02.05.2018

Die Mär vom Grundeinkommen als Sozialleistung – „wie viel ist genug?“

Alle Modelle sehen das bedingungslose Grundeinkommen ergänzend oder als Ersatz zu Sozialleistungen. Warum wird so selten über Arbeit als die eigentliche Sozialleistung gesprochen?
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Das Grundeinkommen in Finnland wird nicht verlängert. Hier im finnischen Parlament wurde es entschieden.
(c) Wikimedia - das Grundeinkommen in Finnland wird Ende 2018 nicht verlängert. Hier im finnischen Parlament wurde es entschieden.

Der bekannte Feldversuch um das bedingungslose Grundeinkommen in Finnland wird nicht verlängert. So hat es die finnische Regierung jetzt im April 2018 entschieden. Statt das Experiment auf arbeitende Menschen auszuweiten, wie es ursprünglich geplant war, endet die Grundfinanzierung für 2.000 Arbeitslose mit dem Ende des Jahres. Ein guter Anlass, um die Idee von einer anderen Seite zu beleuchten.

Das Plädoyer der Wirtschaftsprofessoren Robert und Edward Skidelsky gilt unserem industriellen und technologischen Fortschritt. Sie stellen fest, im Ganzen sind wir vier Mal reicher als vor hundert Jahren. Die Technik macht uns so viel produktiver. Sie sprechen dabei nicht über ein bedingungsloses Grundeinkommen, sondern über unsere technologischen Fortschritt, der immer wieder Anlass gibt und gab, um über das bedingungslose Grundeinkommen zu sprechen.

Es geht um wegfallende Berufsbilder, Finanzierung und Feldversuche, aber wenn es um ein bedingungsloses Grundeinkommen geht, müssen wir auch über unsere Arbeitshaltung sprechen.

Der Armutsgrenze entkommen

Wir stehen in der Kleinstadt Dauphin in Kanada. Etwa 10% der Bevölkerung lebt dort zwischen 1974 und 1977 unter der Armutsgrenze. Sie erhalten für drei Jahre 100 kanadische Dollar pro Monat als bedingungsloses Grundeinkommen. Damit überschreiten sie die Armutsgrenze nicht, aber die Analyse des Projekts zeigt später: ihnen geht es besser und mit der Ausnahme von zwei Gruppen – junge Mütter und Teenager – arbeitet niemand weniger.

Immer, wenn über das Grundeinkommen gesprochen wird, wird es als Hilfs- oder Sicherheitspaket verstanden. Es wird selten über unser Bild von Arbeit und seine Bindung an Gehalt oder Bezahlung gesprochen.

Warum eigentlich? Für mich ist der Punkt die junge Mutter. Sie erbringt in ihrer alltäglichen Arbeit eine Sozialleistung – Kindererziehung – so wie es eine Leistung ist Straßen sauber zu halten, Software zu entwickeln, Getränke auszuschenken oder zu kochen, als Lehrer Wissen zu vermitteln, Bilder zu malen oder im Handwerk zu produzieren.

Über all die Leistungsträger

Beruflicher Erfolg hängt laut Studien eng mit der selbst erlebten Motivation für Arbeit und dem Frust am eigenen Arbeitsplatz zusammen. Bist du glücklich mit dem, was du tust, fühlst du dich erfolgreich. Also erzähl mir – was hast du heute geleistet?

Ich muss dabei an Schulnoten und die schulische Ausbildung denken. Dort werden wir erzogen aus Berufen auszuwählen, die es bereits gibt. Für diese Berufe werden wir theoretisch ausgebildet. Dabei geht selten der Blick hin zur Frage, was du persönlich beitragen möchtest. Und wenn wir keinen Beruf finden oder ihn verlieren, sind wir auf Sozialleistungen angewiesen.

Alle Finanzierungsmodelle und Diskussionen um ein bedingungsloses Grundeinkommen hadern damit, ob es finanzierbar ist, ob Menschen dann noch arbeiten gehen und wer die Leistungen erbringen wird, die augenscheinlich niemand erbringen möchte und von der Gesellschaft trotzdem gebraucht werden.

Das Museum der ausgestorbenen Berufe

Dort, wo früher Harzer, Köhler, Fassbinder, Wagner und Kammerdiener als Statuen standen, gesellen sich jetzt 3D-Ausdrucke der Schreibarbeiter, Kassierer und bald Fahrer oder Lagerarbeiter hinzu. Das 20.Jahrhundert hat die industrielle Revolution bestimmt, jetzt kommt die digitale Revolution und im Museum der ausgestorbenen Berufe reicht der Platz nicht mehr.

Seit Januar hat in Seattle Amazon Go seine Türen geöffnet, der erste Supermarkt ohne Kassen. Schleusen wie in der U-Bahn regeln den Einlass, Sensoren und Kameras registrieren, was den Regalen entnommen wird und die Amazon App rechnet ab.

Ob hier bereits Drohnen das Einräumen übernehmen oder noch Menschen am Werk sind, geben die Quellen nicht her. 2016 hat Amazon immerhin erstmalig Lieferungen per Flugdrohne zum Kunden gebracht. Arbeitsplätze fallen weg, während andere Berufe neu entstehen. Flugdrohnen müssen gewartet werden. Gleichzeitig sind viele Jobs zwischen Altenpflege und Kindererziehung unterbesetzt, weil Bezahlung und Wertschätzung der Arbeit dahinter im Verhältnis zu anderen Berufen nicht stimmen.

Ich lese von Googles selbstfahrenden Autos und dass sie mittlerweile ohne menschlichen Fahrer auskommen. Ich lese von der Blockchain, Artificial Intelligence und Chatbots, die im wortwörtlichen Sinne bald gesprächsfähig sind.

