21.12.2023

Female Funding: Der große Gap zur Gleichberechtigung

Neun von zehn investierten Euros fließen in rein männliche Gründungsteams und 95 Prozent der Business Angels sind Männer. Drei Gründerinnen erzählen, wie es ihnen mit dem Gender Funding Gap geht.
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Sophie Bolzer von Audvice (c) Audvice | Katharina Herzog von money:care (c) Julia Oberhauser | Anna Greil von uptraded (c) uptraded

Dieser Artikel erschien zuerst in unserem neuen Printmagazin in der Ausgabe Dez/2023. Mehr darüber könnt ihr hier erfahren.

Anzug, Krawatte und frisches Kapital für mein Startup: ein Szenario, das den Gründerinnen Österreichs sehr oft vorenthalten wird. Hierzulande werden Finanzierungsrunden nämlich fast ausschließlich von Männern getragen, und deren frisches Kapital wandert ebenso fast ausschließlich in die Geldbörsen rein männlicher Gründungsteams – ein nachgewiesenes Phänomen mit dem Namen „Female Funding Gap“.

Der Begriff besagt, dass Female Startups, also Jungunternehmen mit rein weiblichen oder diversen Gründungsteams, weniger Investments bekommen als rein männliche. Davon können die Länder der EU, und leider auch Österreich, ein Lied singen: Zwar zählt Österreich im EU-Vergleich die verhältnismäßig meisten Female Startups (39 Prozent laut ASM 2022, S. 10); dennoch ist der österreichische Venture-Capital-Markt männlich dominiert.

„Seit 2010 ist die Zahl der Female Startups in der EU um 64 Prozent gestiegen. Das ist großartig, da auch mehrere Studien zeigen, dass Female Startups einen weit höheren Return on Investment als rein männliche Startups erreichen. Die in unserem Report dokumentierten Performanceunterschiede liegen je nach Entwicklungsphase zwischen 25 und 250 Prozent“, sagt Monique Schlömmer, Head of Operations am WU Entrepreneurship Center. Schlömmer ist Co-Autorin des letzten Female Startup & Investing Reports des WU Gründungszentrums und selbst als Researcher am Institut für Entrepreneurship & Innovation der WU Wien tätig.

Nur jeder neunte investierte Euro geht an ein Female Startup.

Monique Schlömmer, Head of Operations des WU Entrepreneurship Centers
Monique Schlömmer (c) WU Vienna

Die Expertin weiß auch, dass für Female Startups hierzulande wenig Kapital übrig bleibt: „Obwohl die Anzahl der Female Startups in der EU und in Österreich stark ansteigt, gibt es einen Geschlechter Gap, wenn es um den Erwerb von Risikokapital geht. Die Chancen, Venture Capital zu erhalten, sind zwar für Female und Male Startups fast gleich hoch – nämlich 44 und 46 Prozent – dennoch sehen wir im tatsächlich investierten Volumen einen großen Unterschied. Nur jeder neunte investierte Euro geht an ein Female Startup.“

Der Gender Funding Gap ist in den letzten Jahren größer geworden: 2022 flossen nur elf Prozent des EU-weit zur Verfügung stehenden Risikolkapitals in Female Startups; 2010 waren es noch 15 Prozent. Ähnliche Ergebnisse zeigt der Female Startup Funding Index der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) aus diesem Frühjahr: Fast 90 Prozent des bundesweiten Finanzierungsvolumens gingen in rein männliche Gründungsteams.

Die Männer-Frage

Schlömmer zufolge kann es dafür mehrere Gründe geben. Zwei davon sind der Überschuss an Männern in der VC-Szene und ein unbewusster Gender Bias. Beides äußert sich in heimischen Finanzierungsrunden unter anderem durch geschlechterdiskriminierende Fragestellungen. „Investoren reagieren und fragen anders, je nachdem, ob ein Female Startup oder ein rein männliches Gründungsteam vor ihnen sitzt“, erklärt Schlömmer.

„Es gibt zwei Fragetypen in VC-Runden: promotion-focused und prevention-focused questions. Erstere drücken Interesse und Vertrauen an der geplanten Umsetzung aus. Zweitere, also prevention-focused questions, drängen ihr Gegenüber in eine eher defensive Haltung“, so die Expertin.

Dem jüngsten WU-Report zufolge bekommen rein männliche Gründungsteams eher promotion-focused-Fragen gestellt, während Frauenteams viel eher in defensive Positionen gedrängt werden. „Außerdem sind Investorinnen in Österreich sehr rar gesät“, führt die Expertin weiter aus – ganze 95 Prozent der österreichischen Business Angels sind nämlich Männer; auf EU-Ebene sind es 87 Prozent.

„Hinzu kommt noch der sogenannte Similarity Bias: Gleich und Gleich gesellt sich gern“, sagt Schlömmer. Dieser Bias besagt nichts anderes, als dass Menschen gerne in Menschen investieren, mit denen sie sich identifizieren. Investor:innen stecken ihr Kapital also gerne in jüngere, charakterähnliche Versionen ihrer selbst. Da rund 80 Prozent der EU-weiten VC-Runden von rein männlichen Partnerteams geführt werden, lässt sich die Schlussfolgerung schon erkennen, ohne sie aussprechen zu müssen: Frauen bleibt das Kapital weg.

