22.10.2019

„Die Höhle der Löwen Folge 8“: „Für Null Euro 15 Prozent“-Beteiligung

In der achten Folge von "Die Höhle der Löwen" ging es um eine AR-basierende Näh-App, eine Zumba-Alternative fürs Workout und einen Sichtschutz gegen Unfall-Gaffer. Zudem konnte eine Investorin mittels Umsatzbeteiligung einen guten Deal einfahren, während sich einem anderen Investor die Rückenhaare aufstellten.
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Höhle der Löwen, Ralf Dümmel, Dagmar Wöhrl, Judith Williams, Frank Thelen, Georg Kofler, Nils Glagau
(c) Frank W. Hempel - Vincent Efferoth (l.) und Lukas Passia präsentierten mit Novelte einen kalt gebrühten Tee mit etwa 11 % Alkoholgehalt.
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Den Anfang bei der achten Folge von „Die Höhle der Löwen“ machten Louis Bahlmann, Burak Dönmezer und Marc Schmitz. Mit Wingbrush präsentierten die Gründer eine Zahnbürste zur Reinigung der Zahnzwischenräume (Interdentalbürste). Diese Bürste soll eine intelligente Alternative für die Produkte sein, die es für die Reinigung der Zahnzwischenräume bereits gibt.

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Aktivkohle-Zahnseide

Mit der Zahnbürste sollen Zahnzwischenräume einfach und schnell von Schmutz befreit werden. Darüber hinaus möchte das Startup auch eine spezielle Aktivkohle-Zahnseide, in verschiedenen Geschmacksrichtungen, auf den Markt bringen. Beim Kontakt mit dem Zahn quillt die Seide auf und vereinfacht so die Reinigung. Die Gründer forderten 400.000 Euro für 15 Prozent Anteile.

Viel Marketing nötig

Dagmar Wöhrl hatte Probleme, im hinteren Bereich des Mundes das Produkt zu nutzen und stieg aus. Nils Glagau meinte, man bräuchte viel Marketing, um die Menschen von Wingbrush zu überzeugen. Auch er zeigte kein Interesse an einem Investment.

Höhle der Löwen, Ralf Dümmel, Dagmar Wöhrl, Judith Williams, Frank Thelen, Georg Kofler, Nils Glagau
(c) TVNOW / Frank W. Hempel – V.l.: Burak Dönmezer, Louis Bahlmann und Marc Schmitz wollten mit einer Zahnbürste für die Zahnzwischenräume Investoren überzeugen.

Zahnarzt als ein „point of fear“

Die Gründer erzählten daraufhin von ihrer Idee, einen umweltfreundlichen Becher mit ihrem Logo bei Zahnärzten zu platzieren, um den Effekt des Zahnarzt-Marketings zu nutzen. Dies brachte Multi-Investor Maschmeyer dazu, das Trio zurechtzustutzen. Der Zahnarzt sei „kein point of sale“ sondern ein „point of fear“. Patienten seien froh, wenn der Zahnarzt krank, oder sie selbst aus der Praxis draußen seien. Er fand die Produkt-Idee grundsätzlich gut, sehe aber wenig Innovation. Auch er verabschiedete sich als potentieller Investor.

Deal mit Dümmel

Georg Kofler war schlicht die Bewertung zu hoch. Ralf Dümmel meinte indes, dass man gegen Giganten in dieser Branche antrete und man daher mehr ins Marketing investieren müsse. Er bot die gewünschten 400.000 Euro, allerdings für 25 Prozent. Der Investor rechnete mit einem Gegenangebot und behielt recht. 20 Prozent Anteile waren die Gründer bereit herzugeben. Deal.

