11.10.2021

„Höhle der Löwen“: Gründer bewerten ihr Startup mit 50 Millionen Euro

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" gab es die höchste Forderung der Löwengeschichte, Erdbeer-Currywurst und eine App für kleingedruckte Informationen. Zudem brachte ein Startup einen Löwen dazu, sich telefonisch beraten zu lassen.
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Höhle der Löwen, Scewo Bro
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer -Scewo Bro, ein treppensteigernder Rollstuhl in der "Höhle der Löwen".
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Die erste in der „Höhle der Löwen“ – die immer montags um 20.15 Uhr bei VOX sowie jederzeit auf Abruf über TVNOW.at zu sehen ist – war Katharina Bickel. Sie hat mit Catlabs ein Unternehmen für nachhaltiges und modernes Katzenzubehör gegründet. Aktuell befindet sich im Sortiment der Katzenspielzeuge die „Kuschelige Katze” und die „Flauschige Fledermaus” – beide Produkte sind aus natürlicher Schafwolle gefertigt und durch die wiederverschließbare Öffnung können frische Duftfüllungen wie natürliche Katzenminze oder Baldrianwurzel eingefüllt werden.

Sozialprojekt in Nepal

„So bleibt das Spielzeug lange interessant, denn die Duftfüllungen wirken euphorisierend auf die Katzen, sind eine schöne Unterhaltung und fördern den Spieltrieb“, zeigte sich die Gründerin überzeugt. „Mit Catlabs“ möchte ich eine attraktive Marke aufbauen, die für modernes Katzenzubehör steht. Allerdings sollen die Produkte nicht nur gut aussehen, sondern auch Gutes tun. Deshalb habe ich mich von Anfang an für eine ethisch korrekte Fertigung entschieden und lasse meine Katzenprodukte in einem sozialen Projekt in Nepal in liebevoller Handarbeit herstellen.“ Für 15 Prozent ihrer Firmenanteile forderte sie ein Investment von 75.000 Euro.

Catlabs, Höhle der Löwen
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Katharina Bickel präsentierte den Löwen mit Catlabs nachhaltiges Katzenspielzeug.

Bickel betrat das Studio, ein Babykätzchen eng im Arm anliegend, stellte ihre zwei Produkte vor und ließ die Löwen an ihre Duftnoten schnuppern. Sie berichtete zudem von einem Umsatz von 90.000 Euro. Ihr Entscheid zur Unternehmerin zu werden, hatte sich nach einer schweren Krankheit in den USA entfaltet, als sie rund ein halbes Jahr im Krankenhaus gelegen war.

Die Versicherung Maschmeyer

Multi-Investor Carsten Maschmeyer zeigte sich überzeugt, dass die Gründerin nicht ohne Deal das Studio verlassen würde. Er aber sei gegen Katzenhaare allergisch. Meinte zugleich jedoch, sie solle ihn nochmal ansprechen, sollte kein anderer Löwe oder Löwin einsteigen wollen.

Medienprofi Georg Kofler und LEH-Experte Ralf Dümmel tauschten Blicke und fanden danach einander wieder, um sich heimlich zu beraten. Zwischenzeitlich fühlte Familien-Investorin Dagmar Wöhrl bei Konzernchef Nils Glagau vor, der gleich meinte, das Branding der Gründerin wäre auf der Verpackung zu klein abgebildet.

Dümmel erklärte danach, er sei begeistert, aber um den richtig großen Schritt zu gehen, bräuchte man Partner wie ihn und Social Media Profi Kofler. Jener übernahm das Wort und bot für beide 75.000 Euro für 30 Prozent.

Eine Premiere

Glagau und Wöhrl ließen sich ebenfalls nicht lumpen und offerierten gemeinsam 75.000 Euro, allerdings für 20 Prozent Beteiligung. Nach der Beratung mit einem Mentor kehrte Bickel zurück und sorgte dafür, dass Dümmel und Kofler ihren ersten gemeinsamen Deal der Sendung unter Dach und Fach brachten.

