05.10.2017

Eine tickende Zeitbombe?

Mit dem USD-Tether hat ein Privatunternehmen einen Quasi-Dollar für die Blockchain geschaffen. Das ist praktisch und erfolgreich - könnte aber zu einem massiven Problem für Bitcoin und den ganzen Kryptosektor werden.
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(c) NicoElNino - fotolia.com

Schritt für Schritt tastet sich die Wall Street an Bitcoin heran. Zuerst kam Jamie Dimon, Chef von JP Morgan. Er hält die Kryptowährung für einen „Betrug, schlimmer als Tulpenzwiebel“. Dann kam Loyd Blankfein, Chef von Goldman Sachs. Er kann sich noch nicht so recht entscheiden, ob er Bitcoin nun gut oder schlecht findet. In jedem Fall ist seine Investmentbank vorne mit dabei, was das Thema betrifft. Die Analysten erstellen seit dem heurigen Sommer Analysen zum Thema. Und jetzt wird laut „Wall Street Journal“ sogar überlegt, einen eigenen Trading-Desk einzurichten. Die jüngsten Kommentare kommen von Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock. „Ich glaube stark an das Potenzial dessen, was Kryptowährungen tun können“, sagte Fink. Er sehe „große Möglichkeiten“. Aber die aktuelle Atmosphäre rund um Bitcoin sei „sehr spekulativ“. Und damit hat er sicherlich recht. Auch die Verfechter von Bitcoin bestreiten nicht, dass sich der Markt für Crytowährungen noch immer in der Wild-West-Phase befindet – auch wenn mehr und mehr Regierungen versuchen, ihn zu regulieren.

Ein Schrecken für die Anleger

Was aber angesichts der spektakulären Kursgewinne von Krypto-Spekulanten gerne übersehen wird, ist das sehr reale Risiko für massive Rücksetzer, die durch reale Events ausgelöst werden. Genauso wie an den traditionellen Märkten die Katastrophe von 2008 längst vergessen ist, haben auch die Bitcoin-Fans die Ereignisse rund um den Zusammenbruch der japanischen Börse Mt. Gox verdrängt. Dieses Ereignis hat Anfang 2014 einen jahrelangen Bitcoin-Bärenmarkt ausgelöst.

Nun wissen wir freilich nicht, ob so etwas wieder passieren wird und in welcher Form. Es gibt aber eine Geschichte, die Bitcoin-Anlegern zumindest einen Schrecken einjagen sollte. Das ist die Geschichte von Tether. Da sind gleich mehrere potenzielle Zeitbomben vergraben, deren Explosion die Bitcoin-Welt ordentlich durchrütteln könnte. Eine Gefahr, die der Blogger „Bitcrypted„ in einer Serie von Artikeln ausführlich dokumentiert hat. Auch Izabella Kaminska von der „Financial Times“ hat Tether bereits ausführlich beleuchtet. Und hier findet sich eine Zusammenfassung der Situation von Bitcoin.com Der vorliegende Artikel soll eine deutschsprachige Einführung in das Thema geben.

Was ist überhaupt Tether?

Ein Tether, oder genauer USD-Tether, ist technisch gesehen eine Kryptowährung. Aber anders als bei anderen derartigen Assets, wird der Preis für einen Tether nicht von Angebot und Nachfrage am Markt ermittelt, sondern ist immer gleich: ein Tether entspricht einem US-Dollar.
Die Idee an sich ist einfach und sogar genial: Der Handel zwischen Krypto- und Papierwährungen ist mühsam und auf den Börsen oft mit hohen Gebühren verbunden. Dazu kommt, dass bei derartigen Trades in vielen Ländern zusätzliche Steuern anfallen, weil man sich von einer „Welt“ in die andere bewegt. Aber dank Tether gibt es jetzt eine Alternative: Was unter dem Kürzel USDT firmiert ist nichts anderes, als ein Krypto-Dollar. Was hier geschaffen wurde, ist genau das, wovon die Zentralbanken bisher nur reden: eine staatliche Fiat-Währung auf der Blockchain.
Aber Moment! Hier sehen wir schon das erste und wohl auch größte Problem mit Tether. Der USDT ist nämlich keine staatlich Währung. Er wird von einer privaten Firma herausgegeben. Das alleine sollte jedem Investor zu Denken geben, egal ob er selbst Tether verwendet oder nicht.
Während der Umgang der Notenbanken mit Kryptowährungen an sich noch etwas unbeholfen ist und offen scheint, wie sie reagieren, sollte die zu erwartende Reaktion der US-Notenbank Federal Reserve auf USDT niemanden überraschen, wenn sie einmal kommt. Offiziell gibt es dazu zwar noch nichts – aber es ist nicht davon auszugehen, dass die Fed diesem Treiben ewig zusehen wird. Um es in einem Satz zusammen zu fassen: Da druckt jemand Dollars auf der Blockchain. Wie lange, bis der Staat oder die Notenbank da eingreift?

