07.06.2021

„Höhle der Löwen“-Finale: Bodybuilder-Gründerin und Löwen ohne Profitlust

Im Staffelfinale von "Höhle der Löwen" gab es diesmal eine Bodybuilder-Meisterin, AI für Blinde im Straßenverkehr und stylische Schürzen. Zudem pries ein Startup Kaffee im Tetra Pak an, während ein anderes so gut war, dass die Löwen einsteigen, aber nicht profitieren wollten.
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Höhle der Löwen, Christina Schwarz, Bodybuilderin, Bikini Klasse, FitOaty, Hafer
(c) TVNOW/Bernd-Michael Maurer -Christina Schwarz aus Aalen präsentierte mit "FitOaty" eine Frucht-Hafermahlzeit im To-Go-Becher.
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Die ersten in der vor der Sommerpause letzten Folge der „Höhle der Löwen“ – die es online auf TVNOW und immer Montags um 20.15 Uhr bei VOX zu sehen gibt – waren Maren „Mary” Weiß (Sportwissenschaftlerin), Claus Weiß (Betriebswirt) und Stefan Hrubesch (ebenfalls Betriebswirt). Die Drei sind seit sechs Jahren auf unterschiedlichen Wegen in der Kaffeebranche unterwegs. 2018 konnte das Trio in der Münchner Innenstadt das erste gemeinsame All-Day-Breakfast-Café eröffnen. Der Fokus der Drei liegt aktuell neben dem Speiseangebot auf eigene Kaffee-Variationen im Mary´s Coffee Club – allen voran auf den Iced Coffee. Um den Kunden auch für zu Hause oder unterwegs „Mary’s”-Eiskaffee zu ermöglichen, entwickelten sie ihren eigenen Bio-Eiskaffee im Tetra Pak mit leichter Kokosmilch, Kokoswasser und 100 Prozent Arabica-Kaffee. In Bayern ist das Produkt bereits im Einzelhandel erhältlich. Um deutschlandweit zu expandieren, benötigten die Gründer 100.000 Euro und boten zehn Prozent ihrer Firmenanteile an.

Zwei Angebote an die Löwen

Den gefährlichen Moment der Kostprobe überstand das Trio gut. Cremig und „schmeckt nicht wirklich nach Kokos“ waren die lobenden Reaktionen der Löwen. Danach wurde klargestellt, dass sich ein Investor bei einem Einstieg an Mary’s Coffee Club beteiligen würde – alternativ wäre auch nur die Beteiligung am Tetra Pak-Getränk mit 30 Prozent Anteilsübernahme für die 100.000 Euro möglich.

Höhle der Löwen,
(c) TVNOW / Stefan Gregorowius – Maren „Mary“ Weiß stellte in der „Höhle der Löwen“ ihren Mary´s Iced Coffee Lifestyle Bio-Eiskaffee vor.

Medieninvestor Georg Kofler warf anschließend die große Konkurrenz im Kühlregal ein. Die Gründer führten als Reaktion ihre leicht gesüßte, vegane Variante in Bio-Qualität an. Trotz einer guten Argumentation stieg der Südtiroler als erster aus. Multi-Investor Carsten Maschmeyer war das Produkt zu nischig. Auch er ging ohne Angebot. Familien-Unternehmerin Dagmar Wöhrl sah bei ihrer Absage ein Problem zukünftiger Pläne der Gründer. Sie hatte den Eindruck, dass der Kokosnuss-Kaffee bereits als Marke etabliert worden ist und das Startup für andere geplante Produkte damit als „Coconut-Brand“ ein Problem bekäme.

Dümmel die Hoffnung

Beauty-Queen Judith Williams sah, trotz der Beteuerungen, dass Mary eine Kaffeemarke wäre, Probleme mit dem Marketing. Die Löwin ging. Ralf Dümmel hingegen hatte andere Gedanken als seine Kollegen. Das Produkt schmecke einfach gut, meinte er. Er bot die 100.000 Euro für die 30 Prozent an Coconut Mary. Deal für Mary´s Coffee Club.

