04.04.2022

„Höhle der Löwen“ Staffel 11: Die Rückkehr der Löwenmähnen

Beim Staffelstart zeigten Gründer ihren Erfindergeist rund um Fahrradtaschen, Tischauszug und Bier-Verarbeitung. Zudem erinnerte so mancher Löwe beim Auftritt eines Startups an "Glam-Rock"-Bands der 70er Jahre.
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DHDL Höhle der Löwen,
(c) RTL/Bernd-Michael Maurer - Die "Löwen" (v.l.) Nico Rosberg, Judith Williams, Georg Kofler und Ralf Dümmel beim Haargummi-Test.

Die ersten in der „Höhle der Löwen“ waren Karl Fischer und Leander Mellies. Mit 17 Jahren sind die beiden die jüngsten Unternehmer der Sendegeschichte. Den Investor:innen stellten beide ihre Erfindung 2bag vor, eine Fahrradtasche, die in einen Rucksack verwandelt werden kann.

Bereits während ihres Auslandsjahres 2018 in Neuseeland reifte in ihnen der Wunsch, einmal ein eigenes Startup zu gründen. „Wir wollen Produkte entwickeln und diese auch vertreiben“, erklärte Mellies.

Das Fahrradtaschen-Problem

Die beiden Aachener sind selbst begeisterte Fahrradfahrer – haben aber feststellen müssen, dass die herkömmlichen Fahrradtaschen oft unhandlich sind. „Eine gewöhnliche Fahrradtasche macht am Rad durchaus Sinn, aber sobald man sie abnimmt, weiß man nicht so recht, wie man sie tragen soll“, meinte Fischer.

2bag, Höhle der Löwen
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Leander Mellies (r.) und Karl Fischer aus Aachen präsentierten die Rucksack-Fahrradtasche 2bag

Das soll sich mit ihrer Produktentwicklung ändern: „Durch das patentierte Klappsystem soll 2bag in unter zehn Sekunden umbaubar sein. Durch das Öffnen eines Reißverschlusses lässt sich das Mittelstück umklappen und bringt an Stelle der integrierten Befestigung für den Gepäckträger die Rucksackträger zum Vorschein. Das umgeklappte Mittelstück fixiert man wiederum mit einem zweiten Reißverschluss. So sei beim Fahren die Rucksackseite zusammengeklappt und vor Schmutz geschützt.

Im Inneren befinden sich indes ein Laptopfach und viel Stauraum, zudem sind Außen zugängliche Taschen für schnellgriffbereite Sachen wie Schlüssel, Telefon oder Geldbörse eingenäht. Um ihr Produkt auf dem Markt etablieren zu können, benötigten die Gründer 20.000 Euro und boten dafür zehn Prozent an der noch zu gründenden Firma.

Schwere Entscheidung in der „Höhle der Löwen“

Beauty-Queen Judith Williams war die erste, die die gewünschte Forderung erfüllte und einsteigen wollte. Ihr folgte mit der gleichen Bewertung Medienprofi Georg Kofler. Konzernchef Nils Glagau stimmte in den Lobgesang mit ein und bot als dritter die geforderte Summe. Das war nicht das Ende. Carsten Maschmeyer und Ralf Dümmel komplettierten den Angebotsreigen mit zweimal 20.000 Euro für jeweils zehn Prozent. Nach einer längeren Beratungsphase und nervösen Löwen entschieden sich die Gründer für Glagau. Deal für 2bag.

Der Ziehharmonika-Tisch

Die nächsten, die die „Höhle der Löwen“ betraten, waren Tobias Jung, Anita Pfattner, Denis Dostmann und Mark Löhr. Das Quartett hat einen Tisch mit Lamellen-Funktionsprinzip entwickelt.

„Wir haben den iLAIK erfunden. Den am einfachsten auszuziehenden Tisch der Welt“, erklärte Pfattner den Löwen. Wie eine Ziehharmonika kann der Tisch um die Hälfte seiner Grundlänge stufenlos und ohne Ansteck- oder Einlegeplatte verlängert und wieder zusammengeschoben werden.

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(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Nils Glagau (l.) und Georg Kofler beim Ausziehen des iLaik.

