08.09.2021

Fizz: US-Fintech mit Wiener Cofounder schließt nach Y-Combinator-Teilnahme Seedrunde ab

Der Wiener Harvard-Student Moritz Pail ist einer der Gründer des Fintechs Fizz. Das Startup schaffte es in den renommierten kalifornischen Accelator Y Combinator. Demnächst soll eine größere Seedrunde verkündet werden.
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Die Fizz-Cofounder Scott Smith, Moritz Pail, Carlo Köbe
Die Fizz-Cofounder Scott Smith, Moritz Pail, Carlo Köbe | Foto: © Fizz

Der Wiener Moritz Pail studierte eigentlich in Harvard – aber es hat ihn mittlerweile noch weiter nach Westen verschlagen. Gemeinsam mit Scott Smith und Carlo Köbe hat er das Startup Fizz mit Sitz in San Francisco gegründet. Das Ziel: Studierenden zu helfen, ihre Kreditwürdigkeit zu verbessern. Damit hat es das Unternehmen in den renomierten Startup-Accelerator Y Combinator geschafft, der sich an Jungunternehmen in der Seed-Phase richtet.

Im Zuge dessen hat Fizz auch eine größere Seedrunde abgeschlossen, die Details werden allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt kommuniziert. Der brutkasten hat den Fizz-Cofounder und Chief Technology Officer (CTO) des Startups in San Francisco erreicht und mit ihm über den aktuellen Stand bei Fizz und die Zukunftspläne des Jungunternehmens gesprochen.

brutkasten: Kannst du Fizz kurz vorstellen – was macht ihr genau?

Moritz Pail: Wir bauen eine Debitkarte für Studenten in den USA, die es ihnen ermöglicht, einfach einen Kreditscore aufzubauen. Ein Kreditscore ist ein Zahlenwert, der die Kreditwürdigkeit einer Person repräsentiert. Dieser Zahlenwert kann zwischen 300 und 850 liegen, wobei 300 einen sehr schlechten und 850 einen perfekten Wert darstellt.

Warum ist der Kreditscore wichtig? Kurz gesagt, macht ein guter Kreditscore dein Leben einfacher und billiger. In den USA wird der Kreditscore für unterschiedliche Dinge genutzt. Willst du eine Hypothek auf dein Haus aufnehmen, entscheidet dein Kreditscore darüber, über du eine bekommst oder nicht. Für die Festlegung von Zinssätzen, also welche Raten ich bekomme, um meine Hypothek zurückzuzahlen oder meine Studienkredite zu refinanzieren, wird ebenfalls der Kreditscore heranzogen. Dann spielt er eine Rolle bei der Festsetzung der Limits, die ich erhalte, wenn ich eine Kreditkarte habe. Er ist aber ebenso wichtig bei der Vergabe von Versicherungen oder Versicherungsprämien. Auch wenn ich Wohnung mieten will, schaut sich der Vermieter den Kreditscore an und entscheidet dann basierend darauf, ob ich sie bekomme oder nicht.

Das Problem dabei ist, dass man etwas in einem Dilemma steckt: Auf der einen Seite braucht man einen Kreditscore, um einen Kreditkarte zu bekommen und auf der anderen Seite brauchst du eine Kreditkarte, um einen Kreditscore aufzubauen. Umgehen kann man das eigentlich nur, wenn man zum Beispiel Eltern hat, die dafür bürgen – mit ihrem Kredit-Score oder mit Geld. Oder indem man selber eine relativ hohe Kaution hinterlegt.

Als ich in die USA gekommen bin zum studieren, habe ich mir angeschaut, ob ich mir eine Kreditkarte nehmen kann und hätte in meinem Fall eine Kaution von fast 2.000 Dollar hinterlegen müssen. Meine Eltern konnten nicht bürgen, weil sie selber keinen Kreditscore oder ein Konto in den USA hatten. Um das zu umgehen, haben wir Fizz gebaut, das Studenten ermöglicht, einfach einen Kreditscore aufzubauen.

Und wie hilft Fizz beim Aufbau des Kreditscores?

