12.04.2021

Die Höhle der Löwen mit „saugeilem Produkt“ und Lieblingsbier-Brot

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" ging es um Tampons-Handschuhe, gesundes Sitzen und Bier beim Backen. Zudem brachte ein Gründer eine Idee mit, wie er gegen Lebensmittel-Verschwendung vorgehen möchte, während andere das Seifen-Konzept attackierten.
/artikel/die-hoehle-der-loewen-mit-saugeilem-produkt-und-lieblingsbier-brot
Höhle der Löwen, Bierkruste
TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Ines Pfisterer erleichtert das Brot-Backen durch die Zugabe von Bier.
sponsored

Die ersten die sich in die Höhle der Löwen wagten – die es online auf TVNOW und immer Montags um 20.15 Uhr bei VOX zu sehen gibt – waren Moritz Simsch und Sebastian Jung. Beide haben sich schon vor 20 Jahren gemeinsam für den Umweltschutz engagiert. Ein Thema, das die beiden Gründer von Sause bis heute nachhaltig beschäftigt. Mit ihrer Erfindung möchten sie ihren Teil zur Vermeidung von Plastikmüll beitragen und das Konzept Seife nachhaltiger denken. Den Löwen präsentierten sie ihre entwickelten Brausetabletten für den Seifenspender in drei Varianten, Orange, Lavendel und eine ohne Duft. Die Handhabung: Den Seifenspender mit 100 Milliliter Wasser befüllen, Tablette rein, auflösen und fertig ist der Seifenschaum.

CO2 sparen

Sause ist vegan, plastikfrei und eine Packung wiegt 44 Gramm – dadurch kann zusätzlich beim Transport CO2 eingespart werden, wie die beiden Pitcher betonen. Das Ziel: Flüssigseife, Plastikseifenspender und Nachfüllpacks sollen der Vergangenheit angehören. Um Sause auf dem Markt schnell etablieren zu können, benötigten sie 200.000 Euro und bieten dafür 15 Prozent ihrer Firmenanteile.

Höhle der Löwen, Sause
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Moritz Simsch (l.) und Sebastian Jung präsentierten mit „Sause“ Brausetabletten für Flüssigseife.

Nach dem Pitch meinte Handelsexperte Ralf Dümmel, bei dem guten Duft müsse man aufpassen, es nicht zu trinken. Verzog aber danach leicht das Gesicht, als die Gründer erzählten, dass sie bisher 3.000 Euro Umsatz gemacht hätten. Medienprofi Georg Kofler fand das Produkt spannend, sagte aber auch, dass die Firmenbewertung bei diesen Umsatzzahlen zu hoch wäre. Er ging als erster Löwe ohne Angebot.

USP von Sause?

Konzernchef Nils Glagau warf danach ein, dass es bereits ähnliche Produkte am Markt gebe. Er wollte von den Gründern ihren USP wissen. Die Antwort: Die biozertifizierten Inhaltsstoffe seien das Alleinstellungsmerkmal. Zudem würde man bereits an weiteren Produkten arbeiten.

Erste Angebot in der „Höhle der Löwen“

Glagau zeigte sich von der Erklärung nicht überzeugt und ging auch ohne Angebot. Anschließend sagten die Gründer, dass sie ein Netzwerk suchten, da sie schnell Skalieren müssten. Dümmel stimmte dieser Strategie, der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein, zu und bot 200.000 Euro für 25 Prozent Beteiligung.

„Saugeiles Produkt“

Familienunternehmerin Dagmar Wöhrl nannte Sause ein „saugeiles Produkt“ und erzählte von ihrem Netzwerk in der Hotellerie. Sie wollte 20 Prozent Anteile haben und lockte die Gründer mit 250.000 Euro. Shopping-Queen Judith Williams begann ihre Rede mit „ihr seid der Hammer“. Der TV-Star meinte, man müsse zwar schnell sein, aber mit Köpfchen. Nach einer kurzen Darstellung ihrer großen Möglichkeiten bot auch sie für 25 Prozent Anteile 200.000 Euro an. Nach kurzer Beratung kehrten Simsch und Jung zurück und entschieden sich für die äußerst erleichterte Williams. Deal für Sause.

