03.05.2021

„Höhle der Löwen“: G’riss um smarte Tapezierbürste

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" ging es um eine alkoholfreie Gin-Alternative, eine smarte Tapezierbürste und westafrikanische Saucen. Zudem ließ ein Startup Pflanzen aus Kalenderseiten wachsen, während eines Sonnenstrahlung maß.
/artikel/hoehle-der-loewen-griss-um-smarte-tapezierbuerste
Höhle der Löwen, SamrtQ
TVNOW / Bernd-Michael Maurer -Michael Heide demonstrierte seine ergonomische Tapezierhilfe.
sponsored

Die ersten in der „Höhle der Löwen“ – die es online auf TVNOW und immer montags um 20.15 Uhr bei VOX zu sehen gibt – waren Manuela Baron, Orlando Zaddach und Tobias Aufenanger. Die Drei gründeten ihr Startup primoza 2018 mit dem Ziel den klassischen Kalender mit HomeGardening zu verbinden. „Menschen lieben es, wieder selbst aktiv zu werden und ihr eigenes Gemüse zu ernten. Jetzt können sie diese Inspiration auch verschenken“, erklärte Manuela Baron. Der Clou dabei: Ihr Wandkalender enthält Samenpapier mit Bio-Saatgut, das sich direkt einpflanzen lässt. Wissenswertes und Tipps zu den einzelnen Blumen- und Gemüsesorten finden sich auf den Kalenderblättern. Käufer benötigen ein Fenster oder Balkon, ein Topf mit etwas Erde und Wasser.

Zwei Millionen Euro Umsatz

Neben verschiedenen Kalendern bietet primoza auch einpflanzbare Grußkarten, ausgefallenes Bio-Saatgut und Einpflanzhilfen wie Erde, Töpfe & Co. an. In den ersten zwei Jahren hat das Startup über 80.000 Kunden für seine Produkte begeistern können und einen Umsatz von über zwei Millionen Euro erreicht. Das Wachstum soll weitergehen. Dafür benötigte das Trio 300.000 Euro und bot 7,5 Prozent seiner Firmenanteile an.

Nach einem gut strukturierten und klaren Pitch betonten die Gründer, dass sie darauf achten, korrekt zu produzieren. Kurze Lieferwege, Bio-Samen und eine nachhaltige Philosophie wären Teil der Firma. Zudem hätten sie mit ihrer Vertriebsstrategie, naher Kundenkontakt durch Auftreten auf Weihnachtsmärkten großen Erfolg gehabt. Im DACH-Raum gebe es über 3.000 solcher Festivitäten, der Auftritt auf 500 Märkten wären ihr erklärtes Ziel. Der Vorteil dieser Maxime sei besonders, dass man den Kalender direkt erklären könne.

Höhle der Löwen, primoza,
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Orlando Zaddach (l.), Manuela Baron und Tobias Aufenanger haben mit primoza einen Jahreskalender mit Samenblättern entwickelt.

Handelsexperte Ralf Dümmel meinte, dass die Firmenbewertung fair sei, er aber mit 7,5 Prozent Anteilsabgabe nicht zufrieden wäre. Er ging ohne Angebot. Marketing-Experte Georg Kofler fand den Kalender als Geschenk sehr originell. Home-Gardening sei aber nicht sein Bereich. Nach der zweiten Absage verabschiedete sich auch Multi-Investor Carsten Maschmeyer mit Respektbekundungen.

Beauty-Queen Judith Williams ging ebenfalls als potentielle Investorin, da sie nicht für das Produkt brenne. Die letzte Hoffnung, Konzernchef Nils Glagau, sah es ähnlich, wie seine Kollegen. Und blieb auch ohne Angebot. Kein Deal für primoza.

Gourmetsaucen mit einer westafrikanischen Note in der „Höhle der Löwen“

Die nächste in der „Höhle der Löwen“ war N’deye Fall-Kuete (38), Die Hamburgerin wuchs in Togo und an der Elfenbeinküste auf und hat dank ihrer Oma die Leidenschaft für das Kochen entdeckt. Auch als N’deye 2005 nach Deutschland kam, hat sie Gerichte aus der Heimat weiterhin zubereitet.