Fizz funktioniert folgendermaßen: Nachdem du dich mit deinem Smartphone angemeldet hast – das geht in fünf Minuten und komplett mobil – kannst du dein Girokonto verbinden. Basierend auf dem Kontostand auf deinem Girokonto vergeben wir dynamisch ein Kreditlimit. Dieses Kreditlimit kannst du ganz normal nutzen wie bei jeder anderen Karte auch, um deine Einkäufe über den Tag zu bezahlen. Das Geld dafür kommt aus diesem Kreditrahmen, den wir dir geben. Wir strecken das Geld also vor.

Am Ende des Tages kommt der Betrag, den du ausgegeben hast, automatisch auf unser Konto zurück, wir machen einen Transfer. Am Ende des Monats nehmen wir all diese Tageskredite und reporten diese an die Kredit-Ratingagenturen zusammen als einen Kredit, der vollständig von dir zurückgezahlt wurde. Und das hilft eben, eine Kredithistorie aufzubauen und deinen Kreditscore zu verbessern.

Was ist euer Geschäftsmodell?

Unser Geschäftsmodell funktioniert wie bei anderen Karten auch über Interchange. Bei jedem Einkauf, den du tätigst, bekommen wir einen bestimmten Prozentsatz, dafür, dass wir die Transaktion mit unserer Karte ermöglichen.

Wie weit seid ihr zum jetzigen Zeitpunkt?

Wir haben diesen Sommer begonnen, das Produkt zu bauen. Wir haben derzeit eine App, die wir noch intern testen. Dann launchen wir unsere erste App diesen Oktober an zwei Uni-Campussen in den USA, das ist einerseits Harvard und dann noch Ann Arbour in Michigan.

Gerade haben wir unsere Seed-Fundingraising-Runde geschlossen. Das war jetzt das große Thema der letzten Wochen. Wir haben damit Y Combinator beendet, der endet traditionell immer mit einem Demo Day. Das ist ein Tag, an dem alle Startups, die am Y Combinator teilnehmen, pitchen und mit Investoren über Fundraising sprechen. Das haben wir gerade abgeschlossen und jetzt ist unser Fokus voll auf die Produktentwicklung und den Launch.

Was kannst du zu der Seed-Runde sagen?

Wir haben jetzt eine erste Seed-Runde abgeschlossen, davor haben wir während des Y Combinators schon eine Pre-Seed-Runde oder Pre-Demo-Day-Runde, wie sie nennen, abgeschlossen. Wir haben viele prominente Angels an Bord, werden die Runde aber erst später ankündigen.

Wie waren eure Erfahrungen bei Y Combinator?

Y Combinator hat dieses Jahr leider komplett online stattgefunden. Normalerweise findet das Programm in Kalifornien in Mountain View statt. Wie kann man sich das vorstellen? Das läuft drei Monate lang und es gibt Programmpunkte begleitend zu dem, was man mit seinem Startup macht. Sie unterteilen Startups in Gruppen, damit man zusammenpasst. Wir waren zum Beispiel in der Fintech-Gruppe.

Dann lernt man jede Woche über bestimmte Themen und man kann auch mit den YC-Partnern, das sind Investoren, reden. Da gibt es es Office Hours, das sind 1:1-Gespräche. Die sind sehr hilfreich, weil man so direktes Feedback bekommen kann und Fragen rund um Fundraising oder Produktentwicklung stellen kann.

Und für Fizz hast du dann dein Studium in Harvard unterbrochen?

Genau. Nachdem ich in Harvard begonnen habe zu studieren, hatten wir nach ungefähr einem Jahr Covid und der Campus wurde evakuiert. Wir wurden nachhause geschickt, um das Semester fertig zu machen. Ich hab das Semester also online fertig gemacht. Ich wollte dann aber nicht weiter Onlinekurse belegen an der Uni. Deshalb hab ich mich dazu entschieden zu pausieren und dann in erster Linie zu arbeiten.

