29.07.2024
CORPORATE VENTURING | FOLGE 2

“Wenn du nicht benennen kannst, was du erreichen willst, ist es Innovationstheater”

Nachlese. Wie misst man, ob Corporate Venturing erfolgreich ist? Um diese Frage ging es in Folge 2 von "Corporate Venturing" mit dem Titel "How to measure it?". Mit dabei: Insights von Flughafen Wien, AVL, Raiffeisen Bank International (RBI) und ÖBB.
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Peter Schindlecker (Head of Innovation | ÖBB), Christian Wolf (Head of Strategic Partnerships & Ecosystems | RBI), Viktoria Ilger (Team Lead Startup Initiative | AVL) und Christoph Schmidt (Head of Business Development and Innovation | Flughafen Wien)
Peter Schindlecker (Head of Innovation | ÖBB), Christian Wolf (Head of Strategic Partnerships & Ecosystems | RBI), Viktoria Ilger (Team Lead Startup Initiative | AVL) und Christoph Schmidt (Head of Business Development and Innovation | Flughafen Wien)

„Corporate Venturing“ is powered by AVL, Elevator Ventures, Flughafen Wien – Vienna Airport, ÖBB, Plug and Play Tech Center, Raiffeisen Bank International AG, UNIQA Ventures und VERBUND AG.


Die neue brutkasten-Serie „Corporate Venturing“ widmen wir der Zusammenarbeit von Corporates mit Startups und Scaleups, Corporate Venture Capital und Venture Building. Wir arbeiten dabei heraus, wie das als Innovationsmotor für die österreichische Volkswirtschaft fungieren kann. In der ersten Folge haben wir beleuchtet, wie man als Unternehmen überhaupt mit Corporate Venturing starten kann und welche Strukturen es dafür braucht (hier geht’s zum Video und hier zur Nachlese).

Folge zwei schließt nun daran an: Wenn man die notwendigen Strukturen etabliert hat – wie kann man messen, welchen Impact die eigenen Corporate-Venturing-Aktivitäten wirklich haben? Brutkasten-Gründer und -CEO Dejan Jovicevic sprach dazu mit Viktoria Ilger (Team Lead Startup Initiative bei AVL), Christoph Schmidt (Head of Business Development and Innovation beim Flughafen Wien), Peter Schindlecker (Head of Innovation bei ÖBB) und Christian Wolf (Head of Strategic Partnerships & Ecosystems bei der Raiffeisen Bank International).

Was die Partner unter Corporate Venturing verstehen

Sustainable Innovation vs. Explore Innvation bei der RBI

Bevor es aber um das Thema Measurement geht, muss zu Beginn geklärt werden, was man überhaupt unter Corporate Venturing fasst. Bei der Raiffeisen Bank International (RBI) habe man einen “relativ weit gefassten Begriff” von Corporate Venturing, sagt Christian Wolf. Darunter fallen “sämtliche kooperative, kollaborative Innovationen mit externen Ökosystempartnern, die in der letzten Ausprägungsform dann auch verschieden strukturiert werden können”. 

Dies reiche von Investments über Joint Ventures bis hin zu normalen Venture-Relationships. Die RBI trennt dabei in zwei Bereiche: In der “Sustainable Innovation” geht es um die  konsequente, kontinuierliche Weiterentwicklung des Bestandsgeschäfts. Dem gegenüber steht “Explore Innovation”, wo man sich mit Fragestellungen “bewusst auch über den Tellerrand hinaus” bewegen will. 

KPIs: Beide Innovations-Bereiche werden unterschiedlich gemessen

Diese beiden Bereiche werden auch unterschiedlich gemessen: Bei der kontinuierlichen Innovation stehen Effizienzthemen im Vordergrund – etwa, wie man Prozesse verbessert oder teilweise auch wie man Kosten senkt. Hier stellt sich laut Wolf primär die Frage: “Liefert das eingesetzte oder das avisierte Produkt mehr Ergebnisbeitrag als der vorherige Prozess? Spielt es auch die Investitionskosten wieder herein?”. 