„Aber auch bei mir gibt es Tage, an denen ich keine Zeit in der Küche verbringen möchte. Deshalb entwickelte ich Ndeyefoods. Gourmetsaucen mit einer westafrikanischen Note”, sagte die gelernte Betriebswirtin. Die Basis der Saucen besteht aus regionalem Gemüse und Obst, abgestimmt mit afrikanischen Gewürzen. Das Sortiment beinhaltet acht verschiedene Sorten (mit Zutaten wie Ingwer, Knoblauch, Mango, Kurkuma, Paprika, Zwiebel, Chilli, Fischpulver), frei von künstlichen Aromen, Konservierungsstoffen und Zuckerzusatz. Ihr Ziel ist es, die Produkte im Lebensmitteleinzelhandel zu platzieren. Um einen Investor für sich zu gewinnen, bot sie 25 Prozent ihrer Firmenanteile für 130.000 Euro an.

Lob für Geschmack

Nach dem Pitch gab es selbstverständlich eine Kostprobe für die Löwen. „Frisch, würzig und sehr gut“ waren die grundlegendsten Reaktionen der Juroren. Kofler allerdings musste bei der scharfen Variante ein wenig Husten, während Familien-Unternehmerin Dagmar Wöhrl nach dem schärfsten Produkt verlangte. Im Gegensatz zu ihren Kollegen vertrug sie diese Variante.

Erste Absagen

Während die Stimmung im Studio bis zu diesem Zeitpunkt gut war, verzog Dümmel etwas das Gesicht, als er von bisher 5.500 Euro Umsatz hörte. Kofler ging darauf aus dem Grund, dass das Produkt nichts für ihn wäre. Glagau lobte danach die Einzelunternehmerin sehr, dachte aber, dass es schwierig werden würde, die Marke in Deutschland groß zu machen. Die Gründerin entgegnete, dass 95 Prozent ihrer Kunden Deutsche wären. Es half nichts. Glagau ging ohne Angebot.

ndyefoods
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – N´deye Fall-Kuete sorgte mit Ndeyefoods und ihren westafrikanischen Gourmet-Saucen für brennende Gaumen in der „Höhle der Löwen“.

Danach erklärte die Gründerin ihren Wunsch die westafrikanische Küche mit ihrer neuen Heimat zu teilen. Maschmeyer meinte, dass neben indischen, mexikanischen und chinesischen Produkten Afrika ein weißer Fleck im Supermarkt-Regal sei. Dies aktivierte kurz Dümmel, der sich über die Platzierung im Handel Gedanken machte. Dann aber meinte, er wisse, wie schwer der Bereich sei und ausstieg.

Dagmar Löwenherz

Wöhrl wollte anfangs nicht investieren, da sie in der „one woman“-Show der Gründerin ein Problem sah. Jene kämpfte und bezeichnete sich als „Problemlöserin“ und versprach mit Ideen und umsetzbaren Lösungen zu trumpfen. Danach ließ die Löwen ihr Herz sprechen und bot 130.000 Euro für 30 Prozent Beteiligung. Eine gerührte Gründerin stimmte sofort zu. Deal für Ndeyefoods.

Der UV-Bodyguard

Sonne tut gut – doch nur im richtigen Maß. Bei zu viel UV-Strahlung kommt es zu einem schmerzhaften Sonnenbrand und dieser steigert wiederum das Risiko für Hautkrebs. Alleine in Deutschland erhalte alle zweieinhalb Minuten jemand die Diagnose Hautkrebs. Wie stark ist die Sonne gerade, und wie sollte ich mich am besten schützen? Und wie lange sollte ich maximal in der Sonne bleiben? Das alles sind das Wissen und die Fragen, die Annette Barth (40, Wirtschaftspsychologin) und Julian Meyer-Arnek (47, Doktor der Physik, Wissenschaftler und Atmosphärenforscher) in die „Höhle der Löwen“ stellten und vortrugen. Die zwei Gründer haben in diesem Sinne mit ajuma einen UV-Bodyguard entwickelt, der je nach Hauttyp und verwendeter Sonnencreme angepasst werden kann.

