07.06.2021

„Höhle der Löwen“-Finale: Bodybuilder-Gründerin und Löwen ohne Profitlust

Im Staffelfinale von "Höhle der Löwen" gab es diesmal eine Bodybuilder-Meisterin, AI für Blinde im Straßenverkehr und stylische Schürzen. Zudem pries ein Startup Kaffee im Tetra Pak an, während ein anderes so gut war, dass die Löwen einsteigen, aber nicht profitieren wollten.
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Höhle der Löwen, Christina Schwarz, Bodybuilderin, Bikini Klasse, FitOaty, Hafer
(c) TVNOW/Bernd-Michael Maurer -Christina Schwarz aus Aalen präsentierte mit "FitOaty" eine Frucht-Hafermahlzeit im To-Go-Becher.
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Die ersten in der vor der Sommerpause letzten Folge der „Höhle der Löwen“ – die es online auf TVNOW und immer Montags um 20.15 Uhr bei VOX zu sehen gibt – waren Maren „Mary” Weiß (Sportwissenschaftlerin), Claus Weiß (Betriebswirt) und Stefan Hrubesch (ebenfalls Betriebswirt). Die Drei sind seit sechs Jahren auf unterschiedlichen Wegen in der Kaffeebranche unterwegs. 2018 konnte das Trio in der Münchner Innenstadt das erste gemeinsame All-Day-Breakfast-Café eröffnen. Der Fokus der Drei liegt aktuell neben dem Speiseangebot auf eigene Kaffee-Variationen im Mary´s Coffee Club – allen voran auf den Iced Coffee. Um den Kunden auch für zu Hause oder unterwegs „Mary’s”-Eiskaffee zu ermöglichen, entwickelten sie ihren eigenen Bio-Eiskaffee im Tetra Pak mit leichter Kokosmilch, Kokoswasser und 100 Prozent Arabica-Kaffee. In Bayern ist das Produkt bereits im Einzelhandel erhältlich. Um deutschlandweit zu expandieren, benötigten die Gründer 100.000 Euro und boten zehn Prozent ihrer Firmenanteile an.

Zwei Angebote an die Löwen

Den gefährlichen Moment der Kostprobe überstand das Trio gut. Cremig und „schmeckt nicht wirklich nach Kokos“ waren die lobenden Reaktionen der Löwen. Danach wurde klargestellt, dass sich ein Investor bei einem Einstieg an Mary’s Coffee Club beteiligen würde – alternativ wäre auch nur die Beteiligung am Tetra Pak-Getränk mit 30 Prozent Anteilsübernahme für die 100.000 Euro möglich.

Höhle der Löwen,
(c) TVNOW / Stefan Gregorowius – Maren „Mary“ Weiß stellte in der „Höhle der Löwen“ ihren Mary´s Iced Coffee Lifestyle Bio-Eiskaffee vor.

Medieninvestor Georg Kofler warf anschließend die große Konkurrenz im Kühlregal ein. Die Gründer führten als Reaktion ihre leicht gesüßte, vegane Variante in Bio-Qualität an. Trotz einer guten Argumentation stieg der Südtiroler als erster aus. Multi-Investor Carsten Maschmeyer war das Produkt zu nischig. Auch er ging ohne Angebot. Familien-Unternehmerin Dagmar Wöhrl sah bei ihrer Absage ein Problem zukünftiger Pläne der Gründer. Sie hatte den Eindruck, dass der Kokosnuss-Kaffee bereits als Marke etabliert worden ist und das Startup für andere geplante Produkte damit als „Coconut-Brand“ ein Problem bekäme.

Dümmel die Hoffnung

Beauty-Queen Judith Williams sah, trotz der Beteuerungen, dass Mary eine Kaffeemarke wäre, Probleme mit dem Marketing. Die Löwin ging. Ralf Dümmel hingegen hatte andere Gedanken als seine Kollegen. Das Produkt schmecke einfach gut, meinte er. Er bot die 100.000 Euro für die 30 Prozent an Coconut Mary. Deal für Mary´s Coffee Club.

Blinde im Straßenverkehr

Beim zweiten Auftritt in der „Höhle der Löwen“ wurde der Straßenverkehr für blinde Menschen zum Thema. 285 Millionen Menschen auf der Welt sind blind oder sehbehindert. „Nicht sehen zu können, bedeutet Unsicherheit und Abhängigkeit“, sagte Gerd Güldenpfennig (Diplom-Informatiker). Um sich sicher durch den Straßenverkehr bewegen zu können, benötigen die Menschen detaillierte und vor allem ganz präzise Informationen: Muss man eine Straße überqueren? Gibt es eine Überführung, um einer großen Straße auszuweichen? Gibt es zusätzliche Hindernisse? Macht die Straße einen leichten Bogen? Je mehr Informationen ein sehbehinderter Mensch hat, desto mehr Sicherheit und Unabhängigkeit bekommt er zurück, erklärte der Gründer.

