19.04.2021

Höhle der Löwen: Deal für veganes Ei-Startup aus Österreich

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" ging es um eine Bier-Tragetasche, einen digitalen Steuerberater und rollende Werbetafeln. Zudem konnte ein Startup aus Österreich mit seiner veganen Ei-Idee bei den Löwen punkten.
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Höhle der Löwen, MyEy, Ei-Ersatz, veganes Ei,
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Christian Geiser konnte mit dem veganen Ei-Ersatz-Startup "MyEy" einen Investor überzeugen.
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Der Erste, der sich in die Höhle der Löwen wagte – die es online auf TVNOW und immer montags um 20.15 Uhr bei VOX zu sehen gibt – war Tilmann Rothe. Der junge Mann kennt das Problem des Bierkisten-Tragens nur allzu gut: „Als Student habe ich noch kein Auto und war die Schlepperei irgendwann leid“, erzählte er den Löwen. Seine Lösung: Der BeerBag, um die Bierkisten einfach auf den Rücken zu schnallen und wie einen normalen Rucksack zu tragen. Der Transport zu Fuß, per Fahrrad oder in Bus und Bahn soll damit kein Problem mehr sein. Und beim Picknick im Park kann das Produkt durch Umstecken der Platten zur Sitzmöglichkeit umfunktioniert werden. Rothe stand mit seiner Erfindung noch ganz am Anfang und benötigte 20.000 Euro für 30 Prozent Anteile.

Leicht zu tragen

Sämtliche Löwen zeigten sich von der Doppelfunktion des Beerbag begeistert und testeten eine neuere Version des hölzernen Bierrucksacks, der breitere Gurte hatte. Kofler war sich nach dem Tragetest des Prototyps positiv überrascht, wie leicht sich die Bierkiste am Rücken tragen lasse.

Höhle der Löwen, BeerBag
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Tilmann Rothe aus Dresden präsentierte mit BeerBag ein Tragesystem für Getränkekisten, das zu einem Sitz umfunktioniert werden kann.

Danach wurde zum Problem, dass die Produktionskosten des Tragesystems bei 40 Euro lagen, der VK aber bloß 50 Euro betrug. Mit Verpackungen und sonstigen anfallenden Kosten rechne sich das nicht, um einen Investor anzulocken, meinten die Löwen. Der Gründer allerdings zeigte sich bereit in dieser Hinsicht den Preis notfalls auch zu ändern.

„Lass es sein“

Konzernchef Nils Glagau und Familienunternehmerin Dagmar Wöhrl stiegen als erste aus. Das Produkt sei noch nicht reif genug. Maschmeyer nannte es „das Originellste“, das er in der Show gesehen hätte, ging aber ohne Angebot. Auch Medienprofi Georg Kofler störte sich an den genannten Zahlen und empfiehl dem Gründer sogar, „es sein zu lassen“.

Der zerrissene Löwe

Handelsexperte Ralf Dümmel litt sichtlich daran, nicht in den jungen Gründer zu investieren. Er rang einige Zeit mit sich selbst und meinte, „er müsse eigentlich ‚Nein‘ sagen. Aber, das große „Aber“ stände im Weg. Danach bot Kofler an, zu Promotionszwecken zehn Stöcke mit der BeerBag rauf und runter zu marschieren. Allerdings nur, wenn Dümmel einsteige. Der zerriss sich minutenlang das Herz und investierte tatsächlich – auch wenn er nicht ein Geschäft im Produkt sehe. Dennoch: ein 20.000 Euro-Deal bei 30 Prozent Abgabe für BeerBag.

Digitaler Steuerberater in der „Höhle der Löwen“

„Fast 30 Prozent der Steuerzahler nehmen ihr Recht auf Steuererstattung nicht wahr. Obwohl sie im Durchschnitt 1.007 Euro zurückbekommen würden“, erklärten Michael Potstada und Jörg Südkamp als nächste in der „Höhle der Löwen“. Die Gründer wissen, dass Steuererklärungen kompliziert und sehr zeitaufwendig sind. Für Steuererklärungsmüffel haben sie daher mit Zasta einen digitalen Steuerberater für die Hosentasche entwickelt.