Das Material ist eine speziell verleimte Verbundholzplatte aus Birke, die sehr stabil und elastisch sein soll. Dabei können Gegenstände wie z.B. Gläser, Teller oder Flaschen auf der Platte stehen bleiben, ohne um- oder herunterzufallen. Möglich ist das durch das patentierte Lamellendesign, das durch präzise geführte, computergesteuerte Laserschnitte zustande komme.

Online-Konfigurator bei Laik

Über die Homepage kann der Kunde oder die Kundin den Tisch konfigurieren und zwischen drei Größen und zwei Formen (runde oder eckige Tischecken/-beine) wählen. Die Tischplatte und die Tischbeine sind in Holz (Birke) und in sechs verschiedenen Farben erhältlich sowie noch in einer weiteren Bein-Variante aus Eiche. Für 350.000 Euro boten die Gründer:innen zehn Prozent ihrer Firmenanteile.

Für Formel 1 Weltmeister Nico Rosberg waren sowohl die Herstellungskosten (500 bis 700 Euro) als auch der Preis, über 1.500 Euro für die kleinste Variante, zu hoch. Deswegen stiegen er und Dagmar Wöhrl – die, wie auch der Rest der Jury, von der Innovation eigentlich begeistert war – aus. Die hohe Bewertung war für die Löwen ein zusätzliches Problem. Trotz starker Versuche, Kofler und Dümmel ins Boot zu holen und ihnen ein Angebot zu entlocken, blieb Laik am Ende ohne Deal.

Fairhair (nach der Sendung in „fairtye“ unbenannt) in der „Höhle der Löwen“

Die nächsten, die sich in die Höhle wagten, waren Fabian Frei und Wolfgang Schimpfle. Sie haben einen nachhaltigen Haargummi namens Fairhair entwickelt. Er wird in Deutschland produziert, besteht zu 88 Prozent aus Bio-Baumwolle und aus zwölf Prozent Roica, ein aus recyceltem Plastik produziertes und wiederum vollständig recycelbares Elasthan, das Haargummi bis zu dreimal dehnbarer machen soll.

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(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Fabian Frei (l.) und Wolfgang Schimpfle ließen die Löwen „Haar“ anlegen.

Fairhair sei, dank der Produktionsweise, schonend zu den Haaren, da auf Sollbruchstellen wie Klebestellen, Metallklammern oder sonstige Nähte verzichtet werde. Das Angebot: 250.000 Euro für zehn Prozent der Firmenanteile.

Dümmel fordert…

Nach dem Pitch durften oder mussten die Investoren Langhaar-Perücken anlegen, um den Haargummi zu testen. Nachdem dies mehr oder weniger ohne Hilfe gelungen war und die Jury gute Laune präsentierte, haderten die meisten Löwen mit der Firmenbewertung. Einer nach dem anderen verabschiedete sich. Als es nach dem Ende ohne Investment aussah, kam Ralf Dümmel daher. Er forderte von den Gründern ein neues, verbessertes Angebot rund um 30 Prozent Abgabe. Die Gründer taten ihm, nach mehreren Anläufen, den Gefallen und boten schließlich 25 Prozent. Der Investor wollte 25,1 Prozent und bekam den Deal mit Fairhair.

Der Bier-Aufstrich

Die nächsten in der „Höhle der Löwen“ waren Clemens August von Freeden und Michael Stattmann. Sie führen in vierter Generation gemeinsam ihr Hotel und Restaurant im Münsterland. Zudem verbindet die Brüder eine weitere Leidenschaft: das Bier.

Nachdem im Lockdown 2020 das Familienhotel geschlossen werden musste, fingen die Bier-Sommeliers an, mit dem übriggebliebenen Bier zu experimentieren und entwickelten den Brotaufstrich Bierfrüchtchen.

Bierfrüchtchen, Höhle der Löwen
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Michael Stattmann (l.) und Clemens August von Bierfrüchtchen.

„Dank uns geht Bier jetzt auch zum Frühstück und das ohne schlechtes Gewissen“, sagte Michael Stattmann in der Show. „Unsere Bierfrüchten kombinieren diverse Bierstile mit den dazu passenden Fruchtaromen.

