05.10.2017

Eine tickende Zeitbombe?

Mit dem USD-Tether hat ein Privatunternehmen einen Quasi-Dollar für die Blockchain geschaffen. Das ist praktisch und erfolgreich - könnte aber zu einem massiven Problem für Bitcoin und den ganzen Kryptosektor werden.
/artikel/eine-tickende-zeitbombe
(c) NicoElNino - fotolia.com

Schritt für Schritt tastet sich die Wall Street an Bitcoin heran. Zuerst kam Jamie Dimon, Chef von JP Morgan. Er hält die Kryptowährung für einen „Betrug, schlimmer als Tulpenzwiebel“. Dann kam Loyd Blankfein, Chef von Goldman Sachs. Er kann sich noch nicht so recht entscheiden, ob er Bitcoin nun gut oder schlecht findet. In jedem Fall ist seine Investmentbank vorne mit dabei, was das Thema betrifft. Die Analysten erstellen seit dem heurigen Sommer Analysen zum Thema. Und jetzt wird laut „Wall Street Journal“ sogar überlegt, einen eigenen Trading-Desk einzurichten. Die jüngsten Kommentare kommen von Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock. „Ich glaube stark an das Potenzial dessen, was Kryptowährungen tun können“, sagte Fink. Er sehe „große Möglichkeiten“. Aber die aktuelle Atmosphäre rund um Bitcoin sei „sehr spekulativ“. Und damit hat er sicherlich recht. Auch die Verfechter von Bitcoin bestreiten nicht, dass sich der Markt für Crytowährungen noch immer in der Wild-West-Phase befindet – auch wenn mehr und mehr Regierungen versuchen, ihn zu regulieren.

Ein Schrecken für die Anleger

Was aber angesichts der spektakulären Kursgewinne von Krypto-Spekulanten gerne übersehen wird, ist das sehr reale Risiko für massive Rücksetzer, die durch reale Events ausgelöst werden. Genauso wie an den traditionellen Märkten die Katastrophe von 2008 längst vergessen ist, haben auch die Bitcoin-Fans die Ereignisse rund um den Zusammenbruch der japanischen Börse Mt. Gox verdrängt. Dieses Ereignis hat Anfang 2014 einen jahrelangen Bitcoin-Bärenmarkt ausgelöst.

Nun wissen wir freilich nicht, ob so etwas wieder passieren wird und in welcher Form. Es gibt aber eine Geschichte, die Bitcoin-Anlegern zumindest einen Schrecken einjagen sollte. Das ist die Geschichte von Tether. Da sind gleich mehrere potenzielle Zeitbomben vergraben, deren Explosion die Bitcoin-Welt ordentlich durchrütteln könnte. Eine Gefahr, die der Blogger Bitcrypted in einer Serie von Artikeln ausführlich dokumentiert hat. Auch Izabella Kaminska von der „Financial Times“ hat Tether bereits ausführlich beleuchtet. Und hier findet sich eine Zusammenfassung der Situation von Bitcoin.com Der vorliegende Artikel soll eine deutschsprachige Einführung in das Thema geben.

Was ist überhaupt Tether?

Ein Tether, oder genauer USD-Tether, ist technisch gesehen eine Kryptowährung. Aber anders als bei anderen derartigen Assets, wird der Preis für einen Tether nicht von Angebot und Nachfrage am Markt ermittelt, sondern ist immer gleich: ein Tether entspricht einem US-Dollar.
Die Idee an sich ist einfach und sogar genial: Der Handel zwischen Krypto- und Papierwährungen ist mühsam und auf den Börsen oft mit hohen Gebühren verbunden. Dazu kommt, dass bei derartigen Trades in vielen Ländern zusätzliche Steuern anfallen, weil man sich von einer „Welt“ in die andere bewegt. Aber dank Tether gibt es jetzt eine Alternative: Was unter dem Kürzel USDT firmiert ist nichts anderes, als ein Krypto-Dollar. Was hier geschaffen wurde, ist genau das, wovon die Zentralbanken bisher nur reden: eine staatliche Fiat-Währung auf der Blockchain.
Aber Moment! Hier sehen wir schon das erste und wohl auch größte Problem mit Tether. Der USDT ist nämlich keine staatlich Währung. Er wird von einer privaten Firma herausgegeben. Das alleine sollte jedem Investor zu Denken geben, egal ob er selbst Tether verwendet oder nicht.
Während der Umgang der Notenbanken mit Kryptowährungen an sich noch etwas unbeholfen ist und offen scheint, wie sie reagieren, sollte die zu erwartende Reaktion der US-Notenbank Federal Reserve auf USDT niemanden überraschen, wenn sie einmal kommt. Offiziell gibt es dazu zwar noch nichts – aber es ist nicht davon auszugehen, dass die Fed diesem Treiben ewig zusehen wird. Um es in einem Satz zusammen zu fassen: Da druckt jemand Dollars auf der Blockchain. Wie lange, bis der Staat oder die Notenbank da eingreift?