Drei Gründerinnen erzählen

Wie es drei Gründerinnen mit dieser Situation am Venture-Capital-Markt geht? Sophie Bolzer, Katharina Herzog und Anna Greil berichten von ihren nicht ganz übereinstimmenden Erfahrungen in der Gründungs- und Funding-Phase, klären Gerüchte und reden Klartext über Fragetypen und den Gender Bias unserer Gesellschaft.


Sophie Bolzer von Audvice

Sophie Bolzer, CEO von Audvice
(c) Audvice

Die Salzburgerin Sophie Bolzer hat im August 2018 ihr Startup Audvice gegründet, mit dem sie ein internes Podcasting-Tool für Unternehmen mit dezentralen Teams entwickelt. „Ich komme aus einer Familie, in der Selbstständigkeit ein großes Thema war“, sagt sie. Während des Studiums wurde ihr klar: „Ich will mein eigenes Team leiten. Ich wusste aber: Will ich das als Frau in einem Konzern machen, dauert das ewig. Ich wollte keine Nummer sein und meine Ideen auch wirklich umsetzen – also habe ich mein Startup gegründet.“

brutkasten: Wie war die Funding- und Gründungsphase für dich?

Sophie Bolzer: Um ehrlich zu sein: Das erste Investment zu bekommen ist das Schwierigste. Obwohl der Anfang schwer war, war ich schon in der Pre-Seed-Phase der Meinung: Lieber Smart Money als Geld um jeden Preis.

Meine erste Angel-Investorin war Heike Thiele. Das war damals auch ihr erstes Startup-Investment, und sie meinte zu mir: „Du taugst mir, ich investiere, egal wer noch dabei ist.“ So etwas hatte ich bis dahin noch nicht erlebt.

Alle anderen Angel-Investoren meinten bis dato, sie warten lieber, bis ich noch andere an Bord habe. Heike hat den Bann gebrochen, den Anfang gemacht und nach ihrem Investment haben auch andere Investoren nachgezogen – und auch bei ihnen bin ich mit einem durchwegs respektvollen Umgang konfrontiert worden.

Lieber Smart Money als Geld um jeden Preis.

Sophie Bolzer von Audvice

Der Female Startup & Investing Report der WU sagt: Frauen werden in Gesprächen mit Investoren eher in defensive Positionen gedrängt. Wie stehst du dazu?

Bolzer: Grundsätzlich habe ich eine ähnliche Erfahrung mit Venture-Capital-Unternehmen gemacht: Die ersten Gespräche mit Investmentmanagern oder Analysts laufen ja meist sehr unpersönlich ab; da geht es primär darum, Zahlen, Daten und Fakten abzufragen. Oft hatte ich das Gefühl, dass ich schon eher negativ konnotierte Fragen gestellt bekomme. Das kann aber auch an der Datengetriebenheit der Erstgespräche liegen.

Was mir allerdings in Gesprächen mit Business Angels aufgefallen ist: Männer und Frauen hatten ganz andere Fragestellungen für mich parat. So fragte mich Heike etwa, wie mein soziales Umfeld aussieht – sie wollte also wissen: Bin ich sozial stabil genug, um ein eigenes Unternehmen aufzubauen? Das hat andere Investoren gar nicht interessiert.

Was sind deiner Meinung nach die Ursachen für den Gender Funding Gap?

Bolzer: Ein großer Punkt ist der Gender Bias in unserer Gesellschaft. Im Endeffekt bevorzugen wir das, womit wir uns am ehesten identifizieren, ob bewusst oder unterbewusst. Die Venture-CapitalSzene ist nun mal voll mit Männern, da ist es klar, dass die sich eher mit jungen Gründern als mit Gründerinnen – oder zumindest mit bestimmten Charakterzügen – identifizieren und dementsprechend investieren. Gleichermaßen neigen Frauen dazu, eher in Frauen zu investieren. Leider gibt es weit weniger weibliche als männliche Investoren, weshalb weniger oft in Frauen investiert wird.

Dazu kommt noch, dass es weniger Gründerinnen als Gründer gibt. Ich glaube, ein Grund dafür ist, dass Frauen meistens einfach anders erzogen werden und weit seltener beruflich erfolgreiche und ambitionierte weibliche Role Models haben, mit denen sie sich identifizieren können. Klar kann man versuchen, als Individuum in Kindergarten, Schule und Uni diese Gender-Stereotype aufzubrechen, aber im Endeffekt liegt ein Großteil der Prägung ganz stark im Elternhaus.

Ich habe den Vorteil gehabt, dass meine Mama selbstständig war und eine ganz besondere Vorbildwirkung für mich hatte. Meine Eltern haben mir beide immer das Gefühl gegeben, dass es in dem, was ich erreichen kann, kein Limit gibt. Sie haben mich immer dazu ermutigt, es einfach mal zu probieren.

Inwiefern bist du in deiner Gründungs- und Fundraising-Phase mit Gender Biases konfrontiert worden?

