28.08.2024
INTERVIEW

Entrepreneurship-Experte Vyakarnam: „Ein Startup ist ein aufregender Albtraum“

Interview. Shailendra Vyakarnam, ist Professor, Mentor und Investor. Im Interview gibt er uns Einblicke über Tiger und Kamele und warum Einhörner für ihn keine Prioriät haben.
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Ein Mann lacht in die Kamera
Shailendra Vyakarnam (c) IECT Summer School

Im Rahmen der I.E.C.T. Summer School hat brutkasten mit Shailendra Vyakarnam gesprochen. Vyakarnam ist Experte auf dem Gebiet der Entrepreneurship Education. Auf Einladung von Hermann Hauser, dem österreichischen Unternehmer und Risikokapital-Investor, kommt der Experte seit Jahren nach Tirol. Er will unternehmerisches Denken durch Information und Inspiration fördern und diese Leidenschaft wird im Gespräch deutlich. Er erklärt, warum Einhörner für ihn keine Priorität haben und was erfolgreiches Wachstum bedeutet.

Vyakarnam über den Wandel am Entrepreneurship

brutkasten: Bereits seit zehn Jahren sind Sie in Tirol an der I.E.C.T. Summer School zu Gast. Welche Entwicklungen konnten Sie in dieser Zeit mitverfolgen?

Vyakarnam: Was ich beobachte, ist ein Wandel zugunsten des Entrepreneurship. Die Teilnehmer:innen der Summer School scheinen besser informiert zu sein. Früher gab es den Spirit von „Ist das in Ordnung, darf man das überhaupt tun, ist es ethisch, das zu tun?“ Jetzt haben die Bewerber:innen, die kommen, eher bodenständige und praktische operative Fragen. Damit meine ich nicht, sie würden Ethik außer Acht lassen. Ich denke aber, dass vor zehn Jahren die Einstellung von Entrepreneurs eher war: „Lasst uns zuerst um Erlaubnis bitten und dann handeln.“ Das hat sich geändert.

Und worin sehen Sie den Grund für diesen Wandel den Sie beobachten?

„Everybody is breathing entrepreneurship!“ Unternehmertum liegt einfach in der Luft. Die Medien wie eures spielen dabei eine wichtige Rolle – Podcasts, Artikel und Zeitungen tragen ihren Teil dazu bei und immer mehr Firmen sind involviert. Die Gesellschaft erkennt, dass Unternehmertum eine echte Option ist. Vielleicht ist es auch die Realität der globalen Wirtschaftskrise.

Auch die Finanzierung im Universitätslektor, die nicht mehr so großzügig ist wie in der Vergangenheit, spielt eine Rolle. Doktorand:innen, die früher eine akademische Karriere angestrebt hätten, denken jetzt: „Es gibt vielleicht ein Leben außerhalb der Universität, wo ich eine junge Familie gründen, ein Leben aufbauen und etwas bewirken kann.“

eigene Darstellung / Daten: IECT Summer School

Sie verbringen viel Zeit mit Gründer:innen und jenen die es werden wollen. Welche Themen beschäftigen Ihre Student:innen am meisten?

Ich denke, wenn wir auf Deep Tech, Wissenschaft und Technologie schauen, sind die am häufigsten gestellten Fragen jene nach geistigem Eigentum. Sie wollen wissen – wem gehört die Idee und wie trennt man das von der Universität, aus der die Idee stammt? Das ist ein sehr häufiges Thema. Das zweite ist natürlich die Frage nach Kapitalbeschaffung. Wo bekommt man Finanzierung für die Idee? Das wollen Gründer:innen immer wissen.

Einhörner, Kamele und Tiger

Die Frage nach Wachstum und Skalierung von Startups ist eine, mit der Sie sich beschäftigen. Darüber haben Sie auch Ihr Buch mit dem Titel „Camels, Tigers and Unicorns“ geschrieben. Welche dieser Startup-Prägungen finden Sie am interessantesten und warum?

