06.10.2025
FROM SCIENCE TO BUSINESS

Life Sciences: Warum Innovationen einen langen Atem benötigen

In kaum einer Branche ist der Weg von der Idee bis zum marktreifen Produkt so lang wie in den Life Sciences. Die dritte Folge unserer Serie From Science to Business setzt sich mit den besonderen Herausforderungen dieser Branche auseinander.
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Manfred Rieger, Geschäftsführer und Standortleiter Forschung & Entwicklung bei Takeda Österreich, und Christine Bandtlow, Vizerektorin für Forschung und Internationales an der Medizinischen Universität Innsbruck (MUI) | (c) brutkasten

Warum dauert es oft zehn Jahre und Milliardeninvestitionen, bis ein Medikament auf den Markt kommt? Welche Rolle spielen Universitäten und Spin-offs in diesem Prozess? Und welche Stärken und Schwächen hat der Life-Science-Standort Österreich? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der dritten Folge von From Science to Business mit Christine Bandtlow, Vizerektorin für Forschung und Internationales an der Medizinischen Universität Innsbruck (MUI), und Manfred Rieger, Geschäftsführer und Standortleiter Forschung & Entwicklung bei Takeda Österreich.

Die Life-Sciences-Branche ist eines der komplexesten Innovationsfelder überhaupt. Während digitale Geschäftsmodelle innerhalb weniger Monate getestet und skaliert werden können, braucht es in der Medikamentenentwicklung jahrelange Forschung, regulatorische Genehmigungen und hohe Investitionen. Hinzu kommt: Nur ein Bruchteil der Projekte erreicht tatsächlich den Markt. Für Universitäten, Startups und Unternehmen bedeutet das enorme Risiken – aber auch große Chancen, wenn der Durchbruch gelingt.

„Wir rechnen in der Industrie im Schnitt mit zehn Jahren, bis ein Kandidat als Produkt am Markt ist. Und die Erfolgswahrscheinlichkeit liegt ebenfalls bei rund zehn Prozent“, erklärt Manfred Rieger. Wer in den Life Sciences erfolgreich sein will, braucht nicht nur Forschergeist, sondern auch langen Atem, Kapital und strategische Partnerschaften.

Vom Wirkstoff zur Zulassung: Ein langer Weg

Der Weg vom ersten Wirkstoff zur Zulassung gleicht einem Marathon, der in mehreren Etappen absolviert werden muss. Schon die Identifizierung eines Kandidaten dauert Jahre, in denen tausende Substanzen getestet und wieder verworfen werden. Erst wenn sich eine als potenziell wirksam herausstellt, folgt die präklinische und klinische Forschung.

Ist die Präklinik erfolgreich, beginnt die klinische Forschung am Menschen. Sie verläuft in drei Phasen: In Phase 1 wird der Wirkstoff an gesunden Proband:innen getestet, in Phase 2 stehen Dosierung und mögliche Nebenwirkungen im Vordergrund, und in Phase 3 folgen groß angelegte Wirksamkeitsstudien, die oft über Jahre hinweg laufen können. „Das Schlimmste, was passieren kann, ist ein Scheitern in Phase 3. Dann sind schon enorme Ressourcen geflossen“, betont Rieger.

Die Kosten summieren sich auf durchschnittlich 1,5 Milliarden Euro pro Medikament, wenn man auch die gescheiterten Projekte mit einrechnet, da im Schnitt nur rund zehn Prozent Marktreife erlangen. Das erklärt, warum robuste Pipelines und kluge Kooperationsstrategien für Pharmaunternehmen und Startups gleichermaßen entscheidend sind.

Universitäten als Brutstätten für Ideen

Während Konzerne wie Takeda über globale Entwicklungszyklen verfügen, stellt sich an Universitäten die Frage, wie aus wissenschaftlichen Erkenntnissen überhaupt anwendbare Innovationen entstehen können. Für Christine Bandtlow ist klar: Die Grundlagenforschung bleibt eine entscheidende Quelle, doch sie braucht Strukturen, die den Transfer ermöglichen.