Im Bereich der Customer Experience gebe es allerdings auch Innovationsaktivitäten, die in der Außenwahrnehmung ein positives Reputationsimage aufbauen, gleichzeitig aber nicht direkt in Zahlen zu messen seien, die man aber auch nicht außen vor lassen möchte, wie Wolf schildert. 

Dem gegenüber steht dann der Bereich “Explore Innovation”: In diesem gehe es weniger darum, ein bereits im Vorfeld sehr genau definiertes Produkt zu liefern. Vielmehr wolle man sich dort „sehr bewusst frühphasig zum Beispiel mit neuen Technologien, neuen Produkten und neuen Entwicklungen am Markt auseinandersetzen”, führt Wolf aus.

ÖBB: Hauptsächlich Venture Clienting – und Venture Buidling als „Königsdisziplin“ im Blick

Bei den ÖBB sieht man Corporate Venturing hauptsächlich als das Betrachten weiterer Entwicklungsfelder nach dem Motto “build, partner, buy”. “Bei uns ist relativ klar definiert, dass wir vorerst keine Investments tätigen. Das heißt für uns sind Venture Clienting und Venture Building interessant”, erläutert Peter Schindlecker. Im Venture Clienting für das eigene Kerngeschäft sei man “sehr viel aktiver als bei Building”. Dieses wiederum würde er als “Königsdisziplin bezeichnen”.

Vor allem Venture Clienting und Venture Partnering bei AVL, auch Venture Building

Bei AVL arbeitet man im Innovationsbereich vor allem an den Themen Venture Clienting (Zusammenarbeit mit Startups) und Venture Partnering (Co-Creating mit Startups). Darüber hinaus beschäftige man sich aber “auch ein bisschen mit Venture Building und mit der Zusammenarbeit mit anderen Corporates”, wie Viktoria Ilger ausführt. Von Research & Development ist man dabei klar abgegrenzt: “Der große Unterschied ist: Wir machen keine Grundlagenforschung. Wir versuchen wirklich, Dinge sehr schnell auf den Markt zu bringen.” Beides habe aber seine Berechtigung.

Flughafen Wien: „sehr stark Ökosystem-getrieben“

Beim Flughafen Wien sieht man die eigenen Corporate-Venturing-Aktivitäten als “sehr stark Ökosystem-getrieben mit verschiedensten Partnern” – ähnlich wie bei ÖBB und RBI. “Wir haben zwar schon sehr viel angewandte Innovation in unseren operativen Einheiten, wo Prozesse einfach schon selbst verbessert werden, aber die großen neuen Technologien – und diese sind das Hauptthema, warum wir Corporate Venturing betreiben – entwickeln wir nicht selber”. 

Startups seien in dieser Hinsicht kreativer. “Startup ist bei uns immer gleichzusetzen mit einer Technologie”. In diesem Sinne sieht Schmidt Startups tatsächlich als “R&D der Zukunft”. Im Gegensatz zur AVL betreibt der Flughafen Wien allerdings keine eigene R&D-Abteilung.

Zusammenspiel zwischen Innovation und Technologie

Peter Schindlecker verweist auf die FTI-Strategie der ÖBB: Bisher seien Innovation und Technologie getrennt gesehen worden. Nun habe man das Zusammenspiel aber gut auf den Punkt gebracht: “Es sind verschiedene Ebenen. Die beginnen bei der Kundenbeziehung, über Produkt und Prozess bis hin zu Technologie und Assets”. Entscheidend dabei: “Das eine bedingt das andere”.

Welche KPIs?

RBI: Projekte brauchen neben einem beschreibbaren Business Case auch einen internen Abnehmer

Was nun die konkrete Messung des Erfolgs angeht, unterscheiden sich die Ansätze ebenfalls etwas. Bei der RBI verweist Christian Wolf auf die bereits erwähnte Trennung in die beiden Innovationsbereiche “Sustainable Innovation” und “Explore Innovation”: “Im explorativen Bereich sind die KPIs vielleicht etwas softer formuliert”, erläutert er. “Grundsätzlich braucht es aber immer, nicht nur auf der Kundenseite, sondern auch auf der Betreiberseite intern einen Abnehmer, der dieses Produkt dann letztendlich betreibt.”

