08.09.2025
INTERVIEW

„Ethereum war in einer Findungsphase“

Toni Wahrstätter, Leiter des Prototyping-Teams der Ethereum Foundation, im Interview zum Status Quo und zur Zukunft von Ethereum.
/artikel/ethereum-war-in-einer-findungsphase
Ethereum-Experte Toni Wahrstätter | Foto: privat
Toni Wahrstätter | Foto: privat

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Bitcoin hat Ende des vergangenen Jahres erstmals die 100.000-Dollar-Marke überschritten und in diesem Jahr weitere Rekordstände erreicht. Um Ethereum war es seit dem viel beachteten Abschied vom Mining, dem „Merge“, im September 2022 deutlich ruhiger. Erst in den vergangenen Wochen kam wieder Bewegung hinein. Woran liegt es – und welche Zukunft hat Ethereum wirklich? Das haben wir mit Toni Wahrstätter besprochen. Der gebürtige Tiroler ist seit 2023 bei der Ethereum Foundation tätig und leitet dort das Prototyping-Team.


brutkasten: Wie bist du selbst zu Ethereum gekommen?

Toni Wahrstätter: Meine Reise begann mit Bitcoin. Zuerst hat mich die Möglichkeit fasziniert, Werte ohne Bank direkt von A nach B zu übertragen; später die Technik dahinter: Dezentralisierung, Zensurresistenz und Self-Sovereignty. In der Blocksize-Debatte 2017 (eine bekannte Kontroverse in der Bitcoin-Community über die maximale Blockgröße, die bestimmt, wie viele Transaktionen pro Block möglich sind, und damit sowohl Transaktionsgebühren als auch den Dezentralisierungsgrad des Netzwerks beeinflusst, Anm. d. Red.) stand ich auf der Seite der „Big Blockers“ – und wurde damals sogar aus einem Subreddit gebannt.

Das war der Moment, in dem ich zu Ethereum gewechselt bin – im Rückblick auch ideologisch der bessere Fit. Seit 2017/18 leiste ich Beiträge zu Ethereum; seit 2023 arbeite ich als Researcher bei der Ethereum Foundation und leite dort das Prototyping-Team. Mein Schwerpunkt liegt auf den nächsten ein bis zwei Forks (größere Updates der Ethereum-Blockchain, Anm. d. Red.) und darauf, welche Verbesserungen wir umsetzen können.

Zuvor habe ich in Innsbruck studiert und bin für meinen PhD an die WU Wien gegangen – zum Crypto-Economics-Institut rund um Alfred Taudes und Davor Svetinovic. Dort habe ich unterrichtet und meinen PhD gemacht, thematisch im Bereich Bitcoin-Privacy. Obwohl ich im Ethereum-Ökosystem arbeite, bin ich weiterhin ein großer Bitcoin-Fan.

Während der Bitcoin-Kurs sich im Vergleich zum vorigen Höchststand aus 2021 mittlerweile verdoppelt hat, kommt der Ether-Kurs gerade erst wieder an seine alte Höchstmarke heran. In Anbetracht von technischen Diskussionen und Solana als erfolgreicher Konkurrenz: Wie steht Ethereum im Sommer 2025 da?

Ethereum hatte in den vergangenen ein, zwei Jahren Schwierigkeiten, mit den Kursgewinnen von Bitcoin mitzuhalten. Das war eine Art Findungsphase nach dem „Merge“, also dem Wechsel des Konsensmechanismus vom rechenintensiven, auf Mining basierenden Proof of Work zum effizienteren Proof of Stake. Es gab danach kein großes Projekt mehr, das die Community vereinte.

Das große Thema war dann die Skalierung der Blockchain. Es war klar, dass der Layer 1 (L1), also die Ethereum-Blockchain selbst, allein nicht mehr auf das benötigte Niveau skaliert. Man setzte deshalb auf sogenannte Layer 2s (L2) (also auf Lösungen, die Transaktionen außerhalb von Ethereum verarbeiten, um sie schneller und günstiger abzuwickeln, und deren Ergebnisse anschließend in verdichteter Form auf Ethereum absichern, Anm. d. Red.). Bei Ethereum lag der Schwerpunkt lange darauf, für solche L2s das bestmögliche Umfeld zu schaffen.