Gebühr nur bei Annahme des Angebots

In rund drei Minuten soll die Registrierung auf der Plattform möglich sein. Nach Angabe der persönlichen Daten inkl. der Steuer-ID und Unterzeichnung einer digitalen Vollmacht für einen der Partner-Steuerberater wird geprüft, ob und wie viel Steuergeld zurückgeholt werden kann. Nach drei Tagen bekommt der Nutzer ein Angebot mit dem Ergebnis der Steuerberechnung, sowie der Gebühr des Steuerberaters.

Nur bei Annahme des Angebots wird die Gebühr fällig, ansonsten entstehen keinerlei Kosten. Sagt man zu, so werden die beim Finanzamt abgerufenen Informationen bestätigt und es können weitere Ausgaben hinzugefügt werden – dafür muss man die entsprechenden Belege einmal mit dem Handy abfotografieren. Der Steuerberater prüft danach, was absetzbar ist und sendet die optimierte Steuererklärung, nach Freigabe, direkt ans Finanzamt. Um mit Zasta expandieren zu können, benötigten die Gründer 500.000 Euro und boten zehn Prozent der Firmenanteile.

Höhle der Löwen, Zasta
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Jörg Südkamp (l.) und Michael Potstada haben mit Zasta den Steuerberater für die Hosentasche entwickelt.

Nach der Präsentation der App nannte Williams die Gründer die „Robin Hoods der Steuerberatung“, stieg aber dennoch aus. Der Bereich wäre nicht ihr Geschäftsfeld. Die Founder erzählten von 110.000 Euro Umsatz im ersten und 85.000 Euro Umsatz im zweiten Jahr. Die Erklärung für den Umsatzrückgang: Aufgrund von Skalierungsplänen und Softwareentwicklung war weniger Geld fürs Marketing da.

Erste Absagen in der „Höhle der Löwen“ für Zasta

Dies missfiel vor allem in Hinsicht auf die hohe Firmenbewertung den Löwen sehr. Formel 1-Weltmeister Nico Rosberg ging aus diesem Grund ohne Angebot. Auch Dümmel stieg aus, während die Gründer nochmal mit dem einfachen Handling ihrer Idee argumentierten. Wöhrl fürchtete die zukünftige Konkurrenz und blieb ebenso ohne Deal-Vorschlag.

Maschmeyer fand die Idee interessant, ihm missfiel aber der Umsatzrückgang, sowie dass von über 12.000 registrierten Usern bloß 2.500 als zahlende Kunden beim Startup galten. Auch er verabschiedete sich als potentieller Financiers. Kein Deal für Zasta.

Ei oh Ei

Als nächster beehrte Chris Geiser aus Kufstein, Tirol, in Kochmontur die „Höhle der Löwen“. Der Konditormeister und Bäcker bereitet schon seit zwei Jahrzehnten vegane Spezialitäten zu und eröffnete 1999 Europas erste vegane Vollwert-Konditorei. „Um noch mehr Menschen zu erreichen, tourte ich mit meinen Koch- und Backshows durch die Welt“, sagte der überzeugte Veganer. Mit seiner größten veganen Sachertorte und der längsten veganen Schokorolle erzielte er sogar Weltrekorde.

Nun hat Geiser mit MyEy die vegane Lösung fürs Ei entwickelt: Es soll wie das Original schmecken und auch so einsetzbar sein. Aktuell umfasst die Produktpalette MyEy Eygelb, MyEy Eyweiß und das MyEy Volley. Der Ei-Ersatz besteht aus einer Mischung von pflanzlichen Proteinen, Johannisbeerkrautmehl und einer Auswahl an Mineralsalzen und Gewürzen. Um das Portfolio zu erweitern, benötigte der Gründer 150.000 Euro und wollte 15 Prozent seiner Firmenanteile abgeben.

