22.10.2024
INTERVIEW

Maschmeyer: „Ich empfehle Gründern den mail- und digitalfreien Sonntag“

Interview. Carsten Maschmeyer ist einer der bekanntesten Investoren Deutschlands – nicht zuletzt aufgrund der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“. Bei einem Besuch in Wien stattete uns Maschmeyer einen Besuch im Studio ab.
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Carsten Maschmeyer im brutkasten-Studio
Carsten Maschmeyer im brutkasten-Studio | Foto: brutkasten

Dieser Beitrag erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe unseres Printmagazins – “Kettenreaktion”. Eine Downloadmöglichkeit findet sich am Ende des Artikels.


Carsten Maschmeyer ist einer der bekanntesten Investoren Deutschlands – nicht zuletzt aufgrund der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“, bei der er seit 2016 in Startups investiert. Doch auch abseits der Kameras ist Maschmeyer als Investor aktiv: Er investiert in Europa und den USA; in Österreich ist er an mehreren Startups beteiligt, darunter Prewave und teamecho. Im brutkasten-Interview erläutert Maschmeyer unter anderem, welche Erfahrungen er bisher mit österreichischen Gründer:innen gemacht hat, wie es ihm gelungen ist, in den USA als Investor Fuß zu fassen und warum er der Vier-Tage-Woche etwas abgewinnen kann.

Mitt seinem in Berlin angesiedelten Venture-Capital-Fonds seed + speed hat Carsten Maschmeyer bisher über 70 Investments in frühphasige Startups getätigt. Die Ticketgrößen liegen in einem Bereich von 300.000 bis 500.000 Euro. In Later-Stage-Startups investiert er über seine Münchner Firma Alstin Capital, mit dieser hat er bisher rund 30 Investments vorgenommen. Dazu kommt noch die auf den US-Markt spezialisierte Investmentfirma Maschmeyer Group Ventures (MGV), die in knapp 50 Startups investiert ist.

Auch in Österreich ist Maschmeyer an mehreren Startups beteiligt, darunter auch am Cover-Startup der aktuellen Ausgabe des brutkasten-Printmagazins, Prewave. Zu den weiteren Beteiligungen in Österreich zählen das Grazer Startup Flasher, das eine Sicherheitslösung für Fahrrad- und Rollerfahrer entwickelt, das Wiener Datenunternehmen Visplore, das Linzer HR-Startup teamecho, das Wiener Food-Supply-Chain-Startup Orderlion und das niederösterreichische Legaltech-Unternehmen Netzbeweis. Als Maschmeyer im Sommer zwei seiner österreichischen Portfolio-Startups besuchte, schaute er auch auf einen Sprung bei brutkasten vorbei.


Die Video-Fassung des Interviews findet sich am Ende dieses Artikels.


brutkasten: In dieser Ausgabe haben wir Prewave am Cover. Du bist bei dem Wiener Scaleup schon seit Längerem investiert. Aus welchen Gründen bist du eingestiegen?

Carsten Maschmeyer: Für mich sind immer die Personen wichtiger als das Produkt. Prewave-Co-Founderin Lisa Smith habe ich im Frühjahr 2020 während des Corona-Lockdowns kennengelernt. Wir hatten nur Videocalls. Sie ist eine tolle Frau und sehr komplementär mit ihrem Co-Founder Harald Nitschinger.

Das Thema der Kontrolle von Lieferketten ist eine sensationelle Geschichte, sie haben mittlerweile Kunden wie BMW oder Lufthansa. Wir sind sehr glücklich, dass wir bereits früh zu einer Vier-Millionen-Bewertung eingestiegen sind, und haben in drei weiteren Runden weiter investiert. Prewave ist in Österreich unser umsatzstärkstes und höchstbewertetes Startup.

Du bist ja auch noch bei mehreren anderen österreichischen Startups beteiligt. Wie sind deine Erfahrungen mit österreichischen Gründer:innen?

