07.10.2024
KOFFEIN UND BURNOUT

Freshly brewed and overworked: Peter Buchroithner über seine Kaffeesucht

Wie der Startup-Veteran Peter Buchroithner seine Kaffee-Sucht in den Griff bekam und sein Gründerleben umkrempelte.
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Buchroithner, Stardust
Peter Buchroithner sprach mit brutkasten über seinen Kaffee-Konsum (c) Sledgehammer Studio

Dieser Beitrag erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe unseres Printmagazins – “Kettenreaktion”. Eine Downloadmöglichkeit findet sich am Ende des Artikels.


23.257 Tassen. Nein, wir sprechen nicht von der in Österreich monatlich getrunkenen Menge an Kaffee. Auch nicht von der Anzahl jener Tassen, die ein Otto-Normal-Kaffee-Trinker in seinem gesamten Berufsleben hinunterstürzt.

Es geht um jene Zahl an Kaffee-Tassen, die der Serial-Founder Peter Buchroithner insgesamt zwischen den Jahren 2015 und 2021 getrunken hat. An Spitzentagen waren es täglich nämlich bis zu dreizehn Tassen Kaffee in unterschiedlichster Form.

Wohl angemerkt tat Buchroithner dies nicht täglich und schon gar nicht non-stop bis heute, sehr wohl aber in seiner “Swelly-Zeit”, also beim Aufbau seines ersten US-Startups in Los Angeles.

Jeder Mensch weiß, was gut ist. Gesunde Ernährung, Sport und Sonnenlicht. Das kannst du alles machen. Oder du trinkst Kaffee.

Peter Buchroithner, Seriengründer

Heute stuft der Startup-Veteran seinen damaligen Koffein-Überkonsum als schädlich ein. Und setzt einige Schritte, um Konsum, Arbeitspensum und seinen Lebensstil zu regulieren. Kaffee war zwar nicht der ausschlaggebende, aber ein nicht unwesentlicher Grund, warum der in Österreich geborene und heute in Kapstadt lebende Entrepreneur sein Leben umkrempelte. Aber zum Anfang:

Der Founder und Bruder des Vresh-Gründers Klaus Buchroithner ist bekannt für extravagante Projektideen und Startups, die zeitnah nach ihrer Gründung Schlagzeilen schreiben. So auch 2022: Buchroithner startete gemeinsam mit David Pflügl das Unternehmen Orgn Inc. in den USA. Kurz darauf legte man mit der Instant-Kaffee-Marke Stardust los.

Peter Buchroithner (c) Sledgehammer Studio

Das Ziel: Einen Kaffee mit einer geringen Menge Koffein pro Dosis zu kreieren und damit Koffein-Mengen tracken zu können. Und schließlich positive Effekte auf Stress, Schlaf, Wohlbefinden und die körperliche und geistige Gesundheit zu erzielen. Ein Stardust-Kaffee – abgepackt in kleinen Säckchen – enthält nämlich nur etwa 60 Milligramm Koffein und damit nur ein Drittel so viel wie eine Tasse Filterkaffee.

Marke und Produkt genossen positive Resonanz. Schließlich stand der Longevity- und Gesundheitstrend bereits in vollem Gange. Auch heimische Investoren sprangen in den Stardust-Cup: So gewann man unter anderem Business Angel Hansi Hansmann als Anteilseigner, der bereits bei Buchroithners Startup Swelly an Bord gewesen war.

Mittlerweile hat sich Buchroithner operativ von Stardust zurückgezogen. Gut so, denn ein nächstes Projekt steht im Rampenlicht, das dem Gründer – ähnlich wie Stardust – ein persönlich großes Anliegen ist.

Frisch im Frühjahr 2024 gründete Buchroithner das Startup Rakun – zu finden unter rakunfriends.com. Mit der ähnlich benannten App “Rakun Card” hat der Serial Founder einen digitalen Ausweis für spezielle Bedürfnisse entwickelt. Damit soll neurodivergenten Menschen geholfen werden, sich durch stressige Situationen beim Reisen oder im Alltag zu manövrieren und sich bei Bedarf Hilfe von außen zu holen.