Nicht die ersten, die „Dollars“ schaffen

Izabella Kaminska vergleicht Tether mit dem so genannten „Eurodollar“-Markt. Das ist ein Konzept aus der traditionellen Finanzwelt, das zwar weitgehend missachtet und schlecht verstanden wird, dessen Bedeutung aber gar nicht überschätzt werden kann. So war der Kern der Finanzkrise 2008 am Ende nicht mehr eine Krise des US-Immobilienmarktes und auch nicht mehr des US-Bankensektors – trotz Lehman. Der harte Kern der Krise war in Europa zu finden, in eben diesem „Eurodollar“-Markt. Als Eurodollar wird in der Regel eine in Dollar nominierte Verbindlichkeit bezeichnet, die nicht direkt den Regeln der US-Regierung und der US-Notenbank unterworfen ist.

Um es so simpel wie möglich zu machen: De facto schaffen ausländische Banken in diesem Eurodollar-Markt zusätzliche Dollars, weil eben diese Verbindlichkeiten am Markt wie Dollars gehandelt werden. Das war jahrzehntelang auch kein Problem, weil der Markt sich selbst reguliert hat. Wer seine Verbindlichkeiten nicht bedienen konnte, wurde in Zukunft gemieden und musste sich ändern oder in Konkurs gehen. So ist der Eurodollar-Markt gewachsen und gewachsen und hat auch die Börsen auch nach oben getrieben. Aber als 2008 alle Banken untereinander plötzlich das Vertrauen verloren, stand die Federal Reserve vor einer schwierigen Entscheidung: Schickt sie „echte“ Dollars, um die „falschen“ im Eurodollar-System zu ersetzen – oder riskiert sie einen totalen Zusammenbruch der Finanzmärkte, ausgelöst vom Kollaps eben dieses Eurodollarmarktes? Sie hat sich für Option A entschieden und die Notenpresse angeworfen: Quantitative Easing nannte sich das.

Es gibt Präzedenzfälle

Aber auch wenn die Funktionsweise ähnlich ist: Im Fall von USDT auf den Kryptomärkten wird die Fed sich sicher nicht zu einer Rettungsaktion hinreißen lassen. Warum auch? Hier geht es nicht um ein ganzes System, das langsam zu großer Bedeutung für die Finanzwelt angewachsen ist, sondern um nur eine Firma mit Sitz in Hong Kong, die Dollars für die Blockchain druckt. Je populärer der USDT ist, desto eher werden die Behörden sich etwas einfallen lassen müssen. Gleichzeitig erhöht eine wachsende Popularität von USDT auch die Fallhöhe. Tether hat im übrigen auch Euro-Tether im Programm und will in weitere Währungen expandieren, etwa den japanischen Yen.

Redaktionstipps

Aber noch ist der USDT mit großem Abstand das wichtigste Produkt der Firma. Während in USDT derzeit rund 440 Millionen Dollar stecken, sind nur Euro-Tether im Wert von rund 1600 Euro im Umlauf – da kann man aus Sicht der EZB also noch vernachlässigen.
Die Gefahr für Tether kommt also am ehesten von den US-Behörden: Es gibt auch durchaus Präzedenzfälle dafür, was den Tether-Erfindern droht. Etwa das Schicksal der so genannten „Liberty Reserve“, die ebenfalls digitale „Dollars“ verkauft hat. Sie wurde im Mai 2013 von den US-Behörden unter Anwendung des Patriot Act dicht gemacht. Dann gab es da auch den „Liberty Dollar“. Dessen Erfinder Bernard von NotHaus wurde 2011 wegen Geldfälschung verurteilt, weil er Münzen hatte produzieren lassen, die dem echten Dollar zu ähnlich waren.