Die Leidenschaft der Gründerin

Die zweite in der „Höhle der Löwen“ war Ines Pfisterer. Die 29-jährige Sales-Managerin liebt es zu backen – schon als Fünfjährige hat sie beim Plätzchenbacken geholfen und als Teenager jobbte sie in einer Bäckerei. Heute gibt die junge Frau in ihrer Freizeit Backkurse oder veranstaltet Cake-Partys. Doch der Wunsch nach einem eigenen Produkt wurde immer größer.

Bier & Brot in der „Höhle der Löwen“

„Ich bringe mit meinem Startup die beliebtesten Lebensmittel der Deutschen zusammen: Brot und Bier“, so die Gründerin von Bierkruste. Die Idee: Den Inhalt der Backmischung in eine große Schüssel geben, mit 250 Milliliter des eigenen Lieblingsbiers verrühren, auf ein Backblech und direkt in den Ofen schieben.

Bierkruste, Höhle der Löwen, Pfisterer
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Ines Pfisterer packt das Lieblingsbier in ihre Bierkruste, einer Backmischung fürs einfache Brotmachen.

Ein Vorteil dabei: Das übliche lange Kneten und die langen Ruhezeiten würden durch die Bierhefe überflüssig werden. Die Brotbackmischung besteht aus Dinkelmehl, Dinkelvollkornmehl, Röstzwiebeln, Leinsamen, Salz und ein bisschen Backpulver. Pfisterers Ziel ist es, mit der Bierkruste in den Handel zu kommen. Dafür benötigte sie das Netzwerk eines Löwen, sowie 80.000 Euro und bot dafür 25 Prozent ihrer Firmenanteile an.

Lob für die Bierkruste

Die Kostprobe der Bierkruste führte zu großem Lob, besonders Dümmel, der keinen Alkohol trinkt, zeigte sich angetan und hob die knusprige Kruste des Brots hervor. Beinahe ungläubig ließ er sich wiederholt versichern, wie einfach die Zubereitung sei. Pfisterer nannte den Backvorgang „idiotensicher“, was den LEH-Experten ausrufen ließ, er fühle sich als könne er plötzlich Brot backen.

Kein Warten mehr nötig

Nachdem die Gründerin erneut erklärt hatte, dass es die Bierhefe sei, die das Warten aufs Aufgehen des Teigs überflüssig machen würde, ging den Löwen ein Licht auf. Und die ungläubigen Fragen nach dem „wie“ und „warum so einfach“ waren erledigt.

Zu Teuer?

Pfisterer hatte bisher 3.500 Stück ihrer Bierkruste verkauft. Für Multi-Investor Carsten Maschmeyer war die Nebenberuflichkeit der Gründerin ein Problem. Er ging als erster. Als der Preis von 6.90 Euro zum Thema wurde, kippte die bisher positive Stimmung im Studio etwas. Es sei kein „Schnäppchen“ meinte Williams.

Glagau stieg als zweiter aus. Er meinte mit dem Preis und der Vorstellung der Gründerin von der Bierkruste als „Geschenk-Produkt“ würde die Zielgruppe sehr klein werden. Dümmel, als Fan des Brots, meinte, mit dem Preis hätte man im Einzelhandel wenig Chancen. Auch er ging ohne Angebot.

Kein „Höhle der Löwen“-Deal für Bierkruste

Wöhrl brachte hingegen ins Spiel, dass Pfisterer nicht vollberuflich an der Sache dran wäre und verabschiedete sich als potentielle Investorin. Williams riet als letzte Hoffnung, die sich nicht erfüllte, dass die junge Founderin mehr und verschiedene Sorten andenken müsse. Kein Deal für Bierkruste.

Die Frauen-Versteher

Die dritten, die sich in die „Höhle der Löwen“ wagten, waren die selbsternannten Frauenversteher Eugen Raimkulow und André Ritterswürden. Beide möchten den Alltag der Frauen erleichtern. Die zwei Freunde lernten sich während ihrer Bundeswehrzeit kennen und als sie in eine Frauen-WG zogen, kamen sie mit ganz neuen Frauen-Themen in Berührung.

Entsorgung der Tampons und Binden

Dazu gehörte auch das Problem, dass gerade auf öffentlichen Toiletten oder Festivals Damen-Hygieneartikel nur schlecht fachgerecht entsorgt werden können. Mit Pinky haben beide deshalb einen blickdichten und geruchsneutralisierenden Handschuh entwickelt, der Frauen die Möglichkeit geben soll, egal wo sie sind, Tampons oder Binden hygienisch zu entsorgen.

