14.04.2020

Die Höhle der Löwen: Autoputz-Startup bietet Dümmel mehr Anteile als er fordert

In dieser Folge von "Die Höhle der Löwen" übernimmt sich ein Gründer mit Behauptungen, während ein anderes Startup mit seiner Bewertung Missgunst von so manchem Löwen erregt. Und ein drittes gibt mehr Anteile ab, als der Investor fordert.
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Höhle der Löwen, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl, Carsten Maschmeyer, Georg Kofler, Ralf Dümmel, Startup
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Capanova von Benjamin Koch, eine Naturkosmetikhaarline für den Mann wird von Investorin Judith Williams kritisch beäugt.
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Der erste in der aktuellen Folge von „Die Höhle der Löwen“ war Benjamin Koch. Bei Capanova dreht sich alles um die männliche Haarpflege und das Haarstyling. Während einer Südamerika-Reise vor drei Jahren griff er auf örtlich erhältliche Haarstylingprodukte zurück. Doch zurück in Deutschland stellte er Haarausfall und Ergrauung fest. „Das Produkt aus Südamerika war voll mit Chemie. Das war absolutes Gift für meine Haare und meine Kopfhaut“, so Benjamin Koch.

+++ DHDL: Grill-Startup bringt Dagmar Wöhrl in Rage +++

Nach eineinhalb Jahren „Forschung und Entwicklung“ präsentiert der gelernte Marketing- und Kommunikationswirt nun seine Capanova-Produkte, die das NATRUE-Siegel tragen. Um richtig durchstarten zu können, benötigt der Gründer 400.000 Euro und bietet dafür 25,01 Prozent seiner Firmenanteile.

Williams stimmt nicht zu

Nach dem Pitch durfte Shopping-Queen Judith Williams an einem Männer-Model Hand anlegen und eine Haar-Paste ins Haupthaar des jungen Mannes schmieren. Als der Gründer behauptete, sein Spray wäre weltweit der erste natürliche Haarspray auf natürlicher Ebene, widersprach ihm die Löwin. Sie wisse von anderen Produkten. Man einigte sich schlussendlich darauf, dass so ein Produkt exklusiv „nur für Männer“ – zumindest im deutschen Markt – nicht existiere.

Nichts Neues?

Doch es ging weiter. Während Koch seine Präsentation darauf aufbaute, dass seine Produkte neuartige Funktionalitäten bieten würden, meinte Williams, alles Aufgezählte sei nichts Neues. Auch Ex-Politikerin Dagmar Wöhrl zeigte sich vom Produkt nicht sonderlich überzeugt. Und war raus.

„Zuviel Zukunft, zu wenig Gegenwart“ bei Höhle der Löwen

Danach meinten die Löwen, dass die Bewertung zu hoch sei für ein Produkt, das noch nicht am Markt ist. Dem Gründer wurde „zuviel Zukunfts- und zu wenig Gegenwarts“-Denken vorgeworfen. Hier zeigte sich beim Founder ein beliebter Fehler der Startup-Sendung: Mögliche Verkäufe in der Zukunft in die aktuelle Bewertung einfließen zu lassen. Zudem machte ihn Williams darauf aufmerksam, dass Produktentwicklung und „Forschung & Entwicklung“ zwei unterschiedliche Dinge sind. Der Gründer würde einfach zu viele Behauptungen ohne fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse in den Raum stellen. Das ginge nicht.

„Zu viele Lücken“

Tech-Investor Frank Thelen meinte daraufhin, Koch wisse gar nicht, wie sein Produkt auf Haare wirke und stieg aus.  Auch Williams ging schlussendlich. Der gesamte Auftritt des Gründers hatte zu viele Lücken, so ihr Final-Statement. Kein Deal für Capanova.

