29.01.2021

Heba Aguib, Chief Executive RESPOND: „Investoren sind in der Pandemie vorsichtiger bei der Vergabe von Geldern“

Heba Aguib, Chief Executive RESPOND, BMW Foundation, sucht noch bis zum 15. Februar Teilnehmer für den RESPOND Accelerator. Im Interview mit dem brutkasten spricht sie von den Hürden und Chancen nachhaltiger Startups während der Pandemie, über kommende soziale Herausforderungen und das Problem von vorsichtigen Kapitalgebern.
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RESPOND, HEBA AGUIB, Nachhaltigkeit, Accelerator,
(c) Aguib/FB - Heba Aguib vom RESPOND Accelerator: "Seit der Pandemie treten bestimmte soziale Probleme verstärkt zu Tage, etwa Vereinsamung."

Bewerbungen für den Accelerator können noch bis zum 15. Februar 2021 eingereicht werden. RESPOND möchte Gründer inspirieren und vor allem befähigen, einen Beitrag zu den nachhaltigen Entwicklungszielen der Agenda 2030 der UN zu leisten. Dabei liegen die Schwerpunkte, in denen für das Programm im Jahr 2021 Startups gesucht werden, auf den Bereichen „Zukunft der Arbeit“, „Nachhaltige Urbanisierung“ und „Verantwortungsvolle Wirtschaft“. Mehr Infos hier.

Heba Aguib ist Chief Executive RESPOND, BMW Foundation und erkennt kommende Probleme besonders in Sachen nachhaltigem Wirtschaften, aber auch Chancen für Startups.


brutkasten: Ihr habt euch mit der aktuellen Situation nachhaltiger Startups in der Pandemie beschäftigt. Wie geht es jenen, die ihren Fokus auf Nachhaltigkeit setzen?

Heba Aguib: „Wie es nachhaltigen Startups während der Corona-Pandemie geht, ist sehr stark von den einzelnen Geschäftsmodellen abhängig. Die Pandemie stellt zahlreiche Unternehmen vor große Herausforderungen, auch Startups. Während der Lockdowns können viele Unternehmen kaum Umsätze generieren, zahlreiche Investoren sind in der Pandemie vorsichtiger bei der Vergabe von Geldern. Dadurch können gerade nachhaltige Startups unter Druck geraten, nicht zuletzt, da die Kapitalbeschaffung laut des Green Startup Monitors 2020 bereits vor COVID-19 das größte Problem war. Trotz dieser Schwierigkeiten behaupten sich viele junge Unternehmen allerdings aufgrund ihrer Innovationskraft und Kreativität sehr gut am Markt.“

Hat die Pandemie deiner Beobachtung nach auch Chancen für nachhaltig agierende Startups eröffnet? Oder gar bei manchen Unternehmen einen Shift hin zu mehr Bewusstsein in Sachen nachhaltiges Wirtschaften ausgelöst?

„Ja, teilweise wurden auch Chancen eröffnet. So können einige Unternehmen, gerade im Digital-Health- oder Digital-Education-Bereich, profitieren, da solche Lösungen derzeit besonders gebraucht werden.“

Welche weiteren sozialen und ökologischen Herausforderungen kommen in nächster Zeit auf uns zu? Und mit welchen Lösungen lässt sich dagegen eigentlich angehen?

Bereits seit dem Beginn Pandemie zeigen sich einige Bereiche, in denen die Nachfrage nach Innovationen besonders hoch ist. So traten bestimmte soziale Probleme verstärkt zutage, wie die Vereinsamung, gerade im Alter, soziale Ungleichheit im Bildungswesen oder die psychische Gesundheit. Gerade die starke Isolation in den Lockdowns sowie existentielle Ängste durch die wirtschaftlichen Probleme haben nicht zu unterschätzende Folgen für die psychische Gesundheit, für die es Lösungen braucht. Abseits der Pandemie gibt es natürlich noch eine ganze Reihe von dringenden Herausforderungen, vor denen die Welt steht. Diese werden in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen sehr gut zusammengefasst, weshalb sich RESPOND bei seiner Suche nach innovativen Geschäftsmodellen an diesen Zielen orientiert.“

Nachhaltige Geschäftsmodelle sind ja in aller Munde. In diesem Sinne, sind dir weitere Trends für 2021 aufgefallen?