Currywurst-Liebe in der „Höhle der Löwen“

Beim nächsten Teilnehmer der „Höhle der Löwen“ ging es um die Wurst. Seit 2010 steht Marco Peters mit seinem Foodtruck auf Festivals und Großveranstaltungen in Nordrhein-Westfalen und wurde mit seiner Currywurst zum Geheimtipp. Sein Geheimnis: „Wir lassen unsere Currywurst bei dem örtlichen Metzger in einer hohen Qualität mit regionalem Schweinefleisch produzieren. Dazu eine leckere Currysauce aus Tomaten, Zwiebeln, Gewürzgurken und einer großen Portion Currywurst-Liebe.“

2019 wurde sein Produkt zur „Besten Currywurst in Nordrhein-Westfalen” gewählt und es folgten unzählige Aufträge. Dann allerdings kam die Corona-Pandemie und Peters verlor auf einen Schlag 250 Veranstaltungen: „Das hat uns erst einmal den Boden unter den Füßen weggezogen. Doch als Selbständiger ist Aufgeben keine Option“, sagte er.

Iss doch Wurscht, Höhle der Löwen
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Marco Peters packt bei Iss doch Wurscht Currywurst ins Glas.

Mit Iss doch Wurscht hat es der 49-Jährige geschafft, seinen „puren Currywurst-Geschmack“ in ein Glas zu bekommen. Aktuell gibt es seine Kreationen in den Geschmacksrichtungen „Original Duisburger Currywurst mit klassischer Currysoße“, mit „Erdbeer-Currysoße“ und einer „Kürbis-Mango-Soße“. Außerdem bietet er auch eine Veggie-Version an.

„Mit Beginn der Pandemie haben wir nahezu 100 Prozent unserer Einnahmen verloren. Wir können mit unserem Foodtruck seit weit über einem Jahr auf keiner Veranstaltung mehr stehen. Dies war für uns kein Zustand mehr. Wir mussten etwas ändern und haben alles auf eine Karte bzw. auf dieses Glas gesetzt. Für Sie vielleicht nur eine Currywurst im Glas, für uns die Existenz, um die wir gerade kämpfen“, erklärte Peters ernst. Sein Angebot an die Investoren lautete daher: 49.000 Euro für 49 Prozent der Firmenanteile.

Fressende Löwen

Der Gründer hatte während dem Pitch den Löwenhunger geweckt und machte sich danach an die Wildfütterung. Diese gelang fast ausnahmslos mit schmatzenden Investoren und lobenden Worten. Einzig Maschmeyer empfand die Wurst nicht knackig genug.

Dessen Kollegen tauchten jedoch weiterhin in große Schwärmerei über den Geschmack der Currywurst ein. Beauty-Queen Judith Williams meinte, selbst die Veggie-Version würde wie ein echtes Fleischlaibchen schmecken.

Corona-Hilfen noch nicht angekommen

Maschmeyer machte danach Corona-Staatshilfen zum Thema und betonte, dass zwar viel versprochen worden war, aber wenige etwas bekommen hätten. So auch Peters, wie man erfuhr, der bloß eine schriftliche Zusicherung auf finanzielle Hilfe erhalten habe. Ein Softwarefehler habe die Auszahlung verzögert. Auch Banken wären hierbei sehr hart und würden aufgrund des hohen Andrangs an Unternehmern nicht wirklich helfen, erklärte der Gründer und nahm mit seiner ehrlichen Rede über Probleme die Investoren emotional mit.

Nach einem kurzen Intermezzo über diverse Listungen stand Dümmel auf, trat an den Gründer heran und meinte, dessen Geschichte bewege ihn. Er reichte ihm die Hand, bot die gewünschte Summe, Hilfe beim Ausbau und sich als Partner an. Es kam zum symbolischen Handschlag, zu stehendem Applaus für Peters und zum Deal für Iss doch Wurscht.

Der Gartenarbeiter in der „Höhle der Löwen“

Der nächste Pitcher in der „Höhle der Löwen“ hat bereits als Teenager durch Gartenarbeit sein Taschengeld aufgebessert. Später gründete Mike Bökenkröger sein eigenes Unternehmen „Bökenkröger Gartentechnik“.