Mir sind Kamele und Tiger am liebsten. Nehmen wir das Kamel, es ist ein Langstreckentier. Ein Kamel konserviert seine Ressourcen und bleibt beständig bei seiner Tätigkeit. Der Tiger hingegen ist ressourcenhungrig, oft auf der Jagd und auf der Suche nach mehr. Dann gibt es das Einhorn. Das Einhorn ist einfach eine Erfindung der Menschheit und des Silicon Valleys. Die Einhörner-Startups existieren zwar. Politiker:innen lieben sie. Die Gesellschaft liebt sie. Damit zelebrieren sie aber nur das Geldverdienen und nicht den Impact, den diese Unternehmen haben.

Das steht so übrigens nicht im Buch, das ist nur meine Meinung. Ich finde es nämlich nicht besonders aufregend, wenn wir nur Menschen, die Milliardäre werden zelebrieren. Was ich viel spannender finde, ist, wenn wir Gutes tun und dabei erfolgreich sind. Wenn unsere Unternehmen einen Unterschied machen und dabei Geld verdienen. Das kann ein Kamel oder ein Tiger sein. Eines hat mehr Ausdauer, das andere mehr Lebendigkeit.

Hat der Fokus auf Einhörner nicht auch mit der Erwartung, die Gründer:innen oft an sich selbst haben, etwas Außergewöhnliches zu schaffen? Besonders erfolgreich zu sein?

Ich denke, wir atmen zu viel von dem Zeug von Elon Musk, Steve Jobs, Bill Gates und diesen exotischen Vorbildern ein. Ich glaube, dass jemand so viel geschafft hat, bewegt junge Leute. Und natürlich auch die Medien, denn das sind spannende Geschichten, über die man schreiben kann. Aber wenn man sich die Unternehmenslandschaft anschaut, ist die überwiegende Mehrheit entweder Kamel oder Tiger.

Zu Ihrer Erfahrung im Bereich Coaching und Mentoring von Gründer:innen. Gibt es einen Rat, den Sie besonders häufig an Startups weitergeben?

Wahrscheinlich die Frage nach dem Purpose. Ein Unternehmen muss einen Zweck haben. Ich kann persönlich keine weitere Geschäftsidee ertragen, in der es nur darum geht, Geld zu verdienen. Wenn sich Menschen zusammenfinden, müssen sie wissen, warum sie das tun. Was wird sie morgens aufwecken? Was wird Sie den ganzen Tag lang begeistern? Warum würden Leute darin investieren und warum würden Kunden begeistert sein? Die Antwort ist: Dort, wo etwas einen echten Zweck hat, um ein echtes Problem für echte Menschen zu lösen.

über die Wachstumsphasen

Jetzt ist der Purpose definiert und klar. Die Gründer:innen sind mitten im Tun und wollen wachsen. Sie suchen Rat und fragen nach den richtigen Skalierungsschritten. Was sagen Sie ihnen?

Ich habe viel mit sogenannten Wachstumsunternehmen gearbeitet. Dabei gibt es fünf wesentliche Komponenten, auf die ich als Mentor immer gepocht habe: Erstens: Die Strategie des Unternehmens klären. Dies ist ein Kernelement, das geht auch wiederum auf den Purpose zurück. Das große Warum.

Zweitens: Die Bedürfnisse der Kund:innen tiefgreifend verstehen und sich auf das Produkt und die Anforderungen der Kunden:innen konzentrieren. Gibt es genügend Bedarf? Hier spielen sowohl psychologische als auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle.

Drittens: Get the numbers right! Es ist wichtig zu verstehen, wie die Zahlen im Unternehmen funktionieren. Dazu gehören die detaillierten Zahlen, die Gewinn- und Verlustrechnung, die Bilanz, die Managementberichte, die Herkunft der Gewinne und das Geschäftsmodell, das all dies ermöglicht.

Viertens: Das Team aufbauen und die Teamqualität sicherstellen. Dies betrifft sowohl die Rollen im Team als auch die Interaktionen innerhalb des Teams.

Zu guter Letzt: All diese Elemente zusammenführen, um einen Plan zu erstellen, damit klar ist, was genau umgesetzt werden soll. Es geht also sowohl um die analytische Betrachtung als auch um die praktische Umsetzung.

Gibt es in diesen Wachstumsphasen Fehler, die Sie bei Startups häufig beobachten? Welche Aspekte werden Ihrer Erfahrung nach oft übersehen?