Fußgängernavi in der „Höhle der Löwen“

Gemeinsam mit Stefan Siebert, Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik, präsentierte Güldenpfennig den Löwen Routago – eine Fußgängernavigation speziell für Sehbehinderte und Blinde. Im Gegensatz zu anderen gängigen Navigationssystemen, deren Fokus auf dem Straßennetz für Autos liegt, berücksichtige „Routago Assist“, wie ein Fußgänger am Verkehr teilnehme. Die Wegführung kann in einer Routenvorschau „abgelaufen“ werden, um sich den Weg bereits vorab einzuprägen.

Höhle der Löwen, Routago
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Gerd Güldenpfennig (l.) und Stefan Siebert entwickelten mit Routago eine Fußgängernavigation für Menschen mit Sehbehinderung.

Via Voice-Over erhalten User genaue Weg-Anweisungen und durch eine Objekterkennung werden bestimmte Objekte im Videobild der Smartphone-Kamera identifiziert. Routago ist ein Startup-Unternehmen aus der Technologieregion Karlsruhe und Forschungspartner des KIT. Das Angebot an die Löwen: 600.000 Euro für 20 Prozent der Firmenanteile.

Inklusive Objekterkennung

Nach der Präsentation mit detaillierten und präzisen Angaben über einen fiktiven Weg, zeigten sich die Löwen höchst beeindruckt und voller Bewunderung. Danach ging es um die Sicherheit der gelieferten Daten und die Objekterkennung. Nachdem geklärt wurde, dass Routago „nur“ eine Zusatzsicherheit sein wolle, sowie nach einer weiteren erfolgreichen Demonstration, wie das Navi eine Person im Umfeld erkennt, ging es um Zahlen.

4 Millionen Euro Umsatz geplant

Das Startup plane innerhalb von drei Jahren über vier Millionen Euro Umsatz. Dümmel erklärte danach, dass er für Apps nicht der richtige Löwe sei. Anschließend wiesen die Gründer ihre Absicht aus, sich zu internationalisieren und ihr Angebot auszuweiten, etwa für Rollstuhlfahrer. Konzernchef Nils Glagau war nicht überzeugt und ging ohne Angebot. Wöhrl argumentierte ähnlich, sodass nur Kofler und Maschmeyer über blieben.

Mehr Kapital für Kundenakquise nötig

Die Gründer erzählten als letzten Versuch einen Löwen zu überzeugen von rund 360.000 Euro veranschlagtem Marketingbudget für eine Kundenakquise in der Größenordnung von 100.000 neuen Usern. Dies ließ die beiden restlichen Investoren beinahe unisono sagen, dass man selbst bei einem „zwei Millionen Euro-Budget“ es schwer hätte, dieses Ziel zu erreichen. Man müsse mit 100 Euro pro Kunden rechnen. Kofler ging aus diesem Grund. Maschmeyer nannte den Nutzungszweck des Startups sinnvoll, blieb aber auch ohne Vorschlag. Kein Deal für Routago.

Bodybuilding-Meisterin in der „Höhle der Löwen“

Christina Schwarz war die nächste in der „Höhle der Löwen“. Sie ist leidenschaftliche Fitness-Athletin und nahm bereits an einigen Bodybuilding-Wettkämpfen erfolgreich teil – zweimal erster Platz, einmal zweiter und einmal dritter bei vier Teilnahmen. „Wenn man sich so viel mit Sport und seinem eigenen Körper auseinandersetzt, wird ein Thema ein essentiell wichtiger Bestandteil im Leben: gesundes Essen“, so die Betriebswirtschaftlerin. Wie viele andere Sportler setzte auch die Gründerin auf Haferflocken: „Denn die sind reich an Proteinen, Eisen und Zink. Sie sind voller Ballaststoffe, regen die Verdauung an und halten lange satt.“

Hafer To-Go

Für ein gesundes und vollwertiges Frühstück bereitete sich Schwarz morgens regelmäßig eine Haferbowl mit viel frischem Obst zu. Doch dafür benötigte sie eine gewisse Zeit und im hektischen Alltag war das oft nicht möglich. Deswegen hat sie FitOaty entwickelt: eine frische und sofort verzehrbare Frucht-Hafermahlzeit aus dem Kühlregal im To-Go-Becher aus recyceltem PET. Das spezielle Herstellungsverfahren, mit Druck statt Hitze, soll die Produkte länger haltbar machen und das ohne Vitaminverlust. Alle Sorten sind vegan, laktosefrei und ohne Zuckerzusatz. Um FitOaty als gesunde Frühstücksalternative auf dem Markt zu etablieren, benötigte die Gründerin 80.000 Euro und war bereit, 25 Prozent ihrer Firmenanteile abzugeben.