„Gartenarbeit ist zeitintensiv, schwierig und das Allerschlimmste ist die gebückte Haltung. Das geht natürlich auf die Knochen und den Rücken“, teilte der 45-Jährige den Löwen mit. Mit seiner Leidenschaft für Motoren und seinem Erfindergeist entwickelte er daher eine handgeführte Motorhacke mit einem Schutzring für Nutzpflanzen – dadurch kann man den Boden nah an den Pflanzen kultivieren, ohne dass diese beschädigt werden.

Hackboe
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Mike Bökenkröger erfand mit Hackboe eine handgeführte Motorhacke.

Das Herzstück von Hackboe ist das selbst entwickelte Getriebe. „Ein Innovationsgetriebe, das einzigartig in diesem Bereich ist. Damit haben wir jetzt die Möglichkeit, die hohe Drehzahl von z.B. 7.000 Umdrehungen auf maximal 500 Umdrehungen zu reduzieren. So kann man das Kultivieren der Pflanzen erst möglich machen. Die Unkrautbeseitigung geht ganz einfach und vor allem ohne Chemie“, erklärte der Gründer weiter. Außerdem wurde mit dem Hackboe die sogenannte Steinschlagprüfung bestanden, womit erstmalig die verschiedenen Bürstenaufsätze auch offiziell genutzt werden dürfen. Für den Ausbau der Vertriebs- und Marketingaktivitäten, benötigte Bökenkröger 150.000 Euro und bot 20 Prozent seiner Firmenanteile an.

Nach dem Pitch und einer kurzen Fragerunde, meinte Williams sie könnte dem Gründer ewig zuhören, aber wäre die falsche Partnerin. Maschmeyer als Gartenliebhaber würde zum Kunden werden, wie er preisgab, als VC würde aber nicht investieren. Für Dümmel war der Preis von rund 900 Euro pro Hackboe zu hoch, zudem wäre das Gartengerät nicht „endverbrauchertypisch“. Auch er ging ohne Angebot.

Georg Kofler sinnierte über den Zusatznutzen von Hackboe, sah aber für ihn als „Direct to Consumer“-Investor keinen Investment-Case. Glagau erkannte ebenfalls eine Zielgruppe für Bökenkröger, bei der er nicht helfen könne. Kein Deal für Hackboe.

Die App für Kleingedrucktes

„Wir möchten mehr Sicherheit und Transparenz in den Lebensmittelmarkt bringen“, sprach Victoria Noack als nächste in der „Höhle der Löwen“. Und erklärte: „Rund 24 Millionen Menschen in Deutschland sind aufgrund von Allergien, Unverträglichkeiten oder ihrer Diät auf eine gewisse Ernährung angewiesen. Das ist mehr als jeder Vierte.“

Für die Betroffenen kann der Supermarkt-Einkauf allerdings oft zu einer Herausforderung werden, weiß sie. Die Zutatenliste findet sich zwar kleingedruckt auf den Produkten, doch trotzdem kann es zu Überraschungen kommen. Besonders Allergiker müssen jedes einzelne Produkt genauestens auf ihre Inhaltsstoffe überprüfen.

HealthMe, Höhle der Löwen
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Victoria Noack bietet Usern mit HealthMe“ eine Analyse-App für Lebensmittel.

HealthMe, ein digitaler Einkaufsassistent, soll hier Abhilfe schaffen. Über die App geben die Nutzer:innen ihre persönlichen Unverträglichkeiten ein, anschließend wird der Barcode des gewünschten Produkts gescannt und die App gibt direkt Auskunft darüber, ob es verträglich ist. Zeigt die App eine Unverträglichkeit an, werden alternative Produkte empfohlen.

„HealthMe ist nie um eine Antwort verlegen. Die integrierte Datenbank umfasst Millionen von Produkten“, machte die 25-Jährige ihre Erfindung schmackhaft. „Für diese App habe ich mein komplettes Studium-Konto geplündert, um sie zu programmieren. Denn ich wusste, dass sie für viele Menschen eine Hilfe sein kann.“ Ihre Forderung: 250.000 Euro für 17,5 Prozent Beteiligung.

