12.04.2021

Die Höhle der Löwen mit „saugeilem Produkt“ und Lieblingsbier-Brot

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" ging es um Tampons-Handschuhe, gesundes Sitzen und Bier beim Backen. Zudem brachte ein Gründer eine Idee mit, wie er gegen Lebensmittel-Verschwendung vorgehen möchte, während andere das Seifen-Konzept attackierten.
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Höhle der Löwen, Bierkruste
TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Ines Pfisterer erleichtert das Brot-Backen durch die Zugabe von Bier.
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Die ersten die sich in die Höhle der Löwen wagten – die es online auf TVNOW und immer Montags um 20.15 Uhr bei VOX zu sehen gibt – waren Moritz Simsch und Sebastian Jung. Beide haben sich schon vor 20 Jahren gemeinsam für den Umweltschutz engagiert. Ein Thema, das die beiden Gründer von Sause bis heute nachhaltig beschäftigt. Mit ihrer Erfindung möchten sie ihren Teil zur Vermeidung von Plastikmüll beitragen und das Konzept Seife nachhaltiger denken. Den Löwen präsentierten sie ihre entwickelten Brausetabletten für den Seifenspender in drei Varianten, Orange, Lavendel und eine ohne Duft. Die Handhabung: Den Seifenspender mit 100 Milliliter Wasser befüllen, Tablette rein, auflösen und fertig ist der Seifenschaum.

CO2 sparen

Sause ist vegan, plastikfrei und eine Packung wiegt 44 Gramm – dadurch kann zusätzlich beim Transport CO2 eingespart werden, wie die beiden Pitcher betonen. Das Ziel: Flüssigseife, Plastikseifenspender und Nachfüllpacks sollen der Vergangenheit angehören. Um Sause auf dem Markt schnell etablieren zu können, benötigten sie 200.000 Euro und bieten dafür 15 Prozent ihrer Firmenanteile.

Höhle der Löwen, Sause
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Moritz Simsch (l.) und Sebastian Jung präsentierten mit „Sause“ Brausetabletten für Flüssigseife.

Nach dem Pitch meinte Handelsexperte Ralf Dümmel, bei dem guten Duft müsse man aufpassen, es nicht zu trinken. Verzog aber danach leicht das Gesicht, als die Gründer erzählten, dass sie bisher 3.000 Euro Umsatz gemacht hätten. Medienprofi Georg Kofler fand das Produkt spannend, sagte aber auch, dass die Firmenbewertung bei diesen Umsatzzahlen zu hoch wäre. Er ging als erster Löwe ohne Angebot.

USP von Sause?

Konzernchef Nils Glagau warf danach ein, dass es bereits ähnliche Produkte am Markt gebe. Er wollte von den Gründern ihren USP wissen. Die Antwort: Die biozertifizierten Inhaltsstoffe seien das Alleinstellungsmerkmal. Zudem würde man bereits an weiteren Produkten arbeiten.

Erste Angebot in der „Höhle der Löwen“

Glagau zeigte sich von der Erklärung nicht überzeugt und ging auch ohne Angebot. Anschließend sagten die Gründer, dass sie ein Netzwerk suchten, da sie schnell Skalieren müssten. Dümmel stimmte dieser Strategie, der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein, zu und bot 200.000 Euro für 25 Prozent Beteiligung.

„Saugeiles Produkt“

Familienunternehmerin Dagmar Wöhrl nannte Sause ein „saugeiles Produkt“ und erzählte von ihrem Netzwerk in der Hotellerie. Sie wollte 20 Prozent Anteile haben und lockte die Gründer mit 250.000 Euro. Shopping-Queen Judith Williams begann ihre Rede mit „ihr seid der Hammer“. Der TV-Star meinte, man müsse zwar schnell sein, aber mit Köpfchen. Nach einer kurzen Darstellung ihrer großen Möglichkeiten bot auch sie für 25 Prozent Anteile 200.000 Euro an. Nach kurzer Beratung kehrten Simsch und Jung zurück und entschieden sich für die äußerst erleichterte Williams. Deal für Sause.