+++ “Sie sind arbeitswillig, aber es wird einfach keine Arbeit geben” +++

Studien, Modelle & Finanzierung

Im Wust aus Studien und Finanzierungsmodellen, die das Grundeinkommen bewerten, diskutieren oder über die Umsetzung nachdenken, fühlt man sich schnell verloren.

Vorherrschend zur Finanzierung ist heute die Idee, neben Abbau von Bürokratie und Sozialleistungen eine Robotersteuer einzuführen. Andere argumentieren, der Konsum müsse im Vergleich zum Einkommen stärker besteuert werden, also ein Ausbau der Umsatz- / Mehrwertsteuer hin zur Konsumsteuer. Der Verein Mein Grundeinkommen nimmt es bereits seit 2014 selbst in die Hand und hat seitdem 167 Grundeinkommen über 12.000€ finanziert und verlost.

Aus der Wirtschaft gibt es viele namhafte Unterstützer wie Siemens-Chef Joe Käser, SAP-Vorstand Bernd Leukert, ebay-Gründer Pierre Omidyar, Prof. Götz W. Werner von der dm-drogerie markt-Kette, Telekom-Chef Tim Höttges oder Josef Zotter mit seinen Schokoladen. Viele haben verstanden, welches Potential das Konzept hat, aber auch welche Risiken es birgt.

In einer breiten Befragung von Führungskräften durch Ernst & Young ist die Mehrheit der Manager trotzdem gegen ein Grundeinkommen. Rund ein Drittel erwarten zwar, dass Arbeitsplätze in ihren Unternehmen wegfallen, mehr als zwei Drittel gehen jedoch davon aus, dass bei einem bedingungslosen Grundeinkommen die Arbeitsmotivation in den unteren Einkommensschichten sinken würde.

Dann ist da noch ein OECD-Paper. Weil im Modell, wo das Grundeinkommen bisherige Sozialleistungen ersetzt, Zahlungen für Krankheit und langfristige Arbeitslosigkeit teurer sind als das Grundeinkommen selbst, soll es Armut sogar fördern und sei nicht finanzierbar.

Feldversuche in der Schweiz, Namibia und Alaska

Die Schweiz stimmte 2016 gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Jetzt will stattdessen die Filmemacherin Rebecca Panian für ein ganzes Dorf Grundeinkommen finanzieren und die Zeit danach filmisch dokumentieren. Sie stellt die Fragen: „willst du weiterhin sagen: Du musst arbeiten fürs Geld, damit du leben kannst? Oder willst du sagen können: Du bekommst Geld zum Leben, damit du tätig sein kannst?“

In Namibia wurde 2008 ein Testlauf von deutschen Spendengeldern finanziert. Dabei bekam jeder Einwohner des Dorfes Otjivero umgerechnet 6 Euro pro Monat. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Praxisprobe waren, dass danach mehr Kinder die Grundschule besuchten oder sie nicht abbrachen, die Kriminalitätsrate sank, mehr Menschen die Klinik besuchen konnten und die Armutsquote derjenigen, die sich kein Essen leisten konnten, deutlich sank.

In Alaska erhält jeder Bürger eine jährliche Dividende aus dem staatlichen Alaska Permanent Fund. Seit 1976 fließen Teile der Öl-Einnahmen des Landes in den Topf, dessen Aktiengewinne dann an die Einwohner des Landes ausgeschüttet werden. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat sich nach seinem Alaska-Besuch an diesem Beispiel für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen.

Frankreich, Brasilien, die Niederlande und Schleswig-Holstein bringen gegenwärtig Testballons auf den Weg oder diskutieren darüber.

Leistung ist die Arbeit, die wir gerne erbringen

Mir schwirrt der Kopf und ich suche nach einem anderen Ansatzpunkt. Die Wirtschaftsprofessoren Robert und Edward Skidelsky sprechen vom Wachstumswahn hin zu einer Ökonomie des guten Lebens. Sie fragen: „wie viel ist genug?“.

Wir stehen in Finnland. 2.000 Menschen sind dort Arbeitslos und erhalten seit Januar 2017 statt Arbeitslosengeld 560 € bedingungsloses Grundeinkommen pro Monat für zwei Jahre. Eine erste Analyse des Projekts nach einigen Monaten zeigt: die Teilnehmerinnen fühlen sich weniger gestresst bei gleicher Arbeitsleistung. Eine detaillierte Auswertung der Ergebnisse ist nach dem Ende des Experiments Anfang 2019 geplant. Forscherinnen argumentieren, der schon vorab begrenzte Zeitraum und jetzt das angekündigte Ende verhindern sinnvolle Ergebnisse, weil daraus eine Mitnahme-Mentalität entstünde.

In ihrem Grundsatzprogramm führt die ÖVP zum Grundeinkommen aus: „Ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde falsche Anreize setzen und den Wert von Leistung aberkennen.“

Meinen sie die Leistung im Beruf und vergessen andere Leistungseben wie Erziehung, ehrenamtliche Arbeit oder innerer Antrieb? Wir sind reicher geworden. Wenn es um ein bedingungslosen Grundeinkommen geht, müssen wir über unsere Arbeitshaltung sprechen.

Arbeit ist mehr als Beschäftigung und Geld allein macht nicht glücklich. Kinder müssen erzogen und ältere Familienmitglieder gepflegt werden. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Idee, unser Arbeitssystem menschlicher und damit besser für den Menschen zu gestalten. Es wertschätzt Arbeit unabhängig vom Arbeitsvertrag.


⇒ Das Silicon Valley & der Traum vom BGE

OECD-Paper

Verein MGE

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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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