„Grundsätzlich befinden sich nachhaltige Geschäftsmodelle im Aufwind, immer mehr Konsumenten legen Wert auf nachhaltige Produkte und Services. Dementsprechend gibt es immer mehr Startups in diesem Bereich. Ich gehe davon aus, dass der Digitalisierung im Gesundheits- und Bildungsbereich weiter eine wichtige Rolle zukommen wird. Durch die Pandemie wurden hier Entwicklungen beschleunigt, die sich fortsetzen werden. Insbesondere in den sehr kritischen Phasen der Krise rückte der Klimaschutz in der öffentlichen Wahrnehmung etwas in den Hintergrund und ich gehe davon aus, dass hier, sobald sich die Lage wieder etwas normalisiert hat, wieder ein verstärkter Fokus liegen wird – was auch dringend notwendig ist.“

Unter anderem gibt es deswegen den RESPOND Accelerator. Was passiert dort genau?

„Das fünfmonatige Programm besteht aus vier Sprintphasen, in denen die Gründerinnen und Gründer in München, sowie digital bei verantwortungsvoller Führung und Skalierung ihrer Unternehmen mit besonderem Fokus auf Nachhaltigkeit unterstützt werden. Neben umfangreichen Coaching- und Mentoring-Angeboten profitieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von dem Austausch untereinander und mit den globalen Netzwerken der BMW Foundation und der UnternehmerTUM.“

Wo konkret liegt der Fokus? Welche Technologien und Bereiche zeichnen sich als die vielversprechendsten aus?

„Für jede neue Kohorte wählen wir drei Schwerpunkte aus der Agenda 2030 der Vereinten Nationen aus, in denen wir Startups suchen. Für das diesjährige Programm sind das ‚Zukunft der Arbeit‘, ‚Nachhaltige Urbanisierung‘ und ‚Verantwortungsvolle Wirtschaft‘. Arbeitswelten und die Rolle der menschlichen Arbeitskraft verändern sich in kürzester Zeit. Wir suchen nach Lösungen, die Menschen mit den richtigen Fähigkeiten und Werkzeugen für die Zukunft der Arbeit ausstatten, ihnen einen gleichberechtigten Zugang zu Beschäftigung ermöglichen und Technologie zur Verbesserung prekärer Arbeitsbedingungen nutzen.“

Und Urbanisierung als zweiter Bereich?

„Ja, das ist ein weiterer Schwerpunkt in diesem Jahr, denn urbane Umgebungen stehen vor komplexen sozialen und ökologischen Herausforderungen. Wir bei RESPOND suchen nach Lösungen, die intelligente und nachhaltige urbane Systeme fördern und helfen, alle Bürgerinnen und Bürger einzubeziehen.“

Wie versteht ihr den dritten Punkt „Verantwortungsvolle Wirtschaft“?

„Wir fokussieren uns auf diesen Bereich, da die Auswirkungen unserer Wirtschaftssysteme klar die Grenzen unserer Erde überschreiten. Deshalb suchen wir nach Innovationen, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, nachhaltige Produktions- und Konsummuster, den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft und das Mindern von Umweltrisiken fördern.“

Ein ambitioniertes Unterfangen. Welche Art von Startups wünscht ihr euch fürs Programm?

„Ich möchte Gründerinnen und Gründer innovativer Startups zur Bewerbung um eine Teilnahme motivieren, gerade in dieser herausfordernden Zeit. So zeigte die Unterstützung durch RESPOND bereits im vergangenen Jahr beeindruckende Ergebnisse bei der Skalierung der Teilnehmer. Zahlreiche Startups konnten große Erfolge verbuchen, wie ‚Made of Air‚, die den “Golden Pretzel Award” der Bits & Pretzels erhielten sowie als ‚Science Breakthrough of the Year‘ von der Falling Walls Foundation prämiert wurden. Ich freue mich besonders darauf, auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Gründerinnen und Gründer auf ihrem Weg zum Erfolg begleiten und unterstützen zu können.