Seit dem Vorjahr hat sich das geändert: Die Ethereum-Community, auch mit Unterstützung der Ethereum Foundation, fokussiert nun auf Skalierung sowohl für L2 als auch für L1; und zusätzlich auf eine bessere User Experience (UX) als drittes großes Ziel. Der nächste Fork bringt ein großes L2-Scaling-Update; der übernächste dürfte, dem aktuellen Stand nach, ein substanzielles L1-Scaling-Update liefern.

2020 und 2021 boomte der Krypto-Bereich. Dabei gab es Hypes etwa rund um Decentralized Finance (DeFi) und Non-Fungible Tokens (NFTs), die sich jeweils sehr stark im Ethereum-Ökosystem abgespielt haben. Wie beurteilst du das im Nachhinein?

DeFi und NFTs – zuvor schon die ICO-Welle (Initial Coin Offerings, Anm. d. Red.) 2017 – waren teils große Hypes, aber sie haben auch Substanz hervorgebracht. Das Modell dezentraler Exchanges wie Uniswap oder Cowswap, entstanden zwischen 2018 und 2020, ist bis heute führend und gewinnt weiterhin Nutzer sowie Aktivität. Beim NFT-Hype war die Welle größer als die eigentliche Innovation, dennoch sind interessante Projekte geblieben.

Für 2025/26 sehe ich Stablecoins als nächsten großen Treiber: Die Akzeptanz steigt, viele Banken dürften eigene Stablecoins alleine oder gemeinsam emittieren – wie man es in den USA bereits sieht. Auch jüngste Veröffentlichungen und Initiativen dort werden die Verbreitung voraussichtlich weiter fördern.

Es gab kein großes Projekt mehr, das die Community vereinte.

Wie genau profitiert Ethereum vom Stablecoin-Boom?

Die meisten Stablecoins werden auf Ethereum ausgegeben; sie brauchen keine eigene Blockchain. Die großen wie etwa USDT (Tether), USDC (Circle) oder DAI als dezentraler Stablecoin existieren bereits dort. Wer als Bank oder Organisation einen Stablecoin emittiert, profitiert von starken Netzwerkeffekten: Die Liquidität ist auf Ethereum, die dezentralen Börsen laufen dort, und Tooling/Integrationen in bestehende IT-Systeme sind ausgereift. Das macht Ethereum zur naheliegenden Plattform für neue Emissionen.

Für Ethereum selbst bedeutet das: mehr Nutzung, mehr Transaktionsgebühren – und durch den im Sommer 2021 implementierten Burn-Mechanismus wird ein Teil dieser Gebühren in Ether dauerhaft vernichtet. Steigende Aktivität führt damit tendenziell zu einer deflationären Nettoemission von Ether und stützt so Ether-Preis und ökonomische Sicherheit des Netzwerks.

Solana war in den vergangenen beiden Jahren recht erfolgreich und ist grundsätzlich ähnlich positioniert wie Ethereum. Was bedeutet das für Ethereum?

Es gibt immer wieder sogenannte „Ethereum-Killer“ – ähnlich wie bei Bitcoin die „Bitcoin-Killer“: Blockchains, die behaupten, Bitcoin bzw. Ethereum in bestimmten Dimensionen zu übertreffen. Solana ist ein interessantes Beispiel, weil die Chain – anders als frühere Konkurrenten – konsequent auf einen Use Case optimiert ist: Trading. Solana hat die Bedürfnisse der Trader ernst genommen und das System darauf ausgerichtet, Handel möglichst reibungslos zu machen.

Ethereum verfolgt hingegen andere Ziele: Dezentralisierung, Zensurresistenz, Open Source und verifizierbare Sicherheit. Diese Werte bringen naturgemäß Grenzen mit sich. Man könnte die Zahl der Validatoren theoretisch auf zehn reduzieren und sie in leistungsstarke Rechenzentren mit Direktverbindungen setzen – das wäre performant, aber eben nicht Ethereum. Die Ziele sind schlicht andere.

