10.07.2025
INTERVIEW

Fredrik Debong: „Wenn 1921 One mein einziger Fund wird, ist das ganz okay“

Kürzlich launchte Fredrik Debong den VC 1921. Im Interview erzählt er, warum er in den Venture-Capital-Bereich gegangen ist, wieso der Fonds teils stark rabattierte Investments tätigen kann und weswegen er darauf hofft, dass es bei einem Fonds bleibt.
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Fredrik Debong hat sich auch mit seinem VC-Fonds 1921 der Mission
Fredrik Debong hat sich auch mit seinem VC-Fonds 1921 der Mission "make diabetes suck less" verschrieben | Porträt: (c) 1921 / Hintergrund :(c) Sweet Life via Unsplash

Er war erst Mitgründer von Pioneers, dann von mySugr, dem 2017 der große Exit an den Schweizer Pharma-Riesen Roche gelang. Nach einem weiteren Exit mit dem InsurTech-Startup hi.Health vor wenigen Monaten machte der gebürtige Schwede Fredrik Debong seinen eigenen VC-Fonds publik – brutkasten berichtete. 1921 ist auf Investments in neue Technologien im Zusammenhang mit Typ-1-Diabetes spezialisiert – ein Thema, das Debong, der selbst seit 40 Jahren an der Erkrankung leidet, schon bei mySugr intensiv beschäftigte.

Im brutkasten-Interview erzählt der Neo-Fondsmanager, wie ihn sein Portfolio als Business Angel auf den Fonds brachte, was im Bereich Typ-1-Diabetes technologisch noch zu erwarten ist und warum Startups 1921 Discounts gewähren, damit der Fonds bei ihnen einsteigt.


brutkasten: Du warst bis jetzt als Gründer aktiv, hast drei Startups mit-aufgebaut, hast zwei erfolgreiche Exits geschafft. Warum gehst du jetzt in die Welt des Venture Capital?

Fredrik Debong: Mit dem Exit von mySugr habe ich viel Geld gemacht und habe ziemlich viel davon schon als Business Angel investiert. Ich habe fast 30 Investments gemacht und ich habe es immer genossen. Denn die Welt ist groß. Du kannst nicht selbst an allem arbeiten. Und so kann ich als Angel überall ein bisschen dabei sein und unterstützen, wenn ich gebraucht werde. 

Nachdem hi.Health mature genug war, dass ich gehen konnte – weil ich zurück in den Bereich Diabetes wollte – habe ich mir auch mein Portfolio genauer angeschaut und gesehen: Jesus! Der Befund ist recht gut. Ich habe im Portfolio über 4X (mehr als vierfacher Return on Investment, Anm. d. Red.) während VCs im Durchschnitt auf 2,2X kommen. Und wie sieht’s in den Subsegments aus? Diabetes: 10X. Oh, da mache ich was richtig! Wie wäre es, wenn ich mich darauf fokussiere?

Es macht einfach Sinn. Vor allem jetzt, wo dank AI-Tools in so vielen Bereichen alles für Gründer so viel einfacher und schneller wird. Der Effekt ist, dass Startups weniger Kapital brauchen, und deshalb ihre Investoren nach dem Value Add und nicht nach Fund Size aussuchen können.

Diese Gedanken waren recht einfach. Die Umsetzung war schwieriger. Es hat lange gedauert. Voriges Jahr im März habe ich begonnen, mich tiefer und tiefer in das Thema einzuarbeiten und im September haben wir dann entschieden: Let’s go! Jetzt haben wir ein paar Millionen aufgestellt und die ersten vier Deployments gemacht. Wir sehen sofort die Effekte von unserem Value Add. Mein ganzes Netzwerk in Typ-1-Diabetes und Digital Health und meine Erfahrungen aus Health Economics und Compliance sind eine starke Beschleunigung für die Entwicklung von neuen Firmen, vor allem in der Entwicklung von neuen Technologien für Typ-1-Diabetes. Und das ist genau, was wir haben wollen – als Patienten, als Professionisten und als Investoren.