Aufblasbarer Sichtschutz

Der nächste Auftritt bei „Die Höhle der Löwen“ gebührte Dieter Mohn. Der 62-Jährige hat mit Gafferwand einen Sichtschutz entwickelt, der an Unfallorten platziert werden kann, damit Schaulustige keinen Einblick mehr in das Unfallgeschehen erhalten und so weder sich noch andere gefährden und unschöne Szenen ohne Einwilligung medial teilen. Einsatzkräfte sollen diesen aufblasbaren Sichtschutz in kürzester Zeit an der Unfallstelle aufbauen können. Für seine Erfindung wollte der Gründer 100.000 Euro für 20 Prozent Beteiligung.

„Etwas zu gaffen“ bei die Höhle der Löwen

Mohn bat die Jury, ihm zu folgen. Es gebe etwas zu „gaffen“. Vor dem Studio war eine Unfallszene nachgestellt, und der Gründer konnte demonstrieren, wie seine Gafferwand innerhalb kürzester Zeit den gesamten Unfallort abschirmte. Das Produkt sei inklusive stromgetriebenem Gebläse auch individuell in Länge, Höhe und Farbe gestaltbar.

Höhle der Löwen, Ralf Dümmel, Dagmar Wöhrl, Judith Williams, Frank Thelen, Georg Kofler, Nils Glagau
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Dieter Mohn bat die Investoren heraus aus dem Studio um ihnen seine „Wand“ vorzustellen.

Öffentliche Hand als Problem

Maschmeyer fand die Idee gut, während Glagau meinte, der Vertrieb würde schwierig werden. Der Konzernchef ging ohne Angebot. Wie der Gründer zugab, wäre es tatsächlich schwer, bei seinen bisherigen Kunden, der öffentlichen Hand, Verkäufe abzuwickeln. Zwischen dem Angebot und der Entscheidungsfindung würden mehrere Monate vergehen. Daraufhin sah Dümmel ein, dass er nicht helfen könne und stieg auch aus.

„Mir sträuben sich die Rückenhaare“

Für Kofler war der Kundenkreis zu schwierig. Er sagte: „Wenn ich öffentliche Ausschreibung höre, sträuben sich bei mir schon die Rückenhaare“. Er habe zu wenig Geduld für bürokratische Prozesse. Wöhrl dachte ähnlich und folgte Kofler. Am Ende verabschiedete sich auch Maschmeyer. Kein Deal.

Nähen mit Hilfe von AR

Markus Uhlig und Nora Baum versuchten als nächstes, die Höhle der Löwen-Jury von ihrer Idee zu überzeugen. Mit Pattarina präsentieren die beiden Gründer eine App, mit der Schnittmuster mithilfe von Augmented Reality vom Handy auf den Stoff übertragen und nachgezeichnet werden können.

In Zukunft möchten die Gründer mit ihrer Technologie auch in weitere Bereiche, wie zum Beispiel der Holzverarbeitung, vordringen und ihre App weiterentwickeln. Das Gründer-Duo wollte für die Abgabe von 12,5 Prozent Firmenanteilen ein Investment von 100.000 Euro haben.

Sieben Minuten statt drei Stunden

Die Vorbereitung für Schnittmuster dauert laut den Gründern normalerweise zwischen 40 Minuten und drei Stunden. Mit der App würde dieser ganze Prozess bis maximal auf sieben Minuten reduziert werden. Tech-Profi Frank Thelen meinte, man müsse das Produkt über Influencer verbreiten. Er hatte eigene Ideen zu einem Business-Modell (B2C) und war drauf und dran, ein Angebot zu machen. Allerdings blieb er nicht allein.

Höhle der Löwen, Ralf Dümmel, Dagmar Wöhrl, Judith Williams, Frank Thelen, Georg Kofler, Nils Glagau
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Nora Baum (r.) und Markus Uhlig haben mit „Pattarina“ eine App für digitale Schnittmuster entwickelt.

„App ist skalierbar“

Maschmeyer forderte plötzlich für 100.000 Euro 20 Prozent Anteile. Thelen meinte, er könne solche Geschäftsmodelle schnell erfassen. Pattarina sei skalierbar. Jedoch müsse er die Arbeit übernehmen, die App weltweit bekannt zu machen. Er wollte daher 100.000 Euro investieren, allerdings für 25 Prozent. Nach einer längeren Beratungsphase kamen die Gründer zurück und boten dem Tech-Guru 20 Prozent. Der wiederum beharrte auf 22 Prozent Anteile und bekam schlussendlich den Deal.