Es gibt die These, dass sich DeFi und Ethereum ähnlich entwickeln könnten wie Linux: Es hat als Betriebssystem nie Windows abgelöst, wie in den 2000er-Jahren manche gehofft hatten; stattdessen etablierte es sich aber für Server, und sehr viele Dinge laufen heute auf Linux – ohne dass die Endnutzer:innen das unbedingt wissen. Ist aus deiner Sicht ein ähnliches Szenario für Ethereum und die Finanzwelt vorstellbar?

Ja, im Grunde lässt sich die gesamte Finanzwelt auf Ethereum onboarden. Die zentrale Frage ist die Skalierbarkeit; und genau dafür gibt es Layer-2-Lösungen. Banken könnten eigene Layer-2-Lösungen für ihre Kund:innen starten, auf Ethereum. So müssen sie die bereits etablierte Sicherheit nicht neu aufbauen und profitieren zugleich von den bestehenden Netzwerkeffekten. Je mehr Institute eigene L2s auf Ethereum launchen, desto stärker werden diese Netzwerkeffekte.

Gleichzeitig bleibt aber Ethereum auch ein Ort für Endnutzer – als Hub für DeFi. Ich gehe davon aus, dass der Großteil der Liquidität auf L1 verbleibt: Hochwertige, große Transaktionen laufen weiter auf L1, während Alltagszahlungen, etwa der Kaffee beim Bäcker, eher auf L2 stattfinden. Ethereum wird genügend Kapazität für große Transfers auf L1 bieten; kleinere Beträge lassen sich sinnvoll auf L2 auslagern.

Aus der Bitcoin-Community kommt oft der Vorwurf, Ethereum sei nicht ausreichend dezentralisiert. Was entgegnest du darauf?

Das Thema ist deutlich abgeflaut. Blickt man heute auf die Verteilungen – Bitcoin-Mining-Pools versus Ethereum-Staker –, steht Ethereum klar dezentraler da. Als Bitcoiner macht mir die Zentralisierung im Mining dennoch Sorgen: Bitcoin ist nicht immun gegen MEV (Miner Extractable Value), und Skaleneffekte führen dazu, dass sich Miner zusammenschließen und Pools immer größer werden. Diese Tendenz sehe ich seit Jahren bei beiden Netzwerken.

Aktuell spricht jedoch das Proof-of-Stake-Design für Ethereum: Die Stake-Verteilung ist breiter, eine 51-Prozent-Attacke (Angriff, bei dem eine Gruppe über die Mehrheit der Rechenleistung einer Blockchain verfügt und Transaktionen manipulieren kann, Anm. d. Red.) würde mehrere unabhängige Akteure erfordern. Bei Bitcoin reichen teils ein oder zwei große Pools, um in die Nähe dieser Schwelle zu kommen – die Hashrate-Verteilung wirkt entsprechend konzentriert. Vor diesem Hintergrund empfinde ich die Stake-Verteilung bei Ethereum derzeit als deutlich gesünder.

Bitcoiner entgegnen oft, Mining-Pools seien keine einheitlichen Akteure und könnten nicht geschlossen handeln. Ist das für dich ein stichhaltiges Gegenargument?

Ja, das Argument ist valide. In der Praxis baut der einzelne Miner den Block häufig nicht selbst, sondern liefert nur Hashrate. Entscheidet ein Pool etwa, bestimmte Transaktionen auszulassen, müsste der Miner aktiv werden und den Pool verlassen. Bei einer 51-Prozent-Attacke käme das jedoch wahrscheinlich zu spät – dann wäre eine schnelle, koordinierte Reaktion nötig, was in der Realität schwer umzusetzen ist.

Kritiker aus dem Bitcoin-Lager sagen mitunter, die Ethereum Foundation oder Ethereum-Gründer Vitalik Buterin selbst könnten im Zweifel alles entscheiden. Wie siehst du das?