Nicht die ersten, die „Dollars“ schaffen

Izabella Kaminska vergleicht Tether mit dem so genannten „Eurodollar“-Markt. Das ist ein Konzept aus der traditionellen Finanzwelt, das zwar weitgehend missachtet und schlecht verstanden wird, dessen Bedeutung aber gar nicht überschätzt werden kann. So war der Kern der Finanzkrise 2008 am Ende nicht mehr eine Krise des US-Immobilienmarktes und auch nicht mehr des US-Bankensektors – trotz Lehman. Der harte Kern der Krise war in Europa zu finden, in eben diesem „Eurodollar“-Markt. Als Eurodollar wird in der Regel eine in Dollar nominierte Verbindlichkeit bezeichnet, die nicht direkt den Regeln der US-Regierung und der US-Notenbank unterworfen ist.

Um es so simpel wie möglich zu machen: De facto schaffen ausländische Banken in diesem Eurodollar-Markt zusätzliche Dollars, weil eben diese Verbindlichkeiten am Markt wie Dollars gehandelt werden. Das war jahrzehntelang auch kein Problem, weil der Markt sich selbst reguliert hat. Wer seine Verbindlichkeiten nicht bedienen konnte, wurde in Zukunft gemieden und musste sich ändern oder in Konkurs gehen. So ist der Eurodollar-Markt gewachsen und gewachsen und hat auch die Börsen auch nach oben getrieben. Aber als 2008 alle Banken untereinander plötzlich das Vertrauen verloren, stand die Federal Reserve vor einer schwierigen Entscheidung: Schickt sie „echte“ Dollars, um die „falschen“ im Eurodollar-System zu ersetzen – oder riskiert sie einen totalen Zusammenbruch der Finanzmärkte, ausgelöst vom Kollaps eben dieses Eurodollarmarktes? Sie hat sich für Option A entschieden und die Notenpresse angeworfen: Quantitative Easing nannte sich das.

Es gibt Präzedenzfälle

Aber auch wenn die Funktionsweise ähnlich ist: Im Fall von USDT auf den Kryptomärkten wird die Fed sich sicher nicht zu einer Rettungsaktion hinreißen lassen. Warum auch? Hier geht es nicht um ein ganzes System, das langsam zu großer Bedeutung für die Finanzwelt angewachsen ist, sondern um nur eine Firma mit Sitz in Hong Kong, die Dollars für die Blockchain druckt. Je populärer der USDT ist, desto eher werden die Behörden sich etwas einfallen lassen müssen. Gleichzeitig erhöht eine wachsende Popularität von USDT auch die Fallhöhe. Tether hat im übrigen auch Euro-Tether im Programm und will in weitere Währungen expandieren, etwa den japanischen Yen.

Redaktionstipps

Aber noch ist der USDT mit großem Abstand das wichtigste Produkt der Firma. Während in USDT derzeit rund 440 Millionen Dollar stecken, sind nur Euro-Tether im Wert von rund 1600 Euro im Umlauf – da kann man aus Sicht der EZB also noch vernachlässigen.
Die Gefahr für Tether kommt also am ehesten von den US-Behörden: Es gibt auch durchaus Präzedenzfälle dafür, was den Tether-Erfindern droht. Etwa das Schicksal der so genannten „Liberty Reserve“, die ebenfalls digitale „Dollars“ verkauft hat. Sie wurde im Mai 2013 von den US-Behörden unter Anwendung des Patriot Act dicht gemacht. Dann gab es da auch den „Liberty Dollar“. Dessen Erfinder Bernard von NotHaus wurde 2011 wegen Geldfälschung verurteilt, weil er Münzen hatte produzieren lassen, die dem echten Dollar zu ähnlich waren.