Palatschinken, Macarons und Bizet in der „Höhle der Löwen“

Der Österreicher legte den Pitch für ein ernstes Thema – Leid der Legehennen – sehr humorvoll an und ließ sich von der Riesen-Plüschhenne Heidi im Studio unterstützen. Er lockte sogar den Vegan-Skeptiker Georg Kofler und Judith Williams, die sich zwei Jahre lang „nicht ganz richtig“ vegan ernährt hatte, von der Bühne und ließ die Löwen vegane Spiegeleier braten. Dann noch Palatschinken, sowie Mousse au Chocolat, Macarons und Bizet kosten.

MyEy
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Die Investoren Judith Williams und Georg Kofler versuchten sich als vegane Ei-Ersatz-Köche.

Glagau empfand die Konsistenz der Kostprobe als zu matschig und nicht nach Ei schmeckend. Dümmel hingegen nannte die Macarons einen „Hammer“, während Maschmeyer dafür plädierte den Vergleich von veganen Alternativen mit den Originalprodukten sein zu lassen.

Ein Patent für Ei?

Der Gründer erwähnte einen Umsatz von 120.000 Euro pro Jahr, als Kofler aufgrund des zu kleinen Markts für MyEy ausstieg. Im DACH-Raum gebe es „bloß“ zwei Prozent Veganer. Danach deutete Williams an, dass bereits ähnliche Produkte am Markt wären und der Gründer nicht von Weltneuheit sprechen könne. Als dieser jedoch in seiner Ausführung über die Unterschiede zur Konkurrenz sprach, ließ er nebenbei die Info fallen, dass er ein Patent besitze. Dies machte vor allem Dümmel hellhörig.

Geiser erklärte, dass das Patent für den veganen Ei-Ersatz gelte, der aufschlagbar ist und in der Pfanne ähnlich dem Tier-Ei reagiere. Danach sah man es im Hirn so mancher Löwen rattern. Vor allem dann, als sie den Gründer erzählen hörten, er habe Angebote aus den USA und Japan bereits absagen müssen.

Mehrere Interessenten

Das wirkte. Glagau bot als erster für 15 Prozent Anteile die gewünschten 150.000 Euro. Anschließend hob es Maschmeyer aus dem Sessel, der sich mit Dümmel still beriet. Williams nannte in der Zwischenzeit die Idee zukunftsträchtig, stieg aber aus. Danach boten die beiden Investoren, die sich hinter der Bühne ausgetauscht hatten und mit ihren Netzwerken in die USA und Japan prahlten, satte 300.000 Euro für 30 Prozent. Gieser entschied sich aber für Glagau. Deal für MyEy.

Die rollende Werbung

Die nächsten in der „Höhle der Löwen“ waren Patrick Klug (zuvor Kolb) und Angela Gonzalez. Sie wollen mit bikuh Unternehmen eine innovative und grüne Art der Werbung bieten – zwischen den Fahrradspeichen. Nach der Registrierung auf der Plattform über die bikuh-App kann sich der Fahrradfahrer für einen Werbepartner entscheiden. Danach wird die entsprechende Werbescheibe kostenlos von einer Partner-Fahrradwerkstatt installiert. Die Trackingfunktion registriert jeden geradelten Kilometer und der User bekommt bis zu 20 Cent pro Kilometer gutgeschrieben. Klug und Gonzalez wollten ihr Unternehmen weiter ausbauen und waren auf der Suche nach einem starken Partner, der ebenfalls Wert auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz legt. Ihr Angebot an die Löwen lautete: 200.000 Euro für 20 Prozent Beteiligung.

bikuh
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Angela Gonzalez und Patrick Kolb wollen mit bikuh eine rollende Werbemöglichkeit bieten.

