09.03.2026
INTERVIEW

Geopolitik, KI und Jobabbau: Was hinter dem Strategiewechsel bei Prewave steckt

Interview. Das Wiener Scaleup Prewave reagiert auf eine neue Marktlage: Nach dem 64-Millionen-Euro-Investment im Juni 2024 folgt nun die strategische Neuausrichtung. Ein Umbau, der zuletzt zu Kündigungen und interner Kritik an der Unternehmenskultur führte. Im brutkasten-Interview sprechen die Co-Founder Lisa Smith und Harald Nitschinger (CEO) offen über diese Managemententscheidungen.
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Prewave
Die Prewave-Gründer:innen Lisa Smith und Harald Nitschinger | Foto: Viktoria Waba / brutkasten

2017 gründeten Lisa Smith und Harald Nitschinger das Lieferketten-Startup Prewave. Seitdem gilt das Unternehmen als eines der erfolgreichsten Scaleups Österreichs. Im Juni 2024 schloss Prewave eine Series-B-Finanzierungsrunde über 63 Millionen Euro ab und schaffte es damit auf das Cover des brutkasten-Magazins. Mit seiner Plattform unterstützt das Unternehmen aktuell mehr als 200 Großunternehmen dabei, Risiken in globalen Lieferketten frühzeitig zu erkennen und zu reduzieren. Zu den Kunden zählen internationale Konzerne wie BMW, Lufthansa und Ferrari.

Seit 2025 hat sich jedoch einiges verändert im Unternehmen. Nach dem großen Investment kündigte Prewave zunächst „globales Wachstum“ an. Ein Jahr später folgte ein Stellenabbau von rund acht Prozent der Belegschaft (brutkasten berichtete). Als Grund wurde eine strategische Neuausrichtung genannt, bei der Nachhaltigkeit und Resilienz stärker in den Mittelpunkt rücken sollten. Im Jänner dieses Jahres zog sich Co-Founderin Lisa Smith schließlich aus der Geschäftsführung zurück. Sie wolle sich künftig ausschließlich auf den öffentlichen Sektor konzentrieren, hieß es damals.

Kürzlich erhielt die brutkasten-Redaktion einen anonymen Hinweis. Darin wird behauptet, dass Prewave erneut Jobs abbaue und dabei auch Mitarbeitende betroffen seien, die auf Arbeits- und Aufenthaltsvisa angewiesen sind. Die Quelle bezeichnet das Unternehmen als „toxisch“ und behauptet, vieles von dem, was intern geschehe, bleibe Außenstehenden verborgen. Wir haben bei Lisa Smith und Harald Nitschinger nachgefragt, was sich im vergangenen Jahr bei Prewave getan hat.


brutkasten: Uns liegen Informationen über erneute Kündigungen vor. Könnt ihr bestätigen, wie viele Personen diesmal betroffen sind?

Harald Nitschinger: Ja, wir hatten im Jänner eine Umstrukturierung im Product- und Engineering-Bereich. Davon waren konkret acht Personen betroffen, von denen wir uns getrennt haben im Zuge der Umstrukturierung. Das entspricht vier Prozent unserer Belegschaft. Wichtig ist zu erwähnen, dass wir weiter anstellen im Engineering-Bereich.

In früheren Kündigungsphasen blieb das Engineering-Team noch verschont. Hat sich seither Prewaves technologische Strategie so grundlegend verändert?

Harald Nitschinger: Es gibt wesentliche Markt- und auch Technologieveränderungen. Das ist ein Faktor hinter der Umstrukturierung. Wir sehen alle, was auf der Welt passiert und durch KI verändern sich die technologischen Möglichkeiten und auch die Art zu arbeiten schlagartig. Als Startup sind wir da natürlich vorne dabei und müssen agil reagieren.

Prewave fokussiert sich nun stärker auf den öffentlichen Sektor. Das soll auch der Grund sein, warum du – Lisa Smith – dich im Jänner aus der Geschäftsführung zurückgezogen hast. Warum hat man diese strategische Entscheidung getroffen?

Lisa Smith: Der Grund war vor allem die geopolitische Situation. Der Stellenwert von Lieferketten hat sich enorm verändert. Sie werden zunehmend als politisches Instrument eingesetzt. Jetzt geht es um unsere Sicherheit. 