Der „falsche“ Dollar als sicherer Hafen

Das ist also das Problem Nummer eins für Tether: Ein Eingriff der Behörden, der alle im Umlauf befindlichen Tether-Token von einem Moment auf den anderen wertlos machen würde. Denn anders als bei Bitcoin oder anderen Cryptowährungen ist der Wert eines Tether nur garantiert durch das Versprechen der Tether-Muterrfirma, mit Sitz in Hong Kong, den Wert bei genau einem Dollar zu halten. Was wird aus diesem Versprechen, wenn die Behörden eingreifen und Tether etwa zu „gefälschten Dollars“ erklären – oder einen anderen juristischen Grund finden, den Laden dicht zu machen?

Jetzt sagen sich viele Anleger natürlich: „Ok, aber das interessiert mich nicht, ich verwende USDT ja gar nicht.“ Die Reaktion ist verständlich. Aber leider ist die Sache nicht so einfach. Denn USDT ist inzwischen ein nicht mehr wegzudenkender Faktor im Cryptosektor. Das geht sogar so weit, dass USDT tatsächlich die Rolle des Dollars übernimmt und in Krisenzeiten als „sicherer Hafen“ fungiert. Es ist auch nicht überraschend: Warum in den „echten“ Dollar flüchten, wenn der Weg in USDT einfacher und günstiger ist? Eine plötzliche Entwertung dieser Tokens würde den Markt massiv durchrütteln. Alle großen Börsen wären betroffen, weil sie Tether-Pairs anbieten.

Binnen weniger Monate um 4300 Prozent rauf

Wie groß die Bedeutung von Tether inzwischen ist, kann man auf Coinmarketcap nachlesen. Dort wird USDT aktuell auf Platz 19 der am höchsten kapitalisierten Assets gelistet – rund 440 Millionen Dollar sind derzeit geparkt. Wirklich dramatisch wird es aber, wenn man sich die Charts anschaut.
Nun ist die Preisentwicklung für Tether weder überraschend noch spektakulär, sondern so wie sie sein sollte: stabil bei einem Dollar. Aber anders als Bitcoin ist Tether beliebig vermehrbar. Und die privaten Eigentümer der Tether-Zentralbank haben in diesem Jahr die Notenpressen angeworfen wie nie zuvor. Anfang Jänner waren nur Tether im Umfang von 10 Millionen Dollar im Umlauf. Seitdem ist die Marktkapitalisierung um 4300 Prozent in die Höhe gegangen.

Es kommt nur aufs Vertrauen an

Hier liegt der zweite Hund in Sachen Tether begraben: Bitcoin hat die Idee etabliert, dass es keine zentrale Stelle braucht, um Vertrauen zu erzeugen – dass die Blockchain das übernehmen kann. In der aktuellen täglichen Realität der Kryptomärkte wird dieses Prinzip bereits untergraben, weil der allergrößte Teil der Anleger sich auf zentralisierte Börsen verlassen muss. Aber immerhin: Wenn die Coins erstmal in der eigenen Wallet sind, muss man auch auf eine Börse nicht vertrauen. Und mehrere Projekte suchen nach Lösungen für dieses Problem, nach einem Weg auch den Handel zu dezentralisieren.
Aber bei Tether ist das unmöglich. Ja, aktuell werden die Token natürlich auch direkt um den Preis von einem Dollar pro Stück gehandelt. Aber das basiert nur auf dem Versprechen der Firma, immer einen echten Dollar pro Tether-Token bereit zu halten. Der Blogger „Bitcrypto’ed“ bezweifelt stark, dass das der Fall ist.