Im Lichte der Instant-Kaffee-Marke Stardust soll es in den kommenden Zeilen allerdings um Kaffee gehen. Denn für Buchroithner – selbst erst 2024 mit Autismus und ADHS diagnostiziert – entwickelte sich die Beziehung zu Kaffee zu einer Abhängigkeit, die im Burnout endete. Eine Kombination aus Perfektionismus, körperlicher und geistiger Überlastung sowie dem daraus resultierenden unkontrollierten Kaffeekonsum waren dafür ausschlaggebend.

All das begann im Jahr 2015 – mit der damals frisch gelaunchten App Swelly, mit der Buchroithner ein hochgestecktes Ziel verfolgte: Swelly sollte groß und am besten das nächste Instagram werden. Und dafür tat Buchroithner alles.

Um Druck und Perfektion standzuhalten, trank der Gründer in Hochzeiten seine besagten dreizehn Tassen Kaffee pro Tag. Nicht viel später sagte Buchroithners Körper “Stopp”. 2020 erlitt er ein Burnout. 2022 gründete er nach einer Pause sein Startup Stardust. Mitunter auch als Mittel zur Selbstkontrolle.

Wohl angemerkt sei hierbei: Burnouts passieren nicht des Kaffees wegen oder umgekehrt. Dennoch erkannte der Gründer, dass übermäßiger Kaffeekonsum und die anregende Wirkung des Koffeins zum Kontrollverlust zwischen An- und Entspannungsphasen führten.

Ohne Kaffee hätte es keine industrielle Revolution gegeben.

Peter Buchroithner

Wenn auch Kaffee eigentlich mit der gegenteiligen Intention in unserer Gesellschaft vorgestellt wurde: Das schwarze Gold schaffte es schon deutlich vor der industriellen Revolution – nämlich im Jahr 1554 durch venezianische Kaufleute – nach Europa. Doch es begünstigte eben diese, meint Buchroithner. Ihm zufolge hätte die Industrialisierung ohne Kaffee nämlich nicht in diesem Tempo stattfinden können:

“Ohne Kaffee hätte es keine industrielle Revolution gegeben. Menschen können täglich nicht einfach acht bis zwölf Stunden durcharbeiten. Es braucht einen Energiegeber, ein Stimulans. Und Koffein hat genau diese energiegebende Wirkung, um auch an schlechten Tagen Leistung zu erbringen. Koffein begünstigt Glücksgefühle, Energie und Motivation, damit wir bei der Arbeit bleiben. Es hilft uns zu fokussieren, ja, es ist ein bisschen ein Anti-Depressivum.”

Koffein ist ein bisschen ein Anti-Depressivum.

Peter Buchroithner

Unrecht hat Buchroithner damit nicht. Die anregende Wirkung des gebrühten Energiegebers ergibt sich insofern, als dass das darin enthaltene Koffein den Blutdruck erhöht und den Kreislauf anregt. Dadurch fühlen sich Kaffee-Trinker:innen meistens wacher und energiegeladener. In unserem Gehirn blockiert Koffein außerdem die Rezeptoren des Müde-Macher-Botenstoffs Adenosin. Solange Koffein in diesen Rezeptoren sitzt, fühlen wir uns weniger müde.

Ich kam in der Früh kaum aus dem Bett, aber zumindest zur Kaffeemaschine.

Peter Buchroithner

Von der anregenden Wirkung machte Buchroithner Gebrauch: “In meiner Swelly-Zeit habe ich alles dafür getan, dass ich das körperlich durchhalte. Koffein und Zucker waren unabdingbar. Ich habe diese legalen Substanzen in mich reingehaut, damit ich mehr leisten kann. Ich kam in der Früh kaum aus dem Bett, aber immer zumindest bis zur Kaffeemaschine.”

Auch für Laien lässt sich die von Buchroithner geschilderte Situation als “Überkonsum” einstufen. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die empfohlene Tagesdosis bei maximal 400 Milligramm Koffein – umgerechnet rund vier 125-Milliliter-Tassen Filterkaffee – liegt. Mit dreizehn Tassen und einer Vorliebe für Filterkaffee übertrat der Gründer Grenzen.

Mit fortschreitendem Konsum blieb die stimulierende Wirkung langsam aus. Der Gründer verlor Energie. Denn: Obwohl Koffein den Kreislauf in Schwung bringt und aufputschend wirkt, können sich Kaffee-Trinker:innen an dessen aufputschenden Effekt gewöhnen, ergo: Menschen, die viel Kaffee trinken, brauchen für denselben Effekt auf Dauer mehr.