Die Leidenschaft der Gründerin

Die zweite in der „Höhle der Löwen“ war Ines Pfisterer. Die 29-jährige Sales-Managerin liebt es zu backen – schon als Fünfjährige hat sie beim Plätzchenbacken geholfen und als Teenager jobbte sie in einer Bäckerei. Heute gibt die junge Frau in ihrer Freizeit Backkurse oder veranstaltet Cake-Partys. Doch der Wunsch nach einem eigenen Produkt wurde immer größer.

Bier & Brot in der „Höhle der Löwen“

„Ich bringe mit meinem Startup die beliebtesten Lebensmittel der Deutschen zusammen: Brot und Bier“, so die Gründerin von Bierkruste. Die Idee: Den Inhalt der Backmischung in eine große Schüssel geben, mit 250 Milliliter des eigenen Lieblingsbiers verrühren, auf ein Backblech und direkt in den Ofen schieben.

Bierkruste, Höhle der Löwen, Pfisterer
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Ines Pfisterer packt das Lieblingsbier in ihre Bierkruste, einer Backmischung fürs einfache Brotmachen.

Ein Vorteil dabei: Das übliche lange Kneten und die langen Ruhezeiten würden durch die Bierhefe überflüssig werden. Die Brotbackmischung besteht aus Dinkelmehl, Dinkelvollkornmehl, Röstzwiebeln, Leinsamen, Salz und ein bisschen Backpulver. Pfisterers Ziel ist es, mit der Bierkruste in den Handel zu kommen. Dafür benötigte sie das Netzwerk eines Löwen, sowie 80.000 Euro und bot dafür 25 Prozent ihrer Firmenanteile an.

Lob für die Bierkruste

Die Kostprobe der Bierkruste führte zu großem Lob, besonders Dümmel, der keinen Alkohol trinkt, zeigte sich angetan und hob die knusprige Kruste des Brots hervor. Beinahe ungläubig ließ er sich wiederholt versichern, wie einfach die Zubereitung sei. Pfisterer nannte den Backvorgang „idiotensicher“, was den LEH-Experten ausrufen ließ, er fühle sich als könne er plötzlich Brot backen.

Kein Warten mehr nötig

Nachdem die Gründerin erneut erklärt hatte, dass es die Bierhefe sei, die das Warten aufs Aufgehen des Teigs überflüssig machen würde, ging den Löwen ein Licht auf. Und die ungläubigen Fragen nach dem „wie“ und „warum so einfach“ waren erledigt.

Zu Teuer?

Pfisterer hatte bisher 3.500 Stück ihrer Bierkruste verkauft. Für Multi-Investor Carsten Maschmeyer war die Nebenberuflichkeit der Gründerin ein Problem. Er ging als erster. Als der Preis von 6.90 Euro zum Thema wurde, kippte die bisher positive Stimmung im Studio etwas. Es sei kein „Schnäppchen“ meinte Williams.

Glagau stieg als zweiter aus. Er meinte mit dem Preis und der Vorstellung der Gründerin von der Bierkruste als „Geschenk-Produkt“ würde die Zielgruppe sehr klein werden. Dümmel, als Fan des Brots, meinte, mit dem Preis hätte man im Einzelhandel wenig Chancen. Auch er ging ohne Angebot.

Kein „Höhle der Löwen“-Deal für Bierkruste

Wöhrl brachte hingegen ins Spiel, dass Pfisterer nicht vollberuflich an der Sache dran wäre und verabschiedete sich als potentielle Investorin. Williams riet als letzte Hoffnung, die sich nicht erfüllte, dass die junge Founderin mehr und verschiedene Sorten andenken müsse. Kein Deal für Bierkruste.

