Holacracy: „Das wird das Ende für Rocket Internet sein“
Julian Teicke (29) hat den Führungsstil in der deutschen Startup-Schmiede Rocket Internet am eigenen Leib zu spüren bekommen. Über die Frage, wie man in Unternehmen Frust und Konflikte vermeiden kann, gelangte er zu einem neuen Modell der Organisation: Holacracy soll Mitarbeiter glücklicher und produktiver machen – das amerikanische Zalando-Vorbild Zappos lebt es vor. Der Brutkasten bat Teicke und Unternehmensberater Gerald Mitterer zum Gespräch über die Organisation von Startups, die Auswirkungen zentralisierter Macht und hierarchischer Strukturen und die Lösung aller Probleme und Missverständnisse in Firmen.
Warum haben Sie begonnen, sich mit Organisatiosstrukturen zu beschäftigen?
Julian Teicke (DeinDeal, Financefox): Die Samwer-Brüder (Rocket Internet, Anm.) haben mit ihrem Führungsstil dafür gesorgt, dass die Startup-Szene in Europa nicht die Rolle in der Gesellschaft einnimmt, die sie sollte. In den USA sind Startups die Speerspitze der Innovation – auch im Sinne organisationaler Organisation. Das ist mir nach meiner Zeit bei Groupon klar geworden. Ich habe eine Agentur gegründet die auf zwei Säulen basiert: technologische Innovation und organisationale Organisation.
Was macht diese Agentur genau?
(c) Julian Teicke
Teicke: Die Agentur konzentriert sich darauf, in der Startup-Szene Salesforce als Technologie zu implementieren. Holacracy als Organisationsmodell soll als Dienstleistung bald kommen. Das Ganze soll zu einem Inkubator werden. Wir wollen Organisationen aufbauen, die in der Lage sind, massive Industrien ins Wackeln zu bringen. Das ist auch bei Financefox und der Versicherungsindustrie der Fall – meinem aktuellen Projekt. Wir wollen beweisen, dass wir über diese zwei Pfeiler einen globalen Player auf die Beine stellen können, der alle anderen Marktplayer komplett outperformed.
„Das wird auch das Ende für Rocket sein, weil ihnen die Leute wegrennen.“
Das klingt nach einem zweiten Rocket Internet mit besseren bzw. ethischeren Organisations-Ansätzen.
Teicke: Ich möchte beweisen, dass es so besser funktioniert. In den nächsten fünf Jahren sehe ich aber kein weiteres großes Projekt. Sollten wir das dennoch auf die Reihe bekommen, wäre es ein Gegenmodell zu Rocket Internet mit sehr hohem Wert. Wir spüren schon jetzt einen starken Zulauf von talentierten Rocket-Leuten. Das wird auch das Ende für Rocket sein, weil ihnen die Leute wegrennen. Die Samwers werden nie arm, aber irgendwann wird das Ganze zusammenbrechen.
Was ist Holacracy genau? Wo liegen die Unterschiede zu einer herkömmlichen Organisation?
Gerald Mitterer (dwarfs and Giants): Es ist ein bisschen verwegen, das jetzt schnell zu erklären (lacht). In einer traditionellen Organisation geht es um die Hierarchie von Personen und massive Macht an der Spitze.
Warum ist das nicht sinnvoll?
Mitterer: Das ist als würdest du in ein Flugzeug steigen und 70 Instrumente haben um das Flugzeug gut zu fliegen, du entscheidest aber, heute nur den Höhenmesser zu verwenden. In so einem zentralisierten System werden Führungskräfte zu einem Filter und zu einer Sackgasse: Wenn du als Mitarbeiter keine Führungskraft findest, die du überzeugen kannst, dass ein Thema wichtig ist, dann geht es unter.
„Informationen von 10.000 Mitarbeitern, die von einer Person verarbeitet werden? Völliger Quatsch!“
Teicke: Eine traditionelle Organisation geht davon aus, dass die Informationen von 10.000 Mitarbeitern von einer Person prozessiert werden können. Das ist natürlich völliger Quatsch. Ich kenne viele CEOs von großen Unternehmen und ganz wenige von denen sind glücklich. Damit setze ich die eine Person wahnsinnig unter Druck und ganz viel Potenzial geht verloren.
