25.02.2022

Crypto Weekly #46: Hohe Unsicherheit – wie geht es weiter am Kryptomarkt?

Nach Russlands Einmarsch in der Ukraine gerieten die Kurse stark unter Druck - stiegen dann aber wieder an. Außerdem diese Woche: Ein 1 Mrd. Dollar schwerer LUNA-Token-Sale. Was steckt hinter den neuen Enthüllungen zum DAO-Hack? Und gleich zwei größere News von Bitpanda.
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Bitcoin

Im brutkasten Crypto Weekly, das hier per Mail abonniert werden kann, blicken wir jeden Freitag auf die wichtigsten Kursbewegungen und Nachrichten der Krypto-Woche zurück. Wie immer starten wir auch Ausgabe 46 mit einem Blick auf…


…die Kurstafel:

  • Bitcoin: 39.300 US-Dollar (-3 % gegenüber Freitagnachmittag der Vorwoche)
  • Ethereum: 2.700 Dollar (-7 %)
  • Binance Coin: 370 Dollar (-9 %)
  • Cardano: 0,9 Dollar (-15 %)
  • Solana (SOL): 90 Dollar (-4 %)
  • Polkadot (DOT): 16 Dollar (-10 %)
  • Terra (LUNA): 67 Dollar (+32 %)

Kryptomarkt gibt nach russischem Einmarsch in die Ukraine deutlich nach – und steigt dann wieder

Die Fakten: Gleich vorweg: Diese Woche hat uns wieder einmal drastisch vor Augen geführt, dass es Dinge gibt, die deutlich wichtiger sind als irgendwelche Kursbewegungen. Der Krieg in der Ukraine hat massive Auswirkungen – und jene auf die Finanzmärkte gehören dabei zu den unwichtigsten. Dennoch: Der Konflikt war diese Woche das bestimmende Thema am Kryptomarkt wie auch an den traditionellen Finanzmärkten. An den europäischen Aktienmärkten ging es am Donnerstag in der Früh rasant nach unten. Der russische Aktienmarkt brach zwischenzeitlich um rund 50 Prozent ein. In Westeuropa gaben die größten Indizes um rund 5 Prozent nach. Die Investoren stießen alles ab, was irgendwie risikobehaftet wahrgenommen wurde. Und das wirkte sich auch am Kryptomarkt aus.

Der Kontext: Bitcoin und andere Kryptowährungen werden, das haben die vergangenen Wochen immer und immer wieder gezeigt, am Markt weiterhin als “Risk Assets” gehandelt, die in “Risk off”-Phasen stark abverkauft werden. Genau so war es auch diesmal: Bitcoin sank zwischenzeitlich bis auf unter 34.500 Dollar. Was, um dies einzuordnen, der niedrigste Stand seit rund vier Wochen war. Nicht gut, klar, aber alles andere als ein völliger Kollaps. Auch andere Kryptowährungen gaben deutlich nach. Gefragt waren dagegen “sichere Häfen” wie etwa Gold.

Für alle, die zuletzt den Markt verfolgt haben, war dies nicht überraschend: Die hohe Korrelation des Kryptomarkts mit dem US-Aktienmarkt und insbesondere mit der Nasdaq war in den vergangenen Wochen immer wieder eindeutig zu beobachten. Berechnungen des Analyseunternehmens CryptoQuant zufolge hat sie diese Woche sogar ein Allzeithoch erreicht. Und nachdem der Kryptomarkt in den vergangenen Wochen immer deutlich nachgab, sobald die Zeichen an den Finanzmärkten auf “risk off” standen, lag es auf der Hand, dass es auch diesmal so sein würde.

Etwas anderes war da schon überraschender: Am Abend holte der Kryptomarkt seine Verluste wieder auf – und legte schließlich sogar deutlich zu. Obwohl es in der Ukraine keinerlei Anzeichen für Entspannung gab. Am Freitag stand der Bitcoin-Kurs zuletzt höher als vor dem russischen Einmarsch. Was war der Hintergrund? Auch hier gilt: Diese Bewegung muss im größeren Kontext gesehen werden. Denn zuvor drehte auch die Nasdaq ins Plus, später auch die anderen großen US-Aktienindizes (wenn auch nicht ganz so stark). Der Goldpreis wiederum gab seine Gewinne ab. Ein Muster, das auf “risk on” hindeutet. Was zunächst etwas rätselhaft erschien.

