03.02.2017

Erste Reaktionen zu weXelerate: „Das Ding hebt uns auf eine andere Stufe“

Der Brutkasten hat einige Statements wichtiger Player in der Startup-Community zum neuen Mega-Startup-Zentrum in Wien zusammengetragen.
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(c) Peter Gugerell / Wikimedia Commons

Heute wurde bekannt, dass am Donaukanal in Wien mit weXelerate in den kommenden Monaten ein 8000 m²-Startup-Zentrum entstehen wird. Dahinter stehen neben weXelerate i5invest, Blue Minds Group und Camouflage Ventures. Auch Speedinvest und Pioneers sind unter anderem fix an Bord. Der Brutkasten hat nun erste Reaktionen dazu gesammelt.

+++ weXelerate: Wien bekommt 8000 m² Startup-Zentrum am Donaukanal +++


Hansi Hansmann – Business Angel

„Sehr coole Sache! Mit weXelerate gibt es in Wien erstmalig ein Projekt, das auch nach internationalen Maßstäben wirklich groß ist und hohe professionelle Ansprüche erfüllt. Ich supporte das, kenne alle handelnden Personen gut und stehe mit ihnen in Kontakt. Das Ding hebt uns auf eine andere Stufe.“

Harald Mahrer – Staatssekretär (ÖVP)

„Ich kenne das Projekt aus der Konzeptionsphase, schätze alle engagierten Partner und halte weXelerate für eine tolle Ergänzung für den Startup Hotspot Wien! Wieder ein Baustein der die Dynamik der Community zeigt!“

Elisabeth Hakel – Startupsprecherin (SPÖ)

„Die Zusammenarbeit von innovativen Jungunternehmern mit etablierten Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik hat einen besonders hohen Stellenwert für mich. Klar, dass wir aus der Politik auch dafür sorgen müssen, dass die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Daher freut es mich ganz besonders, dass ein weiterer Innovations-Hub in Wien entsteht. Hinter „weXelerate“ stehen erfolgreiche Namen die ganz sicher der Garant dafür sind, dass hier ein österreichisches Startup-Zentrum entstehen wird, dass auch international für Furore sorgen wird. Herzliche Gratulation!“

+++ “Wir werden Kompromisse finden”: Elisabeth Hakel über das Startup-Paket +++

Eveline Steinberger-Kern – Founderin Blue Minds Company

„Mit WeXelerate entsteht endlich auch in Wien ein Supernetzwerk aus Industrie und Wirtschaft, internationalen Startups, Vertriebs- und Servicepartnern, Forschungseinrichtungen und Universitäten sowie Investoren, wie es die erfolgreichsten Innovationsregionen in Kalifornien oder Israel bereits haben. Damit können wir unsere Industrie zu Hause für die digitale Zukunft fit machen und endlich ein starkes Zeichen setzen, um internationale Startups und digital brain nach Wien zu holen sowie hier zu halten. Ich bin sehr glücklich, Teil dieses open innovation-Ansatzes sein zu können.“

Markus Raunig – Geschäftsführer AustrianStartups

„Ein beeindruckendes Konzept mit einer starken Vision für den Standort Österreich. Die Aufbruchsstimmung der letzten Wochen ist richtig ansteckend. Jetzt gilt es gemeinsam die Rahmenbedingungen für Startups in Österreich weiter zu verbessern, damit dieser Space auch mit Leben erfüllt wird.“

Selma Prodanovic – Business Angelina

„Das ist ein weiterer Schritt zum Startup Hub Wien, an dem auch wir seit 2009 arbeiten. Ich freue mich sehr, dass das Thema Innovation & Startups in eine Prime Location einziehen und sich in Weltklasse-Design einbetten wird. Das ist ein gutes Zeichen. Das Vernetzungskonzept auf vier Ebenen ist richtig und vielversprechend! Und so wie ich das Führungsteam kenne, werden wir bald noch eine vierte Sparte erleben – solving real-life problems!“