Ich glaube nicht, dass das der Fall ist. Am Governance-Prozess kann jeder teilnehmen – etwa in den wöchentlichen, öffentlich zugänglichen Entwickler-Calls. Diese werden gestreamt, man kann per Zoom teilnehmen. Die Debatten laufen transparent, unter anderem auf Discord. Schaut man auf die EIPs (Ethereum Improvement Proposals), sieht man: Die Entscheidungen sind keineswegs zentralisiert.

Einzelne Personen sind bekannt und einflussreich, haben aber keine „Allmacht“. Entscheidend sind Reputation und langfristige Beiträge zum Protokoll – Gründerstatus allein reicht nicht, um Änderungen durchzudrücken. Vitalik gehört wahrscheinlich zu den Personen mit den meisten nicht umgesetzten EIPs.

Der „Merge“, also der Umstieg von Ethereum vom rechenintensiven „Proof auf Work“-Konsensmechanismus auf den effizienteren „Proof of Stake“-Mechanismus, ist mittlerweile fast drei Jahre her. War er rückblickend eine Erfolgsgeschichte – oder gibt es Aspekte, die du kritisch siehst?

Ja, der „Merge“ war aus meiner Sicht eine große Erfolgsgeschichte; nicht nur, weil Ethereum im laufenden Betrieb von Proof of Work auf Proof of Stake umgestellt wurde – das ist für sich genommen eine außergewöhnliche Leistung. Besonders beeindruckend war die Koordination eines global verteilten Open-Source-Projekts ohne zentrale Firma. Ich kenne den Code gut – zu sehen, wie elegant der neue Konsens am Ende zusammenspielt, war bemerkenswert.

Kritisch anmerken könnte man höchstens die Dauer: Vielleicht hätte man eine weniger perfekte PoS-Variante früher ausrollen und damit schon früher viel CO2 einsparen können, um Details später über weitere Forks nachzuschärfen. Insgesamt war der „Merge“ aber ein großer Erfolg – auch wenn es lange gedauert hat.

Welchen Einfluss wird künstliche Intelligenz auf den Blockchain-Bereich haben?

Kurzfristig werden wir sehen, dass man mit KI-Agenten interagiert, die einfache Anweisungen ausführen – etwa: „Erstelle eine Transaktion auf dem Ethereum-Mainnet und tausche US-Dollar gegen Ether.“ Langfristig erwarte ich vollständig autonome KI-Agenten mit eigenen Wallets, die untereinander wirtschaften und sich dafür mit Kryptowährungen bezahlen. Krypto ist dafür ideal: Eine Transaktion benötigt im Kern nur eine digitale Signatur – sie kann theoretisch sogar offline vorbereitet und später übertragen werden. Eine dritte Partei ist nicht nötig. In einer Welt, in der viele Aufgaben von Agenten übernommen werden, werden diese über eigene Budgets verfügen – und die werden sehr wahrscheinlich in Kryptowährungen geführt.

Deine ungelesenen Artikel:
08.09.2026

Gründen in 15 Minuten: Was Europa vom estnischen Startup-Wunder lernen kann

Noch immer kehren vielversprechende Startups Europa den Rücken, um in den USA zu skalieren. Um diese Abwanderung zu stoppen, fordert die Szene eine neue, grenzübergreifende Gesellschaftsform: die EU Inc. Während Brüssel noch über die Umsetzung debattiert, macht Estland seit über einem Jahrzehnt vor, wie es gehen kann: Ein Besuch in der Hauptstadt Tallinn liefert Antworten.
/artikel/gruenden-in-15-minuten-was-europa-vom-estnischen-startup-wunder-lernen-kann
08.09.2026

Gründen in 15 Minuten: Was Europa vom estnischen Startup-Wunder lernen kann

Noch immer kehren vielversprechende Startups Europa den Rücken, um in den USA zu skalieren. Um diese Abwanderung zu stoppen, fordert die Szene eine neue, grenzübergreifende Gesellschaftsform: die EU Inc. Während Brüssel noch über die Umsetzung debattiert, macht Estland seit über einem Jahrzehnt vor, wie es gehen kann: Ein Besuch in der Hauptstadt Tallinn liefert Antworten.
/artikel/gruenden-in-15-minuten-was-europa-vom-estnischen-startup-wunder-lernen-kann

