29.01.2025
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

Revolutionär oder überschätzt? Was DeepSeek für die KI-Welt bedeutet

Gastbeitrag. Kostengünstig trainiert, Open Source und aus China: Das neue KI-Modell DeepSeek sorgt aktuell für Aufsehen. Aber wie gut ist es wirklich und welche Folgen wird es mit sich ziehen? Apollo.ai-Co-Founder Mic Hirschbrich ordnet ein.
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Mic Hirschbrich, KI-Experte und Co-Founder von Apollo.ai
Mic Hirschbrich, KI-Experte und Co-Founder von Apollo.ai | Foto: brutkasten, Adobe Stock

Die KI-Welt wurde vor wenigen Tagen von einer Nachricht erschüttert: DeepSeek, ein chinesisches Open-Source-Sprachmodell, soll mit nur 6 Millionen US-Dollar trainiert worden sein. Ein Betrag, der im Vergleich zu den Milliarden, die für GPT-4 oder Claude-Modelle aufgewendet wurden, verschwindend gering erscheint.

Doch wie konnte das möglich sein? Welche Implikationen hat das für den Markt? Und ist die Panik an der Börse – insbesondere bei Nvidia – gerechtfertigt? Eine Analyse.

Das Rätsel um die niedrigen Kosten.

Eines ist klar: Die genaue Hardware-Infrastruktur, mit der DeepSeek trainiert wurde, ist nicht offengelegt. Aufgrund von US-Exportbeschränkungen ist es auch unwahrscheinlich, dass Nvidia-Hardware in großem Umfang zum Einsatz kam oder dies gegebenenfalls der Medienöffentlichkeit gegenüber je offengelegt wird.

Folgende Hypothesen werden diskutiert und werden teilweise durch publizierte Dokumentationen gestützt:

  • Durch innovative Algorithmen könnte die Effizienz des Trainings erheblich verbessert worden sein. Methoden wie Low-Rank Adaptation (LoRA) oder Quantisierung reduzierten demnach den Rechenaufwand, mitunter erheblich.
  • DeepSeek könnte zudem von existierenden Modellen gelernt haben. Mittels dem sogenannten „Knowledge Destillation“ lassen sich leistungsfähige Modelle mit deutlich geringerem Rechenaufwand trainieren, indem sie aus den Antworten bereits bestehender KIs lernen. Dieser Vorwurf wird noch aus 2-facher Richtung beleuchtet werden, nämlich ob und in welchem Umfang dies stattfand und inwiefern das problematisch sein könnte und künftig zu verhindern wäre.
  • Spekuliert wird zudem, dass das Modell mit einer optimierten Architektur arbeiten könnte, die es ermöglicht, mit weniger Rechenleistung eine vergleichbare Leistung zu erzielen.

Doch was in der (fast schon zu) lauten Diskussion fast vollends untergeht: Die Bereitstellung und der Betrieb eines leistungsfähigen Sprachmodells kostet immense Summen, nicht nur das Training. Hosting, API-Anfragen und die globale Skalierung verursachen hohe laufende Kosten.

Dass DeepSeek also mit 6 Millionen Dollar für das Training auskam wird von vielen bezweifelt. Dass der zentrale Betrieb für potentiell hunderte Millionen User dementsprechend kostengünstig sein kann, erst recht. Dem Markt und den Nutzern würde hier mehr Transparenz gut tun. 

Reaktionen der Märkte: Nvidia-Absturz übertrieben?

Als die Nachricht von DeepSeek bekannt wurde, erlebte Nvidia einen massiven Kursrückgang. Doch ist dieser in diesem Ausmaß gerechtfertigt? Das hängt auch davon ab, welche Annahmen bei der Hardware-Skalierung börslich eingepreist wurden und die Antwort darauf ist vielschichtig. Für viele scheinen die Nachrichten eines dramatisch effizienter trainierenden LLMs alarmierend gewesen zu sein. 

