02.09.2026
INTERVIEW

Greiner-Packaging-CFO über KI in der Industrie: „Wir Österreicher sehen oft zuerst die Risiken“

Margit Kendler ist CFO von Greiner Packaging, einer Sparte der Greiner Gruppe. Im Interview am European Forum Alpbach spricht sie über drei KI-Fokusfelder, das Potenzial humanoider Robotik in der Produktion und die EU-Verpackungsverordnung. Außerdem erklärt sie, warum sie die Einführung von KI an frühere SAP-Projekte erinnert und wieso Österreich beim Thema KI mutiger werden sollte.
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Margit Kendler, CFO von Greiner Packaging | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Kaum ein Thema beschäftigt die heimische Industrie derzeit so stark wie die Adaption von Künstlicher Intelligenz. Während vielfach die These vertreten wird, dass Europa das Rennen um generative KI verloren hat, werden der Industrie bei der KI-Adaption gute Chancen eingeräumt. Die Industriellenvereinigung hat dazu eine eigene KI-Taskforce eingerichtet, die mittlerweile bei ihrer Halbzeit angelangt ist. Mit deren Vorsitzendem, Keba-CEO Christoph Knogler, haben wir im aktuellen brutkasten-Printmagazin ein ausführliches Cover-Interview über industrielle KI als Europas Chance geführt.

Wie das Thema in der Verpackungsindustrie ankommt, zeigt der Blick zu Greiner Packaging: Die Sparte der Greiner Gruppe mit Hauptsitz im oberösterreichischen Sattledt erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von 902 Millionen Euro, steht damit für mehr als 45 Prozent des Gruppenumsatzes und beschäftigt fast 4.900 Mitarbeiter:innen an 30 Standorten in 15 Ländern. Im Interview am European Forum Alpbach spricht CFO Margit Kendler über drei KI-Fokusfelder von der Kundeninteraktion bis zur Verwaltung, die Folgen der EU-Verpackungsverordnung (PPWR) und darüber, warum sie die Einführung von KI an die SAP-Projekte ihrer frühen Berufsjahre erinnert.


brutkasten: Greiner Packaging wächst trotz eines schwierigen Marktumfelds. Was sind die Gründe?

Margit Kendler: Unsere Stärke ist, dass wir sehr gute Produkte haben und diese kontinuierlich weiterentwickeln, auch in Richtung Nachhaltigkeit und der rechtlichen Anforderungen, etwa der PPWR. Dazu kommen langjährige Partnerschaften mit unseren Kunden, die wir gemeinsam weiterentwickeln können. Dadurch schaffen wir es auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten, über den Markt hinaus zu wachsen.

Herausfordernde Zeiten in Bezug auf den Markt?

Im Sinne von Zeiten, in denen die gesamte geopolitische Lage instabiler wird. Beim Rohmaterial-Sourcing ist etwa die Straße von Hormus immer wieder ein Thema. Trotz widriger Umstände schaffen wir es aufgrund der langjährigen Erfahrung unserer Teams und der verlässlichen externen Kontakte, gute Lösungen für unsere Kunden zu finden. Das zeichnet Greiner Packaging aus.

Künstliche Intelligenz war bei der Jahrespressekonferenz der Greiner Gruppe ein Thema. Welche Hebel sehen Sie in der Verpackungsindustrie, um die Produktivität zu steigern?

Wir sehen im Moment bei Greiner Packaging drei Fokusbereiche. Der erste ist Richtung Kunden: Wie interagieren wir in Zukunft mit Kunden, wo wünschen sie sich automatisiertere Prozesse, weil sie auf ihrer Seite ebenfalls Prozesse anstoßen? Und wo bleibt der persönliche Kontakt weiter wichtig? Gerade bei Produktentwicklungen wird der persönliche Kontakt wichtig bleiben.

Die zweite Stoßrichtung ist die Produktion. Da geht es um Datenauswertung, die man mit KI effizienter machen kann. Viele Daten sind vorhanden, aber wie nutzen wir sie am besten? Dazu kommt alles, was weiterentwickelte Robotics in Richtung Humanoid ist. Der dritte Teil ist die Verwaltung: alles, was an Berichtsanforderungen im Sinne von Nachhaltigkeit und Ähnlichem anfällt. Wo kann man Datensammlung und Dokumentation sinnvoll in eine KI überführen?

Es gibt die These, dass Europa bei generativer KI das Rennen verloren hat, bei der KI-Adaption in der Industrie aber gute Chancen hat. Auf welche Modelle setzen Sie?