Nach der Vorstellung erklärte Noack, dass eine Freundin der Grund für ihre Idee gewesen wäre. Jene hatte sich, geplagt von vielen Allergien, im Supermarkt stets schwergetan die richtigen Lebensmittel zu finden. Die App kostet rund 3,5 Euro für sechs Monate, bei bisher 2700 Downloads, die die Gründerin nahezu ohne Marketing erreicht habe.

Für Dümmel war das Risiko zu groß sich auf die App einzulassen. Kofler wollte wissen, wieviel Noack an Marketingbudget benötigen würde. Ihre Planung von rund 50.000 Euro schienen ihm zu wenig, deshalb blieb er ohne Angebot. Während auch Williams ausstieg, gesellte sich Maschmeyer zu Glagau und beriet sich zwecks Offerte. Das Ergebnis: Das Duo sah großes Potential in dem Bereich, lobte die Sofort-Diagnostik der App und bot 250.000 Euro für 30 Prozent Beteiligung.

Nach einer kurzen Beratung kehrte die Gründerin mit einem Gegenangebot wieder. Sie wollte beide Löwen mit 26 Prozent ins Startup locken. Deal für HealthMe.

Ein Startup, das 50 Millionen Euro wert ist

Der Abschluss der „Höhle der Löwe“ hatte es in sich. Das Gründer-Trio Thomas Gemperle, Pascal Buholzer und Bernhard Winter präsentierten den Löwen das Produkt Scewo BRO, einen treppensteigenden Elektrorollstuhl. Dafür forderten sie die höchste Investitionssumme in der Geschichte der Sendung: fünf Millionen Euro für zehn Prozent der Firmenanteile.

Das entspricht einer Unternehmensbewertung von 50 Millionen Euro. „Wir haben den wohl coolsten Elektrorollstuhl der Welt entwickelt. Scewo BRO ermöglicht es Rollstuhlfahrern, im Alltag eine riesige Freiheit zu erlangen. Denn er überwindet Grenzen und Hürden, an denen viele andere Rollstühle scheitern“, erklärte Gemperle.

(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Investorin Dagmar Wöhrl probierte den treppensteigenden Elektrorollstuhl von „scewo Bro“ aus.

Zu der größten technischen Innovation des Startups zählt die Treppensteig-Funktion. „Mit dem Scewo BRO haben wir den ersten alltagstauglichen Rollstuhl geschaffen, der selbständig Treppen hoch- und runtersteigen kann“, sagte Winter. „Auf der Treppe selbst ist das Gerät sehr stabil und der Sitz positioniert sich immer waagerecht.“ Über das iPhone oder die Steuerkonsole und den Joystick kann der Rollstuhl gesteuert werden.

Insgesamt stehen fünf verschiedene Modi zur Auswahl, neben dem Treppen- und dem Fahr- auch ein Höhenverstellmodus, der es den Rollstuhlfahrenden ermöglicht, auf Augenhöhe zu sprechen. Diese Modi geben den Benutzer:innen auch die Freiheit, über jedes Gelände zu fahren. Die großen Räder bewältigen den Gründern nach Pflastersteine und Waldwege und das auch ohne Rumpfstabilität. Das Bild der Rückfahrkamera wird automatisch auf der App angezeigt, denn Rollstuhlfahrer:innen können sich oft aufgrund ihrer körperlichen Einschränkung nicht drehen und rückwärts schauen.

Bis zu 87 Zentimeter nach oben

Und noch einen Wunsch ihrer Kund:innen wolle Scewo BRO erfüllen: „Schon beim alltäglichen Einkauf ist es schwer, an die Produkte im oberen Regalbereich zu kommen. Jedes Mal benötigen sie dabei Hilfe von anderen Leuten. Diese Hilfe bekommen sie jetzt von uns“, schloss Buholzer den Pitch ab. „Denn mit denselben Motoren, die wir bereits für das Treppensteigen benutzen, können wir den Sitz auf bis zu 87 Zentimeter Höhe hochfahren.“ Für den „Tesla unter den Rollstühlen“ machten die Schweizer den Löwen das oben erwähnte und höchste Angebot der Sendungsgeschichte.