Das ultimative Scheitern ist es, kein Geld mehr zu haben. Also nicht aufzupassen, wie Startups ihr Geld ausgeben. Das ist ein sehr kritischer Aspekt. Operativ gesehen: Nicht zu verstehen, wo sie im Markt stehen und daher nicht zu wissen, wie sie das Angebot erstellen müssen, das tatsächlich den Bedürfnissen der Kund:innen entspricht. Wenn das zu lange dauert, werden sie früher oder später kein Geld mehr haben. Das ist definitiv ein häufiges Problem. Das Leben eines Startups ist eine Achterbahnfahrt. Ein Startup ist ein aufregender Albtraum. Es passiert immer irgendwas. Und in einem Startup können sie sich auf so viele verschiedene Arten in Schwierigkeiten befinden.

In welcher Phase der Achterbahnfahrt kommen Startups dann auf Sie zu und fragen um Rat?

Oft kommen Entrepreneurs mit einer Idee zu mir. Dann beginnt man Themen wie die Kundschaft und die Probleme zu erörtern. Das hilft schon meist. Wenn sie zurückkommen, ist das oft, wenn sie die nächste Wachstumsphase finanzieren müssen und fragen, ob ich sie an bestimmte Kontakte weiterleiten kann oder ob ich ihnen anderweitig helfen kann.

Mit Freunden haben wir ein Modell namens „Quiet Accelerator“ entwickelt. In diesem Modell sprechen wir mit Founder:innen, die sehr frühe Ideen haben und unterstützen sie dabei, über ihren Weg nachzudenken, und in einigen Fällen haben wir auch erste Gelder investiert. Wir bleiben gelegentlich in Kontakt, um zu sehen, wie es ihnen geht.

Wie wissen Gründer:innen, wann es Zeit ist, in die Wachstumsphase überzugehen? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um größer zu werden? Welche Vorarbeit muss dafür geleistet werden?

Die meisten Unternehmen erreichen nach etwa sieben Jahren Stabilität mit wiederkehrenden Einnahmen von mindestens zwei oder drei Kunden. Ehrlich gesagt spielt es keine Rolle, aus welchem Sektor sie kommen, es scheint etwas Magisches an diesen sieben Jahren zu geben. Bitte testen Sie diese Hypothese bei so vielen Personen wie möglich.

Wachstum ist möglich, wenn ein wiederholbares, skalierbares Geschäft vorliegt, mit wiederkehrenden Einnahmen. Bis dahin ist ein Startup von Risikokapitalgebern abhängig. Das ist ein anderes Wachstumsmodell: Risikokapital strebt an, durch den Verkauf des Unternehmens Gewinne zu erzielen, nicht unbedingt durch die Skalierung des Geschäfts.

Wachstumsphasen gehen auch mit Investitionen einher. Manchmal müssen sich Startups daher entscheiden, ob sie lieber profitabel bleiben oder wachsen wollen. Was für einen Tipp haben Sie hier?

Ich denke Finanzierung durch Bankschulden sind eine der gefährlichsten Maßnahmen. Spekulativ würde ich diese Strategie für das Wachstum nicht verfolgen. Ich würde Schulden ausschließlich zur Finanzierung meines Betriebskapitals verwenden, was Teil des Wachstums ist. Ich würde sie nicht nutzen, um eine neue Fabrik zu bauen oder Ausrüstung anzuschaffen. Stattdessen würde ich nach Investor:innen, Zuschüssen und möglicherweise langfristigen Krediten suchen, aber nicht nach regulären Schulden, die ich laufend bedienen muss.

Wie definieren Sie einen gelungenen Skalierungsprozess? Wann hat ein Startup Ihrer Meinung nach einen erfolgreichen Wachstumsschritt vollzogen?

Wenn es immer mehr zufriedene Kund:innen gibt, die bereit sind zu zahlen und deren Leben dadurch verbessert wird. Unternehmen, die über viele Jahre des Industrialisierungsprozesses gewachsen sind, sind Beispiele für erfolgreiches Wachstum. Natürlich haben wir auf diesem Weg auch den Planeten belastet. Daher müssen wir darüber nachdenken, wie wir künftig vorgehen. Wenn Sie mich also fragen, was in zehn Jahren ein gutes Wachstumsunternehmen ausmacht, dann ist es eines, das Teil einer Kreislaufwirtschaft ist, in der alle im Team verstehen, warum sie dabei sind und welchen Beitrag sie leisten. Alle verdienen Geld, aber wir zerstören damit nicht den Planeten.