Vielen Dank fürs Gespräch

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Larisa Stanescu (l.) vom Competence Center KI der Wiener Stadtwerke-Gruppe und Product Owner Jonathan Mayer | (c) WienIT

Im August 2025 zog die WienIT in einem eigenen Beitrag eine erste Zwischenbilanz des Competence Center KI. Der Bogen spannte sich damals vom Wissensmanagement-Tool bis zur KI-gestützten Lösung für Förderanträge.

Ein Jahr später hat sich der Schwerpunkt verschoben. In den Vordergrund gerückt ist eine zentrale KI-Plattform, die allen Mitarbeitenden der Wiener Stadtwerke-Gruppe Zugang zu KI-Werkzeugen geben soll. Sie ist produktiv, und seit dem Rollout wurden nach Angaben des Unternehmens rund 500 Nutzer:innen gewonnen.

„Die vergangenen eineinhalb Jahre waren vor allem von Aufbauarbeit geprägt“, sagt Jonathan Mayer, Product Owner der KI-Plattform. Das größte Vorhaben sei die Entwicklung eben dieser Plattform gewesen, mit dem Ziel, einen „einfachen, sicheren und vertrauenswürdigen Zugang zu KI-Technologien“ zu ermöglichen.

Larisa Stanescu, die das Competence Center leitet, wertet die Zahl als Bestätigung: Die Entwicklung zeige, dass der Bedarf an KI-Werkzeugen im Arbeitsalltag groß sei und kontinuierlich wachse. Entscheidend sei dabei, dass die Plattform einen sicheren und unternehmenskonformen Zugang biete.

Vom Freitextfeld bis zur Bestellprognose

Inhaltlich sieht das Competence Center einen großen Bedarf im Wissensmanagement. Informationen würden immer umfangreicher und verteilter, KI könne relevantes Wissen schneller auffindbar machen.

Daneben kommt KI zur Datenanalyse zum Einsatz, etwa bei der Auswertung offener Antworten aus Mitarbeiter- und Kundenbefragungen. Freitextdaten enthielten oft wertvolle Erkenntnisse, deren manuelle Analyse aber sehr zeitaufwendig sei, so Mayer.

Stanescu betont, dass klassische Data-Science- und Machine-Learning-Ansätze darüber nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Aktuell arbeite man an mehreren Use Cases in der Logistik, bei denen historische Daten genutzt werden, um Bestellmengen und Bestellzeitpunkte präziser zu prognostizieren.

Larisa Stanescu vom Competence Center KI | (c) WienIT

Digitale Souveränität als Leitprinzip

Die Frage nach Modellen und Infrastruktur ist für das Competence Center mehr als eine technische. „Digitale Souveränität ist für uns ein strategisches Leitprinzip“, sagt Mayer. Ziel sei es, die Kontrolle über die eigenen Daten und deren Verarbeitung zu behalten und gleichzeitig die Vorteile moderner Cloud- und KI-Technologien nutzen zu können.

Der Weg dorthin wird als pragmatisch beschrieben: Abhängig von den Anforderungen eines Use Cases und der Sensibilität der Daten wird entschieden, welche Infrastruktur und welche Technologien zum Einsatz kommen.

Konkret wird es beim nächsten Release der Plattform. Dann sollen Nutzer:innen zwischen verschiedenen Modellen selbst auswählen können, etwa europäischen Modellen oder Thinking-Modellen. Parallel dazu soll Model Routing implementiert werden, das automatisch das passende Modell für die jeweilige Fragestellung auswählt.

