14.04.2020

Die Höhle der Löwen: Autoputz-Startup bietet Dümmel mehr Anteile als er fordert

In dieser Folge von "Die Höhle der Löwen" übernimmt sich ein Gründer mit Behauptungen, während ein anderes Startup mit seiner Bewertung Missgunst von so manchem Löwen erregt. Und ein drittes gibt mehr Anteile ab, als der Investor fordert.
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Höhle der Löwen, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl, Carsten Maschmeyer, Georg Kofler, Ralf Dümmel, Startup
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Capanova von Benjamin Koch, eine Naturkosmetikhaarline für den Mann wird von Investorin Judith Williams kritisch beäugt.
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Der erste in der aktuellen Folge von „Die Höhle der Löwen“ war Benjamin Koch. Bei Capanova dreht sich alles um die männliche Haarpflege und das Haarstyling. Während einer Südamerika-Reise vor drei Jahren griff er auf örtlich erhältliche Haarstylingprodukte zurück. Doch zurück in Deutschland stellte er Haarausfall und Ergrauung fest. „Das Produkt aus Südamerika war voll mit Chemie. Das war absolutes Gift für meine Haare und meine Kopfhaut“, so Benjamin Koch.

+++ DHDL: Grill-Startup bringt Dagmar Wöhrl in Rage +++

Nach eineinhalb Jahren „Forschung und Entwicklung“ präsentiert der gelernte Marketing- und Kommunikationswirt nun seine Capanova-Produkte, die das NATRUE-Siegel tragen. Um richtig durchstarten zu können, benötigt der Gründer 400.000 Euro und bietet dafür 25,01 Prozent seiner Firmenanteile.

Williams stimmt nicht zu

Nach dem Pitch durfte Shopping-Queen Judith Williams an einem Männer-Model Hand anlegen und eine Haar-Paste ins Haupthaar des jungen Mannes schmieren. Als der Gründer behauptete, sein Spray wäre weltweit der erste natürliche Haarspray auf natürlicher Ebene, widersprach ihm die Löwin. Sie wisse von anderen Produkten. Man einigte sich schlussendlich darauf, dass so ein Produkt exklusiv „nur für Männer“ – zumindest im deutschen Markt – nicht existiere.

Nichts Neues?

Doch es ging weiter. Während Koch seine Präsentation darauf aufbaute, dass seine Produkte neuartige Funktionalitäten bieten würden, meinte Williams, alles Aufgezählte sei nichts Neues. Auch Ex-Politikerin Dagmar Wöhrl zeigte sich vom Produkt nicht sonderlich überzeugt. Und war raus.

„Zuviel Zukunft, zu wenig Gegenwart“ bei Höhle der Löwen

Danach meinten die Löwen, dass die Bewertung zu hoch sei für ein Produkt, das noch nicht am Markt ist. Dem Gründer wurde „zuviel Zukunfts- und zu wenig Gegenwarts“-Denken vorgeworfen. Hier zeigte sich beim Founder ein beliebter Fehler der Startup-Sendung: Mögliche Verkäufe in der Zukunft in die aktuelle Bewertung einfließen zu lassen. Zudem machte ihn Williams darauf aufmerksam, dass Produktentwicklung und „Forschung & Entwicklung“ zwei unterschiedliche Dinge sind. Der Gründer würde einfach zu viele Behauptungen ohne fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse in den Raum stellen. Das ginge nicht.

„Zu viele Lücken“

Tech-Investor Frank Thelen meinte daraufhin, Koch wisse gar nicht, wie sein Produkt auf Haare wirke und stieg aus.  Auch Williams ging schlussendlich. Der gesamte Auftritt des Gründers hatte zu viele Lücken, so ihr Final-Statement. Kein Deal für Capanova.