Manche Beobachter begannen sogleich Gründe zu suchen: Vielleicht war es die Erleichterung, dass die am Abend von US-Präsident Joe Biden verkündeten Sanktionen – und damit ihre Auswirkungen auf die Weltwirtschaft – nicht so drastisch ausfielen wie von manchen erwartet. Andere argumentierten, dass aufgrund der hohen Unsicherheit die US-Notenbank nun ihre Geldpolitik nicht so rasch straffen würde können wie bisher angenommen – was wiederum gut für den Aktienmarkt und für “risk assets” generell sei. In Wahrheit ist das aber alles müßig.

An den Finanzmärkten folgt das Narrativ häufig dem Preis – und nicht umgekehrt. Anders formuliert: Man findet im Nachhinein Gründe für Kursbewegungen, die schon stattgefunden haben, und rationalisiert sie damit. In Situationen hoher Unsicherheit ist es aber durchaus normal, dass die Kurse in die eine wie auch in die andere Richtung schwanken können. 

Nach dem Ausbruch von Covid-19 in China schwankten die Finanzmärkte im Jänner und Februar 2020 ständig zwischen “halber Weltuntergang” und “so schlimm wird es nicht”. Zwischen Panik und FOMO (Fear of Missing Out). Zwischen der Suche nach sicheren Häfen und “Buy the dip”. Die meisten Trader sind keine Virologinnen oder Geopolitik-Experten – und selbst wenn sie es wären, wäre unklar, ob ihnen das helfen würde. Die banale Realität ist: Man weiß in solchen Situationen einfach nicht besonders viel. Und das gilt ebenso für die Kursentwicklung. Wie es jetzt am Markt weitergeht, weiß niemand. 

LUNA: Token Sale bringt 1 Mrd. Dollar ein

Die Fakten: Gegen den Trend sehr stark verliefen die vergangenen sieben Tage für den LUNA-Token. Hintergrund ist hier ein Investment – und zwar ein massiver Token Sale im Terra-Ökosystem. Die erst im Jänner aufgesetzte Non-Profit Organisation Luna Foundation Guard (LFG) gab diese Woche bekannt, LUNA-Token im Wert von 1 Mrd. US-Dollar “over the counter”, also außerbörslich, an Investoren verkauft zu haben. Angeführt wurde das Investment von Jump Capital und Three Arrows Capital. Die Einnahmen sollen genutzt werden, um eine Bitcoin-Reserve für die Deckung von UST, dem größten Stablecoin des Terra-Ökosystems, aufzubauen.

Der Kontext: Stablecoins sind aktuell stark nachgefragt – wohl auch wegen der schwierigen Situation am Markt in den vergangenen Wochen. Erst in der Vorwoche hatte Circle, das Unternehmen hinter dem aktuell zweitgrößten Stablecoin USDC, mitgeteilt, seine Firmenbewertung seit vergangenem Sommer auf 9 Mrd. Dollar verdoppelt zu haben.

Im Gegensatz zu USDC und auch zu dessen größeren, umstrittenen Konkurrenten USDT (Tether) handelt es sich beim Terra-Stablecoin UST jedoch um einen sogenannten algorithmischen Stablecoin. Beide Formen von Stablecoins sind 1:1 an eine Fiatwährung, in diesen Fällen an den US-Dollar, gekoppelt. 

Während USDC und USDT jedoch von Unternehmen gemanagt werden und den Anspruch stellen, mit Dollar oder ähnlichen Reserven hinterlegt zu sein, wird soll die Koppelung von algorithmischen Stablecoins über das jeweilige Protokoll sichergestellt werden. Wenn User etwa UST – oder andere Terra-basierte Stablecoins minten, müssen im Gegenzug LUNA-Token vernichtet werden. Die Bitcoin-Reserve, die nun aufgebaut werden soll, ist dazu gedacht, einen weitere Sicherheitsebene einzubauen, um die Koppelung auch in schwierigen Situationen aufrecht erhalten zu können. 

Ist der Urheber des DAO-Hacks gefunden?