Nassreinigungstücher in der „Höhle der Löwen“

Die nächsten, die sich in die „Höhle der Löwen“ wagten, waren Gerhard Pletschacher und Dustin Weidenhiller. Mit GentleMonkeys haben die beiden Gründer extragroße Nassreinigungstücher – so genannte GentleWipes – entwickelt, die nahezu alle glatten Oberflächen – auch Lederausstattungen – in und an einem Fahrzeug reinigen, polieren und versiegeln sollen – ganz ohne Wasser. 300.000 Euro haben die beiden Gründer bereits ins Startup investiert. Für den großen Markteintritt brauchen sie aber weiteres Kapital und einen erfahrenen Partner. Das Angebot an die Löwen: 10 Prozent Firmenanteile für 150.000 Euro.

Höhle der Löwen, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl, Carsten Maschmeyer, Georg Kofler, Ralf Dümmel, Startup
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Dustin Weidenhiller (l.) und Gerhard Pletschacher  von „GentleMonkeys“ überraschten mit ihrem Angebot Investor Ralf Dümmel.

Inhalt ein Geheimnis

Nach der Vorführung an einem Oldtimer-Modell meinte Konzernchef Nils Glagau, ihn überzeuge das Produkt nicht. Er würde nicht für sein Leder im Auto eine Politur verwenden, die etwa auch für Glas gedacht wäre. Maschmeyer stieg ebenfalls aus, weil die Gründer nicht verraten wollten, welche Inhalte in GentleWipes stecken. Social Media-Experte Georg Kofler erklärte indes, das Autoputzen sei eine eintönige Tätigkeit, die er nicht mag. Er fahre lieber in die Waschstraße. Dennoch fand er es bei GentleMonkeys bemerkenswert, dass man von der Praktikabilität her ein Auto ohne Wasser mit einem einfachen Tuch putzen und polieren kann. Er testete das Produkt in Sinne eines „faulen und technisch nicht interessierten Menschen“  direkt im Studio und machte danach ein Angebot: 150.000 Euro für 30 Prozent.

Dümmel: „Ich lasse mich gerne messen“

Handelunternehmer Ralf Dümmel zeigte sich ebenfalls interessiert und bot das gleiche wie sein Vorgänger. Die Gründer kehrten mit einem Gegenangebot zurück: Jetzt 25 Prozent für Dümmel und in einem Jahr extra acht Prozent, wenn die Kooperation und Leistung stimme. „Ich lasse mich gerne messen“, sagte der Löwe und versprach eine Listung in 10.000 Filialen und den Aufbau eines Webshops. Deal für GentleMonkeys.

Fettpölsterchenglätter bei der „Höhle der Löwen“

Ayse Kök war die nächste in der „Höhle der Löwen“. Mit Ayse Byzanz liefert sie einen Fettpölsterchenglätter, der durch zwei Federn in Abendkleider und Corsagen eingenäht werden kann und so mehr Raum für überschüssiges Körperfett schaffen soll. Ein ähnliches Produkt für den Alltag hat sie für Frauen ab Konfektionsgröße 40 erfunden: einen Einsatz für BHs, der mobil einsetzbar ist. Jetzt möchte die Gründerin ihr Produkt am Markt etablieren und ist auf der Suche nach einem strategischen Partner. Für 150.000 Euro bietet Kök zehn Prozent ihrer Firmenanteile an.

Visueller Effekt gut

Nach einer Demonstration mit Models unterschiedlicher Größe zeigten sich besonders die Löwinnen Wöhrl und Williams interessiert, während Frank Thelen wiederholt den Kopf schüttelte. Der Tech-Experte gab zu, dass der visuelle Effekt bei den Vorführmodels zwar gut, er aber am Thema nicht interessiert sei. Ein Löwe weniger.

Ayse Byzanz, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl, Carsten Maschmeyer, Georg Kofler, Ralf Dümmel, Startup
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Ayse Kök (l.) brachte mit „Ayse Byzanz“ einen Fettpölsterchenglätter für Abendkleider in die „Höhle der Löwen“.

Zu kleiner Markt?