Dass der Radler je mehr er fährt, auch mehr Geld bekommt und am Anfang mit zehn Cent pro Kilometer startet, hielten sowohl Williams als auch Maschmeyer für ein „Eigentor“. Man würde die Werbung bewusster wahrnehmen, wenn er langsam fährt oder sein Fahrrad parke. Die Gründer argumentierten damit, dass sie acht bis 16 Stunden Stehzeit bei ihren Kunden ausgemacht hätten.

Teil der alten Welt?

Dies fand Glagau nicht befriedigend und ging als erster ohne Angebot. Kofler meinte, die Gesellschaft würde einen digitalen Wandel in der Werbebranche erleben und bikuh wäre Teil einer alten Welt. Dem widersprachen die Founder, was aber der Medieninvestor mit seiner Erfahrung nicht gelten ließ. Die digitale Werbung würde Feedback und Daten bringen und ihr Startup wäre damit nicht wettbewerbsfähig. Auch er blieb ohne Angebot.

Neu überdenken

Die Gründer erzählten daraufhin von 19 Werbekunden, die sie bereits akquirieren konnten, und das bei einem Umsatz von 68.000 Euro 2019. Dümmel stieg danach aus, während Maschmeyer den Tipp gab sich allein auf den b2b-Bereich zu fokussieren. Und große Unternehmen anzusprechen. Auch Williams riet dazu die Idee zu überdenken. Kein Deal für bikuh.

Nao benennt sich nach Aufzeichnung in Qinao um

Den Abschluss der „Höhle der Löwen“ bildeten Maximiliane Staiger, Nadja Fischer (zuvor Bozorgzad-Arbab) und Annette Steiner-Kienzler. Sie präsentieren in der Show ihr Nahrungsergänzungsmittel Nao (danach in Qinao umbenannt). Gründerin Steiner-Kienzler stammt aus einer Stuttgarter Apotheker-Familie, in der die Verarbeitung von Heilpflanzen schon immer eine große Rolle gespielt hat. Als sie später selbst als Apothekerin arbeitete, hat sie den großen Bedarf an zeitgemäßen, natürlichen Produkten bemerkt, die eine Alternative zu den gängigen Energydrinks und Kaffeegetränken darstellen.

Dragees in der „Höhle der Löwen“

Mit ihrem Expertenwissen der traditionellen chinesischen Medizin entwickelte sie mithilfe von verschiedenen Fachleuten ein natürliches Nahrungsergänzungsmittel mit Pflanzenaktivstoffen. Die Nao-Dragees enthalten Matcha, Brahmi und grüne Kaffeebohne, sie sind vegan, laktose- und glutenfrei sowie ohne künstliche Farb- und Aromastoffe. Das Trio möchte mit seinem Produkt weiter wachsen und auch den internationalen Markt erobern. Dazu benötigten die drei Frauen 300.000 Euro und boten 20 Prozent ihrer Firmenanteile an.

Aufputscher wider die Natur?

Wöhrl bestätigte, dass es in diesem Bereich bereits einen großen Markt und viel Konkurrenz gebe. Die Gründer erwiderten, dass ihr Produkt eine nachhaltige Wirkung habe und auf natürliche Art und Weise als Energielieferant diene. Kofler startete einen allgemeinen Diskurs über die Manipulation von Natur, die mit Nebenwirkungen reagiere, würde man etwa einen müden Körper austricksen und für einige Zeit wieder fit machen.

Höhle der Löwen, Qinao, Nao
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Die drei Damen von Qinao: Annette Steiner-Kienzler, Nadja Arbab und Maximiliane Staiger zeigten ihre Brain Stimulation in Drageeform.

Steiner-Kienzler gab im Recht und betonte, dass man immer auf den Körper hören solle. Dennoch stieg Kofler aus. Maschmeyer berichtete von seinen Phasen großer Müdigkeit bei Geschäftsreisen und Meetings. Da könne er nicht „auf den Körper hören“ und schlafen gehen. Es gebe Spitzenphasen, fügte die Gründerin zu, in denen Qinao helfen könne. Bisher hatte das Startup 120.000 Euro Umsatz gemacht, erwarte aktuell 600.000 Euro fürs kommende Jahr und habe in zwei Jahren vier Millionen Euro als Umsatzziel im Visier. Nach dieser Info kam es wieder zum Treffen der Löwen, als sich Dümmel und Maschmeyer ein zweites Mal berieten.