Ich war so fokussiert auf Leistung, dass ich alles ignoriert habe, was mein Körper mir gesagt hat.

Peter Buchroithner

“Ich war so fokussiert auf Leistung, auf das Schaffen und Weiterbringen, dass ich alles ignoriert habe, was mein Körper mir gesagt hat.” Der Koffeinkonsum eskalierte, Überarbeitung war die Norm. Kopf und Körper waren von der Kombination aus energiegebendem Stimulans und energieraubender Arbeit überlastet.

“Wenn man Mitte bis Ende 20 ist, hält der Körper viel aus. Und wenn man mental stark ist, kann man viele Signale ignorieren. Vor allem mit Substanzen wie Koffein bin ich konstant über diese Barrieren gegangen, die mein Körper eigentlich als Schutzschild aufgebaut hat.” Richtig realisiert habe er seine stetige Überarbeitung allerdings nicht an ihrem Peak, sondern erst ein paar Jahre später.

“Das Problem ist: Jeder Mensch weiß, was gut ist. Nämlich gesunde Ernährung, viel Sport, Sonnenlicht und Pausen. Natürlich kannst du das alles machen, um zu performen. Oder, du trinkst einfach Kaffee. Leute, die faul sind, Stress oder Zeitdruck haben, werden dann wahrscheinlich zum Koffein greifen. Bei mir war damals auch eher letzteres der Fall.”

Damit beschreibt Buchroithner vermutlich einen Zustand, der mehreren Gleichgesinnten bekannt vorkommt: “Viele Gründer wissen ja gar nicht, wie es ihnen geht. Vor allem dann, wenn sie in einer Phase sind, in der sie mit allen Mitteln versuchen, irgendwas weiterzubringen, Deadlines einzuhalten und die ganze Zeit Gas zu geben.” Häufig werde dies mit Stimulanzien wie Kaffee, Zucker oder Energy Drinks kompensiert. Oder dem Griff zu anderen Suchtmitteln wie Nikotin.

Viele Gründer:innen wissen ja gar nicht, wie es ihnen geht.

Peter Buchroithner

Die Folge: Energieschübe mit enorm hohen Schwankungen, oder wie Buchroithner es nennt: “Ein extremes Auf und Ab.”

Im Jahr 2020 zog der Startup-Veteran die Handbremse: Buchroithner wollte aus dem Hamsterrad der Koffeinsucht und Überarbeitung ausbrechen. Um Energie-Schwankungen zu glätten, sich vom Burnout zu erholen und wieder Normalität herzustellen, tat der Gründer genau das, was ihm in die Wiege gelegt wurde: “Wenn mich ein Thema interessiert, dann lerne ich alles darüber – ich kann nicht anders. Und nach meinem Burnout war das Thema meine Gesundheit.”

Buchroithner besuchte folglich “jeden Arzt und Spezialisten, den er finden konnte” und betrieb intensives Fitness- und Schlaftracking. “Mit meinem Team haben wir dann einen Chatbot entwickelt, der meine Fitness- und Schlafdaten auswertet, um mir Gesundheitstipps zu geben.”

Eineinhalb Jahre lang suchte Buchroithner nach dem perfekten Gleichgewicht. Er führte ein Selbstexperiment durch – mit der Erkenntnis: “Schlaf ist das Wichtigste. Nur Schlaf kann dein Immunsystem wieder aufladen. Nur Schlaf kann dir wirklich helfen, wenn du ein Problem hast. Und eine essentielle Rolle im Rahmen der Schlafoptimierung spielt der Kaffeekonsum.”

Nur Schlaf kann dir wirklich helfen, wenn du ein Problem hast.

Peter Buchroithner

Also begann der Gründer mit der Selbstoptimierung. Allen voran: Das richtige Timing der Koffeinzufuhr. “Wir tendieren dazu, unkontrolliert Koffein zu trinken. Oft auch als erstes Getränk am Morgen. Eigentlich sollte man erst etwa 90 Minuten nach dem Aufwachen Koffein konsumieren, weil der Körper sich in dieser Zeit selbst reguliert. Wenn du drei bis vier Tassen Filterkaffee trinkst, hast du bis zu 400 Milligramm Koffein intus. Das baut sich nicht schnell ab, denn Koffein hat eine Halbwertszeit von vier bis acht Stunden. Wenn du also zu spät Kaffee trinkst, bleibt noch eine große Menge an Koffein in deinem Körper, bis du ins Bett gehst. Und das beeinflusst deine Schlafqualität.”

