06.09.2021

Die Taliban in uns und der „dritte Raum“ (für Alpbach)

In seiner aktuellen Kolumne philosophiert Mic Hirschbrich über Alpbach und den "dritten Raum" im Kampf gegen den inneren Taliban.
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Hirschbrich über den dritten Raum, Alpbach und die Taliban
Brutkasten-Kolumnist Mic Hirschbrich | Hintergrund: (c) Adobe Stock - Dan Race
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Haben wir es wieder mal geschafft! Karoline Edtstadler fegte noch einmal stilsicher und auffallend frisch zu Schlagermusik über den Tanzboden im Alpacherhof und ließ die Gäste im Stil einer DJane wissen, dass es sich nun um keinen Empfang mehr handle, sondern um eine Abschiedsparty.

Wirtschaftsmagnaten, Berater, Medienleute, Forscher, Investoren und Unternehmer*innen sowie diverse Minister*innen ließen sich das nicht zweimal sagen. Die einen mutierten just zum ausgelassenen Partyvolk, andere blieben lieber beim formellen Smalltalk. Aber allen war klar, dass damit das diesjährige Ende eines neuen Forums eingeläutet wurde, das in diesem Medium sowie im Standard trefflich reflektiert wurde. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die Taliban in Alpbach?

Auch die Taliban schafften es thematisch nach Alpbach, dank eines nicht wirklich gelungenen Scherzes von Kooperationspartner „Die Tagespresse“. Die immer hart aber oft auch gut unterhaltenden Satiriker, verglichen die zu Beginn des Forums anwesenden Tiroler Schützen indirekt mit der afghanischen Mördertruppe. Die Erregung einiger Forum-Besucher darüber war überzogen, manche forderten eine Löschung des Beitrags und kritisierten die Kooperation scharf.

Wir sind bekanntlich eine Kultur, in der Satire einen festen Platz hat, egal ob sie gefällt oder nicht. Wir setzten uns auch für Charlie Hebdo ein, wissend, dass deren Karikaturen Menschen islamischen Glaubens irritieren oder erzürnen. Wir sollten das aushalten.

Quelle: https://www.facebook.com/forumalpbach/photos/a.153404328006003/4775538955792494/?type=3

Die Taliban in uns

Vielleicht ist es eine subjektive Wahrnehmung. Aber es scheint, als ob wir uns tendenziell etwas weniger unter einander verstehen, bzw. die Bereitschaft verlieren, Andersdenkende verstehen zu wollen oder ihre andere Haltung zu Themen zumindest auszuhalten. Nicht speziell am Forum, aber generell. Da drängt sich die Frage auf: Wieviel von einem Taliban steckt eigentlich in uns? Also Anteile eines Charakters, der nur eine Wahrheit kennt und erlaubt und alle anderen Meinungen rigoros ablehnt.

Derweil ist die Kunst, sich über Sprache und (kulturelles) Verständnis anzunähern, seit jeher der einzige Schlüssel, Menschen zusammen zu bringen um gemeinsam Probleme zu lösen. Dies gilt im Kleinen wir im Großen, siehe Afghanistan.

Von kultureller Ignoranz

Als Laie sollte man vorsichtig sein mit Afghanistan-Analysen. Zu komplex sind Geschichte und Ereignisse dort. Aber es macht den Eindruck, dass die USA und ihre Verbündeten versuchten, dieses Land vor allem mithilfe von Militär und Technologie zu demokratisieren. Und das taten sie zwei Jahrzehnte lang. Dass dann binnen weniger Tage ein primitiv lebendes, paschtunisches Volk eine Supermacht an der Staatsspitze ersetzen und sich Militärequipment um 80 Milliarden US-Dollar einverleiben kann, sieht nach einem desaströs schlechten Verständnis von der lokalen Kultur, den Traditionen und Werten aus, nach denen diese Stämme leben und Entscheidungen treffen. Man fragt sich, wie viel die Seiten mit einander sprachen und wie viel sie von einander verstanden.