Battle um Qinao

Der Rest schwieg aus taktischen Gründen und ließ sich nicht wirklich von Kofler dazu motivieren, etwas zu sagen. Wöhrl erbarmte sich und bot dann die gewünschte Forderung der Gründerinnen. Dümmel und Maschmeyer forderten alsbald für die gleiche Summe 25 Prozent, nachdem sie ihre Fähig- und Möglichkeiten gepriesen hatten. Glagau ließ sich auf ein „Battle“ ein und erklärte, er sei natürlich der Richtige für die Damen. Sein Vorschlag: 300.000 Euro für 20 Prozent. Die drei glücklichen Gründerinnen kehrten zurück und wählten Dümmel und Maschmeyer. Deal für Qinao.

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Innox-Gründer Hans Sailer. (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Wer Innovationsmanagement hört, denkt an Methoden, an Design Thinking, Scouting, Stage Gates. Hans Sailer nennt etwas anderes zuerst: Empathie. Ohne Draht in die Fachabteilungen und in den Vorstand komme man nicht weit, weil dort das Wissen liege. Sailer hat mit Innox ein Netzwerk aufgebaut, in dem sich Innovationsmanager:innen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz austauschen, und dabei beobachtet, wie sich ihre Rolle laufend verändert hat: von Ideenmanagement über Open Innovation bis zum Corporate Venturing.


brutkasten: Was war der ausschlaggebende Grund, Innox zu gründen? Gab es eine Vision oder hat sich das organisch entwickelt?

Hans Sailer: Es hat keine Vision gegeben. Am Anfang war einfach ein Treffen von fünf Firmen, die sich austauschen wollten. Dabei waren A1, Magna, Siemens, Erste Bank und der ÖAMTC. Wir sind von einer Firma zur anderen gefahren und haben uns zum Beispiel angehört: Wie macht Siemens Innovation, welche weltweiten Ideen-Wettbewerbe gab es, was waren die Learnings? Mich hat das persönlich immer interessiert, ich hatte damals kein Geschäftsinteresse. Aus diesen fünf Firmen hat dann jeder gesagt: „Du, ich kenne da noch einen, kann die oder der mitgehen?“ So ist das über die Jahre gewachsen. Ich habe das fast zehn Jahre ohne Geschäftshintergrund gemacht, das war privates Vergnügen. Wir haben sogar eine Reise nach Hamburg gemacht und das Airbus Innovation Lab besucht.

Wann kam der Schritt in die Selbstständigkeit?

Irgendwann hat Casinos Austria gesagt: „Warum machst du dich nicht selbstständig?“ Da habe ich mir gedacht: Jetzt bin ich fünfzig. Wenn ich es jetzt nicht mache, dann mache ich es nie. Also habe ich gekündigt und mich selbstständig gemacht. Und dann ist es richtig losgegangen, weil ich gesehen habe, was passiert, wenn du deine ganze Energie konzentriert in eine Sache legst. Gleichzeitig kam die Pandemie. Ich habe geschaut: Was kann ich einem Innovationsmanager jetzt liefern, was er gut brauchen kann? Wir haben digitale Austausch-Treffen organisiert, bei denen Firmen erzählt haben, welche Plattformen sie verwenden. Und ich habe gesehen: Online erreichst du viel mehr Leute. Da ist es auch in Deutschland losgegangen. Die deutschen Firmen tauschen sich genauso gerne aus wie die Österreicher und die Schweizer.

Was braucht ein guter Innovationsmanager, eine gute Innovationsmanagerin?