Blinde im Straßenverkehr

Beim zweiten Auftritt in der „Höhle der Löwen“ wurde der Straßenverkehr für blinde Menschen zum Thema. 285 Millionen Menschen auf der Welt sind blind oder sehbehindert. „Nicht sehen zu können, bedeutet Unsicherheit und Abhängigkeit“, sagte Gerd Güldenpfennig (Diplom-Informatiker). Um sich sicher durch den Straßenverkehr bewegen zu können, benötigen die Menschen detaillierte und vor allem ganz präzise Informationen: Muss man eine Straße überqueren? Gibt es eine Überführung, um einer großen Straße auszuweichen? Gibt es zusätzliche Hindernisse? Macht die Straße einen leichten Bogen? Je mehr Informationen ein sehbehinderter Mensch hat, desto mehr Sicherheit und Unabhängigkeit bekommt er zurück, erklärte der Gründer.

Fußgängernavi in der „Höhle der Löwen“

Gemeinsam mit Stefan Siebert, Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik, präsentierte Güldenpfennig den Löwen Routago – eine Fußgängernavigation speziell für Sehbehinderte und Blinde. Im Gegensatz zu anderen gängigen Navigationssystemen, deren Fokus auf dem Straßennetz für Autos liegt, berücksichtige „Routago Assist“, wie ein Fußgänger am Verkehr teilnehme. Die Wegführung kann in einer Routenvorschau „abgelaufen“ werden, um sich den Weg bereits vorab einzuprägen.

Höhle der Löwen, Routago
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Gerd Güldenpfennig (l.) und Stefan Siebert entwickelten mit Routago eine Fußgängernavigation für Menschen mit Sehbehinderung.

Via Voice-Over erhalten User genaue Weg-Anweisungen und durch eine Objekterkennung werden bestimmte Objekte im Videobild der Smartphone-Kamera identifiziert. Routago ist ein Startup-Unternehmen aus der Technologieregion Karlsruhe und Forschungspartner des KIT. Das Angebot an die Löwen: 600.000 Euro für 20 Prozent der Firmenanteile.

Inklusive Objekterkennung

Nach der Präsentation mit detaillierten und präzisen Angaben über einen fiktiven Weg, zeigten sich die Löwen höchst beeindruckt und voller Bewunderung. Danach ging es um die Sicherheit der gelieferten Daten und die Objekterkennung. Nachdem geklärt wurde, dass Routago „nur“ eine Zusatzsicherheit sein wolle, sowie nach einer weiteren erfolgreichen Demonstration, wie das Navi eine Person im Umfeld erkennt, ging es um Zahlen.

4 Millionen Euro Umsatz geplant

Das Startup plane innerhalb von drei Jahren über vier Millionen Euro Umsatz. Dümmel erklärte danach, dass er für Apps nicht der richtige Löwe sei. Anschließend wiesen die Gründer ihre Absicht aus, sich zu internationalisieren und ihr Angebot auszuweiten, etwa für Rollstuhlfahrer. Konzernchef Nils Glagau war nicht überzeugt und ging ohne Angebot. Wöhrl argumentierte ähnlich, sodass nur Kofler und Maschmeyer über blieben.

Mehr Kapital für Kundenakquise nötig

Die Gründer erzählten als letzten Versuch einen Löwen zu überzeugen von rund 360.000 Euro veranschlagtem Marketingbudget für eine Kundenakquise in der Größenordnung von 100.000 neuen Usern. Dies ließ die beiden restlichen Investoren beinahe unisono sagen, dass man selbst bei einem „zwei Millionen Euro-Budget“ es schwer hätte, dieses Ziel zu erreichen. Man müsse mit 100 Euro pro Kunden rechnen. Kofler ging aus diesem Grund. Maschmeyer nannte den Nutzungszweck des Startups sinnvoll, blieb aber auch ohne Vorschlag. Kein Deal für Routago.