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Um vom Flughafen in Tallinn in die Innenstadt zu kommen, bietet sich eine Fahrt mit dem Fahrdienst Bolt an. Die Autos, E-Scooter und Leih­räder des estnischen Unicorns prägen hier das Straßenbild. 2013 gegründet macht das Unternehmen mittlerweile mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Die Erfolgsgeschichte von Bolt ist in Estland kein Einzelfall: Bei 1,3 Millionen Einwohner hat der baltische Staat bereits zehn Unicorns hervorgebracht – eine der höchsten Konzentrationen pro Kopf weltweit. Das Auto wird per App bestellt, keine zwei Minuten später ist es da. Der Fahrer scherzt über die durchaus kühlen 16 Grad Mitte Juli: „Estonian summer!“, sagt er schmunzelnd, mit russischem Akzent. Ungewöhnlich ist das in Estland nicht, war man hier vor knapp 40 Jahren doch noch Teil der Sowjetunion.

„Das Land hatte es natürlich nicht einfach. Als es 1991 unabhängig wurde, standen die Esten erst mal vor dem Nichts. Aber sie hatten auch die Chance, von null anzufangen – und haben dann aufs richtige Pferd gesetzt: die Digitalisierung“, sagt Tim Schnöckelborg, ein Deutscher, der seit eineinhalb Jahren in Estland lebt und hier bereits mehrere Unternehmen gegründet hat.

Der digitale Staat

An diesem sonnigen Tag tummeln sich auf dem Rathausplatz in der Mitte Tallinns viele Menschen. Schnöckelborg ist einer von ihnen. Vom digitalen Staat hat er vor allem bei der Gründung seiner Unternehmen profitiert. Bei einem Kaffee erklärt er, was den Kern des Systems ausmacht:

„Der große Vorteil kommt dadurch zustande, dass hier die gesamte Administration des Landes digitalisiert ist. Du kannst also mit der elektronischen Unterschrift alles nutzen, was ein Staat an Dienstleistungen bietet.“

© Hannah Fasching – Tim Schnöckelborg.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann das e-Estonia Briefing Centre aufsuchen, ein eigenes Besucherzentrum, das über den digitalen Staat informiert. Ein Besuch zeigt: Die digitale Gesellschaft basiert zunächst auf Wissen. Durch landesweite Schulungsprogramme und Initiativen für Senior wurde die gesamte Bevölkerung mitgenommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Transparenz: „Die Behörden können auf sehr viel zugreifen, theoretisch auch auf mein Bankkonto. Wichtig ist aber: Niemand kann deine Daten geheim abrufen. Ich kann online einsehen, wer wann mit welcher Begründung welche Daten von mir von einer Behörde in die andere transferiert hat. Das schafft Vertrauen“, beschreibt Schnöckelborg seine Erfahrung.

Unternehmensgründung aus der Ferne

Schnöckelborg hat in Estland schon mehrere Unternehmen gegründet, er ist ein sogenannter „e-Resident“. Das estnische e-Residency-Programm ermöglicht ausländischen Staatsangehörigen einen sicheren Zugang zu den elektronischen Behördendiensten Estlands. So lässt sich aus fast allen Ländern der Welt in rund 15 Minuten ein estnisches Unternehmen gründen.

„Anfangs dachten wir, es wäre vor allem für Menschen außerhalb der EU attraktiv, da ein estnisches Unternehmen ihnen den EU-Binnenmarkt öffnen würde. Nach etwa der Hälfte der Zeit stellten wir fest, dass es aufgrund der geringen Bürokratie auch für EU-Bürger sehr attraktiv ist“, erzählt Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency. Seit dem Start des Programms 2014 haben mehr als 133.000 Personen aus 185 Ländern den e-Residency-Status erhalten und zusammen etwa 39.000 Firmen gegründet. So auch Tim Schnöckelborg:

„Ich habe mein erstes Unternehmen als e-Resident an einem Freitagabend gestartet, und am Samstagmorgen war die Firma da“, blickt er nach wie vor verblüfft zurück.