Warum Startups bislang nicht unmittelbar beteiligt sind

Bemerkenswert für ein Innovationsthema dieser Größenordnung: Startups sind bislang nicht unmittelbar beteiligt. „Aktuell arbeiten wir in unseren KI-Projekten nicht unmittelbar mit Startups zusammen“, sagt Stanescu. Den Wiener Stadtwerken sei der interne Knowhow-Aufbau besonders wichtig, weshalb auch im Hinblick auf digitale Souveränität stark auf Eigenentwicklungen gesetzt werde.

Eine grundsätzliche Absage ist das nicht. Entscheidend sei, ob eine Lösung konkreten Mehrwert biete und sich in die Anforderungen an Sicherheit, Datenschutz und Integration einfüge. Künftige Kooperationen schließe man keineswegs aus, so Stanescu: Gerade im dynamischen KI-Markt könnten Partnerschaften mit innovativen Unternehmen eine interessante Ergänzung zu etablierten Technologieanbietern sein.

Jonathan Mayer, Product Owner der KI-Plattform von WienIT | (c) WienIT

Keine hochsensiblen Daten, On-Premises als Option

Auf technischer Ebene arbeitet das Competence Center mit klaren Datenklassifizierungen. Derzeit werden auf der Plattform keine hochsensiblen Daten verarbeitet. In Pilotprojekten wird evaluiert, wie künftig auch sensiblere Anwendungsfälle umgesetzt werden können, etwa durch On-Premises-Modelle, bei denen Daten die eigene Infrastruktur nicht verlassen.

Unabhängig von der Technologie gelte ein Grundsatz, sagt Mayer: KI unterstütze Menschen bei ihrer Arbeit, ersetze aber nicht die menschliche Verantwortung. Bei wichtigen Entscheidungen bleibe die finale Bewertung und Freigabe stets in menschlicher Hand.

Begleitet wird der Rollout von einem Change- und Enablement-Ansatz. Jede neue Nutzerin und jeder neue Nutzer der Plattform erhält ein strukturiertes Onboarding zu den Regeln im Umgang mit KI, dazu kommen Informationsveranstaltungen, Schulungen und eine Community für den Erfahrungsaustausch.

„Welches Problem lösen wir?“

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen Monate formuliert Stanescu grundsätzlich: KI sei kein reines IT-Thema, technologische Exzellenz allein reiche nicht aus. Erfolgreiche Projekte entstünden dort, wo Fachbereiche, IT, Informationssicherheit, Datenschutz und Change Management früh eingebunden werden. Die Abstimmung dieser Anforderungen brauche oft mehr Zeit als die technische Umsetzung selbst.

Der Erfolg von KI-Anwendungen hänge zudem wesentlich stärker von Akzeptanz, Vertrauen und nutzbaren Anwendungsfällen ab als von der Leistungsfähigkeit einzelner Modelle. Statt „Welches Modell ist das beste?“ solle man fragen: „Welches Problem lösen wir für unsere Kolleginnen und Kollegen?“

Agentische KI und ein Hackathon

In den kommenden Monaten liegt der Schwerpunkt auf der Weiterentwicklung der Plattform. Der Zugang zu KI soll weiter vereinfacht, zusätzliche Anwendungsfälle sollen erschlossen werden.

Parallel beschäftigt sich das Competence Center mit agentischer KI. Das Competence Center für Intelligent Process Automation pilotiert erste agentische Fähigkeiten innerhalb der Wiener Stadtwerke-Gruppe. Evaluiert wird, wie KI künftig nicht nur Informationen bereitstellen, sondern komplexere Aufgaben und Prozessschritte eigenständig unterstützen kann.

Um die Innovationskraft im Konzern zu stärken, ist außerdem ein KI-Hackathon geplant, bei dem Mitarbeitende eigene Ideen umsetzen können.

Langfristig sieht das Competence Center seine Rolle nicht darin, einzelne Lösungen bereitzustellen, sondern nachhaltige KI-Kompetenz im gesamten Konzern aufzubauen. Der größte Hebel liege nicht in einzelnen Tools, sondern in den Menschen, die diese Technologien sinnvoll einsetzen.

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