Maschmeyer: Wir haben sehr gute Erfahrungen mit österreichischen Gründer:innen. Sie sind im Durchschnitt kommunikativ etwas stärker als ihre deutschen Pendants. Ich glaube, dass die Startups in Österreich am Anfang einen großen Vorteil haben: Es ist hier Nähe, man hält zusammen; Wirtschaft, Wissenschaft, die Gründerszene, die Politik – überall gibt es kurze Wege. Das ist sehr gut.

Was mir auch auffällt, ist, dass in Österreich oft Freunde gemeinsam gründen. Diese haben dann eine enorme Vertrauensbasis, die eine hohe psychologische Sicherheit bietet. Österreichische Startups haben auch den Vorteil der Nähe zu Zentralosteuropa, sie können dort in große Märkte gehen.

Du investierst sowohl in Europa als auch in den USA. Wie unterscheiden sich Gründer:innen aus Österreich oder Deutschland von jenen in den USA? Sind die Unterschiede noch groß oder haben sich die Dinge mittlerweile geändert?

In Deutschland ist die Kommunikation häufig schwierig, gerade wenn es technisch wird. Computer Scientists sind oft nicht gut in Sales und können auch keine begeisternden Bewerbungsgespräche führen. In Österreich ist das viel offener, viel positiver.

In Amerika wiederum lernen sie schon in der sechsten Klasse, vor 30 Mit schülern zu präsentieren. Dort haben sie nichts da gegen, wenn jemand sagt, dass man Verkäufer haben muss – man weiß, dass alles verkauft werden muss. In Deutschland sieht man Verkaufen als etwas Schlimmes. Die Amerikaner wollen, dass ihre Startups Weltmarktführer werden.

Da sagen auch die Investoren, dass die Unternehmen die besten Leute brauchen – denn nur mit den besten Leuten wird man das beste Startup in einer Nische oder einem Markt. In Deutschland und Österreich nehmen Startups oft lieber nicht so viel Geld auf – dann kriegt man die Finanzierungsrunde leichter hin, sagt man sich.

Man gibt lieber nicht so viel aus, man macht lieber weniger Marketing, damit das Geld länger reicht; man will sich eine tolle Bewerberin nicht leisten. Ich sage dazu immer: Ihr könnt euch schlechte Leute nicht leisten. Gute Leute machen ein Startup stärker, führen zu besseren Innovationen und einem höheren Umsatz.

Wie wichtig war es dir, als Investor auch in den USA Fuß zu fassen?

Es war bis zu einem gewissen Grad Zufall. Meine Frau und meine Tochter sind Schauspielerinnen und haben sehr viel in Kalifornien zu tun. Mein jüngerer Sohn lebt ebenfalls seit zwölf Jahren dort. Ich selbst war dann 2016 ein Jahr lang fast komplett in den USA. Dann haben wir ein Büro eröffnet, in San Francisco.

Es hat geholfen, dass ich sagen konnte, „Shark Tank“ (die US-Version von „Die Höhle der Löwen“, Anm. d. Red.) gibt es auch in Europa. Wenn jemand etwas mit „Shark Tank“ zu tun hat, geht die Tür einfach schneller auf. Am Anfang war es nicht leicht, tolle Mitarbeiter zu bekommen, weil man uns nicht kannte

Wir sind im Moment in den USA in 49 Startups investiert, davon vier Unicorns. Wenn man dann auf der Homepage deren Logos hat, wird es leichter. Es ist wie oft im Leben: Wenn man besser im Fußball ist, bekommt man auch bessere Mitspieler, besseren Rasen und bessere Trainings bedingungen. Aber bis dahin musst du einfach mehr kämpfen und dich mehr engagieren.

Welche Tipps hast du, wenn Startups in neue Märkte expandieren wollen?

Man braucht einen Mix. Man sollte Mitarbeitende hinschicken, die die Firma in- und auswendig kennen, um die Kultur auch zu transportieren. Zusätzlich sollte man aber Menschen hinzunehmen, die aus dem Land kommen, in das man hinwill, weil diese die Mentalität und den Markt kennen.