Das klingt, als könnte man in herkömmlichen Firmen weder zufrieden, noch produktiv sein.
Teicke: Sieben von zehn Arbeitnehmern in der westlichen Welt sind disengaged – unter den 30-Jährigen sogar neun von zehn. Disenganged heißt, du gehst zur Arbeit, bekommst etwas vorgeworfen, fragst „warum soll ich das machen“ und dir wird gesagt, „mach es einfach“. Ich gehe davon aus, dass man so maximal 25 Prozent seines eigenen Potenzials ausschöpfen kann. Es ist ein Wunder, warum dieses Thema nicht längst viel wichtiger ist. Wir hätten Wachstumsraten von bis zu 500 Prozent in Aussicht, wenn wir es schaffen würden, das Potenzial jedes einzelnen zu nutzen.
Wie kann man Ihrer Meinung nach alle diese Potenziale wecken?
“Der absolute eye-opener”: Frederic Laloux, Reinventing Organizations, Nelson Parker 2014
Teicke: Progressive Organisationen bestehen aus drei großen Bereichen: Selbstmanagement. Wenn sich eine Stadt in ihrer Größe verdoppelt, steigt die Produktivität pro Einwohner um 15 Prozent. Wenn das gleiche in einer traditionellen Organisation passiert, sinkt die Produktivität erheblich. Menschen können sich selbst managen – sie meistern ja auch ihr Leben. Das zweite Element ist das Thema Wholeness: Wie schafft man ein Arbeitsumfeld, in dem jeder einzelne so sein kann, wie er ist, ohne diese professionelle Maske aufsetzen zu müssen. Der dritte Bereich ist Evolutionary Purpose. Wie schafft man etwas, das nachhaltig Sinn stiftet? In einer progressiven Organisation sind die Leute stolz für eine Firma zu arbeiten.
„Menschen können sich selbst managen – sie meistern ja auch ihr Leben.“
Wie sieht die Umsetzung von Holacracy ganz konkret bei Financefox aus?
Was sind die drei Schritte um Holacracy einzuführen? Erstens: Schau dir an, was für Arbeit in deinem Unternehmen gemacht wird und definiere ganz klare Rollen. Eine Rolle besteht aus einem purpose, also weshalb man etwas macht, und aus Verantwortlichkeiten. Eine Person kann mehrere Rollen innerhalb einer Organisation einnehmen. Ich kann also Gründer und CEO sein und gleichzeitig die Rolle des Putzmannes einnehmen.
Holacracy: Ein System zur internen Organisation von Unternehmen, das auf verteilter Entscheindungs- und Handlungsautorität basiert und sich im besten Falle selbst steuert.
Jetzt kann jeder Mitarbeiter kommen und sagen, toll, dass du dich über das Investment freust, aber du kommst deinen Verantwortlichkeiten als Putzmann nicht nach. Die Rollen müssen ganz explizit sein. Alles was implizit passiert, provoziert Missverständnisse. Schritt Nummer zwei: Governance. Das ist ein sehr strukturierter Prozess mit dem Ziel, das jede Person einen Vorschlag bringen kann, wie Spannungen im täglichen Arbeiten durch neue oder veränderte Rollen gelöst werden können. Der Change-Prozess, der in traditionellen Organisationen sehr schmerzhaft ist und große Risiken mit sich bringt, wird überflüssig. Bei Holacracy findet alle zwei Wochen ein Mini-Change-Prozess statt, wodurch sich die Organisation ständig ihrer Umwelt anpasst und damit viel schneller und agiler wird. Der dritte Schritt: Jeder hat ganz explizite Rollen, er weiß also ganz genau wofür er den anderen gegenüber verantwortlich ist. Dadurch steigt die Produktivität, weil das Potenzial an Missverständnissen reduziert ist.
Können Sie dafür ein konkretes Beispiel bringen?
Teicke: Ganz konkret bei Financefox: das Thema Kompensierung. Durch die traditionelle Weise, mit der wir Saläre und Boni bestimmen, entstanden Spannungen, die aufgedeckt wurden. Wir haben uns damit auseinandergesetzt und eine Rolle kreiert, die sich mit dem Kompensationsmodell beschäftigt. Wir haben nun ein ganz neues Kompensationsmodell mit Badges, die an Rollen geknüpft sind.