Die Frauen-Versteher

Die dritten, die sich in die „Höhle der Löwen“ wagten, waren die selbsternannten Frauenversteher Eugen Raimkulow und André Ritterswürden. Beide möchten den Alltag der Frauen erleichtern. Die zwei Freunde lernten sich während ihrer Bundeswehrzeit kennen und als sie in eine Frauen-WG zogen, kamen sie mit ganz neuen Frauen-Themen in Berührung.

Entsorgung der Tampons und Binden

Dazu gehörte auch das Problem, dass gerade auf öffentlichen Toiletten oder Festivals Damen-Hygieneartikel nur schlecht fachgerecht entsorgt werden können. Mit Pinky haben beide deshalb einen blickdichten und geruchsneutralisierenden Handschuh entwickelt, der Frauen die Möglichkeit geben soll, egal wo sie sind, Tampons oder Binden hygienisch zu entsorgen.

So geht’s: Einfach einen der einzeln verpackten Einmal-Handschuhe anziehen, ihn mit dem Hygieneartikel abziehen, einrollen, mit dem Klebstreifen verschließen und auslaufsicher im nächsten Mülleimer diskret entsorgen, so die Idee. Das Angebot an die Löwen: 30.000 Euro für 20 Prozent der Firmenanteile.

Pinky
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Eugen Raimkulow (l.) und Andre Ritterwürden und ihr Pinky, eine einfache Tamponentsorgung.

Nach dem Pitch meinten die Löwen besonders das Design von Pinky sei sehr schick, während sich Maschmeyer daran störte, dass keine Frau am Unternehmen beteiligt sei. Die Gründer erklärten, dass sie bei der Entwicklung viel mit dem anderen Geschlecht kooperiert hätten, und dass es viele Frauen im Team gebe. Danach legte der Investor sein Störgefühl ab.

Handschuh recyclebar

Nachdem die Gründer von ihren Erfahrungen mit Damen-Hygiene berichtet hatten, erklärten sie, dass Pinky recyclebar sei. Und führten aus, dass der USP die besonders leichte Handhabung des Handschuhs beim Entsorgen wäre.

Ein Titel und ein Cash-Angebot

Maschmeyer stieg dennoch, aber mit viel Lob aus. Danach bot Glagau die 30.000 Euro für 20 Prozent Anteile. Williams machte es offiziell und verlieh den Gründern tatsächlich den Titel „Frauenversteher“, schied aber dennoch als Investorin aus. „Es wäre nicht ihr Ding“.

Der Wunsch-Löwe

Auch Wöhrl meinte, es sei nicht ihr Bereich und ließ Ralf Dümmel zu Wort kommen. Derjenige gab zu, dass er sich am Anfang nicht hätte vorstellen können, Pinky derart gut zu finden und machte das gleiche Angebot wie Glagau. Die Gründer überlegten keine Minute hinter der Bühne, sie kehrten zurück und gaben ihrem Wunsch-Löwen das „Ja-Wort“. Deal für Pinky mit Dümmel.

Fokus: Sitzen

Die vorletzten in der „Höhle der Löwen“ waren Mariam Vollmar und Patentanwalt Moritz Ernicke, der als Berater in die Show mitgekommen war. Die Gründerin hat eine Technologie entwickelt, mit der sie nicht nur den medizinischen Markt, sondern auch den Automobil-, den Kinderprodukt- und den Sitzmöbelmarkt erobern möchte. Ihr Startup namens lucky loop soll Schluss mit langem und ungesundem Sitzen machen.

Idee beim Ausreiten gekommen

Die Idee dazu kam der gelernten Werbetexterin auf einer Reitwanderung mit ihren Zwillingen: „Nach acht Stunden Sitzen auf dem Pferd waren meine Kinder topfit“, erklärte die Gründerin. „Wenn sie ansonsten stillsitzen sollen, ist nach einer halben Stunde Schluss mit lustig.“

lucky loop
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Investor Ralf Dümmel (r.) ließ es sich nicht nehmen die lucky loop-Technologie zu testen.