Oliver Holle – Founder Speedinvest

„Wien benötigt seit langem ein auch klar sichtbares Leuchtturmprojekt, wo Startups, Investoren und interessierte Corporate Partner zusammen kommen. Mit weXelerate wurde nun ein wirklich attraktives Konzept inklusive Immobilie ins Leben gerufen. Wir von Speedinvest freuen uns, in dieser attraktiven Umgebung unser neues Büro zu beziehen und sind uns sicher, dass sich eine Reihe von Synergien mit den anderen Aktivitäten in diesem Haus ergeben werden. Insgesamt ein weiterer wichtiger Schritt in die richtige Richtung!“

Andreas Tschas – Founder Pioneers

 

„weXelerate ist ein wichtiger Schritt für den Standort Wien. Wir hoffen, dass Wien nun dadurch auch noch mehr internationale Sichtbarkeit bekommt, wir wollen weXelerate dabei unterstützen. Ich stell mir nur vor, wenn nun internationale Investoren, Firmen, Startups und Talente nach Wien kommen gibt es für sie eine Anlaufstelle, einen zentralen Space, in dem sie sich gut mit der Wiener Community vernetzen können. Auch für die Österreichische Szene bietet der Space eine tolle Möglichkeit sich auf kurzem Wege auszutauschen. Vor allem auch etablierte Firmen können sich hier ein Bild von der Startupszene machen. Ich wünsche dem Team alles Gute und möglicherweise brauchen ja auch wir bald ein größeres Office, die Verhandlungen laufen!“

Martin Giesswein – Co-Founder Talent Garden

„Wir sind happy, dass 2017 in Wien viel für die Community passiert. Dafür startet ja das größte Europäische Campusnetzwerk Talent Garden mit unserem Talent Garden A1 Telekom Austria Campus im 9. Bezirk für Startups, Freelancer, EPUs, bestehende Firmen und deren Acceleratoren. Dass weXalerate vor allem internationale Startups nach Wien holen will, ist gut für den Standort. Wir freuen uns auf den weiteren Austausch mit Hassen und seinem Team.“

+++ Talent Garden: Wien bekommt 5.000 m² großen Startup-Campus +++

Ali Mahlodji – Founder Watchado

„Wie geil ist das bitte! Ich denke, der Tipping Point ist erreicht und unsere kleine Bundeshauptstadt wird endlich in dem Licht gesehen, das sie verdient hat.“

Bianca Gfrei – Founderin Kiweno

„Die jüngsten Entwicklungen sind sehr erfreulich und werden Wien als internationalen Startup Hub hoffentlich weiter bringen. An weXelerate gefällt mir besonders, dass nicht nur die Community untereinander vernetzt und den Austausch zwischen Gründern, Investoren und Szene-wichtigen Playern wie Pioneers gefördert werden soll, sondern endlich auch die Old-Economy und Startups enger zusammen gebracht werden. Hier liegt sehr viel ungenutztes Potenzial, von dem beide Seiten immens profitieren können und langfristig auch müssen!

Im internationalen Vergleich gab es hierfür in Österreich bislang nur sehr begrenzte Möglichkeiten. Daneben ist auch die stärkere Vernetzung mit dem osteuropäischen Markt ein wichtiges Ziel und bietet nicht nur die Chance, den Talent-Pool zu erweitern, sondern kann vice versa für heimische Startups auch die Türe zu neuen Märkten eröffnen. Und nicht zuletzt sind die Lage und imposante Immobilie, in der das Startup-Zentrum entstehen wird, das ‚Tüpftelchen auf dem i‘ und haben das Potential, den Stellenwert von Startups und dem Ökosystem in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken.“

Christoph Richter – Founder Zoomsquare und Intellyo

Grundsätzlich finde ich es fantastisch, dass sich hier nun einiges bewegt. Und auch dass sich die Österreichischen Old-Economy-Riesen hier mit den erfahrenen Partnern zusammensetzen um sinnvolle Lösungen zu erschaffen. Nur ist hier, bei der großen Menge an Platz die Frage wie effizient dieser auch gefüllt wird. Das geht meiner Meinung nach nur durch ein Effizientes holen von CEE Startups nach Wien, dass derzeit eher spärlich betrieben wird. Von offizieller Stelle genauso wie von den startupnahen Organisationen. Außerdem bin ich auf das Eventkonzept gespannt. In Wien sind wir zwar ziemlich weit gekommen, aber für den nächsten Schritt brauchen wir viel Internationales Wissen. Daher glaube ich ist es essentiell, hier auch Geld in die Hand zu nehmen und gute Internationale Speaker nach Österreich zu holen. Und das quasi alle zwei Wochen.“