Das Wichtigste ist Empathie. Weil er oder sie Zugänge ins ganze Unternehmen braucht, ob zum Vorstand oder in eine Fachabteilung. Wenn man diesen Draht nicht aufbauen kann, wird es ganz schwierig, denn das Know-how liegt in den Fachabteilungen. Eine große Unterscheidung, die man machen muss: Bin ich Innovator:in oder bin ich Innovation Facilitator:in? Das war am Anfang oft stark verschwommen. Die Rolle der Innovationsmanager:innen hat sich seither laufend geändert und ändert sich gerade wieder extrem stark.

Inwiefern?

Als ich angefangen habe, gab es die ganzen Venturing-Bestrebungen noch gar nicht. Venturing ist in großen Firmen in der M&A-Abteilung passiert. Damals ging es in Corporates eher um Ideenmanagement-Plattformen und das Nutzen der internen Intelligenz, bald kam Open Innovation mit allen externen Stakeholdern, dann ist Design Thinking aufgekommen und ein verbessertes Trend- und Foresight-Management. Ab etwa 2015 kam das Venturing dazu, und plötzlich musstest du wissen: Wie kooperiere ich mit einem Startup? Wie bewerte ich ein Startup? Dieses Know-how hat ein Innovationsmanager vorher nie gebraucht. Das war auch für Corporates keine leichte Aufgabe, da ist viel Geld für diese Learnings ausgegeben worden.

Hans und Karin Sailer von Innox im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher. (c) brutkasten / Haris Dervisevic

In dem Zusammenhang fällt oft der Begriff „Innovationstheater“.

Da muss man vorsichtig sein. Natürlich kann man Sichtbarkeit überbetonen, dann ist es Theater. Aber wenn ich nicht sichtbar mache, was meine Innovationsabteilung leistet, werde ich nicht wahrgenommen, und dann arbeiten die Abteilungen auch nicht gerne mit mir. Das ist ein feiner Grat. Wir haben oft erlebt, dass die Sichtbarkeit über externe Medien größer war als intern: Ohne Artikel in einer Zeitung bist du in der eigenen Firma gar nicht aufgefallen. Bei denen, die nie etwas auf die Straße gebracht haben, bin ich beim Vorwurf des Innovationstheaters dabei. Aber das wollte auch nie jemand bewusst.

Wie ordnest du Corporate Venturing in Österreich im Vergleich zu Deutschland ein?

Die Deutschen sind ein bisschen mutiger, haben vielleicht auch mehr Geld und nehmen Dinge als Erste in die Hand. Projekte, die wir bei der Innovationsagentur Hyve in Deutschland gemacht haben, haben wir zwei Jahre später in Österreich umgesetzt. Das Venturing ist dort schneller losgegangen, aber auch bei uns wurde es in einigen Corporates ordentlich aufgezogen. Dass Venturing auch ein Hype war, ist unbestritten, und wie bei jedem Hype gibt es Gewinner und Verlierer. Aber man kann aus heutiger Sicht nicht sagen: Das bringt nichts, das muss zurückgefahren werden. Man muss fragen: Wie gut ist es gemacht worden? Wenn du etwas komplett Neues herausbringst, brauchst du mindestens sieben Jahre, bis du damit etwas verdienst. Diesen langen Atem haben wenige Firmen. Jede Firma muss für sich draufkommen, ob das Vehikel zu ihr passt. Nur weil es bei einer anderen funktioniert hat oder nicht, heißt das nichts für die eigene.

Welchen Stellenwert hat Innovation in der aktuellen Wirtschaftskrise?

Dass Innovation näher ans Kerngeschäft geführt wird, ist sichtbar. In Krisen wird üblicherweise viel zusammengefahren, das hat man in der Pandemie ganz stark gesehen. Aber es kommt der Punkt, an dem alle Firmen sagen: „Ohne Innovation werden wir das nicht schaffen.“ Dann werden Innovationsabteilungen wieder größer aufgestellt, und diese Schwankungen tun mir oft weh. Ganz schlimm ist es, wenn eine Abteilung komplett aufgelöst wird. Dann verlierst du oft die Personen, die die kurzen Wege in die Firma hatten. Bis sich das jemand Neuer wieder erarbeitet hat, vergehen zwei Jahre. Das wird oft übersehen, wenn man zusammenspart. Vorteile durch Innovation erhalte ich dann nicht schnell auf Knopfdruck.