Es ist aber wohl nicht nur der Return on Invest und dass du deine Expertise gut einbringen kannst, was dich auf 1921 gebracht hat. Du hast schon eine gewisse Leidenschaft für das Thema, oder?

Ja, auf vielen Ebenen. Eine davon ist die Wissenschaft der Diabetologie, sei es medizinisch oder technisch. Das Gebiet ist enorm spannend und es bewegt sich so viel! Zweitens: Die Typ-1-Diabetes-Community ist fantastisch. Du wirst nicht Diabetologe, um reich zu werden. Du wirst Diabetologe, um Leuten wirklich zu helfen. Ich kann mir nicht viele Domänen vorstellen, wo du so schnell so einen großen Impact haben kannst wie hier. Ich lebe selber seit 40 Jahren mit Typ 1 Diabetes; ohne die richtigen Medikamente und die richtige Unterstützung sterben wir. Ich bin also ein bisschen biased und löse teilweise mein eigenes Problem.

Der Name 1921 bezieht sich auf einen wissenschaftlichen Durchbruch: die Isolierung von Insulin, wodurch Typ-1-Diabetes erstmals behandelbar geworden ist. Seitdem ist noch viel weitergegangen…

Da muss ich einen kurzen historischen Rückblick machen. Nachdem das Insulin gekommen ist, haben wir noch mit ziemlich groben Spritzen und blind therapiert. Das heißt, man hat injiziert – und überlebt. Man hatte nicht mehr so starke Symptome, aber man wusste nicht, wie viel Insulin wirklich notwendig war. Man hat aber dazu gelernt und angefangen, Glukose im Urin zu messen. Das konnte man auch als Patient zu Hause machen! Man musste den Urin abkochen und… lassen wir’s. Aber man konnte dann abschätzen wie hoch der Blutzucker in den letzten acht Stunden war.

Dann kamen Blutzuckermessgeräte und modernere Insulin-Präparate, neue Methoden der Berechnung und endlich was einfacheres für unterwegs –  digitale Blutzuckermessgeräte. Mit Glukosesensoren wie Dexcom und Libre von Abbott wurde unser Leben enorm viel einfacher. Ich kann von meinem Sensor sofort ablesen, wie mein Blutzucker ist. Ich kann durch Knopfdruck in einer App eine Injektion absetzen über eine Insulinpumpe in meiner Tasche. Und seit ein paar Jahren verbinden wir diese Systemen in sogenannten Closed-Loops. Mit denen kann ich es automatisch für mich machen lassen. Die Resultate sind beeindruckend – Menschen sind einfach nicht für Diabetesmanagement gemacht.

Ich habe drei Kinder, habe studiert, Firmen bauen können, fast 100 Länder besucht, war passionierter Bergläufer, eines meiner Hobbys ist freitauchen. Mit Typ-1-Diabetes? Bist du narrisch? Das geht doch nicht! Doch, wenn man sich gut auskennt, dann geht das.

Aber: Ich bin weiß, Mann, lebe in Österreich. Und ich weiß ein paar Sachen über Diabetes. Ich habe wirklich Glück, dass ich Zugang zu den Cutting-Edge-Technologien habe und weiß, wie ich sie einsetze. Nicht so in Bangladesch: Da lebst du 40 Jahre kürzer mit Typ-1-Diabetes. Diabetes ist in vielen Teilen der Welt noch ein Todesurteil. Sogar in Ungarn, das nur 100 Kilometer entfernt ist, sind sie weit weg von dem Standard, den wir in Österreich haben.

Und was ist technologisch noch an weiterem Potenzial da? Was ist in den nächsten Jahren zu erwarten?

Wenn ich jetzt die Bleeding-Edge-Technologien betrachte, die aktuell noch in den Laboren stecken, gibt es noch sehr viel Potenzial. Da kommen AI-getriebene Control-Loop-Systeme,  Keton-Sensoren, bessere Insulin-Typen, nicht invasive Glukose-Messung. Auch Prävention, weil wir langsam verstanden haben, was es braucht, damit Leute nicht Typ-1-Diabetes bekommen. Und sogar die Heilung von Typ-1-Diabetes. Es gibt die ersten Studien, wo sie es geschafft haben. Das wird natürlich noch 10, 20 Jahre brauchen. Und es gibt noch viel mehr!