Die Technologie, die wir bei Prewave entwickelt haben, wird jetzt mehr denn je benötigt. Das heißt, dass jetzt eine große Verantwortung auf uns zukommt, um die Technologie in diesen besonderen Zeiten zur Verfügung zu stellen. Da habe ich als Gründerin diese Verantwortung gespürt. 

Seid ihr dazu mit der EU im direkten Austausch?

Lisa Smith: Ich bin immer wieder in Brüssel. Wir haben jetzt auch schon einen Vertrag mit der Europäischen Kommission, um da weiterzuarbeiten und zu schauen, dass wir Europas Lieferketten stärker und resilienter machen. Da gibt es viele wichtige Themen: Verteidigung, Rohstoffsicherheit, Halbleitersicherheit. 

Im Juni 2024 hat Prewave ein Investment von 63 Millionen Euro geholt, um weltweit zu expandieren. Nur ein Jahr später begannen die Kündigungen. Wie kann man diesen Umschwung innerhalb weniger Monate erklären? 

Harald Nitschinger: Das eine schließt das andere nicht aus. Wir wachsen weiter und zählen in unserer Kategorie zu den Top drei Unternehmen weltweit – und sind das einzige aus Europa. Und wenn sich der Markt ändert, dann ist es meine Verantwortung als Geschäftsführer, die richtigen Prioritäten zu setzen. Genau das war eben die Maßnahme, die wir im Jänner getroffen haben. Es ist eine Reaktion, um das Unternehmen in dieser Zeit richtig aufzustellen.

Wie viele Leute wurden denn seit dem Investment 2024 eingestellt? 

Harald Nitschinger: Das müsste sich fast verdoppelt haben in der Zeit.

Ein Vorwurf lautet, dass Mitarbeitende gekündigt wurden, die Prewave aktiv aus dem Ausland nach Wien angeworben habe. Diese Menschen hängen nun an der Rot-Weiß-Rot-Karte. Wird dieser Aspekt bei Kündigungen bedacht?

Lisa Smith: Wir haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 40 Nationen bei Prewave. Einigen haben wir auch ermöglicht, mit der Rot-Weiß-Rot-Karte nach Österreich zu kommen. Das sind in der Regel hochausgebildete IT-Fachkräfte. 

Bei einer Umstrukturierung schauen wir uns verschiedenste Faktoren an. Wir machen auch eine Vulnerabilitätsprüfung, dabei ist die Rot-Weiß-Rot-Karte ein Kriterium. In diesen Fällen müssen wir den Prozess schon etwas anders anschauen. Wir informieren uns dann bei der Austrian Business Agency über die Fristen, sodass wir mit den Mitarbeitern spezielle Lösungen finden. 

Welche konkrete Hilfe bietet Prewave diesen Menschen jetzt an?

Lisa Smith: Prinzipiell werden den Rot-Weiß-Rot-Kartenhaltern dieselben Hilfestellungen zur Verfügung gestellt, wie auch allen anderen Betroffenen. Es gibt einen CV-Check, da helfen wir bei der Bewerbung und beim Finden eines neuen Jobs. Wir machen Interview-Coachings und versuchen natürlich auch, unser Netzwerk zu aktivieren. Diese Transition ist nie eine schöne Situation, aber es ist uns wichtig, diese respektvoll und konstruktiv zu gestalten.

Ein Insider beschreibt die Arbeitsatmosphäre als „toxisch“ und geprägt von Intransparenz. Gleichzeitig wird nach außen das Bild eines modernen Scaleups gepflegt. Wie passt dieser Kontrast zusammen? 

Harald Nitschinger: Wir stehen eben im harten internationalen Wettbewerb. Dementsprechend haben wir einen gewissen Standard. Das ist sicherlich ein spannendes, aber auch forderndes Arbeitsumfeld, das wir unseren Mitarbeitern bei Prewave bieten. Das zeigen auch die regelmäßigen unternehmensweiten Mitarbeiterbefragungen. Da haben mehr als 90 Prozent gesagt, dass sie langfristig bei Prewave bleiben wollen.

Wie geht Prewave mit dem Vorwurf um, dass die Kommunikation der Kündigungen die tatsächlichen Probleme verschleiert? 

