02.11.2023

Daniela Haunstein: „Auch bei den Bewertungskriterien dominiert die Profitabilität“

Interview. Daniela Haunstein ist Managing Director von invest.austria, Österreichs führendem Netzwerk für Investor:innen am vorbörslichen Kapitalmarkt. Im Gespräch mit dem brutkasten gibt sie unter anderem eine Einschätzung, wie sie die künftige Finanzierungslage für Startups einschätzt.
/artikel/daniela-haunstein-invest-austria-interview

Im Feber übernahm Daniela Haunstein die Geschäftsführung der Austrian Angel Investors Association (aaia), die Anfang Mai mit der Austrian Private Equity & Venture Capital Organisation (AVCO) zu invest.austria fusionierte. Im brutkasten-Interview erläutert Haunstein, was sich seit der Fusion beider Organisationen getan hat, wie sie die künftige Finanzierungslage für Startups einschätzt und welche Maßnahmen gesetzt werden, um die heimische Investorenlandschaft künftig weiblicher zu machen.

Zudem sprechen wir mit Haunstein über die invest.austria conference, eine der führenden Veranstaltungen für Angel Investing, Venture Capital & Private Equity. Die Konferenz wird am 7. November 2023 im Apothekertrakt Schönbrunn in Wien stattfinden. Dieses Jahr werden über 400 Vertreter:innen des Ökosystems zusammenkommen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, ihr Wissen auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen. Neben Paneldiskussionen, Fireside Chats & Keynotes, wird auch eine Pitch Session & eine Startup Expo angeboten.


Im Mai 2023 wurde die Fusion von aaia und AVCO zu invest.autria kommuniziert. Was hat sich seit der Fusion in der Organisation getan und was ist bislang die Bilanz?

Als neues Team haben wir gut zusammengefunden und es war für uns alle aufgrund der zahlreichen Events, Academies und jetzt der großen invest.austria conference mitunter sehr zeitintensiv. Wichtig ist für uns heuer, dass möglichst alle Mitglieder der ursprünglichen Vereine aaia und AVCO jetzt Mitglied bei invest.austria werden. Wir sind ein gemeinnütziger Verein, wir leben von den Mitgliedsbeiträgen und Sponsoren und können unsere Aktivitäten und Anliegen mit entsprechender Kraft nur durchführen, wenn wir auch genügend finanzielle Mittel und aktive Mitglieder haben. Durch die breitere Ausrichtung konnten wir aber auch schon neue Mitglieder gewinnen, die sich bisher nicht angesprochen gefühlt hatten. Die direkten Benefits zeigen sich bei unseren Networking-Events und es ist schön zu beobachten, wie sehr sich die Gruppen immer mehr und mehr vermengen.

Ende Mai wurde das Startup-Paket der Regierung vorgestellt. Nun liegt es im Nationalrat zur Beschlussfassung. Wie bewertet invest.austria das Paket?

Invest.austria begrüßt das Paket und hofft, dass damit zwei langjährige Forderungen zeitnah beschlossen und umgesetzt werden. Die Mitarbeiter:innenbeteiligung ist vor allem bei derzeit knappem Kapital und Mangel an Spitzenarbeitskräften für die Startups essentiell und die FlexCo soll mehr Flexibilität und weniger Bürokratie bringen. Natürlich hätten wir uns in einigen Punkten mehr gewünscht und haben daher mit unseren Tax&Legal-Experten eine Stellungnahme mit Verbesserungsvorschlägen ausgearbeitet und eingebracht. 

Welche Maßnahmen müssten aus deiner Sicht von der Regierung noch gesetzt werden, um den vorbörslichen Kapitalmarkt zu stärken?

Um in Österreich vorhandenes Kapital, das derzeit in anderen Assetklassen veranlagt wird, zu mobilisieren, bedarf es Anreize nach internationalem Vorbild. Unser Vorschlag wäre ein Beteiligungsfreibetrag, bei dem Privatpersonen Investitionen in heimische Unternehmen, steuerlich geltend machen können (z.B. 100.000 Euro,- verteilt über fünf Jahre).