FitOaty
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Christina Schwarz möchte umständliche Frühstücksroutinen vereinfachen.

Nachdem sie den Löwen beim Pitch die umständliche Frühstücksroutine, die Zeit kostet, präsentiert hatte, gab es für die Investoren eine Kostprobe. Jene zeigten sich begeistert, Dümmel meinte sogar, er wäre nicht der typische Kunde für gesundes Essen, ihm schmecke es aber köstlich. Der LEH-Experte zog aber später eine grimmige Miene, als er hörte, dass das Produkt eine Kühlkette brauche.

Kofler bestellt 1.000 Stück FitOaty

Dies war auch der Grund warum Wöhrl und Williams gingen. Nachdem beide Löwinnen weg waren, schloss sich Dümmel mit derselben Argumentation an, als er ohne Angebot blieb. Kofler hingegen erklärte, dass er 1.000 Stück von FitOaty bestellen und sie unter seine Kollegen verteilen würde. Leider sah er im Startup keinen Investment-Case. Nils Glagau begann mit großen Komplimenten, meinte aber es wäre schwierig das Produkt zum Endverbraucher zu bringen. Er bot dennoch die geforderten 80.000 Euro für 25 Prozent. Deal für FitOaty.

Mila Cardi mit Style-Schürze

Die vorletzte in der „Höhle der Löwen“ war Lydia Walter. Sie ist Designerin, Schneiderin und Produktentwicklerin. Unter ihrem Künstlernamen Mila Cardi entwirft sie eigene Mode, die sie in ihrer Boutique in Nürnberg und im Onlineshop verkauft. Neben ihrer eigenen Kollektion hat die 35-Jährige eine stylische und praktische Schürze für zu Hause und den Gastronomiebereich entworfen. Der Stoff ist Wasser- und schmutzabweisend und so soll ihr Produkt belastbarer und langlebiger als herkömmliche Baumwollschürzen sein. Durch die Oberflächenbeschaffenheit kann das Kleidungsstück bei Beschmutzungen abgewischt werden und muss nicht sofort in die Waschmaschine. Ihr Design ermögliche es zudem, die Schürze zu allen Outfits zu tragen und durch die integrierte Kängurutasche mit beidseitigen Eingriffen lassen sich Arbeitsutensilien wie Block, Stift oder Handy verstauen und griffbereit halten. Die Forderung: 50.000 Euro für 15 Prozent Firmenanteile.

„Zu klein“?

Nach dem Pitch meinte Wöhrl, der Preis von knapp 90 Euro und 80 Euro für die Männer-Version der Schürze wäre zu hoch. Sie erfuhr zudem, dass man mit einem Einstieg in eine noch nicht gegründete GmbH, den Namen, die Schürze und allgemein in eine Idee investieren würde. Maschmeyer war das Ganze „zu klein“ und er ging als erster Löwe ohne Angebot. Danach versicherte die Gründerin Glagau und Wöhrl, dass sie die Schürzen auf Wunsch individualisieren könne, damit sie zum jeweiligen Gastro-Betrieb passen.

Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Lydia Walter (r.) aus Nürnberg möchte mit Miss.Pinny, der funktionalen Designer-Schürzem das verstaubte Image der Küchenkleidung ändern.

Glagau ging dennoch als nächster, er sehe in der Szene momentan wenig Chancen, das Kleidungsstück anzubringen. Die Gründerin argumentierte erneut mit der Möglichkeit ihr Produkt anpassen zu können, was bei Dümmel wenig half. Nachdem auch er ohne Angebot geblieben war, verabschiedete sich auch Kofler. Die letzte Löwin der Runde, Wöhrl, meinte abschließend, Walter sei zu sehr am Anfang. Kein Deal für Miss.Pinny.