Und welche Rolle spielt KI?

So ein gutes Hilfsmittel hatten wir noch nie. Ich glaube, dass das Innovationsmanagement dadurch gerade wieder eine spannende Rolle bekommt. Die IT ist der technologische Enabler, aber nicht die Abteilung, die für die Transformation sorgt. Innovationsmanager:innen werden in Zukunft Orchestratoren von mehreren KI-Agenten sein: ein Agent für Foresight, einer für Patentprüfungen, einer für Potenzialanalysen. Wofür du früher zwei Wochen oder einen Monat gearbeitet hast, das bekommst du plötzlich in ein paar Minuten. Dann wird die Entscheidungsgeschwindigkeit zum KPI: Wie schnell kann ich mich auf ein Thema festlegen? Innovationsmanager:innen brauchen künftig eine Ahnung von Vibe Coding und davon, wie man KI-Agenten bestmöglich verwendet. Aber genauso muss man wissen, wie die eigene Firma tickt. Nur weil eine neue Technologie kommt, ist sie nicht sofort erfolgreich. Es geht immer mit dem Tempo, in dem du die Transformation machst. KI alleine wird dabei aber auch nicht die eierlegende Wollmilchsau sein. Entscheidend wird das Thema Ownership: Wer schnallt sich Ideen um und läuft die notwendigen Extrameilen, und wie realisiert man sie dann gemeinsam? Da wird es weiter Menschen brauchen, die ihre Firmen gut kennen, Know-how und ein Feingefühl für People-Management haben.

Ihr habt Ende August wieder euer Summercamp veranstaltet, diesmal bei der Austria Wirtschaftsservice (aws) und der FFG. Was ist die Idee hinter dem Format, und was waren heuer die wichtigsten Erkenntnisse?

Das Summercamp dient dem Zweck, sich mit möglichst vielen Innovationsmanager:innen aus anderen Unternehmen und anderen Branchen zu vernetzen, auf die man sonst nicht zugehen würde. Genau dieser Cross-Industry-Austausch ist wichtig, um neue Impulse zu bekommen und Partner für gemeinsame Projekte zu finden. Wir machen das mit interaktiven Übungen zu aktuellen Innovationsthemen, das ist ein bisschen wie zwei Tage intensives Speed-Dating mit ganz viel positiver Energie. Heuer waren wieder knapp 100 Personen dabei, die ihr Wissen teilen und offen über ihre Erfahrungen sprechen. In den Sessions ging es an den Beispielen AVL Creators Co-Lab und Wiener Stadtwerke um erfolgreiche Cross-Industry-Kooperationen, mit dem Lufthansa Innovation Hub um AI Augmented Leadership und mit Miele um Intrapreneurship versus Venture Building. aws und FFG stellten gemeinsam mit Infineon, Bionic Surface und XBC erfolgreiche Förderprojekte vor.

Unsere wichtigste Erkenntnis: Die Zusammenarbeit in Ökosystemen bringt Unternehmen viele Vorteile, dafür braucht es aber das Commitment aller Beteiligten, vor allem des oberen Managements, sowie eine gute Orchestrierung und moderierte Begleitung. Wir haben außerdem gesehen, dass Förderorganisationen Firmen mit ganz unterschiedlichen Services unterstützen, nicht nur mit Finanzierungen. Und KI bringt sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen ins Unternehmen: Was sich das Management vorstellt und was in den Abteilungen tatsächlich möglich ist, liegt in der Praxis oft weit auseinander. Eine wesentliche Aufgabe der Innovationsabteilungen ist es, voranzugehen, gesichertes Wissen aufzubauen, mit der schnellen Entwicklung Schritt zu halten und eine vorteilhafte KI-Nutzung breit in der Firma zu etablieren.

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