29.04.2026
GASTKOMMENTAR

Zwischen Vertrauen und Täuschung: Das VC-System kippt – und kaum jemand spricht es aus

Gastkommentar von Benjamin Ruschin: Warum das Venture-Capital-System gerade an seinem wichtigsten Fundament kippt – dem Vertrauen.
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Benjamin Ruschin | (c) K.Schiffl

Die Startup-Szene spricht gerne über Innovation, Disruption und Wachstum. Was sie deutlich weniger gerne anspricht: dass ein wachsender Teil des Systems auf geschönten Zahlen, taktischer Intransparenz und bewusst verzerrten Narrativen basiert. Genau dort entsteht der gefährlichste Bruch: nicht im Scheitern von Unternehmen, sondern im Verlust jener Grundprinzipien, auf denen Venture Capital überhaupt erst funktioniert.

Ein System, das Vertrauen voraussetzt – und genau daran scheitert

Venture Capital funktioniert nur unter einer Voraussetzung: Vertrauen. Investoren geben Kapital in Situationen, in denen es kaum belastbare Daten gibt. Sie investieren in Menschen, nicht in Sicherheiten. Dieses Vertrauen ist kein weicher Faktor, sondern die eigentliche Währung des Marktes. Wenn Gründer beginnen, dieses Vertrauen taktisch auszureizen, wird aus einem Hochrisiko-Investment ein strukturell beschädigtes Verhältnis.

Wenn Storytelling zur Täuschung wird

Storytelling ist essenziell für Gründer. Ohne eine starke Vision lässt sich kein Team aufbauen, kein Kapital gewinnen und kein Markt bewegen. Problematisch wird es dort, wo Storytelling nicht mehr erklärt, sondern verschleiert. KPIs werden selektiv dargestellt, Forecasts auf gewünschte Bewertungen hin konstruiert, Risiken weichgezeichnet oder schlicht zu spät kommuniziert. Investoren entscheiden dann nicht mehr auf Basis unternehmerischer Unsicherheit, sondern auf Basis falscher Annahmen.

Das Risiko wird verschoben – aber nicht geteilt

Immer häufiger entstehen Strukturen, in denen Investoren den Großteil des Downside-Risikos tragen, während Gründer ihre persönliche Situation frühzeitig absichern oder ihre Einflussmöglichkeiten taktisch ausbauen. Formal mag vieles davon zulässig sein. Substanziell widerspricht es dem Kern von Venture Capital: gemeinsam getragenes Risiko, gemeinsame Verantwortung und gemeinsame Anreize. Wenn dieses Gleichgewicht kippt, entsteht kein professioneller Markt, sondern ein Spiel asymmetrischer Informationsvorteile.

Frühes De-Risking: Der stille Systembruch

Wenn Gründer frühzeitig signifikante Anteile verkaufen, verschiebt sich die gesamte Anreizstruktur. Der Druck, das Unternehmen wirklich durch schwierige Phasen zu führen, sinkt. Gleichzeitig bleiben Investoren vollständig im Risiko. Das Problem ist nicht jeder Secondary an sich. Das Problem entsteht dort, wo Gründer finanziell bereits aus dem Risiko genommen werden, während das Unternehmen operativ noch weit entfernt von echter Stabilität ist.

Viele dieser Praktiken bewegen sich im rechtlich zulässigen Rahmen. Genau das macht sie so gefährlich. Wenn „gerade noch legal“ zum neuen Standard wird, verschiebt sich die Norm schleichend. Der Markt verliert dann nicht durch einzelne Skandale an Integrität, sondern durch Gewöhnung. Irgendwann wird Verhalten akzeptiert, das zwar vertraglich gedeckt ist, aber dem Geist einer fairen Zusammenarbeit fundamental widerspricht.

Was Gründer verstehen müssen

Transparenz ist keine Option, sondern Pflicht. Fokus ist nicht verhandelbar. Und wer sich zu früh absichert, arbeitet nicht mehr am gleichen Ziel wie seine Investoren. Gründer sollten Probleme nicht verstecken, sondern früh adressieren. Sie sollten Investoren nicht als Gegner betrachten, sondern als Partner, die nur dann sinnvoll helfen können, wenn sie die Realität kennen. Wer Vertrauen nachhaltig beschädigt, verliert nicht nur einen Investor – er verliert seine Reputation im Markt.