Sensor misst Sonneneinstrahlung

Der kleine Sensor, der an der Kleidung oder am Handgelenk getragen wird, misst die einfallende Sonneneinstrahlung und bezieht auch Satellitendaten wie Ozonwerte in die Berechnung mit ein. Eine dazugehörige App warnt vor zu viel, aber auch vor zu wenig Sonne, denn nicht nur ein Sonnenbrand, sondern auch ein Vitamin-D-Mangel soll verhindert werden. Um ihr Produkt auf den Markt zu bringen, benötigten Annette Barth und Julian Meyer-Arnek 110.000 Euro und wollten dafür 15 Prozent ihrer Firmenanteile abgeben.

Signalton bei zu viel Sonne

Im User-Profil der App ist es möglich den Lichtschutzfaktor des Sonnenschutzes einzustellen und sich auditiv warnen zu lassen, bevor ein Sonnenbrand drohe. Pro Account kann ein User auch mehrere Konten erstellen.

ajuma, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Annette Barth und Julian Meyer-Arnek führten ihren UV-Bodyguard ajuma den Löwen vor.

Als die Gründer erklärten, dass sie im kommenden Sommer den Markteintritt planen würden, tauschten Dümmel und Maschmeyer Blicke und berieten sich danach leise. Williams stieg aus, während sich etwas später Glagau und erneut Maschmeyer hinter auf der Bühne zusammentaten und ebenso leise Worte wechselten.

Ein Saisonartikel?

Danach erzählte der Multi-Investor von persönlichen Erlebnissen mit dem Thema des Startups, als einer seiner Söhne mit 16 Jahren schwarzen Hautkrebs gehabt hatte. Er und Glagau boten 110.000 Euro für 25 Prozent. Danach ging Dümmel, der eine Diskussion ausgelöst hatte, ob es sich bei ajuma um einen Ganzjahres-Artikel handele oder nicht. Maschmeyer argumentierte dafür, da man im Winter gut messen könne, wie es mit dem Vitamin-D-Pegel aussehe. Nachdem Kofler trotzdem ohne Angebot geblieben war, schritten die Gründer zur Beratung. Und kehrten mit einem „Ja“ für das Doppel-Angebot zurück. Deal für ajuma.

Alkoholfreier Gin Tonic in der „Höhle der Löwen“

Die vierte in der „Höhle der Löwen“ war Stella Strüfing (34) mit Laori. Die Gründerin liebt Gin Tonic, jedoch nicht den Kater am nächsten Morgen. Aus diesem Grund entstand die Idee für eine alkoholfreie Variante des Getränkes. Gemeinsam mit Lebensmitteltechniker Christian Zimmermann hat sie dafür ein extra Verfahren entwickelt, bei dem sich das Startup an der Destillation von Parfüm in Frankreich orientiert. Dabei werden alle Kräuter und Gewürze schonend mit Wasser destilliert.

Gin-Ersatz vegan und ohne Zucker

Für Laori wird unter anderem Kardamom, Rosmarin und natürlich viel Wacholder verwendet. Das Getränk ist nicht nur alkoholfrei, sondern auch vegan, ohne Zucker und kalorienarm. Für ihr Startup benötigten sie 175.000 Euro und boten dafür 15 Prozent ihrer Firmenanteile an.

Ein alkfreier Gin Tonic für die Löwen

Nach dem Pitch meldete sich Glagau zur Blindverkostung, um den Vergleich mit zwei alkoholischen Gin Tonics und jenen alkoholfreien des Startups zu testen. Der Löwe erriet, in welchem der drei Becher sich Laori befand, woraufhin sich das Gespräch rund um die Herstellung und Inhaltsstoffe des Produkts drehte. Danach bekamen alle Löwen eine Kostprobe von Laori mit Tonic gemischt.

Laori, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Stella-Oriana Strüfing und Christian Zimmermann wollen mit Laori eine alkoholfreie Gin-Alternative auf den Markt etablieren.

Dümmel zeigte es im Gesicht und sagte gleich, es schmecke ihm nicht, während Kofler vom Geruch des Getränks begeistert war. Nach dem ersten Schluck zeigte sich der Medien-Profi zwar zufrieden mit dem Geschmack, meinte aber zugleich, dies sei kein Gin Tonic. Dem stimmten Maschmeyer und Wöhrl zu.

Ein anderer Zugang?