So geht’s: Einfach einen der einzeln verpackten Einmal-Handschuhe anziehen, ihn mit dem Hygieneartikel abziehen, einrollen, mit dem Klebstreifen verschließen und auslaufsicher im nächsten Mülleimer diskret entsorgen, so die Idee. Das Angebot an die Löwen: 30.000 Euro für 20 Prozent der Firmenanteile.

Pinky
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Eugen Raimkulow (l.) und Andre Ritterwürden und ihr Pinky, eine einfache Tamponentsorgung.

Nach dem Pitch meinten die Löwen besonders das Design von Pinky sei sehr schick, während sich Maschmeyer daran störte, dass keine Frau am Unternehmen beteiligt sei. Die Gründer erklärten, dass sie bei der Entwicklung viel mit dem anderen Geschlecht kooperiert hätten, und dass es viele Frauen im Team gebe. Danach legte der Investor sein Störgefühl ab.

Handschuh recyclebar

Nachdem die Gründer von ihren Erfahrungen mit Damen-Hygiene berichtet hatten, erklärten sie, dass Pinky recyclebar sei. Und führten aus, dass der USP die besonders leichte Handhabung des Handschuhs beim Entsorgen wäre.

Ein Titel und ein Cash-Angebot

Maschmeyer stieg dennoch, aber mit viel Lob aus. Danach bot Glagau die 30.000 Euro für 20 Prozent Anteile. Williams machte es offiziell und verlieh den Gründern tatsächlich den Titel „Frauenversteher“, schied aber dennoch als Investorin aus. „Es wäre nicht ihr Ding“.

Der Wunsch-Löwe

Auch Wöhrl meinte, es sei nicht ihr Bereich und ließ Ralf Dümmel zu Wort kommen. Derjenige gab zu, dass er sich am Anfang nicht hätte vorstellen können, Pinky derart gut zu finden und machte das gleiche Angebot wie Glagau. Die Gründer überlegten keine Minute hinter der Bühne, sie kehrten zurück und gaben ihrem Wunsch-Löwen das „Ja-Wort“. Deal für Pinky mit Dümmel.

Fokus: Sitzen

Die vorletzten in der „Höhle der Löwen“ waren Mariam Vollmar und Patentanwalt Moritz Ernicke, der als Berater in die Show mitgekommen war. Die Gründerin hat eine Technologie entwickelt, mit der sie nicht nur den medizinischen Markt, sondern auch den Automobil-, den Kinderprodukt- und den Sitzmöbelmarkt erobern möchte. Ihr Startup namens lucky loop soll Schluss mit langem und ungesundem Sitzen machen.

Idee beim Ausreiten gekommen

Die Idee dazu kam der gelernten Werbetexterin auf einer Reitwanderung mit ihren Zwillingen: „Nach acht Stunden Sitzen auf dem Pferd waren meine Kinder topfit“, erklärte die Gründerin. „Wenn sie ansonsten stillsitzen sollen, ist nach einer halben Stunde Schluss mit lustig.“

lucky loop
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Investor Ralf Dümmel (r.) ließ es sich nicht nehmen die lucky loop-Technologie zu testen.

Vollmar erklärte, dass für einen gesunden Bewegungsapparat der Reitsport in der Sportmedizin und im Reha-Bereich bereits angewandt wird: „Aber nicht jeder hat ein Pferd. Ich habe mich gefragt, wie ich diese Form des Sitzens mit der gleichen Wirkung in unseren Alltag übertragen kann“, so die Founderin weiter.

1,7 Millionen Investment ins Startup

Das Ergebnis war lucky loop, eine Sitzfläche, die die exakten Bewegungen eines schreitenden Pferdes simuliert. In die sogenannte Hestekin-Technologie für den gesunden „Sitz“ hat die 53-Jährige ihr gesamtes Erbe in Höhe von 1,7 Millionen Euro investiert und bereits einen Kinderbuggy und einen motorgetriebenen Therapiestuhl entwickelt, die sie beide im Studio vorführte. Um die Technologie in sämtlich mögliche Sitzmöbel zu verbauen, benötigte die Unternehmerin ein Investment von 650.000 Euro und bot dafür 15 Prozent ihres Unternehmens.

