kommenden Jahre der Entwicklung gemeinsam und auf Augenhöhe gestalten.

Über den Autor

Mic Hirschbrich ist CEO des KI-Unternehmens Apollo.AI, beriet führende Politiker in digitalen Fragen und leitete den digitalen Think-Tank von Sebastian Kurz. Seine beruflichen Aufenthalte in Südostasien, Indien und den USA haben ihn nachhaltig geprägt und dazu gebracht, die eigene Sichtweise stets erweitern zu wollen. Im Jahr 2018 veröffentlichte Hirschbrich das Buch „Schöne Neue Welt 4.0 – Chancen und Risiken der Vierten Industriellen Revolution“, in dem er sich unter anderem mit den gesellschaftspolitischen Implikationen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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Die EU fördert neue Wasserstoffprojekte in Serbien. Deutschland sieht in dem Land gar einen möglichen Lieferanten für Europa. Vor Ort zeigt sich: Es fehlen Strom aus Wind und Sonne, klare Regeln und eine Verwaltung, die sie umsetzt. Chancen für die internationale Wirtschaft gibt es trotzdem, nur nicht dort, wo man sie zuerst vermutet.
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Ein Elektrobus der Belgrader Verkehrsbetriebe lädt an einer Schnellladestation von Siemens. | (c) Alexandra Polic

Belgrad steht. Auto an Auto schiebt sich durch die Stadt, dazwischen fahren Busse, die ihr erstes Leben woanders verbracht haben: in Deutschland oder in Österreich zum Beispiel. Manche tragen noch die alten Aufkleber. „Notausstieg” steht da auf Deutsch auf einem Fenster, mitten in Serbiens Hauptstadt.

Es verwundert also wenig, dass einem in neun Tagen in Serbien nur eine einzige Haltestelle mit E-Bussen auffällt. Immerhin gab es die zu Lebzeiten der nun serbischen Busse in deutschsprachigen Ländern kaum. Aufhalten lassen sich ausländische Firmen dadurch nicht. In Belgrad verkauft etwa der chinesische Konzern BYD Elektroautos. Nur: Auf der Straße sieht man kaum welche. Trotzdem sollen ausgerechnet hier, in einem Land mit fossilem Antrieb, neue Wasserstoffprojekte entstehen, gefördert aus europäischen Ländern, zum Teil sogar aus Mitteln der EU. Woran liegt das?

Europas große Wette auf grünen Wasserstoff

Zum einen drängen die Ziele: Bis 2030 will die EU zehn Millionen Tonnen grünen Wasserstoff selbst produzieren und ebenso viel importieren. So steht es im REPowerEU-Plan. Es ist eines der ambitioniertesten industriepolitischen Vorhaben der Union und ein zentrales Werkzeug, um im Wettbewerb mit den USA und China zu bestehen. Der Draghi-Report 2024 nennt hohe Energiekosten und Importabhängigkeit als Hauptgrund, warum Europas Industrie zurückfällt. Seine Forderung: dekarbonisieren.

Grüner Wasserstoff kann dabei helfen. Er funktioniert dort, wo direkte Elektrifizierung an Grenzen stößt, etwa in Stahl, Chemie, Schifffahrt und Schwerlastverkehr, und ersetzt fossile Importe. Er ist Klima-, Industrie- und Souveränitätspolitik in einem. Hergestellt wird er in Elektrolyseuren: Anlagen, die Wasser mithilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff spalten. Grün ist er nur, wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne oder Wasserkraft stammt.

Aber der Hochlauf stockt. Die Produktion ist teuer, die Infrastruktur fehlt. 2024 waren in der EU laut European Hydrogen Markets Monitoring Report 308 Megawatt Elektrolysekapazität installiert. Vorgesehen waren 6.000. Bis 2030, so sieht es die EU-Wasserstoffstrategie vor, sollen es 40.000 werden.

Serbien: Ein Kandidat ohne Plan

Während Spanien als Vorreiter gilt und in Österreich mit 140 Megawatt die bisher größte Elektrolyseanlage des Landes entsteht, versuchen europäische Akteure auch den serbischen Markt zu erschließen. Dabei fehlt Serbien bis heute eine nationale Wasserstoffstrategie.

Politisch ist das Land seit 2012 EU-Beitrittskandidat und aktuell so weit von einer Mitgliedschaft entfernt wie lange nicht. Im jüngsten Fortschrittsbericht attestierte die EU-Kommission Serbien das schlechteste Zeugnis aller Kandidaten, die Reformen seien zum Stillstand gekommen. Proteste, Korruptionsvorwürfe und Neuwahlen Ende Oktober halten das Land in Aufruhr. Kann aus einem Beitrittskandidaten ohne Strategie ein Energiepartner werden? Und was heißt das für alle, die dort investieren wollen?