Nassreinigungstücher in der „Höhle der Löwen“

Die nächsten, die sich in die „Höhle der Löwen“ wagten, waren Gerhard Pletschacher und Dustin Weidenhiller. Mit GentleMonkeys haben die beiden Gründer extragroße Nassreinigungstücher – so genannte GentleWipes – entwickelt, die nahezu alle glatten Oberflächen – auch Lederausstattungen – in und an einem Fahrzeug reinigen, polieren und versiegeln sollen – ganz ohne Wasser. 300.000 Euro haben die beiden Gründer bereits ins Startup investiert. Für den großen Markteintritt brauchen sie aber weiteres Kapital und einen erfahrenen Partner. Das Angebot an die Löwen: 10 Prozent Firmenanteile für 150.000 Euro.

Höhle der Löwen, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl, Carsten Maschmeyer, Georg Kofler, Ralf Dümmel, Startup
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Dustin Weidenhiller (l.) und Gerhard Pletschacher  von „GentleMonkeys“ überraschten mit ihrem Angebot Investor Ralf Dümmel.

Inhalt ein Geheimnis

Nach der Vorführung an einem Oldtimer-Modell meinte Konzernchef Nils Glagau, ihn überzeuge das Produkt nicht. Er würde nicht für sein Leder im Auto eine Politur verwenden, die etwa auch für Glas gedacht wäre. Maschmeyer stieg ebenfalls aus, weil die Gründer nicht verraten wollten, welche Inhalte in GentleWipes stecken. Social Media-Experte Georg Kofler erklärte indes, das Autoputzen sei eine eintönige Tätigkeit, die er nicht mag. Er fahre lieber in die Waschstraße. Dennoch fand er es bei GentleMonkeys bemerkenswert, dass man von der Praktikabilität her ein Auto ohne Wasser mit einem einfachen Tuch putzen und polieren kann. Er testete das Produkt in Sinne eines „faulen und technisch nicht interessierten Menschen“  direkt im Studio und machte danach ein Angebot: 150.000 Euro für 30 Prozent.

Dümmel: „Ich lasse mich gerne messen“

Handelunternehmer Ralf Dümmel zeigte sich ebenfalls interessiert und bot das gleiche wie sein Vorgänger. Die Gründer kehrten mit einem Gegenangebot zurück: Jetzt 25 Prozent für Dümmel und in einem Jahr extra acht Prozent, wenn die Kooperation und Leistung stimme. „Ich lasse mich gerne messen“, sagte der Löwe und versprach eine Listung in 10.000 Filialen und den Aufbau eines Webshops. Deal für GentleMonkeys.

Fettpölsterchenglätter bei der „Höhle der Löwen“

Ayse Kök war die nächste in der „Höhle der Löwen“. Mit Ayse Byzanz liefert sie einen Fettpölsterchenglätter, der durch zwei Federn in Abendkleider und Corsagen eingenäht werden kann und so mehr Raum für überschüssiges Körperfett schaffen soll. Ein ähnliches Produkt für den Alltag hat sie für Frauen ab Konfektionsgröße 40 erfunden: einen Einsatz für BHs, der mobil einsetzbar ist. Jetzt möchte die Gründerin ihr Produkt am Markt etablieren und ist auf der Suche nach einem strategischen Partner. Für 150.000 Euro bietet Kök zehn Prozent ihrer Firmenanteile an.

Visueller Effekt gut

Nach einer Demonstration mit Models unterschiedlicher Größe zeigten sich besonders die Löwinnen Wöhrl und Williams interessiert, während Frank Thelen wiederholt den Kopf schüttelte. Der Tech-Experte gab zu, dass der visuelle Effekt bei den Vorführmodels zwar gut, er aber am Thema nicht interessiert sei. Ein Löwe weniger.

Ayse Byzanz, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl, Carsten Maschmeyer, Georg Kofler, Ralf Dümmel, Startup
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Ayse Kök (l.) brachte mit „Ayse Byzanz“ einen Fettpölsterchenglätter für Abendkleider in die „Höhle der Löwen“.

Zu kleiner Markt?

Maschmeyer nannte die Erfindung ein spannendes Produkt, allerdings stecke noch viel Arbeit im Startup. Wöhrl hingegen meinte, die Pölsterchen hätten viel Erklärungsbedarf, was ein Problem im Handel sein könnte. Beide stiegen aus. Auch Dümmel sah sich als falschen Investor und ging ebenso ohne Angebot. So blieb nur eine Löwin über: Judith Williams nannte die Erfindung toll, aber den Markt nicht so groß, wie die Gründerin glaube. Kein Deal für Ayse Byzanz.