Die Fakten: Der DAO-Hack im Jahr 2016 ist einer der bekanntesten und wohl auch einer der spektakulärsten Hacks in der Krypto-Geschichte. Aktuell sind DAOs (Decentralized Autonomous Organizations) ja wieder im Trend. Neu sind sie aber nicht – und einer hat die Geschichte von Ethereum besonders geprägt. “The DAO” ging im April 2016 nach einem Token-Sale live. Er war als eine Art Venture-Capital-Fonds gedacht, der von den DAO-Mitgliedern gesteuert wird. Schon im Juni 2016 wurde jedoch eine Schwachstelle im Code ausgenutzt und rund 3,6 Mio. Ether entwendet. Zum damaligen Zeitpunkt hatten diese einen Gegenwert von rund 55 Mio. Dollar und entsprachen 5 Prozent aller im Umlauf befindlichen Ether-Token.

Der oder die Urheber konnten nie ausfindig gemacht werden. Nun will aber die US-Journalistin Laura Shin den Hacker gefunden haben. In ihrem neuen Buch “The Cryptopians: Idealism, Greed, Lies, and the Making of the First Big Cryptocurrency Craze” will sie den österreichischen Programmierer Toby Hönisch als Verantwortlichen ausgemacht haben. Der dementiert die Vorwürfe. Es gibt derzeit auch keine Ermittlungen oder gar eine Anklage gegen ihn.

Hönisch ist in Österreich vor allem als Cofounder des Krypto-Startups TenX bekannt. Dieses hatte er unter anderem mit dem in der Krypto-Szene durchaus umstrittenen Julian Hosp gegründet, mit dem er sich allerdings überwarf und der dann auch aus dem Unternehmen ausschied.

Der Kontext: Der DAO-Hack ist definitiv in die Krypto-Geschichte eingegangen – immerhin führte er zur umstrittenen Entscheidung, die entwendeten Token mittels eines “Hard Forks” der Ethereum-Blockchain wiederherzustellen. Der DAO verschwand so de facto von der nun als Ethereum-Blockchain geltenden neuen Chain. Die ursprüngliche Blockchain blieb jedoch als “Ethereum Classic” bestehen – und auf dieser blieb der Hacker im Besitz der Token.

Der ehemalige Bloomberg-Journalist Matthew Leising hat ein ganzes Buch über den Hack geschrieben. Auch er versuchte in seinen Recherchen den Hacker ausfindig zu machen, blieb trotz einiger vermeintlich heißer Spuren schließlich jedoch erfolglos (das Buch ist dennoch lesenswert). Der von Shin nun als Verantwortlicher ausgemachte Hönisch wird darin übrigens nicht erwähnt.

Für die Recherchen, die Shin und ihre Quellen durchführten, wurde nach Angaben der Journalistin ein neues Forensik-Tool der Datenanalyse-Firma Chainalysis eingesetzt. Mit diesem sei es möglich gewesen, Transaktionen nachzuvollziehen, die über das Bitcoin-Mixing-Service CoinJoin der Wasabi Wallet durchgeführt worden sind. Dieses dient natürlich genau dazu, eine solche Nachvollziehbarkeit zu verhindern. Wie dies dennoch möglich war, ist derzeit unklar. Einen interessanten Artikel, der versucht hat, dies aufklären, gibt es bei The Block. Mit dem Tool von Chainalysis ließ sich laut Shin nachvollziehen, dass die Token in weiterer Folge an vier Börsen gesendet wurden. Hier wäre man nun angestanden – allerdings bestätigte ein Mitarbeiter einer dieser Börsen gegenüber einem Informanten von Shin (nicht gegenüber Shin selbst!), dass die Token dann an einen Node der Privacy-Coin Grin weitergesendet wurden, der mit Hönisch assoziiert sei. 

Der langen Rede kurzer Sinn: Nachprüfen lassen sich Shins Rechercheergebnisse von außen nicht. Shin behandelt seit 2013 als Reporterin und später auch als Podcasterin Bitcoin und Krypto-Themen. Bei Forbes war sie eigenen Angaben zufolge die erste Reporterin bei einem US-Mainstream-Medium, die ausschließlich über Kryptowährungen berichtete. Sie gilt grundsätzlich als seriöse Journalistin. Ob man den Recherchenergebnissen vertraut, muss natürlich jeder selbst für sich entscheiden.

