19.04.2021

Höhle der Löwen: Deal für veganes Ei-Startup aus Österreich

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" ging es um eine Bier-Tragetasche, einen digitalen Steuerberater und rollende Werbetafeln. Zudem konnte ein Startup aus Österreich mit seiner veganen Ei-Idee bei den Löwen punkten.
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Höhle der Löwen, MyEy, Ei-Ersatz, veganes Ei,
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Christian Geiser konnte mit dem veganen Ei-Ersatz-Startup "MyEy" einen Investor überzeugen.
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Der Erste, der sich in die Höhle der Löwen wagte – die es online auf TVNOW und immer montags um 20.15 Uhr bei VOX zu sehen gibt – war Tilmann Rothe. Der junge Mann kennt das Problem des Bierkisten-Tragens nur allzu gut: „Als Student habe ich noch kein Auto und war die Schlepperei irgendwann leid“, erzählte er den Löwen. Seine Lösung: Der BeerBag, um die Bierkisten einfach auf den Rücken zu schnallen und wie einen normalen Rucksack zu tragen. Der Transport zu Fuß, per Fahrrad oder in Bus und Bahn soll damit kein Problem mehr sein. Und beim Picknick im Park kann das Produkt durch Umstecken der Platten zur Sitzmöglichkeit umfunktioniert werden. Rothe stand mit seiner Erfindung noch ganz am Anfang und benötigte 20.000 Euro für 30 Prozent Anteile.

Leicht zu tragen

Sämtliche Löwen zeigten sich von der Doppelfunktion des Beerbag begeistert und testeten eine neuere Version des hölzernen Bierrucksacks, der breitere Gurte hatte. Kofler war sich nach dem Tragetest des Prototyps positiv überrascht, wie leicht sich die Bierkiste am Rücken tragen lasse.

Höhle der Löwen, BeerBag
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Tilmann Rothe aus Dresden präsentierte mit BeerBag ein Tragesystem für Getränkekisten, das zu einem Sitz umfunktioniert werden kann.

Danach wurde zum Problem, dass die Produktionskosten des Tragesystems bei 40 Euro lagen, der VK aber bloß 50 Euro betrug. Mit Verpackungen und sonstigen anfallenden Kosten rechne sich das nicht, um einen Investor anzulocken, meinten die Löwen. Der Gründer allerdings zeigte sich bereit in dieser Hinsicht den Preis notfalls auch zu ändern.

„Lass es sein“

Konzernchef Nils Glagau und Familienunternehmerin Dagmar Wöhrl stiegen als erste aus. Das Produkt sei noch nicht reif genug. Maschmeyer nannte es „das Originellste“, das er in der Show gesehen hätte, ging aber ohne Angebot. Auch Medienprofi Georg Kofler störte sich an den genannten Zahlen und empfiehl dem Gründer sogar, „es sein zu lassen“.

Der zerrissene Löwe

Handelsexperte Ralf Dümmel litt sichtlich daran, nicht in den jungen Gründer zu investieren. Er rang einige Zeit mit sich selbst und meinte, „er müsse eigentlich ‚Nein‘ sagen. Aber, das große „Aber“ stände im Weg. Danach bot Kofler an, zu Promotionszwecken zehn Stöcke mit der BeerBag rauf und runter zu marschieren. Allerdings nur, wenn Dümmel einsteige. Der zerriss sich minutenlang das Herz und investierte tatsächlich – auch wenn er nicht ein Geschäft im Produkt sehe. Dennoch: ein 20.000 Euro-Deal bei 30 Prozent Abgabe für BeerBag.

Digitaler Steuerberater in der „Höhle der Löwen“

„Fast 30 Prozent der Steuerzahler nehmen ihr Recht auf Steuererstattung nicht wahr. Obwohl sie im Durchschnitt 1.007 Euro zurückbekommen würden“, erklärten Michael Potstada und Jörg Südkamp als nächste in der „Höhle der Löwen“. Die Gründer wissen, dass Steuererklärungen kompliziert und sehr zeitaufwendig sind. Für Steuererklärungsmüffel haben sie daher mit Zasta einen digitalen Steuerberater für die Hosentasche entwickelt.