Im Navigator Business Center in Novi Beograd sind zahlreiche Unternehmen und Startups angesiedelt. | (c) Alexandra Polic

Keine Nachfrage für Wasserstoff

„Alle vier Jahre wird Wasserstoff zum wichtigsten Thema, und dann verschwindet er wieder von der Agenda. Gerade sind wir eher unten auf der Kurve. Die Investitionen rund um Wasserstoff sind so niedrig wie seit Jahren nicht”, sagt Rahul Mishra, Co-Founder von The Energy Bridge. Die Wiener Plattform bringt Forscher:innen, Unternehmer:innen und Investor:innen zusammen. „Serbien ist auf jeden Fall ein interessanter Ort für erneuerbare Energien. Was grünen Wasserstoff betrifft, bin ich mir allerdings nicht so sicher”, sagt Mishra. Grüner Wasserstoff mache nur dort Sinn, wo es bereits einen hohen Anteil an erneuerbarer Energie gebe.

Aber von Serbiens heimischer Energieproduktion entfielen laut Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) 2024 rund 70 Prozent auf fossile Brennstoffe, während Sonne, Wind und andere Erneuerbare zusammen nur etwa 1,4 Prozent beitrugen. Damit fehlt genau die Voraussetzung, die Mishra nennt. Dazu kommt ein Richtungswechsel in Brüssel: Mit ihrem im Juli präsentierten Elektrifizierungsplan setzt die EU-Kommission stärker auf Strom als auf Wasserstoff.

Tiefschwarz

Viele Menschen in Serbien sagen unabhängig voneinander das Gleiche: dass das Land tiefschwarz ist. Schwarz steht in diesem Fall für Kohle. Wasserstoff ist in Serbien ein Thema für einen kleinen Kreis von Fachleuten. Selbst manche Institutionen zeigten sich auf Anfrage überrascht, dass es solche Projekte im Land gibt. Das serbische Energieministerium hat auf Anfragen nicht reagiert.

Warum Projekte feststecken

Dabei haben in den vergangenen Jahren vor allem deutsche Firmen versucht, den serbischen Wasserstoff-Sektor aufzubauen. Laut Informationen der Deutsch-Serbischen Wirtschaftskammer (AHK) steckt ein Pilotprojekt gerade wegen regulatorischer Probleme in der Planung fest. Selbst für Pilotprojekte fehlen also Verordnungen, etwa zur Sicherheit.

Erst im Jänner hat Serbien ein nationales Gesetz zu CO₂-Emissionen eingeführt, das dem EU-Emissionshandel entsprechen soll. Wasserstoff fehlt darin, obwohl er unter den EU-Grenzausgleich CBAM fällt. Die Kammer hatte dessen Aufnahme in der öffentlichen Konsultation gefordert, blieb damit aber erfolglos.

Viele Ankündigungen, wenig Umsetzung

Ilija Batas-Bjelić forscht am Institut für Technische Wissenschaften der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste (SANU). Er modelliert Energiesysteme, mit dem seines Landes hat er sich umfassend auseinandergesetzt. Sein Fazit: „Im Grunde gibt es hier kein System.” Ein echtes Energiesystem verbindet viele verschiedene Komponenten zu einem funktionierenden Ganzen: Kraftwerke, Netze, Verbraucher:innen sowie unterschiedliche Sektoren wie Strom, Wärme und Transport. In Serbien fehlt diese Verzahnung bisher.

Laut Batas-Bjelić liegt das Land in der Energiewende rund zwanzig Jahre zurück, weil Kohle für das Finanzministerium die zentrale Einnahmequelle bleibt und notfalls sogar importiert wird. Das Energieministerium habe zwar viel Arbeit in Regulierung und Gesetzgebung gesteckt, aber für die Umsetzung fehle alles: das Geld, das Fachpersonal und die Infrastruktur. „Es gibt viele Ankündigungen, aber es passiert nichts”, sagt er.

Wer trotzdem baut

„Generell halte ich Wasserstoff für diese Region für etwas zu teuer”, sagt der Forscher. „Von Fall zu Fall kann sich Wasserstoff wirtschaftlich lohnen und für Banken finanzierbar sein”, erklärt er. Den Anstoß erwartet er vor allem von kleineren Unternehmen. Solarstrom und PV-Anlagen seien billig, die Gasversorgung bleibe unsicher. Wer eine eigene PV-Anlage betreibt, könne damit auch vor Ort Wasserstoff erzeugen.