Der „falsche“ Dollar als sicherer Hafen

Das ist also das Problem Nummer eins für Tether: Ein Eingriff der Behörden, der alle im Umlauf befindlichen Tether-Token von einem Moment auf den anderen wertlos machen würde. Denn anders als bei Bitcoin oder anderen Cryptowährungen ist der Wert eines Tether nur garantiert durch das Versprechen der Tether-Muterrfirma, mit Sitz in Hong Kong, den Wert bei genau einem Dollar zu halten. Was wird aus diesem Versprechen, wenn die Behörden eingreifen und Tether etwa zu „gefälschten Dollars“ erklären – oder einen anderen juristischen Grund finden, den Laden dicht zu machen?

Jetzt sagen sich viele Anleger natürlich: „Ok, aber das interessiert mich nicht, ich verwende USDT ja gar nicht.“ Die Reaktion ist verständlich. Aber leider ist die Sache nicht so einfach. Denn USDT ist inzwischen ein nicht mehr wegzudenkender Faktor im Cryptosektor. Das geht sogar so weit, dass USDT tatsächlich die Rolle des Dollars übernimmt und in Krisenzeiten als „sicherer Hafen“ fungiert. Es ist auch nicht überraschend: Warum in den „echten“ Dollar flüchten, wenn der Weg in USDT einfacher und günstiger ist? Eine plötzliche Entwertung dieser Tokens würde den Markt massiv durchrütteln. Alle großen Börsen wären betroffen, weil sie Tether-Pairs anbieten.

Binnen weniger Monate um 4300 Prozent rauf

Wie groß die Bedeutung von Tether inzwischen ist, kann man auf Coinmarketcap nachlesen. Dort wird USDT aktuell auf Platz 19 der am höchsten kapitalisierten Assets gelistet – rund 440 Millionen Dollar sind derzeit geparkt. Wirklich dramatisch wird es aber, wenn man sich die Charts anschaut.
Nun ist die Preisentwicklung für Tether weder überraschend noch spektakulär, sondern so wie sie sein sollte: stabil bei einem Dollar. Aber anders als Bitcoin ist Tether beliebig vermehrbar. Und die privaten Eigentümer der Tether-Zentralbank haben in diesem Jahr die Notenpressen angeworfen wie nie zuvor. Anfang Jänner waren nur Tether im Umfang von 10 Millionen Dollar im Umlauf. Seitdem ist die Marktkapitalisierung um 4300 Prozent in die Höhe gegangen.

Es kommt nur aufs Vertrauen an

Hier liegt der zweite Hund in Sachen Tether begraben: Bitcoin hat die Idee etabliert, dass es keine zentrale Stelle braucht, um Vertrauen zu erzeugen – dass die Blockchain das übernehmen kann. In der aktuellen täglichen Realität der Kryptomärkte wird dieses Prinzip bereits untergraben, weil der allergrößte Teil der Anleger sich auf zentralisierte Börsen verlassen muss. Aber immerhin: Wenn die Coins erstmal in der eigenen Wallet sind, muss man auch auf eine Börse nicht vertrauen. Und mehrere Projekte suchen nach Lösungen für dieses Problem, nach einem Weg auch den Handel zu dezentralisieren.
Aber bei Tether ist das unmöglich. Ja, aktuell werden die Token natürlich auch direkt um den Preis von einem Dollar pro Stück gehandelt. Aber das basiert nur auf dem Versprechen der Firma, immer einen echten Dollar pro Tether-Token bereit zu halten. Der Blogger „Bitcrypto’ed“ bezweifelt stark, dass das der Fall ist.

Der lästige Blogger

In Folge seiner Artikel hat die Firma hinter Tether erst kürzlich das Memorandum eines Wirtschaftsprüfers veröffentlicht, das beweisen soll, dass man tatsächlich über das Geld verfügt. „Bitcrypto’ed“ hat seinerseits sofort Zweifel an der Aussagekraft dieses Dokuments angemeldet – vor allem, weil die Bankverbidungen ausgeschwärzt sind. Tatsächlich sind aber genau diese Bankverbindungen entscheidend, denn nur mit Zugang zu frischen „echten“ Dollars kann Tether glaubhaft versichern, dass man wirklich über genügend Reserven verfügt.
Solange die Behörden untätig bleiben ähnelt die Situation bei Tether jener einer Währung, die an Goldreserven gebunden ist. Am Ende kommt es auf das Vertrauen der User an: Solange die daran glauben, dass sie sich auf die Stabilität von Tether verlassen können – oder dass sie sicher sind, weil sie ohnehin nur kurzfristig in dieses Asset investiert sind – solange kann das System weiterlaufen wie bisher. Diese Situation ist für traditionelle Anleger, die inzwischen staatliche Währungen, Regulierungen und staatliche Einlagensicherungen gewohnt sind, sicherlich unerträglich. Aber im Grunde ist daran nichts auszusetzen. Der Markt kann entscheiden. Und Bitcoin-Investoren müssen ohnehin eine dicke Haut haben. Bis jetzt funktioniert es ja.

