28.08.2025
INTERVIEW

Hermann Hauser: „In Europa fehlt das benötigte Management-Talent“

Interview. Im Zuge des European Forum Alpbach haben wir mit Tech-Unternehmer und Investor Hermann Hauser über Europas technologische Souveränität gesprochen – und warum trotz starker Grundlagenforschung der Sprung zur Skalierung so selten gelingt.
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Hermann Hauser am European Forum Alpbach 2025 | (c) brutkasten

Beim European Forum Alpbach treffen dieser Tage führende Stimmen aus Wirtschaft und Politik zusammen, um über die Zukunft Europas zu sprechen. In einer Zeit globaler Unsicherheiten steht dabei auch die technologische Souveränität im Fokus: Wie lässt sich Unabhängigkeit in Schlüsseltechnologien sichern? Das Thema reicht von Cloud- und Halbleiterabhängigkeiten über Satelliteninfrastruktur bis hin zu Frage eines europäischen Kapitalmärkts.

Vor diesem Hintergrund haben wir mit Hermann Hauser über Europas Spielräume zwischen Regulierung, Kapital und Skalierungskraft gesprochen. Aus Investorensicht adressiert Hauser die Lücken bei großen Growth-Finanzierungen, den Bedarf an einer europäischen Kapitalmarkt-Union und den Engpass an Management-Talent für die Wachstumsphase.

Der gebürtige Tiroler Hermann Hauser prägte Europas Tech-Szene als Unternehmer und Investor. Sein größter Exit: der Verkauf des von ihm mitgegründeten Chip-Designers ARM 2016 für 31,4 Mrd. US Dollar an SoftBank. Bereits 1997 gründete er die VC-Gesellschaft Amadeus Capital. Zudem baute er die renommierte I.E.C.T Summer School auf. Seit der Gründung im Jahr 2015 nahmen über 300 DeepTech-Gründer:innen aus rund 43 Ländern teil. Nach dem Aus der I.E.C.T Summer School wurde im Mai der Startschuss für das „Hermann Hauser Frontier Lab“ kommuniziert, das sich an ambitionierte DeepTech-Gründer:innen richtet (brutkasten berichtete).


brutkasten: Europa gilt in der Grundlagenforschung als sehr stark. Warum gelingt der Sprung in die Skalierung von marktfähigen Technologien im Vergleich zu den USA dennoch so selten?

Hermann Hauser: Unsere Grundlagenforschung ist hervorragend, die Qualität der europäischen Universitäten steht jener der amerikanischen in nichts nach. Der IP-Output ist vergleichbar. Gleichzeitig haben chinesische Universitäten inzwischen mehr Patente und auch mehr Zitierungen als Universitäten in Amerika und Europa. Es liegt auch nicht an den Startups: Europa produziert mehr Startups als die Vereinigten Staaten. Das große Problem in Europa sind die Scaleups. Sobald eine Firma global reüssieren könnte, fehlen häufig die großen Kapitalrunden. Das ist auch der Grund, warum wir jetzt mit dem European Innovation Council (EIC) diese 20 Milliarden Euro für den Scaleup Europe Fonds aufnehmen.

Und es fehlt in Europa aber auch das benötigte Management-Talent. Das ist neben Kapital der größte Vorteil des Silicon Valley gegenüber Europa: Wenn ich ein Unternehmen von 100 auf 500 Millionen US-Dollar Umsatz oder eine Milliarde US-Dollar entwickeln will, finde ich dort Managerinnen und Manager, die Milliarden-Divisionen bei Google, Amazon, Facebook oder Apple geführt haben. Mit einem attraktiven Optionspaket wechseln sie binnen zwei Wochen ins Startup. In Europa ist das viel schwerer. Wir haben wenige große Tech-Konzerne als Talentquelle – eigentlich nur ASML, SAP und ARM mit über 100 Milliarden an Börsenwert. Hinzu kommt die Kultur: kurze Kündigungsfristen und hohe Wechselbereitschaft – das begünstigt schnelle Team-Upgrades auf C-Level.

Sie erwähnten die geplanten 20 Milliarden Euro für “Scaleup Europe” mit dem EIC. Welche Rolle spielt bei der Finanzierung von europäischen Scaleups auch eine europäischen Kapitalmarkt-Union?