An der Medizinischen Universität Innsbruck (MUI) wurde dafür 2024 das MedLifeLab als Innovation Hub und strategische Beteiligungsgesellschaft gegründet. Die 100-Prozent-Tochter versteht sich als Innovationszentrum für translationale Forschung und Spin-offs. Schwerpunkte liegen in den Bereichen personalisierte Medizin, Gen- und Zelltherapien sowie digitale Gesundheit. Ziel ist es, Forschungsergebnisse aus der Universität in Richtung Ausgründung oder Lizenzmodell zu begleiten und dafür mit Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Investoren-Ökosystem zu kooperieren.

v.l. Martin Pacher mit Christine Bandtlow und Manfred Rieger | (c) brutkasten

„Wir prüfen in einer sehr frühen Phase, ob Innovationspotenzial in einem Forschungsprojekt steckt. Forschende kommen mit ihren Ideen, manchmal noch sehr unausgereift. Dann arbeiten Expert:innen im MedLifeLab mit ihnen zusammen und es geht in eine Konsolidierungsphase“, erklärt Bandtlow.

In dieser Phase wird entschieden, ob der Weg Richtung Lizenzverwertung oder Richtung Ausgründung führt. Geht es in Richtung Spin-off, stehen Teambuilding, Business Development und Investorensuche im Vordergrund. Für die Forschenden bedeutet das auch einen Perspektivenwechsel. „Wir wollen zeigen, dass es auch eine andere Karriereschiene gibt: Ausgründungen, Startups, Unternehmertum“, betont Bandtlow. Neben der klassischen akademischen Laufbahn mit Publikationen, Habilitation und Professur eröffnet sich damit ein alternativer Weg: die Rolle als Gründer:in, Unternehmer:in oder Teil eines Startup-Teams, das wissenschaftliche Ergebnisse in marktfähige Produkte überführt.

Das MedLifeLab ist dabei auch international vernetzt – etwa mit EU-Forschungsprogrammen und Initiativen wie „Innovative Health Initiative“. Diese Anbindung soll den Innsbrucker Standort stärken und Forscher:innen die Möglichkeit geben, nicht nur lokal, sondern europaweit sichtbar zu werden.

Selbst mit einem funktionierenden Innovationspfad bleibt die Finanzierung eine Achillesferse. Vor allem Frühphasenprojekte haben es schwer, weil die Risiken immens und die Entwicklungszyklen lang sind. „Bei Medizinprodukten ist es leichter, Investoren zu finden. Wenn es aber Richtung biomedizinische Forschung geht, dauert es lange – und damit auch der Ausgründungsprozess“, erklärt Bandtlow.

Kooperationen als Erfolgsfaktor

Kooperationen sind ein weiterer Schlüssel, um Risiken zu minimieren und Entwicklungen zu beschleunigen. Große Unternehmen wie Takeda setzen bewusst auf ein breites Netz an Partnerschaften. „60 Prozent unserer Pipeline wird in Partnerschaften bearbeitet“, berichtet Rieger. „Wir haben rund 180 bis 200 externe Kollaborationen mit Startups, Universitäten und Forschungseinrichtungen.“

Die Modelle reichen von reinen Technologieentwicklungen über wissenschaftliche Kooperationen bis hin zu gemeinsamen Proof-of-Concept-Projekten. Entscheidend sei, dass die Zusammenarbeit funktioniere: „Die Chemie muss stimmen – sowohl mit Kliniken als auch mit Spin-offs.“

Ein Blick auf Takeda in Österreich zeigt, wie umfassend das Unternehmen aufgestellt ist und wie groß das Potenzial für Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen sein kann. Das japanische Biopharma-Unternehmen beschäftigt hierzulande mehr als 4.500 Mitarbeiter:innen und zählt Österreich zu seinen wichtigsten Produktions- und Forschungsstandorten weltweit. In Wien befindet sich, neben Boston (USA) und Shonan (Japan), das größte Forschungs- und Entwicklungszentrum von Takeda in Europa. In Linz betreibt Takeda außerdem einen der größten Produktionsstandorte für biopharmazeutische Wirkstoffe in Europa.

Manfred Rieger | (c) brutkasten

Auch in der klinischen Forschung ist Takeda Österreich stark engagiert. Gemeinsam mit heimischen Partnern wie der MedUni Wien betreibt das Unternehmen Studien, unter anderem zu seltenen Krankheiten wie cTTP, aber auch zu innovativen Therapien. Kooperationen mit der Christian-Doppler-Gesellschaft oder im Rahmen der FFG/COMET-Programme zeigen, wie Industrie und Wissenschaft hier Hand in Hand arbeiten.