Österreicher bei „Die Höhle der Löwen“

Die nächsten bei „Die Höhle der Löwen“ waren die beiden Österreicher Rene Taumberger und David Pirker. Ihr in Villach angesiedeltes Startup Rock the Billy bietet ein Tanzkonzept, welches den Trend in Richtung Swing-Tänze legt. Es soll Tanz und Workout vereinen.

Lizenzen und Merchandise

Das Geschäftskonzept: Für insgesamt 250 Euro wird ein Trainer ausgebildet, der folglich selbstständig Kurse abhält. Weitere Workout-Tipps und Musikzusammenstellungen gebe es für eine monatliche Gebühr von 19,90 Euro. Das ganze Programm würde durch Zubehör, das man in einem Onlineshop erwerben kann, ergänzt. Das Duo forderte für 20 Prozent Firmenanteile 120.000 Euro.

„Sieht nicht nach Workout aus“

Nach einer Tanzvorführung im Studio, bei der die Gründer Unterstützung von professionellen Trainern erhielten, wurde die Jury dazu eingeladen mitzumachen. Es meldeten sich Dümmel und Glagau. Nachdem sich beide Investoren, mehr oder weniger gut beim Erlernen der Grundschritte anstellten, meinte Glagau jedoch: „Das sieht jetzt nicht nach Workout aus“.

Fitnesseffekt fußt auf Kardiokonzepten

Taumberger entgegnete, dass der Fitnesseffekt bei Tänzen wie Zumba und bei ihnen auf Kardiokonzepten fuße. Je mehr man in der Stunde tanze, umso eher komme man ins Schwitzen. Um das Fitnesselement einzubringen, gebe es im Tanzprogramm einen fünfminütigen Teil, bei dem Teilnehmer mehr ins Laufen kämen. Und Kräftigungsübungen inkludiert seien .

Schnelles Wachstum als Ziel

Frank Thelen lobte die Darbietung, meinte jedoch, das Geschäftsmodell wäre schwierig. Taumberger erzählte daraufhin, dass das Unternehmen in den acht Monaten, seitdem es – bis zur Sendeaufzeichnung – bestehe, 300 Instruktoren in sechs Ländern aufgebaut habe. Man wolle schnell wachsen und „keine kleinen Brötchen backen“. Dies habe er alleine geschafft. Mittlerweile wären jedoch mehr Personen an seiner Seite, die bei der Ausbildung der „Workout-Lehrer“ helfen würden.

Freemium-Konzepte als riskantes Modell

Dennoch meinte Thelen, der Betrag fürs Abo-Modell von knapp 20 Euro sei zu niedrig. Pirker entgegnete, es gebe Pläne, diese Summe in den nächsten Jahren anzupassen, was Maschmeyer auf den Plan rief. Der Multi-Investor war der Überzeugung, dass dieses Vorhaben schwer werden würde.

Er selbst kenne genug Modelle, die als „Freemium“-Konzept gestartet seien, und sobald es darum ging, dass Kunden zahlen sollten, lief es nicht mehr. Die Gründer argumentierten damit, dass diese Kostenerhöhung allein durch die Bekanntheit der Marke Rock the Billy zu rechtfertigen sei. Ähnlich wie es bei Zumba der Fall war, die ebenfalls mit niedrigeren Abo-Preisen gestartet seien.

Höhle der Löwen, Ralf Dümmel, Dagmar Wöhrl, Judith Williams, Frank Thelen, Georg Kofler, Nils Glagau
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Rene Taumberger (2.v.l.) und David Pirker (auf dem Moped) aus Österreich wollen mit „Rock the Billy“ ein Tanz-Groupfitness-Konzept unter die Leute bringen.