Es gebe Fälle, in denen eine Idee gut sei, es vielleicht auch einen beschreibbaren Business Case gibt, aber “keinen sinnvollen Betreiber”, wie Wolf beschreibt. In einem solchen Fall “muss man es trotzdem abdrehen”. 

Als Bank habe die RBI mittlerweile auch viel regulatorisch getriebene Innovation. Diese fordere bestehende Strukturen innerhalb des Unternehmens auch manchmal heraus: “Die Regulation nimmt auf diese Aufteilung keine Rücksicht”. Ein Beispiel dafür ist die zweite Zahlungsverkehrsdirektive, die vorgegeben hat, dass man Transaktionensdaten Drittanbietern zur Verfügung stellt. Das sei einerseits ein IT-Thema, in der strategischen Komponente aber ein Kundeninterface-Thema.

“Da haben wir dann sehr schnell gemerkt, Innovation erzwingt einen teilweise, Organisationsstrukturen zu überdenken”, erzählt Wolf. In der RBI brauche Innovation jedenfalls jemanden, der einen beschriebenen, nachhaltigen Business Case auch betreibt. Anders formuliert: Die Übergabe der Innovation in die Business Line.

Übernahmen von Projekten sind direkte KPI bei ÖBB

Ähnlich ist es bei den ÖBB: Auch dort sind die Übernahmen die direkte KPI im Corporate Venturing, wie Peter Schindlecker sagt. “Wir können uns tatsächlich sehr gut daran messen lassen, wie viel Nutzen wir stiften. Das geht dann erst, wenn es übernommen wird”, erzählt der Innovationschef.

“Da gibt es eine gewisse Ratio. Wir schauen immer sehr stark auf die Pipeline: Wie viele Produkte müssen wir uns anschauen, wie viele POCs machen, damit was rauskommt?” Dieses Verhältnis habe sich im Bereich 1:3 oder 1:4 bewegt – ein guter Wert laut Schindlecker. “Viel besser, als wenn man mit einer Explore-Phase startet”. Er sieht dafür auch einen klaren Grund: “Weil wir sehr stark im Sourcing und auch direkt davor schon mit unseren Business Units arbeiten.”

Ob dabei aber zehn POCs mehr oder weniger gemacht werden, ist nicht so entscheidend: Denn relevant ist letztlich das Budget. “Das ist dann das, worauf es am Schluss auch noch einmal ankommt”, sagt Schindlecker. Was sein Team daher am interessantesten findet, ist die Kosten-Nutzen-Rechnung.

“Wie viel investieren wir in unser Team, in unsere Arbeit? Und was erzielen wir dann durch die Businesses als ÖBB mit unseren neuen Produkten oder Komponenten an Return?” Häufig liegt das dabei dann aber nicht in der Hand des Innovationsteams. Der Erfolg der übergebenen Projekte oder Produkte hängt dann stärker von den Teams ab, denen diese übergeben wurden: “Da passiert noch sehr viel Schweiß, Blut und Tränen danach”, sagt Schindlecker.

AVL: Anzahl der POCs „nette quantitative Zahl, aber wem hilft es am Ende?“

Auch bei AVL steht die Zahl der POCs nicht im Vordergrund. “Das ist zwar eine nette quantitative Zahl, die ich wo draufschreiben kann, aber wem hilft es am Ende?”, fragt Viktoria Ilger. Ihr Team schaut sich dennoch an, wie viele POCs gemacht werden – aber aus einem bestimmten Grund: “Es ist immer sehr wichtig zu unterscheiden, in welchem Innovationshorizont man sich befindet. Machen wir inkrementelle Innovation, wo wir uns Lösungen reinholen und Effizienzverbesserungen machen oder gehen wir weiter raus im Innovationshorizont und steigern damit auch das Risiko?”

Neben inkrementeller Innovation gibt es auch die Kategorie “adjacent”: “Wir nehmen neue Produkte für bestehende Kunden oder adressieren mit bestehenden und leicht adaptierten Produkten neue Kunden, auch oft Kunden von Startups, die aus anderen Bereichen kommen.” Das unterscheidet sich dann aber wiederum von der transformativen Innovation, bei der man Budget in die Hand nehmen müsse, auch wenn einem bewusst sei, dass es schwieriger werden würde. Anhand dieser Unterschiede müsse man dann auch die KPIs festlegen. 