Bodybuilding-Meisterin in der „Höhle der Löwen“

Christina Schwarz war die nächste in der „Höhle der Löwen“. Sie ist leidenschaftliche Fitness-Athletin und nahm bereits an einigen Bodybuilding-Wettkämpfen erfolgreich teil – zweimal erster Platz, einmal zweiter und einmal dritter bei vier Teilnahmen. „Wenn man sich so viel mit Sport und seinem eigenen Körper auseinandersetzt, wird ein Thema ein essentiell wichtiger Bestandteil im Leben: gesundes Essen“, so die Betriebswirtschaftlerin. Wie viele andere Sportler setzte auch die Gründerin auf Haferflocken: „Denn die sind reich an Proteinen, Eisen und Zink. Sie sind voller Ballaststoffe, regen die Verdauung an und halten lange satt.“

Hafer To-Go

Für ein gesundes und vollwertiges Frühstück bereitete sich Schwarz morgens regelmäßig eine Haferbowl mit viel frischem Obst zu. Doch dafür benötigte sie eine gewisse Zeit und im hektischen Alltag war das oft nicht möglich. Deswegen hat sie FitOaty entwickelt: eine frische und sofort verzehrbare Frucht-Hafermahlzeit aus dem Kühlregal im To-Go-Becher aus recyceltem PET. Das spezielle Herstellungsverfahren, mit Druck statt Hitze, soll die Produkte länger haltbar machen und das ohne Vitaminverlust. Alle Sorten sind vegan, laktosefrei und ohne Zuckerzusatz. Um FitOaty als gesunde Frühstücksalternative auf dem Markt zu etablieren, benötigte die Gründerin 80.000 Euro und war bereit, 25 Prozent ihrer Firmenanteile abzugeben.

FitOaty
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Christina Schwarz möchte umständliche Frühstücksroutinen vereinfachen.

Nachdem sie den Löwen beim Pitch die umständliche Frühstücksroutine, die Zeit kostet, präsentiert hatte, gab es für die Investoren eine Kostprobe. Jene zeigten sich begeistert, Dümmel meinte sogar, er wäre nicht der typische Kunde für gesundes Essen, ihm schmecke es aber köstlich. Der LEH-Experte zog aber später eine grimmige Miene, als er hörte, dass das Produkt eine Kühlkette brauche.

Kofler bestellt 1.000 Stück FitOaty

Dies war auch der Grund warum Wöhrl und Williams gingen. Nachdem beide Löwinnen weg waren, schloss sich Dümmel mit derselben Argumentation an, als er ohne Angebot blieb. Kofler hingegen erklärte, dass er 1.000 Stück von FitOaty bestellen und sie unter seine Kollegen verteilen würde. Leider sah er im Startup keinen Investment-Case. Nils Glagau begann mit großen Komplimenten, meinte aber es wäre schwierig das Produkt zum Endverbraucher zu bringen. Er bot dennoch die geforderten 80.000 Euro für 25 Prozent. Deal für FitOaty.

Mila Cardi mit Style-Schürze

Die vorletzte in der „Höhle der Löwen“ war Lydia Walter. Sie ist Designerin, Schneiderin und Produktentwicklerin. Unter ihrem Künstlernamen Mila Cardi entwirft sie eigene Mode, die sie in ihrer Boutique in Nürnberg und im Onlineshop verkauft. Neben ihrer eigenen Kollektion hat die 35-Jährige eine stylische und praktische Schürze für zu Hause und den Gastronomiebereich entworfen. Der Stoff ist Wasser- und schmutzabweisend und so soll ihr Produkt belastbarer und langlebiger als herkömmliche Baumwollschürzen sein. Durch die Oberflächenbeschaffenheit kann das Kleidungsstück bei Beschmutzungen abgewischt werden und muss nicht sofort in die Waschmaschine. Ihr Design ermögliche es zudem, die Schürze zu allen Outfits zu tragen und durch die integrierte Kängurutasche mit beidseitigen Eingriffen lassen sich Arbeitsutensilien wie Block, Stift oder Handy verstauen und griffbereit halten. Die Forderung: 50.000 Euro für 15 Prozent Firmenanteile.

„Zu klein“?