„Zumba kopieren ist Schwachsinn“

Thelen meinte daraufhin, er wäre sich zu 99 Prozent sicher, dass das Kopieren von Zumba „kompletter Schwachsinn“ sei. Er nannte das erfolgreiche Tanz-Workout-Konzept aus Amerika ein „one hit wonder“ und stieg als potentieller Financier aus. Auch Maschmeyer warf ein, dass es bereits von Vielen versucht worden sei, mit Tanz Geld zu machen. Und sie alle seien gescheitert. Es wisse nicht, warum es bei Rock the Billy klappen sollte. Ihm fehle vor allem eine Art Social Media Star, mit vielen Followern, der das ganze verbreiten könne. Auch dieser Löwe ging ohne Angebot.

Wankelmütiger Kofler

Dümmel und Glagau verabschiedeten sich danach mit Lob, sodass noch Kofler über blieb. Der Medien-Investor zeigte sich interessiert, war aber noch wankelmütig. Taumberger gab nicht auf und erzählte von Kontakten nach China, Thailand, England und den USA, die allesamt interessiert seien, das Konzept in ihre Länder zu bringen. Trotz großer Sympathie kam auch vom letzten Löwen kein Angebot.

Vision vom Alk-Tee

Den Abschluss der achten Folge von „Die Höhle der Löwen“ bildeten Lukas Passia und Vincent Efferoth. Ihr Startup Noveltea produziert einen Tee mit Alkohol, den man sowohl kalt als Cocktail als auch warm als Glühweinersatz trinken kann. Die Gründerstory nahm im Fußballstadion von Newcastle United ihren Anfang. Die zwei Deutschen, die beide an der Newcastle University studierten, wurden enge Freunde und merkten, dass sie beide unabhängig voneinander die Vision von alkoholischem Tee hatten.

Auf Investment in der Drachenhöhle verzichtet

Im englischen Pendant zu „Die Höhle der Löwen“ namens „Dragons Den“, bei dem die Gründer bereits teilnahmen, erhielten sie 2018 drei Angebote, gingen dennoch ohne Deal heim. Die Anteilsforderungen waren ihnen mit 30 Prozent damals zu hoch.

Für den Firmen-Start versetzten die Gründer den in England so beliebten Tee mit Gin. Sechs Monate und über 1000 Versuche später war es dann so weit: The Tale of Earl Grey von Noveltea war geboren und sorgte laut eigenen Angaben für positive Rückmeldungen. Heute gibt es zusätzlich Varianten mit weißem Rum und schottischem Whiskey. Die jungen Männer wollten für zehn Prozent Anteile 450.000 Euro haben.

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Umsatz vervierfacht

Nach der Verkostung fragte Thelen nach den Gründen der hohen Firmenbewertung. Die Antwort der Gründer: Noveltea habe bereits einige Auszeichnungen gewonnen. Zudem habe sich der Umsatz seit dem ersten Jahr vervierfacht und betrage nun 360.000 Euro. Außerdem habe es vor der Aufzeichnung eine Kapitalrunde zur ausgerufenen Bewertung gegeben, so die Founder.

Forderung „völlig abgehoben“

Thelen erklärte, dass üblicherweise der dreifache Umsatz eines Unternehmens eine realistische Bewertung einer Firma ergebe. Bei Noveltea wäre dieser 13-Mal so hoch. Er könne zu diesen Bedingungen nicht investieren. Dümmel tat es ihm nach. Auch Maschmeyer fand die Forderung „völlig abgehoben“ und verabschiedete sich als dritter Löwe aus der Runde.

Bei Wöhrl-Angebot kritische Zwischenfrage von Williams

Nachdem sich auch Shopping-Queen Judith Williams als mögliche Investorin herausnahm, meinte Wöhrl, sie fände das Startup spannend. Sie könne sich vorstellen, die Marke systematisch aufzubauen und bot die geforderte Summe für 20 Prozent. Just als dieses Angebot aus dem Mund war, schritt Williams ein und fragte kritisch nach, ob ihre Kollegin bei der Verkostung überhaupt „alle Gläser ausgetrunken habe“.