Man muss sich auf das Land einstellen: Die Verbraucher, die Mentalität, das Verhalten – das ist überall etwas anders. Man muss auch vorher Netzwerke aufbauen, um in dem Land Investoren zu finden; ohne ausreichenden Kapitalstock kann man nicht in ein anderes Land gehen. Man sollte vorher auch Kooperationen ausloten, beispielsweise Vertriebspartnerschaften.

Du bist heute Milliardär, kommst aber aus einfachen Verhältnissen. Inwiefern hat dich das geprägt? Und wie ist dein Blick auf Gründer:innen, was diesen Aspekt angeht?

Das Leben hat es unterm Strich später mit mir sehr gut gemeint, der Start war aber nicht gut: Ich habe meinen Vater nie gesehen, ich bin in einem Mutter-Kind-Heim aufgewachsen. Und wenn man nichts kriegt und nichts hat, dann muss man etwas tun. Ich habe keine psychische Geborgenheit gehabt, ich habe immer Armut erlebt, immer Enge. Aber dadurch ist eine Willenskraft entstanden, die mich die Extrameile hat gehen lassen.

Ich hätte mir vieles verziehen – beispielsweise, wenn ich Pech gehabt hätte. Aber ich hätte mir nie verziehen, wenn ich fleißiger hätte sein können, wenn ich abends länger aufbleiben oder morgens früher aufstehen hätte können. Gründer brauchen unendlichen Hunger. Sie müssen schon ein bisschen besessen sein. Wenn jemand gründet und sagt, das mit einem Acht-Stunden-Tag zu machen, sage ich: „Gute Nacht!“

Gründern, die viele Jahre volle Power geben, muss man eher mal sagen, dass sie ein Wochen- ende ohne Mails einlegen sollen, oder dass sie eine Woche Urlaub machen sollen. Aber den ab- soluten Ehrgeiz – all or nothing –, den müssen Gründer haben. Sie haben natürlich auch ein Ziel: Sie können in wenigen Jahren durch einen Exit zu so viel Geld kommen wie Professoren als Lebens- einkommen haben. Dafür kann man auch ein paar Jahre reinhauen.

Außerdem haben sie einen Purpose, was ich toll finde: Sie wollen einen Teil der Welt nachhaltiger, gesünder, günstiger oder bequemer machen.

Wie kann ich als Gründer:in sicherstellen, dass ich keine Mental-Health-Probleme be- komme?

Eine komplementäre Zusammensetzung im Team ist wichtig. Dominieren emotionale Menschen, fehlt das Planerische, das Strukturierte; sind es nur die Strukturierten, fehlt wiederum das Emotionale. Es braucht ein Team. Ich glaube nicht, dass eine One-Person-Show alles alleine erreichen kann.

Dass Gründer alles kennen, wissen und selber machen, ist zunächst ihre Stärke. Doch diese müssen sie später ablegen – und Delegieren, Kommunikation und Projektmanagement lernen. Sie müssen Manager werden, während sie zu Beginn Erfinder, Bastler und Improvisateure waren.

Zum Managen gehört Zeitmanagement; Ruhepausen sind erforderlich. Ich war Läufer, und wenn man übertrainiert ist, kann man nicht noch mehr trainieren, stattdessen gibt es drei Tage Trainingsverbot. Der Körper braucht Erholung, und mental brauchen wir sie auch. Daher empfehle ich Gründern den mail- und digitalfreien Sonntag.

Du hast dich auch für die Vier-Tage-Woche ausgesprochen. Was ist der Hintergrund?

Ich bin nicht dafür, weniger Leistung zu bringen. Ich bin aber dafür, dass abgesessene Arbeitszeit 2024 kein Kriterium mehr sein sollte. Wir müssen Leistung honorieren. Es ist nicht die Zeitmenge, die honoriert werden sollte, sondern der Output.