Down the rabbit hole

Aber „Bitcrypto’ed“ hat noch eine Reihe weiterer Vorwürfe im Köcher. Er hat eine ganze Theorie gesponnen, die (sofern sie sich bestätigenden sollte) tatsächlich dramatische Folgen für den Bitcoin-Markt haben könnte. Das gesamte Material ist auf seinem Medium-Account nachzulesen und
hier wird von Fabian vom CryptoCircle auch auf Deutsch gut erklärt
.Die Theorie geht so: Tether und die Börse Bitfinex gehören zusammen. Dieser Umstand wird von beiden nicht wirklich geleugnet und auch von der „Financial Times“ so akzeptiert. Hier findet man eine Illustration der angeblichen Firmenstruktur.

Das Problem: Bitfinex – und damit Tether – hat schon vor Monaten den Zugang zum US-Bankensystem verloren. Gleichzeitig ist die Ausgabe neuer Tether plötzlich massiv in die Höhe gegangen. Unterm Strich wirft „Bitcrypto’ed“ Bitfinex und Tether nicht nur vor, sich über die Schaffung neuer Tether-Tokens Zugang zu echten Dollars zu verschaffen – sondern auch, durch fragwürdige Trades (Spoofing) auf der eigenen Plattform den Bitcoin Preis nach oben zu treiben . Auch eine Verbindung zur mittlerweile von den US-Behörden in Kooperation mit Griechenland geschlossenen Börse BTC-E, die für Geldwäsche bekannt war, wird angedeutet. Diese Vorwürfe sind Extrem schwerwiegend und zwischen dem Blogger und Bitfinex/Tether ist inzwischen ein regelrechter Informationskrieg entstanden, der sich auf Blogs und auf Twitter abspielt. Aus unserer Sicht ist es nicht möglich, die Vorwürfe im Detail zu überprüfen – man kann nur zur Vorsicht raten.

Fazit: Keine langfristigen Positionen

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass die Verwendung von US-Tether für Crypto-Trader viele Vorteile bringt – aber auch, dass die Struktur von US-Tether aus mindestens zwei Gründen problematisch ist: Weil die US-Behörden eingreifen könnten um das Treiben zu stoppen. Und weil das Vertrauen der User verloren gehen könnte, was einen Bankrun auslösen würde. Sollten sich die zusätzlichen Vorwürfe des Bloggers „Bitcrypto’ed“ bewahrheiten, droht nicht nur den Haltern von US-Tether der Totalverlust ihres dort investierten Vermögens, sondern auch eine massive Korrektur im ganzen Crypto-Markt – angeführt von Bitcoin. Es kann aber auch in die andere Richtung gehen. Tether könnte die Transparenz weiter erhöhen und die Anleger dadurch beruhigen.

Aber selbst wenn alles gut geht und Tether seine Position weiter ausbauen kann, bleibt die Frage: Was wird aus USDT-Token, wenn einmal offizielle Fiat-Währungen auf der Blockchain verfügbar sind? Selbst wenn die Fed oder andere US-Behörden nicht direkt gegen US-Tether vorgehen, könnte ein offizieller US-Dollar auf Blockchain-Basis den Tether von heute verdrängen. Es scheint deshalb ratsam, zumindest auf langfristige oder allzu große Positionen in Tether zu verzichten – um das Risiko einer bösen Überraschung zu minimieren.

Und dann gibt es noch ein unangenehmes Detail: Das gerade im deutschen Sprachraum sehr beliebte Krypoasset IOTA, das sich als Backbone des „Internet of Things“ etablieren will, kann aktuell nur auf einer einzigen Börse gehandelt werden: auf dem umstrittenen Bitfinex. Auch hier gilt: Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Zum Autor:

Nikolaus Jilch ist seit 2011 Redakteur im „Economist“ der Tageszeitung „Die Presse“. Als Experte für Geldpolitik, Währungen und Edelmetalle beschäftigt er sich seit 2012 auch mit Bitcoin und der Blockchain. Seine Kolumne „Wertsachen“ erscheint jeden Samstag in der „Presse“. Twitter: @JilNik

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X-Faktor: Warum Liquidation Preference bei einem Millionen-Exit zum Albtraum werden kann

Ein Exit in Millionenhöhe – und trotzdem bleibt für die Gründer:innen kaum etwas übrig. Schuld daran können sogenannte Liquidation Preferences sein, die darüber entscheiden, wer beim Verkauf eines Startups bevorzugt wird. Rechtsanwalt Manuel Mofidian ordnet ein.
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Liquid Preference, Mofidian
© Armin Hubner/Canva - Wirtschafts- und Tech-Anwalt Manuel Mofidian.