AVL verfolgt Push-and-Pull-Approach

Auch bei AVL wird kein Startup-Projekt gestartet, wenn es nicht in weiterer Folge einen Business-Träger gibt. “Wir sind nicht Fachexperten, wir sind die Innovationsexperten”, erläutert Ilger. Wie viele Projekte in die Linie übergeben werden, ist daher eine KPI. Allerdings “auch darüber hinaus: Was schaut am Ende für das gesamte AVL-Business raus?“ Dabei verfolgt man bei AVL einen Push-and-Pull-Approach.

Das bedeutet: Das Innovationsteam fragt zwar Bedarf ab, aber dieser Ansatz alleine reicht nicht, wie Ilger erklärt: “Denn was kommt raus, wenn du fragst, was braucht ihr gerade? Wo würdet ihr gerne partnern? Na ja, inkrementelle Innovation kommt raus am Ende des Tages”. Das sei perfekt für Venture Clienting, auch für Verbesserungen. Aber andererseits: “Du musst auch Dinge reindrücken”, sagt Ilger. “Davon bin ich überzeugt. Das ist unsere Aufgabe als Innovatoren”. Daher setzt sie auf den Push-and-Pull-Ansatz, der beides abdeckt. 

Flughafen Wien: „Fan von einfachen Kennzahlen“

Was KPIs angeht, bezeichnet sich Christoph Schmidt vom Flughafen Wien “als Fan von den einfachen Kennzahlen im reinen Messen im Innovationsbereich”. Auch beim Flughafen gilt: Es wird kein Projekt gemacht, wenn es nicht mit der jeweiligen operativen Einheit abgestimmt ist. Diese sind in Kontakt mit dem Kunden – und müssen beurteilen, ob ein Projekt Sinn macht. “Natürlich darf man manchmal nachhelfen bei der Sinnfrage”, schränkt Schmidt aber ein. Auch für ihn sind aber beispielsweise die Anzahl der Projekte oder auch POCs und die Übernahmen in die Linie wichtige Kennzahlen. 

Ein weitere wichtige KPI beim Flughafen ist das eingesetzte Wagniskapital: “Da fällt rein, was wir an Kosten für Partnerschaften haben, das Personal und das dedizierte Budget für diese POCs. Das ist das eine. Und danach gibt es dann aber jedes Mal eine Business-Case-Rechnung. Die Investition, die dann getätigt wird, ist bei uns ja im operativen Bereich”, erläutert Schmidt. Insgesamt gibt es also KPIs für die reine Innovationstätigkeit und darüber hinaus KPIs für jedes einzelne Projekt.

Devalidierte Projekte: „eine KPI, die wehtut“

Peter Schindlecker ergänzt noch eine weitere KPI aus ÖBB-Sicht – und zwar eine, “die wehtut”, wie er sagt: Es geht um die Frage, wie viele Projekte validiert wurden. “Wir hatten bei Marktvalidierungen gerade wieder einen Durchlauf, wo wir quasi alles devalidiert haben. Das ist schon ernüchternd”, räumt er ein. Allerdings nur auf den ersten Blick: “Es ist eigentlich gut, dass man hier streng ist”. Denn es sei eines der Learnings aus der Vergangenheit gewesen, dass man manchmal zu optimistisch in Projekte reingegangen sei. 

Größtes Learning bei AVL: „POCs nicht ins Blaue starten“

Learnings hat man auch bei AVL gesammelt: “Einen POC nicht um des POCs Willen zu starten, einen POC nicht ins Blaue starten. Das war eines unser größten Learnings, die wir in den ersten Jahren hatten”, erzählt Viktoria Ilger. Jedes Projekt brauche zwei klare Hypothesen: Funktioniert es technisch? Und gibt es eine Nachfrage am Markt? Und beide Hypothesen “müssen klar messbar gemacht werden”, sagt Ilger. 