Maschmeyer nannte die Erfindung ein spannendes Produkt, allerdings stecke noch viel Arbeit im Startup. Wöhrl hingegen meinte, die Pölsterchen hätten viel Erklärungsbedarf, was ein Problem im Handel sein könnte. Beide stiegen aus. Auch Dümmel sah sich als falschen Investor und ging ebenso ohne Angebot. So blieb nur eine Löwin über: Judith Williams nannte die Erfindung toll, aber den Markt nicht so groß, wie die Gründerin glaube. Kein Deal für Ayse Byzanz.

Digitales Mitteilungsheft in der „Höhle der Löwen“

Als nächstes folgte ein dreiköpfiges Gründerteam dem Ruf der „Höhle der Löwen“. Daniel Zacharias, Jan Micha Kroll und Timo Stosius haben mit Sdui eine digitale Plattform entwickelt, die Lehrer, Eltern und Schüler miteinander verbinden soll. Über die App können aktuelle Geschehnisse wie Stundenausfall oder Plan- und Raumänderungen von der Schulverwaltung versendet werden. Bisher verbraucht eine Schule im Schnitt 25.000 Seiten Papier im Jahr für Elternbriefe, so das Trio. Mit Sdui können Lehrer mit wenigen Klicks eine Nachricht an die Eltern senden und diese wiederum mit einem Klick eine Lesebestätigung an die Schule schicken. Auch die Kommunikation – wie Termine teilen, Dateien und Nachrichten verschicken und Mobbingschutz – können über die App organisiert werden.

1.000.000 Euro Bewertung

Gestartet sind die drei jungen Männer am heimischen Küchentisch. Mittlerweile sind sie ein Startup mit über 20 Mitarbeitern, das schon einige Städte und Landkreise als Kunden gewinnen konnte. Mit Hilfe der Löwen möchten sie das Produkt weiterentwickeln und Sdui an Schulen in ganz Europa platzieren. Hierfür benötigen die Gründer 1.000.000 Euro und bieten dafür 12,5% ihrer Firmenanteile.

Höhle der Löwen, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl, Carsten Maschmeyer, Georg Kofler, Ralf Dümmel, Startup
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Timo Stosius, Jan Micha Kroll und Daniel Zacharias (v.l.n.r.) wagten sich in die Höhle der Löwen mit einer Millionen-Bewertung.

Experten unter sich

Nach dem Pitch argumentierten die Gründer, dass bezüglich des Datenschutzes personenbezogene Daten per Mail oder WhatsApp nicht geteilt werden dürfen – nachdem Maschmeyer gemeint hatte, digitale Kommunikation existiere bereits in den Schulen über die beiden Kanäle. Dann kam es zu einem Experten-Austausch über die Technologie hinter der App zwischen Thelen und Stoisius, der bereits mit neun Jahren seine erste App entwickelt hatte. Auf Nachfragen und Zurschaustellung von Unverständnis der restlichen Löwen etwa beim Thema API, gab der Tech-Investor zu, beim Startup sei alles stimmig.

Zu hoch gepokert?

Bisher würden auch 150.000 Schüler die App nutzen. Nach dem Teilen dieser Information fühlte sich Glagau enttäuscht und nannte die Bewertung unvernünftig. Er stieg aus. Die Gründer erklärten daraufhin, dass sie bereits auf europäischer Ebene mit einem Pilotprojekt unterwegs seien und man das Geschäftsmodell weiterentwickeln könne. Dennoch verabschiedeten sich Maschmeyer und Dümmel ebenfalls aufgrund des hohen Firmenwerts.

Kofler beleidigt in der Höhle der Löwen

Die Unternehmer gaben nicht auf und brachten Hochschulen und Universitäten als Zielpublikum ins Spiel. Georg Kofler meinte, der Auftritt der Drei sei eloquent und kompetent, zeigte sich aber beleidigt, dass man ihm zumute, eine derartige Bewertung zu akzeptieren. Danach meinten die drei Pitcher, dass man auch Features im Kopf habe, die Betriebe mit Arbeitssuchenden verbinden könnten – als eine Art Job-Plattform-Tool. Und der App als lebenslangen Begleiter. Es half nichts.

Wie Umsätze machen?