Zur Person

Dr. Shailendra Vyakarnam war Gründungsdirektor des Centre for Entrepreneurial Learning an der University of Cambridge und ist derzeit Gastprofessor am Bettany Centre for Entrepreneurship an der Cranfield University. Er ist Mentor, Coach und Investor und lehrt im Rahmen der I.E.C.T. Summer School.

Zur IECT Summer School

Hermann Hauser und sein „Cambridge-Netzwerk“ teilen in Innsbruck ihr Knowhow und angewandtes Wissen mit den Gründer:innen, damit sie in den Bereichen Produktmanagement, Customer Value Proposition, Marketing, Business Model, IP Strategy und Finance möglichst erfolgreich sind.

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30.10.2026

Zwischen „Tagespresse-Meldung“ und „großer Chance“: Das sagt die Szene zum geplanten KI-Zentrum in Wien

Die Pläne der Bundesregierung für ein internationales KI-Zentrum unter dem Dach der UNO in Wien stoßen in der heimischen Tech- und Startup-Szene auf unterschiedliche Reaktionen. Während einige darin eine Chance sehen, Österreich als internationalen Standort für KI-Governance und Innovation zu stärken, hinterfragen andere den konkreten Nutzen und kritisieren die politischen Prioritäten. Ein Überblick.
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KI-Rechenzentrum Wien, UNO, UNO-Rechenzentrum
(v.l.o.) Manuel Mofidian, Mic Hirschbrich, Julia Eisner, Alexandra Ciarnau, (v.l.u.) Carina Zehetmaier, Jeanette Gorzala und Clemens Wasner. © Canva/Armin Hubner, zVg/ Women in AI/LinkedIn/paiper.one/Enlite.AI

Am Mittwoch schlug die Bundesregierung ein internationales KI-Zentrum in Wien vor. Es soll unter dem Dach der UNO angesiedelt werden und Staaten, Wissenschaft sowie Wirtschaft zusammenbringen, um das Potenzial von KI auszuloten, ihre Risiken zu erforschen und gemeinsame Standards zu entwickeln – brutkasten berichtete.


Wir haben uns in der heimischen Startup-Szene zu diesem Vorhaben umgehört und gemerkt, dass die Meinungen variieren: Es fallen Begriffe wie „Virtue Signalling“, globale KI-Governance, Antwort auf eine zentrale Machtfrage, Mehrwert und „Capacity-Building“.

Zehetmaier: „KI-Governance global denken“

Als ehemalige Vertreterin Österreichs und der EU bei der UNO in Genf weiß Carina Zehetmaier aus eigener Erfahrung, wie wichtig ein gemeinsamer Ort für die globale Zusammenarbeit zwischen Staaten sei.

„Die UNO hat mit dem Independent International Scientific Panel on AI und dem Global Dialogue on AI Governance bereits zwei wichtige Mechanismen für die globale KI-Governance geschaffen. Der erste ‚Global Dialogue‘ fand im Juli 2026 in Genf statt, womit die Stadt wichtige Vorarbeit geleistet hat. Wien besitzt nun die besten Voraussetzungen, um diese internationale Zusammenarbeit weiterzuentwickeln“, sagt die Vorsitzende der „Arbeitsgruppe 42“ bei Austrian Standards.

KI-Governance müsse ihr zufolge global gedacht werden – nicht nur aus der Perspektive einer einzelnen Region: „Gerade bei den leistungsfähigsten KI-Modellen brauchen wir internationale Zusammenarbeit, unabhängige Prüfungen und klare Verantwortlichkeiten. Als Gründerin von Humably – einem Startup, das Organisationen bei der verantwortungsvollen Entwicklung sowie beim Einsatz von KI unterstützt und Ausbildungsformate zur Stärkung menschlicher Aufsicht entwickelt – sehe ich sehr deutlich, wie wichtig es ist, Governance von Anfang an mitzudenken.“

Metriken und Evaluierungsmethoden

Dementsprechend bleibe es entscheidend, dass ein solches Zentrum — wie in Wien angedacht — nicht nur den globalen Dialog ermögliche, sondern konkrete Wirkung entfalte: durch unabhängige Prüfungen leistungsfähiger KI-Modelle sowie die systematische Erfassung und Untersuchung schwerwiegender Vorfälle, betont Zehetmaier.