Petra Dobrozka – Co-Founderin Byrd

„Es ist super, dass es in Österreich immer mehr Initiativen gibt, die junge Startups unterstützen. Gerade in der Anfangsphase ist es für Startups ein großer Vorteil, finanziell entlastet zu werden und sich beispielsweise Kosten für Büroflächen zu sparen. Noch viel wichtiger ist es eine Umgebung zu haben, in welcher man sich täglich Input von anderen Startups, Mentoren und Investoren holen kann – das sind die besten Bedingungen um als Startup richtig loszustarten!“

Bernhard Holzer – PR-Profi und Pressesprecher AustrianStartups

„Ich bin jetzt nach zwei Jahren in Berlin bei Rocket Internet seit wenigen Wochen zurück in Wien und was hier gerade passiert ist in einem Wort unglaublich. Wir erleben hier gerade auf allen Ebenen eine gewaltige Aufbruchstimmung. Nachdem vor wenigen Wochen mit Talentgarden das europaweit führende Startup-CoWorking-Netzwerk sein bisher größtes Projekt in Wien verwirklichen wird (und damit München ausstach), setzt weXelerate ein weiteres echtes Ausrufezeichen. Damit hat Wien nun alle Chancen sich auch mittelfristig als DER Startup-Hub in Mittel- und Osteuropa zu etablieren, denn weder Budapest, Prag oder Belgrad bieten infrastrukturell vergleichbares.

Abgesehen von Station F, dem gerade entstehenden, weltgrößten Tech Campus  im Pariser Bahndepot Halle Freyssinet dürfte weXelerate gerade das mit größte Projekt für Startups in ganz Europa werden. Selbst in ganz Deutschland gibt es von der Größe her außer dem neuen Rocket Tower in Berlin Kreuzberg kaum Vergleichbares. Ein dortiges Betahaus oder eine Factory sind da deutlich kleiner. Die größte Challenge wird nun sein, die  8.000 Quadratmeter bei weXelerate und 5.000 Quadrameter bei Talentgarden zu füllen und diesen Projekten auch richtig Leben einzuhauchen. Aber ich denke die Initiatoren werden sich genug Gedanken dazu gemacht haben. Der Knackpunkt wird für mich sein, auch aktiv genügend ausländische Startups nach Wien zu holen. Hier ist auch die Politik gefordert, zeitnahe unbürokratische Rahmenbedingungen zu schaffen und Anreize zu setzen.“

+++ Bernhard Holzer: “Startup bedeutet Hochschaubahn fahren” +++

Michael Steiner – Founder all about apps

„Es freut mich sehr, dass nach Talent Garden auch ein zweiter großer Co-Working-Space entsteht. Es wird sehr viele positive Effekte, alleine schon durch die Bündelung der Kompetenzen an einem Ort, geben. Ich wünsche den Betreibern alles Gute und freu mich auf tolle Gespräche und Veranstaltungen im neuen Startup-Hub Wiens.“

Martin Bittner – Founder Acccoi

„Ich bin überzeugt, dass weXelerate ein cooler Cuvée aus erfahrenen Partnern, einem super-urbanen – und daher attraktiven – Standort und nicht zuletzt einer Dimension auf internationalem Niveau ist. Ich freue mich, wenn weXelerate Gravitation weit über Wien hinaus erreicht!“

Maximilian Nimmervoll und Lorenz Edtmayer – Founderduo Tailored Media Group

Nimmervoll: „Ich konnte gerade letzte Woche das PlugAndPlay Tech CENTER im Silicon Valley besuchen und bin von dem Spirit begeistert. Dieses Konzept nach Wien zu holen, ist ein wirkliches Ausrufezeichen.“ Lorenz Edtmayer: „Genau solche Initiativen braucht das Startup- & Innovationsland Österreich! Es ist sehr schön zu sehen, dass die Startups mit der neuen Location regelrecht ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung gerückt werden!“