Thelen empfand das Produkt als sehr gut, jedoch hätten die Gründer ihm nicht erklären können, warum ihr Startup erfolgreich sein werde. Er wisse nicht, wo die richtigen Umsätze gemacht werden könnten. Kein Deal für Sdui.

Kein Stolpern mehr?

Den Abschluss der „Höhle der Löwen“ bildete das Ehepaar Falk. Die Idee zu Rope Scout kam Vladislav und Inna, als sie mit der Familie im Campingurlaub waren und die Kinder ständig über die Zeltleinen stolperten. Nach fast zwei Jahren Entwicklungszeit präsentierten sie nun den Löwen ihre Erfindung: die RopeScout-Clips.

Höhle der Löwen, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl, Carsten Maschmeyer, Georg Kofler, Ralf Dümmel, Startup
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Inna und Vladislav Falk (Foto) erfanden mit „RopeScout“ Leuchtmarkierungen für Seile.

Von der Sonne aufgeladen

Jene bestehen aus einem phosphoreszierenden Material, welches sich in der Sonne auflädt und im Dunkeln lange und hell leuchtet. So werden die meist übersehbaren Stolperfallen sichtbar gemacht. Um die Leuchtmarkierungen für Seile auf den Markt bringen zu können, sind Vladislav und Inna Falk auf der Suche nach einem Investor und strategischen Partner. Ihr Angebot: 80.000 Euro für 25 Prozent ihrer Firmenanteile.

Markt zu klein

Nach der Vorstellung der leuchtenden Warnschilder meinte Kofler, das Produkt sei eine Art Zubehör zum Zelt und ihm somit zu klein. Er stieg aus. Dümmel hingegen sagte, man könne die Zielgruppe vergrößern und sich nicht nur auf dem Camping-Markt konzentrieren. Glagau nannte die Idee der Beiden zu „nischig“ und wurde der zweite Löwe ohne Angebot.

Keine Unternehmer?

Maschmeyer erkannte die Problemlösung als raffiniert an, jedoch habe er das Gefühl, dass es sich beim Duo nicht um richtige Unternehmer handle. Er riet dazu, sich mit Zelt-Herstellern zusammen zu tun. Wöhrl meinte, dass sie die falsche Investorin wäre und war weg.

Doch noch Happy End bei „Die Höhle der Löwen“

Schlussendlich blieb Ralf Dümmel über. Jener sah es anders als sein Kollege Maschmeyer und sagte, es wäre nicht so drastisch, wenn die beiden Gründer noch keine richtigen Unternehmer wären; sie stünden erst am Anfang. Er bot 80.000 Euro für 33 Prozent. Deal für Rope Scout.


⇒ Capanova

⇒ GentleMonkeys

⇒ Ayse Byzanz (FB-Seite)

⇒ Sdui

⇒ Rope Scout

⇒ DHDL zum nachsehen auf TVNOW

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Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, in den SwissCAT+-Laboren am Campus Hönggerberg | (c) Martin Pacher

Wer auf den Hönggerberg im Norden Zürichs fährt, lässt die Stadt hinter sich. Der zweite Campus der ETH, entstanden ab 1961, liegt in ländlicher Umgebung, hier sind unter anderem die Departemente für Chemie, Physik und Materialwissenschaft zu Hause. Und hier, in den SwissCAT+-Laboren der Hochschule, lässt sich derzeit besichtigen, wie Forschung aussehen könnte, wenn nicht mehr der Mensch jeden einzelnen Handgriff macht.

In diesen Laboren übernehmen Roboter die Arbeit, die sonst Forschende beschäftigt: Sie hantieren mit Flüssigkeiten und Pulvern, bereiten Proben vor, testen sie und messen laufend die Ergebnisse. Das Bemerkenswerte daran ist aber nicht die Automatisierung selbst, sondern wer die Versuche plant: eine Künstliche Intelligenz. Die Software stammt vom Startup Atinary, das an der ETH keinen eigenen Standort hat, sondern mit der Technologieplattform SwissCAT+ zusammenarbeitet. Sie schlägt vor, welches Experiment als nächstes sinnvoll ist, lernt aus jedem Ergebnis und berechnet daraus den nächsten Schritt. Dieser Kreislauf läuft rund um die Uhr, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.