Nach dem Pitch meinte Wöhrl, der Preis von knapp 90 Euro und 80 Euro für die Männer-Version der Schürze wäre zu hoch. Sie erfuhr zudem, dass man mit einem Einstieg in eine noch nicht gegründete GmbH, den Namen, die Schürze und allgemein in eine Idee investieren würde. Maschmeyer war das Ganze „zu klein“ und er ging als erster Löwe ohne Angebot. Danach versicherte die Gründerin Glagau und Wöhrl, dass sie die Schürzen auf Wunsch individualisieren könne, damit sie zum jeweiligen Gastro-Betrieb passen.

Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Lydia Walter (r.) aus Nürnberg möchte mit Miss.Pinny, der funktionalen Designer-Schürzem das verstaubte Image der Küchenkleidung ändern.

Glagau ging dennoch als nächster, er sehe in der Szene momentan wenig Chancen, das Kleidungsstück anzubringen. Die Gründerin argumentierte erneut mit der Möglichkeit ihr Produkt anpassen zu können, was bei Dümmel wenig half. Nachdem auch er ohne Angebot geblieben war, verabschiedete sich auch Kofler. Die letzte Löwin der Runde, Wöhrl, meinte abschließend, Walter sei zu sehr am Anfang. Kein Deal für Miss.Pinny.

„Elefanten verlieren 30 Fußballplätze Lebensraum pro Minute“

Den Abschluss der „Höhle der Löwen“-Staffel bildete Chris Kaiser. Der Tourismusmanager hat schon viel von der Welt gesehen. Da sein Vater Tropenarzt ist, wuchs er unter anderem in Kamerun und Tansania auf. Nach der Schule hatte er verschiedene Jobs in der Tourismusbranche und mittlerweile auf fünf Kontinenten gelebt und dort Geld verdient. „Besonders beeindruckend waren die fünf Jahre in Thailand, weil ich dort im engsten Kontakt mit Elefanten zusammengearbeitet habe“, erklärte der 33-Jährige. „Für mich sind Elefanten die wundervollsten Geschöpfe auf diesem Planeten. Aber sie haben ein riesengroßes Problem: der Verlust von Lebensraum. Pro Minute verlieren wir 30 Fußballfelder an Regenwald.“

Über 100.000 Bäume gepflanzt

Und genau hier setzt sein Startup an. B’n’Tree – mit Beteiligung von Paul Blazek, CVO des oberösterreichischen Software-Startups Combeenation – ist eine Affiliate-Vermittlungsplattform, die mit verschiedenen Reisebuchungsportalen zusammenarbeitet und für jede Buchung einen Baum pflanzt. Das helfe beim Ausgleich der Emissionen, schaffe Arbeit für lokale Kommunen und Lebensraum für bedrohte Tierarten. Seit dem Start von B’n’Tree konnten über 100.000 Bäume in 13 verschiedenen Ländern gepflanzt werden. Um möglichst schnell skalieren zu können und sein Business mit der Marke „Click A Tree“ auch über die Touristikbranche hinaus auszubauen, benötigte Chris 75.000 Euro und war bereit zehn Prozent der Anteile abzugeben.

Höhle der Löwen, B'n'Tree, Click a Tree
(c) TVNOW / Stefan Gregorowius – Chris Kaiser macht mit B´n`Tree Bäume pflanzen zum Geschäftsfeld.

Nach einem leicht episch gestalteten Pitch, erklärte Kaiser, dass seine Firma keine Non-Profit Organisation sei, auch keine weitere Firma, die nebenbei Bäume pflanzt, sondern den Ansatz neu schaffen und das Thema kommerziell angehen will. An keiner Stelle der Wertschöpfungskette würde auf Freiwilligenarbeit gesetzt. Man würde karitative Arbeit mit dem Kapitalismus verbinden. Und damit den „Karitalismus“ erfinden.

Geschäftsmodell erweitert

Da sich der Fokus rein auf die Buchungsbranche nicht lohnen würde – pro Buchung gibt es für das Startup rund vier Euro Einnahmen, bei Pflanzungskosten für einen einzelnen Baum für 3,5 Euro – hat Kaiser sein Geschäftsmodell erweitert und „Click a Tree“ gegründet. Privatkunden und Firmen aus jeder Industrie könnten damit ab Verkaufspreisen von (damals) fünf Euro mitmachen.

