06.04.2022

„Das bestgehütetste Geheimnis in der Startup Szene in Österreich“

Im Gastbeitrag schreibt Doris Kiendl, Leiterin des Masterstudiengangs "Digital Entrepreneurship" an der FH JOANNEUM, über das florierende Startup-Ökosystem in Graz und den Beitrag des Studiengangs dazu.
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Doris Kiendl: Kann man Unternehmergeist lernen?
Doris Kiendl, Leiterin des Masterstudiengangs "Digital Entrepreneurship" | (c) FH JOANNEUM
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Was ist das bestgehütetste Geheimnis in der Startup Szene in Österreich? Die Antwort ist einfach: Es ist, dass Graz ein fantastisches und schnell wachsendes Startup-Ökosystem hat. Es spricht sich allerdings allmählich herum, und das macht das Startup-Ökosystem in der Steiermark noch attraktiver, da es stetig wächst und mehr und mehr Acceleratoren, Incubatoren, Co-Working Spaces, Investoren und weitere Angebote in Graz für Gründungswillige zur Verfügung stehen. Darüber hinaus bieten öffentliche Einrichtungen, wie die Wirtschaftsabteilung der Stadt Graz und die SFG des Landes Steiermark Unterstützung und Förderungen für Startups. Graz ist groß genug für eine florierende Startup-Szene und immer noch klein genug, um rasch und unbürokratisch mit allen Akteur:innen in Kontakt zu kommen.

„Viele der zentralen Akteur:innen der lokalen Startup-Szene als Lehrbeauftragte“

Die Steiermark zeichnet sich besonders durch ihre zahlreichen Hochschulen aus, und dies hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Innovationskraft dieser Stadt und des Umfeldes. Insbesondere Startups im Bereich wissens- und technologie-basierter Produkte und Dienstleistungen können in so einem Umfeld entstehen und aufblühen. Die FH JOANNEUM bietet genau in dieser Schnittstelle einen Masterstudiengang „Digital Entrepreneurship“ an und bereichert das Ökosystem seit seinem Start im Oktober 2021. Wir schätzen uns glücklich, dass wir viele der zentralen Akteur:innen der lokalen Startup-Szene bei uns als Lehrbeauftragte gewinnen konnten und unterstützen unsere Studierenden auf ihrer unternehmerischen Reise zum potenziellen Unicorn von morgen mit Theorie- und Praxisinputs. Die nächste Kohorte startet im Wintersemester, Bewerbungen auf die 20 limitierten Studienplätze sind noch bis Ende Mai möglich.

Mit diesem Angebot möchten wir das vielfältige Angebot für Gründungsinteressierte und „digital changemakers“ komplementieren und unseren Beitrag für das Ökosystem leisten. Diese Zusammenarbeit unter den vielfältigen Akteuren des Grazer Ökosystems findet auf allen Ebenen statt, unter anderem auch im Rahmen des kürzlich veröffentlichten Startup Guides Graz, der einen Überblick über die geheimen und nicht so geheimen Hotspots des Ökosystems liefert – unbedingt weitersagen!

Die Bewerbung für den Masterstudiengang „Digital Entrepreneurship“ ab dem Wintersemester 2022 ist noch bis zum 30. Mai 2022 möglich.

Über Doris Kiendl

FH-Prof. Dr. Doris Kiendl ist an der FH JOANNEUM Leiterin des Instituts International Management, des Bachelorstudiengangs „Management Internationaler Geschäftsprozesse“ sowie des Masterstudiengangs „Digital Entrepreneurship“. Sie ist Autorin zahlreicher Fachpublikationen in Bereichen des Wirtschaftsrechts, engagiert sich für Innovationen im Hochschulbereich weltweit, vor allem im Rahmen von Projekten zum Kapazitätsaufbau von Hochschulen und unterrichtet regelmäßig weltweit an Partneruniversitäten der FH JOANNEUM.

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Reploid veröffentlicht Jahresbericht 2025: Komplexes Bild hinter glänzender Fassade

Das im direct market plus der Wiener Börse notierte Welser Scaleup Reploid legt seine Zahlen für 2025 vor. Was auf den ersten Blick nach makelloser Erfolgsgeschichte aussieht, wird bei genauerer Betrachtung doch etwas komplexer.
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Jonas Finck und Philip Pauer, Vorstände der Reploid Group AG | (c) Reploid / Stefan Beiganz
Jonas Finck und Philip Pauer, Vorstände der Reploid Group AG | (c) Reploid / Stefan Beiganz

Im Juli gab das Welser Scaleup Reploid bereits vorläufige Zahlen zum Geschäftsjahr 2025 bekannt, wie brutkasten berichtete. Und große Überraschungen gibt es im nun veröffentlichten kompletten Jahresbericht bei den damals genannten Kennzahlen keine:

Der Umsatz stieg demnach von 5,1 Millionen Euro im Jahr 2024 auf 37,9 Millionen Euro im Jahr 2025, das Betriebsergebnis (EBIT) von 1,1 Millionen auf 12,6 Millionen Euro. Die Bilanzsumme wuchs von 7,7 Millionen auf 48,3 Millionen Euro und das Eigenkapital von 4,7 Millionen auf 19,2 Millionen Euro (jeweils zum Stichtag 31.12.). Unterm Strich stehen 9,4 Millionen Euro Gewinn.

Österreichs Scaleup-Musterschüler?