Aber jetzt zoomen wir aus der EU, den USA und wohlhabenden Ländern heraus – da wird es still. Denn all das was ich verwenden kann ist teuer. Auch eine potentielle Heilung wird zuerst nur für wenige da sein. Wenn du ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 300 Euro hast, kannst du dir nicht einmal Insulin leisten.

Es werden aber Insulintypen entwickelt, die man günstig lokal produzieren kann. Ich kenne zwei Firmen, die Low-Cost-Insulinpumpen entwickeln, sodass sie die Welt versorgen können und nicht nur die EU und die USA. Auch Sensoren werden in den nächsten Jahren für weniger als ein Euro hergestellt und geliefert werden können. Es gibt also Hoffnung, dass unsere Cutting-Edge-Technologie normal wird – auch außerhalb der wohlhabenden Länder.

Und jetzt haben wir durch 1921 die Möglichkeit, überall unterstützen zu können und dort zu investieren, wo wir Potenzial sehen und beschleunigen wollen. Das ist doch der Sinn von Venture Capital – eine gute Veränderung zu beschleunigen, und auch davon zu profitieren. Der beste Aspekt des Kapitalismus.

Du hast jetzt einiges an Technologien aufgezählt. Aber gibt es auch viele Startups im Feld? Was hast du für einen Dealflow mit 1921?

Ich habe vor ein paar Monaten auf LinkedIn gepostet, dass ich an 1921.vc arbeite. Ich habe in der ersten Woche über 60 Submissions bekommen, wo Leute mir über LinkedIn, E-Mail, Facebook oder was auch immer geschrieben haben. Von denen waren etwa 40 im Scope, ich habe mich für zwei davon entschieden. Jetzt bin ich gerade zurück aus Chicago, wo der American Diabetes Association Congress stattgefunden hat. Dort habe ich zwölf weitere Firmen getroffen, die schon ein bisschen weiter fortgeschritten sind, ohne überhaupt danach zu suchen.

Dann haben wir die glückliche Lage, dass ich ein Insider bin. Wenn jemand in diesem Feld eine Idee hat, bin ich oft einer der ersten Ansprechpartner. Ich sehe neue Konzepte wirklich sehr früh. Und das ist nur der direkt auf Typ 1 bezogene Bereich. Es gibt aber eine ganze Reihe von Folgeerscheinungen und mit Diabetes verbundenen Krankheiten. Wir sterben nicht an Typ-1-Diabetes, sondern an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nieren-Erkrankungen, neurologischen Erkrankungen. Also investiere ich dort auch. Wir haben mit 1921.vc schon ein Investment in ein Cardio-Startup gemacht.

Wenn ich nur auf Typ-1-Diabetes fokussieren würde, dann wäre es ein adressierbarer Markt von etwa 80 Milliarden US-Dollar. Aber mit eng verwobenen Neben- und Folgeerscheinungen sind es 1,6 Trilliarden.

Du hast gerade gesagt, dass viele der Unternehmen, die du jetzt in Chicago kennengelernt hast, schon sehr fortgeschritten sind. Du hast bislang noch kein konkretes Volumen von 1921 kommuniziert, weil das Fundraising ja auch noch läuft. Aber könntet ihr bei Later-Stage-Startups überhaupt einsteigen?

Da viele Limited Partners (LPs) noch im Closing sind, kommuniziere ich nicht, wie groß das First Closing war. Aber unser Target beim Fondsvolumen ist mini: Wir machen nur zehn Millionen. 1921 wird also enorm selektiv sein, um großen Mehrwert zu liefern. 

Da gehen sich dann ja nicht sehr viele Investments aus und auch nicht sehr große…

Ja, so ist es. Wir investieren das Kapital aus dem ersten Fonds in neue Firmen über zwei Jahre, danach Support und Follow-on. Auf der Webpage steht ziemlich transparent, wie du selbst einschätzen kannst, ob dein Startup ein Fit ist oder nicht. Ich hätte mir das als Gründer so gewünscht – das hätte vieles einfacher gemacht. Ich hätte nicht monatelang in Diskussionen verschwendet mit zu großen oder zu kleinen VCs.