Der „Mark Thunberg“ der Show

Glagau empfand das Ganze als zu schwammig und ging relativ rasch ohne Angebot. Danach erklärte der Gründer die Vorteile der Authentizität eines Unternehmens wie seines. Wenn plötzlich Mark Zuckerberg anfinge Bäume zu pflanzen, so würden die Leute schnell „geenwashing“ schreien. Würde Greta Thunberg für die gleiche Aktion Geld verlangen, so hieße es wohl „Kapitalistin“. Man bräuchte eine Mischung aus beiden. Er selbst sei dieser „Mark Thunberg“.

Einzigartiges Angebot

Dies erheiterte die Löwen. Dümmel ging dennoch als nächster, er könne dem Gründer nicht helfen. Maschmeyer und Williams zogen sich indes zur Beratung zurück. Die Investorin erklärte danach, dass Nachhaltigkeit bei ihr ein wichtiges Thema sei, zudem hätte sie Kaiser überzeugt. Sie und ihr Kollege würden gerne investieren, aber mit B’n’Tree keinen Gewinn machen wollen. Maschmeyer erklärte die Idee: Beide Löwen würden 75.000 Euro für 25,1 Prozent bieten. Aber später ihre Anteile an die ersten Mitarbeiter im Rahmen eines Mitarbeiter-Beteiligungsprogramms abgeben. Und irgendwann nur ihr Investment zurückfordern.

Die Rückkehr des Glagau

Danach änderte Glagau seine Meinung. Je länger er den Gründer erlebe, desto mehr würde ihn ihm passieren, sagte er. Er bot gemeinsam mit Kofler schließlich 100.000 Euro für 20 Prozent Beteiligung.

Mentor nicht zu erreichen

Am Ende wollte sich Kaiser mit Blazek beraten, erreichte seinen Mentor aber nicht. So war er gezwungen alleine eine Entscheidung zu treffen und nahm Maschmeyer und Williams mit an Board. Deal im Staffelfinale für B’n’Tree.

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Tesla
(c) Tesla

Der österreichische Sicherheitsforscher Martin Herfurt hat bereits vor Jahren eine Sicherheitslücke bei Tesla entdeckt, wie er damals auf der Videoplattform YouTube demonstrierte: Der digitale Autoschlüssel am Smartphone sei zwar bequem, jedoch bei allen Tesla-Fahrzeugen ohne Ultra-Breitband-Technik (UWB) grundsätzlich angreifbar. ToothR new media bzw. IT-Wachdienst.com veröffentlicht nun mit TeslaKee eine Smartphone-App, die dokumentierte Schwachstellen des Bluetooth-PhoneKey-Protokolls entschärfen soll: den Relay-Angriff, der zum Fahrzeugdiebstahl in Sekunden führt, und die sogenannte BlueBait-Attacke, mit der sich Fahrerinnen und Fahrer über gefälschte Fahrzeug-Signale orten lassen — selbst dann, wenn das eigene Auto kilometerweit entfernt steht.

Teslakee-Founder: „App beantwortet jede Authentifizierungsanfrage“

„Tesla-Fahrzeuge entriegeln, sobald sich das gekoppelte Smartphone in Bluetooth-Reichweite meldet. Die eingesetzte Kryptografie ist solide. Die Schwachstelle liegt eine Ebene darüber, in der Logik: Die offizielle App beantwortet jede Authentifizierungsanfrage — bedingungslos, ohne zu prüfen, ob die Situation überhaupt plausibel ist. Genau das macht zwei Angriffe möglich“, beschreibt Herfurt per Aussendung das Tesla-Problem.

Bei einem Relay-Angriff arbeiten zwei Täter mit zwei handelsüblichen Funkmodulen zusammen. Einer folgt Fahrzeughaltern ins Einkaufszentrum, der zweite steht am Auto auf dem Parkplatz. Die Funkstrecke zwischen beiden verlängert die Bluetooth-Reichweite künstlich um beliebige Distanzen. Für das Fahrzeug sieht es so aus, als stünden Besitzer direkt daneben. Das Auto entriegelt, lässt sich starten und wegfahren — während das Handy unberührt in der Jackentasche steckt.