Was Gründer zusätzlich nach Estland zieht, ist das Steuersystem. „Wir besteuern Unternehmen nicht, solange sie das Geld im Unternehmen belassen. Es gibt also keine Körperschaftsteuer auf einbehaltene Gewinne. Steuern fallen erst an, wenn man Geld aus dem Unternehmen entnimmt, und davon profitieren auch wir: Im vergangenen Jahr zahlten e-Residency-Unternehmen Steuern in Höhe von über 125 Millionen Euro in Estland“, so Vahtras. Im „International Tax Competitiveness Index“ der US-Denkfabrik Tax Foundation, der die OECD-Länder vergleicht, liegt Estland seit zwölf Jahren auf Platz eins.

Europa, der zersplitterte Markt

In den Gesprächen, die von Euphorie über das estnische System geprägt sind, schleicht sich immer wieder Frustration ein. Denn so gut das System hier funktioniert: Im europaweiten Markt stoßen die Gründer dennoch auf Blockaden. Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society, kennt die Probleme.

Mardisoo ist Gründerin des Insurtechs Cachet, das sie von Estland aus in elf Länder skalierte. Heute setzt sie sich in der Society für die nächste Generation von Gründer:innen ein und versucht, Blockaden europaweit abzubauen. „Wenn ich mit meinem Unternehmen in Europa expandieren will, begegne ich 27 verschiedenen Arten der Unternehmensregistrierung, 27 verschiedenen Notar- und Gerichtssystemen. Wenn du als kleines Startup ein globales Unternehmen aufbauen willst, bist du oft besser dran, woanders hinzugehen, meist in die USA. Das tun viele Startups – und das ist nicht gut für Europa“, so Mardisoo.

© Mardisoo – Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society.

Auf die Frage, warum die EU für Unternehmensgründungen so unattraktiv sei, antwortet Mardisoo ohne Zögern: „Zu 100 Prozent das Geld. Die Hauptprobleme sind das Geld, die Investor:innen und die Investitionen.“

Vahtras von e-Residency ergänzt: „Investoren sagen sehr oft: ‚Gründe eine Firma in Delaware, weil das für mich einfacher ist‘“ – einfacher, als sich mit den unterschiedlichen Rechtsordnungen der EU-Mitgliedstaaten auseinanderzusetzen. Um diesen Kapital- und Talentabfluss zu stoppen, ruht die Hoffnung nun auf einem Konzept aus Brüssel: der EU Inc.

Das „28. Regime“

Hinter der EU Inc. steht die Forderung nach einer einheitlichen europäischen Gesellschaftsform, dem sogenannten „28. Regime“: Neben 27 nationale Rechtsformen soll eine 28. treten, die eine schnelle, vollständig digitale Gründung ohne Mindeststammkapital ermöglicht.

Nachdem die Forderung nach der EU Inc. über die Jahre von Tausenden europäischen Gründer getragen wurde, verkündete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 20. Jänner 2026 beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Vorhaben. Ziel sei eine wahrhaft europäische Unternehmensstruktur mit einheitlichen Kapitalregeln in der gesamten EU: „Unsere Unternehmer, die innovativen Firmen, werden ein Unternehmen binnen 48 Stunden in jedem Mitgliedstaat anmelden können, komplett online. Letzten Endes brauchen wir ein System, in dem Unternehmen nahtlos in ganz Europa Geschäfte machen und Finanzmittel beschaffen können, genauso einfach wie auf einheitlichen Märkten wie den USA oder China.“

Am 18. März 2026 legte die Kommission den Verordnungsentwurf erstmals vor. In der europäischen Startup-Szene stieß er auf heftige Kritik, weil zentrale Forderungen wie die freie Wahl des Registrierungssitzes von Unternehmen nicht erfüllt wurden. Eine Überarbeitung fordern europaweit Vertreter der Szene mit der Initiative „EU-INC“.