Eine Bekanntschaft in der „Höhle der Löwen“

Formel 1-Weltmeister Nico Rosberg, selbst Vater, meldete sich als erster mit großem Lob für die Idee zu Wort, als plötzlich Dümmel vermerkte, dass er Ernicke aus einem Video-Call kenne. Und, um eine gewisse Befangenheit zu vermeiden, auch gleich erklärte, dass er von dem Auftritt in der Show vorab nichts gewusst habe. Er kenne den Anwalt bloß aus seiner Beraterfunktion für ein anderes Startup.

Maschmeyer zeigte sich leicht überrascht, dass Ernicke auch bei lucky loop „bloß“ als Berater mit im Studio war. Die Firma und sämtliche Patente lägen ja vollends bei Vollmar. Dümmel ließ es sich hingegen nicht nehmen den „Reitstuhl“ zu testen und danach zu erklären, der Sitz fühle sich sehr gut an. Er wäre extrem angenehm für die Oberschenkel.

Keine Studien

Zum Problem wurde, dass das Startup bisher keine handfesten Studien und Testergebnisse für eine positive Wirkung vorlegen konnte. Ein Grund für Rosberg auszusteigen. Vollmar sprach dann von den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten für andere Bereiche, wie Hochstühle oder LKW-Sitze, sowie von dem Plan ihre patentierte „Hestekin-Technologie“ als Lizenz an Kunden zu verkaufen. Dümmel ging als nächster. Er sah sich nicht als den richtigen Partner.

Das Problem: Die Zukunfts-Bewertung

Danach erfuhren die Löwen vom eingesetzten Erbe der Gründerin, wofür sie ein wenig Respekt erhielt, aber auch Kritik von Kofler an der Firmenbewertung, weil sie bisher ohne Verkäufe war. Vollmar zeigte sich als Reaktion darauf überzeugt davon, dass Umsätze und Profit ihre Bewertung rechtfertigen würden, sobald man sich in einem Bereich etabliert hätte.

Kein Business-Plan

Als dann die 53-Jährige keinen konkreten „Business-Plan“ vorlegen konnte, und nur erklärte, sie würde mit dem Investment eine parallele Produktion der beiden Produkte in Gang bringen, legte sich Ärger über die Löwen breit.

Kofler etwa meinte, dass alle Ausführungen zum Geschäftsmodell der Zukunft sehr vage wären und stieg aus. Vollmar wollte die Situation noch retten, indem sie erklärte, dass sie einen alten und rein für den Buggy erstellten Business-Plan verworfen hätte. Weil das Interesse von Medizinern sich auch auf andere Produkte, wie eben den Therapie-Stuhl ausgeweitet haben.

Kritik und kein Deal

Maschmeyer führte aus, dass es der leidenschaftlichen Gründerin am Know how fürs Finanzielle und die kaufmännische Seite fehle. Er und auch Wöhrl, die auf die Wichtigkeit eines ausgewogenen Teams hinwiesen, stiegen ohne Angebot, aber im Nachgang mit Kritik am Berater aus. Kein Deal für lucky loop.

App gegen Lebensmittelverschwendung in der „Höhle der Löwen“

Denn Abschluss der „Höhle der Löwen“ bildete Justus Lauten. Der Informatiker hat eine Software entwickelt, die unnötige Lebensmittelverschwendung reduzieren soll. „Das Thema Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden und auch ich habe mir persönlich die Frage gestellt, was ich eigentlich machen kann?, sagte er. Seine Werksta.tt ist eine App, die mithilfe künstlicher Intelligenz eine Verkaufsprognose erstellt. Unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren, wie etwa Wetter, Schulferien oder Feiertage, soll so die Überproduktion verringert werden und der Umsatz steigen. „Was für Bäckereien funktioniert, funktioniert auch für viele weitere Branchen“, erklärte Justus den Löwen seine Skalierpläne. Er bot 20 Prozent der Anteile für 120.000 Euro.

Ans Kassensystem angeschlossen

Der Kern der Software ist ein Algorithmus, der lernt, wann welche Waren verkauft werden. Die App helfe dabei mit der an dem Kassensystem angeschlossen KI eine genauere Backwarenplanung zu erstellen. Im Detail sehen Bäckerei-Mitarbeiter in der App eine Auflistungsprognose für etwa Croissants, die das Geschäft an dem Tag vermeintlich verkaufen wird. Diese Zahlen seien anpassbar.