Pektin und Zucker

In der hoteleigenen Großküche werden tiefgefrorene Früchte mit Pektin, Zucker und dem jeweiligen Bier eingekocht und in Gläser abgefüllt. So entstanden bislang zehn verschiedene Bierfrüchtchen, u.a. Bayerisch Hell & Himbeere, Pils & Maracuja, Schwarzbier & Pflaume, Weizenbier & Banane oder Altbier & Erdbeere. Das Angebot der Bier-Brüder: 150.000 Euro für 20 Prozent der Firmenanteile.

Die Löwen sahen jedoch keinen USP und wenig Chancen sich außerhalb des Brüder-Hotels durchzusetzen und stiegen allesamt aus. Kein Deal für Bierfrüchtchen.

Reusable Packaging in der „Höhle der Löwen“

Die letzten der „Höhle der Löwen“ waren Philip Bondulich und Michelle Reed. Sie haben mit SendMePack, einem Mehrwegsystem für bereits existierende Versandverpackungen entwickelt und wollen damit die Massen an Verpackungsmüll nachhaltig reduzieren.

SendMePack,
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Michelle Reed und Philip Bondulich zeigten den Löwen mit SendMePack ein Nachhaltiges Paketsystem.

„Allein in Deutschland wurden im letzten Jahr 3,7 Milliarden Pakete verschickt“, berichtete der 37-Jährige-Gründer. Nach der einmaligen Benutzung landen die meisten Kartons im Altpapier-Container.“ Besonders bei großen Logistikzentren kommen durch Retouren und Umverpackungen täglich tausende solcher Pakete zusammen.

„Die Welt hat auch ein Papiermüllproblem“

„All diese Pakete bekommen wir gratis zur Verfügung gestellt. Wir befreien sie von ihren Etiketten, prüfen sie auf Sauberkeit und Stabilität. Anschließend bekommt jeder Karton von uns ein neues Label. Diese aufgewerteten Kartons verkaufen wir nun weiter, z.B. an große Onlineshops oder Versandfirmen“, erklärte Reed das System von SendMePack. „Wenn die Welt heute über Nachhaltigkeit spricht, dann meistens im Zusammenhang mit Plastikmüll, dabei ist das Papiermüllproblem nicht geringer. Pro Minute verschwinden 30 Fußballfelder an Waldfläche und die Hälfte davon geht nur für die Produktion von Pappe und Kartonagen drauf.“ Die Forderung: 200.000 Euro für 25 Prozent.

Nach dem Pitch boten Georg Kofler und Rosberg 200.000 Euro für 33 Prozent. Die restlichen drei Löwen, Maschmeyer, Wöhrl und Williams, wollten nicht nachstehen und offerierten das gleiche. Die Gründer:innen nahmen schlussendlich das Trio mit ins Boot. Deal für SendMePack.

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V.l.n.r.: Peter Llewellyn-Davies (Präsident BIOTECH AUSTRIA), Lejla Pock (CEO Human.technology Styria), Marcus Hofer (CEO Standortagentur Tirol) © BIOTECH AUSTRIA

Rund 250 Teilnehmer:innen aus zwölf Ländern, zwei Tage in Innsbruck, ein Motto: „Start up, Scale up, Step up!“ Mit vielen neuen Kontakten und einem guten Gefühl bin ich nach Hause gefahren und mit einer offenen Frage: Die österreichische Biotech-Branche ist so gut vernetzt wie nie, aber woher kommt  künftig das Geld, damit aus exzellenter Forschung Unternehmen werden, die in Europa groß werden?

Am Wissen fehlt es nicht. Ob Europa in der Biotechnologie mitspielt, entscheidet sich an der Finanzierung der Wachstumsphase.

Europa zwischen den USA, Golfstaaten und China

Der Schwerpunkt des Summits lag auf dem Scaleup, also auf dem Schritt vom Startup zum international wachsenden Unternehmen.