Standardisierter Prozess bei Elevator Lab für Startup-Kooperationen

Auch die Raiffeisen Bank International (RBI) hat für ihr Elevator Lab einen standardisierten Prozess für Kooperationen mit Startups aufgesetzt: “Der ist vornherein jedem klar, nicht nur von den KPIs, sondern auch von der Zeittangente”, erzählt Christian Wolf. Ein POC läuft demnach nicht auf unbestimmte Zeit, sondern klar definiert für zehn Wochen. “Und nach zehn Wochen gibt es eine Entscheidung”, sagt Wolf. Aufwände des Startups werden dafür auch bezahlt.

Prozesse entwickeln sich sukzessive

Doch wie kommt man überhaupt zu solch standardisierten Prozessen? In vielen Fällen entwickeln sich diese graduell, wie Christoph Schmidt anhand des Beispiels von Flughafen Wien schildert: “Wir haben nicht von Null so aufgesetzt wie es heute ist, sondern das ist ganz klein gewachsene Innovation”.

Der Prozess sei sukzessive entstanden: Umso mehr Ressourcen zur Verfügung stehen, umso wichtiger werde es, zu kontrollieren, was daraus entsteht. Beim Flughafen hatte man ursprünglich mit unterschiedlichen kleineren Projekten begonnen und den Innovationsprozess 2019 mit dem neuen Partner Plug & Play neu aufgesetzt. 

AVL: KPIs als „iterativer Prozess, der nie endet“

Eine Beschreibung, in der sich auch AVL wiederfindet: “Es ist ein iterativer Prozess, der auch nie endet”, sagt Viktoria Ilger. KPIs seien letztlich dafür da, damit man am Ende daraus lerne. Sie hat auch einen Tipp für Unternehmen, die mit Corporate-Venturing-Aktivitäten erst am Anfang stehen: “Wir haben uns unsere ersten 20 Projekte mal angeschaut. Und haben geschaut, welche sind gescheitert und welche sind besonders gut in die Linie übergeben worden. Bei welchen wissen wir eigentlich nicht, was das Problem war. Und wir haben dann eben angefangen, die in Innovationshorizonte einzuteilen. Zu lernen: Wie war das Risiko, warum war das Risiko so?” Auf dieser Grundlage wurden dann die ersten KPIs ausgearbeitet.

ÖBB: Laufende Weiterentwicklung für KPIs „tricky“

Peter Schindlecker sieht bei den ÖBB ebenfalls eine laufende Weiterentwicklung: “Was ich auf der einen Seite gut finde”, sagt der Innovationschef. “Aber für KPIs ist es tricky”. Denn wenn man diese ebenfalls laufend anpasse, gingen Vergleichswerte verloren. “Das dann immer wieder nachzuziehen, ist die Challenge”, sagt Schindlecker. 

An wen werden KPIs berichtet?

Bleibt noch eine weitere Frage: An wen werden die KPIs berichtet? Beim Flughafen Wien geht dies durchaus bis hin zum Aufsichtsrat. Regelmäßig berichtet werden sie aber ans Innovation Board, das einmal im Quartal tagt. Daneben gibt es im Konzern auch den Digital Innovation Hub, in dem die KPIs besprochen werden: “Einfach, weil das interessant ist und transparent sein soll für das gesamte Innovationsteam”, wie Schmidt erläutert. 

Helfen KPIs möglicherweise auch, Akzeptanz für die Innovationsaktivitäten im eigenen Unternehmen zu schaffen? “Es wird vorausgesetzt”, sagt Peter Schindlecker von den ÖBB. “Es wird vorausgesetzt. Wenn du es nicht hast und nicht benennen kannst, was du erreichen willst, dann ist es Innovationstheater.”

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Die Serie wird von brutkasten in redaktioneller Unabhängigkeit mit finanzieller Unterstützung unserer Partner:innen produziert.