Bitpanda übernimmt britisches Startup und könnte an Kooperation mit N26 arbeiten

Die Fakten: Gleich zwei größere News gab es diese Woche von Bitpanda. Am Dienstag wurde bekannt, dass das Wiener Trading-Fintech das britische Startup Trustology übernimmt. Das Unternehmen mit Sitz in London ist auf Verwahrungslösungen im Krypto- und Decentralized-Finance-Bereich spezialisiert. Bitpanda soll dafür laut The Block einen “signifikanten” zweistelligen Dollar-Millionenbetrag hingelegt haben. Trustology wird nun in “Bitpanda Custody” umbenannt. 

Bereits einen Tag zuvor hatten FinanceForward und Finanz-Szene.de berichtet, dass die Neobank N26 bei ihrem geplanten Krypto-Angebot mit Bitpanda zusammenarbeiten werde. Die beiden Finanzmedien beriefen sich dabei auf Insider, N26 und Bitpanda wollten die Informationen weder bestätigen noch dementieren.

Der Kontext: Dass N26 ein Kryptoangebot für seine Kundinnen und Kunden plant, ist schon länger bekannt. Bitpanda wiederum ist im Vorjahr mit der “White Label”-Lösung gestartet, die es beispielsweise Banken und Fintechs ermöglicht, ihren Kunden dieselben digitalen Assets wie Bitpanda anzubieten – im eigenen Branding. Eine Zusammenarbeit scheint da geradezu aufgelegt. 

Allerdings schien es zunächst, dass sich N26 für einen anderen Weg entscheiden würde. Im Oktober 2021 hatte ebenfalls FinanceForward berichtet, dass die Neobank sich zwar “bei anderen Fintechs umgehört” habe, sich letztlich aber für eine Eigenentwicklung entschieden habe und sich dazu in Serbien bei einer Entwicklerfirma beteiligt habe. Dies scheint sich nun nicht zu bestätigen.

Allerdings ist es kein Geheimnis, dass die technische Entwicklung eines solchen Angebots alles andere als trivial ist. Nicht ausgeschlossen ist daher, dass N26 zunächst versucht hatte, das Krypto-Feature selbst zu entwickeln, dann aber davon abgekommen ist, weil es sich abzeichnete, dass es zu komplex oder zu teuer werden würde. Disclaimer: Das ist eine reine Mutmaßung, möglicherweise war es auch von Anfang so geplant. Wie dem auch sei, man darf gespannt sein auf die weiteren Entwicklungen.

Weitere News diese Woche:

  • die geplante Geldwäsche-Behörde Alma könnte auch die Aufsicht über Krypto-Finanzunternehmen übernehmen. Zum Artikel geht’s hier.
  • Mit Cherry Ventures und Sequoia Capital kündigten zwei Venture-Capital-Gesellschaften neue Krypto-Fonds an. Mehr Infos gibt’s hier.
  • On-Chain-Analyst Jan Wüstenfeld war im Podcast “Was Bitcoin bringt” zu Gast. Er hält den Bitcoin-Bullenmarkt für intakt. Zum Artikel geht’s hier.

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Hannah Wundsam, Geschäftsführerin von AustrianStartups © Philipp Huber / EFA

Seit 1945 treffen sich im Tiroler Bergdorf Alpbach, auf rund 1.000 Metern, Sommer für Sommer Vordenker:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, um über Europas Zukunft zu diskutieren. Heuer steht das European Forum Alpbach unter dem Motto „How Europe Wins“. Es geht um Wettbewerbsfähigkeit, Souveränität und die Frage, wie Europa im globalen Wettlauf bestehen kann.

Welche Rolle Startups in dieser Debatte einnehmen und inwiefern sie als Hebel für Europas Siegeszug dienen können, hat brutkasten mit Hannah Wundsam auf der Terrasse des Congress Centrums besprochen.


brutkasten: „How Europe Wins“ lautet das Leitmotiv des diesjährigen European Forum Alpbach. Welche Bedeutung kommt Startups in diesem Diskurs zu, und woran liegt es, dass bei einer so zentralen Zukunftsfrage die Gründer:innenszene vergleichsweise wenig vertreten ist?