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Für viele Gründer:innen sind 40-Stunden-Wochen ein Fremdwort und freie Wochenenden ein ferner Wunsch – sie opfern unzählige Arbeitsstunden und verzichten auf Gehalt, um ihr Startup aufzubauen. Doch am Ende dieses jahrelangen harten Einsatzes bleibt selbst bei einem vermeintlich erfolgreichen Millionen-Exit in manchen Fällen kaum etwas übrig. Der Grund kann in einer unscheinbaren Klausel des Beteiligungsvertrags liegen; einer Sonderregel für die Verteilung des Exit-Erlöses. Räumt man etwa späteren Investoren eine „Liquidation Preference“ ein, bedienen sich diese beim Verkauf zuerst. Die Realität sieht dann wie folgt aus: Während die Branche gratuliert, können die Gründer:innen und frühe Kapitalgeber trotz fließender Millionen fast leer ausgehen.

So ein Fall sorgte jüngst für Aufsehen, als Martin Granig, Gründer der Spar-App monkee.rocks, von einem Bekannten berichtete, der einen 15-Millionen-Exit hingelegt hatte. Der Founder meinte nach Glückwünschen bloß, der Exit hätte massiver sein müssen, „damit sich was ausgeht“ – hier hatte die Liquidation Preference gegriffen.

Was ist eine Liquidationspräferenz?

Die historischen Wurzeln der Liquidationspräferenz reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, als US-Eisenbahngesellschaften und Banken Vorzugsaktien nutzten. In den 1950er- bis 1970er-Jahren adaptierte die VC-Branche das Modell und machte es im Silicon Valley zum Standard. Doch obwohl die Klausel omnipräsent ist, sorgt sie bis heute für Missverständnisse.

Der Wirtschafts- und Tech-Anwalt Manuel Mofidian bringt es auf den Punkt: „Eine Liquidationspräferenz ist kein gesetzlich definierter Begriff, sondern eine Klausel in einem Beteiligungsvertrag, die man im Einzelfall auslegen muss, aber häufig einem gewissen spezialisierten Marktstandard entspricht.“ Verankert wird sie in der Praxis meist im sogenannten Shareholders Agreement (kurz SHA, deutsch: Gesellschaftervereinbarung). Es geht dabei nicht um die prozentuelle Beteiligung an einem Startup, sondern um die harte Reihenfolge bei der Verteilung von echten Einnahmen (Proceeds) nach einem bestimmten Trigger-Event – im Normalfall dem Exit.

„Vereinfacht gesagt ist die Liquidationspräferenz eine vertraglich vereinbarte Erlösvorzugs-Regelung. Im Normalfall wird ein Verkaufserlös entsprechend den Beteiligungsquoten (pro rata) verteilt; das entspricht auch der gesetzlichen Grundregel. Für den Exit-Fall soll jedoch eine Sonderregel geschaffen werden; mit mitunter überraschendem Ergebnis: Wer etwa 20 Prozent der Anteile hält, aber 70 Millionen Euro investiert hat, kann bei einem Verkaufserlös von 70 Millionen Euro den gesamten Erlös erhalten – und das dank einer Liquidationspräferenz“, so Mofidian.

„Erst wenn die jeweilige Liquidationspräferenz erfüllt wurde, kommt die nächste liquidationspräferierte Gruppe zum Zug; sind alle Liquidationspräferenzen bedient, wird der Rest pro rata verteilt“, erklärt der Wirtschaftsanwalt das sogenannte „Wasserfallprinzip“. Reicht das Geld bei einem mittelgroßen oder kleinen Exit nicht aus, könnten all jene, die ganz unten im Wasserfall stehen, leer ausgehen.