1921 ist jedenfalls ein Early Stage Fund. Wir investieren zwischen 200.000 Euro First Money bis zu 1,5 Millionen Euro bei Follower-Tickets in Series-A-Companies. Ich habe jetzt schon zwei Series-A-Companies im Portfolio, wo wir um die 500.000 Euro investiert haben. Ich hätte gerne mehr gemacht, aber we do what we can.

Wir bekommen bei den Later-Stage-Companies auch oft Discounts, sodass wir einsteigen können – unser Mehrwert ist es wert. Und es ist nicht so, dass wir darum betteln. Das war eine Überraschung für mich. Jetzt verhandle ich etwa gerade mit einer Company, die ziemlich mature ist und schon eine ziemlich hohe Valuation hat. Sie gehen bereits die Series B an und wir bekommen fast 70 Prozent Rabatt, um zu joinen. Zuerst habe ich nur gefragt: Ernsthaft?

Du hast im Gespräch bereits mehrmals die LPs erwähnt. Kannst du mehr darüber erzählen? Woher kommt das Kapital von 1921?

Das eine sind Privatpersonen, die meistens irgendwie mit Typ 1 in Kontakt sind oder verstehen, dass die Spezialisierung in diesem Gebiet hilft. Wenn nicht, sind sie nicht meine Investoren. Das zweite sind Fund of Funds, die auch verstehen, was Spezialisierung in so einem DeepTech-Gebiet wie unserem bedeutet. Wir werden unseren LPs ein bisschen später im Jahr mehr Öffentlichkeit geben können. Große LPs zu bekommen ist jedenfalls ein sehr, sehr, sehr harter Prozess – auch dazu später mehr.

Zum Abschluss: Du hast vorhin gesagt, dass es auch eine Aussicht darauf gibt, dass Typ-1-Diabetes irgendwann einmal tatsächlich heilbar wird. Wie fühlt sich diese Aussicht für dich an? Und wird 1921 dann obsolet?

Das kann ich aus drei verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Als Patient: Herrlich! Als Professionist: Wow, das können wir noch beschleunigen! Und als Investor: Zeig mir, welche Firmen das sind – da sind wir dabei! Und dann können wir helfen. Ich glaube, VC ist ein Beschleuniger vom Bleeding Edge ins Cutting Edge. Das ist der Auftrag. Wenn 1921 One mein einziger Fund wird, weil wir eine Heilung haben, ist das ganz okay. Die Welt ist groß. Dann gibt es vielleicht keinen 1921 Two… Hoffen wir, dass es so sein wird!

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brutkasten hat Paul Blaguss zum Interview getroffen | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Das Wiener Familienunternehmen Blaguss hat zwölf batterieelektrische Reisebusse in den Regelbetrieb genommen und zählt damit zu den ersten Anbietern Österreichs, die E-Fahrzeuge im Reise- und Linienverkehr einsetzen. Geschäftsführer Paul Blaguss, der in seinem Berufsleben über 2.500 Busse gekauft und verkauft hat, spricht im brutkasten-Interview über die Wahl des chinesischen Herstellers Yutong, über ein hartes Zeugnis für die europäische Industrie und die EU-Industriepolitik, über Millioneninvestitionen in Lade- und Energieinfrastruktur und darüber, warum die Zukunft der Mobilität für ihn elektrisch, digital und perspektivisch autonom ist. Ein Gespräch über Standortfragen, Startup-Beteiligungen und die Frage, wann der letzte Buslenker in Pension geht.

Blaguss hat 2024 und 2025 einen zweistelligen Millionenbetrag in die Elektrifizierung der Flotte investiert. Was war der ausschlaggebende Grund?

Überall dort, wo es technologisch und produktseitig schon so weit ist, hat die Elektromobilität deutliche Vorteile gegenüber herkömmlichen Antrieben. Das fängt bei ganz banalen Dingen an: Standklimaanlage und Standheizung. Wenn ein Bus in der Nacht bei 40 Grad auf den Fahrer wartet, ist er vorgekühlt, ohne dass ein Motor läuft. Dazu kommt, dass wir in Österreich sehr viel Strom aus erneuerbarer Energie gewinnen, das hat einen enormen Impact. Für mich ist hundertprozentig klar, dass Elektromobilität die Zukunft ist.