Vollmar erklärte, dass für einen gesunden Bewegungsapparat der Reitsport in der Sportmedizin und im Reha-Bereich bereits angewandt wird: „Aber nicht jeder hat ein Pferd. Ich habe mich gefragt, wie ich diese Form des Sitzens mit der gleichen Wirkung in unseren Alltag übertragen kann“, so die Founderin weiter.

1,7 Millionen Investment ins Startup

Das Ergebnis war lucky loop, eine Sitzfläche, die die exakten Bewegungen eines schreitenden Pferdes simuliert. In die sogenannte Hestekin-Technologie für den gesunden „Sitz“ hat die 53-Jährige ihr gesamtes Erbe in Höhe von 1,7 Millionen Euro investiert und bereits einen Kinderbuggy und einen motorgetriebenen Therapiestuhl entwickelt, die sie beide im Studio vorführte. Um die Technologie in sämtlich mögliche Sitzmöbel zu verbauen, benötigte die Unternehmerin ein Investment von 650.000 Euro und bot dafür 15 Prozent ihres Unternehmens.

Eine Bekanntschaft in der „Höhle der Löwen“

Formel 1-Weltmeister Nico Rosberg, selbst Vater, meldete sich als erster mit großem Lob für die Idee zu Wort, als plötzlich Dümmel vermerkte, dass er Ernicke aus einem Video-Call kenne. Und, um eine gewisse Befangenheit zu vermeiden, auch gleich erklärte, dass er von dem Auftritt in der Show vorab nichts gewusst habe. Er kenne den Anwalt bloß aus seiner Beraterfunktion für ein anderes Startup.

Maschmeyer zeigte sich leicht überrascht, dass Ernicke auch bei lucky loop „bloß“ als Berater mit im Studio war. Die Firma und sämtliche Patente lägen ja vollends bei Vollmar. Dümmel ließ es sich hingegen nicht nehmen den „Reitstuhl“ zu testen und danach zu erklären, der Sitz fühle sich sehr gut an. Er wäre extrem angenehm für die Oberschenkel.

Keine Studien

Zum Problem wurde, dass das Startup bisher keine handfesten Studien und Testergebnisse für eine positive Wirkung vorlegen konnte. Ein Grund für Rosberg auszusteigen. Vollmar sprach dann von den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten für andere Bereiche, wie Hochstühle oder LKW-Sitze, sowie von dem Plan ihre patentierte „Hestekin-Technologie“ als Lizenz an Kunden zu verkaufen. Dümmel ging als nächster. Er sah sich nicht als den richtigen Partner.

Das Problem: Die Zukunfts-Bewertung

Danach erfuhren die Löwen vom eingesetzten Erbe der Gründerin, wofür sie ein wenig Respekt erhielt, aber auch Kritik von Kofler an der Firmenbewertung, weil sie bisher ohne Verkäufe war. Vollmar zeigte sich als Reaktion darauf überzeugt davon, dass Umsätze und Profit ihre Bewertung rechtfertigen würden, sobald man sich in einem Bereich etabliert hätte.

Kein Business-Plan

Als dann die 53-Jährige keinen konkreten „Business-Plan“ vorlegen konnte, und nur erklärte, sie würde mit dem Investment eine parallele Produktion der beiden Produkte in Gang bringen, legte sich Ärger über die Löwen breit.

Kofler etwa meinte, dass alle Ausführungen zum Geschäftsmodell der Zukunft sehr vage wären und stieg aus. Vollmar wollte die Situation noch retten, indem sie erklärte, dass sie einen alten und rein für den Buggy erstellten Business-Plan verworfen hätte. Weil das Interesse von Medizinern sich auch auf andere Produkte, wie eben den Therapie-Stuhl ausgeweitet haben.