Trotz der potenziellen Effizienzgewinne bleibt aber eines sicher: KI wird weiterhin enorme Mengen an Rechenleistung und Chips benötigen. Zumal die Ziele ja noch lange nicht erreicht sind, strebt man doch nach der „Agent-Revolution“ nichts geringeres als AGI-Führerschaft an.

Die steigende Nachfrage nach Hochleistungsrechenzentren, die KI-Modelle hosten und betreiben, bleibt mit Sicherheit bestehen. Und gerade wenn sich Open-Source-Modelle weiter etablieren, könnte der Bedarf an Infrastrukturen steigen, auch hier stehen wir erst ganz am Beginn globaler Markt-Positionierungen.

Warum DeepSeek vorerst erfolgreich ist:

DeepSeek hat eine kluge Strategie verfolgt:

  • Das Modell wurde sofort direkt für die Öffentlichkeit freigegeben. Innerhalb weniger Tage erzielte es so millionenfache Installationen und avancierte zur meistgenutzten KI und stieß, zumindest im App Store, sogar ChatGPT vom Thron.
  • Open Source ermöglichte zusätzlich eine hohe Verbreitungsgeschwindigkeit. Entwickler weltweit testen das Modell und integrieren es in Anwendungen. Doch um sich langfristig in diesem Markt zu halten braucht es klare Use Cases und – vor allem – Vertrauen (sic!) in die „Integrität“ der Modelle und Anbieter. 

Wie wird die Antwort auf DeepSeek lauten?

Die etablierten KI-Giganten OpenAI, Google DeepMind und Gemini, Anthropic und Co haben einen Vorteil: Gigantische Infrastrukturen, tiefe Taschen und den Zugang zu Hunderttausenden von Nvidia-Chips. Sie werden sich die Verbesserungsmethoden nun genau ansehen, dort wo sinnvoll integrieren und mit ihrer überlegenen Infrastruktur kombinieren. Damit könnte das Rennen wieder neue Dynamik entfalten, die am Ende aber gut für die Märkte ist, da der Konkurrenz-Druck zu guten Modellen immer weiter steigt. 

Die unterschätzte geopolitische Dimension von LLMs

Was wir bei all dem spannenden technologische Implikationen nicht vergessen dürfen: LLMs sind nicht nur Technologie, sie sind auch inhärent politisch. In einem früheren Kommentar schrieb ich einmal: Sie sind das wichtigste und einflussreichste – kulturelle Exportgut, das eine moderne Nation hervorbringen kann.

Jedes große Sprachmodell transportiert – auch – Werte, Weltanschauungen und ethische Grundsätze. Und dazu braucht keiner der Anbieter mit den Finger zu zeigen, denn das gilt für alle. Der geopolitische Druck auf Unternehmen und auch die EU, eigene Modelle zu entwickeln, wird daher umso mehr steigen.

Altmanns Herausforderung: Der Wandel des Narrativs

Für OpenAI und Sam Altman ergibt sich eine neue Herausforderung: Bisher war ein zentrales Argument für Investoren, dass Transformer-Modelle enorme Rechenleistung benötigten und neben der Logik  die schiere Übermacht an Rechenleistung für die Qualität generativer Modelle sorgen. Wenn DeepSeek zeigt, dass vergleichbare Modelle mit geringeren Kosten trainiert werden können, wird das OpenAI unter Druck setzen, ihr Finanzierungsmodell neu zu rechtfertigen. 

Interessant ist, dass selbst OpenAI-Researcher und Sam Altman die Leistung von DeepSeek auch öffentlich in sozialen Medien anerkennen und das doch sehr zeitnah, noch bevor man sich detailliert mit dem Rivalen beschäftigen konnte. Ob das Narrativ von der notwendigen, exorbitanten Rechenleistung für Top-Modelle aufrechterhalten werden kann, bleibt abzuwarten und besonders spannend. Und einer ist von dieser Markt-Einschätzung besonders betroffen: Branchen-Primus Nvidia. 

Fazit und Ausblick für Europa?