Matthias Ruhri – Head of Company Builder bei Up to Eleven, Graz

„Jede neue Initiative ist zu begrüßen, die den Gründungsstandort Österreich nach vorne bringt. Gerade in Richtung Internationalität des Startup-Ökosystems wird das Projekt positive Impulse aussenden.“

Werner Sammer – Ideentriebwerk Graz

„weXelerate ist eigentlich dieses Leuchtturmprojekt, das dem Startup-Standort Österreich bisher immer gefehlt hat. Hier werden komplett neue Dimensionen als Innovationsbrennpunkt eröffnet. Das könnte gemeinsam mit dem großen Talent Garden-Campus die österreichische Startup-Szene endlich zur verdienten internationalen Sichtbarkeit verhelfen.“

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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Um vom Flughafen in Tallinn in die Innenstadt zu kommen, bietet sich eine Fahrt mit dem Fahrdienst Bolt an. Die Autos, E-Scooter und Leih­räder des estnischen Unicorns prägen hier das Straßenbild. 2013 gegründet macht das Unternehmen mittlerweile mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Die Erfolgsgeschichte von Bolt ist in Estland kein Einzelfall: Bei 1,3 Millionen Einwohner hat der baltische Staat bereits zehn Unicorns hervorgebracht – eine der höchsten Konzentrationen pro Kopf weltweit. Das Auto wird per App bestellt, keine zwei Minuten später ist es da. Der Fahrer scherzt über die durchaus kühlen 16 Grad Mitte Juli: „Estonian summer!“, sagt er schmunzelnd, mit russischem Akzent. Ungewöhnlich ist das in Estland nicht, war man hier vor knapp 40 Jahren doch noch Teil der Sowjetunion.

„Das Land hatte es natürlich nicht einfach. Als es 1991 unabhängig wurde, standen die Esten erst mal vor dem Nichts. Aber sie hatten auch die Chance, von null anzufangen – und haben dann aufs richtige Pferd gesetzt: die Digitalisierung“, sagt Tim Schnöckelborg, ein Deutscher, der seit eineinhalb Jahren in Estland lebt und hier bereits mehrere Unternehmen gegründet hat.

Der digitale Staat

An diesem sonnigen Tag tummeln sich auf dem Rathausplatz in der Mitte Tallinns viele Menschen. Schnöckelborg ist einer von ihnen. Vom digitalen Staat hat er vor allem bei der Gründung seiner Unternehmen profitiert. Bei einem Kaffee erklärt er, was den Kern des Systems ausmacht:

„Der große Vorteil kommt dadurch zustande, dass hier die gesamte Administration des Landes digitalisiert ist. Du kannst also mit der elektronischen Unterschrift alles nutzen, was ein Staat an Dienstleistungen bietet.“

© Hannah Fasching – Tim Schnöckelborg.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann das e-Estonia Briefing Centre aufsuchen, ein eigenes Besucherzentrum, das über den digitalen Staat informiert. Ein Besuch zeigt: Die digitale Gesellschaft basiert zunächst auf Wissen. Durch landesweite Schulungsprogramme und Initiativen für Senior wurde die gesamte Bevölkerung mitgenommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Transparenz: „Die Behörden können auf sehr viel zugreifen, theoretisch auch auf mein Bankkonto. Wichtig ist aber: Niemand kann deine Daten geheim abrufen. Ich kann online einsehen, wer wann mit welcher Begründung welche Daten von mir von einer Behörde in die andere transferiert hat. Das schafft Vertrauen“, beschreibt Schnöckelborg seine Erfahrung.

Unternehmensgründung aus der Ferne

Schnöckelborg hat in Estland schon mehrere Unternehmen gegründet, er ist ein sogenannter „e-Resident“. Das estnische e-Residency-Programm ermöglicht ausländischen Staatsangehörigen einen sicheren Zugang zu den elektronischen Behördendiensten Estlands. So lässt sich aus fast allen Ländern der Welt in rund 15 Minuten ein estnisches Unternehmen gründen.