Die Vorführung des Rollstuhls sorgte im Studio für großes Staunen und Faszination, besonders als die Gründer zeigten, wie ihre Erfindung Treppen hochsteigt. Als dann auch noch ihre „auf Augenhöhe-Funktion und ihre Supermarkthilfe“ vorgestellt wurden, verglichen die Löwen Scewo mit einer Idee aus einem Science-Fiction-Film.

Die folgende Sprachlosigkeit überwand Dümmel, der durch ein dreimaliges „wow“ seine Begeisterung ausdrückte, während Wöhrl den Rollstuhl gleich ausprobierte. Sie resümierte danach mit den Worten „einfach zu bedienen, dynamisch und sensibel“.

Scewo sollte leistbar sein

Danach brachte Kofler den Preis ins Spiel. Rollstühle sollten ja im sozialen Raum auch einkommensschwachen Menschen zur Verfügung gestellt werden. Die Gründer bejahten dies, meinten, dass es ihr Ziel sei, nicht teurer zu sein, als andere herkömmliche E-Rollstühle mit Treppensteigfunktion. Der übliche Preis für derartige Gerätschaften liege zwischen 26.000 und 36.000 Euro. So auch ihrer. Sie wären bereits mit Krankenkassen in Gesprächen, um eine leistbare Finanzierung für Kunden zu ermöglichen. Über Einzelfallentscheidungen wäre das patentierte Gerät auch bereits komplett finanziert worden.

Dümmel sprach über die große Möglichkeit von Scewo Menschen zu helfen mobiler zu werden. Er aber wolle nicht investieren. Für Dagmar Wöhrl war die geforderte Summe einfach viel zu hoch. Kofler wollte wissen, wie die Gründer auf eine Bewertung von 50 Millionen Euro kämen, bei einem bisherigen Umsatz von bisher rund 466.000 Euro.

Die Gründer argumentierten mit dem Potential, dem Markt und Tausende von eingetrudelten Anfragen. Zudem wollten sie mit ihrer Firma die Mobilität verändern, mit Putzrobotern oder einen „Last Mile“-Delivery-Roboter, sowie eine Light-Version für ältere Rollstuhlfahrer.

Kofler: „Größenwahnsinnig geworden“

Kofler zeigte sich nach diesen Aussagen davon überzeugt, dass die Gründer „größenwahnsinnig“ wären. Aber im konstruktiven Sinne des Wortes. Man könne ruhig dem Weg der Gründer folgen, allerdings würde das fünf bis acht Jahre brauchen, meinte er, bis man dort sei, wo es sich rentiere. Das wäre ihm zu lang.

Formel 1 Weltmeister Nico Rosberg nannte die Founder Genies, auch die Bewertung wäre zeitgemäß. Er wäre gerne Teil der Reise, aber nicht zu der Forderung. Mit viel Bedauern stieg der ehemalige Rennfahrer aus.

Carsten Maschmeyer hatte sich bis dahin ruhig verhalten. Und überraschte damit, dass er sich einmal telefonisch beraten müsse, wie es sonst Gründer täten. Am Ende holte ihn Kofler etwas ungeduldig zurück und hörte, wie alle anderen im Studio, was sein Kollege zu sagen hatte.

Das Erwachsenwerden der „Höhle der Löwen“

Der Auftritt des Scewo-Teams sei ein Beweis, so der Investor, dass die „Höhle der Löwen“ erwachsen geworden wäre und die „Gründungsszene und Startup-Welt“ vom Feinsten. Die Gründer wären eine Innovationsbombe. Man könne aber auch etwas „zu gut“ machen. Zu viele Funktionen, die alle hervorragend wären“, hätten für einen zu hohen Preis gesorgt. Scewo sei kein Tesla für Rollstühle, sondern ein Rolls-Royce.

Maschmeyer befürchtete, dass es in diesem Segment zu wenige „Luxus-Fahrer“ gebe und stieg aus. Kein Deal für Scewo.

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Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, in den SwissCAT+-Laboren am Campus Hönggerberg | (c) Martin Pacher

Wer auf den Hönggerberg im Norden Zürichs fährt, lässt die Stadt hinter sich. Der zweite Campus der ETH, entstanden ab 1961, liegt in ländlicher Umgebung, hier sind unter anderem die Departemente für Chemie, Physik und Materialwissenschaft zu Hause. Und hier, in den SwissCAT+-Laboren der Hochschule, lässt sich derzeit besichtigen, wie Forschung aussehen könnte, wenn nicht mehr der Mensch jeden einzelnen Handgriff macht.