Dabei geht es nicht nur um das Einschlafen: “Melatonin ist unser Schlafhormon. Koffein aber unterbindet dessen Ausschüttung. Und was viele Menschen nicht wissen: Melatonin hilft dir nicht nur beim Ein-, sondern auch beim Durchschlafen. Morgens erinnert man sich meist nicht an die Aufwachphasen in der Nacht, aber mittlerweile weiß man: Je mehr Koffein und je weniger Melatonin in deinem Körper ist, desto öfter wachst du in der Nacht auf, ohne dich daran zu erinnern – und desto erschöpfter bist du am nächsten Morgen.”

Um Situationen wie diese zu vermeiden, entwickelte der Seriengründer routinierte Richtlinien. Eine davon: Nach dem Aufwachen geht es nicht direkt zum Kaffee, sondern zuerst mit Bewegung ins Sonnenlicht. Ist der erste Punkt erledigt, setzt sich der Gründer in seinen Lieblings-Coffee-Shop in Kapstadt und betreibt Journaling. Daneben gibt es eine Tasse Kaffee, aber reguliert:

“Routinen wie diese geben mir Halt im Alltag. Ich zum Beispiel wäre unheimlich gerne Raucher, wenn Zigaretten nicht so schlecht wären. Ich mag das Gefühl von Kontrolliertheit. Und genauso mögen Menschen regelmäßig Koffein. Diese Routine müssen wir regulieren, um von Koffein unabhängig zu werden. Dafür ist Tee super, oder Vitamin-Drinks wie Biogena ONE. Wasser wäre ein guter Ersatz, aber das schmeckt komischerweise vielen Menschen nicht gut genug. Gerade in Österreich ist es ein bisschen zu selbstverständlich, Zugang zu sauberem Trinkwasser zu haben, weshalb es als Ritual nicht wirklich zählt.”

Ich wäre unheimlich gerne Raucher.

Peter Buchroithner

Nach jahrelangem Ausprobieren und Adaptieren hat Buchroithner nun die für ihn optimale Kaffee-Ratio gefunden – als Teil einer Routine: “In der Früh trinke ich eine Tasse von dem, was ich wirklich will. Das ist meistens Filterkaffee. Und dann Decaf oder Stardust – und das ist auch okay für mich. Mein Limit sind vier Tassen am Tag. Und daneben versuche ich, Bewegung so gut es geht in meinen Alltag zu implementieren. Das heißt: drei Mal die Woche Laufen und möglichst 10.000 Schritte am Tag.”

Einer reibungslosen Routine steht allerdings eine Hürde im Weg: Buchroithners ADHS- und Autismus-Diagnose, die er im Jahr 2024 erhielt. Denn Koffein und ADHS vertragen sich, Buchroithner zufolge, eigentlich nicht: “Wenn du ADHS hast, solltest du eigentlich überhaupt kein Koffein zu dir nehmen. Wenn ich Koffein trinke, beruhigt mich das. Also mein Hirn wird nicht schneller, sondern langsamer und fokussierter”, erklärt der Gründer.

“Grundsätzlich könnte man meinen, das ist gut. Aber das ist nicht mein normaler Geisteszustand. Koffein wirkt sich also noch intensiver auf meinen natürlichen Schlafrhythmus aus”, erklärt der Founder und appelliert in dieser Thematik einmal mehr an mehr Achtsamkeit unter Founder:innen:

“Einer von fünf Menschen ist neurodivergent. Unter Gründer:innen sind die Zahlen nochmal massiv höher. Das heißt: Alle, die sehr viel Koffein trinken und glauben, dass sie das zur Konzentration brauchen, sollten sich vielleicht einfach mal die Frage stellen: Warum brauchen sie das wirklich?”

Ich glaube, das Problem, das viele Founder haben, ist Perfektionismus.