Kritik und kein Deal

Maschmeyer führte aus, dass es der leidenschaftlichen Gründerin am Know how fürs Finanzielle und die kaufmännische Seite fehle. Er und auch Wöhrl, die auf die Wichtigkeit eines ausgewogenen Teams hinwiesen, stiegen ohne Angebot, aber im Nachgang mit Kritik am Berater aus. Kein Deal für lucky loop.

App gegen Lebensmittelverschwendung in der „Höhle der Löwen“

Denn Abschluss der „Höhle der Löwen“ bildete Justus Lauten. Der Informatiker hat eine Software entwickelt, die unnötige Lebensmittelverschwendung reduzieren soll. „Das Thema Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden und auch ich habe mir persönlich die Frage gestellt, was ich eigentlich machen kann?, sagte er. Seine Werksta.tt ist eine App, die mithilfe künstlicher Intelligenz eine Verkaufsprognose erstellt. Unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren, wie etwa Wetter, Schulferien oder Feiertage, soll so die Überproduktion verringert werden und der Umsatz steigen. „Was für Bäckereien funktioniert, funktioniert auch für viele weitere Branchen“, erklärte Justus den Löwen seine Skalierpläne. Er bot 20 Prozent der Anteile für 120.000 Euro.

Ans Kassensystem angeschlossen

Der Kern der Software ist ein Algorithmus, der lernt, wann welche Waren verkauft werden. Die App helfe dabei mit der an dem Kassensystem angeschlossen KI eine genauere Backwarenplanung zu erstellen. Im Detail sehen Bäckerei-Mitarbeiter in der App eine Auflistungsprognose für etwa Croissants, die das Geschäft an dem Tag vermeintlich verkaufen wird. Diese Zahlen seien anpassbar.

Höhle der Löwen, Werksta.tt
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Justus Laufen hat mit der Werksta.tt eine KI-App zur Vermeidung von Überproduktion in der Bäckereibranche entwickelt.

Der Gründer erklärte nach dem Pitch, dass es bereits einen „proof of concept“ gebe und in einem Pilotprojekt, die Retourquote um 50 Prozent gesenkt werden konnte. Mit einem Mehr an Gewinn von 400 Euro pro Monat.

Erstes Angebot

Als den Gründern bewusst wurde, welche Möglichkeiten in der App stecken würden, warb Kofler für sein Netzwerk und machte das ausgerufene Angebot. Dümmel holte zu großen Lobeshymnen aus und verabschiedete sich als falscher Investor für das App-Startup.

Besser als Lebensmittel-Rettung

Glagau argumentierte ähnlich und ging ebenso, nachdem sich auch Williams ohne Angebot aus dem Rennen genommen hatte. Maschmeyer freute sich auf „echte Künstliche Intelligenz“ in der Show, meinte ihm gefalle der Umstand, dass der Gründer nicht nur Lebensmittel rette, wie es schon andere täten, sondern „zu wegwerfende Waren“ gar nicht erst entstehen lasse. Auch er bot 120.000 Euro für 20 Prozent. Der Gründer nahm dem Multi-Investor mit an Bord. Deal für Werksta.tt.

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Mikko Hyppönen im Rahmen der TEDAI Vienna 2026. | © TEDAI Vienna / Robert Leslie

Mikko Hyppönen zählt seit drei Jahrzehnten zu den bekanntesten Stimmen der Cybersecurity-Szene. Seit Kurzem gilt sein Arbeitsalltag aber nicht mehr Viren und Hackern, sondern Drohnen: Der Finne ist Chief Research Officer beim Helsinkier Counter-Drone-Unternehmen Sensofusion, das militärische Drohnen aufspürt und abwehrt, unter anderem in der Ukraine und im Nahen Osten. Brutkasten hat Hyppönen am Rande der TEDAI Vienna 2026 in der Hofburg getroffen. Ein Gespräch über die Parallelen zwischen Malware und Kampfdrohnen, autonome Waffen, den „Black October“ der KI-Sicherheitslücken und die Frage, warum chinesische Open-Source-Modelle für Europa derzeit die privatere Wahl sind.


brutkasten: Sie gelten als einer der angesehensten Cybersecurity-Experten weltweit. Warum sind Sie in die Drohnenabwehr gewechselt?