Der lästige Blogger

In Folge seiner Artikel hat die Firma hinter Tether erst kürzlich das Memorandum eines Wirtschaftsprüfers veröffentlicht, das beweisen soll, dass man tatsächlich über das Geld verfügt. „Bitcrypto’ed“ hat seinerseits sofort Zweifel an der Aussagekraft dieses Dokuments angemeldet – vor allem, weil die Bankverbidungen ausgeschwärzt sind. Tatsächlich sind aber genau diese Bankverbindungen entscheidend, denn nur mit Zugang zu frischen „echten“ Dollars kann Tether glaubhaft versichern, dass man wirklich über genügend Reserven verfügt.
Solange die Behörden untätig bleiben ähnelt die Situation bei Tether jener einer Währung, die an Goldreserven gebunden ist. Am Ende kommt es auf das Vertrauen der User an: Solange die daran glauben, dass sie sich auf die Stabilität von Tether verlassen können – oder dass sie sicher sind, weil sie ohnehin nur kurzfristig in dieses Asset investiert sind – solange kann das System weiterlaufen wie bisher. Diese Situation ist für traditionelle Anleger, die inzwischen staatliche Währungen, Regulierungen und staatliche Einlagensicherungen gewohnt sind, sicherlich unerträglich. Aber im Grunde ist daran nichts auszusetzen. Der Markt kann entscheiden. Und Bitcoin-Investoren müssen ohnehin eine dicke Haut haben. Bis jetzt funktioniert es ja.

Down the rabbit hole

Aber „Bitcrypto’ed“ hat noch eine Reihe weiterer Vorwürfe im Köcher. Er hat eine ganze Theorie gesponnen, die (sofern sie sich bestätigenden sollte) tatsächlich dramatische Folgen für den Bitcoin-Markt haben könnte. Das gesamte Material ist auf seinem Medium-Account nachzulesen und
hier wird von Fabian vom CryptoCircle auch auf Deutsch gut erklärt
.Die Theorie geht so: Tether und die Börse Bitfinex gehören zusammen. Dieser Umstand wird von beiden nicht wirklich geleugnet und auch von der „Financial Times“ so akzeptiert. Hier findet man eine Illustration der angeblichen Firmenstruktur.

Das Problem: Bitfinex – und damit Tether – hat schon vor Monaten den Zugang zum US-Bankensystem verloren. Gleichzeitig ist die Ausgabe neuer Tether plötzlich massiv in die Höhe gegangen. Unterm Strich wirft „Bitcrypto’ed“ Bitfinex und Tether nicht nur vor, sich über die Schaffung neuer Tether-Tokens Zugang zu echten Dollars zu verschaffen – sondern auch, durch fragwürdige Trades (Spoofing) auf der eigenen Plattform den Bitcoin Preis nach oben zu treiben . Auch eine Verbindung zur mittlerweile von den US-Behörden in Kooperation mit Griechenland geschlossenen Börse BTC-E, die für Geldwäsche bekannt war, wird angedeutet. Diese Vorwürfe sind Extrem schwerwiegend und zwischen dem Blogger und Bitfinex/Tether ist inzwischen ein regelrechter Informationskrieg entstanden, der sich auf Blogs und auf Twitter abspielt. Aus unserer Sicht ist es nicht möglich, die Vorwürfe im Detail zu überprüfen – man kann nur zur Vorsicht raten.

Fazit: Keine langfristigen Positionen

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass die Verwendung von US-Tether für Crypto-Trader viele Vorteile bringt – aber auch, dass die Struktur von US-Tether aus mindestens zwei Gründen problematisch ist: Weil die US-Behörden eingreifen könnten um das Treiben zu stoppen. Und weil das Vertrauen der User verloren gehen könnte, was einen Bankrun auslösen würde. Sollten sich die zusätzlichen Vorwürfe des Bloggers „Bitcrypto’ed“ bewahrheiten, droht nicht nur den Haltern von US-Tether der Totalverlust ihres dort investierten Vermögens, sondern auch eine massive Korrektur im ganzen Crypto-Markt – angeführt von Bitcoin. Es kann aber auch in die andere Richtung gehen. Tether könnte die Transparenz weiter erhöhen und die Anleger dadurch beruhigen.

Aber selbst wenn alles gut geht und Tether seine Position weiter ausbauen kann, bleibt die Frage: Was wird aus USDT-Token, wenn einmal offizielle Fiat-Währungen auf der Blockchain verfügbar sind? Selbst wenn die Fed oder andere US-Behörden nicht direkt gegen US-Tether vorgehen, könnte ein offizieller US-Dollar auf Blockchain-Basis den Tether von heute verdrängen. Es scheint deshalb ratsam, zumindest auf langfristige oder allzu große Positionen in Tether zu verzichten – um das Risiko einer bösen Überraschung zu minimieren.

