27.10.2023

Französisches Startup zum AI Act: “Wir wollen nur die gleichen Möglichkeiten wie die Amerikaner”

Der Mitgünder des französischen AI Startups Mistral AI sieht Gefahren in zu hohem bürokratischen Aufwand, an dem europäische KI-Startups zerbrechen könnten.
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EU
Foto: Adobe Stock

Mistral AI wurde im Juni dieses Jahres bekannt als jenes Startup, das sich nur vier Wochen nach Gründung und ohne Produkt ein 105 Millionen Euro schweres Investment ergatterte (brutkasten berichtete). Als KI-Startup hat sich die französische Jungfirma zum Ziel gesetzt, ein ChatGPT-ähnliches KI-Sprachmodell für europäische Unternehmen zu entwickeln.

Nun könnte das Geschäftsmodell des französischen Startups – genauso wie jenes vieler anderer europäischen AI-Tech-Unternehmen – bröckeln. Der Grund ist kein geringerer als der sich in Entstehung befindende AI Act der Europäischen Union.

AI Act-Praxistest fiel mager aus

An dem geplanten Richtsrahmen gibt es schon länger Kritik von europäischen Expert:innen. Beispielsweise durchzog Thomas Burri, Experte für EU- und Völkerrecht der Universität St. Gallen in der Schweiz, das Unionsgesetz in spe einem Praxis-Stresstest.

“Jedes Team hatte die Aufgabe, die KI-Verordnung (AI Act) zu nehmen und auf eine Reihe von sehr unterschiedlichen KI-Anwendungen anzuwenden”, erklärt Burri im brutkasten-Interview im September. Das allgemeine Testergebnis war kein geringeres als ein Mangel an Umsetzungsfähigkeit: “Mit dem AI Act sähen wir Unsicherheit bei genau den Leuten, auf die wir unsere Zukunft bauen wollen. Ich habe grundlegende Zweifel, ob das aus der Policy-Making-Perspektive so klug ist”, so Burri.

Mangel an Ressourcen bremst KI-Startups

„Startups haben tendenziell eine technische Perspektive. Sie überlegen sich nicht, was menschliche Aufsicht eigentlich bedeutet. Sie sagen: Wenn irgendwas nicht läuft, setze ich mich an den Computer und schaue den Code an“, meinte HSG-Professor Burri.

Zur Einhaltung des AI Acts seien allerdings detaillierte Risikoanalysen notwendig, die Startup-Technicker:innen so nicht gewohnt seien, meint der Experte. Insofern sei es für Startups von große Bedeutung, sich vorab zu überlegen, welche Änderungen der AI Act für das jeweilige Unternehmen und dessen Prozesse bringen könnte.

Mistral AI: Schmaler Grad zwischen Zusammenbruch und Wachstum

Ähnlich geringe Zuversicht besteht aktuell beim französischen AI-Startup Mistral AI. Cédric O, ein ehemaliger französischer Regierungsminister, ist Mitgründer des in Paris anässigen Unternehmens und leitet die Öffentlichkeitsarbeit des Startups. Ihm zufolge bestehe eine 50-prozentige Chance, dass Mistral AI an den Regelungen des AI Actes zerbrechen könnte. Zusätzlich bestünden einige Grauzonen, die sich – abhängig von der finalen Form des KI-Unionsgesetzes – das Wachsen oder Zusammenbrechen des Startups bewirken könnte.

In Europa fehlen KI-Champions

Der AI Act befindet sich bereits seit vier Jahren in Verhandlungen. Angepeilt wird, dass der Rechtsrahmen bis Ende des Jahres verabschiedet wird. Zuletzt gab es jedoch auch Anzeichen, dass sich der Beschluss weiter verzögern könnte. Die neue Verordnung stelle jedenfalls als erste ihrer Art kritische Anforderungen an KI-Unternehmen, deren genutzte KI als “hochriskant” eingestuft wird. Zu risikobehafteten Sachverhalten zählen unter anderem die Berichterstattung über Daten und Algorithmen sowie der Einsatz leistungsstarker KI-Grundlagenmodelle. Unter letzteres fällt auch das französische Startup Mistral AI.

Bürokratie, die bremst?

Kurzum würde der AI Act enorme bürokratische Belastungen für betroffene Unternehmen hervorrufen. Etwaig betroffene Unternehmen vermuten eine Verlangsamung der KI-Innovation in Europa, heißt es in einem Bericht des Magazins Sifted. Europäische Startups würden, O zufolge, nicht an genügend Ressourcen für Bürokratie und Rechtsgeschäfte verfügen, um den Anforderungen der EU gerecht zu werden – bzw. würde dies das Fortschreiten der KI-Innovation unseres Kontinents verlangsamen.