Die Zahlen sprechen für sich, will man meinen. Ist Reploid also Österreichs Scaleup-Musterschüler, dem starkes Wachstum auf allen Ebenen bei steigender Profitabilität gelingt? Ein genauer Blick in den Jahresbericht abseits der Zahlen, die es in die begleitende Presseaussendung geschafft haben, zeigt ein deutlich differenzierteres Bild.

Hoher Gewinn trifft tief negativen Cashflow

In der Presseaussendung nennt Reploid Umsatz, Betriebsergebnis, Bilanzsumme und Eigenkapital. Der Jahresüberschuss und vor allem die Cashflow-Rechnung finden sich nur im vollständigen Bericht. Und dort zeigt sich, dass die Ertragszahlen deutlich von der tatsächlichen Kassenlage abweichen: Dem ausgewiesenen Gewinn von 9,4 Millionen Euro steht ein Minus von nicht weniger als 6,5 Millionen Euro beim operativen Cashflow gegenüber. Hinzu kamen Abflüsse für Investitionen von rund 6,1 Millionen Euro. Diesen Geldbedarf deckte das Scaleup mit frischem Geld von außen: Über Eigenkapitaleinzahlungen von Investoren sowie neue Kredite holte man sich 2025 insgesamt 12,4 Millionen Euro. Mit Stichtag 31.12.2025 lag der ausgewiesene Kassenbestand bei rund 6.000 Euro, also eine „schwarze Null“.

Große offene Forderungen mit Unsicherheitsfaktor im Umsatz

Ein wesentlicher Grund für diese Schere zwischen dem verbuchten Gewinn und dem tatsächlichen Kassenstand liegt in den Verträgen für die Insektenmastanlagen, die das Scaleup für seine Kunden baut. Zwar verbuchte Reploid einen Rekordumsatz von 37,9 Millionen Euro, wartete zum Bilanzstichtag jedoch noch auf erhebliche Kundenzahlungen: Die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen standen netto, also bereits nach Abzug von Wertberichtigungen, mit rund 18,6 Millionen Euro in der Bilanz.

Ein Unsicherheitsfaktor: Viele Kunden müssen vertraglich erst zahlen, wenn ein behördlicher Baubescheid für die jeweilige Anlage vorliegt. Da Fälligkeit und Zahlungszeitpunkt vieler Forderungen damit unsicher sind, musste Reploid den Wert seiner Forderungen drastisch korrigieren. Zum Bilanzstichtag summierten sich die Wertberichtigungen auf 13,8 Millionen Euro, wovon allein 12,1 Millionen Euro das operative Ergebnis des Jahres 2025 als Aufwand belasteten. Wegen dieser Unsicherheiten stufte der Prüfer Deloitte die Werthaltigkeit der Forderungen im Bericht als „besonders wichtigen Prüfungssachverhalt“ ein.

Viele Geschäfte im eigenen Firmennetzwerk

Auffällig ist zudem eine enge Verflechtung im eigenen Firmennetzwerk. Zu den offenen Kundenforderungen kommen weitere Forderungen von rund 6,5 Millionen Euro gegenüber Tochtergesellschaften, davon rund 2 Millionen Euro aus Lieferungen und Leistungen und der Rest aus Finanzierungen und Verrechnungen, sowie von rund 5,3 Millionen Euro gegenüber Beteiligungsunternehmen der Gruppe. Die Forderungen gegenüber den eigenen Töchtern mussten dabei bereits mit 5,5 Millionen Euro wertberichtigt werden, das entspricht rund 46 Prozent ihres ursprünglichen Werts.

Zusätzlich stiegen die Vermögenswerte durch ein von einer Tochterfirma erworbenes Patentrecht im Wert von knapp 4,8 Millionen Euro. Frisches Geld von außen brachte dieser interne Deal freilich nicht. Zum Stichtag standen zugleich Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen von knapp 6 Millionen Euro aus Verrechnungen in den Büchern.

„Kleine Kapitalgesellschaft“ Reploid muss keinen Konzernabschluss vorlegen

Ein weiterer auffälliger Punkt betrifft die Transparenz. Die Bilanzsumme wuchs von 7,7 Millionen auf 48,3 Millionen Euro, die Belegschaft auf Gruppenebene lag per Ende 2025 bei 109 Mitarbeitenden. Dennoch ist das Unternehmen formell weiterhin als „kleine Kapitalgesellschaft“ eingestuft. Zudem greifen laut Bericht die größenabhängigen Befreiungstatbestände des § 246 UGB: Reploid muss daher keinen Konzernabschluss aufstellen. Das tatsächliche Gesamtbild der Finanzen aller in- und ausländischen Tochterfirmen bleibt für die Öffentlichkeit damit teilweise intransparent. Die im aktuellen Bericht veröffentlichte Beteiligungsliste weist jedenfalls bei mehreren Tochtergesellschaften Verluste aus, was das Gesamtbild schärft.

Normaler Vorgang, außergewöhnliche Transparenz

Dass bei derartigem Wachstum ein hoher Kapitalbedarf besteht und es finanzielle Risiken und Unsicherheitsfaktoren gibt, ist bei Scaleups freilich völlig normal. Und auch dass bei den kommunizierten Zahlen eine Auswahl getroffen wird, die das Unternehmen gut dastehen lässt, ist gang und gäbe. Der Unterschied liegt freilich darin, dass Reploid als börsennotiertes Unternehmen höhere Transparenzpflichten hat. Es notiert seit Juli 2025 im direct market plus der Wiener Börse. Für Beobachter:innen bietet Reploids Jahresabschluss 2025 in Kombination mit der Presseaussendung jedenfalls ein spannendes Anschauungsobjekt, wie man mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen hantieren kann.

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