Und dann gibt es noch ein unangenehmes Detail: Das gerade im deutschen Sprachraum sehr beliebte Krypoasset IOTA, das sich als Backbone des „Internet of Things“ etablieren will, kann aktuell nur auf einer einzigen Börse gehandelt werden: auf dem umstrittenen Bitfinex. Auch hier gilt: Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Zum Autor:

Nikolaus Jilch ist seit 2011 Redakteur im „Economist“ der Tageszeitung „Die Presse“. Als Experte für Geldpolitik, Währungen und Edelmetalle beschäftigt er sich seit 2012 auch mit Bitcoin und der Blockchain. Seine Kolumne „Wertsachen“ erscheint jeden Samstag in der „Presse“. Twitter: @JilNik

Deine ungelesenen Artikel:
01.06.2026

mySugr-Mitgründer Gerald Stangl bringt mit Roots Energy die urbane Wärmewende in Serie

Roots Energy hat aus einem mehrfach ausgezeichneten Wiener Pilotprojekt ein industrielles Wärmesystem für ganze Stadtquartiere gemacht. Jetzt startet die Serienfertigung in Österreich – und parallel die erste externe Finanzierungsrunde, geplant für das dritte Quartal 2026. Wir haben mit Gründer Gerald Stangl über Marktversagen, den Ukraine-Krieg als Wendepunkt und seine Lehren aus dem mySugr-Exit gesprochen.
/artikel/roots-energy
01.06.2026

mySugr-Mitgründer Gerald Stangl bringt mit Roots Energy die urbane Wärmewende in Serie

Roots Energy hat aus einem mehrfach ausgezeichneten Wiener Pilotprojekt ein industrielles Wärmesystem für ganze Stadtquartiere gemacht. Jetzt startet die Serienfertigung in Österreich – und parallel die erste externe Finanzierungsrunde, geplant für das dritte Quartal 2026. Wir haben mit Gründer Gerald Stangl über Marktversagen, den Ukraine-Krieg als Wendepunkt und seine Lehren aus dem mySugr-Exit gesprochen.
/artikel/roots-energy
Die Gründer Wieland Moser, Gerald Stangl und Florian Hackl-Kohlweiß sowie Co-CEO Katharina Steppan und CEO Hüseyin Özcelik (v. l.). Foto: Nicky Webb

Es ist eine Wette darauf, dass sich die Wärmeversorgung europäischer Städte in den nächsten Jahren grundlegend verändert. Den Beweis, dass der Markt dafür bereit ist, hat Roots Energy nach eigener Darstellung bereits erbracht. „Wir haben bewiesen, dass Menschen dafür bezahlen“, sagt Gründer Gerald Stangl. Das Wiener Unternehmen hat eine vorgefertigte Nahwärme-Plattform aus Hardware und Software entwickelt, die die heute übliche Einzelplanung jedes Heizraums durch ein industriell gefertigtes System ersetzen soll – und damit europäische Städte unabhängig von fossilen Energie-Importen machen will. Die Investitionskosten sinken laut Unternehmen gegenüber konventionell geplanten Anlagen um bis zu 50 Prozent.

Die erste Anlage – das mehrfach ausgezeichnete Wiener Pilotprojekt SmartBlock Geblergasse, technisch geplant von Roots-Mitgründer Wieland Moser, unter anderem Träger des Österreichischen Staatspreises 2021 – läuft seit 2017. Mehr als 20 weitere Standorte in der DACH-Region befinden sich im aktiven Rollout. Seit dem zweiten Quartal 2026 fertigt Roots Energy die zentralen Komponenten gemeinsam mit einem österreichischen Industriepartner in Serie. Womit das Unternehmen die jahrelange Pilotphase hinter sich lässt – und in die Skalierung eintritt.