„Anfangs dachten wir, es wäre vor allem für Menschen außerhalb der EU attraktiv, da ein estnisches Unternehmen ihnen den EU-Binnenmarkt öffnen würde. Nach etwa der Hälfte der Zeit stellten wir fest, dass es aufgrund der geringen Bürokratie auch für EU-Bürger sehr attraktiv ist“, erzählt Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency. Seit dem Start des Programms 2014 haben mehr als 133.000 Personen aus 185 Ländern den e-Residency-Status erhalten und zusammen etwa 39.000 Firmen gegründet. So auch Tim Schnöckelborg:

„Ich habe mein erstes Unternehmen als e-Resident an einem Freitagabend gestartet, und am Samstagmorgen war die Firma da“, blickt er nach wie vor verblüfft zurück.

Was Gründer zusätzlich nach Estland zieht, ist das Steuersystem. „Wir besteuern Unternehmen nicht, solange sie das Geld im Unternehmen belassen. Es gibt also keine Körperschaftsteuer auf einbehaltene Gewinne. Steuern fallen erst an, wenn man Geld aus dem Unternehmen entnimmt, und davon profitieren auch wir: Im vergangenen Jahr zahlten e-Residency-Unternehmen Steuern in Höhe von über 125 Millionen Euro in Estland“, so Vahtras. Im „International Tax Competitiveness Index“ der US-Denkfabrik Tax Foundation, der die OECD-Länder vergleicht, liegt Estland seit zwölf Jahren auf Platz eins.

Europa, der zersplitterte Markt

In den Gesprächen, die von Euphorie über das estnische System geprägt sind, schleicht sich immer wieder Frustration ein. Denn so gut das System hier funktioniert: Im europaweiten Markt stoßen die Gründer dennoch auf Blockaden. Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society, kennt die Probleme.

Mardisoo ist Gründerin des Insurtechs Cachet, das sie von Estland aus in elf Länder skalierte. Heute setzt sie sich in der Society für die nächste Generation von Gründer:innen ein und versucht, Blockaden europaweit abzubauen. „Wenn ich mit meinem Unternehmen in Europa expandieren will, begegne ich 27 verschiedenen Arten der Unternehmensregistrierung, 27 verschiedenen Notar- und Gerichtssystemen. Wenn du als kleines Startup ein globales Unternehmen aufbauen willst, bist du oft besser dran, woanders hinzugehen, meist in die USA. Das tun viele Startups – und das ist nicht gut für Europa“, so Mardisoo.

© Mardisoo – Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society.

Auf die Frage, warum die EU für Unternehmensgründungen so unattraktiv sei, antwortet Mardisoo ohne Zögern: „Zu 100 Prozent das Geld. Die Hauptprobleme sind das Geld, die Investor:innen und die Investitionen.“

Vahtras von e-Residency ergänzt: „Investoren sagen sehr oft: ‚Gründe eine Firma in Delaware, weil das für mich einfacher ist‘“ – einfacher, als sich mit den unterschiedlichen Rechtsordnungen der EU-Mitgliedstaaten auseinanderzusetzen. Um diesen Kapital- und Talentabfluss zu stoppen, ruht die Hoffnung nun auf einem Konzept aus Brüssel: der EU Inc.

Das „28. Regime“

Hinter der EU Inc. steht die Forderung nach einer einheitlichen europäischen Gesellschaftsform, dem sogenannten „28. Regime“: Neben 27 nationale Rechtsformen soll eine 28. treten, die eine schnelle, vollständig digitale Gründung ohne Mindeststammkapital ermöglicht.