Digitales Mitteilungsheft in der „Höhle der Löwen“

Als nächstes folgte ein dreiköpfiges Gründerteam dem Ruf der „Höhle der Löwen“. Daniel Zacharias, Jan Micha Kroll und Timo Stosius haben mit Sdui eine digitale Plattform entwickelt, die Lehrer, Eltern und Schüler miteinander verbinden soll. Über die App können aktuelle Geschehnisse wie Stundenausfall oder Plan- und Raumänderungen von der Schulverwaltung versendet werden. Bisher verbraucht eine Schule im Schnitt 25.000 Seiten Papier im Jahr für Elternbriefe, so das Trio. Mit Sdui können Lehrer mit wenigen Klicks eine Nachricht an die Eltern senden und diese wiederum mit einem Klick eine Lesebestätigung an die Schule schicken. Auch die Kommunikation – wie Termine teilen, Dateien und Nachrichten verschicken und Mobbingschutz – können über die App organisiert werden.

1.000.000 Euro Bewertung

Gestartet sind die drei jungen Männer am heimischen Küchentisch. Mittlerweile sind sie ein Startup mit über 20 Mitarbeitern, das schon einige Städte und Landkreise als Kunden gewinnen konnte. Mit Hilfe der Löwen möchten sie das Produkt weiterentwickeln und Sdui an Schulen in ganz Europa platzieren. Hierfür benötigen die Gründer 1.000.000 Euro und bieten dafür 12,5% ihrer Firmenanteile.

Höhle der Löwen, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl, Carsten Maschmeyer, Georg Kofler, Ralf Dümmel, Startup
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Timo Stosius, Jan Micha Kroll und Daniel Zacharias (v.l.n.r.) wagten sich in die Höhle der Löwen mit einer Millionen-Bewertung.

Experten unter sich

Nach dem Pitch argumentierten die Gründer, dass bezüglich des Datenschutzes personenbezogene Daten per Mail oder WhatsApp nicht geteilt werden dürfen – nachdem Maschmeyer gemeint hatte, digitale Kommunikation existiere bereits in den Schulen über die beiden Kanäle. Dann kam es zu einem Experten-Austausch über die Technologie hinter der App zwischen Thelen und Stoisius, der bereits mit neun Jahren seine erste App entwickelt hatte. Auf Nachfragen und Zurschaustellung von Unverständnis der restlichen Löwen etwa beim Thema API, gab der Tech-Investor zu, beim Startup sei alles stimmig.

Zu hoch gepokert?

Bisher würden auch 150.000 Schüler die App nutzen. Nach dem Teilen dieser Information fühlte sich Glagau enttäuscht und nannte die Bewertung unvernünftig. Er stieg aus. Die Gründer erklärten daraufhin, dass sie bereits auf europäischer Ebene mit einem Pilotprojekt unterwegs seien und man das Geschäftsmodell weiterentwickeln könne. Dennoch verabschiedeten sich Maschmeyer und Dümmel ebenfalls aufgrund des hohen Firmenwerts.

Kofler beleidigt in der Höhle der Löwen

Die Unternehmer gaben nicht auf und brachten Hochschulen und Universitäten als Zielpublikum ins Spiel. Georg Kofler meinte, der Auftritt der Drei sei eloquent und kompetent, zeigte sich aber beleidigt, dass man ihm zumute, eine derartige Bewertung zu akzeptieren. Danach meinten die drei Pitcher, dass man auch Features im Kopf habe, die Betriebe mit Arbeitssuchenden verbinden könnten – als eine Art Job-Plattform-Tool. Und der App als lebenslangen Begleiter. Es half nichts.

Wie Umsätze machen?

Thelen empfand das Produkt als sehr gut, jedoch hätten die Gründer ihm nicht erklären können, warum ihr Startup erfolgreich sein werde. Er wisse nicht, wo die richtigen Umsätze gemacht werden könnten. Kein Deal für Sdui.