Peter Buchroithner

Buchroithners neue Routine hört sich nach einer balancierten Ratio zwischen Bewegung, Sonnenlicht und Koffein an – und schließlich auch nach etwas mehr Achtsamkeit: “Ich glaube, das große Problem, das viele Founder haben, ist Perfektionismus. Entweder wir gehen 90 Minuten laufen oder wir machen gar nichts. Auch schon 15 Minuten leichte Bewegung erzielen einen positiven Effekt auf Körper und Seele. Genauso wie die täglichen 10.000 Schritte. Das Gehen ist Meditation, es regt den Körper an und hält die Herzfrequenz niedrig. Laufen ist gezieltes Training. Und beides in Kombination ist wichtig.”

Peter Buchroithner (c) Sledgehammer Studio

Unverkennbar hat Peter Buchroithner wahrlich eine Achterbahnfahrt hinter sich. Im Interview zeigt sich der Startup-Veteran entspannt lächelnd nach dem zweiten Kaffee des Tages. Er weiß, dass sich Überkonsum nicht lohnt, und die damit einhergehenden Strapazen noch weniger. Schon gar nicht mit Autismus und ADHS:

“Ich bin privilegiert, dass ich mein Leben relativ normal leben kann. Normal ist das Gründerleben zwar nie, aber ich kann sehr viel machen, ich kann mit meinen Problemen ganz gut umgehen. Viele oder die meisten mit ähnlichen Diagnosen können das nicht. Und denen möchte ich – unter anderem mit Rakun – helfen.”

Mit reguliertem Koffein-Konsum, einem routinierten Alltag und einem neuen Startup hat sich Buchroithner ein realistisches Ziel gesteckt, das er balanciert erreichen möchte. Zufrieden lächelnd wirft der Gründer kurz vor Interview-Ende schließlich noch einen Fakt in die Kamera: “Ach ja, und heute steh ich gerade bei zwei Tassen Kaffee: Einen Filterkaffee in der Früh und dann einen Decaf. Und ganz ehrlich: Damit bin ich an den meisten Tagen wirklich happy. Das wäre früher undenkbar gewesen.”

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Innox-Gründer Hans Sailer. (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Wer Innovationsmanagement hört, denkt an Methoden, an Design Thinking, Scouting, Stage Gates. Hans Sailer nennt etwas anderes zuerst: Empathie. Ohne Draht in die Fachabteilungen und in den Vorstand komme man nicht weit, weil dort das Wissen liege. Sailer hat mit Innox ein Netzwerk aufgebaut, in dem sich Innovationsmanager:innen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz austauschen, und dabei beobachtet, wie sich ihre Rolle laufend verändert hat: von Ideenmanagement über Open Innovation bis zum Corporate Venturing.


brutkasten: Was war der ausschlaggebende Grund, Innox zu gründen? Gab es eine Vision oder hat sich das organisch entwickelt?

Hans Sailer: Es hat keine Vision gegeben. Am Anfang war einfach ein Treffen von fünf Firmen, die sich austauschen wollten. Dabei waren A1, Magna, Siemens, Erste Bank und der ÖAMTC. Wir sind von einer Firma zur anderen gefahren und haben uns zum Beispiel angehört: Wie macht Siemens Innovation, welche weltweiten Ideen-Wettbewerbe gab es, was waren die Learnings? Mich hat das persönlich immer interessiert, ich hatte damals kein Geschäftsinteresse. Aus diesen fünf Firmen hat dann jeder gesagt: „Du, ich kenne da noch einen, kann die oder der mitgehen?“ So ist das über die Jahre gewachsen. Ich habe das fast zehn Jahre ohne Geschäftshintergrund gemacht, das war privates Vergnügen. Wir haben sogar eine Reise nach Hamburg gemacht und das Airbus Innovation Lab besucht.

Wann kam der Schritt in die Selbstständigkeit?

Irgendwann hat Casinos Austria gesagt: „Warum machst du dich nicht selbstständig?“ Da habe ich mir gedacht: Jetzt bin ich fünfzig. Wenn ich es jetzt nicht mache, dann mache ich es nie. Also habe ich gekündigt und mich selbstständig gemacht. Und dann ist es richtig losgegangen, weil ich gesehen habe, was passiert, wenn du deine ganze Energie konzentriert in eine Sache legst. Gleichzeitig kam die Pandemie. Ich habe geschaut: Was kann ich einem Innovationsmanager jetzt liefern, was er gut brauchen kann? Wir haben digitale Austausch-Treffen organisiert, bei denen Firmen erzählt haben, welche Plattformen sie verwenden. Und ich habe gesehen: Online erreichst du viel mehr Leute. Da ist es auch in Deutschland losgegangen. Die deutschen Firmen tauschen sich genauso gerne aus wie die Österreicher und die Schweizer.