Vom Co-Living-Projekt zum Wärme-Standard

Die Geschichte beginnt nicht mit Energie, sondern mit Wohnen. Hinter Roots steht mit Gerald Stangl ein Gründer, der bereits eine der bekanntesten österreichischen Health-Tech-Erfolgsgeschichten mitgebaut hat: Das von ihm mitgegründete Unternehmen mySugr, eine App zum Diabetes-Management, wurde 2017 an den Pharmakonzern Roche verkauft. Die Parallele zieht Stangl selbst – mySugr sei erfolgreich gewesen, weil das Team sein eigenes Problem gelöst habe. Bei Roots ist es dasselbe Muster: Die Wärmelösung entstand aus dem konkreten Bedarf eines eigenen Bauprojekts. 2021 gründete er gemeinsam mit Dr. Hüseyin Özcelik und Florian Hackl-Kohlweiß die Roots Urban Villages GmbH, ein Co-Living-Konzept für die Stadt. Bei der Suche nach einer Wärmelösung für ein rund 20.000 Quadratmeter großes Areal stieß das Team auf ein grundsätzliches Problem: „Wir haben gemerkt, es gibt nichts. Entweder man geht auf Fossil oder auf Fernwärme, wo man extreme Preisabhängigkeit hat“, erinnert sich Stangl. 

(c) Nicky Webb

Den Ausschlag gab schließlich der russische Einmarsch in die Ukraine 2022. Die Energiepreise schossen nach oben, die Immobilienpreise nach unten – und damit verschob sich die Logik des gesamten Vorhabens. Erst in diesem Moment, so Stangl, sei dem Team das eigentliche Marktversagen aufgefallen – und damit der Moment gekommen, „all in“ zu gehen: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Das Team ließ das große Immobilienprojekt fallen, holte Energietechnik-Pionier Wieland Moser ins Gründer-Team, kaufte ein Gebäude als Forschungszentrum und entschied sich bewusst gegen frühes Investorenkapital: Ausschlaggebend war für Stangl der Zeitpunkt: Mit Kriegsbeginn sei die Stimmung unter Investoren schlecht gewesen, ein schneller Start mit hohem Tempo damals kaum finanzierbar. „Da haben wir gesagt, wir bootstrappen das.” 2023 wurde aus Roots Urban Villages die Roots Energy GmbH.

(c) Nicky Webb

Das Marktversagen: zwischen Fernwärme und Sackgasse

Warum es für dichte Städte bisher keine industrielle Wärmelösung gibt, lässt sich an drei Optionen festmachen, die alle nicht skalieren. Klassische Fernwärme erreicht nur profitable Kernzonen; bestehende Hochtemperatur-Netze (80 bis 135 Grad Vorlauf) sind faktisch nicht erweiterbar und verlieren über 30 Prozent ihrer Energie auf dem Transportweg. Wer dennoch ausbaut, riskiert hohe tote Investitionen, wenn die Anschlussquoten zu gering bleiben. Luftwärmepumpen und Heizcontainer wiederum scheitern im dichten Bestand an Platz, Schallschutz und Genehmigungen. Und individuell von Ingenieurbüros geplante Erdwärme-Anlagen funktionieren zwar technisch, bleiben aber teure Einzelstücke.

(c) Nicky Webb

Genau hier setzt die zentrale These vom „CapEx at Risk“ an. Das klassische Modell baut ein großes, zentrales Werk und steckt vorab viel Kapital hinein – in der Hoffnung, damit Tausende Haushalte zu versorgen. Bleiben die Anschlüsse aus, ist das Geld verloren. „Bei uns gibt’s dieses CapEx at Risk nicht“, sagt Stangl. „Die Energiequelle entsteht in diesen Netzen Schritt für Schritt.“ Statt eines Großkraftwerks liegen viele kleine Module vor; das System wächst mit der Nachfrage, nicht auf Verdacht.

Als Vorbild dient ausgerechnet Wien selbst. Nach den Ölpreisschocks Ende der 1970er-Jahre stellte die Stadt die dezentrale Ölheizung auf Gas um – und zwar, indem man günstig nur die Gasleitungen bis vor die Wohnungen legte. Ab da konnte jeder Haushalt frei entscheiden, wann er von Öl auf die überlegene Gastherme wechselt. „In weniger als einer Generation war das abgeschlossen“, erzählt Stangl. „Und wir machen genau das Gleiche.“ Roots verlegt schlanke, kostengünstige Soleleitungen – im Kern eine kalte Wasserleitung mit Alkohol-Wasser-Gemisch –, und jede Wohnung tauscht ihre Gastherme nach Bereitschaft gegen eine Soletherme.