Wir westliche Demokratien dachten ja auch, die ökonomische Globalisierung würde Demokratie einfach nach China bringen, quasi Huckepack. Die Menschen würden schon ihre Freiheiten und Grundrechte einfordern, wenn nur mal ihr Wohlstand stiege. Wie oft haben wir uns diese These gegenseitig gepitcht? Zig Bücher und Zeitungsartikel waren dazu erschienen. Peinlich aus heutiger Sicht, dass wir lernen mussten, dass eine asiatische Autokratie und ökonomischer Erfolg perfekt zusammenpassen und wir einfach Geschichte, Kultur sowie philosophische und politische Traditionen in dem Land ignorierten.

Wir brauchen auch nicht mit Fingern auf Politiker*innen zeigen oder den USA allein dafür die Schuld geben, wie das bei Afghanistan gerade geschieht. Diese globale Entwicklung ist auch ein Spiegel kultureller Ignoranz und Inkompetenz und findet auf vielen Ebenen und Spielwiesen statt. Es ist ein Gleichnis der Willenlosigkeit, sich zu verstehen, außer es dient ökonomischen oder militärischen Interessen.

Die Taliban sitzen so gesehen nicht nur in Afghanistan. Das ärgste Virus, das unsere Welt bedroht, sind Intoleranz und Selbstüberhöhung – über andere Völker, Meinungen und Menschen. Dagegen ist Corona unbedeutend.

Braucht es den „dritten Raum“?

Vielleicht kennen Sie das Konzept des „dritten Raums“ schon, vom Philosophen Jacques Derrida, oder aus der französischen Pädagogik oder der Soziologie. Der dritte Raum hatte, in verschiedenen Konstruktionen, vor allem die Aufgabe, einen ganz speziellen Ort des „besonderen Ausgleichs“ zu schaffen. Und uns könnte er heute helfen, unsere „inneren Talibans“ zu bezwingen.

Manche Klimaaktivisten könnte er helfen zu erfahren, dass nicht alle „alten weißen Männer“ ignorante materialistische Machos und selbstoptimierende Egoisten sind, sondern auch Ehemänner und Väter, die sich ehrlich um die Zukunft sorgen. Manche alten weißen Männer könnten sich das Verspotten von jungen Aktivist*innen ersparen, reflektiert und offen in ein Gespräch mit diesen gehen und vielleicht sehen, dass die Sorge des Gegenübers begründet ist und versuchen, gemeinsame Ziele zu identifizieren, anstatt sich weiterhin paternalistisch über die Jugend oder angebliche Unerfahrenheit des Gegenübers auszulassen. Geimpfte könnten sich stärker mit den Ängsten mancher Impfskeptiker befassen und versuchen zu überzeugen, anstatt diese pauschalierend in ihrem Urteil den Berufs-Schwurblern und politischen Extremisten in die Arme zu treiben. Und Impfgegner würden in einem solchen besonders offenen und geschützten Austausch vielleicht erkennen, dass man auch mal wieder echtes Vertrauen schöpfen kann in Institutionen und Wissenschaft, weil nicht alles auf der Welt manipuliert und Teil einer Verschwörung ist, sondern einfach auch mal funktioniert.

Jeder von uns hat wunde Punkte, zeigt da und dort Intoleranz und Schwächen im Diskurs. Ich selbst knabbere gleich bei ein paar Themen an meiner innerlichen Toleranz und muss mir beispielsweise auf die Zunge beißen, wenn bei Vorträgen die „digitale Transformation als Zukunftschance“ angepriesen wird und das 30 Jahre nach Erfindung des Word Wide Web. Emotional würde ich mich bei diesem Thema am liebsten vom Gratlspitz hinabstürzen und protestweise in der Fleischstrudelsuppe der Vortragenden landen. (Wenn Sie meinen diesbezüglichen Schmerz verstehen wollen, ich hatte hier mal darüber geschrieben). Aber ich übe mich im „Ommm“, versuche zu verstehen und meinen Petersilie zur Debattensuppe beizutragen. Ein dritter Raum könnte hier helfen, Gleichgesinnte zu finden, endlich inhaltlich weiter zu kommen im Diskurs oder meine eigene Haltung zu adaptieren.