Nachdem die Forderung nach der EU Inc. über die Jahre von Tausenden europäischen Gründer getragen wurde, verkündete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 20. Jänner 2026 beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Vorhaben. Ziel sei eine wahrhaft europäische Unternehmensstruktur mit einheitlichen Kapitalregeln in der gesamten EU: „Unsere Unternehmer, die innovativen Firmen, werden ein Unternehmen binnen 48 Stunden in jedem Mitgliedstaat anmelden können, komplett online. Letzten Endes brauchen wir ein System, in dem Unternehmen nahtlos in ganz Europa Geschäfte machen und Finanzmittel beschaffen können, genauso einfach wie auf einheitlichen Märkten wie den USA oder China.“

Am 18. März 2026 legte die Kommission den Verordnungsentwurf erstmals vor. In der europäischen Startup-Szene stieß er auf heftige Kritik, weil zentrale Forderungen wie die freie Wahl des Registrierungssitzes von Unternehmen nicht erfüllt wurden. Eine Überarbeitung fordern europaweit Vertreter der Szene mit der Initiative „EU-INC“.

Estland als Weg zur EU Inc.?

Zurück im baltischen Staat: Was mit dem 28. Regime gefordert wird – also der Digital-first-Ansatz, geringes Startkapital sowie eine schnelle und grenzüberschreitende Unternehmensgründung –, setzt Estland mit e-Residency bereits seit mehr als zehn Jahren um. Warum das Konzept also nicht einfach kopieren?

© Vahtras – Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency.

„Wir haben zur Kommission gesagt: ‚Schaut euch unser Programm an, schaut, wie wir das gelöst haben; vielleicht könnt ihr es wiederverwenden‘“, sagt Vahtras, und weiter: „Unser System ist nicht zu 100 Prozent das, was die EU Inc. sein soll, aber auch, wenn wir nur 50 Prozent der Lösungen bereits umsetzen, sind wir bereit, das zu teilen. Ich hoffe, dass die EU Inc. funktionieren wird – und dass sie die estnische e-Residency als eine Art Blaupause in Betracht ziehen; einfach, um zu sehen, was für uns funktioniert.“

Starken Gegenwind bekommt die EU Inc. von lokalen Akteuren wie Gewerkschaften und Notariatskammern. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand Angst vor der EU Inc. haben sollte“, erklärt Hedi Mardisoo. „Einige große Länder blockieren die Umsetzung immer noch und versuchen, viele der wichtigsten Punkte zu verwässern. Man muss sich die Frage stellen: Will man das Alte tatsächlich verändern – oder will man die neue Regulierung einfach so hinbiegen, dass sie zum eigenen System passt? Das kann nicht funktionieren. Wenn man neue Innovationen regulieren will, kann man sie nicht in die alten Rahmenbedingungen quetschen.“

Um mit der EU Inc. erfolgreich zu sein, brauche es einen Mentalitätswandel, sagt Mardisoo: „Was wir aus Estland mitgeben können, ist, alles so einfach wie möglich zu gestalten. Ich war in anderen Ländern tätig, wo die Menschen Angst vor den Behörden hatten. Das zu ändern ist das Erste, was wir anstreben sollten. Dann wird das Umfeld für Unternehmen viel günstiger, die aus der Komfortzone heraustreten und etwas Neues und Innovatives aufbauen wollen.“

Die Währung Vertrauen

„Selbst wenn es eine EU Inc. geben würde, würde ich jedes Mal wieder hier in Estland gründen. Ich sehe den positiven Ansatz der EU-Initiative, aber ich glaube, dass sie in der Realität bei Weitem nicht konkurrenzfähig zu dem Modell ist, das man hier über Jahrzehnte aufgebaut hat“, zieht Tim Schnöckelborg sein Fazit.

Dass Estland heute die Früchte seiner radikalen Digitalisierungsstrategie aus den 90er-Jahren erntet, steht außer Frage. Dennoch ist jede Gesellschaft ein Resultat ihrer Vergangenheit, und in Europa gibt es 27 verschiedene davon. Die Umsetzung einer EU Inc., die den Vorstellungen aller entspricht, bleibt eine Herkulesaufgabe. Estland kann keine Lösung für alle sein, aber der Besuch im baltischen Staat zeigt: Es kann anders gehen, und das mit Erfolg. Das kleine Land profitiert dabei vor allem vom wichtigsten Gut, das man braucht, um Strukturen zu verändern: Vertrauen. Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das erst geschaffen werden muss, bevor eine EU Inc. für alle und damit eine europaweite Verbesserung der Gründungsbedingungen gelingen kann.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

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