(c) Nicky Webb

Komplexität von der Baustelle ins Werk

Technisch baut Roots auf sogenannter kalter Nahwärme – im Fachjargon 5th Generation District Heating and Cooling. Über die Soleleitungen wird Umgebungswärme aus Erdwärme, Grundwasser, Außenluft oder Abwasser vor Ort gewonnen und nahezu verlustfrei an die Gebäude geliefert. Die Plattform besteht aus drei Bausteinen: dem vorgefertigten Hydraulik- und Steuerungsmodul Roots·Hub, dem Betriebssystem Roots·OS, das das thermische Netz steuert, sowie standardisierten Kompressoren, die Wärme oder Kälte beim Endabnehmer erzeugen – inklusive der Option, im Sommer zu kühlen.

(c) Martin Holzner

Der Kerngedanke: Roots verlagert die Komplexität von der Baustelle ins Werk. Aus aufwändigen Sonderprojekten werden standardisierte, einfach einzusetzende Systemlösungen – und damit eine skalierbare Infrastruktur. Wichtig ist Stangl dabei die Abgrenzung – ein Punkt, mit dem das Unternehmen lange gerungen hat: „Wir liefern die Anlagensysteme, damit Firmen ihren Job machen können. Wir sind in keiner Konkurrenz.“ Roots sei weder Wärmepumpenfirma noch Projektierer, sondern Systemtechnik-Lieferant für Energieversorger, institutionelle Eigentümer und Contractors.

Markt mit hohem regulatorischem Druck

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Drei EU-Rechtsakte definieren bis 2040 das Ende fossiler Wärme im Gebäudebestand: Der EPBD-Recast schreibt den Ausstieg aus fossilen Heizkesseln bis 2040 vor, der EED-Recast verpflichtet jede Kommune ab 45.000 Einwohnern zu einem Wärmeplan, und ab 2028 greift mit ETS 2 eine CO₂-Bepreisung auf Gebäudewärme. Rund die Hälfte des EU-Endenergieverbrauchs entfällt auf Heizen und Kühlen – größtenteils noch fossil.

(c) Nicky Webb

Als Zielkunden hat Roots Energy Europas größte institutionelle Wohnungsanbieter im Blick. Allein die 30 größten kontrollieren nach eigener Auswertung ein Wärme-Dekarbonisierungs-Volumen von rund 65 Milliarden Euro – darunter die größten Bestandshalter aus Österreich und Deutschland. Gespräche zu ersten gemeinsamen Piloten sind in Vorbereitung.

Fünf Jahre bootstrapped, jetzt die erste Runde

Seit 2021 hat Roots Energy rund zehn Millionen Euro aus Eigen- ,Fördermitteln und geförderten Darlehen eingesetzt – je etwa fünf Millionen in Forschung und Produktentwicklung sowie in das 900 Quadratmeter große Forschungszentrum „Roots·House“ in Wien-Penzing, das der Klimafonds als „Leuchtturm der Wärmewende“ auszeichnete. Die Forschungsförderungsgesellschaft FFG steuerte 2,4 Millionen Euro bei. Das Patent ist erteilt.

Nun geht das Unternehmen erstmals an externes Kapital: Eine erste Finanzierungsrunde soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden. Gespräche laufen mit europäischen Fonds aus den Bereichen Klima-, Resilienz- und Industrietechnologie. Das Kapital fließt in technische Kundenbetreuung, den Ausbau des Vertriebs und die Serienproduktion. Operativ geführt wird Roots Energy von Hüseyin Özcelik und Katharina Steppan; Stangl verantwortet als Gründer das Fundraising.

Das erklärte Ziel: Die Wärmeversorgung europäischer Städte soll künftig industriell organisiert sein – so wie Strom oder Telekommunikation heute. Den Hebel dorthin sieht Stangl weniger im Klimaargument als in handfesten Vorteilen für die Bewohner. „Wir müssen das Narrativ ändern“, sagt er. „Klima zieht in der aktuellen politischen Lage bei den Menschen wenig – dafür stehen Resilienz, Unabhängigkeit und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund.“


Mehr über Roots Energy könnt ihr auch hier erfahren.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Eine tickende Zeitbombe?

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Eine tickende Zeitbombe?

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Eine tickende Zeitbombe?

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Eine tickende Zeitbombe?

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Eine tickende Zeitbombe?

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Eine tickende Zeitbombe?

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Eine tickende Zeitbombe?

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Eine tickende Zeitbombe?

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Eine tickende Zeitbombe?