Bolzer: Ich habe Audvice ursprünglich mit einem CoFounder gegründet, ich war CEO und er CTO. Ich erinnere mich an ein Angel-Investor-Gespräch, bei dem klassische CEO-Fragen allerdings immer erst an ihn gerichtet wurden, selbst nachdem die Rollenverteilung klar war. Auch bei Veranstaltungen wurde bei Fragen die Aufmerksamkeit auto matisch zuerst auf ihn gerichtet.

Neben männlichen Co-Foundern muss man als Frau seine Position leider extra betonen und immer wieder erneut klarstellen, dass man „die“ CEO ist, was natürlich oft frustrierend ist. „Frau CEO“ ist offensichtlich noch nicht in den Köpfen der Leute angekommen. Das fängt meiner Meinung nach bereits bei der Kindererziehung an – und hat viel damit zu tun, welche Rollenbilder wir schon früh vermitteln.

Was würdest du ändern, um den aktuellen Female Funding Gap zu schließen?

Bolzer: Ich glaube, wir brauchen weit mehr weibliche Business Angels und weibliche Partnerinnen in Venture-Capital-Funds. Genauso wie Männer dazu tendieren, in Männer zu investieren, neigen Frauen dazu, in Frauen zu investieren. Haben wir mehr Investorinnen, werden wir auch automatisch mehr Investments in frauengeführte Startups sehen.

Auf der anderen Seite brauchen wir mehr Frauen, die sich zutrauen, zu gründen und ein Unternehmen aufzubauen. Zum Gründen braucht es immer Mut, und den sollten wir nicht nur Männern, sondern auch Frauen von klein auf antrainieren.

Hattest du je Zweifel in deiner Fundraising-Phase?

Bolzer: Ich hatte nie das Gefühl, dass ich es nicht kann, weil ich eine Frau bin. Wenn mir etwas nicht gelungen ist, ist mir nie mein Geschlecht als Grund in den Sinn gekommen. Meine ersten Fundraising-Versuche waren definitiv auch nicht erfolgreich.

Meine Erkenntnis daraus war, dass ich besser verstehen muss, wie Investorinnen und Investoren ticken, was sie sich erwarten und wie sie Investment-Entscheidungen treffen. Wenn man das versteht, muss man es nur noch schaffen, sein ganzes Selbstbewusstsein auf Knopfdruck auszupacken, was man definitiv üben kann. Das lege ich jedem und jeder ans Herz, egal ob Mann oder Frau.


Katharina Herzog von money:care

Katharina Herzog von money:care
(c) Julia Oberhauser

Eine weitere Female-Stimme aus der Startup-Szene ist Katharina Herzog. Sie ist CEO und Co-Founderin von money:care, einer KI-gestützten Plattform für nachhaltiges Investieren. Ende Oktober hat die Unternehmerin die Beta-Version ihrer Plattform mit ihren Co-Foundern Timo Nothdurft und Ulrich Penitz gelauncht, die GmbH-Gründung erfolgte bereits im Sommer.

Ihre Startup-Idee verfolgte Katharina mit ihren Kollegen schon länger. „Zusammen zu gründen ist wie eine Eheschließung – das Team muss passen“, sagt die Gründerin mit einem Augenzwinkern, bevor sie von ihrer Gründungsphase erzählt.

brutkasten: Wie war die Funding- und Gründungsphase für dich?

Katharina Herzog: Unsere Anknüpfungspunkte waren Förderungen, Inkubatoren und Acceleratoren. Dort kam ich auch das erste Mal in Kontakt mit Geldgebenden, und dabei hatte ich schon ein bisschen das Gefühl, in einer Bubble zu sein. Wir waren unter anderem beim Social Impact Award und im Impact Hub Vienna; dort waren gefühlt überdurchschnittlich viele gemischte und diverse Gründungsteams. Auch beim Hightech-Inkubator INiTS sucht man jetzt aktiv danach – es war ein Bonus, wenn man als gemischtes Team gegründet hat.

Bist du bei der Gründung oder bei Förderprogrammen mit Gender Biases konfrontiert worden?

Herzog: Das ist schwer zu sagen und immer sehr subjektiv. Wenn wir jetzt an Finanzierungsrunden denken, dann sind da oft einfach drei Dudes auf dem Foto, die Millionen geraist haben. Man weiß aber nie: Was steckt wirklich dahinter?

Ich hatte schon ein paarmal das Gefühl, dass die Tatsache, dass ich eine Frau bin und im Fintech- und Nachhaltigkeitsbereich tätig bin, in Gesprächen mit Investoren mehr Fragen und eventuell auch mehr Zweifel aufwirft. Das kann aber auch am Inhaltlichen liegen, also an dem außergewöhnlichen Geschäftszweck, den wir mit money:care verfolgen.

Das Gründen als Frau ist einfach eine andere Reise als bei Männern – vielleicht auch ein bisschen herausfordernder.

Katharina Herzog, CEO von money:care

Wie waren Gespräche mit Investor:innen für dich als Female Founder?

Herzog: Wir wollen ein Startup sein, das nach gendergerechten Prinzipien lebt, das Frauen an die Spitze bringt. Uns war das allen von Anfang an klar. In Gesprächen mit Investor:innen habe ich dann gemerkt, dass sich ein Bild abzeichnet: Mit männlichen Investoren habe ich eine andere Gesprächsdynamik vernommen als mit Frauen. Das war nicht per se ein Hindernis, aber ein ganz anderes Gefühl.