In der Produktion haben wir erste Erfahrungen gesammelt. Im Moment nutzen wir die vorhandenen Modelle und screenen, was am Markt aufkommt. Es ist so schnelllebig, dass immer die Frage ist: Kommt man überhaupt zur Anwendung oder gibt es schon wieder die nächste Entwicklungsstufe? Wichtig ist uns aber, dass die europäische Datensouveränität gestärkt wird und dass Unternehmen unterstützt werden, die diesen europäischen Fokus haben, um den Standort und Europa zu stärken.

Greift man da spezifisch auf europäische Modelle wie Mistral zurück?

Natürlich sehen wir uns europäische Lösungen an und wollen diese einsetzen, wenn sie uns den entsprechenden Nutzen bringen. Wir freuen uns über technologische Initiativen, die Europa gesamthaft als Standort stärken.

Margit Kendler im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher beim European Forum Alpbach | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Welche Aufgaben übernimmt KI aktuell bei Greiner Packaging?

Eher am Ende der Produktion, im Verpackungsbereich und Richtung Lager. Im Durchfluss der Produktion ist schon sehr viel automatisiert. Man muss differenzieren: Wo brauche ich tatsächlich KI und was geht bereits über klassische Automatisierung, also Roboterarme oder Verpackungsstraßen. Es geht wirklich nur noch um die Lücken, die etwa im Bereich Qualitätskontrolle bestehen. Und man muss genau schauen, bei welchen Stückzahlen sich Robotik auszahlt. Gerade beim händischen Assembly ist die Frage, ob die Roboter mit ihren Achsen schon gut genug sind.

Die Entwicklung ist enorm rasant. Wie bleibt man da als CFO up to date und wie fließt das in die Strategie ein?

Es beginnt mit einem tiefen Grundinteresse. Und dann nutze ich eine Mischung aus Workshops, Schulungen und Foren wie dem European Forum Alpbach, wo ich KI-Termine wahrnehme, dazu Newsletter und vieles mehr. Intern gibt es auf Gruppenebene eine Taskforce zu KI, die selektiert, welche Anwendungsfälle es für uns als Sparte oder übergreifend für die gesamte Gruppe gibt.

Wo ist die Schnittstelle zwischen Innovation und Ihrer Arbeit?

Als erfolgreiches Unternehmen muss man darauf achten, sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen. Nur weil es jetzt gut ist, braucht man trotzdem den Blick in die Zukunft. Bei uns ist Innovation sehr produktgetrieben: Welche Barriereeigenschaften gibt es, wie ist die Haltbarkeit eines Joghurts in dem Becher? Das wird stark durch die Verpackungsverordnung getrieben, wo es um Rezyklierfähigkeit und den Einsatz recycelter Materialien geht. Andererseits geht es um die Frage, wie wir in 15 Jahren erfolgreich sind. Dafür haben wir Stage-Gate-Prozesse. Ein großes Thema ist auch Reuse, also Mehrfachnutzung versus Einmalnutzung.

Und Innovation umfasst nicht nur die Produkte selbst, sondern auch das, was um das Produkt herum ist: Serviceleistungen, Lieferung, wie wir unsere Kunden servicieren. Bei Reuse stellt sich die Frage, ob man nur das Produkt macht oder auch Services rund um den Reuse anbietet. Im Endeffekt geht es immer darum, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Schaut man sich dafür auch neue Geschäftsfelder an?

Wir haben uns das gerade angeschaut. Wir haben etwa die Becher für den Song Contest gemacht. Einer meiner früheren Arbeitgeber war Ifco, die die Obst- und Gemüsekisten an die Supermarktketten vermieten. Das war ein klassischer Reuse-Anbieter, bei dem das Waschen, Ausbringen und Einsammeln Teil des Geschäftsmodells war. Und auch bei Greiner Packaging evaluieren wir, welche Alternativen und neuen Geschäftsmodelle spannend sein könnten.

Die Verpackungsverordnung gilt seit 12. August. Der Handelsverband fordert ein Moratorium, weil es noch viele Unsicherheiten gibt. Wie nimmt man das bei Greiner Packaging wahr?

Es führt kein Weg an Verordnungen vorbei. Wir haben eine Welt, und wenn sie verbraucht ist, ist sie verbraucht. Diese strengeren Regelungen machen Sinn. Die Schwierigkeit ist, dass wir uns als großes Unternehmen deutlich leichter tun, weil wir die Ressourcen haben. Und selbst für uns ist es ein sehr hoher Aufwand, alle Dokumentationen zu liefern und die Lieferkette ordentlich zu dokumentieren. Ich verstehe daher die kleineren Unternehmen, für die das ein umso höherer Aufwand ist. Ob ein Moratorium die Lösung ist, weiß ich nicht. Man sieht es bei der Diskussion Verbrenner versus Elektroauto: Diese langfristige Unsicherheit – wird es A oder B – ist schwierig, weil man bis zur Entscheidung alle Wege parallel verfolgen muss.