Das Aufsetzen eines Dachfonds wäre ein wichtiges Instrument für institutionelle Investoren (Banken, Versicherungen, Pensionskassen und Stiftungen). Er würde die Verfügbarkeit von Eigenkapital für Unternehmen verbessern und darüber hinaus die heimische Venture-Capital- und Private-Equity-Szene beleben.

Derzeit erleben wir eine sehr stark eingetrübte Finanzierungslage für Startups. Wie schätzt du die weitere Entwicklung für 2024 ein?

Aufgrund der multiplen Krisen, mit denen wir momentan weltweit konfrontiert sind, wird sich die Lage sicherlich nicht rasch verändern, obwohl es durchaus auch Anzeichen gibt, dass wir die Talsohle bereits überschritten hätten. Das Niveau wird sich aber eher im Bereich von 2019/2020 befinden als im Peak-Bereich von 2021/2022.

Für Startup-Gründer:innen ist es schwieriger geworden, Kapital zu raisen und gleichzeitig sinken die Bewertungen. Ergeben sich hier für Investor:innen neue Chancen?

Einige der aktuell größten Unternehmen sind in Krisen entstanden, und auch die technologische Entwicklung schreitet unabhängig davon voran und auch die Klimakrise ruft nach neuen Lösungen. Wenn man liquide ist, bieten sich definitiv gute Chancen, aber man muss auch durchaus aktiv sein, um an einen interessanten Dealflow heranzukommen. 

Viele Startup-Founder:innnen versuchen nun ihre Geschäftsmodelle und Wachstumsambitionen der aktuellen Finanzierungslage anzupassen. Hoch im Kurs steht nun der sogenannte „Path to Profitability“. Erleben wir hier gerade in der Szene eine Zeitenwende?

Momentan sicher, denn bei der aktuellen Finanzierungslage ist ein reiner Wachstumskurs sicherlich sehr schwierig umzusetzen, da gerade für die späteren Finanzierungsphasen die großen Venture-Fonds rar sind. Auch bei den Bewertungskriterien dominiert die Profitabilität, das heißt Wachstum plus Free-Cashflow-Verhältnis.

Mit ChatGPT & Co ist KI letztes Jahr endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zugleich versuchen viele Startups KI auf ihre Fahnen zu schreiben. Wie stark ist die Gefahr, dass wir hier eine Bubble-Bildung erleben, die eventuell platzen könnte?

KI ist definitiv in ganz vielen Lebensbereichen angekommen und es gibt derzeit kaum ein Pitchdeck ohne KI. Man wird sich aber mit dem EU AI Act und Trustworthy AI beschäftigen müssen. Um mehr Informationen und Insights zu diesem Thema zu bekommen, freue ich mich schon auf das Expertenpanel bei unserer Conference, zu dem wir auch den Wissenschaftler Johannes Brandstetter eingeladen haben. Vielleicht können wir danach die Frage mit der Bubble beantworten.

Die Business Angel-Szene ist noch immer sehr männlich dominiert. Welche Initiativen setzt invest.austria, um künftig Frauen in der Szene zu stärken?

Wir haben gerade unsere zweite Digital Investors Academy – Female Edition abgeschlossen. Wir wollen Frauen damit die Möglichkeit geben, sich bei interaktiven Workshops mit Expertinnen weiterzubilden und offen auszutauschen. Erfahrene Investorinnen stehen den Teilnehmerinnen als Mentorinnen zur Verfügung und wir haben das Programm mit persönlichen Meetings und dem Besuch unserer Conference abgerundet . Geplant sind auch Alumnae-Treffen und wir sind auch im internationalen Austausch mit dem European Business Angels Network EBAN, deren Anliegen es ist, den Anteil der weiblichen Investorinnen bis 2030 zu verdreifachen. 