In Gesprächen mit Investorinnen ging es sehr um uns als Personen, um die Menschen und die Idee, nicht so sehr aber um das Ausfragen. Ich hatte das Gefühl, ich konnte mit weiblichen Investorinnen mehr ich selbst und selbstbewusster sein – und ich habe mich öfter gesehen gefühlt.

Was sind deiner Meinung nach Ursachen für die Gender-Unterschiede im Gründen und Investieren?

Herzog: Ich glaube, ein Riesenfaktor ist dieses „Sich-Identifizieren“. Am Ende des Tages ist das alles ja Vertrauenssache. Da liegt es, wenn es vorwiegend männliche Investoren gibt, auf der Hand, dass diese sich eher mit männlichen Gründungsteams als mit Frauen identifizieren. Wenn zudem noch Erfahrungswerte mit Female Startups fehlen, dann entsteht schnell eine höhere Skepsis auf der Investorenseite.

Andererseits kann das auch an der Art und Weise liegen, wie wir aufgewachsen sind: Männern wurde in unserer Gesellschaft einfach sehr lange eine andere Autorität zugesprochen. Natürlich ist in Startup-Investor:innen-Gesprächen immer ein gewisses Machtgefälle vorhanden. Aber an sich ist es eine Beziehung, die von zwei Seiten ausgeht und zu der beide etwas beitragen – und dadurch, dass nicht viele Frauen Investorinnen sind, ist die Chance viel größer, männlich geprägte Gesprächsdynamiken zu entwickeln.

Welche Tipps gibst du Gründerinnen (to be) mit?

Herzog: Ich rate allen, sich auf jeden Fall eine Möglichkeit zum Austauschen und Vernetzen zu suchen. Wir müssen es schaffen, dass wir Frauen uns gegenseitig noch mehr unterstützen. Das Gründen als Frau ist einfach eine andere Reise als bei Männern, vielleicht sogar ein bisschen herausfordernder. Deshalb: Gehen wir öfter mal auf einen Kaffee und reden über unsere Erfahrungen!


Anna Greil von uptraded

Anna Greil von uptraded (c) uptraded

Anna Greil ist Founderin und CEO des 2020 in Innsbruck gestarteten und in Wien gegründeten Startups uptraded. Mit ihrem Team hat Greil eine digitale Plattform für Kleidertausch entwickelt, die auf das Prinzip Swipe and Match, wie es von Datingplattformen bekannt ist, setzt.

brutkasten: Warum hast du dich dazu entschlossen, ein Startup zu gründen?

Anna Greil: Ich habe uptraded gegründet, weil ich zur Transformation Richtung Kreislaufwirtschaft in der Modeindustrie beitragen wollte. Außerdem wollte ich das Problem, das mit dem klassischen Fast-Fashion-Modell unserer Modeindustrie einhergeht, lösen – oder zumindest einen Beitrag zur Problemlösung leisten. Ich habe uptraded also gegründet, um meine eigene Vision umzusetzen. Ich wollte etwas erschaffen, das wirklich einen Impact hat.

Wie war deine erste Finanzierungsrunde für dich?

Greil: Wir haben im Jänner 2022 mit dem Fundraising gestartet. Zu Beginn war ich sehr optimistisch, dass wir innerhalb kürzester Zeit einen passenden Investor oder eine passende Investorin finden können; nach und nach stellte sich aber heraus: Fundraising ist ein aufregender und zugleich stressiger Vollzeitjob. Man muss Beziehungen aufbauen, und das braucht Zeit. Wir haben sehr viel Ressourcen in die Vorbereitung gesteckt und mussten anfangs sehr viel Überzeugungsarbeit leisten – ich musste lernen, Investor:innen zu verstehen.

Hattest du im Gründungs- und Fundraising-Prozess Zweifel?

Greil: Ich hatte sicherlich jeden Tag Zweifel und Ängste. Ich denke aber, dass es vielen im Gründungsprozess so geht. Wenn ich an mir zweifle, versuche ich, mich an den Purpose, also an den Grund, warum ich uptraded gegründet habe, zu erinnern: Es geht mir darum, die Kreislaufwirtschaft in der Modeindustrie voranzutreiben. Wenn man sich den Purpose ständig ins Gedächtnis ruft, dann übertrifft der Tatendrang die Zweifel.

Wie waren die Gespräche mit Investor:innen für dich?

Greil: Meine Gespräche mit Investor:innen waren großteils konstruktiv und hilfreich. In vielen Gesprächen wurde mir bewusst, wo die größten Schwächen, aber auch die Stärken meines Startups liegen. Andererseits gab es auch Gespräche, die mich eher entmutigt haben. In manchen Fällen habe ich eine sehr konservative Einstellung wahrgenommen; nach dem Motto „Das schaffst du nie“ oder „Du denkst viel zu groß“.

Hast du in Gesprächen mit Investor:innen Gender Biases wahrgenommen?

Greil: In manchen Gesprächen ja, meist in Form von skeptischen Fragen oder Unsicherheiten. Das hat sich grundsätzlich aber in Grenzen gehalten; vielleicht auch deshalb, weil ich in der Fashionbranche – und damit eher in einem klassischen Frauenbereich – tätig bin.