Europa hat hier eine Chance. Der europäische Datenmarkt gilt als qualitativ hochwertig. Intelligente, spezialisierte KI-Lösungen, die mit diesen Daten arbeiten, könnten eine neue Exportgeneration smarter Anwendungen hervorbringen.

KI wird immer mehr zu einem Commodity-Gut und Konkurrenz und Diversifikation ist dabei prinzipiell etwas Positives. Ich spreche dazu in meinen Vorträgen seit vielen Jahren. Die Grenzkosten für Intelligenz werden weiter sinken und die generativen Angebote austauschbar werden.

Der wahre Mehrwert von KI  für Europa wird in spezialisierten B2B-Anwendungen liegen. Die Zeit, in der das Modell selbst das Alleinstellungsmerkmal war, wird sich bald dem Ende neigen. Der Fokus verschiebt sich zunehmend auf belastbare und sichere Anwendungen, die einen messbaren Mehrwert stiften.


Mic Hirschbrich in der brutkasten-Videoserie „No Hype KI“ – Wie verändert künstliche Intelligenz Geschäftsmodelle?

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Impression vom VERBUND Venture Day 2026 | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Impression vom VERBUND Venture Day 2026 | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

„Von der Innovation zur Skalierung und von der Skalierung zu einem stärkeren Europa“ mit diesem einen Satz könne man das große Ziel für den europäischen Energiesektor zusammenfassen, sagt VERBUND-X-Geschäftsführer Franz Zöchbauer in seinen einführenden Worten zum VERBUND Venture Day 2026, der erstmals beim neuen Energy-Launchpad-Partner WU Wien stattfand. „Wir haben die Lösungen, aber es dauert zu lange, bis sie am Markt sind. Wir müssen skalieren, aber kein Player kann das alleine. Es braucht ein Ökosystem und hier zählen die Menschen“, so Zöchbauer.

Franz Zöchbauer | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Franz Zöchbauer | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Die Zusammenarbeit im Ökosystem als Motto beim VERBUND Venture Day ist nicht neu, der Diskurs, in den das Motto dieses Jahr eingebettet ist, durchaus: Auch hier dominiert das große Thema europäische Souveränität. Der Titel des diesjährigen Events lautet „Scaling Beyond Borders“.

10,25 Billionen Euro für die Energiewende

Zöchbauer drückt die Ambition hinter der eingeforderten Skalierung in Zahlen aus: Es brauche Schätzungen zufolge 10,25 Billionen Euro, um das Energiesystem Europas bis 2040 zu transformieren. „Das ist 70 mal das Volumen des Marshallplans oder das Volumen von 25 Jahren globale VC-Investments“, so der VERBUND-X-Geschäftsführer. Es handle sich also um eine epochale Investment-Chance. Doch er erinnert: „Zahlen ändern die Welt nicht. Menschen tun es.“

Achim Kaspar | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Achim Kaspar | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Dabei sei die Energiewende keineswegs nur ein Wunsch, sondern eine Notwendigkeit, betont VERBUND-COO Achim Kaspar in einer Panel-Diskussion unter dem Titel „Owning the Future“: „Wir sind an einem Wendepunkt. Man liest jeden Tag von Problemen beim Transport fossiler Energieträger. Wir müssen auf erneuerbare umsteigen.“ Für VERBUND sei dabei schon lange klar: „Wir wollen nicht das nächste Kodak werden.“

„Es laufen mehrere Energiewenden parallel“

Diese europäische Sicht auf die Energiewende setzt Angela Wilkinson, CEO des World Energy Council, im Panel und bei ihrer Keynote in die globale Perspektive: „Es laufen mehrere Energiewenden parallel. In Europa geht es um den hundertprozentigen Umstieg auf erneuerbare Energieträger. Im nahen Osten etwa geht es um Technologien, um den CO2-Ausstoß auch mit fossilen Energieträgern auf Null zu bringen.“