„Ein Labor ist eine große Küche“

Wie soll man sich das vorstellen? Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, greift im Gespräch mit brutkasten zu einem Alltagsbild: „Am Ende ist ein Labor eine große Küche. Wir liefern die Rezepte. Wir nutzen KI, um Rezepte zu erzeugen, die dann im Labor getestet werden.“ Das Ziel: möglichst schnell zum besten Rezept kommen. Denn jeder einzelne Versuch kostet Zeit, Material und Geld. Wer statt tausender Versuche nur ein paar Dutzend braucht, spart enorm.

Genau darauf ist die Software ausgelegt. Statt sich blind durch unzählige mögliche Kombinationen zu probieren, lernt das System mit jedem Experiment dazu und empfiehlt gezielt die vielversprechendsten nächsten Schritte. „Self-Driving Labs“ nennt Atinary das Prinzip, selbstfahrende Labore. Den Begriff hat sich das 2019 gegründete Unternehmen sogar markenrechtlich schützen lassen.

Loïc Roch, Co-founder und CTO von Atinary | (c) Martin Pacher / brutkasten

Den Bedarf für solche Werkzeuge begründet Roch mit einem unbequemen Befund: Forschung wird immer teurer und langsamer, es braucht immer mehr Zeit und Geld, bis Neues gefunden ist. Dazu kommt eine handfeste Vertrauenskrise: Roch verweist auf eine vielzitierte Befragung von rund 1.500 Forschenden, wonach ein Großteil daran scheitert, Experimente zu wiederholen, in der Chemie sind die Quoten besonders hoch. Das ist nicht nur für die Wissenschaft ein Problem: Ohne verlässliche Daten lässt sich auch keine verlässliche KI trainieren.

100 Jahre Forschung in sechs Wochen

Was das System kann, zeigt das Vorzeigeprojekt direkt vor Ort. Gemeinsam mit dem SwissCAT+-Team suchte Atinary nach dem besten Katalysator, also jenem Hilfsstoff, mit dem sich das Treibhausgas CO₂ in Methanol umwandeln lässt, einen Ausgangsstoff für nachhaltige Treibstoffe. Laut Atinary kamen dafür mehr als 20 Millionen mögliche Kombinationen infrage. Das Ergebnis wurde in einem Fachjournal publiziert: In sechs Wochen wurden 144 Katalysator-Kandidaten hergestellt und getestet, mit minimalem menschlichem Zutun. Die Zahl, mit der Atinary seither wirbt, ist eindrucksvoll: eine 1000-fache Beschleunigung, umgerechnet 100 Jahre Katalyse-Forschung in nur sechs Wochen. SwissCAT+-Chef Paco Laveille, der die Umsetzung an der ETH verantwortet, bestätigt beim Besuch die Größenordnung: von Jahren an Forschung hinunter zu Wochen.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Beim konkreten Nutzen für Firmenkunden hält sich Roch hingegen zurück, aus einem strukturellen Grund: „Wir sind ein Dienstleister. Wir sehen den generierten Mehrwert nicht, und die Kunden wollen ihn nicht teilen.“ Das habe auch mit Sicherheitsanforderungen zu tun, ergänzt das Unternehmen: Angaben zum erzielten Return on Investment erhalte Atinary dann, wenn Kunden sie von sich aus teilen — teils münde das in gemeinsame Publikationen.