In diesen Laboren übernehmen Roboter die Arbeit, die sonst Forschende beschäftigt: Sie hantieren mit Flüssigkeiten und Pulvern, bereiten Proben vor, testen sie und messen laufend die Ergebnisse. Das Bemerkenswerte daran ist aber nicht die Automatisierung selbst, sondern wer die Versuche plant: eine Künstliche Intelligenz. Die Software stammt vom Startup Atinary, das an der ETH keinen eigenen Standort hat, sondern mit der Technologieplattform SwissCAT+ zusammenarbeitet. Sie schlägt vor, welches Experiment als nächstes sinnvoll ist, lernt aus jedem Ergebnis und berechnet daraus den nächsten Schritt. Dieser Kreislauf läuft rund um die Uhr, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.

„Ein Labor ist eine große Küche“

Wie soll man sich das vorstellen? Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, greift im Gespräch mit brutkasten zu einem Alltagsbild: „Am Ende ist ein Labor eine große Küche. Wir liefern die Rezepte. Wir nutzen KI, um Rezepte zu erzeugen, die dann im Labor getestet werden.“ Das Ziel: möglichst schnell zum besten Rezept kommen. Denn jeder einzelne Versuch kostet Zeit, Material und Geld. Wer statt tausender Versuche nur ein paar Dutzend braucht, spart enorm.

Genau darauf ist die Software ausgelegt. Statt sich blind durch unzählige mögliche Kombinationen zu probieren, lernt das System mit jedem Experiment dazu und empfiehlt gezielt die vielversprechendsten nächsten Schritte. „Self-Driving Labs“ nennt Atinary das Prinzip, selbstfahrende Labore. Den Begriff hat sich das 2019 gegründete Unternehmen sogar markenrechtlich schützen lassen.

Loïc Roch, Co-founder und CTO von Atinary | (c) Martin Pacher / brutkasten

Den Bedarf für solche Werkzeuge begründet Roch mit einem unbequemen Befund: Forschung wird immer teurer und langsamer, es braucht immer mehr Zeit und Geld, bis Neues gefunden ist. Dazu kommt eine handfeste Vertrauenskrise: Roch verweist auf eine vielzitierte Befragung von rund 1.500 Forschenden, wonach ein Großteil daran scheitert, Experimente zu wiederholen, in der Chemie sind die Quoten besonders hoch. Das ist nicht nur für die Wissenschaft ein Problem: Ohne verlässliche Daten lässt sich auch keine verlässliche KI trainieren.

100 Jahre Forschung in sechs Wochen

Was das System kann, zeigt das Vorzeigeprojekt direkt vor Ort. Gemeinsam mit dem SwissCAT+-Team suchte Atinary nach dem besten Katalysator, also jenem Hilfsstoff, mit dem sich das Treibhausgas CO₂ in Methanol umwandeln lässt, einen Ausgangsstoff für nachhaltige Treibstoffe. Laut Atinary kamen dafür mehr als 20 Millionen mögliche Kombinationen infrage. Das Ergebnis wurde in einem Fachjournal publiziert: In sechs Wochen wurden 144 Katalysator-Kandidaten hergestellt und getestet, mit minimalem menschlichem Zutun. Die Zahl, mit der Atinary seither wirbt, ist eindrucksvoll: eine 1000-fache Beschleunigung, umgerechnet 100 Jahre Katalyse-Forschung in nur sechs Wochen. SwissCAT+-Chef Paco Laveille, der die Umsetzung an der ETH verantwortet, bestätigt beim Besuch die Größenordnung: von Jahren an Forschung hinunter zu Wochen.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Beim konkreten Nutzen für Firmenkunden hält sich Roch hingegen zurück, aus einem strukturellen Grund: „Wir sind ein Dienstleister. Wir sehen den generierten Mehrwert nicht, und die Kunden wollen ihn nicht teilen.“ Das habe auch mit Sicherheitsanforderungen zu tun, ergänzt das Unternehmen: Angaben zum erzielten Return on Investment erhalte Atinary dann, wenn Kunden sie von sich aus teilen — teils münde das in gemeinsame Publikationen.