„Ein Startup durchläuft typischerweise gewisse Phasen“, erläutert Mofidian. „So lassen sich die Investorengruppen ganz gut typisieren: Häufig startet man mit ersten Investoren, Business Angels, Family and Friends, teilweise noch Convertibles. Hier herrscht oft noch eine andere Logik als bei späteren Investmentrunden, wo beispielsweise VC-Fonds einsteigen. In diesen späteren Runden, den ‚Series‘, mit professionelleren neuen Investoren verschieben sich regelmäßig die Kräfteverhältnisse, was zu einer Anpassung der Verträge und der damit verbundenen Rechte führt.“

Das Multiple (X-Faktor) als wichtiger Hebel

Bevor man sich jedoch in rechtliche Details und konkrete Definitionen vertieft, muss man bei Liquidation Preference einen wichtigen Hebel verstehen: das Multiple (oder den X-Faktor). Diese Zahl legt fest, wie viel von seinem ursprünglichen Investment der Geldgeber beim Exit vorrangig – also vor der allgemeinen Verteilung nach Beteiligungsquoten – beanspruchen kann.

Das „1×-Multiple“ findet sich so häufig in den Verträgen, dass man dieses fast schon als Branchenstandard bezeichnen könnte. Das bedeutet: Der Investor holt sich zunächst exakt jene Summe zurück, die er in das Startup gesteckt hat. Komplex wird es, wenn Investoren in schwierigen Marktphasen höhere Multiples durchsetzen. Liegt der Faktor bei 1,5×, 2× oder gar 3×, bedeutet das, dass der Investor vorab – also vor der Verteilung nach Prozenten – ein Vielfaches seines eingesetzten Kapitals fordern kann. „Der Faktor hat mit der Beteiligungsquote nichts zu tun: Auch wer nur ein Prozent hält, kann eine fünffache Liquidationspräferenz vereinbart haben“, erklärt Mofidian. Hat ein VC-Fonds also beispielsweise zehn Millionen Euro bei einem 2×-Multiple investiert, zieht er beim Exit sofort 20 Millionen Euro als Liquidationspräferenz ab, bevor der nächste Gesellschafter auch nur einen Cent sieht. Das schmälert den Erlös für Gründer:innen und frühe Investor:innen – mitunter auch für andere, im Rang nachstehende Investorengruppen – dramatisch.

Participating vs. non-participating

Wenn der Faktor (das Multiple) bzw. damit verbunden die Höhe geklärt ist, regeln weitere Zusätze, wie genau ein Investor am restlichen Erlös beteiligt wird.

So gilt „non-participating“ als die üblichste Variante. Der Investor hat hierbei ein Wahlrecht: Er erhält entweder vorab seine Präferenz, also zum Beispiel sein 1×-Investment, zurück, oder er verzichtet auf diesen Vorabzug und nimmt stattdessen seine reguläre prozentuale Quote am gesamten Erlös. Demgegenüber steht „participating“: Diese investorenfreundliche Variante bezeichnet Mofidian als „Eierlegende Wollmilchsau“ – der Geldgeber bekommt zuerst sein Investment als garantierte Risikoprämie vorab ausbezahlt und partizipiert danach zusätzlich noch entsprechend seiner prozentualen Quote am verbleibenden Erlös-Topf; er wird also faktisch doppelt bedient.

Rangordnung – „Senior“ und „Pari passu“

Aus Sicht eines Investors spielt es zudem eine große Rolle, in welchem Rang seine Liquidationspräferenz eingeordnet wird. „Die Ränge drücken das Rangverhältnis der Liquidationspräferenzen zueinander aus. Nach dem Wasserfallprinzip wird grundsätzlich jeder vorrangige Rang vollständig bedient, bevor Erlöse an den nachfolgenden Rang verteilt werden“, erklärt Mofidian. „Reicht der Erlös auf einem Rang nicht, um alle dort angesiedelten Präferenzansprüche voll zu bedienen, wird typischerweise pro rata verteilt – meist im Verhältnis der jeweiligen Präferenzansprüche. Der genaue Schlüssel ist aber Vertragssache.“

Wird der Liquidationspräferenz eines Investors ein „Senior“-Rang eingeräumt, bedeutet das Vorrang gegenüber den zu diesem Zeitpunkt bestehenden bzw. den vertraglich bezeichneten Liquidationspräferenzen. „‚Senior‘ ist eine relative Rangangabe – man ist immer gegenüber jemandem vorrangig. Soll der oberste Rang gemeint sein, spricht man etwa von ‚most senior‘ oder ‚senior to all other liquidation preferences‘. Maßgeblich ist am Ende ohnehin die Verteilungsreihenfolge der Waterfall-Klausel selbst“, so der Anwalt. Vor später geschaffenen „noch vorrangigeren“ Rängen könne man sich durch einen Zustimmungsvorbehalt schützen; das könne allerdings künftige Finanzierungsrunden erschweren und sei auch unüblich.