Gerade bei jungen Firmen gibt es oft eine Macht- und Titelgier – wird das bei der Einführung von Holacracy nicht zum Problem?
Teicke: Ich habe beides erlebt. Gerade in der Anfangsphase, wenn es auf Geschwindigkeit ankommt, ist mir eine traditionelle Struktur sehr viel einfacher gefallen. Als Gründer weiß man eigentlich wie es geht und man fühlt sich eingeschränkt von diesem Regelwerk. Aber objektiv schaffen wir mit Holacracy sehr viel mehr. Ich fühle mich auch vom Herzen her sehr viel wohler, weil eben die Verantwortung nicht alleine auf meinen Schultern liegt.
Auf welche Probleme sind Sie bei der Einführung noch gestoßen?
Teicke: Die Unternehmenskultur ist sehr wichtig beim Aufbau neuer Organisationen. Damit kämpfe ich besonders. Holacracy-Meetings sind mit Absicht unpersönlich und wirken auch etwas kalt. Wenn Leute das nicht richtig verstehen, tragen sie diese Kälte nach außen und es gibt eine negative Wechselwirkung zur Kultur.
Braucht man bei der Einführung von Holacracy Hilfe?
Teicke: Man geht zwar kein Risiko ein, wenn man Holacracy einführt. Um es richtig zu machen und das Potenzial voll auszuschöpfen braucht man aber Unterstützung, vor allem in der Praxis.
Wieviel Zeit müsste man als Gründer am Anfang investieren?
Teicke: Es kann lange dauern bis alle Leute verstanden haben, worum es geht. Der wirkliche Implementierungsprozess wird bei uns wohl nie aufhören – aber ich gehe von etwa sechs bis 12 Monaten aus, bis wir ein gutes Level erreicht haben.
„In 60 Jahren soll es nicht mehr okay sein, dass einzelne Manager aufgrund ihrer Autorität für sich das Recht einnehmen, die Integrität, die Ehre und den Stolz von Leuten um sich einfach zu zerstören“
Muss man die Welt verbessern wollen, um richtig groß zu werden?
Teicke: Ich glaube schon, dass das die Voraussetzung ist. Ein Thema, das mich sehr bewegt, ist das Unverständnis für Konflikte zwischen Individuen. Weshalb lassen wir es zu, so viel Frust aufkommen zu lassen? Ich glaube, dass Holacracy in Organisation dafür sorgen kann, dieses Konfliktpotenzial zu reduzieren. In Zukunft kann das die gesamte Gesellschaft beeinflussen. Ich spüre das auch selber im Umgang mit meinen Freunden und meiner Freundin. In 60 Jahren soll es nicht mehr okay sein, dass einzelne Manager aufgrund ihrer Autorität für sich das Recht einnehmen, die Integrität, die Ehre und den Stolz von Leuten um sich einfach zu zerstören, einfach weil sie können. Heute wird das einfach akzeptiert.
Startup-Land Oberösterreich: Von der Industrie-Hochburg zum Hightech-Zentrum
Wenn es einem Bundesland gelingt, in der öffentlichen Wahrnehmung einen Gegenentwurf zum dominanten Startup-Hub Wien aufzubauen, dann ist es Oberösterreich: Das Industrie-Bundesland und insbesondere die Hauptstadt Linz fallen auf — sei es durch bekannte Scaleups, spektakuläre Exits, KI-Forschung auf Weltniveau oder die umfassende Infrastruktur für Startups mit der Tabakfabrik Linz als markantem Monument. Wir werfen einen genaueren Blick auf das vielseitige Startup-Land Oberösterreich.
Startup-Land Oberösterreich: Von der Industrie-Hochburg zum Hightech-Zentrum
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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.
Jung, zufrieden und KI-affin
Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:
37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.
Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder
Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.
Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.
neoom
Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.
Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.
Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.
Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.
Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.
Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.
Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.
Finanzierung
Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.
Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.
Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.
Der monumentale Knotenpunkt
Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.
Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.
KI-Forschung von Weltrang
Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.
Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.
Katrin Freihofner, Straion
Das Exit-Bundesland
Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.
300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas
Alte, neue und große Player
Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.
Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.
Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.
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