Ich bin sicher, dass wir noch ganz viele verborgene female Angels haben, die nicht nur monetär sondern auch mit ihrer Expertise und persönlichen Erfahrung den Gründer:innen eine wertvolle Unterstützung sein können. 

Was tut sich derzeit in deinem eigenen Portfolio?

Mein Portfolio hat die Krise bis jetzt ohne gröbere Schäden überstanden und finabro ist auf Expansionskurs in Deutschland. Neuinvestments habe ich zuletzt nur in Venture-Fonds getätigt.

Am kommenden Dienstag (7. November) wird die invest.austria Konferenz über die Bühne gehen. Was darf man sich erwarten?

Am 7. November findet die Conference im historischen Apothekertrakt Schönbrunn in Wien statt. Sie dient nicht nur der Vernetzung von Investor:innen und der Förderung gemeinsamer Investitionen, sondern hat auch durch inspirierende Vorträge und Panel-Diskussionen das Ziel des Wissenstransfers. Die Hauptthemen dabei sind: 

Der Weg zur Klimaneutralität: Im Zeitalter des Klimawandels werden innovative Technologien und eine koordinierte politische Strategie als Schlüsselkomponenten für den Übergang zur Klimaneutralität betrachtet. Diese Diskussion wird ein umfassendes Verständnis für das aktuelle Klimaszenario und die Bedingungen vermitteln, unter denen nachhaltige Finanzierungen eine wesentliche Rolle spielen werden.

Investitionen in High-Tech-Bereiche: Investitionen in Bereiche wie Deep Tech und Quantentechnologien erfordern Weitsicht und ein tiefes Verständnis der zugrunde liegenden Wissenschaft und ihres Marktpotenzials. Namhafte Branchenexpert:innen werden Strategien zur Evaluierung und Investition in diese komplexen Sektoren erörtern.

Die transformative Kraft der künstlichen Intelligenz: Die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auf Wirtschaft und Gesellschaft werden intensiv beleuchtet. Expert:innen werden das transformative Potenzial der KI erforschen und insbesondere die Chancen und Herausforderungen für Investor:innen in diesem Bereich analysieren. Beleuchtet wird auch, welche Folgen der geplante europäische AI Act für Unternehmen in diesem Bereich haben wird.

Europäische Investitionslandschaft im Wandel: Die Konferenz wird auch die sich wandelnden Investitionsbedingungen in Europa angesichts von Inflation und steigenden Zinsen reflektieren. Die Sicherung kurzfristiger Liquidität für wachstumsorientierte Unternehmen wird anspruchsvoller, und Investmentmöglichkeiten in aufstrebenden Märkten in Asien und Afrika werden näher beleuchtet. Die Bedeutung der Beziehung zwischen Startups und Investor:innen, die über finanzielle Unterstützung hinausgeht, wird besonders betont.

Private Equity als Treiber für Innovation und Wachstum: Auf der Konferenz stehen nicht nur die Veränderungen in den Beziehungen zwischen Limited Partners (LPs) und General Partners (GPs) im Fokus, sondern auch die Frage, wie ein erfolgreicher Privatkapitalmarkt gestaltet werden kann. Die Maßnahmen, die in Österreich noch ergriffen werden müssen, können anhand von bewährten Methoden, die in anderen Ländern in Europa bereits eingeführt wurden, hervorgehoben werden. Dabei wird sowohl das bisher ungenutzte Potenzial für Spätphaseninvestitionen in Österreich beleuchtet, als auch die Förderung von Talenten und Fähigkeiten, die mit der Stärkung der Rolle des privaten Kapitals einhergeht.

Mich freut besonders, dass wir so zahlreiche hochkarätige Speaker für unser Event gewinnen konnten und wir erwarten einen intensiven Austausch mit den heimischen Investor:innen.