Nachdem die Gründerin erklärt hatte, dass ihr Produkt ein Mischgetränk und gar nicht als purer Genuss gedacht sei, führte Kofler sein Problem aus. Hätten die Gründer die Kostprobe nicht als Gin Tonic-Ersatz angepriesen, so der Investor, hätte er es für ein erfrischendes Getränk empfunden. Daher kam von ihm kein Angebot.

Die Technologie als USP

Danach mussten die Gründer ihre Bewertung verteidigen und erklärten, dass hinter ihrer Idee eine Technologie stecke, die auch auf andere Drinks anwendbar wäre. Wie etwa Rum und Whiskey. Glagau zeigte sich als Gegner von Alkohol-Alternativen und stieg ebenso wie Maschmeyer aus. Für Wöhrl schmeckte Laori schlicht nicht wie Gin. Auch sie verabschiedete sich ohne Angebot.

Die Gründer versuchten sich mit ihrer Kundenzufriedenheit zu rechtfertigen. Dies half bei Dümmel nicht, der als Löwe, der keinen Alkohol trinkt, sich auf die Worte seiner Kollegen verließ und ebenso ohne Einstiegsabsichten blieb. Kein Deal für Laori.

Ergonomische Tapezierbürste

Den Abschluss der Höhle der Löwen bildete der gelernte Maler und Lackierer Michael Heide. Um Wohnungs-Arbeiten künftig zu erleichtern, hat der 52-Jährige eine ergonomische Tapezierbürste entwickelt, die für mehr Bewegungsfreiheit sorgen soll und in die Hosentasche passt. Der Rundgriff ermöglicht einen festen Halt und das Handgelenk bleibt entspannt. Dank der längeren und kräftigen Borsten in der Spitze reiche die Bürste auch an schwer zugängliche Stellen, wie Ecken oder hinter Heizungskörper. Sein komplettes Erspartes von 120.000 Euro hat Michael Heide in seine Idee gesteckt. Dabei mit Unterstützung seiner Frau auch darauf verzichtet, ein Haus zu kaufen. Er hoffte auf einen Löwen als Vertriebspartner an seiner Seite. Sein Angebot: 15 Prozent der Firmenanteile von SmartQ für 40.000 Euro.

Höhle der Löwen, SmartQ
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Michael Heide aus Zeuthen konnte mit seiner ergonomischen Tapezierbürste SmartQ so manche Löwenhälse verdrehen.

Wöhrl legte nach dem Pitch Hand an und meinte SmartQ liege gut darin, was der Gründer damit begründete, er habe eine zweieinhalbjährige Testreihe hinter sich und ein Patent erteilt bekommen. Als er noch einmal nachlegte, dass er mit seinem Ersparten ein Grundstück und Haus hatte sausen lassen, stieg die Bewunderung für den Mut unter den Löwen.

Alles allein gemacht

Der Gründer hat innerhalb von zwei Jahren 30.000 Euro Umsatz gemacht und brauche deswegen unbedingt einen strategischen Partner. Bisher hatte sich Heide, mit kleiner Social Media-Hilfe seiner Tochter, sonst alleine um Design, Verpackung und den Rest gekümmert. Williams war schwer beeindruckt, ging aber, da der Baumarkt nicht ihr Bereich sei.

Wöhrl versucht es

Kofler nannte den Gründer reell und liebenswert. Blieb aber auch mit großem Lob ohne Angebot. Der Gründer gab nicht auf und argumentierte damit, dass man mit seiner Bürste keine Leiter mehr brauche. Danach zweifelte Wöhrl nach einer kurzen Schweigephase im Studio daran, dass sie die Wunsch-Partnerin des Gründers sei, wollte aber trotzdem wegen der Bodenständigkeit des Founders ein Angebot machen. Und tat es. Sie offerierte die gewünschten 40.000 Euro für 15 Prozent.

Mr. Regal und ein Heiratsantrag

Glagau tat es ihr leidenschaftlich gleich und nannte sich „Mr. Regal“. Er versprach dem Gründer, dass bald ein riesiges Haus folgen würde. Dümmel als letzter Löwe, meinte nach der „Liebesbekundung“ von Glagau der richtige „Heirats-Antrag“ komme erst jetzt. Er legte den richtigen Weg für den Gründer offen, rein in die Baumärkte etwa, und malte mit vielen Worten ein Bild des zukünftigen Erfolges. Auch er wollte für 40.000 Euro 15 Prozent Anteile des Startups. Der Gründer entschied sich für Dümmel. Deal für SmartQ.