Mikko Hyppönen: Die Antwort ist sehr einfach: Es herrscht Krieg in Europa. Ich habe mein ganzes Leben auf Cyber geschaut. Cyber hat sich von Teenagern, die zum Spaß Viren schreiben, zu organisierter Kriminalität, Cyberkrieg, Spionage und staatlichen Operationen entwickelt. Cyber spielt natürlich auch im Krieg eine Rolle, Russland hat der Ukraine schon dreimal mit Cyberangriffen den Strom abgedreht. Aber wenn man fragt, was den Ukraine-Krieg wirklich auszeichnet, dann ist es nicht Cyber, sondern es sind Drohnen. Ich habe es als meine Pflicht gesehen, die Fähigkeiten, die ich über drei Jahrzehnte im Cyber-Bereich gesammelt habe, in die Drohnenabwehr einzubringen.

Was lässt sich von der Cyberabwehr auf die Drohnenabwehr übertragen?

Es gibt viele Ähnlichkeiten, aber auch viele Unterschiede. In beiden Fällen versucht man, etwas zu entdecken, das nicht entdeckt werden will. Bei Cyberangriffen sammelt man ein Sample, analysiert es, baut eine Signatur, erstellt eine Datenbank und schickt die Updates an alle Nutzer weltweit. So funktionieren Antivirenprogramme. Bei Drohnen ist es dasselbe: Wir zeichnen den Funkverkehr militärischer Drohnen auf, dekodieren die Protokolle, bauen Erkennungssignaturen und schicken die Updates an alle Kunden, die unsere Hardware einsetzen.

Wir kaufen Panzer, was keinen Sinn ergibt, wenn künftige Kriege so aussehen wie in der Ukraine oder im Nahen Osten.

Bei Drohnen ohne Funkverbindung, etwa Glasfaserdrohnen mit einem Kabel zwischen Pilot und Drohne oder Drohnen, die autonom Koordinaten abfliegen und wie eine Rakete einschlagen, nutzen wir andere Sensoren: Kameras, Radar, Akustik. Und in beiden Welten gilt: Sobald der Gegner merkt, dass er erkannt wird, verändert er sich, und man steht wieder am Anfang. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Ich musste viel lernen, aber es gefällt mir. Übrigens gibt es noch eine Gemeinsamkeit zwischen altem und neuem Job: In beiden Fällen waren die meisten Gegner, gegen die ich gekämpft habe, Russen.

Wie funktioniert die Abwehr konkret?

Sobald wir wissen, wo die Drohne ist, können wir sie bekämpfen. Bei funkgesteuerten Drohnen stören wir das Signal: Wir kennen die Frequenzen und Protokolle und senden ein stärkeres Signal zwischen Pilot und Drohne. Das machen wir seit Jahren. Ist die Drohne nicht funkgesteuert, braucht es andere Lösungen. Wir forschen intensiv an elektromagnetischen Impulsen, also künstlichen Blitzen, die die Elektronik der Drohnen zerstören. Wir arbeiten an Lasern, an klassischen Geschützen mit unserer Zielerfassung, und wir haben eine eigene Drohnenfabrik in Containergröße, die kleine Abfangdrohnen baut. Die fliegen 380 Kilometer pro Stunde und treffen die großen gegnerischen Drohnen in der Luft.

„Das ist die Grenze, die wir nicht überschreiten sollten. Die Russen haben sie bereits überschritten.“

Gegen Jet-Drohnen funktioniert das nicht. Unsere Abfangdrohnen erreichen heute etwa zwei Kilometer Höhe, das reicht für Drohnen mit Verbrennungsmotor. Jets fliegen auf sieben Kilometern und verhalten sich eher wie Marschflugkörper. Die bekämpft man mit Raketen und Kampfjets. Aber das ist extrem asymmetrisch: Drohnen sind billig, und man kann es sich nicht leisten, sie dauerhaft mit teuren Raketen abzuschießen. Wir brauchen neue Lösungen, und daran denken wir gerade.