Kein Stolpern mehr?

Den Abschluss der „Höhle der Löwen“ bildete das Ehepaar Falk. Die Idee zu Rope Scout kam Vladislav und Inna, als sie mit der Familie im Campingurlaub waren und die Kinder ständig über die Zeltleinen stolperten. Nach fast zwei Jahren Entwicklungszeit präsentierten sie nun den Löwen ihre Erfindung: die RopeScout-Clips.

Höhle der Löwen, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl, Carsten Maschmeyer, Georg Kofler, Ralf Dümmel, Startup
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Inna und Vladislav Falk (Foto) erfanden mit „RopeScout“ Leuchtmarkierungen für Seile.

Von der Sonne aufgeladen

Jene bestehen aus einem phosphoreszierenden Material, welches sich in der Sonne auflädt und im Dunkeln lange und hell leuchtet. So werden die meist übersehbaren Stolperfallen sichtbar gemacht. Um die Leuchtmarkierungen für Seile auf den Markt bringen zu können, sind Vladislav und Inna Falk auf der Suche nach einem Investor und strategischen Partner. Ihr Angebot: 80.000 Euro für 25 Prozent ihrer Firmenanteile.

Markt zu klein

Nach der Vorstellung der leuchtenden Warnschilder meinte Kofler, das Produkt sei eine Art Zubehör zum Zelt und ihm somit zu klein. Er stieg aus. Dümmel hingegen sagte, man könne die Zielgruppe vergrößern und sich nicht nur auf dem Camping-Markt konzentrieren. Glagau nannte die Idee der Beiden zu „nischig“ und wurde der zweite Löwe ohne Angebot.

Keine Unternehmer?

Maschmeyer erkannte die Problemlösung als raffiniert an, jedoch habe er das Gefühl, dass es sich beim Duo nicht um richtige Unternehmer handle. Er riet dazu, sich mit Zelt-Herstellern zusammen zu tun. Wöhrl meinte, dass sie die falsche Investorin wäre und war weg.

Doch noch Happy End bei „Die Höhle der Löwen“

Schlussendlich blieb Ralf Dümmel über. Jener sah es anders als sein Kollege Maschmeyer und sagte, es wäre nicht so drastisch, wenn die beiden Gründer noch keine richtigen Unternehmer wären; sie stünden erst am Anfang. Er bot 80.000 Euro für 33 Prozent. Deal für Rope Scout.


⇒ Capanova

⇒ GentleMonkeys

⇒ Ayse Byzanz (FB-Seite)

⇒ Sdui

⇒ Rope Scout

⇒ DHDL zum nachsehen auf TVNOW

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Startup-Coach Florian Kandler rät Gründer:innen, schon vor dem fertigen Produkt zu verkaufen | Foto: Bianca Perfahl

Florian Kandlers Startup Report erscheint heuer in elfter Ausgabe und wurde im Mai gemeinsam mit KPMG präsentiert. Er ist bewusst kein Datenwerk und kein politisches Papier: Die Zahlen bekomme man ohnehin auf Knopfdruck, so Kandler. Stattdessen befragt er jene Gründer:innen, die bereits Funding eingesammelt haben, nach ihren konkretesten Learnings. Kandler hat seit seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley über 3.000 Gründer:innen begleitet, die zusammen mehr als eine Milliarde Euro aufgenommen haben, und ist bereits im achten Jahr offizieller Startup-Coach bei „2 Minuten 2 Millionen“.

Aus den Antworten lässt sich heuer eines klar herauslesen: Der Druck Richtung Traction steigt. Kapital konzentriert sich auf wenige Segmente, die Abstände zwischen den Runden werden länger, und Investor:innen wollen Proof from the Market sehen, nicht bloß eine gute Geschichte. Lukas Lauder von Repark bringt es im Report auf den Punkt: „Investors don’t invest in your product, they invest in momentum.“

Daraus ergibt sich ein Dilemma, das gerade First-Time-Founder kennen: Wie baut man Traction auf, wenn das Kapital dafür noch fehlt? Kandlers Antwort ist ein Mindset-Shift, den er „Sales before the product“ nennt.