Gebühr nur bei Annahme des Angebots

In rund drei Minuten soll die Registrierung auf der Plattform möglich sein. Nach Angabe der persönlichen Daten inkl. der Steuer-ID und Unterzeichnung einer digitalen Vollmacht für einen der Partner-Steuerberater wird geprüft, ob und wie viel Steuergeld zurückgeholt werden kann. Nach drei Tagen bekommt der Nutzer ein Angebot mit dem Ergebnis der Steuerberechnung, sowie der Gebühr des Steuerberaters.

Nur bei Annahme des Angebots wird die Gebühr fällig, ansonsten entstehen keinerlei Kosten. Sagt man zu, so werden die beim Finanzamt abgerufenen Informationen bestätigt und es können weitere Ausgaben hinzugefügt werden – dafür muss man die entsprechenden Belege einmal mit dem Handy abfotografieren. Der Steuerberater prüft danach, was absetzbar ist und sendet die optimierte Steuererklärung, nach Freigabe, direkt ans Finanzamt. Um mit Zasta expandieren zu können, benötigten die Gründer 500.000 Euro und boten zehn Prozent der Firmenanteile.

Höhle der Löwen, Zasta
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Jörg Südkamp (l.) und Michael Potstada haben mit Zasta den Steuerberater für die Hosentasche entwickelt.

Nach der Präsentation der App nannte Williams die Gründer die „Robin Hoods der Steuerberatung“, stieg aber dennoch aus. Der Bereich wäre nicht ihr Geschäftsfeld. Die Founder erzählten von 110.000 Euro Umsatz im ersten und 85.000 Euro Umsatz im zweiten Jahr. Die Erklärung für den Umsatzrückgang: Aufgrund von Skalierungsplänen und Softwareentwicklung war weniger Geld fürs Marketing da.

Erste Absagen in der „Höhle der Löwen“ für Zasta

Dies missfiel vor allem in Hinsicht auf die hohe Firmenbewertung den Löwen sehr. Formel 1-Weltmeister Nico Rosberg ging aus diesem Grund ohne Angebot. Auch Dümmel stieg aus, während die Gründer nochmal mit dem einfachen Handling ihrer Idee argumentierten. Wöhrl fürchtete die zukünftige Konkurrenz und blieb ebenso ohne Deal-Vorschlag.

Maschmeyer fand die Idee interessant, ihm missfiel aber der Umsatzrückgang, sowie dass von über 12.000 registrierten Usern bloß 2.500 als zahlende Kunden beim Startup galten. Auch er verabschiedete sich als potentieller Financiers. Kein Deal für Zasta.

Ei oh Ei

Als nächster beehrte Chris Geiser aus Kufstein, Tirol, in Kochmontur die „Höhle der Löwen“. Der Konditormeister und Bäcker bereitet schon seit zwei Jahrzehnten vegane Spezialitäten zu und eröffnete 1999 Europas erste vegane Vollwert-Konditorei. „Um noch mehr Menschen zu erreichen, tourte ich mit meinen Koch- und Backshows durch die Welt“, sagte der überzeugte Veganer. Mit seiner größten veganen Sachertorte und der längsten veganen Schokorolle erzielte er sogar Weltrekorde.

Nun hat Geiser mit MyEy die vegane Lösung fürs Ei entwickelt: Es soll wie das Original schmecken und auch so einsetzbar sein. Aktuell umfasst die Produktpalette MyEy Eygelb, MyEy Eyweiß und das MyEy Volley. Der Ei-Ersatz besteht aus einer Mischung von pflanzlichen Proteinen, Johannisbeerkrautmehl und einer Auswahl an Mineralsalzen und Gewürzen. Um das Portfolio zu erweitern, benötigte der Gründer 150.000 Euro und wollte 15 Prozent seiner Firmenanteile abgeben.

Palatschinken, Macarons und Bizet in der „Höhle der Löwen“

Der Österreicher legte den Pitch für ein ernstes Thema – Leid der Legehennen – sehr humorvoll an und ließ sich von der Riesen-Plüschhenne Heidi im Studio unterstützen. Er lockte sogar den Vegan-Skeptiker Georg Kofler und Judith Williams, die sich zwei Jahre lang „nicht ganz richtig“ vegan ernährt hatte, von der Bühne und ließ die Löwen vegane Spiegeleier braten. Dann noch Palatschinken, sowie Mousse au Chocolat, Macarons und Bizet kosten.

MyEy
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Die Investoren Judith Williams und Georg Kofler versuchten sich als vegane Ei-Ersatz-Köche.