Das sind zwei orthogonale Themen. Erstens benötigen wir europäische Growth-Funds in der Venture-Capital-Community, also Vehikel in der Größenordnung von Andreessen Horowitz, Sequoia oder SoftBank-Divisionen, die sehr große Tickets zeichnen können. Zweitens brauchen wir einen gemeinsamen europäischen Kapitalmarkt. Ein Grund, warum solche Growth-Funds hier kaum entstehen, sind fehlende Exit-Möglichkeiten über europäische IPOs. Das ist ein ganz wichtiger Baustein des europäischen Finanzwesens, der eben noch nicht fertig ist. 

(c) brutkasten

In der Szene wird viel darüber gesprochen, Anreize für institutionelle Investoren, etwa Pensionskassen und Versicherungen, zu schaffen, damit mehr Kapital in Growth-Runden fließt. Welche Rolle spielt das aus Ihrer Sicht?

Das ist zentral. In den USA wurde das schon vor vielen Jahren per Gesetz gelöst, und Großbritannien hat es nun auf ähnlicher Basis umgesetzt – nach der sogenannten Prudent-Man-Logik: Gerade weil Pensionskassen und Versicherungen so viel Kapital verwalten, ist es vernünftig, einen kleinen Teil in risikoreichere Anlagen wie Venture Capital und Private Equity zu geben, weil die Durchschnittsrenditen höher sind. Dafür brauchte es eine gesetzliche Änderung. Meine Partnerin bei Amadeus Capital Partners, Anne Glover, hat an einem entsprechenden Report mitgearbeitet. Die Änderung ist durch, und unser Amadeus-Fonds hat bereits Kapital von einem britischen Pensionsfonds erhalten. Das ist neu.

Welchen Investmentfokus verfolgen Sie aktuell bei Amadeus Capital Partners und welche Trends nehmen Sie momentan hier wahr?

Wir sind seit 27 Jahren ein Deep-Tech-Fonds. Am Anfang war das eine recht einsame Erfahrung; heute ist der Markt zu uns gekommen, Deep Tech ist en vogue. Unsere Schwerpunkte: KI, Quantencomputing, synthetische Biologie und inzwischen auch Space. Dafür arbeiten wir eng mit dem österreichischen Fonds Amadeus Apex zusammen, der auf Raumfahrt spezialisiert ist. Wir haben dort zwei Investments, unter anderem Atmos.

SpaceTech ist unmittelbar mit technologischer Souveränität verknüpft. Wo steht Europa?

Starlink ist ein gewaltiges Problem für Europa. Wir haben verschlafen, dass sich daraus ein dominantes, globales Satellitensystem entwickelt, das weltweit Konnektivität bietet. Da sind wir von den Amerikanern abhängig; uns fehlt ein eigenes europäisches System. Diese Abhängigkeit ist strategisch riskant.

Kommen wir zur digitalen Souveränität. Europa ist bei Cloud-Infrastruktur stark von US-Anbietern dominiert. Passiert auf EU-Ebene aktuell genug, um diese Abhängigkeit zu reduzieren?

Das Bewusstsein ist endlich da – wir sind aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Aber die Aktivitäten reichen noch nicht, weil der Rückstand auf die USA und China groß ist. Ich schreibe gerade ein Buch über „Technology Sovereignty and Technology Colonialism“. Der neue Kolonialismus basiert auf Technologie, nicht mehr auf militärischer Macht. Man muss keine Soldaten mehr entsenden, um ein Land zu dominieren – technologische Abhängigkeit genügt.

Europa hält bei KI derzeit nicht mit den USA und China Schritt. Sehen Sie im Quantencomputing eine Chance, dass Europa vorne mitmischt

Wir in Europa haben weltführende Universitätsgruppen und exzellente Startups: IQM, Pascal, Planqc, Parity QC, Alice & Bob – um einige zu nennen. Oxford Ionics wurde leider jüngst für eine Milliarde US-Dollar nach Amerika verkauft. IQM ist wohl die bestfinanzierte europäische Firma mit rund 300 bis 400 Millionen. In den USA haben einige noch deutlich mehr eingesammelt, etwa PsiQuantum mit rund eineinhalb Milliarden US-Dollar; bei Quantinuum ist es ebenfalls etwa eine Milliarde US-Dollar. Wir liegen zurück, aber die Distanz ist kleiner als in KI und Rechenzentren – vorausgesetzt, wir finanzieren konsequent weiter.