Du machst den Report seit elf Jahren. Welcher Trend sticht heuer am stärksten heraus?

Die starke Verschiebung hin zu Traction. Die Leute wollen immer mehr Momentum und Proof from the Market sehen, nicht nur den Beweis, dass jemand eine gute Geschichte erzählen kann oder dass theoretisch Potenzial da ist. Stefan Steiner von Don’t Call it Deo sagt es so: nicht nur auf die Idee fokussieren, sondern auf Market Traction. Storytelling ist für Pitch Competitions oder Community Pitches nett, aber wenn du mit Investor:innen sprichst, musst du in einen anderen Gang schalten. Da zählt Groove.

Zieht sich das durch alle Phasen?

Durch alle Fundingphasen, von den ganz Kleinen bis zu den Großen. Nur bedeutet Traction in jeder Phase etwas anderes, und es verschiebt sich, was dort durchschnittlich und was überdurchschnittlich ist. Was sich nicht verschiebt: Es muss heute einfach mehr an Traction da sein als noch vor einigen Jahren. Eine Idee und eine tolle Vision allein, und dann kommt das Geld, das funktioniert nicht mehr.

Das klingt nach einem Dilemma: Ohne Kapital ist Traction schwer aufzubauen.

Das ist einer der großen Denkfehler, die ich bei jungen Gründer:innen immer wieder sehe. Viele kommen mit: „Ich hatte vor Jahren die Idee, habe daran gebastelt, das Potenzial ist riesig, und jetzt suche ich einen strategischen Investor, der mich bei Marketing und Vertrieb unterstützt.“ Bastler mit Idee, null Market Validation. Oder: „Ich kann ja nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht.“ Das ist grundfalsch. In der Sekunde, in der du die Idee hast, überlegst du: Wer ist die ideale Zielgruppe? Du baust deine Hypothese darum, gehst raus und sprichst mit diesen Leuten, auch wenn dein Produkt erst in drei Jahren fertig ist. Die Traction, die du aufbaust, ist das Interesse, das du dort erzeugst.

Hast du ein Beispiel?

Ich betreue gerade einen Gründer, der schon jetzt Pre-Orders schreibt und pro Kunde 10.000 Euro kassiert, damit sich diese das Recht sichern, die ersten Pilotkunden werden zu dürfen. Das Produkt ist noch lange nicht fertig, er hat aber ganz klar einen Nutzen bei den Kunden identifiziert und mit smartem Verkauf FOMO erzeugt. So konnte er schon Aufträge erhalten, bevor das Produkt fertig ist. Das ist Traction.

Und im Consumer-Bereich?

Da sage ich den Leuten bei „2 Minuten 2 Millionen“: Der Pitch ist so gut, wie er sein kann. Aber bis du in sechs Wochen im Studio bist, mach eine einzige Sache. Geh raus in alle Mom-and-Pop-Shops, die dein Produkt brauchen können, verkauf es ihnen, gib es ihnen auf Kommission, erzeug Traction. Wenn das Produkt noch nicht fertig ist, hol dir zumindest ein Stück Papier, etwa eine unterzeichnete Absichtserklärung, das zeigt: Die Leute wollen das. Erst letzte Woche hat ein Gründer aus Tirol, der sich gerade auf seinen großen Auftritt im Studio vorbereitet, genau das umgesetzt. Fünf Tage später schickte er mir eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht, dass er über sein altes berufliches Netzwerk bereits zwei Vorbestellungen gewinnen konnte.

Was braucht es, damit das gelingt?