Deine ungelesenen Artikel:
01.06.2026

mySugr-Mitgründer Gerald Stangl bringt mit Roots Energy die urbane Wärmewende in Serie

Roots Energy hat aus einem mehrfach ausgezeichneten Wiener Pilotprojekt ein industrielles Wärmesystem für ganze Stadtquartiere gemacht. Jetzt startet die Serienfertigung in Österreich – und parallel die erste externe Finanzierungsrunde, geplant für das dritte Quartal 2026. Wir haben mit Gründer Gerald Stangl über Marktversagen, den Ukraine-Krieg als Wendepunkt und seine Lehren aus dem mySugr-Exit gesprochen.
/artikel/roots-energy
01.06.2026

mySugr-Mitgründer Gerald Stangl bringt mit Roots Energy die urbane Wärmewende in Serie

Roots Energy hat aus einem mehrfach ausgezeichneten Wiener Pilotprojekt ein industrielles Wärmesystem für ganze Stadtquartiere gemacht. Jetzt startet die Serienfertigung in Österreich – und parallel die erste externe Finanzierungsrunde, geplant für das dritte Quartal 2026. Wir haben mit Gründer Gerald Stangl über Marktversagen, den Ukraine-Krieg als Wendepunkt und seine Lehren aus dem mySugr-Exit gesprochen.
/artikel/roots-energy
Die Gründer Wieland Moser, Gerald Stangl und Florian Hackl-Kohlweiß sowie Co-CEO Katharina Steppan und CEO Hüseyin Özcelik (v. l.). Foto: Nicky Webb

Es ist eine Wette darauf, dass sich die Wärmeversorgung europäischer Städte in den nächsten Jahren grundlegend verändert. Den Beweis, dass der Markt dafür bereit ist, hat Roots Energy nach eigener Darstellung bereits erbracht. „Wir haben bewiesen, dass Menschen dafür bezahlen“, sagt Gründer Gerald Stangl. Das Wiener Unternehmen hat eine vorgefertigte Nahwärme-Plattform aus Hardware und Software entwickelt, die die heute übliche Einzelplanung jedes Heizraums durch ein industriell gefertigtes System ersetzen soll – und damit europäische Städte unabhängig von fossilen Energie-Importen machen will. Die Investitionskosten sinken laut Unternehmen gegenüber konventionell geplanten Anlagen um bis zu 50 Prozent.

Die erste Anlage – das mehrfach ausgezeichnete Wiener Pilotprojekt SmartBlock Geblergasse, technisch geplant von Roots-Mitgründer Wieland Moser, unter anderem Träger des Österreichischen Staatspreises 2021 – läuft seit 2017. Mehr als 20 weitere Standorte in der DACH-Region befinden sich im aktiven Rollout. Seit dem zweiten Quartal 2026 fertigt Roots Energy die zentralen Komponenten gemeinsam mit einem österreichischen Industriepartner in Serie. Womit das Unternehmen die jahrelange Pilotphase hinter sich lässt – und in die Skalierung eintritt.

Vom Co-Living-Projekt zum Wärme-Standard

Die Geschichte beginnt nicht mit Energie, sondern mit Wohnen. Hinter Roots steht mit Gerald Stangl ein Gründer, der bereits eine der bekanntesten österreichischen Health-Tech-Erfolgsgeschichten mitgebaut hat: Das von ihm mitgegründete Unternehmen mySugr, eine App zum Diabetes-Management, wurde 2017 an den Pharmakonzern Roche verkauft. Die Parallele zieht Stangl selbst – mySugr sei erfolgreich gewesen, weil das Team sein eigenes Problem gelöst habe. Bei Roots ist es dasselbe Muster: Die Wärmelösung entstand aus dem konkreten Bedarf eines eigenen Bauprojekts. 2021 gründete er gemeinsam mit Dr. Hüseyin Özcelik und Florian Hackl-Kohlweiß die Roots Urban Villages GmbH, ein Co-Living-Konzept für die Stadt. Bei der Suche nach einer Wärmelösung für ein rund 20.000 Quadratmeter großes Areal stieß das Team auf ein grundsätzliches Problem: „Wir haben gemerkt, es gibt nichts. Entweder man geht auf Fossil oder auf Fernwärme, wo man extreme Preisabhängigkeit hat“, erinnert sich Stangl. 