Wo sehen Sie die wichtigsten Anwendungsfelder des Quantencomputings?

Es gibt drei Hauptanwendungsbereiche. Erstens Cybersecurity: Mit dem Shor-Algorithmus wurde gezeigt, dass RSA-2048 gebrochen werden kann. Jedes Land braucht deshalb einen Quantencomputer, der den Shor-Algorithmus ausführen kann. Weltweit sind etwa 55 Milliarden US-Dollar an öffentlichen Mitteln für Quantencomputing bereitgestellt. Von den 55 Milliarden US-Dollar entfallen allein 15 Milliarden US-Dollar auf China, aber auch Deutschland, Frankreich und England investieren substanziell. Zweitens Optimierungsprobleme, insbesondere Logistik. Drittens – und für mich der wichtigste Bereich – die Simulation von Quantensystemen, speziell Molekülen. Das kann das Gesundheitswesen massiv voranbringen, weil Pharmafirmen Wirkstoffe deutlich schneller entwickeln können, wenn sich kleine Moleküle und ihre Bindung an Proteinen exakt simulieren lassen.

Wie beurteilen Sie den jüngsten Zollkonflikt zwischen den USA und Europa?

Das ist eine neue, wichtige Komponente, die es vor Trump so nicht gab. Man muss sie zur Kenntnis nehmen. Kurzfristig ist es schlecht für die Weltwirtschaft, wahrscheinlich langfristig auch für die USA. Gleichzeitig eröffnet es Europa die Chance, gemeinsam mit dem Rest der Welt neue, stabilere Verbindungen aufzubauen – auch für China.

Sie haben in einem Trend-Interview Anfang August die europäische KI-Regulierung scharf kritisiert. Was wäre zu tun?

Abschaffen. 

Also einen rechtsfreien Raum schaffen? 

Nein, das natürlich nicht. Aber man sollte die Regulierung radikal auf das beschränken, worauf es wirklich ankommt. Viele Restriktionen stehen der Umsetzung im Weg. Und typisch europäisch: Viele Implementierungsdetails wurden den Mitgliedstaaten überlassen – und werden dann schlicht nicht umgesetzt.

Das heurige Alpbach-Motto lautet „Recharge Europe“. Was braucht es dafür konkret?

Putin und Trump haben – so paradox es klingt – etwas Positives bewirkt: Wir sind aufgewacht und haben begriffen, dass wir uns auf uns selbst verlassen müssen – technologisch wie sicherheitspolitisch. Europa stellt jetzt rund 800 Milliarden für Verteidigung bereit. Und der 20-Milliarden-Fonds, den wir mit Scaleup Europe raisen, ist ein zentraler Baustein, um technische Unabhängigkeit aufzubauen. 


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NovaLabs
© NovaLabs - Gründer von NovaLabs: Christian Gubik und David Schweiger (v. l.).

NovaLabs ist ein steirischer Produzent von Nahrungsergänzungsmitteln und hat seit der Gründung vor rund fünf Jahren den Umsatz jährlich verdoppelt: Allein heuer sollen 25 Millionen Euro erwirtschaftet werden, so das Ziel.

NovaLabs: Drei Millionen Euro in neue Anlagen

Das Wachstum veranlasste die beiden Gründer und Geschäftsführer David Schweiger und Christian Gubik nun zum nächsten Expansionsschritt: Nachdem heuer bereits rund zwei Millionen Euro in den Aufbau des kürzlich eröffneten zweiten Standorts in Graz-Rudersdorf geflossen sind, werden bis Jahresende weitere drei Millionen Euro in neue Maschinen und Anlagen investiert.

„Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel – von Proteinen und Kollagen über Vitamine bis hin zu Mineralstoffen – wächst extrem stark. Wir haben uns als Produzent mit hohem Qualitätsanspruch einen Namen gemacht. Mit der aktuellen Investition bauen wir unsere Kapazitäten gezielt aus, um mit der steigenden Nachfrage Schritt halten zu können“, erklärt das Gründerduo unisono.