Es heißt oft, die Ukraine sei zu Innovation gezwungen und die NATO-Staaten könnten von ihr lernen. Stimmt das?

Absolut. Wir haben ein Büro in Kiew, unsere Leute aus Helsinki sind ständig vor Ort und testen mit verschiedenen Teilen der ukrainischen Streitkräfte. Dieser Krieg ist anders als alles, was wir bisher gesehen haben. 70 bis 80 Prozent der Verluste gehen auf Drohnen zurück. Wenn das stimmt, müsste man meinen, dass auch 80 Prozent der Verteidigungsausgaben in die Drohnenabwehr fließen. Tatsächlich ist es wohl eher ein Prozent. Weltweit denken wir noch in den Kategorien des alten Krieges. Wir kaufen Panzer, was keinen Sinn ergibt, wenn künftige Kriege so aussehen wie in der Ukraine oder im Nahen Osten.

Welche Szenarien kommen auf uns zu?

Wir können vor allem bei den Russen erwarten, dass sie immer stärker auf vollständig autonome Waffen setzen, die die Entscheidung zu töten selbst treffen. Das ist die Grenze, die wir nicht überschreiten sollten. Die ukrainischen Soldaten, mit denen ich spreche, sagen mir, dass sie diese Grenze nicht überschreiten werden, sie wollen immer einen Menschen in der Entscheidung behalten. Die Russen haben sie bereits überschritten. Sie haben Zugang zu westlichen Chips, auch von Nvidia, haben sie in Langstreckendrohnen verbaut und damit Menschen getötet, ohne dass ein Mensch beteiligt war. Die New York Times hat vor zwei Monaten die Hardware auseinandergenommen und den Code dekodiert. Diese Drohnen haben Zivilisten getötet.

Worin liegt der Vorteil einer autonomen Drohne?

Das ist aus Sicht des Angreifers klar. Der Schwachpunkt jeder Drohne ist die Verbindung zwischen Pilot und Drohne. Funk kann man stören, ein Glasfaserkabel kann man durchtrennen. Also nimmt man die Verbindung weg, und damit den Piloten. Dann gibt es nichts mehr, das man unterbrechen kann. Logisch betrachtet ergibt der Schritt zu autonomen Waffen Sinn. Aber ich glaube, alle Menschen würden zustimmen, dass es eine schlechte Idee ist, Killerroboter zu bauen. Genau das sind sie: Maschinen, deren Zweck es ist, Menschen zu töten, und die diese Entscheidung selbst treffen.

Bisher haben wir das nur bei Flugdrohnen gesehen. Stellen Sie sich tausend Bodendrohnen vor, die über die Grenze kommen und nach Menschen suchen. Das wäre das Albtraumszenario, und die Technologie dafür existiert heute. Es will sie nur niemand bauen, und wir hoffen, dass das so lange wie möglich so bleibt. Ich muss betonen: Wir bauen ausschließlich Systeme zur Abwehr. Wir haben keine Drohnen, die Menschen töten. Wir töten Drohnen, nicht Menschen. Wir schützen Menschen, das ist unsere Mission.

Auf der TEDAI-Bühne sprechen Sie über KI und Cybersecurity. Was ist Ihre Botschaft?

Das erste Mal habe ich 1983 über künstliche Intelligenz gelesen, da war ich 13. Ich habe mein ganzes Leben auf die Systeme gewartet, die wir heute haben. Wie bei jeder technologischen Revolution bekommen wir große Vorteile und große Probleme. In der Cybersecurity ist die Lage gerade richtig schlecht. Wir nennen diesen Monat den „Black October“, weil die Zahl der entdeckten Sicherheitslücken in den letzten 30 Tagen explodiert ist. Gefunden werden sie von den Frontier-AI-Labs, Menschen kommen da nicht mehr mit. Und es sind nicht nur Kriminelle, die KI für Angriffe nutzen. Es gibt Dutzende Fälle, in denen KI-Systeme selbst ausgebrochen sind, viel mehr, als öffentlich bekannt ist.