Die Theorie bestätigt sich in der Praxis. Nach Informationen aus dem Umfeld der deutschen Entwicklungsbank KfW kommt derzeit nur ein Wasserstoffprojekt im Land wirklich voran: das eines privaten Transportunternehmens nahe Belgrad. Es will Strom aus einer eigenen Solaranlage in Wasserstoff für die eigenen Lkw umwandeln, die Tankstelle soll bis Mitte 2027 in Betrieb gehen. Das Projekt ist aus Eigenmitteln finanziert. Der Aufwand für Förderungen stand in keinem Verhältnis zur Summe. Wer in Serbien auf Wasserstoff setzt, ist bisher auf sich allein gestellt. Aber was heißt das für jemanden, der investieren will?

Wo der Markt wirklich liegt

Die Gesprächspartner:innen zeigen alle in dieselbe Richtung, und sie zeigt nicht auf Wasserstoff. Batas-Bjelić beobachtet, dass derzeit ausschließlich kleine Solarprojekte tatsächlich gebaut werden, während größere Vorhaben liegen bleiben, und erwartet den Anstoß von Unternehmen selbst. Wer in Serbien in Erneuerbare investieren will, muss also kleiner denken: bei Anlagen für den Eigenverbrauch von Betrieben.

Die Deutsch-Serbische Wirtschaftskammer verweist auf eine konkrete Lücke, die auch für österreichische Investor:innen interessant sein könnte: Deutsche Firmen haben in Serbien längst selbst Photovoltaik installiert und ihre Prozesse optimiert, um auf das CO₂-Grenzausgleichssystem CBAM der EU vorbereitet zu sein. Ihre kleineren serbischen Zulieferer haben das nicht. Deren Emissionen schlagen nämlich auf die Klimabilanz ihrer internationalen Abnehmer durch. Und genau dort sei Raum für Investitionen.

Für alle Bereiche rät Daniel Schaub von The Energy Bridge, lokale Akteure einzubeziehen. „Wenn die Community rund um ein Projekt dagegen ist, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Die Community einzubinden, senkt dieses Risiko, und das ist bei Investitionen wichtig.” Wissenstransfer und lokale Arbeitsplätze gehören für ihn dazu.

Bei grünem Wasserstoff ist Serbien noch nicht so weit. Wer dort trotzdem investieren will, sollte beim Fundament anfangen, gemeinsam mit den Menschen vor Ort.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026″ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

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AI Summaries

Identity2020, digitales Tracing und Vertrauen: Speed Kills

  • Mit dem System der gemeinnützigen Organisation „Identity2020 Systems Inc“ sollen biometrische Daten in einer globalen Blockchain das Problem lösen.
  • Das Ziel sei eine personalisierte, biometrisch kontrollierte und völlig portable, digitale Identität, die ein ganzes Leben lang bestehen soll.
  • Mit an Bord von ID2020 sind unter anderem die Impfallianz GAVI, die Rockefeller Foundation, Microsoft sowie Implementierungspartner.
  • Einige Kritiker stellen sich die Frage, ob es ein 100% sicheres System überhaupt geben könne und was passieren würde, wenn derart global verfügbare, umfassende Informationen aller menschlichen Identitäten doch, wider Erwarten, in falsche Hände gerieten.
  • Viele Beobachter beklagen das unklare Verhältnis von kommerziellen, zivilen und staatlichen Zielen bei einem so mächtigen Technologieeinsatz.
  • Daher braucht es gerade bei so weitgreifender Technologie wie der ID2020, wo es um nichts weniger als unsere Identitäten geht, die klare Projekt-Führerschaft demokratischer Institutionen, absolute Verlässlichkeit in punkto Zielen und Engagement aller Beteiligten, die Transparenz der entwickelten Technologie und – vor allem – die Fähigkeit, die Funktionsweise dieser Technologien den Menschen verständlich zu erklären.

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

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  • Mit an Bord von ID2020 sind unter anderem die Impfallianz GAVI, die Rockefeller Foundation, Microsoft sowie Implementierungspartner.
  • Einige Kritiker stellen sich die Frage, ob es ein 100% sicheres System überhaupt geben könne und was passieren würde, wenn derart global verfügbare, umfassende Informationen aller menschlichen Identitäten doch, wider Erwarten, in falsche Hände gerieten.
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  • Daher braucht es gerade bei so weitgreifender Technologie wie der ID2020, wo es um nichts weniger als unsere Identitäten geht, die klare Projekt-Führerschaft demokratischer Institutionen, absolute Verlässlichkeit in punkto Zielen und Engagement aller Beteiligten, die Transparenz der entwickelten Technologie und – vor allem – die Fähigkeit, die Funktionsweise dieser Technologien den Menschen verständlich zu erklären.

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