„Darüber hinaus sollten wir international vergleichbare Metriken und Evaluierungsmethoden entwickeln, um auch die gesellschaftlichen Auswirkungen von KI systematisch zu untersuchen – etwa auf Grundrechte, Chancengerechtigkeit, Diskriminierung, Umwelt, Arbeitsmarkt und demokratische Prozesse. Denn wir müssen nicht nur wissen, ob ein KI-Modell sicher funktioniert, sondern auch, welche Folgen sein Einsatz für Menschen und Gesellschaften hat.“

Für Österreich sieht sie in einem solchen Zentrum einen enormen Gewinn – volkswirtschaftlich, für den Innovationsstandort und für die internationale Rolle der Republik. „Es könnte hochqualifizierte Talente aus aller Welt nach Wien bringen, internationale Expertise bündeln und Österreich als Standort für die Gestaltung globaler KI-Governance stärken“, meint die KI-Expertin.

Wien als vielfältiges Ökosystem

Die Hauptstadt hätte dafür bereits ein vielfältiges Ökosystem aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen: Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA), die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) oder das IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers).

Dazu kämen Forschungsprojekte wie FAIR-AI, Vereine wie Women in AI Austria und AI Austria und politisch gestützte Initiativen wie ShegoesAI, die Diversität und gesellschaftliche Teilhabe in der KI vorantrieben: „Wir haben somit ein Ökosystem, in dem Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Standardisierung und Zivilgesellschaft bereits heute an der verantwortungsvollen Gestaltung von KI arbeiten.“

Digitaler Humanismus

Was Wien darüber hinaus besonders auszeichne, sei seine Tradition des Digitalen Humanismus.

„Ein Beispiel dafür ist das von Prof. Sarah Spiekermann-Hoff an der WU Wien entwickelte ‚Value-based Engineering‘, welches Werte systematisch in die Technologieentwicklung integriert. Damit existiert hierzulande ein starkes Fundament, um technologische Innovation mit Grundrechten und demokratischen Werten zusammenzudenken. Genau diese Perspektive sollte auch in der globalen KI-Governance eine zentrale Rolle spielen“, sagt Zehetmaier.

Wasner: „Schlechtes Timing“

Eine abweichende Meinung zu diesem Thema hat Clemens Wasner, Gründer von enlite.ai. Er sieht diesen Vorschlag als „typisch österreichisches Virtue Signalling“, also das öffentliche Zurschaustellen moralischer Werte.

„Im ersten Moment dachte ich, es handelt sich dabei um eine Tagespresse-Meldung“, sagt er. „Man hat das Gefühl, dass das Land den Bedeutungsverlust seit der Ära Kreisky nie ganz verwunden hat und deshalb immer wieder nach internationaler Bühne sucht. Wie schon beim Sitz im UN-Sicherheitsrat oder den täglichen Erasmus-Meldungen aus dem Außenministerium zeigt sich, dass die Regierung Schwierigkeiten hat, ihre Prioritäten richtig zu setzen. Dabei liegen diese auf der Hand: Budget und Wirtschaft fixen, ‚Ease of Doing Business‘ verbessern, Forschung und Innovation fördern. ‚Virtue Signalling‘ ist keine Standortpolitik. Ein UN-Kooperationszentrum bringt weder Investitionen noch Rechenkapazität noch Gründungen ins Land.“

Wasner sieht zudem vor allem das Timing dieses Vorschlags als „besonders unglücklich“ an: „Nur eine Woche nach der Ankündigung drastischer Kürzungen bei den Universitätsbudgets wirkt das ziemlich realitätsfern. Man fragt sich, ob die Regierung die richtigen Berater hat, wenn sie sich ausgerechnet bei jener Community Pluspunkte holen will, die sie künftig unterfinanzieren wird. Die Zeit wäre besser investiert in Themen, für die die Menschen diese Regierung tatsächlich gewählt haben. Die Niederlande haben gestern angekündigt mithilfe von KI 25.000 Beamte einzusparen zu wollen, Österreich will Brownie-Points (Anm.: zynischer Ausdruck, um sich bei Autoritäten einzuschmeicheln) sammeln.“

Gorzala: „Strategische Antwort auf zentrale Machtfrage unserer Zeit“

CEO und Founderin von Act AI Now und stellvertretende Vorsitzende des KI-Beirats der österreichischen Bundesregierung Jeannette Gorzala meint, dass die Skalierung exponentieller Technologien schlicht nach einer neuen geopolitischen Architektur verlange.