„China ist im Moment überraschenderweise privater als die amerikanischen Optionen.“

Meine Botschaft ist: Programmieren verändert sich. Der Grund, warum Ihr Windows oder Mac gehackt werden kann, ist, dass ein Mensch den Code geschrieben hat. Menschen machen Fehler, Fehler im Code werden zu Bugs, Bugs in vernetzten Systemen zu Sicherheitslücken. Die Lösung ist offensichtlich: Man nimmt den Menschen raus. Genau das passiert gerade. Künftig wird aller Code von Maschinen geschrieben, und Maschinen werden viel schneller besser als menschliche Programmierer. Irgendwann haben wir fehlerfreien Code, und es gibt keine Schwachstellen mehr, die Angreifer ausnutzen können. Bis dahin wird es aber eine sehr holprige Fahrt.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Angreifern und Verteidigern im KI-Zeitalter verschoben?

Die Reaktionszeit ist verschwunden. Früher hatte der Verteidiger Zeit: Eine Schwachstelle wurde gemeldet, man konnte einen Fix entwickeln und die Systeme patchen. Dieses Fenster ist inzwischen so klein, dass es keine Rolle mehr spielt.

Europa hat keinen Zugang zu den besten Modellen. Was bedeutet das geopolitisch?

Als Europäer ist die Lage ziemlich traurig. Es wird diskutiert, ob man die KI-Forschung wegen der Risiken bremsen sollte. Die USA bremsen, China überlegt. Europa muss nicht bremsen, weil wir gar keine Frontier-Labs haben. Der einzige echte Lichtblick sind Open-Source-Frontier-Modelle. Die können wir lokal betreiben, ohne Erlaubnis von irgendjemandem, auf unseren eigenen Systemen. Kritische Daten müssen wir nicht nach Kalifornien schicken. Ironischerweise bekommen wir mehr Privatsphäre und Sicherheit von offenen Systemen, und alle offenen Systeme sind chinesisch. Modelle wie GLM oder Kimi kann man vom Internet trennen und den Code prüfen. Selbst wenn irgendwo eine Hintertür versteckt wäre, könnte sie keine Daten abziehen. Mit Claude, Gemini, GPT oder Grok geht das nicht, die müssen online sein, und die Daten gehen in die USA. China ist im Moment überraschenderweise privater als die amerikanischen Optionen.

Hat Europa das KI-Rennen verloren?

Wir können hoffen, aber ich sehe wenige Anzeichen dafür. Interessant ist allerdings, dass ein großer Teil des Trainings und der Inferenz in Europa stattfindet, weil hier so viele Rechenzentren gebaut werden, vor allem in Nordeuropa mit billigem Strom und kaltem Klima. Google baut riesige Rechenzentren in Finnland, Nebius hat sein größtes Rechenzentrum in Mäntsälä. Ein Teil der KI-Revolution passiert also in Europa. Leider ist es der Billiglohn-Teil der Wertschöpfungskette. Aber immerhin etwas.

Haben Sie als 13-Jähriger eine Zukunft wie diese erwartet?

Ich habe darauf gehofft. Es hat viel länger gedauert, als ich dachte, alle haben schon vor 20 Jahren auf solche Systeme gewartet. Diese Revolution baut auf der Internet-Revolution auf: Vor dem Internet war alles Wissen auf Papier. Heute ist alles Daten, und wir haben auch das alte Wissen digitalisiert, Bücher, Filme, Radio, mit dem die Modelle jetzt lernen. Wir leben in aufregenden Zeiten. Aufregend und beängstigend zugleich, genau so, wie ich es mag.

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