Hannah Wundsam: Das ist eine gute Frage. Denn wenn der Titel „How Europe Wins“ lautet, können wir nicht nur darüber sprechen, wie wir das verteidigen, was wir bisher haben, und wie wir die bestehende Industrie und Wirtschaft schützen – sondern auch darüber, wie wir Neues schaffen und über die nächsten Jahre hinweg wettbewerbsfähig bleiben. Dafür braucht es das Zusammenspiel von bestehender Industrie, Politik beziehungsweise der öffentlichen Hand und vor allem dem Startup-Sektor. Dort liegen die Wurzeln des zukünftigen Wachstums.

Ich glaube aber, dass wir in Österreich immer noch sehr in Schubladen denken: Es gibt die Events für Startups und die neue Generation – und dann das European Forum Alpbach hier in den österreichischen Bergen, wo man das Gefühl hat, hier gehe es vor allem darum, die bestehende Industrie zu stärken und zu vernetzen. Dementsprechend sehen auch viele Gründer:innen das Event nicht als relevant für sich, weil sie sich nicht angesprochen fühlen.

Ich versuche aber immer, Gründer:innen zu motivieren, herzukommen, weil ich es für eine gute Möglichkeit halte, sich mit CEOs und Politiker:innen zu vernetzen: einerseits, um sich bei politischen Entscheidungsträger:innen Gehör zu verschaffen, deshalb sind auch wir immer hier, und andererseits, um Entscheidungspersonen aus großen und öffentlichen Unternehmen kennenzulernen, mit denen man dann zusammenarbeiten kann.

Welchen Platz kann ein vergleichsweise kleines Land wie Österreich in der europäischen Startup-Frage einnehmen?

Unsere Rolle ist gar nicht so klein, wenn man, das habe ich jetzt auch in der EU-Inc-Debatte gemerkt, die Vorbildwirkung Österreichs gegenüber den osteuropäischen Ländern nicht vergisst. Da ist oft die Haltung: Schauen wir mal, was Österreich macht, so wie wir uns anschauen, was die Deutschen machen. Ich glaube also tatsächlich, dass wir mit unseren Entscheidungen nicht ganz allein dastehen, sondern auch eine Auswirkung haben.

Österreich als eine Art Gateway vom Osten in den Westen ist etwas, das durch die EU Inc. theoretisch noch gestärkt werden könnte, aber ohnehin schon besteht. Insofern hat Österreich da eine Rolle. Und wir werden nach wie vor ein bisschen als neutraler Boden gesehen, der durchaus mit allen reden kann.

Welche Bedingungen bräuchte es, damit Startups in der „How Europe Wins“-Debatte mehr Gewichtung bekommen?

Ein Thema ist nach wie vor, dass österreichische Unternehmen im Vergleich zu anderen Ländern relativ wenig mit Startups zusammenarbeiten, das gilt auch für die österreichische Industrie. Selbst auf Ebene der Interessenvertretungen merke ich die Sorge, dass kein Geld mehr für die bestehende Industrie da ist, wenn die EU zu stark auf Startups fokussiert. Anstatt daran zu arbeiten, welche Möglichkeiten es gibt, damit Unternehmen und die öffentliche Hand tatsächlich zu Erstkund:innen von Startups werden. Viele Startups sagen mir, dass sie in Österreich gar nicht erst nach Kund:innen suchen.

Unternehmen müssten generell offener sein, ebenso die öffentliche Hand, und verstehen, dass sie mit Startups zusammenarbeiten müssen, wenn sie nachhaltig innovieren und wettbewerbsfähig sein wollen. Tatsächlich sagen viele Startups, dass sie eher im amerikanischen Markt nach Kund:innen suchen, weil man dort offener ist, mit ihnen zusammenzuarbeiten, während man in Europa gleich fragt, ob man mit sämtlichen Richtlinien konform ist.

Auf europäischer politischer Ebene gibt es inzwischen ein viel größeres Verständnis dafür, dass Startups einer der Schlüsselfaktoren für unseren Standort und unsere Wettbewerbsfähigkeit sind, spätestens seit dem Draghi-Report. Das ist aber noch nicht in allen Mitgliedsländern angekommen. Am European Forum Alpbach etwa sind ganz viele Events, vor allem die Side-Events, auf Deutsch. Dabei sind gerade die für viele der eigentliche Grund, warum sie kommen. Das ist schwierig, wenn man die europäische Startup-Szene auch tatsächlich vor Ort haben möchte.

Wie sieht für dich als Geschäftsführerin von AustrianStartups ein Europa aus, das gewonnen hat?