Zwei Dinge. Erstens ein Produkt, das wirklich mit dem Markt resoniert. Wenn du das nicht hast, hast du ohnehin kein Anrecht auf Kapital. Und zweitens die Fähigkeit und die Bereitschaft, rauszugehen. Die fehlt vielen, teils weil sie es nicht können, teils weil sie es nicht wollen. Aber das lässt sich mit Kompetenzaufbau ganz gut heilen: Sobald du merkst, das funktioniert und die Leute finden es geil, kriegst du auch Mut. Ich sehe das regelmäßig in meinen Beratungen, wie meine Gründer dann plötzlich Eigendynamik entwickeln. „Sales before the product“ ist einer der größten Mindset-Shifts, die junge Gründer:innen verstehen müssen. Wenn man die Methoden einmal kennt, kann das wirklich jeder umsetzen.

Und wenn diese Bereitschaft im Team fehlt?

Dann wird es schwierig. Wenn alle Angst vor dem Kunden haben, fehlt genau die Person, die keine Angst hat, und die braucht es. Die anderen verkriechen sich hinterm Computer, denken sich digitale Ad-Kampagnen aus oder gehen zum Investor und sagen: „Ich brauche 300.000 Euro, davon 150.000 fürs Marketing.“ Das gibt dir niemand, solange du nicht im Kleinen getestet hast, ob die Leute es überhaupt brauchen. In 99 Prozent der Fälle gibt es Growth Hacks, mit denen du ohne Cash-Budget Staub aufwirbeln und sehen kannst, ob es funktioniert oder nicht.

Konkret: Wie geht man mit einem unfertigen Produkt im B2C auf Kund:innen zu?

Ein möglicher Weg im Consumer-Bereich ist, die Leute auf Social Media abzufangen. Ich betreue gerade eine Gründerin, die eine sehr intelligente Functional-Cosmetics-Brand aufbaut. Jeder Investor hofft, dass jemand im Team versteht, daraus auf Social Media Buzz zu bauen. Wenn dein Produkt neuartige Eigenschaften hat, musst du es so vermarkten, dass die Leute heiß werden und du vielleicht einen Pre-Sale machst, wie beim Fashion Drop: Die Kollektion kommt erst im September, aber die Leute zahlen heute schon. Irgendjemand muss diese Message rüberbringen, ob als Person und Fürsprecherin, wie coole Food-Gründerinnen, die vor der Kamera ihr Produkt zeigen, oder abstrakter über Content und meinetwegen KI-generierte Avatare. Und das ist nur einer von mehreren möglichen Wegen, die man je nach Unternehmen und Situation einschlagen kann.

Und im B2B?

Da musst du ran an den Speck, und Networking ist entscheidend. Ich gebe in Workshops eine Übung: Nimm dein Telefon, schau, wer da drin ist und wer von denen wen kennen könnte. Ruf deine zehn besten Freunde an, die dich mögen, dir Gutes wollen und die wissen, dass du kein Depp bist, und sag: „Ich suche jemanden in dem und dem Bereich, kennst du wen?“ Du wärst überrascht, wie schnell die ersten Termine stehen. Funktioniert auch auf Konferenzen und Events, wo diese Menschen herumlaufen. Aber weg von diesen drögen Kundeninterviews à la „Würdest du das kaufen?“. Das ist fast wertlos, für die Unternehmer:innen wie für Investor:innen. Wer es ernst meint, liest „The Mom Test“, denkt den Inhalt dieses Buchs konsequent wie ein Verkäufer weiter und baut aus dem Gespräch direkt einen Sales-Funnel. Im besten Fall ist das eine Pre-Order mit Cash, im nächstbesten eine Pre-Order ohne Cash, dann ein Letter of Intent.


Info: Fundraising Winter Camp™ 2026

Jeden Winter bereitet Florian Kandler eine kleine Gruppe von zehn Startups in drei Wochen online auf ihre Investor:innen-Suche vor. Das Camp 2026 startet am 14. Jänner.. Die Sommer-Version des Camps läuft seit 10 Jahren immer im Juli. Die Plätze sind jedes mal ausgebucht. Wer beim nächsten Durchgang dabei sein will, kann sich über Florian Kandlers Newsletter auf www.GetFunding.how/camp voranmelden und wird zum nächsten Camp eingeladen.

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Die Höhle der Löwen: Autoputz-Startup bietet Dümmel mehr Anteile als er fordert

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