11.08.2022

Drei Viertel des Risikokapitals für heimische Startups kommt aus dem Ausland

Das EY Startup Investment Barometer liefert aktuelle Zahlen und Daten zu Finanzierungsrunden für das erste Halbjahr 2022 und zeigt: Bei großen Finanzierungsrunden spielen heimische Investor:innen eine geringe Rolle.
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Der European Venture Sentiment Index deutet eine positive Entwicklung für das nächste Quartal an (c) Adobe Stock
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Startups müssen sich aktuell aufgrund steigender Zinsen, der hohen Inflation und einer drohenden Rezession auf wirtschaftlich schwierige Zeiten einstellen. In den Zahlen für das erste Halbjahr 2022 lässt sich hingegen noch keine Eintrübung des Finanzierungsmarkts für österreichische Startups erkennen, wie das jüngste EY Startup Investment Barometer zeigt.

Heimische Startups erhielten im ersten Halbjahr 2022 demnach mehr frisches Kapital als je zuvor. Mit insgesamt 881 Millionen Euro wurde das Volumen des Vorjahreszeitraums um 67 Prozent überschritten. Allerdings vereinigten die zwei großen Finanzierungsrunden von GoStudent mit 300 Millionen Euro sowie TTTech Auto mit 250 Millionen Euro 62 Prozent des gesamten Investitionskapitals auf sich.

Anteil an heimischen Geldgeber:innen leicht gestiegen

Das Startup Investment Barometer, das EY in Zusammenarbeit mit der Austrian Angel Investors Association (AAIA) und der Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation (AVCO) am Donnerstag veröffentlichte, zeigt weiters, woher das Kapital stammt.

An 79 Prozent der Finanzierungsrunden waren heimische Investor:innen beteiligt – im ersten Halbjahr 2021 waren es 71 Prozent. 45 Prozent wurden sogar rein von heimischen Investor:innen getragen, 2021 waren es 44 Prozent. Somit ist der Anteil an österreichischen Geldgeber:innen laut EY im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen.

Dennoch stammen drei Viertel (73 Prozent) der Gesamtfinanzierungssumme von rein international besetzten Investorengruppen. Auch hier zeigt sich laut der Beratungsorganisation eine stärkere Beteiligung von heimischen Geldgeber:innen als im Jahr davor, wo sogar 90 Prozent der Investmentsumme von nicht-österreichischen Investorengruppen bereitgestellt wurden.

Je größer die Runde, desto weniger sind österreichische Investor:innen beteiligt

Zudem zeigt sich wieder ein Trend, der bereits aus der Vergangenheit bekannt ist. Je größer die Runde, desto weniger sind österreichische Investor:innen beteiligt. Heimische Investor:innen geben demnach Starthilfe, ausländische Geldgeber:innen finanzieren hingegen das Wachstum.

Bei frühphasigen Investmentrunden sind dementsprechend heimische Investorengruppen führend: In Pre Seed- (76 Prozent) und Seed-Finanzierungsrunden (56 Prozent) stellten sie jeweils die Mehrheit der Kapitalgeber:innen. Das ändert sich, sobald es von der Anschub zur Wachstumsfinanzierung geht: Liegt der Anteil österreichischer Geldgeber:innen bei Series-A Finanzierungsrunden noch zumindest bei 47 Prozent, sind es bei Series-B-Runden im ersten Halbjahr 2022 nur zehn Prozent.

„Die Devise lautet nach wie vor: Je größer die Runde, desto weniger sind österreichische Investor:innen beteiligt. Allerdings gibt es einen leichten Trend zu einer stärkeren Beteiligung von österreichischen Investorengruppen bei Wachstumsfinanzierungsrunden“, so Florian Haas, Head of Startup bei EY Österreich.

Finanzierungsrunden im zweistelligen Millionenbereich

Bei den Finanzierungsrunden mit einem Finanzierungsumfang von mehr als zehn Millionen Euro waren unter den 39 Investor:innen nur sieben Kapitalgeber mit Hauptsitz in Österreich (18 Prozent). Lediglich bei kleineren Finanzierungsrunden im Umfang von bis zu einer Million Euro waren mehrheitlich österreichische Geldgeber beteiligt: So hatten hier immerhin 45 der 62 verzeichneten Investor:innen ihren Hauptsitz in Österreich (73 Prozent). Die Hälfte der Top-10-Abschlüsse fand übrigens ohne Beteiligung österreichischer Kapitalgeber:innen statt, darunter die beiden Top-Deals für GoStudent und TTTech Auto.