Der Angriff wurde von Herfurt im Rahmen des Projekts TEMPA auf Sicherheitskonferenzen live demonstriert und als Video dokumentiert. Er benötige keine Kenntnis von Passwörtern, keinen Tesla-Account und hinterlasse keine Einbruchsspuren — ein Umstand, der in der Schadensregulierung regelmäßig zu Problemen mit Versicherungen führt, wie der Sicherheitsforscher sagt.

Das Bluetooth-Problem

Neuere Fahrzeuge begegnen diesem Problem mit UWB-Distanzmessung: Das Auto misst hierbei physikalisch, wie weit das Telefon tatsächlich entfernt ist, und ein weitergeleitetes Signal fliegt auf. Diesen Schutz hat die große Mehrheit der Fahrzeuge jedoch nicht. Die weltweite Tesla-Flotte mit Bluetooth-PhoneKey wird derzeit auf rund acht Millionen Fahrzeuge geschätzt. Davon sind jedoch nur etwa 20 Prozent mit UWB ausgestattet.

Der zusätzliche Schutz kam erst mit den jüngsten Modellgenerationen – für rund sechs Millionen Fahrzeuge bleibt Bluetooth damit die Grundlage des Zugangs. Beim Model S und Model X wurde UWB ab 2021 (Palladium) eingeführt, beim Model 3 ab 2024 (Highland) und beim Model Y ab 2025 (Juniper). Betroffen sind damit alle älteren Modelle der jeweiligen Baureihen.

Erschwerend komme hinzu: UWB schütze nur, wenn Fahrzeug und Smartphone die Technik beherrschen. Ein Großteil der verbreiteten Android-Geräte hat, Herfurt zufolge, keinen UWB-Chip. Selbst Besitzer eines neuen Fahrzeugs würden damit still auf die ungeschützte Bluetooth-Ebene zurückfallen.

BlueBait-Attacke

Weniger bekannt, aus Sicht des Datenschutzes aber gravierender, sei ein Angriff, den die Forschung als BlueBait-Attacke bezeichnet — nach dem Köder, mit dem gearbeitet wird: Die offizielle App antwortet auch auf gefälschte Fahrzeuge. Wer einen nachgebauten Tesla-Beacon betreibt — ein Gerät für wenige Euro, wie Herfurt betont — bekommt von jedem vorbeigehenden Tesla-Fahrer eine Antwort des Smartphones. Damit lässt sich zuverlässig feststellen: Diese konkrete Person war zu dieser Uhrzeit an diesem Ort.

„BlueBait funktioniert vollkommen unabhängig davon, wo das Auto steht. Die Halterin muss nicht in der Nähe ihres Fahrzeugs sein — es genügt, dass sie ihr Telefon dabei hat. Mehrere solcher Beacons, verteilt über eine Stadt, ergeben ein Bewegungsprofil“, beschreibt Herfurt diese Gefahr. „Die Anwendungsfälle sind unangenehm konkret: Stalking, häusliche Gewalt und Nachstellung, verdeckte Beobachtung durch Dritte, kommerzielles Kunden-Tracking im Einzelhandel, das Ausspähen von Fahrzeugen als Vorbereitung eines Diebstahls. Betroffene bemerken davon nichts — es gibt keine Anzeige, keinen Hinweis, kein Protokoll.“

Entscheidend dabei ist, dass UWB nicht gegen BlueBait helfe. Die Distanzmessung greife erst, wenn das Fahrzeug die Nähe des Telefons überprüft — sie verhindert den Diebstahl. Die Ortung entstehe jedoch schon eine Stufe davor, allein dadurch, dass das Telefon auf eine Anfrage überhaupt reagiere. Von der Ortbarkeit sind deshalb auch Halterinnen und Halter brandneuer Fahrzeuge mit UWB betroffen. Solange die Entscheidung, ob geantwortet wird, nicht auf dem Telefon selbst getroffen wird, bleibe das Problem bestehen. Hier kommt die App von Herfurt ins Spiel.