In Investorengesprächen lag der Fokus der kritischen Fragen immer sehr stark auf der Skalierbarkeit unseres Geschäftsmodells, unabhängig vom Geschlecht der fragenden Person. Das kann aber auch daran liegen, dass ich hauptsächlich mit Impact-Investor:innen in Gesprächen war, die sehr gut über Genderungleichheit im Funding- und Startup-Bereich Bescheid wissen und sich auch für mehr Gerechtigkeit diesbezüglich einsetzen.

Laut Female Startups & Investing Report werden Frauen bei Investitionsgesprächen meist in eine defensive Position gedrängt. Wie ist dein Empfinden dazu?

Greil: Bei sehr vielen Pitch-Events habe ich gemerkt, dass mehrere Investor:innen im Publikum kritische Fragen stellten, die mich oft in defensive Positionen gedrängt haben. Da sind mir Gender Biases sowie der Unterschied von „männlichen“ und „weiblichen“ Fragestellungen viel eher aufgefallen. Bei One-on-one-Meetings mit Angels war das eher nicht so.

Was könnten die Ursachen für den Gender Funding Gap sein?

Greil: Grundsätzlich glaube ich, dass es daran liegt, dass wir auch im 21. Jahrhundert noch in einem Patriarchat leben, in dem der Mann in vielen Gesellschaftsbereichen eine höhere Autorität genießt als die Frau. Vorurteile und veraltete Rollenbilder spielen dabei auch eine Rolle. Deshalb bin ich der Meinung, dass es viel mehr Vielfalt in der Funding- und Investor:innen-Branche braucht. Erst, wenn mehr Frauen investieren und der Markt diverser wird, kann sich etwas ändern.

Welche Tipps würdest du Gründerinnen (to be) mit geben?

Greil: Ein starker Purpose ist fundamental – nur so könnt ihr den Startup-Rollercoaster überstehen. Außerdem: Das richtige Team ist key!


„Frauen gehören vor den Vorhang, weil sie großartige Dinge bewegen.“

Die Gespräche mit drei ausgewählten Gründerinnen zeigen durchaus unterschiedliche Gründungs- und Fundraising-Erfahrungen. Dennoch sind sich die drei Female Founders in einer Sache einig: Es braucht mehr Frauen in der Gründungs- und Funding-Szene.

Erfahrungs- und Umfragewerte zeigen, dass genderdiverse Teams deutlich höher performen als nicht diverse Teams, bestätigt Monique Schlömmer vom WU Entrepreneurship Center: „Verschiedene Talente führen besser zum Ziel. Es gilt, Vielfalt und Unterschiede – sowohl in Bezug auf Kultur und Ausbildung als auch in Bezug auf das Geschlecht – wertzuschätzen und positiv zu nutzen. Dadurch entstehen spannende Projekte, die die Chancengleichheit und unser Ökosystem nachhaltig wachsen lassen.“

Schlömmer meint weiter: „Wir brauchen mehr Diversität auf Investor:innenseite und mehr Role Models vor dem Vorhang. Es passiert in dieser Hinsicht zwar schon viel, das volle Maß haben wir aber noch nicht ausgeschöpft. Female Startups gehören nicht nur vor den Vorhang, weil Frauen dahinter stehen, sondern weil sie wirklich großartige Dinge bewegen.“

Schlömmer fordert im selben Atemzug das Aufbrechen klassischer Rollenbilder und appelliert an ein ganzheitliches Umdenken: „Am Ende des Tages ist es wichtig, Rahmenbedingungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu schaffen, sodass jede Person für sich frei entscheiden kann, wie sie ihr Leben gestalten will, ohne durch ihr Geschlecht benachteiligt oder bevorzugt zu sein.“

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Gerhard Schwarz (l.), Head of Technology & Innovation, und Simon Laubscher, Head of Innovation, am Swarovski-Standort in Wattens. | Foto: Martin Pacher | brutkasten

Hoch an der Wand der Halle hängt ein Satz in verspiegelten Lettern: „Everything you want is on the other side of fear.“ Darunter, auf hellem Holzboden, Werkbänke, eine Fräsmaschine, Vitrinen mit Kristallapplikationen, Bildschirme, Prototypen, eine Sitztreppe mit bunten Polstern. Links, hinter einem Gitter, eine größere Anlage. Von einem Fenster im Gebäude geht der Blick über die Werksdächer auf die Felswände des Karwendels. Wattens, Tirol, ein Freitagmorgen im September.

Der Ort heißt Swarovski Manufaktur. Das Unternehmen beschreibt sie als Kreativ- und Innovationsort am Standort Wattens, der Design, Handwerk, Forschung und Fertigung unter einem Dach vereint. Hier arbeitet der B2B-Entwicklungsbereich von Swarovski: Textil, Mode, Sonderlösungen, Mobility. Es geht um die Applikation von Kristall auf Stoffe, auf T-Shirts, in allen möglichen Formen.