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Scalable-Capital-Co-CEO Erik Podzuweit beim Interview in Wien | Foto: brutkasten
Scalable-Capital-Co-CEO Erik Podzuweit beim Interview in Wien | Foto: brutkasten

Die Münchner Banking- und Investmentplattform Scalable Capital verwaltet mittlerweile über 60 Milliarden Euro an Kundenvermögen. Seit Anfang Oktober hat das Unternehmen eine offizielle Bankniederlassung in Wien, damit können österreichische Kund:innen erstmals steuereinfach investieren. Das bedeutet: Scalable führt die Kapitalertragsteuer (KESt) auf Gewinne, Dividenden und Zinsen automatisch an das Finanzamt ab, Anleger:innen müssen ihre Kapitalerträge also nicht mehr selbst in der Steuererklärung angeben. Co-Founder und Co-CEO Erik Podzuweit war zum Start in Wien. brutkasten traf ihn zum Gespräch über die Expansionspläne, den Mitbewerb und seine Vision vom „Finanzcoach in der Tasche“.


brutkasten: Scalable Capital war in Österreich schon länger aktiv, seit Anfang Oktober gibt es eine Bankniederlassung in Wien. Warum gerade jetzt?

Erik Podzuweit: Wir sind als App auf den Systemen einer anderen Bank gestartet und haben in den letzten Jahren unsere gesamte technische Infrastruktur selbst entwickelt und vertikalisiert: mit eigenem Kernbankensystem, eigenem Market Making über einen Handelsplatz, den wir gemeinsam mit der Börse Hannover betreiben, sowie eigener Konto- und Depotführung. Diese Plattform können wir jetzt nutzen, um viel schneller und flexibler in andere Länder wie Österreich zu gehen.

Man konnte schon vor Jahren als Österreicher Kunde werden, aber nicht steuereinfach. Dafür mussten wir zwei Dinge tun: eine offizielle Bankniederlassung gründen, wie wir es auch vor kurzem in Italien getan haben, und die Steuersoftware entweder einkaufen oder selbst bauen. Für Österreich haben wir sie selbst gebaut. Dank moderner KI-Anwendungen geht das heute extrem effizient im eigenen Haus. Das waren die letzten Schritte zu einem massentauglichen Produkt in Österreich. Jetzt bauen wir das lokale Team weiter aus und fahren das Marketing hoch. Ab Mitte Oktober werden wir in ganz Österreich mit Werbung deutlich präsenter sein. Und es kommen weitere Produkte: im November Festgeld und später ein Kreditangebot.

Wie wollt ihr in die breite Masse gehen? Anbieter wie Bitpanda setzen stark auf Sportsponsoring.

Wir setzen sehr stark auf Außenwerbung, parallel spielen wir die ganze Klaviatur des Online-Marketings. Sportsponsoring machen wir nur in kleinem Umfang, da gibt es viele Streuverluste. Und wir sind in einem zyklischen Markt: Bei volatilen Börsen muss man das Marketing zurückfahren können. Bei Krypto hat man das gesehen, da ist das Handelsvolumen eingebrochen, und es war schwer, aus mehrjährigen Verträgen wieder rauszukommen.

Welche Zielgruppe sprecht ihr in Österreich an?

Vor ein paar Jahren waren wir viel nischiger. Unsere klassische Kundschaft waren die sogenannten Smart Busy Professionals: Menschen, die noch nicht zwangsläufig reich sind, aber gut ausgebildet, mit gutem Einkommen, oft städtisch, die in der Wirtschaft oder als Programmierer arbeiten. Bei einer klassischen Bank fallen diese Kundinnen und Kunden oft durchs Raster: Sie passen noch nicht ins Private Banking, sind aber auch keine Retailkunden, denen man irgendeinen Fonds verkauft. Mit der Zeit werden sie immer attraktiver. Heute gehen wir eine viel breitere Masse an. Neben dem Investieren haben wir mit Tagesgeld und Festgeld auch den Bereich Sparen. 2,6 Prozent Zinsen versteht jeder. Damit gewinnt man auch Kunden, die wenig Risiko wollen oder in Rente sind, und zwar von klassischen Banken. Die Smart Busy Professionals kommen eher von anderen Online-Banken zu uns.

Wer ist euer direkter Mitbewerber?

Mit Bitpanda sehen wir wenig Überschneidung. Wir haben ein Kryptoangebot, Bitpanda hat ein Aktienangebot, aber das sind zwei getrennte Welten. Dann schon eher alle Banken. Wenn man aber auf Preis, Zins, Gebühren und das Nutzererlebnis schaut, sind die klassischen Banken keine direkte Konkurrenz für uns. Der direkteste Mitbewerber ist Trade Republic. Aber es gibt Unterschiede im Preismodell und bei den Zinsen. Unser Zins ist etwas besser. Wir liegen bei 2,6 Prozent versus 2,5 Prozent.