Ein „dritter Raum“ für Alpbach

Ein „dritter Raum“ muss kein zwingend physischer sein, aber es hilft. Wir Menschen tun uns mit physischer Konstruktion leichter.

In einer Zeit in der wir uns oftmals „online hassen“ und vieles „besser wissen“, in der links rechts immer mehr hasst und rechts links, sich immer mehr zuspitzt und verhärtet, in einer Zeit in der sich die Reihen schließen, könnte so ein Raum Brücken bauen. In einem solchen Raum würden klare Regeln und Haltungen gelten, die man zu Beginn definiert. Man könnte Themen inhaltlich aufbereiten und dann den Menschen Raum geben anstatt Podien. Das Ziel wäre nicht die Selbst-Darstellung weniger (was in anderen Formaten durchaus Sinn stiftet), sondern inhaltlicher Diskurs und persönliches Wachstum aller.

Ob in unseren kleinen Gemeinden, dem Staat und unserem Gemeinwesen oder auch geopolitisch, es wird offenkundig wichtiger, das gegenseitige (kulturelle) Verstehen und „Zuhören Können“ (wieder) zu erlernen. Es ist die heute meistgebrauchte und wohl am meisten unterschätze Kulturtechnik. Wer sich in so einem dritten Raum intellektuell redlich und auf Augenhöhe austauscht und willig ist, von anderen zu lernen anstatt nur zu belehren, der kann diese Fähigkeit überall hin mitnehmen und andere damit bereichern. Alpbach bemüht sich, ein Ort der Begegnung und Entwicklung zu sein und leistet viel dafür. Vielleicht kann man dieser Kulturtechnik zusätzlich einen „dritten Raum“ widmen. Wir sind bekanntlich Exportweltmeister. Ich bin überzeugt, das wäre ein Produkt, das die Welt brauchen kann!

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Goldene Houskapreis-Statue, Foto: Alexander Müller

Gute Forschung entsteht in Österreich viel. Was seltener gelingt, ist der Schritt danach: dass aus einer Erkenntnis ein Produkt wird, ein Verfahren, ein Unternehmen. Genau an dieser Schnittstelle setzt der Houskapreis der B&C Privatstiftung an. Ausgezeichnet werden Projekte, die wissenschaftliche Qualität mit konkreter wirtschaftlicher Wirkung verbinden. Mit einem Gesamtpreisgeld von 760.000 Euro ist er Österreichs größter privater Preis für anwendungsnahe Forschung.

Nun geht der Preis in seine 22. Runde. Die Einreichphase für den Houskapreis 2027 ist im September gestartet und läuft bis einschließlich 28. Oktober 2026. Eingereicht wird ausschließlich online unter www.houskapreis.at.

Warum der Fokus auf Anwendung? Erich Hampel, Vorstandsvorsitzender der B&C Privatstiftung, erklärt es so: „Forschung und Innovation sind wesentliche Voraussetzungen für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Gerade in einem zunehmend technologiegetriebenen internationalen Umfeld wird es für Österreich entscheidend sein, wissenschaftliche Erkenntnisse erfolgreich in die wirtschaftliche Praxis zu überführen. Dafür braucht es wissenschaftliche Exzellenz ebenso wie unternehmerisches Denken und den Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Mit dem Houskapreis zeichnen wir Projekte aus, die diese Verbindung erfolgreich herstellen und wirtschaftliche Wirkung entfalten.“

Forschungspreis in drei Kategorien

Vergeben wird der Houskapreis 2027 in den Kategorien Hochschulforschung, Außeruniversitäre Forschung sowie Forschung & Entwicklung in KMU. Teilnahmeberechtigt sind österreichische staatliche und private Universitäten inklusive Fachhochschulen, Christian Doppler Labors, die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), das Institute of Science and Technology Austria (ISTA), heimische außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sowie kleine und mittlere Unternehmen. Gemeinsame Voraussetzung: Die wesentlichen Forschungsleistungen müssen in Österreich erbracht worden sein.