Was Investoren endlich lernen müssen

Vertrauen ersetzt keine Due Diligence. Narrative sind kein Investment Case. Und nur weil ein Deal verfügbar ist, heißt das nicht, dass er investierbar ist. Investoren müssen wieder konsequenter prüfen, stärker auf Muster achten und den Mut haben, auch scheinbar attraktive Deals abzulehnen. Bekannte Co-Investoren, professionelle Unterlagen oder ein starker Pitch dürfen nie die eigene Urteilsfähigkeit ersetzen. Die wichtigste Entscheidung ist oft nicht das Investment – sondern der Verzicht darauf.

Was jetzt auf dem Spiel steht

Wenn Vertrauen systematisch ausgehöhlt wird, wird Kapital vorsichtiger, langsamer und selektiver. Prozesse werden härter, Terms restriktiver und junge Unternehmen mit sauberer Arbeit zahlen am Ende den Preis für jene, die das System ausgereizt haben. Das ist die eigentliche Gefahr: Nicht die schlechten Deals verschwinden zuerst, sondern das Vertrauen in gute Gründer wird beschädigt.

Venture Capital funktioniert nur, solange Vertrauen funktioniert. Alles andere ist ein Kartenhaus.


Über den Autor Benjamin Ruschin ist Co-Founder & Executive Chairman von WeAreDevelopers. Über sein Family Office ist er an über 25 Startups und KMU beteiligt.

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Pröll, Länderbericht, Digital
© BKA/Regina Aigner - Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll.

„Nicht der Markt entscheidet über unseren Zugang zu Spitzen-KI, sondern die Erwägungen einer fremden Regierung“, zeigt sich Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll in seinem jüngsten LinkedIn-Posting unzufrieden. Er nimmt dabei auf Beschränkungen der USA gegenüber den KI-Riesen OpenAI und Anthropic Bezug, denen verwehrt wurde, ihre neuesten KI-Modelle auch im Ausland zur Verfügung zu stellen.

Anthropic nach Europa holen

Pröll wendet sich daraufhin mit einer augenscheinlich simplen Lösung an EU-Kommissarin Henna Virkkunen: Anthropic nach Europa holen. „Europa soll prüfen, ob es Anthropic strategisch an sich binden kann – über Ansiedlung und Beteiligung, abgesichert durch Rechtssicherheit, Marktzugang und Kapital, getragen von einer europäischen Werteordnung, die zu diesem Unternehmen passt“, heißt es im Posting konkret.

Eigene Forschung zu stärken und zugleich globale Spitzentechnologie anzuziehen, sei laut Pröll kein Widerspruch. Gegenüber der APA wurden am Sonntag von einem Pressesprecher Prölls die Ziele der Aktion formuliert: Den Standort stärken und digital souveräner werden.

„Wenn ein Brief aus Washington reicht, um die beste KI der Welt abzuschalten“

Anlass für den Vorschlag, Anthropic nach Europa zu holen, war die Sperre von Claude Fable 5, einem der leistungsfähigsten KI-Modelle, für alle Nicht-US-Bürger weltweit. Am 12. Juni erließ das US-Handelsministerium (unter der Trump-Administration) eine weitreichende Exportkontrollrichtlinie. Als Grund wurde explizit die nationale Sicherheit angeführt.

„Man muss kein Technikexperte sein, um zu erkennen, was hier passiert ist: Eine einzige Regierung hat entschieden, wer auf eine Spitzentechnologie zugreifen darf und wer nicht. Kein Vertrag, keine europäische Mitsprache, keine Vorwarnung. Ein Brief – und der Stecker war gezogen“, hielt Pröll zu dieser Zeit in einem anderen LinkedIn-Posting fest. „Es geht nicht um Abschottung und nicht um Misstrauen gegenüber Partnern. Die transatlantische Zusammenarbeit ist und bleibt wertvoll. Aber Partnerschaft auf Augenhöhe setzt voraus, dass man selbst handlungsfähig ist – und nicht von einer einzigen Entscheidung kalt erwischt werden kann“, ergänzt der Staatssekretär.

Constitutional AI

Anthropic gilt neben OpenAI und Google als einer der wichtigsten und einflussreichsten Akteure in der globalen KI-Branche. Anthropic betont in seiner Kommunikation Sicherheit als zentralen Wert und hat eine eigene Verfassung (Constitutional AI), die bei jeder Antwort der KI berücksichtigt wird. Pröll sieht Anthropic in dieser Hinsicht getragen von einer europäischen Wertehaltung und erachtet das Unternehmen daher als idealen strategischen Partner für den digitalen Standort Europa.

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