Deine ungelesenen Artikel:
29.07.2026

Wenn die KI das Experiment plant: Zu Besuch im Labor, das sich selbst steuert

Auf dem Campus Hönggerberg der ETH Zürich arbeiten Roboter und Künstliche Intelligenz zusammen: Eine Software des schweizerisch-amerikanischen Startups Atinary entwirft die Experimente, Roboter in den Laboren von SwissCAT+ an der ETH Zürich führen sie aus, rund um die Uhr. brutkasten war vor Ort und hat mit Atinary-Mitgründer und CTO Loïc Roch sowie Christoph Schnidrig, Head of Technology bei Amazon Web Services Schweiz, über den beschleunigten Forschungsbetrieb gesprochen. Und darüber, warum die größte Hürde nicht die Technologie ist.
/artikel/wenn-die-ki-das-experiment-plant-zu-besuch-im-labor-das-sich-selbst-steuert
29.07.2026

Wenn die KI das Experiment plant: Zu Besuch im Labor, das sich selbst steuert

Auf dem Campus Hönggerberg der ETH Zürich arbeiten Roboter und Künstliche Intelligenz zusammen: Eine Software des schweizerisch-amerikanischen Startups Atinary entwirft die Experimente, Roboter in den Laboren von SwissCAT+ an der ETH Zürich führen sie aus, rund um die Uhr. brutkasten war vor Ort und hat mit Atinary-Mitgründer und CTO Loïc Roch sowie Christoph Schnidrig, Head of Technology bei Amazon Web Services Schweiz, über den beschleunigten Forschungsbetrieb gesprochen. Und darüber, warum die größte Hürde nicht die Technologie ist.
/artikel/wenn-die-ki-das-experiment-plant-zu-besuch-im-labor-das-sich-selbst-steuert
Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, in den SwissCAT+-Laboren am Campus Hönggerberg | (c) Martin Pacher

Wer auf den Hönggerberg im Norden Zürichs fährt, lässt die Stadt hinter sich. Der zweite Campus der ETH, entstanden ab 1961, liegt in ländlicher Umgebung, hier sind unter anderem die Departemente für Chemie, Physik und Materialwissenschaft zu Hause. Und hier, in den SwissCAT+-Laboren der Hochschule, lässt sich derzeit besichtigen, wie Forschung aussehen könnte, wenn nicht mehr der Mensch jeden einzelnen Handgriff macht.

In diesen Laboren übernehmen Roboter die Arbeit, die sonst Forschende beschäftigt: Sie hantieren mit Flüssigkeiten und Pulvern, bereiten Proben vor, testen sie und messen laufend die Ergebnisse. Das Bemerkenswerte daran ist aber nicht die Automatisierung selbst, sondern wer die Versuche plant: eine Künstliche Intelligenz. Die Software stammt vom Startup Atinary, das an der ETH keinen eigenen Standort hat, sondern mit der Technologieplattform SwissCAT+ zusammenarbeitet. Sie schlägt vor, welches Experiment als nächstes sinnvoll ist, lernt aus jedem Ergebnis und berechnet daraus den nächsten Schritt. Dieser Kreislauf läuft rund um die Uhr, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.

„Ein Labor ist eine große Küche“

Wie soll man sich das vorstellen? Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, greift im Gespräch mit brutkasten zu einem Alltagsbild: „Am Ende ist ein Labor eine große Küche. Wir liefern die Rezepte. Wir nutzen KI, um Rezepte zu erzeugen, die dann im Labor getestet werden.“ Das Ziel: möglichst schnell zum besten Rezept kommen. Denn jeder einzelne Versuch kostet Zeit, Material und Geld. Wer statt tausender Versuche nur ein paar Dutzend braucht, spart enorm.