(c) Nicky Webb

Den Ausschlag gab schließlich der russische Einmarsch in die Ukraine 2022. Die Energiepreise schossen nach oben, die Immobilienpreise nach unten – und damit verschob sich die Logik des gesamten Vorhabens. Erst in diesem Moment, so Stangl, sei dem Team das eigentliche Marktversagen aufgefallen – und damit der Moment gekommen, „all in“ zu gehen: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Das Team ließ das große Immobilienprojekt fallen, holte Energietechnik-Pionier Wieland Moser ins Gründer-Team, kaufte ein Gebäude als Forschungszentrum und entschied sich bewusst gegen frühes Investorenkapital: Ausschlaggebend war für Stangl der Zeitpunkt: Mit Kriegsbeginn sei die Stimmung unter Investoren schlecht gewesen, ein schneller Start mit hohem Tempo damals kaum finanzierbar. „Da haben wir gesagt, wir bootstrappen das.” 2023 wurde aus Roots Urban Villages die Roots Energy GmbH.

(c) Nicky Webb

Das Marktversagen: zwischen Fernwärme und Sackgasse

Warum es für dichte Städte bisher keine industrielle Wärmelösung gibt, lässt sich an drei Optionen festmachen, die alle nicht skalieren. Klassische Fernwärme erreicht nur profitable Kernzonen; bestehende Hochtemperatur-Netze (80 bis 135 Grad Vorlauf) sind faktisch nicht erweiterbar und verlieren über 30 Prozent ihrer Energie auf dem Transportweg. Wer dennoch ausbaut, riskiert hohe tote Investitionen, wenn die Anschlussquoten zu gering bleiben. Luftwärmepumpen und Heizcontainer wiederum scheitern im dichten Bestand an Platz, Schallschutz und Genehmigungen. Und individuell von Ingenieurbüros geplante Erdwärme-Anlagen funktionieren zwar technisch, bleiben aber teure Einzelstücke.

(c) Nicky Webb

Genau hier setzt die zentrale These vom „CapEx at Risk“ an. Das klassische Modell baut ein großes, zentrales Werk und steckt vorab viel Kapital hinein – in der Hoffnung, damit Tausende Haushalte zu versorgen. Bleiben die Anschlüsse aus, ist das Geld verloren. „Bei uns gibt’s dieses CapEx at Risk nicht“, sagt Stangl. „Die Energiequelle entsteht in diesen Netzen Schritt für Schritt.“ Statt eines Großkraftwerks liegen viele kleine Module vor; das System wächst mit der Nachfrage, nicht auf Verdacht.

Als Vorbild dient ausgerechnet Wien selbst. Nach den Ölpreisschocks Ende der 1970er-Jahre stellte die Stadt die dezentrale Ölheizung auf Gas um – und zwar, indem man günstig nur die Gasleitungen bis vor die Wohnungen legte. Ab da konnte jeder Haushalt frei entscheiden, wann er von Öl auf die überlegene Gastherme wechselt. „In weniger als einer Generation war das abgeschlossen“, erzählt Stangl. „Und wir machen genau das Gleiche.“ Roots verlegt schlanke, kostengünstige Soleleitungen – im Kern eine kalte Wasserleitung mit Alkohol-Wasser-Gemisch –, und jede Wohnung tauscht ihre Gastherme nach Bereitschaft gegen eine Soletherme.

(c) Nicky Webb

Komplexität von der Baustelle ins Werk

Technisch baut Roots auf sogenannter kalter Nahwärme – im Fachjargon 5th Generation District Heating and Cooling. Über die Soleleitungen wird Umgebungswärme aus Erdwärme, Grundwasser, Außenluft oder Abwasser vor Ort gewonnen und nahezu verlustfrei an die Gebäude geliefert. Die Plattform besteht aus drei Bausteinen: dem vorgefertigten Hydraulik- und Steuerungsmodul Roots·Hub, dem Betriebssystem Roots·OS, das das thermische Netz steuert, sowie standardisierten Kompressoren, die Wärme oder Kälte beim Endabnehmer erzeugen – inklusive der Option, im Sommer zu kühlen.