Harald Nitschinger: Wir haben intern eine sehr offene und transparente Kommunikationskultur. Das ist uns auch wichtig und das wurde von Anfang an so gelebt. Wir haben bei dieser konkreten Umstrukturierung ein “Company All Hands”-Meeting gemacht. Wir haben einen offenen Brief mit allen Mitarbeitern geteilt als Schreiben von Lisa und mir und wir haben ein “Founder Ask Me Anything” intern veranstaltet. Eine Stunde lang haben wir alles beantwortet und ich habe persönlich mit über 50 Mitarbeitern One-on-Ones geführt. 

Harald, du führst Prewave nun alleine weiter. Welche Maßnahmen wirst du nun setzen, um weitere Kündigungswellen zu verhindern und das Arbeitsklima zu verbessern?

Harald Nitschinger: Als Geschäftsführer sehe ich meine Aufgabe darin, Prewave zum Weltmarktführer zu machen. Dieses Ziel können wir nur mit unseren Mitarbeitern gemeinsam erreichen. Deswegen ist es eine  Priorität, dass Prewave einer der attraktivsten Arbeitgeber in Österreich bleibt. Ich glaube, wir sind das heute. KI, Nachhaltigkeit, Resilienz der Lieferketten – das ist ein spannendes Thema und Umfeld, das wir bieten. 

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Wiewohl die Debatte rund um den Klimawandel in den vergangenen Jahren nachweislich leiser geworden ist, bleibt die Energiewende großes Ziel – in Österreich und Europa alleine schon wegen der brandaktuellen Frage der Souveränität. Dabei versteht man unter Energiewende keineswegs weltweit das selbe, meint Angela Wilkinson, Secretary General und CEO des World Energy Council (WEC) im Interview.

Wir trafen die Chefin der in London ansässigen Dach-Organisation, die über 3.000 Partner-Organisationen in mehr als 100 Ländern hat, beim Verbund Venture Day 2026 an der WU Wien, wo sie auch eine Keynote hielt und an einer Podiumsdiskussion teilnahm. Ihre Kernaussage: Die Menschheit brauche in der Energiewende eine positive gemeinsame Vision.


brutkasten: Was macht das World Energy Council eigentlich genau?

Angela Wilkinson: Das World Energy Council wurde vor 100 Jahren am Ende des Ersten Weltkriegs gegründet. Die ursprüngliche Mission lautete: Wie verhindern wir am Ende der großen Weltreiche eine Situation, in der Nationalstaaten wegen knapper Ressourcen gegeneinander Krieg führen? Das sind die Wurzeln unserer Organisation. Seit 100 Jahren arbeiten und wachsen wir als globale Gemeinschaft – ein verteiltes Netzwerk aus Expertinnen und Experten, Entscheidungsträgern, Unternehmern und Innovatoren, die eine gemeinsame Mission teilen: mehr und bessere Energie für alle Menschen auf der Welt.

Wie kann man sich die konkrete Arbeit des WEC vorstellen?

Wir haben drei Hauptaktivitäten: Erstens erstellen wir Berichte – keine rein technischen Datenstudien wie die IEA (Anm. Internationale Energieagentur), sondern nutzen eigene Frameworks wie den „World Energy Trilemma“-Ansatz. Damit erfassen wir praktische Erfahrungen aus verschiedenen Ländern dazu, wie Regierungen Versorgungssicherheit, Leistbarkeit und Nachhaltigkeit bei der Gestaltung ihrer Energiesysteme in Einklang bringen. Wir analysieren Praxisbeispiele, um Märkte und Politiken zu verbessern.

Zweitens organisieren wir Veranstaltungen: Wir bringen unsere Gemeinschaft aus 120 Ländern zusammen. Unser nächster World Energy Congress findet vom 26. bis 29. April 2027 in Riad statt und führt über 100 Ministerinnen und Minister, mehr als 5.000 CEOs und rund 18.000 Teilnehmende zusammen. Angesichts der globalen Elektrifizierungswelle untersuchen wir, was das System zusammenhält – von Verträgen über Vertrauen, Narrative und Daten bis hin zur Infrastruktur. Wir agieren dabei technologieagnostisch.