Paul Blaguss am Firmengelände im 23. Bezirk vor einem der neuen batterieelektrischen Reisebuss | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Sie haben sich für den chinesischen Hersteller Yutong entschieden. Hätten Sie lieber europäisch gekauft?

Natürlich. Wir sind seit Jahren einer der Top-drei-, vier-Kunden von Daimlers Premiummarke Setra, ich kenne dort sämtliche Entwickler und den Vorstand, und wir finden die Produkte hervorragend. Aber Mercedes und MAN können heute keinen elektrischen Reisebus liefern, MAN kommt nächstes Jahr, Mercedes erst um 2030. Wir haben weltweit den Markt erkundet und sind relativ schnell in China gelandet, dort haben wir uns fünf, sechs, sieben Hersteller angesehen. Yutong erfüllt unsere Anforderungen an Qualität, Ausstattung, Erfahrung und Mindset am besten, das Fahrzeug hat eine Batteriegarantie von 15 Jahren für 1,5 Millionen Kilometer. Davon ist das, was Deutschland anbieten wird, meilenweit entfernt. Ich habe schon 2015 in Entwicklungsgesprächen gesagt, dass das kommt, das wollte man nicht hören. Die europäische Industrie ist nicht rechtzeitig auf diesen Zug aufgesprungen, das hat man schlicht verschlafen. Wasserstoff spielt im Pkw übrigens keine Rolle und im Busbereich höchstens im Fernverkehr, der Antrieb der Zukunft ist elektrisch.

Wie blicken Sie auf die Debatte rund um „Made in Europe“ und die Standortpolitik?

Made in Europe ist wichtig, wir brauchen Wertschöpfung in Österreich und in Europa. Ich finde es auch in Ordnung, ausländische Produzenten zu einer gewissen Wertschöpfung in Europa zu verpflichten. Die wesentlichen Komponenten dieses chinesischen Busses kommen ohnehin aus deutscher Industrie, da sind Bosch und ZF Friedrichshafen drinnen. Die Mobilitäts- und Industriepolitik der EU sehe ich in einigen Punkten durchaus kritisch. Man kann nicht den Import seltener Erden erschweren und gleichzeitig glauben, bei der Batterietechnologie aufzuholen. Wir können Batterien zu 99 Prozent recyceln, aber dann muss man die Voraussetzungen schaffen, dass hier wirklich geforscht werden darf, bis hinunter zu den nötigen Rohstoffen. In den vergangenen Jahren war die politische Linie zur Elektromobilität, sowohl auf Ebene der Bundesregierung als auch der EU, nicht immer konsistent. Aus meiner Sicht braucht es hier mehr Planbarkeit, Verlässlichkeit und Konsequenz.

Technologieoffenheit ist in dieser Debatte zu einem echten Buzzword geworden. Grundsätzlich ist diese Offenheit natürlich wichtig. Gleichzeitig sprechen die aktuellen Entwicklungen ganz klar dafür, dass die Elektromobilität im Pkw- und Busbereich die Zukunft ist.

Zwölf E-Reisebusse des chinesischen Herstellers Yutong hat Blaguss in den Regelbetrieb genommen | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Parallel investieren Sie massiv in die Energieinfrastruktur. Was bedeutet das konkret?

Wir hatten am Standort ursprünglich rund 150 bis 200 kW Anschlussleistung, die haben wir auf 1,2 Megawatt versechsfacht. Die Photovoltaik haben wir in mehreren Etappen auf rund 235 kWp ausgebaut und dazu einen Batteriespeicher von 1,5 Megawatt gebaut, um am Spotmarkt besser agieren zu können. In der Nacht ist Strom günstiger, im Sommer fallen die Preise zwischen 10 und 15 Uhr bei Sonnenschein teilweise sogar ins Negative. Dann ist es sinnvoll einzuspeisen, und wenn die Busse zurückkommen, laden wir sie entsprechend. Das ist auch eine Antwort auf die Dieselpreise jenseits der zwei Euro: In Österreich produzieren wir rund 80 Prozent unseres Stroms erneuerbar, würden wir alle Pkw umstellen, bräuchten wir zehn Prozent mehr Strom, die Busse und Lkw noch einmal fünf bis sechs Prozent. Das ist machbar.