Was braucht ein guter Innovationsmanager, eine gute Innovationsmanagerin?

Das Wichtigste ist Empathie. Weil er oder sie Zugänge ins ganze Unternehmen braucht, ob zum Vorstand oder in eine Fachabteilung. Wenn man diesen Draht nicht aufbauen kann, wird es ganz schwierig, denn das Know-how liegt in den Fachabteilungen. Eine große Unterscheidung, die man machen muss: Bin ich Innovator:in oder bin ich Innovation Facilitator:in? Das war am Anfang oft stark verschwommen. Die Rolle der Innovationsmanager:innen hat sich seither laufend geändert und ändert sich gerade wieder extrem stark.

Inwiefern?

Als ich angefangen habe, gab es die ganzen Venturing-Bestrebungen noch gar nicht. Venturing ist in großen Firmen in der M&A-Abteilung passiert. Damals ging es in Corporates eher um Ideenmanagement-Plattformen und das Nutzen der internen Intelligenz, bald kam Open Innovation mit allen externen Stakeholdern, dann ist Design Thinking aufgekommen und ein verbessertes Trend- und Foresight-Management. Ab etwa 2015 kam das Venturing dazu, und plötzlich musstest du wissen: Wie kooperiere ich mit einem Startup? Wie bewerte ich ein Startup? Dieses Know-how hat ein Innovationsmanager vorher nie gebraucht. Das war auch für Corporates keine leichte Aufgabe, da ist viel Geld für diese Learnings ausgegeben worden.

Hans und Karin Sailer von Innox im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher. (c) brutkasten / Haris Dervisevic

In dem Zusammenhang fällt oft der Begriff „Innovationstheater“.

Da muss man vorsichtig sein. Natürlich kann man Sichtbarkeit überbetonen, dann ist es Theater. Aber wenn ich nicht sichtbar mache, was meine Innovationsabteilung leistet, werde ich nicht wahrgenommen, und dann arbeiten die Abteilungen auch nicht gerne mit mir. Das ist ein feiner Grat. Wir haben oft erlebt, dass die Sichtbarkeit über externe Medien größer war als intern: Ohne Artikel in einer Zeitung bist du in der eigenen Firma gar nicht aufgefallen. Bei denen, die nie etwas auf die Straße gebracht haben, bin ich beim Vorwurf des Innovationstheaters dabei. Aber das wollte auch nie jemand bewusst.

Wie ordnest du Corporate Venturing in Österreich im Vergleich zu Deutschland ein?

Die Deutschen sind ein bisschen mutiger, haben vielleicht auch mehr Geld und nehmen Dinge als Erste in die Hand. Projekte, die wir bei der Innovationsagentur Hyve in Deutschland gemacht haben, haben wir zwei Jahre später in Österreich umgesetzt. Das Venturing ist dort schneller losgegangen, aber auch bei uns wurde es in einigen Corporates ordentlich aufgezogen. Dass Venturing auch ein Hype war, ist unbestritten, und wie bei jedem Hype gibt es Gewinner und Verlierer. Aber man kann aus heutiger Sicht nicht sagen: Das bringt nichts, das muss zurückgefahren werden. Man muss fragen: Wie gut ist es gemacht worden? Wenn du etwas komplett Neues herausbringst, brauchst du mindestens sieben Jahre, bis du damit etwas verdienst. Diesen langen Atem haben wenige Firmen. Jede Firma muss für sich draufkommen, ob das Vehikel zu ihr passt. Nur weil es bei einer anderen funktioniert hat oder nicht, heißt das nichts für die eigene.

Welchen Stellenwert hat Innovation in der aktuellen Wirtschaftskrise?