Ich hab währenddessen mit meinen Cofoundern Scott und Carlo an ein paar Ideen gearbeitet, die jetzt zu Fizz geworden sind. Nachdem wir in den Y Combinator aufgenommen worden sind, habe ich mich dazu entschieden, das Studium weiter zu pausieren, um mich voll auf unser Startup zu konzentrieren.

Fizz richtet sich an Studentinnen und Studenten. Wollt ihr langfristig darüber hinaus gehen und die Zielgruppe verbreitern?

Ja, absolut. Unsere Mission ist es, die Bank für unsere Generation zu werden. Eine Studie von a16z hat herausgefunden, dass nur 8 Prozent unserer Generation den Banken vertrauen. Wir wollen mit Fizz eine Bank aufbauen, der unsere Generation vertraut.

Plant ihr mittelfristig eine Expansion über die USA hinaus?

Unser Fokus ist erstmal klar auf den USA. Hier herrscht das Problem mit den Kreditscores am stärken und deshalb ist jetzt kurz- und mittelfristig vor allem die USA im Fokus.

Fintech boomt gerade. Wie siehst du die Entwicklung in diesem Bereich?

Fintech ist ein unglaublich spannender Bereich. Bevor ich selber in den Fintech-Bereich gegangen bin, hab ich mir gedacht, Fintech ist schon zu 90 Prozent entwickelt. Jetzt weiß ich, dass noch unglaublich viel zu bauen ist. Und es ist einfacher denn je, ein Fintech zu starten. Man kann auf der Infrastruktur aufbauen, die in den letzten zehn Jahren entwickelt worden ist und es uns auch erlaubt hat, in einer unglaublich schnellen Zeit von weniger als sechs Monaten zu launchen.

Moritz Pail in der neuen Folge des brutkasten-Podcasts „Editor’s Choice“:

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Martina Egger, Director Country Management Österreich bei Redcare Pharmacy (Shop-Apotheke.at) |(c) brutkasten / Haris Dervisevic

Redcare Pharmacy ist Europas führende Online-Apotheke und tritt in Österreich unter Shop-Apotheke.at auf. Die Gruppe setzte 2025 rund 2,9 Mrd. Euro um, ein Plus von 24 Prozent, und zählt europaweit über 14,2 Millionen aktive Kund:innen. Laut Handelsverband war das Unternehmen zuletzt der drittgrößte Onlineshop des Landes, nach Amazon und Zalando. Ein zentrales Geschäftsfeld bleibt hierzulande aber verschlossen: Der Versand rezeptpflichtiger Medikamente, in acht EU-Ländern längst erlaubt, ist in Österreich verboten.

Für dieses Thema steht bei Redcare Martina Egger. Die gebürtige Deutsche wurde in der heimischen Startup-Szene als Mitgründerin von Pluz Care bekannt, einer Plattform, die rezeptfreie Medikamente gemeinsam mit lokalen Apotheken nach Hause lieferte. Nach dem Aus des Startups holte sie Redcare Pharmacy als Director Country Management Österreich, unter der Bedingung, unternehmerisch frei agieren zu können.

Im Gespräch mit brutkasten plädiert Egger offen für eine Liberalisierung des Rx-Versands und verweist auf eine von Redcare beauftragte EcoAustria-Studie, die ein volkswirtschaftliches Potenzial im dreistelligen Millionenbereich sieht. Sie erklärt, warum sie kein Apothekensterben fürchtet, wie das Unternehmen Beratung digital abbildet und welche Rolle KI-Agenten künftig spielen sollen.


brutkasten: Du hast Pluz Care mitgegründet, das später in Liquidation übernommen wurde. Was hat dich zu Redcare gebracht?

Ich bin dem Thema treu geblieben. Pluz Care wollte Medikamente binnen einer Stunde nach Hause bringen, in Österreich aber nur rezeptfreie. Als die Finanzierung scheiterte – zwei Due-Diligence-Runden durch, dann geplatzt – hat mich Shop-Apotheke als Country Managerin geholt. Meine Bedingung war, unternehmerisch frei handeln zu können. Heute kann ich viel mehr an der Sache arbeiten als zur Startup-Zeit, in der ich vor allem am Fundraisen war.

brutkasten: Wie entwickelt sich Redcare in Österreich?