Genau darauf ist die Software ausgelegt. Statt sich blind durch unzählige mögliche Kombinationen zu probieren, lernt das System mit jedem Experiment dazu und empfiehlt gezielt die vielversprechendsten nächsten Schritte. „Self-Driving Labs“ nennt Atinary das Prinzip, selbstfahrende Labore. Den Begriff hat sich das 2019 gegründete Unternehmen sogar markenrechtlich schützen lassen.

Loïc Roch, Co-founder und CTO von Atinary | (c) Martin Pacher / brutkasten

Den Bedarf für solche Werkzeuge begründet Roch mit einem unbequemen Befund: Forschung wird immer teurer und langsamer, es braucht immer mehr Zeit und Geld, bis Neues gefunden ist. Dazu kommt eine handfeste Vertrauenskrise: Roch verweist auf eine vielzitierte Befragung von rund 1.500 Forschenden, wonach ein Großteil daran scheitert, Experimente zu wiederholen, in der Chemie sind die Quoten besonders hoch. Das ist nicht nur für die Wissenschaft ein Problem: Ohne verlässliche Daten lässt sich auch keine verlässliche KI trainieren.

100 Jahre Forschung in sechs Wochen

Was das System kann, zeigt das Vorzeigeprojekt direkt vor Ort. Gemeinsam mit dem SwissCAT+-Team suchte Atinary nach dem besten Katalysator, also jenem Hilfsstoff, mit dem sich das Treibhausgas CO₂ in Methanol umwandeln lässt, einen Ausgangsstoff für nachhaltige Treibstoffe. Laut Atinary kamen dafür mehr als 20 Millionen mögliche Kombinationen infrage. Das Ergebnis wurde in einem Fachjournal publiziert: In sechs Wochen wurden 144 Katalysator-Kandidaten hergestellt und getestet, mit minimalem menschlichem Zutun. Die Zahl, mit der Atinary seither wirbt, ist eindrucksvoll: eine 1000-fache Beschleunigung, umgerechnet 100 Jahre Katalyse-Forschung in nur sechs Wochen. SwissCAT+-Chef Paco Laveille, der die Umsetzung an der ETH verantwortet, bestätigt beim Besuch die Größenordnung: von Jahren an Forschung hinunter zu Wochen.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Beim konkreten Nutzen für Firmenkunden hält sich Roch hingegen zurück, aus einem strukturellen Grund: „Wir sind ein Dienstleister. Wir sehen den generierten Mehrwert nicht, und die Kunden wollen ihn nicht teilen.“ Das habe auch mit Sicherheitsanforderungen zu tun, ergänzt das Unternehmen: Angaben zum erzielten Return on Investment erhalte Atinary dann, wenn Kunden sie von sich aus teilen — teils münde das in gemeinsame Publikationen.

Die einzige konkrete Zahl, die er im Gespräch nennt, stammt aus einer gemeinsamen Publikation mit dem Aromen- und Duftstoffkonzern dsm-firmenich: Dort konnte der Einsatz eines teuren Edelmetalls so stark reduziert werden, dass dessen Kostenanteil um rund 95 Prozent sank. Es sei nicht die einzige gemeinsame Veröffentlichung mit Kunden, betont das Unternehmen — weitere gebe es etwa mit dem Pharmakonzern Takeda.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Auch ein aktueller gemeinsamer Blogbeitrag von AWS und Atinary liefert Anhaltspunkte. Ein Manager von Takeda wird dort mit der Aussage zitiert, eine Optimierung habe mit dem selbstfahrenden Ansatz rund eine Woche gedauert, verglichen mit ein bis zwei Monaten auf dem herkömmlichen Weg. Am MIT wiederum löste ein Forschungsteam mit der Software eine knifflige Aufgabe aus der Solarzellenforschung in nur 25 Versuchen, innerhalb einer strikten Frist von vier Wochen. Und über das eigene Labor, das Atinary heuer in Boston eröffnet hat, heißt es: Es erzeuge in einer Woche mehr Versuchsdaten, als ein Doktorand in fünf Jahren produziert.