Glagau empfand die Konsistenz der Kostprobe als zu matschig und nicht nach Ei schmeckend. Dümmel hingegen nannte die Macarons einen „Hammer“, während Maschmeyer dafür plädierte den Vergleich von veganen Alternativen mit den Originalprodukten sein zu lassen.

Ein Patent für Ei?

Der Gründer erwähnte einen Umsatz von 120.000 Euro pro Jahr, als Kofler aufgrund des zu kleinen Markts für MyEy ausstieg. Im DACH-Raum gebe es „bloß“ zwei Prozent Veganer. Danach deutete Williams an, dass bereits ähnliche Produkte am Markt wären und der Gründer nicht von Weltneuheit sprechen könne. Als dieser jedoch in seiner Ausführung über die Unterschiede zur Konkurrenz sprach, ließ er nebenbei die Info fallen, dass er ein Patent besitze. Dies machte vor allem Dümmel hellhörig.

Geiser erklärte, dass das Patent für den veganen Ei-Ersatz gelte, der aufschlagbar ist und in der Pfanne ähnlich dem Tier-Ei reagiere. Danach sah man es im Hirn so mancher Löwen rattern. Vor allem dann, als sie den Gründer erzählen hörten, er habe Angebote aus den USA und Japan bereits absagen müssen.

Mehrere Interessenten

Das wirkte. Glagau bot als erster für 15 Prozent Anteile die gewünschten 150.000 Euro. Anschließend hob es Maschmeyer aus dem Sessel, der sich mit Dümmel still beriet. Williams nannte in der Zwischenzeit die Idee zukunftsträchtig, stieg aber aus. Danach boten die beiden Investoren, die sich hinter der Bühne ausgetauscht hatten und mit ihren Netzwerken in die USA und Japan prahlten, satte 300.000 Euro für 30 Prozent. Gieser entschied sich aber für Glagau. Deal für MyEy.

Die rollende Werbung

Die nächsten in der „Höhle der Löwen“ waren Patrick Klug (zuvor Kolb) und Angela Gonzalez. Sie wollen mit bikuh Unternehmen eine innovative und grüne Art der Werbung bieten – zwischen den Fahrradspeichen. Nach der Registrierung auf der Plattform über die bikuh-App kann sich der Fahrradfahrer für einen Werbepartner entscheiden. Danach wird die entsprechende Werbescheibe kostenlos von einer Partner-Fahrradwerkstatt installiert. Die Trackingfunktion registriert jeden geradelten Kilometer und der User bekommt bis zu 20 Cent pro Kilometer gutgeschrieben. Klug und Gonzalez wollten ihr Unternehmen weiter ausbauen und waren auf der Suche nach einem starken Partner, der ebenfalls Wert auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz legt. Ihr Angebot an die Löwen lautete: 200.000 Euro für 20 Prozent Beteiligung.

bikuh
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Angela Gonzalez und Patrick Kolb wollen mit bikuh eine rollende Werbemöglichkeit bieten.

Dass der Radler je mehr er fährt, auch mehr Geld bekommt und am Anfang mit zehn Cent pro Kilometer startet, hielten sowohl Williams als auch Maschmeyer für ein „Eigentor“. Man würde die Werbung bewusster wahrnehmen, wenn er langsam fährt oder sein Fahrrad parke. Die Gründer argumentierten damit, dass sie acht bis 16 Stunden Stehzeit bei ihren Kunden ausgemacht hätten.

Teil der alten Welt?

Dies fand Glagau nicht befriedigend und ging als erster ohne Angebot. Kofler meinte, die Gesellschaft würde einen digitalen Wandel in der Werbebranche erleben und bikuh wäre Teil einer alten Welt. Dem widersprachen die Founder, was aber der Medieninvestor mit seiner Erfahrung nicht gelten ließ. Die digitale Werbung würde Feedback und Daten bringen und ihr Startup wäre damit nicht wettbewerbsfähig. Auch er blieb ohne Angebot.

Neu überdenken

Die Gründer erzählten daraufhin von 19 Werbekunden, die sie bereits akquirieren konnten, und das bei einem Umsatz von 68.000 Euro 2019. Dümmel stieg danach aus, während Maschmeyer den Tipp gab sich allein auf den b2b-Bereich zu fokussieren. Und große Unternehmen anzusprechen. Auch Williams riet dazu die Idee zu überdenken. Kein Deal für bikuh.