Auch der Houskapreis 2027 wird im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung vergeben, am 20. April 2027 in Wien | (c) Alexander Müller

Wie weit ein Projekt sein muss, hängt von der Kategorie ab. In der Hochschulforschung reicht es, wenn die wirtschaftliche Umsetzung unmittelbar bevorsteht oder bereits erfolgt ist. In der außeruniversitären Forschung muss sie schon passiert sein. Bei KMU muss das Projekt zusätzlich abgeschlossen sein und bereits Umsätze am Markt erzielen.

Was KMU wissen müssen

Für Unternehmen gelten klare Voraussetzungen. Sie müssen der KMU-Definition von EU und FFG entsprechen, ihren Firmensitz und ihre wesentlichen Forschungsaktivitäten in Österreich haben, maximal 249 Mitarbeiter:innen beschäftigen und einen Jahresumsatz von höchstens 50 Millionen Euro ausweisen. Außerdem müssen sie seit mindestens zwei Jahren bestehen, also vor dem 31. Dezember 2024 im Firmenbuch eingetragen worden sein, und dürfen in keinem Beteiligungsverhältnis zur B&C-Gruppe stehen.

Die Kategorie steht auch jüngeren Unternehmen offen, sofern sie die genannten Voraussetzungen erfüllen. Entscheidend ist, dass das Unternehmen seit mindestens zwei Jahren besteht und mit seiner Innovation schon Umsätze erzielt. Wie realistisch die Chancen sind, hat der Vorjahresjahrgang gezeigt: Alle drei Nominierungen in der KMU-Kategorie gingen an heimische innovative Unternehmen, den ersten Platz holte sich das Linzer Unternehmen sendance.

Bewertung und Einreichung

Die Bewertung erfolgt in einem zweistufigen Verfahren durch Fachbeiräte pro Kategorie und eine international renommierte Jury aus Wirtschaft und Wissenschaft. Gewichtet wird dabei je nach Kategorie unterschiedlich: Bei der Hochschulforschung zählt die wissenschaftliche Qualität am meisten, bei KMU der wirtschaftliche Erfolg, der mit 40 Prozent in die Bewertung einfließt.

Vier Trophäen, vier Auszeichnungen: Der Houskapreis 2027 wird in drei Kategorien vergeben, dazu kommt der mit 10.000 Euro dotierte Mariella-Schurz-Preis, über den eine Oberstufenklasse entscheidet. | (c) Alexander Müller

Für die Einreichung braucht es je ein einseitiges Abstract auf Deutsch und Englisch sowie ein Dossier von maximal zehn Seiten. KMU dürfen das Dossier auf Deutsch oder Englisch verfassen, in den beiden anderen Kategorien ist Englisch vorgeschrieben. Hochschulen legen mindestens einen Letter of Intent eines Wirtschaftspartners bei, außeruniversitäre Einrichtungen mindestens einen Kooperationsnachweis. In allen Anträgen ist zudem der Beitrag zu den SDGs zu beschreiben.

Preisgeld und Termine

Pro Kategorie werden drei Projekte nominiert, und alle drei gehen mit Preisgeld nach Hause: 150.000 Euro für den ersten Platz, 70.000 Euro für den zweiten, 30.000 Euro für den dritten. Die Erstplatzierten bekommen von der B&C Privatstiftung zusätzlich die goldene Houskapreis-Statue überreicht.

Darüber hinaus vergibt die B&C Privatstiftung den mit 10.000 Euro dotierten Mariella-Schurz-Preis an eines der nominierten Projekte, das eine Oberstufenklasse auswählt. Die Preisgelder gehen an die Institutionen und kommen dort weiteren Forschungsarbeiten zugute.

Die Nominierten werden im Februar 2027 bekannt gegeben, die Verleihung findet am 20. April 2027 in Wien statt. Wer sich vorab informieren will, hat am 5. Oktober 2026 um 14 Uhr bei einer weiteren Online-Informationsveranstaltung Gelegenheit dazu, Anmeldung unter [email protected]. Im Vorjahr gingen die ersten Plätze an die TU Wien, das AIT Austrian Institute of Technology und das Unternehmen sendance. brutkasten hat über die neun Nominierungen für den Houskapreis 2026 berichtet.

Einreichung: bis 28. Oktober 2026 unter www.houskapreis.at
Kontakt: [email protected]

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