Standort Österreich im internationalen Vergleich

Wie gut ist Österreich für die Zukunft der Life Sciences gerüstet? Hier gehen die Einschätzungen von Bandtlow und Rieger ins Detail – und zeigen, wo Chancen und Defizite liegen.

Bandtlow verweist auf neue Rahmenbedingungen aus Brüssel: „Die EU hat mit dem Life-Science-Act 2030 klare Impulse gesetzt. Für Österreich ist das eine Chance. Aber: Klinische Forschung wird von öffentlicher Hand nach wie vor zu wenig unterstützt.“ Zwar gebe es erste Programme, etwa über die Ludwig-Boltzmann- oder die Christian-Doppler-Gesellschaft, doch im internationalen Vergleich sei das Angebot zu klein. „Während in Deutschland oder Frankreich jedes Jahr Dutzende klinische Forschungsgruppen gefördert werden, sind es bei uns nur drei. Das reicht nicht, um nachhaltig eine starke Basis aufzubauen.“

Ein weiteres Problem sieht sie in den Karrierewegen für junge Forscher:innen. „Wir kommen sehr aus dem klassischen akademischen Modell, wo die Professur das höchste Ziel ist. Viele junge Leute wollen aber früher mit ihren Entdeckungen in die Anwendung. Dafür fehlen in Österreich oft die passenden Strukturen und personalrechtlichen Rahmenbedingungen.“

Rieger wiederum betont die Stärken: „Wir brauchen uns ausbildungstechnisch nicht zu verstecken – weder vor den USA noch Japan. Das Niveau ist sehr hoch.“ Zugleich fordert er ein selbstbewussteres Auftreten und bessere Finanzierungsmodelle. „Life Sciences sind kostenintensiv, man kann das nicht mit klassischen Startups vergleichen. Wenn wir wollen, dass mehr Spin-offs entstehen, müssen wir adäquate Modelle entwickeln, die auch Risiken abfedern.“

Besonders wichtig sei für ihn die klinische Forschung: „Jeder Euro, der in klinische Studien investiert wird, bringt zwei Euro für die Volkswirtschaft zurück. Das ist ein Treiber, weil so viel dranhängt. Unternehmen profitieren, Universitäten profitieren, und der Standort insgesamt wird attraktiver.“


Takeaways

  • Sehr gute Ausbildung: Österreichs Hochschulen liefern Spitzenforschung und gut ausgebildete Fachkräfte.
  • Fehlende Finanzierung: Besonders Frühphasenprojekte im biomedizinischen Bereich haben zu wenig Kapitalzugang.
  • Klinische Forschung unterfinanziert: Nur wenige Programme, deutlich weniger als in Deutschland oder Frankreich.
  • Karrieremodelle im Wandel: Forschende sollen künftig leichter zwischen Wissenschaft und Unternehmertum wechseln können.
  • Hoher volkswirtschaftlicher Nutzen: Jeder Euro in klinische Forschung bringt zwei Euro zurück.
  • Chancen durch EU-Rahmen: Life-Science-Act 2030 bietet Rückenwind, muss aber national umgesetzt werden.
  • Mentalität & Selbstbewusstsein: Mehr Unternehmergeist und Mut zum Risiko wären nötig, um internationale Talente anzuziehen.

Diese Themen werden in „From Science to Business“ behandelt:

Folge 1: Status quo der Spin-offs in ÖsterreichStrukturen, Leistungsvereinbarungen, Beteiligungsgesellschaften und Mindset-Veränderungen an Hochschulen.
Folge 2: Von der Idee zum Patent und Spin-offWie Universitäten und Industrie den Transferpfad gestalten, inkl. IP- und Scouting-Prozesse.
Folge 3: Life Sciences im FokusLange Entwicklungszyklen von Medikamenten, hohe Investitionskosten und wie MedLifeLab und Takeda Spin-offs und Innovationen unterstützen.
Folge 4: Finanzierung von DeepTech-Spin-offs (erscheint am 8.10.2025) Herausforderungen langer Entwicklungszyklen, Evergreen-Fonds, Co-Investments und Investorensicht.
Folge 5: Kooperationen als Erfolgsfaktor (erscheint am 15.10.2025)Von der Idee zum globalen Skalieren. Wie Universitäten, Inkubatoren und Industriepartner Innovationen gemeinsam entwickeln.
Folge 6: Gründungsmindset an Hochschulen stärken (erscheint am 22.10..2025)Best Practices, Infrastruktur und Anreizsysteme, um mehr Spin-offs bis 2030 zu ermöglichen.