Die einzige konkrete Zahl, die er im Gespräch nennt, stammt aus einer gemeinsamen Publikation mit dem Aromen- und Duftstoffkonzern dsm-firmenich: Dort konnte der Einsatz eines teuren Edelmetalls so stark reduziert werden, dass dessen Kostenanteil um rund 95 Prozent sank. Es sei nicht die einzige gemeinsame Veröffentlichung mit Kunden, betont das Unternehmen — weitere gebe es etwa mit dem Pharmakonzern Takeda.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Auch ein aktueller gemeinsamer Blogbeitrag von AWS und Atinary liefert Anhaltspunkte. Ein Manager von Takeda wird dort mit der Aussage zitiert, eine Optimierung habe mit dem selbstfahrenden Ansatz rund eine Woche gedauert, verglichen mit ein bis zwei Monaten auf dem herkömmlichen Weg. Am MIT wiederum löste ein Forschungsteam mit der Software eine knifflige Aufgabe aus der Solarzellenforschung in nur 25 Versuchen, innerhalb einer strikten Frist von vier Wochen. Und über das eigene Labor, das Atinary heuer in Boston eröffnet hat, heißt es: Es erzeuge in einer Woche mehr Versuchsdaten, als ein Doktorand in fünf Jahren produziert.

Bezahlter Pilot, Lizenz pro Arbeitsplatz

Wirtschaftlich steht Atinary noch am Anfang. Das Unternehmen befindet sich in der Seed-Phase, öffentlich auffindbar sind laut Roch rund zehn Millionen an bisheriger Finanzierung, eingesammelt über Venture Capital, Family Offices und Förderungen. Als Nächstes peilt er eine Series A an. Das Wachstumskapital dafür werde voraussichtlich aus den USA kommen: „Der Ansatz ist in Europa und den USA sehr unterschiedlich.“

Paco Laveille, Managing Director, SwissCAT+ East, ETH Zurich | (c) Martin Pacher / brutkasten

Verdient wird über Software-Lizenzen, abgerechnet pro Arbeitsplatz. Am Anfang steht ein dreimonatiger, bewusst kostenpflichtiger Testlauf. „Wenn der Pilot nicht bezahlt ist, stecken die Kunden nicht die Ressourcen hinein, um ihn richtig zu testen“, sagt Roch. Dass er mit diesem Modell Geld liegen lässt, räumt er offen ein: Eine Beteiligung am geschaffenen Wert wäre lukrativer, scheitert aber daran, dass die Kunden diesen Wert eben nicht offenlegen.

Die Kundschaft kommt bisher vor allem aus der Pharmabranche, die laut Roch am ehesten bereit ist, Neues zu riskieren; der Rest der Industrie folge dann. Einsatzfelder gibt es aber quer durch: Lebensmittel, Duftstoffe, Materialforschung, grüne Energie, und gemeinsam mit Stanford sogar Zelltherapien gegen Krebs. Umsatz machen vor allem Konzerne. Mit Universitäten arbeitet Atinary eng zusammen, weil sich dort Ergebnisse veröffentlichen lassen, sie werden so zu Botschaftern der Technologie. Auch KMU zählen zu den Kunden, das jüngste sei erst vor wenigen Tagen dazugekommen. Die Arbeitsteilung im Unternehmen: Das Entwicklerteam sitzt bei Roch in Lausanne, das eigene Labor steht in Boston, dort, wo die großen Pharma-Forschungszentren angesiedelt sind.