Nao benennt sich nach Aufzeichnung in Qinao um

Den Abschluss der „Höhle der Löwen“ bildeten Maximiliane Staiger, Nadja Fischer (zuvor Bozorgzad-Arbab) und Annette Steiner-Kienzler. Sie präsentieren in der Show ihr Nahrungsergänzungsmittel Nao (danach in Qinao umbenannt). Gründerin Steiner-Kienzler stammt aus einer Stuttgarter Apotheker-Familie, in der die Verarbeitung von Heilpflanzen schon immer eine große Rolle gespielt hat. Als sie später selbst als Apothekerin arbeitete, hat sie den großen Bedarf an zeitgemäßen, natürlichen Produkten bemerkt, die eine Alternative zu den gängigen Energydrinks und Kaffeegetränken darstellen.

Dragees in der „Höhle der Löwen“

Mit ihrem Expertenwissen der traditionellen chinesischen Medizin entwickelte sie mithilfe von verschiedenen Fachleuten ein natürliches Nahrungsergänzungsmittel mit Pflanzenaktivstoffen. Die Nao-Dragees enthalten Matcha, Brahmi und grüne Kaffeebohne, sie sind vegan, laktose- und glutenfrei sowie ohne künstliche Farb- und Aromastoffe. Das Trio möchte mit seinem Produkt weiter wachsen und auch den internationalen Markt erobern. Dazu benötigten die drei Frauen 300.000 Euro und boten 20 Prozent ihrer Firmenanteile an.

Aufputscher wider die Natur?

Wöhrl bestätigte, dass es in diesem Bereich bereits einen großen Markt und viel Konkurrenz gebe. Die Gründer erwiderten, dass ihr Produkt eine nachhaltige Wirkung habe und auf natürliche Art und Weise als Energielieferant diene. Kofler startete einen allgemeinen Diskurs über die Manipulation von Natur, die mit Nebenwirkungen reagiere, würde man etwa einen müden Körper austricksen und für einige Zeit wieder fit machen.

Höhle der Löwen, Qinao, Nao
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Die drei Damen von Qinao: Annette Steiner-Kienzler, Nadja Arbab und Maximiliane Staiger zeigten ihre Brain Stimulation in Drageeform.

Steiner-Kienzler gab im Recht und betonte, dass man immer auf den Körper hören solle. Dennoch stieg Kofler aus. Maschmeyer berichtete von seinen Phasen großer Müdigkeit bei Geschäftsreisen und Meetings. Da könne er nicht „auf den Körper hören“ und schlafen gehen. Es gebe Spitzenphasen, fügte die Gründerin zu, in denen Qinao helfen könne. Bisher hatte das Startup 120.000 Euro Umsatz gemacht, erwarte aktuell 600.000 Euro fürs kommende Jahr und habe in zwei Jahren vier Millionen Euro als Umsatzziel im Visier. Nach dieser Info kam es wieder zum Treffen der Löwen, als sich Dümmel und Maschmeyer ein zweites Mal berieten.

Battle um Qinao

Der Rest schwieg aus taktischen Gründen und ließ sich nicht wirklich von Kofler dazu motivieren, etwas zu sagen. Wöhrl erbarmte sich und bot dann die gewünschte Forderung der Gründerinnen. Dümmel und Maschmeyer forderten alsbald für die gleiche Summe 25 Prozent, nachdem sie ihre Fähig- und Möglichkeiten gepriesen hatten. Glagau ließ sich auf ein „Battle“ ein und erklärte, er sei natürlich der Richtige für die Damen. Sein Vorschlag: 300.000 Euro für 20 Prozent. Die drei glücklichen Gründerinnen kehrten zurück und wählten Dümmel und Maschmeyer. Deal für Qinao.

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Startup-Coach Florian Kandler rät Gründer:innen, schon vor dem fertigen Produkt zu verkaufen | Foto: Bianca Perfahl

Florian Kandlers Startup Report erscheint heuer in elfter Ausgabe und wurde im Mai gemeinsam mit KPMG präsentiert. Er ist bewusst kein Datenwerk und kein politisches Papier: Die Zahlen bekomme man ohnehin auf Knopfdruck, so Kandler. Stattdessen befragt er jene Gründer:innen, die bereits Funding eingesammelt haben, nach ihren konkretesten Learnings. Kandler hat seit seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley über 3.000 Gründer:innen begleitet, die zusammen mehr als eine Milliarde Euro aufgenommen haben, und ist bereits im achten Jahr offizieller Startup-Coach bei „2 Minuten 2 Millionen“.