(c) Martin Holzner

Der Kerngedanke: Roots verlagert die Komplexität von der Baustelle ins Werk. Aus aufwändigen Sonderprojekten werden standardisierte, einfach einzusetzende Systemlösungen – und damit eine skalierbare Infrastruktur. Wichtig ist Stangl dabei die Abgrenzung – ein Punkt, mit dem das Unternehmen lange gerungen hat: „Wir liefern die Anlagensysteme, damit Firmen ihren Job machen können. Wir sind in keiner Konkurrenz.“ Roots sei weder Wärmepumpenfirma noch Projektierer, sondern Systemtechnik-Lieferant für Energieversorger, institutionelle Eigentümer und Contractors.

Markt mit hohem regulatorischem Druck

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Drei EU-Rechtsakte definieren bis 2040 das Ende fossiler Wärme im Gebäudebestand: Der EPBD-Recast schreibt den Ausstieg aus fossilen Heizkesseln bis 2040 vor, der EED-Recast verpflichtet jede Kommune ab 45.000 Einwohnern zu einem Wärmeplan, und ab 2028 greift mit ETS 2 eine CO₂-Bepreisung auf Gebäudewärme. Rund die Hälfte des EU-Endenergieverbrauchs entfällt auf Heizen und Kühlen – größtenteils noch fossil.

(c) Nicky Webb

Als Zielkunden hat Roots Energy Europas größte institutionelle Wohnungsanbieter im Blick. Allein die 30 größten kontrollieren nach eigener Auswertung ein Wärme-Dekarbonisierungs-Volumen von rund 65 Milliarden Euro – darunter die größten Bestandshalter aus Österreich und Deutschland. Gespräche zu ersten gemeinsamen Piloten sind in Vorbereitung.

Fünf Jahre bootstrapped, jetzt die erste Runde

Seit 2021 hat Roots Energy rund zehn Millionen Euro aus Eigen- ,Fördermitteln und geförderten Darlehen eingesetzt – je etwa fünf Millionen in Forschung und Produktentwicklung sowie in das 900 Quadratmeter große Forschungszentrum „Roots·House“ in Wien-Penzing, das der Klimafonds als „Leuchtturm der Wärmewende“ auszeichnete. Die Forschungsförderungsgesellschaft FFG steuerte 2,4 Millionen Euro bei. Das Patent ist erteilt.

Nun geht das Unternehmen erstmals an externes Kapital: Eine erste Finanzierungsrunde soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden. Gespräche laufen mit europäischen Fonds aus den Bereichen Klima-, Resilienz- und Industrietechnologie. Das Kapital fließt in technische Kundenbetreuung, den Ausbau des Vertriebs und die Serienproduktion. Operativ geführt wird Roots Energy von Hüseyin Özcelik und Katharina Steppan; Stangl verantwortet als Gründer das Fundraising.

Das erklärte Ziel: Die Wärmeversorgung europäischer Städte soll künftig industriell organisiert sein – so wie Strom oder Telekommunikation heute. Den Hebel dorthin sieht Stangl weniger im Klimaargument als in handfesten Vorteilen für die Bewohner. „Wir müssen das Narrativ ändern“, sagt er. „Klima zieht in der aktuellen politischen Lage bei den Menschen wenig – dafür stehen Resilienz, Unabhängigkeit und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund.“


Mehr über Roots Energy könnt ihr auch hier erfahren.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

„Höhle der Löwen“: G’riss um smarte Tapezierbürste

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Höhle der Löwen“: G’riss um smarte Tapezierbürste

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Höhle der Löwen“: G’riss um smarte Tapezierbürste

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Höhle der Löwen“: G’riss um smarte Tapezierbürste

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Höhle der Löwen“: G’riss um smarte Tapezierbürste

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Höhle der Löwen“: G’riss um smarte Tapezierbürste

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Höhle der Löwen“: G’riss um smarte Tapezierbürste

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Höhle der Löwen“: G’riss um smarte Tapezierbürste

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Höhle der Löwen“: G’riss um smarte Tapezierbürste