Im Mittelpunkt des Investitionsprogramms stehen zwei neue Verpackungslinien für Kapseln am Standort Graz-Rudersdorf. Auch am Hauptsitz in Graz-Straßgang wird die Produktion erweitert: Eine neue Füllmaschine dosiert pulverförmige und optional auch flüssige Produkte automatisiert in Stickpacks. Ergänzt wird die Anlage durch eine neue Standbodenbeutel-Linie für wiederverschließbare Pulververpackungen sowie einen Pick-and-Place-Roboter. Damit soll vor allem die steigende Nachfrage nach pulverförmigen Produkten, insbesondere Kollagen, abgedeckt werden.

„Pulver im Standbodenbeutel oder in den Stickpacks ist derzeit eines der großvolumigsten Segmente am Markt. Gleichzeitig sehen wir weiterhin eine sehr starke Nachfrage nach Kapseln in unterschiedlichsten Formen und Rezepturen“, sagt Schweiger. Die neuen Anlagen werden dem Unternehmen zufolge sukzessive in den kommenden Wochen geliefert beziehungsweise in Betrieb genommen. Bis Jahresende soll das gesamte Investitionsprogramm umgesetzt sein.

Neue Mischhalle

Auch am Grazer Hauptsitz wird erweitert: In die bestehende Produktion wird eine neue Mischhalle mit drei Anlagen integriert. Dort werden Rohstoffe künftig automatisiert eingewogen, zugeführt und weiterverarbeitet. Zum Einsatz kommt unter anderem ein Kugelmischer mit einem Fassungsvermögen von rund 2.000 Litern. Zwei gegenläufig arbeitende Wellen würden dabei für eine gleichmäßige Durchmischung sorgen. Der Mischvorgang soll dadurch von bisher bis zu 20 Minuten auf rund 90 Sekunden verkürzt werden.

Dabei gehe es aber nicht nur um Geschwindigkeit, sagt Schweiger: „Die immer komplexeren Zusammensetzungen stellen auch höhere Ansprüche an die eingesetzte Mischtechnologie. Bei einer Rezeptur können beispielsweise mehrere hundert Kilogramm eines Rohstoffes mit nur wenigen Gramm eines anderen Wirkstoffes kombiniert werden. Auch bei diesen Kleinstmengen muss am Ende eine gleichmäßige Verteilung im gesamten Produkt sichergestellt werden.“ Das Gründer-Duo sieht darin auch einen Beleg für eine sich immer stärker professionalisierende Branche: „Was vor wenigen Jahren mit klassischen Fassmischern ausreichend war, genügt den heutigen Anforderungen nicht mehr.“

NovaLabs-Umsatz genährt durch Export

Bemerkenswert ist zudem, dass rund 50 Prozent des NovaLabs-Umsatzes mittlerweile im Export erzielt werden. Deutschland ist mit rund 40 Prozent des Gesamtumsatzes inzwischen der wichtigste Auslandsmarkt. Weitere Produkte gehen unter anderem in die Schweiz, nach Belgien und Frankreich. Über Kunden und Vertriebspartner gelangen die in der Steiermark hergestellten Nahrungsergänzungsmittel darüber hinaus bis nach Dubai und China. „Unsere Kunden wachsen – und wir mit ihnen. Gleichzeitig gewinnen wir laufend neue Aufträge. Unsere Aufgabe ist deshalb, die Produktion heute bereits so aufzustellen, dass sie auch mit den Mengen von morgen umgehen kann“, sagt Gubik.

Der Expansionskurs macht sich bei NovaLabs auch bei der Beschäftigung bemerkbar. Anfang des Jahres verfügte NovaLabs über 76 Mitarbeiter:innen. Rund 30 zusätzliche Stellen wurden 2026 bislang geschaffen – die Beschäftigtenzahl ist damit auf über 100 gestiegen. Weitere Neueinstellungen sind bis Jahressende geplant.

„Je automatisierter und größer wir werden, desto wichtiger werden Menschen, die Prozesse verstehen, Anlagen beherrschen und unsere Strukturen mitentwickeln“, erklärt Schweiger. Für ihn und Co-Gründer Gubik ist die Millioneninvestition daher weniger Abschluss der jüngsten Expansion als Vorbereitung auf die nächste Wachstumsstufe, so die Geschäftsführer: „Am ursprünglichen Ziel hat sich nichts geändert: Wir sind angetreten, um Europas führender Produzent für Nahrungsergänzungsmittel zu werden. Dafür schaffen wir jetzt die industrielle Basis.“

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