„Gerade auch in Anbetracht der Eintrübung des wirtschaftlichen Umfelds ist eine Stärkung des heimischen Kapitalmarkts und eine Reduzierung der Abhängigkeit von ausländischen Geldgeber:innen essenziell: Viele international tätige Geldgeber:innen sind nervös, die Risikobereitschaft sinkt, ebenso wie die Bereitschaft zu investieren. Gerade in der Wachstumsphase fokussieren Investor:innen auf das eigene Portfolio und werden in den nächsten Monaten sehr zurückhaltend investieren, insbesondere wenn der Fokus nicht in ihren Kernmärkten liegt“, so Haas abschließend. Vor diesem Hintergrund unterstreichen AVCO und AAIA einmal mehr ihre Forderungen nach der Stärkung des heimischen Kapitalmarktes.


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„Der Spagat zwischen Karriere und der Betreuung von Angehörigen betrifft in Österreich derzeit rund 400.000 Erwerbstätige“, erklärt Mitgründer von because we care Andreas Gruber. Bis zum Jahr 2050 soll fast jede fünfte erwerbstätige Person eine Pflegeverantwortung übernehmen müssen, fügt er hinzu. Um diesen wachsenden Druck auf Mitarbeitende und Unternehmen abzufedern, positioniert sich „because we care“ als digitale Informationsplattform für Arbeitgeber:innen.

Das Kernprodukt mit bald 200.000 Zugriffsberechtigten hilft pflegenden Angestellten dabei, sich im hochkomplexen heimischen Pflegesystem zurechtzufinden, Anträge zu stellen und entlastende Schritte einzuleiten. Es gehe laut Gruber darum, sich mit Angehörigen auf das Alter vorzubereiten, „lange bevor jemand zu Hause die Treppe runtergefallen ist“. Ursprünglich unter dem Dach der Organisation „Austria Assisted Living“ angesiedelt, agiert die Plattform seit Ende 2024 als eigenständige GmbH, um den wachsenden Markt gezielter zu adressieren.

Branchenübergreifende Nutzungsrate von zehn Prozent

Wie Gründer Andreas Gruber im Gespräch erklärt, verzeichne man bei den teilnehmenden Unternehmen branchenübergreifend eine stabile Nutzungsrate von etwa zehn Prozent. Dies sei für ihn ein klares Indiz, dass das oft unter der Oberfläche schwelende Thema Angehörigenpflege in der Arbeitswelt „voll präsent“ sei. Bislang lag der Fokus der Plattform vor allem auf Lotsenfunktionen für akut Betroffene.

Im September erweitert das gebootstrappte Startup das Angebot jedoch um ein Modul zur mentalen Prophylaxe. Dieses wurde gemeinsam mit Fachleuten aus Psychologie und Mentaltraining entwickelt und richtet sich gezielt an die gesamte Belegschaft. Ziel ist es, rechtzeitig Strategien gegen psychische Belastungen im Arbeits- und Pflegealltag zu vermitteln.

Umbau der Pflegevermittlung

Neben der inhaltlichen Erweiterung steht das Startup vor einem nächsten großen Schritt: Im Oktober soll das System „because we match“ nach aktueller Testphase mit einem großen Salzburger Pilotkunden live gehen. Dieses adressiert einen zentralen Flaschenhals im System, wie Gruber erklärt: die oft wochenlange Suche nach verfügbaren Pflegediensten. Laut dem Gründer vergehen im Schnitt 60 Tage, bis eine Regelversorgung greift – eine Zeitspanne, in der Angehörige unzähligen Anbietern nachtelefonieren müssen. „Wir drehen dieses System jetzt um“, erklärt er im Interview.

Künftig sollen Suchende eine zentrale, rund um die Uhr erreichbare Hotline anrufen können. Dort erfasst ein KI-Voice-Agent den konkreten pflegerischen Bedarf strukturiert und filtert emotionale Bedürfnisse von harten fachlichen Anforderungen. Pflegedienstleister:innen in der jeweiligen Region sehen diese anonymisierten Gesuche auf der Plattform und können sich anschließend bei den Suchenden vorstellen und ihre Leistungen anbieten.

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Gleichzeitig sollen die Leistungserbringer von einer digitalen Entlastung im Hintergrund profitieren. Die Software soll im Idealfall für die mobilen Pflegekräfte als sprachgesteuertes CRM-System fungieren. Einsätze lassen sich direkt per Spracheingabe festhalten, während intelligente Voicemails eingehende Anrufe filtern und priorisieren.

Dieser technische Ansatz soll bürokratische Hürden drastisch reduzieren, den Dienstleister:innen das ungeliebte Backoffice abnehmen und „effizienteres Arbeiten näher am Menschen ermöglichen“. Der Hebel dieser Effizienzsteigerung ist laut Gruber beträchtlich: „Wenn wir jeder Pflegefachkraft 30 oder 40 Minuten Orga am Tag abnehmen, geht sich ein Klient mehr aus.“

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