Ich glaube, wir müssen es schaffen, eine starke Basis an Gründer:innen zu haben, und dafür braucht es mehrere Dinge. Es braucht eine Kultur quer durch Europa, in der Unternehmertum ein besseres Bild hat, in der Unternehmer:innen nicht als böse Kapitalist:innen gesehen werden, sondern als Zukunftsgestalter:innen, als Personen, die Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen, die spannend sind und Vorbilder für Schulkinder.

Damit sind wir beim zweiten Thema: Ein Kulturwandel braucht einen Wandel in der Bildung, Unternehmertum muss Teil der Bildung werden und zwar nicht nur an Schulen in Österreich, sondern quer durch Europa. Es gibt Konzepte dafür, aber eben nicht in der Breite.

Und im Endeffekt braucht es die Rahmenbedingungen, die es für Gründer:innen attraktiv machen, hier nicht nur zu starten, sondern auch zu skalieren und zu bleiben. Dafür braucht es Kapital und dafür wiederum unterschiedliche Vehikel, um mehr Kapital nach Europa zu holen beziehungsweise das Kapital, das hier bereits vorhanden ist, zu aktivieren.

Der Dachfonds ist eine super Initiative, die jetzt schnell auf die Beine gestellt werden muss. Aber dabei kann es nicht bleiben, wir müssen größer denken: Es braucht einen Dachfonds 2, 3, 4, die noch einmal um einiges größer sind als die 500 Millionen Euro, und es braucht Wachstumskapital. Dafür wird es die bestehende Industrie, die öffentliche Hand und Investor:innen aus dem Ausland brauchen.

Wir müssen vorsichtig sein, nicht zu sehr ins Abschottungsdenken zu verfallen, denn darauf sind weder Österreich noch Europa ausgerichtet. Wir sind auf Basis einer florierenden und freien Marktwirtschaft gebaut worden. Wir brauchen Souveränität und Leverage aber das muss auch im Rahmen globaler Zusammenarbeit passieren.

Du sprichst von den Bedingungen: Wie beeinflussen die aktuellen Entwicklungen rund um die EU Inc. deiner Meinung nach die Zukunft europäischer Startups?

Die EU Inc. hat wirklich einen basisdemokratischen Impact gehabt: Extrem viele Personen aus der Startup-Szene haben sich in einen politischen, europäischen Prozess eingebracht, sich damit beschäftigt und ihre Stimme genutzt – und es geschafft, dass das Thema nicht nur auf europäischer Ebene besprochen wird, sondern tatsächlich in die Umsetzung kommt. Es gibt inzwischen einen Kommissionsvorschlag, der zwar nicht genau dem entspricht, was wir wollten, der aber zumindest die Möglichkeit geschaffen hat, hier einen europäischen Standard zu setzen.

Was ich im Prozess durchaus als gefährlich sehe: Die Mitgliedstaaten sagen zwar, dass sie eine starke Europäische Union wollen, setzen aber, sobald es konkrete Vorschläge gibt, alles daran, diese wieder zu entkräften. Österreich hat bislang zwar vom Wirtschaftsministerium und vom Kanzler die Zusage, dass die EU Inc. gewollt ist, das Justizministerium ist aber sehr kritisch. Und es gibt sehr viele Einzelpersonen und Interessenvertretungen, die stark dagegen arbeiten, etwa die Notariatskammer, die Gewerkschaft und die Arbeiterkammer, die kein Interesse an einer starken EU Inc. haben. Das ist nicht nur in Österreich ein Thema, aber Österreich hat, wie schon gesagt, eine Vorbildfunktion: Wenn Österreich sich in den Verhandlungen hinstellt und die Vorschläge grundsätzlich infrage stellt, sehen das viele Länder, die historisch zu Österreich aufschauen, und werden ebenfalls kritischer. Das haben wir in den Verhandlungen auf Ratsebene durchaus schon erlebt.

Ich hoffe, den Politiker:innen ist wirklich bewusst, was es bedeuten würde, wenn die EU Inc. scheitert, also wenn am Ende nur ein sehr schwacher Kompromiss herauskommt. Die europäische Startup-Szene würde das als Backlash empfinden und sich denken: Wenn nicht einmal das möglich ist, sehen wir in Europa keine Zukunft. Das halte ich für wirklich gefährlich.

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