Der K3-Becher ist eines Ihrer Premium-Produkte und seit vielen Jahren auf dem Markt. Jetzt gibt es mit r100 eine neue Generation. Was treibt solche Innovationen: Regulatorik oder Eigenantrieb?

Eine Mischung. Der K3 entstand aus dem Wunsch, ein nachhaltigeres Produkt zu schaffen. Es ist eine Kombination aus Kundenanforderungen, rechtlichen Vorgaben und dem Eigenantrieb, es noch besser zu machen, mit Leichtgewicht, Banderolen und Rezyklierfähigkeit. Die nächste Generation ist gerade in Entwicklung. Ein weiterer Trend ist Monomaterial: Oft hat man beim Joghurt den klassischen Aluminium-Topper. Wenn die Leute den nicht abreißen, kann nicht sortiert werden und der Becher geht in der Wiederverwertung verloren. Ist alles das gleiche Material, ist es deutlich leichter.

Arbeitet man dafür auch mit externen Partnern zusammen, etwa Startups?

Im Moment nicht, aber es ist immer am Radar, um zu schauen, was sich am Markt entwickelt und ob sich Kooperationen anbieten.

Die IV-KI-Taskforce ist bei Halbzeit. Wie schätzen Sie die Verpackungsbranche bei der KI-Adaption ein?

Generell ist mein Eindruck, dass Österreich mehr die Risiken als die Chancen sieht. Die Amerikaner denken mehr in Möglichkeiten, deshalb sitzen dort viele der KI-Unternehmen. Wir Österreicher sehen oft zuerst die Risiken, und solange diese nicht gemeistert sind, fängt man nicht an, über die Möglichkeiten nachzudenken. Um den Anschluss zu halten, brauchen wir mehr Offenheit und eine gute Balance zwischen Risiko und Chance.

Ein reiner Tool-Rollout geht oft nach hinten los, wenn die Organisationsentwicklung nicht mitgedacht wird. Wie gehen Sie vor?

Am Berufsanfang war ich SAP-Beraterin und habe SAP eingeführt. Ich finde es nicht so anders. Egal welche Technologie man einführt, man muss die Menschen mitnehmen. Viel zu oft wird der Mensch nicht mitgedacht. Ob ich von R/2 auf R/3 oder von R/3 auf Hana umsteige oder eine KI dazubaue: Es ist immer die gleiche Frage. (Anm. d. Red.: R/2, R/3 und Hana bezeichnen aufeinanderfolgende Generationen der SAP-Unternehmenssoftware, deren Umstellung jeweils große Migrationsprojekte in Unternehmen auslöste) Wie arbeiten wir dann anders, welche Kompetenzen werden gebraucht und wie muss ich diese rechtzeitig schulen? Ich sehe das in unserer Verantwortung als Arbeitgeber, dass unsere Mitarbeiter:innen mitwachsen.

Gibt es Ängste, dass Jobs wegrationalisiert werden?

Jobs ändern sich einfach. Was ich bei uns erlebe: Wir haben viele Early Adopter. Es gibt seit Langem das Angebot, KI zu nutzen, plus wöchentliche Online-Kaffeerunden für Best-Practice-Sharing. Wir haben Kolleg:innen, die schon viel mit Agenten arbeiten. Viele sehen die Arbeitserleichterung im Täglichen, weil die KI Routinetätigkeiten übernimmt. Sorgen, wegrationalisiert zu werden, erlebe ich im Moment nicht.

Was ich auch stark merke: Kolleg:innen, die spezifische Skills nicht haben, können plötzlich Themen lösen. Ein Kollege, der nicht im Controlling ist und kein Excel- oder PowerPoint-Meister, konnte über die KI alles so darstellen, wie es gebraucht wurde. Das hat ihn einen halben Tag gekostet. KI erlaubt, gewisse Ausbildungsschritte zu überspringen. Dafür sind andere Ausbildungen nötig.

Greiner Packaging ist auch außerhalb Europas vertreten. Wie nehmen Sie die KI-Regulierung in Europa wahr?