Im selben Raum sitzen Kolleginnen und Kollegen aus der internen Schmuckentwicklung und dem Prototyping. Und hier werden auch Kristalle geschliffen. Neben einer Fräseinheit steht eine selbst entwickelte Einheit. Maschinen, die Kristall schleifen und polieren, gibt es auf keinem Markt zu kaufen. Swarovski war nach eigener Darstellung lange einer der größten Maschinenbauer und ist heute Maschinenentwickler. Bestimmte Komponenten dieser Maschinen gelten im Haus als das, was die Einzigartigkeit des Unternehmens in den vergangenen 130 Jahren ausgemacht hat. Deshalb wird dieses Know-how geschützt, Fotografieren ist nur in bestimmten Bereichen erlaubt.

Wie das Produkt entsteht, lässt sich an ein paar Objekten nachvollziehen. Ein Glasrohling, mit Anguss und Körper, so wie er aus der Form kommt. Am Anfang steht das Wissen um die Ingredienzien und ihre Zusammensetzung, dann die Schmelze und das Umformen. Durch erneutes Erhitzen lässt sich aus einer Farbe eine andere machen. Dann wird der Rohling auf Werkzeugaufspannungen geschliffen und poliert, bis er funkelt. Kleiner als ein Millimeter ist das kleinste Format, 40 Zentimeter das größte. Zuletzt die Frage, ob die Oberfläche noch einen Effekt braucht: hinten verspiegelt, oder komplett beschichtet, dann sieht derselbe Kristall völlig anders aus. Höchste Transparenz, präzise Bearbeitung, optische Veredelung: Verfahren, die es im Grundprinzip auch in der Hochtechnologie gibt, hier eingesetzt für den Effekt. Und inzwischen auch für eine Funktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Was das bedeutet, erklären an diesem Vormittag zwei Männer. Gerhard Schwarz, gelernter Physiker, ist Head of Technology & Innovation bei Swarovski. Sein Bereich umfasst Produkttechnologie, also die Technologie für die Produkte selbst, vom Schmuck bis zu den neuen Zweigen wie Automotive und Mobility, und Produktionstechnologie, also das, was diese Produkte in die Fertigung bringt, als Eigenentwicklung oder gemeinsam mit Partnern. Simon Laubscher, zuvor in der Automobil- und Elektronikindustrie tätig, ist seit einem Jahr Head of Innovation, unter Schwarz‘ Verantwortung, mit Schwerpunkt B2B. Seine Aufgabe: aus dem, was das Fertigungsumfeld an Fähigkeiten hervorbringt, neue Felder identifizieren und aufbauen.

Wo das endet, sagt Schwarz gleich zu Beginn: „Wir identifizieren Geschäftspotenziale, erarbeiten daraus Businesskonzepte und validieren diese mit Kunden am Markt. Auf dieser Basis prüfen wir, ob ein marktfähiges Produkt oder ein Service entstehen kann. Die Entscheidung, ob und wie diese Geschäftsfälle anschließend umgesetzt werden, liegt schlussendlich beim Top-Management.“ Es ist eine Grenze, die man kennen muss, um zu verstehen, worüber die beiden sprechen und worüber nicht.

Schön und Funktion

Swarovski kennt man als Marke, vom Schmuck, von den Figurinen, vom Endkunden. Das ist das B2C-Geschäft. Das B2B-Geschäft, so Schwarz, geht an Kunden, die die Artikel weiterverarbeiten: in Schmuck, in Textil, aber auch in der Automobilindustrie. Und genau dort beginnt, was die Innovationsabteilung interessiert. „Man kennt Kristall mit seiner funkelnden Wirkung. Da gehen wir einen Schritt weiter, da haben wir funktionale Wirkung. Ich tippe auf einen Kristall, und das ist dann ein Schalter.“ Kristallglas an sich kann das nicht. Mit einer optischen Schicht kann es das. Lichtleitung sei eine zweite solche Funktion, „neben schön“.

„Innovation ist ein sehr standardisierter Prozess. Er ist sehr klar, sehr strukturiert und folgt gewissen Regeln.“ | Simon Laubscher

Die Kombination aus dekorativ und funktional sei im Automotive-Bereich ein Erfolgsmodell geworden, sagt Laubscher. Jetzt gehe es darum, in welche anderen Segmente sich das übertragen lässt. Man sei in der Validierung, teste an verschiedenen Kundensegmenten, was einen Mehrwert bringen kann. Der Schwerpunkt liege derzeit auf der Hightech-Branche, weil man dort den Vorteil aus Material, Fertigungs- und Technologiekompetenz sieht.

Warum Innovation in der Forschung sitzt

Bei vielen Konzernen sitzt die Innovationsabteilung losgelöst vom Rest, manchmal an einem anderen Ort. Bei Swarovski nicht. Innovation ist Teil der Forschung, und der Grund dafür ist die enge Verzahnung mit der Technologie. Forschung und Entwicklung auf der einen Seite, Technologie und Innovation (T&I) auf der anderen: Bei Swarovski ist das eines. Die Organisation ist projektorientiert, das Innovationsportfolio fließt mit dem Gesamtportfolio zusammen, Personal wird über die Portfolioplanung den Projekten zugeordnet.