Höhle der Löwen, Werksta.tt
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Justus Laufen hat mit der Werksta.tt eine KI-App zur Vermeidung von Überproduktion in der Bäckereibranche entwickelt.

Der Gründer erklärte nach dem Pitch, dass es bereits einen „proof of concept“ gebe und in einem Pilotprojekt, die Retourquote um 50 Prozent gesenkt werden konnte. Mit einem Mehr an Gewinn von 400 Euro pro Monat.

Erstes Angebot

Als den Gründern bewusst wurde, welche Möglichkeiten in der App stecken würden, warb Kofler für sein Netzwerk und machte das ausgerufene Angebot. Dümmel holte zu großen Lobeshymnen aus und verabschiedete sich als falscher Investor für das App-Startup.

Besser als Lebensmittel-Rettung

Glagau argumentierte ähnlich und ging ebenso, nachdem sich auch Williams ohne Angebot aus dem Rennen genommen hatte. Maschmeyer freute sich auf „echte Künstliche Intelligenz“ in der Show, meinte ihm gefalle der Umstand, dass der Gründer nicht nur Lebensmittel rette, wie es schon andere täten, sondern „zu wegwerfende Waren“ gar nicht erst entstehen lasse. Auch er bot 120.000 Euro für 20 Prozent. Der Gründer nahm dem Multi-Investor mit an Bord. Deal für Werksta.tt.

Deine ungelesenen Artikel:
vor 7 Stunden

CEO European Startup Network: „Wir haben Roaming fürs Handy, aber Startups können keine Grenzen überschreiten“

Interview. Clark Parsons, CEO des European Startup Network, über EU Inc., den Wettbewerbsnachteil der europäischen Fragmentierung – und warum gerade Österreich eine Chance verschläft.
/artikel/ceo-european-startup-network-wir-haben-roaming-fuers-handy-aber-startups-koennen-keine-grenzen-ueberschreiten
vor 7 Stunden

CEO European Startup Network: „Wir haben Roaming fürs Handy, aber Startups können keine Grenzen überschreiten“

Interview. Clark Parsons, CEO des European Startup Network, über EU Inc., den Wettbewerbsnachteil der europäischen Fragmentierung – und warum gerade Österreich eine Chance verschläft.
/artikel/ceo-european-startup-network-wir-haben-roaming-fuers-handy-aber-startups-koennen-keine-grenzen-ueberschreiten
Clark Parsons, CEO des European Startup Network | (c) Parsons

Macht es richtig oder macht es gar nicht“ – Mit diesen Worten brachte EU-Inc.-Mitinitiator Andreas Klinger im Vorjahr die Frustration des Startup-Ökosystems auf den Punkt. Begonnen hatte alles im Oktober 2024 mit einer Koalition europäischer Gründer:innen und Investor:innen, deren Petition zehntausende Unterschriften sammelte. Dann kam der Auftritt von Ursula von der Leyen in Davos, im März schließlich der Vorschlag der Kommission – der schon vor seiner Präsentation geleakt wurde und die Szene enttäuschte. In einem offenen Brief warnten EU-INC, Allied for Startups und das European Startup Network vor „27 verschiedenen Geschmacksrichtungen“ der neuen Rechtsform.

In den kommenden Tagen legt das Parlament seinen Bericht vor. Clark Parsons, CEO des European Startup Network, ist seit Beginn Teil dieses Prozesses. Im Interview spricht der ehemalige Gründer und heutige Investor über die 28. Rechtsform, den Widerstand von Gewerkschaften und Notaren – und über eine Chance, die Österreich gerade verschläft.


brutkasten: Warum ist eine EU Inc. so wichtig? Warum konzentriert ihr euch nicht eher auf den Kapitalmarkt oder andere Aspekte?