Ein Bild für die Zukunft der Pharmatrends zeichnete Claudio Albrecht, ehemaliger CEO der Stada AG. Er sprach darüber, wie Geopolitik, neue Technologien und sich wandelnde Gesundheitssysteme die Pharmaindustrie bis 2035 prägen könnten. Besonders hervorgehoben hat er dabei die Transformation Chinas von einer Service-Industrie zu einem Innovationsmotor sowie die Dynamik in den Golfstaaten. Europa widmete er keine eigene Folie in seiner Präsentation, was vom Publikum hinterfragt wurde. Es wirft die Frage auf, welchen Stellenwert Europa künftig im globalen Wettbewerb überhaupt noch spielen wird.

(c) Hofelich – Claudio Albrecht gab einen Ausblick in die Zukunft.

 Ein Champion, der nicht auswandern muss

Den Gegenentwurf lieferte Karl Nehammer, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank (EIB) und ehemaliger Bundeskanzler. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir vor allem ein Satz: „The next champion should not need to leave Europe in order to become a global champion.“ 

(c) Hofelich – Karl Nehammer, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank (EIB).

Das Ziel ist ambitioniert und gerade in der Biotechnologie bislang schwer erreichbar. Entwicklungszyklen dauern hier i. d. R. mehr als ein Jahrzehnt. 

Der Startup- & Scaleup-Dachfonds: eine gute Nachricht mit Fragezeichen

Für die Branche besonders interessant war die Diskussion über den geplanten österreichischen Dachfonds. Stefan Haubner, Founding Partner bei APEX Ventures, widmete sich der Frage, ob Europa ein eigenes Modell für Venture Capital braucht. Dabei ging es auch um den österreichischen Fund-of-Funds. 

Der Dachfonds soll Anfang 2027 starten. Der Staat steuert 100 Mio. Euro bei, institutionelle Investoren sollen weitere 400 Mio. Euro bringen. Das ist ein wichtiges Signal. Weil es ein Dachfonds ist, investiert er aber nicht direkt in Unternehmen, sondern in andere Fonds.

Wie viel von diesem Geld tatsächlich bei Biotech-Unternehmen ankommt, ist derzeit offen.

Life Sciences brauchen Investoren mit Fachwissen und langem Atem. Davon gibt es in Österreich nur wenige. Wenn der Dachfonds vor allem in Generalisten-Fonds fließt, könnte die Biotechnologie leer ausgehen.

Tirol zeigt, wie Standortarbeit aussieht

Auch organisatorisch war der Summit ein Vorzeigeprojekt. Veranstaltet wurde der Summit von BIOTECH AUSTRIA, Human.technology Styria und der Standortagentur Tirol. Vor Ort vertreten waren Peter Llewellyn-Davies, Präsident von BIOTECH AUSTRIA, Marcus Hofer, CEO der Standortagentur Tirol, und Lejla Pock, CEO von Human.technology Styria. Äußerst charmant moderiert hat Damita Pressl.

Die Villa Blanka hoch über Innsbruck bot eine außergewöhnliche Kulisse; ebenso das Gala-Dinner am Abend in der Rooftop-Bar des Hotels aDLERs. Begeistert zeigten sich auch die Teilnehmer:innen, die am Vortag im Rahmenprogramm die Skisprungschanze Bergisel besichtigt hatten. Ich selbst habe mir am Dienstagmorgen den Health Hub Tirol angesehen. Das Technologiezentrum ist seit knapp einem Jahr in Betrieb und bietet noch freie Flächen. Das ist die Art Standortpolitik, die wirkt: Infrastruktur, Netzwerk und ein Treffpunkt, an dem Forschung, Investor:innen und Politik tatsächlich ins Gespräch kommen.

Was es jetzt braucht

Der Summit hat gezeigt, dass die Branche sich der Herausforderungen bewusst ist und weiß, was zu tun ist.

Der nächste Champion muss nicht auswandern. Aber dafür muss das Kapital vor Ort stärker mobilisiert werden. 

Der fünfte Biotech Summit Austria findet am 21. und 22. Oktober 2027 in Graz statt. Bis dahin wissen wir mehr darüber, ob der Dachfonds auch der Biotechnologie hilft.


Disclaimer: Karin Hofelich ist Life Science Lead beim brutkasten-Schwestermagazin VentureCapital. Das VC Magazin war Medienpartner des Summits.

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