Simon Laubscher | (c) Martin Pacher / brutkasten

Für Laubscher war das ein Grund, nach Wattens zu kommen. 15 Jahre hat er sich in anderen Unternehmen mit Innovation beschäftigt und hat, wie er sagt, einen Überblick darüber, was funktioniert und was nicht. „Ein schlagendes Argument für mich bei Swarovski war: Man sitzt sehr nah an dieser Kompetenz.“ Im Englischen nennt er das Capability-led Approach. Die Fähigkeit bestimmt, wo innoviert wird.

Und diese Fähigkeit hat einen Ort. „Wir sitzen sehr tief in der Wertschöpfungskette“, sagt Laubscher. „Wir schmelzen unser eigenes Glas, wir prozessieren es, wir schleifen, wir polieren, wir veredeln es mit Beschichtungen und haben dann eine fertige Komponente.“ Alles an einem Standort, aus einem Guss, bis hin zu den selbst entwickelten Maschinen, die in der Halle stehen. Technologieentwicklung und Maschinenentwicklung, sagt Schwarz im Gespräch, mache man zum Teil selbst, zum Teil mit Partnern.

Pull, Push und ein Trichter

Wie kommt eine Idee bei Swarovski ins Portfolio? Es gibt zwei Wege. Laubscher beschreibt den ersten, Schwarz wird ihn später Pull nennen: explorativ Zukunftstrends und Technologien anschauen, dann relativ schnell prüfen, ob es einen Fit zur eigenen Fähigkeit gibt. „Haben wir ein Recht mitzuspielen, also das berühmte Right to Play.“ Danach der Technologie-Check, dann der Markt-Check: Gibt es potenzielle Kunden, und sind sie bereit, für den Mehrwert zu zahlen? „Dann ist das für uns schon eine gute Indikation.“

Der zweite Weg, Push, kommt von innen. „Jeder liest, jeder sieht Trends“, sagt Schwarz. Die Technologieexperten im Haus melden, was etwas sein könnte, und das landet im Technologieradar. Keine Ideendatenbank über alle, betont er, sondern Experten, wobei Ideen einzelner Mitarbeiter ebenfalls willkommen seien. Ergänzt wird das inzwischen von KI-Agenten, die das Netz nach Trends absuchen. Ein Spezialist bestätigt, dann kommt es aufs Radar. Und dann gibt es noch den ganz rudimentären Weg, wie Schwarz sagt: „Man trifft sich und spricht.“

KI spielt auch in der Fertigung eine Rolle, aber Schwarz bleibt nüchtern. „Im Prozessbereich ist es früher Regelungstechnik gewesen.“ Jetzt verarbeite man mehr Daten, halte Temperatur und Mechanik genauer, werde schneller. Und in der Maschinensoftware, die Swarovski teils selbst, teils mit Partnern entwickelt, gehe es mit KI-Einsatz ebenfalls schneller. Laubscher ergänzt aus Innovationssicht: Die Recherche werde deutlich kürzer, aber „am Ende des Tages kriege ich eine Liste von Annahmen. Die Annahmen muss ich testen.“ Am Kunden. „Die künstliche Intelligenz bringt Geschwindigkeit. Das Tun und das Machen liegt im Menschen.“ Man arbeite in einem festgelegten, geschützten Cloud-Rahmen, den die Digital-Abteilung vorgibt.

Gerhard Schwarz | (c) Martin Pacher / brutkasten

Was über beide Wege ins Portfolio kommt, muss durch einen Trichter. Stages und Gates, an denen gefragt wird, wo das Projekt steht und wie es sich am Ende materialisiert. Im Kerngeschäft oder außerhalb? Das entscheidet sich fallweise in Portfolio-Meetings mit dem Topmanagement. „Wichtig ist Disziplin, diese Stages, und Transparenz“, sagt Schwarz. Jedes Projekt ist gelistet, offen einsehbar, auch für die Nachbarabteilungen. Controlling, Produktentwicklung und Produktmanagement sitzen im Portfolio-Steering-Team.

Laubscher wehrt sich gegen ein Missverständnis: „Innovation wurde gerade im Hype 2013, 2014 immer verwechselt mit kreativen Prozessen. Innovation ist ein sehr standardisierter Prozess. Er ist sehr klar, sehr strukturiert und folgt gewissen Regeln.“ Eines seiner Key Learnings nach einem Jahr: die Kollegen aus der Linie früh einbinden, umso früher, je näher ein Thema am Kerngeschäft liegt. Damit das, was als Potenzial identifiziert wurde, am Ende auch übergeht und man nicht genau dort stoppt, wo man schnell sein will.