Aus den Antworten lässt sich heuer eines klar herauslesen: Der Druck Richtung Traction steigt. Kapital konzentriert sich auf wenige Segmente, die Abstände zwischen den Runden werden länger, und Investor:innen wollen Proof from the Market sehen, nicht bloß eine gute Geschichte. Lukas Lauder von Repark bringt es im Report auf den Punkt: „Investors don’t invest in your product, they invest in momentum.“

Daraus ergibt sich ein Dilemma, das gerade First-Time-Founder kennen: Wie baut man Traction auf, wenn das Kapital dafür noch fehlt? Kandlers Antwort ist ein Mindset-Shift, den er „Sales before the product“ nennt.

Du machst den Report seit elf Jahren. Welcher Trend sticht heuer am stärksten heraus?

Die starke Verschiebung hin zu Traction. Die Leute wollen immer mehr Momentum und Proof from the Market sehen, nicht nur den Beweis, dass jemand eine gute Geschichte erzählen kann oder dass theoretisch Potenzial da ist. Stefan Steiner von Don’t Call it Deo sagt es so: nicht nur auf die Idee fokussieren, sondern auf Market Traction. Storytelling ist für Pitch Competitions oder Community Pitches nett, aber wenn du mit Investor:innen sprichst, musst du in einen anderen Gang schalten. Da zählt Groove.

Zieht sich das durch alle Phasen?

Durch alle Fundingphasen, von den ganz Kleinen bis zu den Großen. Nur bedeutet Traction in jeder Phase etwas anderes, und es verschiebt sich, was dort durchschnittlich und was überdurchschnittlich ist. Was sich nicht verschiebt: Es muss heute einfach mehr an Traction da sein als noch vor einigen Jahren. Eine Idee und eine tolle Vision allein, und dann kommt das Geld, das funktioniert nicht mehr.

Das klingt nach einem Dilemma: Ohne Kapital ist Traction schwer aufzubauen.

Das ist einer der großen Denkfehler, die ich bei jungen Gründer:innen immer wieder sehe. Viele kommen mit: „Ich hatte vor Jahren die Idee, habe daran gebastelt, das Potenzial ist riesig, und jetzt suche ich einen strategischen Investor, der mich bei Marketing und Vertrieb unterstützt.“ Bastler mit Idee, null Market Validation. Oder: „Ich kann ja nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht.“ Das ist grundfalsch. In der Sekunde, in der du die Idee hast, überlegst du: Wer ist die ideale Zielgruppe? Du baust deine Hypothese darum, gehst raus und sprichst mit diesen Leuten, auch wenn dein Produkt erst in drei Jahren fertig ist. Die Traction, die du aufbaust, ist das Interesse, das du dort erzeugst.

Hast du ein Beispiel?

Ich betreue gerade einen Gründer, der schon jetzt Pre-Orders schreibt und pro Kunde 10.000 Euro kassiert, damit sich diese das Recht sichern, die ersten Pilotkunden werden zu dürfen. Das Produkt ist noch lange nicht fertig, er hat aber ganz klar einen Nutzen bei den Kunden identifiziert und mit smartem Verkauf FOMO erzeugt. So konnte er schon Aufträge erhalten, bevor das Produkt fertig ist. Das ist Traction.

Und im Consumer-Bereich?

Da sage ich den Leuten bei „2 Minuten 2 Millionen“: Der Pitch ist so gut, wie er sein kann. Aber bis du in sechs Wochen im Studio bist, mach eine einzige Sache. Geh raus in alle Mom-and-Pop-Shops, die dein Produkt brauchen können, verkauf es ihnen, gib es ihnen auf Kommission, erzeug Traction. Wenn das Produkt noch nicht fertig ist, hol dir zumindest ein Stück Papier, etwa eine unterzeichnete Absichtserklärung, das zeigt: Die Leute wollen das. Erst letzte Woche hat ein Gründer aus Tirol, der sich gerade auf seinen großen Auftritt im Studio vorbereitet, genau das umgesetzt. Fünf Tage später schickte er mir eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht, dass er über sein altes berufliches Netzwerk bereits zwei Vorbestellungen gewinnen konnte.