Bezahlter Pilot, Lizenz pro Arbeitsplatz

Wirtschaftlich steht Atinary noch am Anfang. Das Unternehmen befindet sich in der Seed-Phase, öffentlich auffindbar sind laut Roch rund zehn Millionen an bisheriger Finanzierung, eingesammelt über Venture Capital, Family Offices und Förderungen. Als Nächstes peilt er eine Series A an. Das Wachstumskapital dafür werde voraussichtlich aus den USA kommen: „Der Ansatz ist in Europa und den USA sehr unterschiedlich.“

Paco Laveille, Managing Director, SwissCAT+ East, ETH Zurich | (c) Martin Pacher / brutkasten

Verdient wird über Software-Lizenzen, abgerechnet pro Arbeitsplatz. Am Anfang steht ein dreimonatiger, bewusst kostenpflichtiger Testlauf. „Wenn der Pilot nicht bezahlt ist, stecken die Kunden nicht die Ressourcen hinein, um ihn richtig zu testen“, sagt Roch. Dass er mit diesem Modell Geld liegen lässt, räumt er offen ein: Eine Beteiligung am geschaffenen Wert wäre lukrativer, scheitert aber daran, dass die Kunden diesen Wert eben nicht offenlegen.

Die Kundschaft kommt bisher vor allem aus der Pharmabranche, die laut Roch am ehesten bereit ist, Neues zu riskieren; der Rest der Industrie folge dann. Einsatzfelder gibt es aber quer durch: Lebensmittel, Duftstoffe, Materialforschung, grüne Energie, und gemeinsam mit Stanford sogar Zelltherapien gegen Krebs. Umsatz machen vor allem Konzerne. Mit Universitäten arbeitet Atinary eng zusammen, weil sich dort Ergebnisse veröffentlichen lassen, sie werden so zu Botschaftern der Technologie. Auch KMU zählen zu den Kunden, das jüngste sei erst vor wenigen Tagen dazugekommen. Die Arbeitsteilung im Unternehmen: Das Entwicklerteam sitzt bei Roch in Lausanne, das eigene Labor steht in Boston, dort, wo die großen Pharma-Forschungszentren angesiedelt sind.

„Fast jeden zweiten Tag ein neues Startup“

Beim Thema Konkurrenz wird Roch deutlich: Der Bereich „AI for Science“ ziehe derzeit massiv Gründungen an, fast jeden zweiten Tag komme ein neues Startup dazu. Gefährlich sei daran vor allem eines: Mit den heutigen KI-Werkzeugen lasse sich sehr schnell ein beeindruckender Prototyp bauen, der Kunden begeistert. „Unter der Haube ist das aber kein produktionsreifer Code, der bei einem Großunternehmen laufen kann.“ Atinary sieht er im Vorteil, weil man seit 2019 das gesamte Paket aufgebaut habe: die Anbindung an die Laborgeräte, das eigene KI-Training, die Anwendungen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit durch den eigenen Beirat. Dazu kommt laut Unternehmen ein Netzwerk an Technologiepartnern, darunter AWS, ABB Robotics, Agilent, Bruker, Chemspeed und Mettler-Toledo. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt unter anderem der MIT-Chemiker Stephen Buchwald — im Bostoner Labor optimiert Atinary nach eigenen Angaben ausgerechnet die nach ihm benannte Buchwald-Hartwig-Reaktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zugleich beobachtet er seit heuer einen Umschwung im Markt: Kunden dächten zunehmend in einer Wettlauf-Logik. Wer die Technologie nicht als Erster einsetze, riskiere, dass es die Konkurrenz tut. Und wenn diese in Wochen schafft, wofür man selbst Jahre braucht, sei der Rückstand kaum aufzuholen.