Die Idee hinter TeslaKee

Die zentrale Idee hinter TeslaKee besteht nicht darin, die offizielle Tesla-App zu ersetzen, sondern eine ganz konkrete Schwachstelle in Teslas eigener Umsetzung zu schließen: den Bluetooth-basierten digitalen Schlüssel, mit dem sich das Smartphone am Fahrzeug authentifiziert.

Eine Policy-Engine prüft jede Authentifizierungsanfrage gegen einen selbst definierten Regelsatz, bevor eine Antwort erfolgt. Passt der Gerätekontext nicht zu einer plausiblen Annäherung, bleibt die Reaktion aus, das Angreifersignal läuft ins Leere, das Fahrzeug bleibt verschlossen, und auch ein BlueBait-Köder erhält keine verwertbare Antwort. Fahrzeug- und Privatsphärenschutz laufen so über denselben Mechanismus, so der Claim.

Alle internetbasierten Funktionen der Tesla-App, etwa Navigationsziele, Updates, Supercharger-Planung oder der Fernzugriff über hunderte Kilometer, bleiben eigenen Angaben nach unverändert erhalten, da sie über Teslas Server laufen. „Beide Apps sind parallel nutzbar: TeslaKee übernimmt nur den Bluetooth-Nahbereich, in dem die Schwachstellen liegen, und dafür wird der offiziellen App lediglich die Berechtigung „Geräte in der Nähe“ entzogen, ihr Schlüssel bleibt im Fahrzeug hinterlegt“, liest man in der Aussendung.

Kern des Tesla-Schutzes

Den Kern des Tesla-Schutzes bildet ein Baukasten aus zehn konfigurierbaren Kontextregeln (Pflicht- oder optionale Regel mit Quorum), etwa Bewegungserkennung, GPS-Geofence, Abgleich mit dem letzten Parkplatz samt Mobilfunkzellen, bekanntes WLAN, Zeitfenster, Signalstärke, Schrittzähler, barometrische Höhe, Bildschirmstatus und erlaubte Funkzellen. Für Ausnahmen wie Fahrzeugübergabe oder Werkstattbesuch gibt es eine befristete manuelle Übersteuerung (15/30/60 Minuten), und ein Live-Policy-Test zeige jederzeit nachvollziehbar, welche Regel gerade greift.

„Die Verschlüsselung von Tesla ist in Ordnung — das Problem ist, dass das Telefon jede Frage beantwortet, ohne sich zu fragen, wer da eigentlich fragt. Ein Auto, das aufgeht, weil jemand mein Signal aus dem Supermarkt auf den Parkplatz verlängert hat, ist die eine Hälfte. Die andere Hälfte ist, dass ein zwanzig Euro teures Bastelgerät am Straßenrand mitschreiben kann, wann ich vorbeigegangen bin — dafür muss mein Auto nicht einmal in der Nähe sein“ präzisiert Herfurt. „Gegen den Diebstahl hilft UWB tatsächlich, aber nur bei neuen Fahrzeugen mit passendem Telefon. Gegen das Mitschreiben hilft es überhaupt nicht: Das Telefon antwortet dem gefälschten Beacon weiterhin, auch im nagelneuen Auto. Deshalb muss die Entscheidung, ob überhaupt geantwortet wird, auf das Telefon — und genau das macht TeslaKee.“

TeslaKee ist ab sofort für alle Interessierten öffentlich verfügbar — für Android ab Version 10, vorausgesetzt wird ein Gerät mit StrongBox-Sicherheitschip (verbreitet ab Baujahr 2019). Parallel läuft weiterhin ein internes Testprogramm, dessen Rückmeldungen in die Weiterentwicklung einfließen. Kompatibel sind Tesla Model 3, Y, S und X mit Bluetooth-PhoneKey. Für die einmalige Schlüsselanmeldung wird die NFC-Keycard des Fahrzeugs benötigt. An einer TeslaKee-App für das iPhone wird bereits gearbeitet.

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