Mofidian weiter: „Investor:innen vereinbaren häufig, dass ihre Liquidationspräferenz ‚pari passu‘ mit den Liquidationspräferenzen anderer Investor:innen oder Anteilsklassen rangiert – die betreffenden Präferenzen sind dann gleichrangig, keine wird vor der anderen bedient. Innerhalb derselben Anteilsklasse ist eine ausdrückliche Pari-passu-Regelung häufig nur deklaratorisch, sofern für alle Anteile dieselben Präferenzrechte gelten; sie kann jedoch in einigen Konstellationen auch klarstellende Bedeutung haben. Eine wesentliche Bedeutung entfaltet sie zwischen unterschiedlichen Anteilsklassen oder Finanzierungsrunden: Man kann etwa festlegen, dass die Liquidationspräferenzen einer Series A und einer Series B trotz unterschiedlicher Anteilsklassen auf demselben Rang stehen. ‚Pari passu‘ beschreibt also nicht die Anteilsklasse als solche, sondern das Rangverhältnis der jeweiligen Präferenzen“. Gleichrangigkeit bedeutet dabei nicht zwingend, dass auch die Höhe der Präferenzansprüche, die Multiplikatoren oder die sonstigen Investorenrechte identisch sind.

Die Rangordnung führt in der Praxis oft zu sogenannten Stacked Preferences (gestapelten Präferenzen). Faktisch gesehen kommt es dabei meist zum Prinzip „Last in, first out“: Der späteste Geldgeber (z. B. der Lead-Investor der Series C) sichert sich meist den höchsten Rang und holt sich beim Exit (nach Rückführung von Fremdkapital) als Allererster sein Geld aus dem Topf. Ist seine Präferenz bedient, darf sich die vorherige Series B aus dem verbleibenden Rest bedienen; und so weiter bis hinunter zur Series A. Häufig warten am Ende der Nahrungskette die frühen Seed-Investoren sowie Gründer:innen und Mitarbeiter:innen mit ESOP-Anteilen – ist der Exit-Erlös nicht hoch genug, ist der Topf leer, bevor sie erreicht werden.

„Eine der Schwierigkeiten bei Liquidation Preferences ist die Unschärfe der Begrifflichkeiten“, betont Mofidian an dieser Stelle und erklärt, warum es zu Streitereien unter den Beteiligten kommen könnte. Ein typischer Konfliktherd können Triggerdefinitionen sein: Was ist ein Exit? In einem „frühen“ Vertrag kann ein Exit anders definiert sein als im späteren Beteiligungsvertrag. Dazu kommen Side Letters bzw. in Investitionsdokumenten enthaltene Rechte, bei denen Widersprüche auftreten können. Liquidationspräferenzen können ein sinnvolles Instrument der Risikoverteilung sein – aber es kann zu unangenehmen Überraschungen kommen, weil die Beteiligten nicht jedes Szenario durchdenken und durchrechnen.

Die Schicksalsgemeinschaft der Frühphase

Oliver Holle, CEO des Seed-VCs Speedinvest, sieht die Debatte vor allem für die Frühphase pragmatisch: Dank klarer Standards (1×, non-participating) bilden frühe Kapitalgeber und Gründer:innen hier eine Schicksalsgemeinschaft im Sinne von „engsten Verbündeten“. Dramatisch wird es jedoch bei Wertberichtigungen in späten Runden, wenn sich die Ansprüche durch viel frisches Kapital massiv aufsummieren – die bereits erwähnten Stacked Preferences. Wie das in der Praxis aussieht, veranschaulicht Holle am E-Scooter-Anbieter Tier, dessen Preference-Stack nach mehreren Runden und Mergern auf fast eine Milliarde Euro angewachsen ist: „Das sind sie jetzt doch nicht mehr wert. Das heißt, wir haben das wahrscheinlich schon lange auf null abgeschrieben, und die Gründer auch, weil wir da kein Geld rausholen werden, auch wenn diese Firma für fünf-, sechs- oder siebenhundert Millionen Euro verkauft wird. Das ist also eine Realität, die wir absolut durchlebt haben.“ Und damit ist Speedinvest nicht allein.

Konflikte, Statistiken und eine mögliche Zukunft

Was konkrete Statistiken angeht, gibt es im DACH-Raum kaum belastbare öffentliche Marktdaten. Mofidians subjektiver Praxisbeobachtung nach kommen Liquidationspräferenzen jedoch in fast jedem Deal vor, sind ein von Investoren erwarteter Standard und in ihrer Grundform kaum wegzuverhandeln.