Drittens betreiben wir Community Building: Nachhaltige Veränderungen erfordern echte Gemeinschaften. Wie hier beim Ökosystem von Verbund X schafft eine Gemeinschaft das nötige Vertrauen für konstruktive Debatten und arbeitet pragmatisch mit den vorhandenen Stärken, statt in polarisierte Diskussionen zu verfallen.

Sie haben in Ihrer Keynote gesagt, es gebe weltweit recht klare Ziele für die Energiewende, aber es fehle an einer positiven Vision. Können Sie das näher ausführen?

Energiewende ist zu einem der am meisten missverstandenen Begriffe geworden. Europäer verstehen darunter den Verzicht auf fossile Brennstoffe, Golfstaaten das Eliminieren von Treibhausgasemissionen, während man in den USA den Begriff derzeit überhaupt meidet und lieber von „Energieüberfluss“ spricht. Die Realität ist jedoch: Energie ist das Betriebssystem und das Fundament des Ökosystems unserer Zivilisation. Wir sprechen meist nur darüber, was die Zukunft nicht sein soll. Wir führen aber keine inspirierende Debatte mit den Menschen auf der Straße darüber, welche neuen Möglichkeiten ihr Leben verbessern können. Die Energiewende wird zu sehr als Geschichte von Verzicht und Leiden dargestellt.

Sie meinten in Ihrer Keynote auch, es brauche die Aktivierung noch nicht vorhandener Nachfrage…

Es geht darum, Nachfrage als aktiven Gestalter der Energiewende einzubinden, statt nur als deren Folge. Ein Beispiel: Meine 26-jährige Tochter arbeitet in der Modeindustrie und hat per se keinen Bezug zur Energie; aber Branchen wie die Bekleidungsindustrie besitzen reale Stellschrauben. Anstatt nur über Erzeugung, Übertragung und Speicherung zu sprechen und den Endverbraucher zu vernachlässigen, müssen wir in der Energiebranche vom konkreten Nutzen für das tägliche Leben der Menschen aus denken. Wenn Menschen verstehen, wie Energie ihr Leben verbessert, begreifen sie auch deren Wert. Wir brauchen eine Geschichte der Möglichkeiten aus dem Alltag heraus und keine reine Technologie-Story von oben.

Sie sagten in Bezug auf die Energiewende auch: „Moleküle werden bleiben.“ Wie lautet dazu Ihre Prognose?

Selbst wenn wir das Ziel von 50 bis 60 Prozent Elektrifizierung bis 2050 erreichen, bleiben 40 Prozent übrig. Meine Wette gilt sauberen Molekülen – sei es durch CO2-Abscheidung, dekarbonisierte Barrels oder wasserstoffbasierte Treibstoffe. Flüssige und gasförmige Brennstoffe bieten eine Transportfähigkeit, Energiedichte, saisonale Speichermöglichkeit und Flexibilität, die Elektronen und Batterien schlicht nicht haben. Die Zukunft gehört einer Kombination aus Elektronen, Molekülen und Qubits.

Als CEO des World Energy Council haben Sie eine globale Perspektive. Welche Rolle spielen Europa und speziell Österreich in diesem globalen System?

Österreich verfügt mit Initiativen wie dem Verbund X Accelerator über ein starkes Innovations-Ökosystem. Meine Aufgabe besteht darin, solche lokalen Innovatoren auf die globale Bühne zum World Energy Congress zu bringen, damit verschiedene Regionen voneinander lernen können. Verbund X hat Gegenstücke in vielen Ländern. Bottom-up-Initiativen sind hervorragend, aber Bottom-up und Top-down müssen sich treffen, um echte Wirkung zu entfalten.

Zum Abschluss: Wie würden Sie in sehr wenigen Worten die wichtigsten Maßnahmen beschreiben, um die von ihnen skizzierte Vision umzusetzen?

In zwei Begriffen: Energy Literacy und Energy Fluency. Die meisten der neun Milliarden Menschen verstehen das Energiesystem nicht und wissen nicht, woher ihre Energie kommt. Selbst wenn ich in Europa Energieexperten frage, wie viel Energie sie verbrauchen, können es viele nicht beantworten. Wenn wir nicht einmal unseren eigenen Energieverbrauch benennen können – was verwalten wir dann überhaupt?

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