„From Science to Business“ setzen wir gemeinsam mit unseren Partnern AplusB (Academia plus Business), Austria Wirtschaftsservice (aws), MedLifeLab Innovation Hub (Medizinische Universität Innsbruck), Noctua Science Ventures, JKU – LIT Open Innovation Center (Johannes Kepler Universität Linz), OÖ HightechFonds, Spin-off Austria, Takeda, tecnet equity, The Spinoff Factory (Technische Universität Wien), Universität Innsbruck und WU (Wirtschaftsuniversität Wien) um.

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v.l. Jakob Zenz und Paul Nimmerfall | Foto: EcoNetix

Econetix begründet den Schritt mit der Bedeutung der britischen Hauptstadt für den CO2-Handel. London sei das weltweit bedeutendste Zentrum der CO2-Märkte und neben Genf Heimat der größten Rohstoffhändler und Finanzinstitute. Mit dem neuen Büro positioniere man sich unmittelbar im Ökosystem des wichtigsten Kundensegments, heißt es in der Aussendung.

„London ist der Ort, an dem CO₂-Zertifikate gehandelt, bewertet und strukturiert werden. Wer im regulierten Emissionshandel ernsthaft mitspielen will, muss hier präsent sein. Dieses Büro ist ein konsequenter nächster Schritt, um unsere Beziehungen zur Trading-Community auszubauen und unsere Position als Marktführer weiter zu festigen“, wird Gründer Jakob Zenz zitiert.

Umsatzplus von mehr als 700 Prozent

Laut Econetix folgt die Eröffnung auf ein starkes Wachstumsjahr. Der Umsatz sei im Jahresvergleich um mehr als 700 Prozent gestiegen, absolute Zahlen nennt das Unternehmen in der Aussendung allerdings nicht. Als Treiber führt Econetix drei regulatorische Entwicklungen an, die voneinander zu unterscheiden sind.

  • Erstens CORSIA, das Kompensationssystem der internationalen Luftfahrt: Airlines müssen dort Emissionen oberhalb eines festgelegten Basiswerts mit zugelassenen CO2-Zertifikaten ausgleichen. Das erzeuge laut Econetix eine wachsende, compliance-getriebene Nachfrage.
  • Zweitens das EU-Emissionshandelssystem (EU-ETS), der regulierte CO2-Markt der Europäischen Union. Die Europäische Kommission habe bekräftigt, dass sie CO2-Märkte als zentrales Instrument einer kosteneffizienten Dekarbonisierung betrachte, heißt es in der Aussendung.
  • Drittens internationale Zertifikate nach Artikel 6 des Pariser Abkommens. Hier habe die Kommission Offenheit gegenüber hochwertigen internationalen Zertifikaten auf dem Weg zum Klimaziel 2040 signalisiert. Ob und in welchem Umfang solche Zertifikate in den EU-ETS selbst einfließen sollen, dazu macht die Aussendung keine Angaben.
Die EcoNetix-Gründer in London | (c) EcoNetix

„Wir haben Econetix genau für diesen Moment aufgebaut und unser Wachstum spricht für sich. London verschafft uns die Nähe zu unseren Kunden, die unser Geschäft jetzt erfordert“, so Mitgründer Paul Nimmerfall.

ESC und SK Rapid als Referenzen

Econetix entwickelt und verwaltet nach eigenen Angaben Kohlenstoffprojekte in Afrika, Europa und dem Nahen Osten. Im Vorjahr hatte das Unternehmen seine Seed-Finanzierung auf insgesamt 4,5 Millionen Euro erweitert (brutkasten berichtete). Im März 2026 übernahm Econetix im Auftrag des ORF die CO₂-Bilanzierung und Kompensation beim Eurovision Song Contest (brutkasten berichtete). Seit der Saison 2026/27 ist das Unternehmen zudem offizieller Sustainability Partner von SK Rapid Wien, die Partnerschaft läuft bis 2029/30 (brutkasten berichtete).

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