Warum braucht es ein lokales Team in Wien, wenn Geldanlage ein globales Geschäft ist?

Wenn ein österreichischer Kunde eine Tesla-Aktie kauft, ist das dieselbe Aktie wie für einen italienischen Kunden. Aber im Kundengeschäft braucht man lokale Präsenz. Auch BlackRock hat ein Büro in Wien und eins in Mailand, man kann Europa nicht allein aus New York steuern, und wir nicht allein aus München. Die regionalen Unterschiede liegen vor allem auf der Steuerseite. Jetzt fangen auch einzelne Staaten der EU an, gezielte steuerliche Anreize und Zuschüsse zum Investieren zu geben. In Deutschland kommt das Altersvorsorgedepot, in Österreich wird das Zukunftsdepot diskutiert. Da muss man die Entscheidungen nah verfolgen und ein lokales Produkt bauen. Sobald das Zukunftsdepot kommt, werden wir es maßgeschneidert in Österreich anbieten.

Welche Ziele habt ihr euch für Österreich gesetzt?

Der österreichische Markt ist zwar kleiner als der deutsche, aber die durchschnittlichen Depotgrößen sind hier sogar etwas höher. Ziel ist es, in den nächsten Jahren ein Kundenvolumen von zehn bis zwanzig Milliarden Euro in Österreich aufzubauen. Aktuell liegen wir bei über 60 Milliarden auf der gesamten Plattform. In vier bis sechs Jahren soll die Hälfte des Kundenstamms von außerhalb Deutschlands kommen. Dabei sind wir klar auf Europa fokussiert, eine Expansion darüber hinaus planen wir nicht.

Ihr habt Agentic Investing eingeführt. Was ist die Idee, und wer nutzt das?

Wir haben zwei Schnittstellen geöffnet – technisch nennt sich die eine CLI (Command Line Interface) und die andere MCP (Model Context Protocol). Über die erste kann ein Kunde seine eigene KI-Anwendung anschließen. Über die MCP-Schnittstelle können auch Leute ohne Programmierkenntnisse in wenigen Minuten beispielsweise ChatGPT oder Claude mit ihrem Scalable-Konto verknüpfen. Man stellt die Freiheitsgrade ein: Im Read-Only-Modus sieht und analysiert der Agent das Portfolio, erstellt Charts oder aggregiert Newsfeeds. Wer möchte, kann ihn aber auch bis zum Ausführen von Trades und Trading-Strategien freischalten. Geblockt ist aus Sicherheitsgründen jede Zahlung, es kann nie Geld abfließen. Das Feature ist vor ein paar Wochen gestartet, die ersten 20.000 Agenten sind täglich aktiv. Noch nutzt es eher die technologieaffine Kundschaft, vor allem für Portfolioanalysen, manche fahren aber bereits aktive Strategien.

Und die Zukunft?

Ich erwarte nicht, dass jeder Kunde komplexe Trading-Strategien umsetzt, das macht für die meisten auch gar keinen Sinn. Die Vision ist eine Welt, in der jeder einen persönlichen Agenten hat. Der sagt nicht nur, dein Konto bei Bank XY hat zu wenig Zinsen, sondern eröffnet direkt ein Konto und Depot bei Scalable. Man sagt: “Ich habe zehn Euro im Monat übrig und möchte mit mittlerem Risiko anlegen” und der Agent sucht die passenden ETFs heraus und setzt einen Sparplan auf. Der Anspruch ist dabei nicht die zusätzliche Rendite, sondern dass der Zugang zum Kapitalmarkt einfacher wird. 80 Prozent der Menschen haben noch nie investiert. Ein Finanzcoach in der Tasche, der auch aktiv werden kann, das ist die Zukunft der Geldanlage. Das kommt nicht von heute auf morgen, aber in den nächsten Jahren. Private Geldanlage ist im Aufwind, Anbieter wie wir senken Hürden und Gebühren, und jetzt kommt KI dazu. Das ist ein ideales Zusammenspiel.


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