Ein Stopp ist kein Scheitern

Der Satz, der an diesem Vormittag am häufigsten fällt, lautet: Innovation ist kein Selbstzweck. „Innovation muss am Ende auch rentabel sein, damit wir langfristig erfolgreich sind“, sagt Laubscher. Das heißt auch: „Nicht alles geht weiter. Wir müssen ganz klare Stopps setzen.“ Gestoppt wird, wenn eines von drei Themen nicht abgedeckt werden kann: Technologie, Markt, Kunde und dessen Bedarf. „Da müssen wir ganz klar und ehrlich zu uns sein.“ Ob man darin noch besser werden könne? „Sicherlich, das kann jede Organisation.“

Aber: „Ein Stopp ist kein Scheitern.“ Prozesswissen bleibe hängen, was für einen Kunden nicht funktioniere, könne für einen anderen laufen. Der größte Erfolgsfaktor sei, so schnell wie möglich am Kunden zu sein. „Nicht in unserer Bubble zu bleiben. Wir wollen nach außen hin eine Klarheit haben, auch wenn das manchmal wehtut, das ehrliche Feedback.“

Niemand kann alles

Beim Thema Partnerschaften wird Laubscher grundsätzlich. „Der Punkt ist: Niemand kann alles.“ Der Aufbau eines Innovationsökosystems sei Teil der strategischen Initiative aus der Innovation heraus: Vernetzung mit Industriepartnern, Startups, Universitäten. Wie, das entscheide sich von Fall zu Fall. Universitäten für Ideen und Forschungsthemen, Startups für Technologieerweiterungen. Schwarz sieht darin auch eine Frage der Einschätzung: Weil Swarovski Technologie so breit einsetze, könne man die Technologien von Startups gut beurteilen. „Man muss einschätzen können: Was ist der gemeinsame Nutzen?“

„Innovation muss am Ende auch rentabel sein, damit wir langfristig erfolgreich sind.“ | Simon Laubscher

Beteiligungen? „Grundsätzlich sind wir für alles offen“, sagt Laubscher, es lasse sich aber nicht pauschal beantworten. Wer welche Fähigkeit oder welche IP einbringe, bestimme das Modell. Wichtig sei der Bezug zur eigenen Technologie. „Nicht in einem Bereich schwimmen, der uns fremd ist, nur weil es ein Trendthema ist.“ Schwarz formuliert es so: „Für mich legt der Inhalt immer das Beteiligungsmodell fest.“ Auch IP wird von Fall zu Fall geregelt: ablösen über Bezahlung, beim Partner belassen oder lizenzieren. Die Rechtsabteilung, sagt Schwarz, denke da sehr innovativ mit.

Was Swarovski in eine solche Partnerschaft einbringt, ist für Laubscher klar: „Wir sind Industrialisierungsexperten. Wir haben industrialisierte Prozesse, wir haben das Know-how, und wir können skalieren.“ Das habe man 130 Jahre lang bewiesen, so habe die Geschichte des Unternehmens begonnen. Schwarz: „Die Firmengründung war eine technische Innovation.“

(c) Martin Pacher | brutkasten

Nach außen ist man aktiv, auf Veranstaltungen, bei denen Startups pitchen, und an Universitäten im DACH-Raum. Und an der EPFL in Lausanne. „Die EPFL ist für mich sehr innovativ, weil diese Loslösung von der Universität dort besser stattfindet als woanders“, sagt Schwarz. Entrepreneurship sei dort ein großer Schwerpunkt, ergänzt Laubscher, man bekomme früh Transparenz, was an der Universität läuft. Und Innsbruck, wo Quantentechnologie ein Schwerpunkt ist? „Muss man sich anschauen“, sagt Schwarz. Mit der Universität und dem MCI gibt es Zusammenarbeit, Master- und Diplomarbeiten, die in Lösungen eingeflossen sind.

Und wenn ein Gründer diesen Text liest und eine Lösung hat? Schwarz nennt eine Mailadresse ([email protected]), Laubscher ergänzt: „Gerne direkt schreiben.“ Schwarz: „Oder LinkedIn.“ Es seien die Menschen, die entscheiden, sagt er. Man müsse nicht formalisieren, was sich einfach lösen lässt.

Aus Bruch wird Produkt

Ein Beispiel, bei dem Fähigkeit und Geschäftsmodell bereits zusammengefunden haben, sind die ReCreated Kristalle. Wenn die Glasschmelze anläuft, hat das Glas nicht sofort die nötige Qualität. Es entsteht Anlaufglas, Bruch, der eingeschmolzen werden müsste. Bis jemand die Idee hatte, damit anders umzugehen. „Eigentlich könnte ich das upcyceln, wieder ein Produkt draus machen und in die Farbglasproduktion reingehen“, sagt Schwarz. Heute ist das eine eigene Produktlinie für B2B und B2C. „Kommt beim Kunden sehr gut an.“

Für Laubscher schließt sich hier der Kreis. Chemische Verfahrenstechnik sei das Know-how des Hauses, also frage man, aus welchem Materialstrom ein Wertstrom werden kann, und diskutiere früh über Geschäftsmodelle. Meist mit Partnern, weil erst dann Synergie entstehe. „Es darf nicht zum Selbstzweck passieren“, sagt er auch hier. „Aber wenn aus der Nachhaltigkeit ein Geschäftsmodell entsteht, ist das für uns ein Punkt, auf den wir aufspielen wollen.“

Am Ende des Gesprächs sagt Laubscher, worum es ihm geht: „Wir sind ein Unternehmen mit einem sehr einzigartigen Produkt. Für uns ist es wichtig, als Innovation relevant zu bleiben und diese Einzigartigkeit immer wieder neu zu finden, in neuen Themen.“ Innovation werde hier nicht aus Spaß betrieben, sondern mit Seriosität. Und, sagt er nach einem Jahr in Wattens: „Es macht viel Spaß.“

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