„Elefanten verlieren 30 Fußballplätze Lebensraum pro Minute“

Den Abschluss der „Höhle der Löwen“-Staffel bildete Chris Kaiser. Der Tourismusmanager hat schon viel von der Welt gesehen. Da sein Vater Tropenarzt ist, wuchs er unter anderem in Kamerun und Tansania auf. Nach der Schule hatte er verschiedene Jobs in der Tourismusbranche und mittlerweile auf fünf Kontinenten gelebt und dort Geld verdient. „Besonders beeindruckend waren die fünf Jahre in Thailand, weil ich dort im engsten Kontakt mit Elefanten zusammengearbeitet habe“, erklärte der 33-Jährige. „Für mich sind Elefanten die wundervollsten Geschöpfe auf diesem Planeten. Aber sie haben ein riesengroßes Problem: der Verlust von Lebensraum. Pro Minute verlieren wir 30 Fußballfelder an Regenwald.“

Über 100.000 Bäume gepflanzt

Und genau hier setzt sein Startup an. B’n’Tree – mit Beteiligung von Paul Blazek, CVO des oberösterreichischen Software-Startups Combeenation – ist eine Affiliate-Vermittlungsplattform, die mit verschiedenen Reisebuchungsportalen zusammenarbeitet und für jede Buchung einen Baum pflanzt. Das helfe beim Ausgleich der Emissionen, schaffe Arbeit für lokale Kommunen und Lebensraum für bedrohte Tierarten. Seit dem Start von B’n’Tree konnten über 100.000 Bäume in 13 verschiedenen Ländern gepflanzt werden. Um möglichst schnell skalieren zu können und sein Business mit der Marke „Click A Tree“ auch über die Touristikbranche hinaus auszubauen, benötigte Chris 75.000 Euro und war bereit zehn Prozent der Anteile abzugeben.

Höhle der Löwen, B'n'Tree, Click a Tree
(c) TVNOW / Stefan Gregorowius – Chris Kaiser macht mit B´n`Tree Bäume pflanzen zum Geschäftsfeld.

Nach einem leicht episch gestalteten Pitch, erklärte Kaiser, dass seine Firma keine Non-Profit Organisation sei, auch keine weitere Firma, die nebenbei Bäume pflanzt, sondern den Ansatz neu schaffen und das Thema kommerziell angehen will. An keiner Stelle der Wertschöpfungskette würde auf Freiwilligenarbeit gesetzt. Man würde karitative Arbeit mit dem Kapitalismus verbinden. Und damit den „Karitalismus“ erfinden.

Geschäftsmodell erweitert

Da sich der Fokus rein auf die Buchungsbranche nicht lohnen würde – pro Buchung gibt es für das Startup rund vier Euro Einnahmen, bei Pflanzungskosten für einen einzelnen Baum für 3,5 Euro – hat Kaiser sein Geschäftsmodell erweitert und „Click a Tree“ gegründet. Privatkunden und Firmen aus jeder Industrie könnten damit ab Verkaufspreisen von (damals) fünf Euro mitmachen.

Der „Mark Thunberg“ der Show

Glagau empfand das Ganze als zu schwammig und ging relativ rasch ohne Angebot. Danach erklärte der Gründer die Vorteile der Authentizität eines Unternehmens wie seines. Wenn plötzlich Mark Zuckerberg anfinge Bäume zu pflanzen, so würden die Leute schnell „geenwashing“ schreien. Würde Greta Thunberg für die gleiche Aktion Geld verlangen, so hieße es wohl „Kapitalistin“. Man bräuchte eine Mischung aus beiden. Er selbst sei dieser „Mark Thunberg“.

Einzigartiges Angebot

Dies erheiterte die Löwen. Dümmel ging dennoch als nächster, er könne dem Gründer nicht helfen. Maschmeyer und Williams zogen sich indes zur Beratung zurück. Die Investorin erklärte danach, dass Nachhaltigkeit bei ihr ein wichtiges Thema sei, zudem hätte sie Kaiser überzeugt. Sie und ihr Kollege würden gerne investieren, aber mit B’n’Tree keinen Gewinn machen wollen. Maschmeyer erklärte die Idee: Beide Löwen würden 75.000 Euro für 25,1 Prozent bieten. Aber später ihre Anteile an die ersten Mitarbeiter im Rahmen eines Mitarbeiter-Beteiligungsprogramms abgeben. Und irgendwann nur ihr Investment zurückfordern.

Die Rückkehr des Glagau

Danach änderte Glagau seine Meinung. Je länger er den Gründer erlebe, desto mehr würde ihn ihm passieren, sagte er. Er bot gemeinsam mit Kofler schließlich 100.000 Euro für 20 Prozent Beteiligung.

Mentor nicht zu erreichen

Am Ende wollte sich Kaiser mit Blazek beraten, erreichte seinen Mentor aber nicht. So war er gezwungen alleine eine Entscheidung zu treffen und nahm Maschmeyer und Williams mit an Board. Deal im Staffelfinale für B’n’Tree.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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