Der Kapitalmarkt ist die andere Hälfte des Themas, keine Frage. Aber EU Inc. ist aus ein paar Realitäten entstanden. Wir haben in Europa keinen Binnenmarkt für Startups und keinen für Kapital. Wenn Sie ein Tech-Unternehmen gründen, haben Sie 27 Mitgliedstaaten und rund 60 verschiedene Rechtsformen. In Wien mag es genügend Investoren im Ökosystem geben. Aber sind Sie in Bukarest oder Athen, gibt es sehr wenig Kapital. Viele europäische Gründerinnen und Gründer gründen deshalb nie in ihrem Heimatland – manchmal in Estland, manchmal in London, meistens in Delaware. Und die Ironie ist: Selbst Gründer aus Frankreich oder Deutschland gehen nach Delaware.

Warum ausgerechnet Delaware?

Weil es zum De-facto-Standard geworden ist. Jeder kennt es, jeder versteht es, es gibt einen langen Bestand an Rechtsprechung. Wachstumskapital ist in Europa schwer zu bekommen, also gehen Sie früher oder später in die USA – und dort sagen alle Investoren: „Es wäre viel einfacher, wenn du eine Delaware Inc. hättest, in die ich investieren kann, statt deine verrückte GmbH-Struktur verstehen zu müssen.“ Manche amerikanische Investoren kommen nie nach Deutschland, weil sie sich sonst zwei Tage lang beim Notar den Vertrag vorlesen lassen müssten – ein Kabuki-Theater, das außerhalb des deutschsprachigen Raums als verrückt gilt. Also haben Leute wie Andreas Klinger gefragt: Warum schaffen wir nicht etwas, das mit Delaware konkurriert?

Das ist die Idee des 28. Regimes.

Genau. Die Draghi- und die Letta-Berichte haben beide festgestellt: Wir sind nicht wettbewerbsfähig genug, und einer der Hauptgründe ist, dass wir keinen echten Binnenmarkt haben. Wir sind zu fragmentiert, und das schadet uns massiv. Beide griffen eine Idee auf, die Brüssel seit dreißig Jahren das 28. Regime nennt: ein Rechtsrahmen, der europaweit gilt. Sie registrieren einmal, es gibt ein Vehikel, das jeder kennt. Wir haben Roaming fürs Handy, unsere Bürger und Arbeitnehmer überqueren Grenzen problemlos – aber unsere Startups können das nicht. Das ist doch Wahnsinn.

Kritiker sagen, das sei ein Nischenthema. Nur für ein paar reiche Investoren.

Tech ist in Europa in einem Jahrzehnt von vier auf fünfzehn Prozent des BIP gewachsen. Das ist die nächste Ökonomie für Europa. Wenn Sie glauben, wir fallen hinter die USA und China zurück; wenn Sie wollen, dass alte Industrie überlebt, muss sie mit Robotik und KI modernisiert werden. Selbst wenn Ihr Hauptthema der Klimawandel ist: All das lösen Startups und Scaleups. Regierungen lösen das nicht, Gründerinnen und Gründer tun es. Sie schaffen Werte und Arbeitsplätze. Wenn Sie also nicht dafür arbeiten, dass man in Europa gründen und wachsen kann, dann beschweren Sie sich später nicht, dass Ihre Kinder keine Jobs haben. Das ist kein Nischenthema – es ist die Quelle, aus der alles fließt.

Und woran würde man messen, ob EU Inc. funktioniert?

An ziemlich einfachen KPIs. Wie viele EU Incs werden gegründet? Setzen unsere Gründer künftig eine EU Inc. auf statt einer deutschen GmbH oder einer englischen Limited? Aktuell überschreiten nur rund 18 Prozent unseres Investmentkapitals Grenzen. Und einen KPI, an den niemand denkt: Wie viele EU Incs werden von Menschen gegründet, die gar nicht in Europa sitzen? Amerikaner, Inder, Chinesen gründen in Delaware. Warum sollten sie nicht eine EU Inc. gründen – und damit sofort Zugang zu einem Markt von 450 Millionen Menschen haben? Für Beitrittskandidaten wie die Ukraine oder Montenegro, aber auch für die Schweiz, Norwegen oder das Vereinigte Königreich könnte das die Speerspitze wirtschaftlicher Integration sein.

Welche Rolle könnte Österreich dabei spielen?