Dass Innovation näher ans Kerngeschäft geführt wird, ist sichtbar. In Krisen wird üblicherweise viel zusammengefahren, das hat man in der Pandemie ganz stark gesehen. Aber es kommt der Punkt, an dem alle Firmen sagen: „Ohne Innovation werden wir das nicht schaffen.“ Dann werden Innovationsabteilungen wieder größer aufgestellt, und diese Schwankungen tun mir oft weh. Ganz schlimm ist es, wenn eine Abteilung komplett aufgelöst wird. Dann verlierst du oft die Personen, die die kurzen Wege in die Firma hatten. Bis sich das jemand Neuer wieder erarbeitet hat, vergehen zwei Jahre. Das wird oft übersehen, wenn man zusammenspart. Vorteile durch Innovation erhalte ich dann nicht schnell auf Knopfdruck.

Und welche Rolle spielt KI?

So ein gutes Hilfsmittel hatten wir noch nie. Ich glaube, dass das Innovationsmanagement dadurch gerade wieder eine spannende Rolle bekommt. Die IT ist der technologische Enabler, aber nicht die Abteilung, die für die Transformation sorgt. Innovationsmanager:innen werden in Zukunft Orchestratoren von mehreren KI-Agenten sein: ein Agent für Foresight, einer für Patentprüfungen, einer für Potenzialanalysen. Wofür du früher zwei Wochen oder einen Monat gearbeitet hast, das bekommst du plötzlich in ein paar Minuten. Dann wird die Entscheidungsgeschwindigkeit zum KPI: Wie schnell kann ich mich auf ein Thema festlegen? Innovationsmanager:innen brauchen künftig eine Ahnung von Vibe Coding und davon, wie man KI-Agenten bestmöglich verwendet. Aber genauso muss man wissen, wie die eigene Firma tickt. Nur weil eine neue Technologie kommt, ist sie nicht sofort erfolgreich. Es geht immer mit dem Tempo, in dem du die Transformation machst. KI alleine wird dabei aber auch nicht die eierlegende Wollmilchsau sein. Entscheidend wird das Thema Ownership: Wer schnallt sich Ideen um und läuft die notwendigen Extrameilen, und wie realisiert man sie dann gemeinsam? Da wird es weiter Menschen brauchen, die ihre Firmen gut kennen, Know-how und ein Feingefühl für People-Management haben.

Ihr habt Ende August wieder euer Summercamp veranstaltet, diesmal bei der Austria Wirtschaftsservice (aws) und der FFG. Was ist die Idee hinter dem Format, und was waren heuer die wichtigsten Erkenntnisse?

Das Summercamp dient dem Zweck, sich mit möglichst vielen Innovationsmanager:innen aus anderen Unternehmen und anderen Branchen zu vernetzen, auf die man sonst nicht zugehen würde. Genau dieser Cross-Industry-Austausch ist wichtig, um neue Impulse zu bekommen und Partner für gemeinsame Projekte zu finden. Wir machen das mit interaktiven Übungen zu aktuellen Innovationsthemen, das ist ein bisschen wie zwei Tage intensives Speed-Dating mit ganz viel positiver Energie. Heuer waren wieder knapp 100 Personen dabei, die ihr Wissen teilen und offen über ihre Erfahrungen sprechen. In den Sessions ging es an den Beispielen AVL Creators Co-Lab und Wiener Stadtwerke um erfolgreiche Cross-Industry-Kooperationen, mit dem Lufthansa Innovation Hub um AI Augmented Leadership und mit Miele um Intrapreneurship versus Venture Building. aws und FFG stellten gemeinsam mit Infineon, Bionic Surface und XBC erfolgreiche Förderprojekte vor.

Unsere wichtigste Erkenntnis: Die Zusammenarbeit in Ökosystemen bringt Unternehmen viele Vorteile, dafür braucht es aber das Commitment aller Beteiligten, vor allem des oberen Managements, sowie eine gute Orchestrierung und moderierte Begleitung. Wir haben außerdem gesehen, dass Förderorganisationen Firmen mit ganz unterschiedlichen Services unterstützen, nicht nur mit Finanzierungen. Und KI bringt sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen ins Unternehmen: Was sich das Management vorstellt und was in den Abteilungen tatsächlich möglich ist, liegt in der Praxis oft weit auseinander. Eine wesentliche Aufgabe der Innovationsabteilungen ist es, voranzugehen, gesichertes Wissen aufzubauen, mit der schnellen Entwicklung Schritt zu halten und eine vorteilhafte KI-Nutzung breit in der Firma zu etablieren.

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