Was braucht es, damit das gelingt?

Zwei Dinge. Erstens ein Produkt, das wirklich mit dem Markt resoniert. Wenn du das nicht hast, hast du ohnehin kein Anrecht auf Kapital. Und zweitens die Fähigkeit und die Bereitschaft, rauszugehen. Die fehlt vielen, teils weil sie es nicht können, teils weil sie es nicht wollen. Aber das lässt sich mit Kompetenzaufbau ganz gut heilen: Sobald du merkst, das funktioniert und die Leute finden es geil, kriegst du auch Mut. Ich sehe das regelmäßig in meinen Beratungen, wie meine Gründer dann plötzlich Eigendynamik entwickeln. „Sales before the product“ ist einer der größten Mindset-Shifts, die junge Gründer:innen verstehen müssen. Wenn man die Methoden einmal kennt, kann das wirklich jeder umsetzen.

Und wenn diese Bereitschaft im Team fehlt?

Dann wird es schwierig. Wenn alle Angst vor dem Kunden haben, fehlt genau die Person, die keine Angst hat, und die braucht es. Die anderen verkriechen sich hinterm Computer, denken sich digitale Ad-Kampagnen aus oder gehen zum Investor und sagen: „Ich brauche 300.000 Euro, davon 150.000 fürs Marketing.“ Das gibt dir niemand, solange du nicht im Kleinen getestet hast, ob die Leute es überhaupt brauchen. In 99 Prozent der Fälle gibt es Growth Hacks, mit denen du ohne Cash-Budget Staub aufwirbeln und sehen kannst, ob es funktioniert oder nicht.

Konkret: Wie geht man mit einem unfertigen Produkt im B2C auf Kund:innen zu?

Ein möglicher Weg im Consumer-Bereich ist, die Leute auf Social Media abzufangen. Ich betreue gerade eine Gründerin, die eine sehr intelligente Functional-Cosmetics-Brand aufbaut. Jeder Investor hofft, dass jemand im Team versteht, daraus auf Social Media Buzz zu bauen. Wenn dein Produkt neuartige Eigenschaften hat, musst du es so vermarkten, dass die Leute heiß werden und du vielleicht einen Pre-Sale machst, wie beim Fashion Drop: Die Kollektion kommt erst im September, aber die Leute zahlen heute schon. Irgendjemand muss diese Message rüberbringen, ob als Person und Fürsprecherin, wie coole Food-Gründerinnen, die vor der Kamera ihr Produkt zeigen, oder abstrakter über Content und meinetwegen KI-generierte Avatare. Und das ist nur einer von mehreren möglichen Wegen, die man je nach Unternehmen und Situation einschlagen kann.

Und im B2B?

Da musst du ran an den Speck, und Networking ist entscheidend. Ich gebe in Workshops eine Übung: Nimm dein Telefon, schau, wer da drin ist und wer von denen wen kennen könnte. Ruf deine zehn besten Freunde an, die dich mögen, dir Gutes wollen und die wissen, dass du kein Depp bist, und sag: „Ich suche jemanden in dem und dem Bereich, kennst du wen?“ Du wärst überrascht, wie schnell die ersten Termine stehen. Funktioniert auch auf Konferenzen und Events, wo diese Menschen herumlaufen. Aber weg von diesen drögen Kundeninterviews à la „Würdest du das kaufen?“. Das ist fast wertlos, für die Unternehmer:innen wie für Investor:innen. Wer es ernst meint, liest „The Mom Test“, denkt den Inhalt dieses Buchs konsequent wie ein Verkäufer weiter und baut aus dem Gespräch direkt einen Sales-Funnel. Im besten Fall ist das eine Pre-Order mit Cash, im nächstbesten eine Pre-Order ohne Cash, dann ein Letter of Intent.


Info: Fundraising Winter Camp™ 2026

Jeden Winter bereitet Florian Kandler eine kleine Gruppe von zehn Startups in drei Wochen online auf ihre Investor:innen-Suche vor. Das Camp 2026 startet am 14. Jänner.. Die Sommer-Version des Camps läuft seit 10 Jahren immer im Juli. Die Plätze sind jedes mal ausgebucht. Wer beim nächsten Durchgang dabei sein will, kann sich über Florian Kandlers Newsletter auf www.GetFunding.how/camp voranmelden und wird zum nächsten Camp eingeladen.

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