1 Euro pro Flasche zurück

Wöhrl ließ sich von dieser Zwischenmeldung nicht irritieren und meinte bloß, sie fände das Getränk gut. Die Gründer fragten nach, ob die Investorin ihr Investment proportional erhöhen würde. Dies lehnte sie ab, da sie sich nicht unter Wert verkaufen würde. Sie brächte ja viel Know-how und Hilfe mit.

Nach kurzer Beratung kamen Passia und Efferoth mit einem Gegenangebot zurück: 450.000 Euro für 15 Prozent. Wöhrl konterte mit folgendem Vorschlag: Sie würde die 15 Prozent nehmen, bekäme aber pro verkaufter Flasche einen Euro zurück, bis die investierten 450.000 Euro erreicht wären. Mit dieser Umsatzbeteiligung kam es zum Deal, woraufhin Thelen ihr dazu gratulierte, „quasi für Null Euro 15 Prozent“ vom Startup zu erhalten.


⇒ Wingbrush

⇒ Pattarina

⇒ Gafferwand

⇒ Novoltea

⇒ Rock the Billy

⇒ DHDL-Folgen zum Nachsehen auf TVNOW

⇒ DHDL

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(c) Verena Nageler

Mit vierundzwanzig habe ich einen großen Teil meines Ersparten in ein Wiener Mobility-Startup gesteckt. Verrückt, ich weiß, aber ich habe verdammt viel gelernt, als ich am Tisch mit namhaften Business Angels aus Österreich und VCs wie Elevator Ventures, Uniqa Ventures und dem aws Gründerfonds sitzen durfte. Die Firma hieß goUrban, eine Plattform für Car- und Micro-Mobility-Sharing und für die Digitalisierung von Firmenflotten. Im September 2024 wurde goUrban von Wunder Mobility übernommen.

Geblieben ist mir aus dieser Zeit vor allem eine Lektion. Sie kommt in der aktuellen Debatte über autonomes Fahren fast nie vor: Ein Fahrzeug ist noch kein Geschäftsmodell.

Beim Sharing entscheidet nämlich nicht die App. Fahrzeuge wollen geladen, gereinigt, gewartet und umverteilt werden. Sie müssen dort stehen, wo in zwanzig Minuten jemand sucht. Stehen sie falsch, kosten sie Geld. Sind sie defekt, ist die Kund:in weg. Bleibt die Auslastung aus, hilft die beste Technologie nichts.

Beim autonomen Fahren ist und wird das nicht anders sein. Die Person am Steuer kann verschwinden. Der Betrieb bleibt ja trotzdem.

Die USA und China machen es logisch, aber anders

Die USA und China skalieren autonome Mobilität dort, wo Dichte, große Flotten und zahlungsbereite Kund:innen zusammenkommen. Das Robotaxi ist als individuelles Produkt gedacht und fährt zuerst in den Gebieten, in denen sich der Betrieb rechnet. Das ist logisch und funktioniert dort auch.

Bei uns sind die Voraussetzungen andere. Wir haben ein dichtes öffentliches Netz, starke Verkehrsverbünde und die politische Erwartung, dass Mobilität auch dort funktioniert, wo sie sich betriebswirtschaftlich nicht ausgeht.

Ein europäisches Waymo zu bauen, löst diese Frage nicht. Der Bahnhof im Seitental, der Weiler am Dienstagabend, der Tourismusort im November: Da fehlt kein weiteres einzelnes Fahrzeug. Da fehlt das System, das dieses Fahrzeug in den öffentlichen Verkehr einhängt.

Die spannendste europäische Position liegt für mich deshalb nicht im Technologie-Layer. Sie liegt bei denen, die Flotten betreiben, Nachfrage bündeln, Fahrten disponieren, Fahrzeuge laden und warten, Schnittstellen zu den Verbünden bauen und Gemeinden, Betriebe und Behörden an einen Tisch bekommen. Also bei der unglamourösen Arbeit.