Die größte Hürde ist der Mensch

Und was bremst die Verbreitung? Nicht die Technik, sagt Roch, sondern der Mensch. „Der Wissenschaftler im Labor ist oft seit 15, 20 Jahren dort. Wenn man ihm sagt: Wir können deine Forschung um den Faktor zehn oder hundert beschleunigen, sagt er: Nein. Ich kenne mein Fach besser als irgendein Algorithmus.“ Es sei dabei weniger mangelndes Vertrauen, die Technologie werde schlicht als Bedrohung für den eigenen Job empfunden. Christoph Schnidrig von AWS ergänzt: Dieses Muster kenne man von jeder Technologiewelle, von der Einführung der Cloud bis zur KI in der Softwareentwicklung. Rochs Haltung dazu: Jobs würden sich verändern, aber nicht verschwinden. „Am Ende ist es ein Werkzeug. Der Mensch bleibt am Steuer.“

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zum Vertrauen gehört auch die Datenfrage, schließlich legen die Kunden ihr wertvollstes Gut, ihre Forschungsdaten, in die Plattform. Die läuft vollständig auf der Cloud von AWS. Roch verweist auf Prüfungen, Audits und Sicherheitstests; personenbezogene Daten würden praktisch keine gespeichert, schon gar keine Patientendaten, dafür sei man in der Forschung viel zu früh angesetzt. Auch deshalb sieht er im EU AI Act derzeit kein Hindernis: In Kundengesprächen sei die Regulierung bislang schlicht kein Thema gewesen.

Auszeichnung vom Weltwirtschaftsforum

Während brutkasten mit Roch in Zürich spricht, befindet sich sein Mitgründer, CEO Hermann Tribukait, gerade im chinesischen Dalian, um dort den Technology-Pioneer-Award des Weltwirtschaftsforums entgegenzunehmen. Zu den früheren Preisträgern der Auszeichnung zählen Roch zufolge Namen wie Google, Dropbox und Airbnb. Preisgeld gibt es keines, der Wert liege im Zugang zum Netzwerk des Forums und zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen. Kunden in China hat Atinary übrigens keine, und das dürfte vorerst so bleiben: Als in den USA registriertes Unternehmen sei das Geschäft mit chinesischen Firmen „wegen der Geopolitik sehr heikel“.

Gefragt nach dem Blick fünf Jahre voraus, skizziert Roch eine Vision, die er ausgerechnet am Vorbild seines Cloud-Partners entwirft: Labore, die wie Rechenleistung aus der Cloud abrufbar sind, weltweit vernetzt, mit einer übergeordneten KI, die Erkenntnisse zwischen Forschungszentren auf verschiedenen Kontinenten austauscht.

Den Antrieb dahinter beschreibt er ganz persönlich: Er und seine Mitgründer seien Naturliebhaber, und die Energiewende brauche schnellere Forschung. „Der Planet kann nicht noch ein Jahrzehnt warten, bis wir Lösungen finden.“ Sein Befund nach sieben Jahren: „R&D ist heute noch zu langsam.“


Disclaimer: Die Reise- und Übernachtungskosten wurden von Amazon Web Services übernommen.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Daniela Haunstein: „Auch bei den Bewertungskriterien dominiert die Profitabilität“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Daniela Haunstein: „Auch bei den Bewertungskriterien dominiert die Profitabilität“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Daniela Haunstein: „Auch bei den Bewertungskriterien dominiert die Profitabilität“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Daniela Haunstein: „Auch bei den Bewertungskriterien dominiert die Profitabilität“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Daniela Haunstein: „Auch bei den Bewertungskriterien dominiert die Profitabilität“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Daniela Haunstein: „Auch bei den Bewertungskriterien dominiert die Profitabilität“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Daniela Haunstein: „Auch bei den Bewertungskriterien dominiert die Profitabilität“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Daniela Haunstein: „Auch bei den Bewertungskriterien dominiert die Profitabilität“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Daniela Haunstein: „Auch bei den Bewertungskriterien dominiert die Profitabilität“