500 Kilometer Reichweite: Wo sind aktuell die Grenzen?

Wir haben das gesamte Jahr 2024 analysiert und kommen zu dem Schluss, dass wir 95 Prozent aller Fahrten elektrisch durchführen können, die Reichweite schätzen wir sogar eher über 550 Kilometer. Acht dieser Busse werden schrittweise Linien in Bratislava bedienen, das sind Fahrzeuge mit 200.000 bis 250.000 Kilometern im Jahr. Beim Song Contest hatten wir das erste große Event, das wir mehrheitlich elektrisch gefahren sind. Das Feedback von Fahrern und Kunden ist hervorragend, der Kunde merkt den Unterschied gar nicht, außer dass es ruhiger ist.

brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher im Gespräch mit Paul Blaguss über E-Mobilität, Energieinfrastruktur und autonomes Fahren | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Blaguss investiert auch in Startups. Mit welcher Motivation?

Vor rund neun Jahren, als die Elektromobilität noch sehr stiefmütterlich behandelt wurde und kein Hersteller sie wirklich wollte, haben wir mit VIBE begonnen. VIBE kann elektrische Großflotten managen und servicieren, das wird relevant, wenn etwa Uber mit einer autonomen Flotte nach Wien kommt: Die haben bisher Taxiunternehmen gemanagt, aber nie ein eigenes Auto, das kann VIBE. Taxi, Sharing und Firmenflotten wachsen zu einer Dienstleistung zusammen, und diese Learnings, etwa was Ladekapazität betrifft, fließen direkt in unser Kerngeschäft. Andere Beteiligungen liegen entlang unserer Wertschöpfungskette, sehr viel im Tourismus und Entertainment: Vienna Pass, immersive Shows, Virtual-Reality-Projekte, der Donauturm, das Johann-Strauß-Museum, zuletzt ein KI-Chatbot für die Hotellerie. Es muss reinpassen: Mobilität, Tourismus oder Entertainment.

Welches Innovationsthema beschäftigt Sie als Nächstes?

Das ganze Thema autonomes Fahren. Technisch ist es möglich, und ich mache mir Sorgen, dass wir eine ähnliche Verzögerung erleben wie bei der Elektromobilität. Wir sollten sehr schnell großflächig testen und selbst lernen, was diese Systeme können und was nicht, natürlich extrem abgesichert. Unser Infrastrukturminister ist sich dessen bewusst und geht in die richtige Richtung. Wir haben durch die Personalkostenentwicklung der letzten fünf Jahre rund 20 Prozent gegenüber Deutschland verloren, das erhöht den Druck enorm. Um gewisse Serviceleistungen hochzuhalten, werden wir in autonome Systeme gehen, etwa auf der letzten Meile oder bei Taxisystemen. Auch hier muss die europäische Automobilindustrie aufpassen, dass sie nicht hinten nachsteht, es kann nicht sein, dass das nur Teslas, Waymos und Baidus sind.

Abschließend: Wann erleben wir die letzten Buslenker in Österreich?

Das wird noch sehr lange dauern. Im Reisebus wollen wir den Lenker gar nicht ersetzen, er ist Begleiter und Manager der Reise und Ansprechperson für logistische Themen, ich möchte nicht, dass diese Dienstleistung zu unpersönlich wird, denn gerade dieser persönliche Kontakt macht einen wesentlichen Teil unseres Services aus. Auch im öffentlichen Nahverkehr werden wir den Buslenker noch lange sehen, weil wir viel zu viele Änderungen haben, Staus, Baustellen, Umleitungen. Im Pkw wird das autonome Fahren deutlich schneller kommen. Dass Reisebusse ohne Fahrer fahren, werde ich aber nicht mehr erleben.

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