„Der Vorstoß, ein UN-Zentrum für KI-Kooperation in Wien anzusiedeln, ist eine strategische Antwort auf die zentrale Machtfrage unserer Zeit: Wie sichern wir Kontrolle, wenn die Entwicklungsgeschwindigkeit unsere Institutionen längst herausfordert?“

Wien bringe hierzu entscheidende Assets mit: „Etwa die etablierte multilaterale Infrastruktur eines UN-Sitzes, diplomatische Reichweite und die Tradition des digitalen Humanismus. Das Fundament ist da. Jetzt geht es darum, daraus einen globalen Hub für KI-Sicherheit und verantwortungsvolle Innovation zu formen“, sagt sie.

Diplomatie dürfe jedoch nicht zum Synonym für Langsamkeit werden. „Im Zeitalter immer leistungsfähigerer KI-Modelle ist ein institutioneller Debattierclub ohne operative Wirkung keine Lösung. Die Zukunft von KI-Technologie ist global. Ihre Sicherheit auch. Wien kann der Ort sein, an dem aus globaler Konkurrenz gemeinsame Verantwortung wird.“

Women in AI: „Mehrwert in internationaler Koordination“

Alexandra Ciarnau, Präsidentin, und Julia Eisner, Vizepräsidentin Women in AI, stehen dem Vorschlag der Regierung grundsätzlich positiv gegenüber. „Wenn es ein KI-Zentrum unter dem Dach der UNO wird, könnte der Mehrwert vor allem in internationaler Koordination, wissenschaftlicher Zusammenarbeit, Governance und ‚Capacity Building‘ liegen“, sagen sie. „Ein reines KI-Rechenzentrum wäre zu wenig und da stellt sich die Kosten-Nutzen-Frage. Das beginnt beim Infrastruktur-Ausbau und geht bis hin zu höheren Energiepreisen für Haushalte.“

Österreichs Pläne für ein internationales KI-Zentrum sollten ihrer Ansicht nach nicht allein als technische Sicherheitsfrage gesehen werden. Ebenso wichtig sei der Blick auf vertrauenswürdige und verantwortungsvolle KI.

„Außerdem ist fraglich, welche Aufgaben, Ressourcen und Entscheidungsbefugnisse das Zentrum tatsächlich erhalten soll. Wichtig wäre, dass es bestehende internationale Initiativen sinnvoll ergänzt und nicht lediglich eine zusätzliche institutionelle Ebene schafft“, sagen sie. „Ebenso braucht es transparente Entscheidungsprozesse, wissenschaftliche Unabhängigkeit und eine breite Beteiligung unterschiedlicher Akteur:innen.“

„Zivilgesellschaft einbinden“

Dabei müsse Österreich nicht bei null beginnen. Das Land verfüge über eine vielfältige Forschungslandschaft, europäisch vernetzte KI-Infrastrukturen und Initiativen wie die AI Factory Austria.

Diese Strukturen sollten der Women-in-AI-Führung nach von Anfang an strategisch eingebunden werden. Ein internationales Zentrum müsste dabei auf vorhandenen Stärken aufbauen und sie miteinander verbinden, raten sie.

„KI-Governance darf nicht ausschließlich von Regierungen, großen Technologieunternehmen und technischen Expert:innen geprägt werden“, so ihr Appell. „Auch die Zivilgesellschaft, unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und insbesondere bisher unterrepräsentierte Gruppen müssen eingebunden werden. Diversität ist dabei nicht nur eine Frage der Repräsentation, sondern auch der Qualität von Entscheidungen: Unterschiedliche Perspektiven helfen, gesellschaftliche Risiken, Diskriminierung und ungleiche Auswirkungen von KI frühzeitig zu erkennen.“

Hirschbrich: „Verankerung im diplomatischen Gefüge“

Mic Hirschbrich, Co-Founder von Apollo.ai sieht in diesem Vorhaben den Vorteil zusätzlicher Sichtbarkeit und eines breiteren Zugangs zu einem zentralen Thema unserer Zeit. „Es ist eine weitere Absicherung der Verankerung unseres Landes im diplomatischen Gefüge“, sagt er.