Estland als Weg zur EU Inc.?

Zurück im baltischen Staat: Was mit dem 28. Regime gefordert wird – also der Digital-first-Ansatz, geringes Startkapital sowie eine schnelle und grenzüberschreitende Unternehmensgründung –, setzt Estland mit e-Residency bereits seit mehr als zehn Jahren um. Warum das Konzept also nicht einfach kopieren?

© Vahtras – Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency.

„Wir haben zur Kommission gesagt: ‚Schaut euch unser Programm an, schaut, wie wir das gelöst haben; vielleicht könnt ihr es wiederverwenden‘“, sagt Vahtras, und weiter: „Unser System ist nicht zu 100 Prozent das, was die EU Inc. sein soll, aber auch, wenn wir nur 50 Prozent der Lösungen bereits umsetzen, sind wir bereit, das zu teilen. Ich hoffe, dass die EU Inc. funktionieren wird – und dass sie die estnische e-Residency als eine Art Blaupause in Betracht ziehen; einfach, um zu sehen, was für uns funktioniert.“

Starken Gegenwind bekommt die EU Inc. von lokalen Akteuren wie Gewerkschaften und Notariatskammern. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand Angst vor der EU Inc. haben sollte“, erklärt Hedi Mardisoo. „Einige große Länder blockieren die Umsetzung immer noch und versuchen, viele der wichtigsten Punkte zu verwässern. Man muss sich die Frage stellen: Will man das Alte tatsächlich verändern – oder will man die neue Regulierung einfach so hinbiegen, dass sie zum eigenen System passt? Das kann nicht funktionieren. Wenn man neue Innovationen regulieren will, kann man sie nicht in die alten Rahmenbedingungen quetschen.“

Um mit der EU Inc. erfolgreich zu sein, brauche es einen Mentalitätswandel, sagt Mardisoo: „Was wir aus Estland mitgeben können, ist, alles so einfach wie möglich zu gestalten. Ich war in anderen Ländern tätig, wo die Menschen Angst vor den Behörden hatten. Das zu ändern ist das Erste, was wir anstreben sollten. Dann wird das Umfeld für Unternehmen viel günstiger, die aus der Komfortzone heraustreten und etwas Neues und Innovatives aufbauen wollen.“

Die Währung Vertrauen

„Selbst wenn es eine EU Inc. geben würde, würde ich jedes Mal wieder hier in Estland gründen. Ich sehe den positiven Ansatz der EU-Initiative, aber ich glaube, dass sie in der Realität bei Weitem nicht konkurrenzfähig zu dem Modell ist, das man hier über Jahrzehnte aufgebaut hat“, zieht Tim Schnöckelborg sein Fazit.

Dass Estland heute die Früchte seiner radikalen Digitalisierungsstrategie aus den 90er-Jahren erntet, steht außer Frage. Dennoch ist jede Gesellschaft ein Resultat ihrer Vergangenheit, und in Europa gibt es 27 verschiedene davon. Die Umsetzung einer EU Inc., die den Vorstellungen aller entspricht, bleibt eine Herkulesaufgabe. Estland kann keine Lösung für alle sein, aber der Besuch im baltischen Staat zeigt: Es kann anders gehen, und das mit Erfolg. Das kleine Land profitiert dabei vor allem vom wichtigsten Gut, das man braucht, um Strukturen zu verändern: Vertrauen. Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das erst geschaffen werden muss, bevor eine EU Inc. für alle und damit eine europaweite Verbesserung der Gründungsbedingungen gelingen kann.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

„Ethereum war in einer Findungsphase“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Ethereum war in einer Findungsphase“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Ethereum war in einer Findungsphase“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Ethereum war in einer Findungsphase“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Ethereum war in einer Findungsphase“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Ethereum war in einer Findungsphase“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Ethereum war in einer Findungsphase“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Ethereum war in einer Findungsphase“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Ethereum war in einer Findungsphase“