Die einzige konkrete Zahl, die er im Gespräch nennt, stammt aus einer gemeinsamen Publikation mit dem Aromen- und Duftstoffkonzern dsm-firmenich: Dort konnte der Einsatz eines teuren Edelmetalls so stark reduziert werden, dass dessen Kostenanteil um rund 95 Prozent sank. Es sei nicht die einzige gemeinsame Veröffentlichung mit Kunden, betont das Unternehmen — weitere gebe es etwa mit dem Pharmakonzern Takeda.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Auch ein aktueller gemeinsamer Blogbeitrag von AWS und Atinary liefert Anhaltspunkte. Ein Manager von Takeda wird dort mit der Aussage zitiert, eine Optimierung habe mit dem selbstfahrenden Ansatz rund eine Woche gedauert, verglichen mit ein bis zwei Monaten auf dem herkömmlichen Weg. Am MIT wiederum löste ein Forschungsteam mit der Software eine knifflige Aufgabe aus der Solarzellenforschung in nur 25 Versuchen, innerhalb einer strikten Frist von vier Wochen. Und über das eigene Labor, das Atinary heuer in Boston eröffnet hat, heißt es: Es erzeuge in einer Woche mehr Versuchsdaten, als ein Doktorand in fünf Jahren produziert.

Bezahlter Pilot, Lizenz pro Arbeitsplatz

Wirtschaftlich steht Atinary noch am Anfang. Das Unternehmen befindet sich in der Seed-Phase, öffentlich auffindbar sind laut Roch rund zehn Millionen an bisheriger Finanzierung, eingesammelt über Venture Capital, Family Offices und Förderungen. Als Nächstes peilt er eine Series A an. Das Wachstumskapital dafür werde voraussichtlich aus den USA kommen: „Der Ansatz ist in Europa und den USA sehr unterschiedlich.“

Paco Laveille, Managing Director, SwissCAT+ East, ETH Zurich | (c) Martin Pacher / brutkasten

Verdient wird über Software-Lizenzen, abgerechnet pro Arbeitsplatz. Am Anfang steht ein dreimonatiger, bewusst kostenpflichtiger Testlauf. „Wenn der Pilot nicht bezahlt ist, stecken die Kunden nicht die Ressourcen hinein, um ihn richtig zu testen“, sagt Roch. Dass er mit diesem Modell Geld liegen lässt, räumt er offen ein: Eine Beteiligung am geschaffenen Wert wäre lukrativer, scheitert aber daran, dass die Kunden diesen Wert eben nicht offenlegen.

Die Kundschaft kommt bisher vor allem aus der Pharmabranche, die laut Roch am ehesten bereit ist, Neues zu riskieren; der Rest der Industrie folge dann. Einsatzfelder gibt es aber quer durch: Lebensmittel, Duftstoffe, Materialforschung, grüne Energie, und gemeinsam mit Stanford sogar Zelltherapien gegen Krebs. Umsatz machen vor allem Konzerne. Mit Universitäten arbeitet Atinary eng zusammen, weil sich dort Ergebnisse veröffentlichen lassen, sie werden so zu Botschaftern der Technologie. Auch KMU zählen zu den Kunden, das jüngste sei erst vor wenigen Tagen dazugekommen. Die Arbeitsteilung im Unternehmen: Das Entwicklerteam sitzt bei Roch in Lausanne, das eigene Labor steht in Boston, dort, wo die großen Pharma-Forschungszentren angesiedelt sind.

„Fast jeden zweiten Tag ein neues Startup“

Beim Thema Konkurrenz wird Roch deutlich: Der Bereich „AI for Science“ ziehe derzeit massiv Gründungen an, fast jeden zweiten Tag komme ein neues Startup dazu. Gefährlich sei daran vor allem eines: Mit den heutigen KI-Werkzeugen lasse sich sehr schnell ein beeindruckender Prototyp bauen, der Kunden begeistert. „Unter der Haube ist das aber kein produktionsreifer Code, der bei einem Großunternehmen laufen kann.“ Atinary sieht er im Vorteil, weil man seit 2019 das gesamte Paket aufgebaut habe: die Anbindung an die Laborgeräte, das eigene KI-Training, die Anwendungen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit durch den eigenen Beirat. Dazu kommt laut Unternehmen ein Netzwerk an Technologiepartnern, darunter AWS, ABB Robotics, Agilent, Bruker, Chemspeed und Mettler-Toledo. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt unter anderem der MIT-Chemiker Stephen Buchwald — im Bostoner Labor optimiert Atinary nach eigenen Angaben ausgerechnet die nach ihm benannte Buchwald-Hartwig-Reaktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zugleich beobachtet er seit heuer einen Umschwung im Markt: Kunden dächten zunehmend in einer Wettlauf-Logik. Wer die Technologie nicht als Erster einsetze, riskiere, dass es die Konkurrenz tut. Und wenn diese in Wochen schafft, wofür man selbst Jahre braucht, sei der Rückstand kaum aufzuholen.