„Fast jeden zweiten Tag ein neues Startup“

Beim Thema Konkurrenz wird Roch deutlich: Der Bereich „AI for Science“ ziehe derzeit massiv Gründungen an, fast jeden zweiten Tag komme ein neues Startup dazu. Gefährlich sei daran vor allem eines: Mit den heutigen KI-Werkzeugen lasse sich sehr schnell ein beeindruckender Prototyp bauen, der Kunden begeistert. „Unter der Haube ist das aber kein produktionsreifer Code, der bei einem Großunternehmen laufen kann.“ Atinary sieht er im Vorteil, weil man seit 2019 das gesamte Paket aufgebaut habe: die Anbindung an die Laborgeräte, das eigene KI-Training, die Anwendungen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit durch den eigenen Beirat. Dazu kommt laut Unternehmen ein Netzwerk an Technologiepartnern, darunter AWS, ABB Robotics, Agilent, Bruker, Chemspeed und Mettler-Toledo. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt unter anderem der MIT-Chemiker Stephen Buchwald — im Bostoner Labor optimiert Atinary nach eigenen Angaben ausgerechnet die nach ihm benannte Buchwald-Hartwig-Reaktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zugleich beobachtet er seit heuer einen Umschwung im Markt: Kunden dächten zunehmend in einer Wettlauf-Logik. Wer die Technologie nicht als Erster einsetze, riskiere, dass es die Konkurrenz tut. Und wenn diese in Wochen schafft, wofür man selbst Jahre braucht, sei der Rückstand kaum aufzuholen.

Die größte Hürde ist der Mensch

Und was bremst die Verbreitung? Nicht die Technik, sagt Roch, sondern der Mensch. „Der Wissenschaftler im Labor ist oft seit 15, 20 Jahren dort. Wenn man ihm sagt: Wir können deine Forschung um den Faktor zehn oder hundert beschleunigen, sagt er: Nein. Ich kenne mein Fach besser als irgendein Algorithmus.“ Es sei dabei weniger mangelndes Vertrauen, die Technologie werde schlicht als Bedrohung für den eigenen Job empfunden. Christoph Schnidrig von AWS ergänzt: Dieses Muster kenne man von jeder Technologiewelle, von der Einführung der Cloud bis zur KI in der Softwareentwicklung. Rochs Haltung dazu: Jobs würden sich verändern, aber nicht verschwinden. „Am Ende ist es ein Werkzeug. Der Mensch bleibt am Steuer.“

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zum Vertrauen gehört auch die Datenfrage, schließlich legen die Kunden ihr wertvollstes Gut, ihre Forschungsdaten, in die Plattform. Die läuft vollständig auf der Cloud von AWS. Roch verweist auf Prüfungen, Audits und Sicherheitstests; personenbezogene Daten würden praktisch keine gespeichert, schon gar keine Patientendaten, dafür sei man in der Forschung viel zu früh angesetzt. Auch deshalb sieht er im EU AI Act derzeit kein Hindernis: In Kundengesprächen sei die Regulierung bislang schlicht kein Thema gewesen.

Auszeichnung vom Weltwirtschaftsforum

Während brutkasten mit Roch in Zürich spricht, befindet sich sein Mitgründer, CEO Hermann Tribukait, gerade im chinesischen Dalian, um dort den Technology-Pioneer-Award des Weltwirtschaftsforums entgegenzunehmen. Zu den früheren Preisträgern der Auszeichnung zählen Roch zufolge Namen wie Google, Dropbox und Airbnb. Preisgeld gibt es keines, der Wert liege im Zugang zum Netzwerk des Forums und zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen. Kunden in China hat Atinary übrigens keine, und das dürfte vorerst so bleiben: Als in den USA registriertes Unternehmen sei das Geschäft mit chinesischen Firmen „wegen der Geopolitik sehr heikel“.

Gefragt nach dem Blick fünf Jahre voraus, skizziert Roch eine Vision, die er ausgerechnet am Vorbild seines Cloud-Partners entwirft: Labore, die wie Rechenleistung aus der Cloud abrufbar sind, weltweit vernetzt, mit einer übergeordneten KI, die Erkenntnisse zwischen Forschungszentren auf verschiedenen Kontinenten austauscht.

Den Antrieb dahinter beschreibt er ganz persönlich: Er und seine Mitgründer seien Naturliebhaber, und die Energiewende brauche schnellere Forschung. „Der Planet kann nicht noch ein Jahrzehnt warten, bis wir Lösungen finden.“ Sein Befund nach sieben Jahren: „R&D ist heute noch zu langsam.“


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