Österreich hat sich lange als Westeuropas Tor nach Osteuropa verstanden. Das muss nicht verschwinden – im Gegenteil, es lässt sich mit einer EU Inc. stärken. Bislang war es vielleicht einfacher, in Wien Anwälte und Notare zu haben, die wissen, wie man am Balkan operiert. Wenn eine EU Inc. automatischen Zugang zu diesen Gründern gibt, könnt ihr euch als Tor nach Osteuropa neu erfinden. Wenn ein Wiener VC plötzlich leicht in ein Bukarester Team investieren kann, ohne einen Anwalt für 50.000 Euro zu bezahlen, der das rumänische System erklärt, dann nehmen wir enorm viel Reibung heraus. In Wien gibt es mehr Kapital als in vielen dieser Städte, direkte Flüge, juristische Kompetenz. Das ist eine echte Chance – und keine, über die man ein Märchen erzählen müsste.

Die Gewerkschaften fürchten, EU Inc. höhle Arbeitsrechte aus.

Das hat mit der Realität wenig zu tun. Es ist eine optionale Rechtsform – keine bestehende Form verschwindet. Und das Arbeitsrecht ist hier gar nicht drin: Stelle ich einen Deutschen an, gilt deutsches Arbeitsrecht, mit Kündigungsschutz und ab einer bestimmten Zahl mit Betriebsrat – immer dort, wo der Beschäftigte sitzt und arbeitet. Niemand wird betrogen. Man hatte Angst, ein Wirt in Tirol zahle dem Koch dann kein Gehalt, sondern nur Anteile. Ich dachte, es gibt einen Mindestlohn. Wenn Sie wollen, schreiben wir hinein, dass Mindestlohngesetze weiter gelten – kein Problem. Was mich wirklich verblüfft, ist der Kampf gegen Mitarbeiterbeteiligung. Karl Marx wollte, dass die Arbeiter die Produktionsmittel besitzen – und wir müssen hart darum kämpfen, die Beschäftigten zu bereichern.

Und die Notare, die auf Rechtssicherheit pochen?

Viele Mitgliedstaaten kommen ohne Notare im Prozess bestens zurecht. Niemand behauptet, estnischen Startups fehle Rechtssicherheit, obwohl man dort in zehn Minuten online gründet. Wir schaffen ja Kontrollen nicht ab – Artikel 14 erlaubt die Prüfung durch ein Gericht, eine zuständige Behörde oder einen Notar. Wir streichen nur den verpflichtenden Kanal, nicht die Kontrolle. Dass rigorose KYC- und Geldwäscheprüfungen online funktionieren, hat Wien mit Bitpanda längst gezeigt.

Gibt es einen Anreiz, die Notare an Bord zu holen?

Absolut. Staaten können Prüffunktionen delegieren – für den TÜV gehe ich zur DEKRA, nicht zur Stadt. Wenn österreichische oder deutsche Notare zu ihren Regierungen gingen und sagten: „Macht uns zum Teil dieser Zertifizierung innerhalb von zwei Werktagen“ – man würde sie mit offenen Armen empfangen. Sie könnten eine großartige Cottage-Industrie aufbauen, die Brücke zum Bankkonto oder zur Steuernummer sein. Ein österreichischer Notar könnte nach Dubai fliegen und sagen: „Gründet eine EU Inc., kommt nach Österreich, wir machen den One-Stop-Shop.“ Sonst übernehmen Stripe Atlas, Qonto und die Neobanks das Geschäft. Ich habe bloß noch keine einzige Idee der Notare gesehen, wie sie Teil der Lösung sein wollen. Sie sollten, ich wage es zu sagen, ein bisschen wie Startups denken.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Die Höhle der Löwen mit „saugeilem Produkt“ und Lieblingsbier-Brot

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Die Höhle der Löwen mit „saugeilem Produkt“ und Lieblingsbier-Brot

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Die Höhle der Löwen mit „saugeilem Produkt“ und Lieblingsbier-Brot

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Die Höhle der Löwen mit „saugeilem Produkt“ und Lieblingsbier-Brot

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Die Höhle der Löwen mit „saugeilem Produkt“ und Lieblingsbier-Brot

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Die Höhle der Löwen mit „saugeilem Produkt“ und Lieblingsbier-Brot

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Die Höhle der Löwen mit „saugeilem Produkt“ und Lieblingsbier-Brot

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Die Höhle der Löwen mit „saugeilem Produkt“ und Lieblingsbier-Brot

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Die Höhle der Löwen mit „saugeilem Produkt“ und Lieblingsbier-Brot