Der EU AI Act erhöht die Anforderungen an Unternehmen, schafft aber gleichzeitig Vertrauen in die Technologie. Für uns ist entscheidend, KI innovativ, aber auch verantwortungsvoll einzusetzen. Wer beides beherrscht, wird langfristig erfolgreicher sein.

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© ESA/NASA

Astronaut:innen trainieren auf der Internationalen Raumstation (ISS) täglich bis zu zweieinhalb Stunden, um dem Abbau von Muskeln und Knochen in der Schwerelosigkeit entgegenzuwirken: Laufband, Ergometer und ein eigens entwickeltes Widerstandsgerät gehören zum Pflichtprogramm. Ob elektrische Muskelstimulation (EMS) dieses Training wirksamer machen kann, untersucht das Experiment „EasyMotion-2″ der Deutschen Raumfahrtagentur im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Charité Berlin. Die französische ESA-Astronautin Sophie Adenot trägt dafür einen Trainingsanzug von EasyMotionSkin, einem Unternehmen mit operativer Zentrale in Reith bei Seefeld in Tirol.

Sechs Wochen Training mit Elektroden

Adenot hat am 17. Juli 2026 im Rahmen ihrer Langzeitmission „εpsilon“ begonnen, mit dem Anzug auf der ISS zu trainieren. Das war der Startschuss für ein sechswöchiges Programm zur Stärkung ihrer Skelettmuskulatur. Der Anzug gibt über integrierte Elektroden niederfrequente Impulse an die Muskulatur ab und soll so den Trainingseffekt der regulären Einheiten erhöhen. Für den Einsatz im All wurde das System von der OHB System AG angepasst und qualifiziert. Die wissenschaftliche Leitung liegt bei Dieter Blottner vom Zentrum für Weltraummedizin und Extreme Umwelten der Charité, das Europäische Astronautenzentrum (EAC) der ESA unterstützt das Experiment.

Das Ziel reicht über die ISS hinaus: Die Daten sollen laut DLR dazu beitragen, EMS-Training fest in den Alltag von Astronaut:innen zu integrieren und damit künftige Reisen zum Mars sicherer zu machen. Eine solche Mission würde rund zwei Jahre dauern, wobei die Crew nach etwa neun Monaten Flug in Schwerelosigkeit den Planeten selbstständig betreten und dort arbeiten müsste. Muskelschwund auf dem Hinweg ist dabei eines der zentralen medizinischen Probleme.

Zweiter Anlauf nach Matthias Maurer

Es ist nicht der erste Einsatz des Anzugs im All. Während der ESA-Mission „Cosmic Kiss“ (2021 bis 2022) trainierte der deutsche Astronaut Matthias Maurer bereits mit dem System, brutkasten berichtete damals. „Es ist bemerkenswert zu sehen, welche bedeutenden Fortschritte die Entwicklungsteams seit der ersten Mission bei der Optimierung des Anzugkonzepts für den Einsatz auf der Raumstation erzielt haben. Ich freue mich sehr, dass wir EasyMotion-2 nun gemeinsam mit Sophie Adenot weiterführen können“, sagt Julia Weis, LEO (Anm. Low Earth Orbit) & Suborbital Utilisation Team Leader bei der ESA.

Adenot, Jahrgang 1982, ist Hubschrauberpilotin der französischen Luftwaffe und Luftfahrtingenieurin. Seit November 2022 gehört sie dem Europäischen Astronautenkorps an, ihre Grundausbildung schloss sie im April 2024 ab.

Was auf der Erde davon bleibt

Die Erkenntnisse aus dem All sollen auch in Trainings-, Therapie- und Präventionskonzepte auf der Erde einfließen, von der Rehabilitation bis zur Prävention altersbedingter Veränderungen. Das ist auch die Perspektive von Christian Jäger, dem Tiroler Unternehmer und Investor hinter EasyMotionSkin: „Entscheidend ist für mich aber ebenso der Nutzen auf der Erde: EasyMotionSkin soll Menschen dabei unterstützen, effizient zu trainieren, ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten und etwas für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu tun. Die Erkenntnisse aus dem Einsatz unter Extrembedingungen können dazu beitragen, die Technologie weiterzuentwickeln und damit auch vielen Menschen auf der Erde zugutekommen.“

EasyMotionSkin wurde von Dirk Fritzsche gegründet. Jäger, 2023 auch als Investor bei „2 Minuten 2 Millionen“ zu sehen, war zunächst mit einem kleinen Investment eingestiegen, bevor er die Firma gänzlich übernahm. Heute ist EasyMotionSkin nach eigenen Angaben Teil der deutschen milon group.

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