Konkrete Österreich-Zahlen nennen wir als börsennotiertes Unternehmen nicht, wir berichten auf Group Level. Aber laut Handelsverband waren wir zuletzt der drittgrößte Onlineshop des Landes, nach Amazon und Zalando. Wir gewinnen weiter eine fünfstellige Zahl neuer Kund:innen pro Monat. Den größten Mehrwert sehen die ländlichen Regionen, dort wird die Online-Bestellung von Medikamenten am stärksten angenommen.

brutkasten: Der Versand rezeptpflichtiger Medikamente ist in Österreich verboten. Warum?

Pharmazeutisch gibt es keinen Grund, der gegen den Rx-Versand spricht. In Deutschland gibt es ihn seit 25 Jahren, in der Schweiz ist er erlaubt. In Skandinavien sind Online-Apotheken bereits lange etabliert. Shop-Apotheke ist eine echte Apotheke, die denselben Regularien unterliegt wie jede andere in Europa. Dass es das Verbot in Österreich gibt, ist eine Frage des politischen Willens. Ähnlich wie bei der Notariatskammer geht es um den Schutz bestehender Strukturen.

brutkasten: Führt der Onlineversand zum Apothekensterben?

In Österreich nicht, im Gegenteil, die Zahl der Apotheken steigt. Das deutsche Problem liegt an der schwierigen Nachfolge und an schließenden Arztpraxen. In Startup-Sprache: Der Arzt ist der Lead Generator für die Apotheke, fällt er weg, ist der Sales Funnel done. Die Dimension ist ohnehin überschaubar: In Deutschland liegt der Online-Anteil am Rx-Geschäft bei fast zwei Prozent, in Märkten mit langer Erfahrung wie Schweden bei etwa 20 Prozent.

Martina Egger im Gespräch mit brutkasten | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

brutkasten: Wie versucht ihr, das zu ändern?

Wir sprechen uns seit rund einem Jahr offen für die Rx-Liberalisierung aus, auch im Austausch mit der Apothekerkammer. Eine von uns beauftragte EcoAustria-Studie hat das volkswirtschaftliche Potenzial einer Öffnung berechnet, etwa durch ersparte Wege, herausgekommen ist ein Betrag im dreistelligen Millionenbereich. Auf EU-Ebene erwarte ich viel, gleichzeitig liegt die Entscheidung bei den Mitgliedstaaten. Wichtig ist das hybride Modell: Niemand wird gezwungen, aber wer in Vorarlberg 30 Kilometer zur nächsten Apotheke hat, soll die Option bekommen.

brutkasten: Eine Online-Apotheke verschickt also nicht nur Pakete?

Nein, wir sind eine Apotheke und müssen beraten. Der durchschnittliche Rx-Kunde in Deutschland ist über 60, entsprechend hoch ist die Zahl unserer meist telefonischen Beratungsgespräche. Jede Bestellung durchläuft einen Wechselwirkungscheck, das Vier-Augen-Prinzip bilden wir digital ab. Erkennt das System eine Wechselwirkung, nehmen wir Kontakt auf, notfalls auch zum Arzt.

brutkasten: Wo setzt ihr auf KI?

KI nutzen wir, wo es geht, viel im Hintergrund, etwa im Pricing. Eine eigene AI-Unit beschäftigt sich mit Conversational Commerce. Wir tracken auch schon den Traffic über ChatGPT, der ist noch nicht relevant, steigt aber leicht.

brutkasten: Wo wollt ihr wachsen, und ist Amazon Pharmacy eine Gefahr?

Wachsen wollen wir in allen Bestandsmärkten, neue Markteintritte sind derzeit kein Thema, wir schauen uns aber immer potenzielle Märkte an. Der Fokus liegt klar auf dem Kerngeschäft. Amazon Pharmacy sehe ich nicht als unmittelbare Bedrohung, der US-Markt funktioniert so anders, dass sich die Modelle kaum vergleichen lassen.

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