„Dazu werden wir im KI-Bereich die kommenden Jahre sehr viel Anstrengung brauchen. Ein Grundset globaler Spielregeln scheint mir fast noch bedeutender zu sein, als nationale oder kontinentale Alleingänge bei der KI-Regulierung. Als Land haben wir nach IAEO und Co. sicher die notwendige Glaubwürdigkeit und hätten damit dauerhaft wichtige KI-Player im Land, was sich auch auf den Standort positiv auswirken wird.“

Mofidian: „Einfluss nehmen“

Wirtschafts- und Tech-Anwalt Manuel Mofidian glaubt, dass Wien für die Entwicklung neuer Ansätze globaler KI-Governance eine „außergewöhnlich gute Ausgangsposition“ hat.

„Wir sind einer von vier großen Amtssitzen der Vereinten Nationen weltweit und der einzige innerhalb der Europäischen Union“, sagt er. „Hier treffen internationale Diplomatie, jahrzehntelange europäische Erfahrung mit Supranationalität und die österreichische Tradition der Neutralität aufeinander. Dazu kommt, dass Wien bereits ein international anerkannter Standort für die Bewältigung globaler technologischer Risiken ist. Denken wir nur an die Internationale Atomenergie-Organisation, die IAEA, die hier internationale Standards für nukleare Sicherheit entwickelt. Österreich hat bereits bewiesen, dass es durch Diplomatie, internationale Institutionen und politische Initiative weit über seine Größe hinaus Einfluss nehmen kann.“

Neutralität als Stärke für Glaubwürdigkeit

Auch sollte man Österreichs Neutralität wieder stärker als außenpolitische Stärke begreifen.

„Wenn die Neutralität, derzeit teils heiß diskutiert, weiterhin dem politischen Willen der österreichischen Bevölkerung entspricht, sollten wir sie nicht als eine Art politisches Sorglos-Paket verstehen, das uns vor den Konflikten der Welt bewahrt“, sagt er. Vielmehr könne sie dem Land bei globalen Herausforderungen helfen, als glaubwürdiger Initiator und Vermittler ernst genommen zu werden.

„Gerade bei Künstlicher Intelligenz sehe ich hier eine große Chance. Wir sprechen über ein potenziell wesentlich umfassenderes globales Risikofeld als etwa in der internationalen Luftfahrt. KI kann praktisch sämtliche digitalisierten Bereiche unserer Gesellschaft betreffen“, mahnt Mofidian.

Und er ergänzt: „Gleichzeitig zeigen uns die vergangenen Jahre, wie schnell klassische internationale Kooperationsmechanismen an ihre Grenzen stoßen, wenn fundamentale nationale Interessen aufeinanderprallen. Mein Ansatz wäre deshalb, die globale Erfahrung und den Kooperationsanspruch der Vereinten Nationen mit der europäischen Erfahrung aus der Supranationalität zu verbinden.“

Die EU habe seiner Ansicht nach über Jahrzehnte gezeigt, wie souveräne Staaten bestimmte Kompetenzen gemeinsam ausüben und verbindliche überstaatliche Entscheidungen ermöglichen können. „Warum sollten wir diese Erfahrung nicht nutzen, um für ausgewählte, besonders wichtige Fragen der globalen KI-Governance neue institutionelle Modelle zu entwickeln?“

Keine Weltregierung

Dabei gehe es ihm ausdrücklich nicht um eine Weltregierung oder um Überregulierung, sondern um verhältnismäßige Regeln und wirksame gemeinsame Strukturen zur Bewältigung globaler Risiken. „Vielleicht bietet uns Künstliche Intelligenz die Gelegenheit, an Österreichs internationale Tradition anzuknüpfen und Wien zu einem Ort zu machen, an dem nicht nur über globale KI-Herausforderungen gesprochen, sondern auch an neuen Modellen verbindlicher internationaler KI-Zusammenarbeit gearbeitet wird.“

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