Angela Wilkinson | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Angela Wilkinson | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Bei der Souveränität gehe es letztlich um die Möglichkeit, sich seine Abhängigkeiten auszusuchen, „nicht um teuren Isolationismus“, meint Wilkinson. Was ihr insgesamt fehle, sei eine kollektive Vision für eine bessere Zukunft. „Wir haben klare Ziele bei der CO2-Reduktion, aber keine gemeinsame positive Perspektive. Wir haben die Energiewende zwar an die Wall Street gebracht, aber nicht auf die Hauptstraße, wo die Menschen sind.“

Konsequenter Fokus auf die Kund:innen

Darum, wie die Transformation direkt zu den Menschen gebracht werden kann, ging es in einem Talk von VERBUND-CEO Michael Strugl und Greg Jackson, Gründer von Octopus Energy. Strugl sieht das britischen Unternehmen dabei als Vorbild: „Octopus ist ein echter Champion, wenn es um Kundenservice geht.“ Als er Jackson zum ersten Mal nach dessen Geschäftsmodell gefragt habe, sei die Antwort denkbar simpel gewesen: „Ich will den Kunden weniger verrechnen.“ Dieser konsequente Fokus auf die Kund:innen sei der Schlüssel, sagt Strugl.

Michael Strugl | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Michael Strugl | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Viele Energieunternehmen würden Kund:innen bisher nur als reine Abnehmer verstehen, meint Jackson. Octopus setze stattdessen auf radikale Vereinfachung und digitale Flexibilität: „Statt schwer lesbarer, regulierter PDFs nutzen wir einfache E-Mails, auf die man direkt antworten kann.“ Diese Kundennähe gepaart mit intelligenter Steuerung – etwa beim Laden von Elektrofahrzeugen – sei der Treiber für das rasante Wachstum des Unternehmens. Für Strugl ist das eine klare Orientierung für die gesamte Branche: „Innovatoren und Disruptoren helfen uns dabei, das gesamte System in ein erneuerbares, dezentrales und digitalisiertes Energiesystem zu verwandeln.“

Tragende Rolle für Gründer:innen – Unis entscheidend

Es sind also nicht nur Politiker:innen und Verantwortliche in Energiekonzernen, sondern auch Gründer:innen, die bei der Energiewende eine tragende Rollen spielen. Hier wiederum sind die Universitäten entscheidende Akteure, wie Franz Zöchbauer am Panel gemeinsam mit WU-Wien-Rektor Rupert Sausgruber und TU-Wien-Rektor Jens Schneider erläutert. „Es gibt im Energiesektor so viel Potenzial, aber man braucht nicht nur viel Geld sondern auch die Ideen“, bringt es Schneider auf den Punkt.

Jens Schneider (l.) und Rubert Sausgruber (r.) | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

„Starke Gründer:innen, aber viele Hindernisse am Weg“

Dass natürlich auch die Politik ihren Beitrag leisten muss, um die Skalierung über die Grenzen hinaus zu ermöglichen, erörtert Startup-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner in ihrer Keynote. Man müsse die Herausforderung angehen, Startups in Europa zu halten. „Wir haben starke Gründer:innen, aber viele Hindernisse am Weg“, sagt Zehetner und spricht nicht nur das bekannte Thema Wachstumskapital, sondern unter anderem auch die Ausgründungsbedingungen für universitäre Spinoffs an.

Elisabeth Zehetner | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Elisabeth Zehetner | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Als konkrete Maßnahmen – teils auf europäischer, teils auf nationaler Ebene – nennt die Staatssekretärin etwa den European Scaleup Fund und den heimischen Dachfonds und die Notwendigkeiten, die europäische Kapitalmarktunion zu stärken und die Mitarbeiter:innenbeteiligung auch durch steuerliche Anreize weiter zu verbessern. Denn letztlich sei das Ziel – ganz getreu dem Motto des Venture Days – klar: „Erfinde dein Produkt hier, bau dein Unternehmen hier und skaliere hier, aber verkaufe dein Produkt in die ganze Welt.“

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