Ohne Nachfrage keine Skalierung

Autonome Fahrzeuge rechnen sich erst, wenn sie regelmäßig fahren. Und genau hier wird der Tourismus unterschätzt.

Eine Destination bündelt Nachfrage räumlich und zeitlich. Samstagvormittag kommen die Gäste an denselben zwei, drei Bahnhöfen an. Sie fahren zu einer überschaubaren Zahl an Unterkünften, Bergbahnen, Veranstaltungsorten und Ausflugszielen. Diese Wege sind planbarer als die einer beliebigen Stadtbevölkerung. Wir sehen das in unseren Daten immer wieder.

Ein einzelnes Hotel wird trotzdem nie eine autonome Flotte aufbauen. Eine Region kann es. Sie kann die Nachfrage aus Beherbergung, Freizeitwirtschaft, Bevölkerung und öffentlichem Verkehr zusammenlegen. Aus einzelnen Fahrten wird ein Bediengebiet, aus dem Pilotprojekt ein Angebot, das bleibt. Und die Einheimischen fahren mit. Das ist der Punkt, an dem Konnektivität das Leben am Land wieder attraktiver macht.

Nur: Irgendwer muss diese Struktur aufsetzen. Wer übernimmt die Buchung? Wer garantiert den Anschluss, wenn der Zug 18 Minuten Verspätung hat? Wer zahlt die schwachen Zeiten? Wem gehören die Daten? Wer haftet, wenn eine Fahrt ausfällt? Und wer entscheidet, ob das Fahrzeug zum gut ausgelasteten Bahnhof fährt oder zum Betrieb am Ende des Tals?

Das klingt weniger nach Zukunft als Sensorik und Fahrzeugmodelle. Wirtschaftlich entscheidet es mehr.

Menschen steigen nicht wegen der Technik um

Das beste Angebot scheitert, wenn es niemand nutzt. Und die Rolle des Klimabewusstseins wird dabei gehörig überschätzt.

Der Gast lässt das Auto nicht stehen, um ein guter Mensch zu sein. Er lässt es stehen, wenn die Alternative bequemer ist und er sich darauf verlassen kann. Wenn sie günstiger ist, umso besser.

Der Urlaub ist dafür ein guter Moment. Menschen sind aus ihren Routinen raus, probieren Sachen aus, organisieren ihre Wege ohnehin neu. Ob das zuhause nachwirkt, ist noch nicht ausreichend belegt, da würde ich mich nicht zu weit hinauslehnen. Für eine Destination reicht der Urlaub trotzdem: Hier lässt sich zeigen, dass es ohne eigenes Auto geht, ohne dass sich jemand einschränken muss.

Die Technologie macht es möglich. Genutzt wird sie erst, wenn sie im Alltag der Gäste die bequemere Variante ist.

Wer das System organisiert, dem gehört der Markt

Europa pilotiert viel und skaliert wenig. Das liegt nicht nur an Regulierung und technischer Vorsicht. Meistens fehlt jemand, der aus Fahrzeug, öffentlichem Verkehr, touristischer Nachfrage und regionaler Verantwortung ein Produkt macht.

Waymo wird uns das nicht bauen. Und auch kein europäischer Fahrzeughersteller wird entscheiden, wie der Gast vom Bahnhof in ein österreichisches Seitental kommt.

Die unternehmerische Chance liegt zwischen den Zuständigkeiten. Sie gehört denen, die Betreiber, Verkehrsverbünde, Destinationen, Gemeinden und Betriebe koordinieren und daraus ein Angebot machen, das an einem Dienstag im November genauso funktioniert wie am Anreisesamstag im Winter.

Wer damit anfangen will, braucht dafür übrigens kein autonomes Fahrzeug. Es reicht, in einer Region die Fragen von oben zu beantworten: Buchung, Anschluss, Finanzierung der schwachen Zeiten, Daten, Haftung. Wer das geklärt hat, ist bereit, wenn die Fahrzeuge kommen. Die anderen pilotieren dann noch.

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