Die größte Hürde ist der Mensch

Und was bremst die Verbreitung? Nicht die Technik, sagt Roch, sondern der Mensch. „Der Wissenschaftler im Labor ist oft seit 15, 20 Jahren dort. Wenn man ihm sagt: Wir können deine Forschung um den Faktor zehn oder hundert beschleunigen, sagt er: Nein. Ich kenne mein Fach besser als irgendein Algorithmus.“ Es sei dabei weniger mangelndes Vertrauen, die Technologie werde schlicht als Bedrohung für den eigenen Job empfunden. Christoph Schnidrig von AWS ergänzt: Dieses Muster kenne man von jeder Technologiewelle, von der Einführung der Cloud bis zur KI in der Softwareentwicklung. Rochs Haltung dazu: Jobs würden sich verändern, aber nicht verschwinden. „Am Ende ist es ein Werkzeug. Der Mensch bleibt am Steuer.“

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zum Vertrauen gehört auch die Datenfrage, schließlich legen die Kunden ihr wertvollstes Gut, ihre Forschungsdaten, in die Plattform. Die läuft vollständig auf der Cloud von AWS. Roch verweist auf Prüfungen, Audits und Sicherheitstests; personenbezogene Daten würden praktisch keine gespeichert, schon gar keine Patientendaten, dafür sei man in der Forschung viel zu früh angesetzt. Auch deshalb sieht er im EU AI Act derzeit kein Hindernis: In Kundengesprächen sei die Regulierung bislang schlicht kein Thema gewesen.

Auszeichnung vom Weltwirtschaftsforum

Während brutkasten mit Roch in Zürich spricht, befindet sich sein Mitgründer, CEO Hermann Tribukait, gerade im chinesischen Dalian, um dort den Technology-Pioneer-Award des Weltwirtschaftsforums entgegenzunehmen. Zu den früheren Preisträgern der Auszeichnung zählen Roch zufolge Namen wie Google, Dropbox und Airbnb. Preisgeld gibt es keines, der Wert liege im Zugang zum Netzwerk des Forums und zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen. Kunden in China hat Atinary übrigens keine, und das dürfte vorerst so bleiben: Als in den USA registriertes Unternehmen sei das Geschäft mit chinesischen Firmen „wegen der Geopolitik sehr heikel“.

Gefragt nach dem Blick fünf Jahre voraus, skizziert Roch eine Vision, die er ausgerechnet am Vorbild seines Cloud-Partners entwirft: Labore, die wie Rechenleistung aus der Cloud abrufbar sind, weltweit vernetzt, mit einer übergeordneten KI, die Erkenntnisse zwischen Forschungszentren auf verschiedenen Kontinenten austauscht.

Den Antrieb dahinter beschreibt er ganz persönlich: Er und seine Mitgründer seien Naturliebhaber, und die Energiewende brauche schnellere Forschung. „Der Planet kann nicht noch ein Jahrzehnt warten, bis wir Lösungen finden.“ Sein Befund nach sieben Jahren: „R&D ist heute noch zu langsam.“


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AI Summaries

Die Höhle der Löwen: Autoputz-Startup bietet Dümmel mehr Anteile als er fordert

  • Capanova von benjamin Koch hat die Männerhaar-Pflege zum Ziel.
  • GentleMonkeys überraschen mit ungewöhnlichem Angebot.
  • Fettpölsterchen in Kleidern sollen mit Ayse Byzany ein Ende finden.
  • App fordert von den Löwen eine Million Euro.
  • Rope Scout nutzt Sonnenlicht zum Schutz vor Stolperfallen.

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