Cédric O meint in diesem Zusammenhang: Das Hauptproblem liege nicht in der Regulierung, sondern in der Tatsache, dass “in der digitalen Welt die führenden Unternehmen den Standard setzen, und Europa hat keine führenden Unternehmen”. O appelliert, sich auf EU-Ebene auf das Hervorbringen europäischer Global Player am KI-Markt zu konzentrieren.

“Wir wollen die gleichen Freiheiten”

Die Rede sei dabei nicht von “keiner Regulierung”, so O, sondern von einer ausgeprägten technischen Souveränität. “Wir wollen nur die gleichen Möglichkeiten wie die Amerikaner”, meint Cédric O in Vertretung des französischen AI-Startups. “Wenn wir die gleichen Freiheiten haben, können wir konkurrieren”, meint der ehemalige Minister im Gespräch mit dem britischen Medienunternehmen Stifted.

„Wenn die Last, die auf den Schultern des Anbieters des Gründungsmodells lastet, sowohl aus bürokratischer als auch aus haftungsrechtlicher Sicht zu schwer ist, könnte das das Ende von Mistral bedeuten”, meint der Mistral-Vertreter.

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Das Verenas-Team mit Gründerin Verena Nairz-Kapferer (3. v.r.). © Verenas

Die Ursprungsidee für Verenas entstand krisenbedingt: Während des ersten Corona-Lockdowns 2020 entwickelte Verena Nairz-Kapferer im eigenen Innsbrucker Café haltbare Rezepturen, um den Betrieb abzusichern. Was als Initiative für Café-Gäste begann, wird nun zum eigenständigen Geschäftsmodell. Im November 2026 gründen Verena Nairz-Kapferer und Jürgen Nairz eine eigene GmbH, um das Produktangebot im B2B-Bereich überregional zu skalieren.

Prozesssicherheit statt Spezialzutaten

Im Zentrum der Vertriebsstrategie steht der Premium-Gastrogroßhandel, über den Hotels, Cafés und Restaurants flächendeckend beliefert werden sollen. Aus mehr als 60 praxiserprobten Rezepturen konzentriert sich das Unternehmen für Großküchen auf rund 20 Varianten. Der wirtschaftliche Hebel liegt laut dem Gründungsteam dabei nicht nur beim Wareneinsatz von 0,80 bis 1,20 Euro pro fertig gebackener Portion. Standardisierte Mischungen reduzieren insbesondere den Arbeits- und Lageraufwand für Betriebe, die keine eigenen Spezialzutaten vorhalten wollen.

„Für einen Gastronomiebetrieb zählt nicht nur, was eine Portion an Zutaten kostet. Entscheidend sind auch Arbeitszeit, Einfachheit, Prozesssicherheit und eine Qualität, die unabhängig davon funktioniert, wer den Kuchen gerade zubereitet“, erklärt Jürgen Nairz, der den Vertriebsaufbau verantwortet.

Getrennte Produktion für Glutenfrei-Zertifizierung

Verena Nairz-Kapferer arbeitete ursprünglich im sozialen Bereich und verkaufte samstags selbst gebackene Kuchen. © Verenas

Die Backmischungen sind rein pflanzlich sowie zu großen Teilen zusätzlich glutenfrei formuliert. „Ich wollte nie einen Kuchen entwickeln, bei dem jemand sagt: Für vegan oder glutenfrei schmeckt der aber gut“, betont Produktentwicklerin Verena Nairz-Kapferer.

Um die geforderten Qualitätsstandards im B2B-Geschäft sicherzustellen, trennt das Startup laut eigenen Angaben die Fertigung. Vegane Varianten sollen ab November 2026 in einem Partnerbetrieb nahe Graz abgefüllt werden. Die glutenfreien Mischungen verbleiben in einer separaten Innsbrucker Produktionsstätte, um Kreuzkontaminationen auszuschließen. Damit bereitet sich das Unternehmen auf die Zertifizierung mit dem Glutenfrei-Symbol vor.

Absatzziel: 40.000 Einheiten im Jahr 2027

Flankiert von einem B2C-Onlineshop mit vorerst sieben Sorten setzt das Unternehmen auf wiederkehrende B2B-Bestellungen. Für das Geschäftsjahr 2027 peilt Verenas ein Absatzvolumen von rund 40.000 Einheiten an. Gespräche mit weiteren Partnern im Gastrogroßhandel laufen laut den Gründer:innen bereits, um die Distribution im kommenden Jahr überregional auszubauen.

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