Aufgrund globaler Krisen brauchten viele Startups zuletzt jedoch Bridge-Finanzierungen. Um ihre Bewertungen hochzuhalten („Vanity Valuation“), akzeptierten Gründer:innen oft harte Konditionen. Mofidian kann sich vorstellen, dass es in Zukunft aufgrund dieser Dynamik zu Konflikten kommen könnte: „Aufgrund von Brückenfinanzierungen könnten Liquidationspräferenzen wahrscheinlich jetzt relevanter werden, weil wir jetzt einige Senior-Investoren sehen, die zu sehr guten Terms eingestiegen sind, darunter auch Verkaufsrechte. Wenn du in den letzten Jahren investiert hast, und das zu einer vermeintlich guten Bewertung, mit starken Terms, und dir viele Rechte geholt hast, jetzt aber daran zweifelst, dass eine neue Runde zu einer höheren Bewertung realistisch ist, dann pushst du möglicherweise in den Exit. Und das machst du wahrscheinlich nur, weil du eine Liquidationspräferenz, vielleicht sogar mit einem ‚Über-Eins-Faktor‘, hast“, zeichnet Mofidian eine mögliche Zukunft für die heimische Szene. „Ich kann mir vorstellen, dass die Logik, die Liquidationspräferenzen und anderen damit funktionell verbundenen Terms zugrunde liegt, dazu führt, dass der eine oder andere Investor sagt: ‚Ich nutze jetzt meine vertraglichen Möglichkeiten, dränge auf den Exit und hole mir lieber mein Investment 1,5-fach plus ein bisschen extra vom verbleibenden Erlöstopf. Das macht mehr Sinn, als nur darauf zu hoffen, dass es noch eine Runde zu einer viel höheren Bewertung gibt – und selbst wenn sich das so großartig entwickelt, was nicht sicher ist, steht der nächste Investor vermutlich nach dem Last-in-first-out-Prinzip mit seiner Präferenz wieder vor mir.‘“

Der Anwalt ergänzt: „‚Drängen‘ heißt in diesem Kontext: Wenn dieser Investor – etwa in Kombination mit anderen Investoren – starke Drag-Along-Rechte hat, kann er den Verkauf auch gegen den Willen der Founder rechtlich erzwingen.“ Dies gelte selbst dann, wenn die Founder die Bewertung als zu niedrig empfänden und aufgrund der Liquidation Preference leer ausgingen.

Trotz dieser Konsequenzen betont Mofidian nachdrücklich, dass man das Thema auch aus der Investorenperspektive betrachten muss: Die Liquidationspräferenz sei per se nichts Böses und in der Praxis völlig in Ordnung, wenn man sie korrekt verwendet. „Man muss diese Klauseln verstehen, durchrechnen und verschiedene Szenarien durchspielen, damit böse Überraschungen ausbleiben“, sagt der Jurist.

Secondaries als mögliches Instrument

Für Gründer gilt laut dem Experten eine wichtige Regel: Man sollte sich niemals nur auf eine möglichst hohe Firmenbewertung fixieren, wenn die Vorzugsrechte der Investoren im Gegenzug gefährlich stark ausgeprägt sind. Mofidian rät, das Term-Sheet stets als bewegliches Gesamtsystem zu betrachten.

Anstatt Deals aus reiner Angst vor einem Null-Ausstieg kategorisch platzen zu lassen, empfiehlt der Anwalt, allenfalls ungünstigere Liquidationspräferenzen durch andere Mechanismen auszugleichen. Dazu zählen klug verhandelte Drag-Along- und Tag-Along-Rechte. Wenn der Druck allerdings über die Jahre extrem hoch wird, seien Secondaries ein mögliches Tool: Durch den vorzeitigen Verkauf eines kleinen Teils der eigenen Anteile an spätere Investoren könnten Gründer bereits auf dem Weg zum Exit etwas Geld auf dem Privatkonto sichern.

„Das ist jedoch nicht gern gesehen und auch in Österreich oder im DACH-Raum relativ unüblich, aber es passiert“, sagt Mofidian. „Nach ein paar Jahren Arbeit kann man in so einem Fall sagen: ‚Ich habe eine ordentliche Netto-Summe auf meinem Konto. Das erlaubt mir zumindest, mit freiem Kopf weiter an meiner Vision zu bauen.‘“

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