Es gibt Berufe, wo eine Vier-Tage-Woche besser funktioniert. Wir haben Arbeitskräftemangel, etwa in Handwerksberufen oder Pflegeberufen. Oder nehmen wir die Gastronomie: Viele wollen nicht fünf Tage in der engen, heißen Küche stehen, und dann oft auch noch am Wochenende. Hier kann eine Vier-Tage-Woche hilfreich sein. In manchen Branchen ist die Frage ja auch nicht „Vier oder fünf Tage?“, sondern „Vier oder null Tage?“ – weil man sonst keine Leute kriegt.

Kommen wir wieder zurück zum Thema Investments: In den vergangenen Monaten gab es in Österreich wieder einige größere Startup-Investments. Ist die Talsohle im Venture-Capital-Bereich durchschritten und geht es jetzt wieder aufwärts?

Der Peak bei den Startup-Runden in Größe und Häufigkeit war im Herbst 2021. Dann ha- ben wir einen Giftcocktail bekommen: Ukrainekrieg, Inflation, Zinswende, Lieferkettenprobleme. Vom Startup-Hochsommer sind wir dann in den Startup-Winter gefallen. Zwischen dem dritten Quartal 2021 und dem Vorjahr, 2023, haben wir in Europa einen durchschnittlichen Bewertungsrückgang von 37 Prozent verzeichnet. Ich glaube aber, dass wir jetzt langsam wieder in einen Startup-Frühling kommen.

Die Investoren machen häufig den Fehler, dass sie nicht das nutzen, was man im Aktien- geschäft Cost-Average-Vorteil nennt. Du kannst aber nicht nur in Startups investieren, wenn sie gerade in und teuer sind; du musst auch in Phasen investieren, in denen die Bewertungen niedriger sind.

2023 und auch 2024 sehe ich daher als goldene Jahre für Investoren: Sie kommen zu nied- rigeren Bewertungen rein und haben investoren-freundliche Terms – Liquidationspräferenzen und Downside Protection. Wir Investoren haben für die gleichen Gelder mehr Startup-Anteile bekommen oder uns mit dem gleichen Geld an mehr Startups beteiligen können.

Gründer:innen können aber kein Dauer-Fundraising mehr betreiben, bei dem egal ist, wie hoch die Verluste ausfallen. Das ist vorbei. Die Investoren wollen, dass ein Break-even in Sicht ist. Natürlich kann man es mit den Investoren besprechen, wenn der Break-even-Point nicht erreicht wird, weil man beispielsweise einen neuen Markt erschließen will – aber die Möglichkeit muss da sein. Die guten Startups kriegen weiter Geld. Das sieht man auch hier in Österreich.

Du bist seit 2016 als Investor Teil der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“. Wie lange willst du das noch machen?

Das Wichtigste ist: Ich muss einen Sinn in meinem Tun sehen. Als ich vor neun Jahren gefragt wurde, ob ich mitmache, habe ich zugesagt. So viele sagen, dass sie die Startup-Szene unterstützen wollen, und machen dann nichts. Aber ich bringe diese 15 bis 20 Drehtage in meinem Terminkalender unter.

Mit der Sendung tun wir mehr für die Startup-Szene als viele andere Initiativen: Wir bringen einfach Gründertum, Selbstständigkeit, Umsatz, Margen und Prozentrechnung ins Wohnzimmer. Das ist fantastisch.

Solange ich bei „Die Höhle der Löwen“ tolle Gründer:innen sehe, mit Mega-Ideen und Innovationen, an die ich sonst nicht gekommen wäre, mache ich das gerne weiter. Wir haben ja auch einen riesigen Vorteil: Wenn ein Startup da präsentiert, hat es sofort ein Millionenpublikum. Viele, die zusehen, bestellen Produkte gleich parallel am Smartphone. Das ist auch ein Marketingkanal, das muss man ganz offen sagen.


Das vollständige Interview mit Carsten Maschmeyer als Video:

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Lirone Glikman, Branding-Expertin und Gründerin der Agentur The Human Factor, spezialisiert auf Founder-Led Branding

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


In einer Welt, in der KI Inhalte massenhaft produziert und Unternehmen täglich neu entstehen, verschiebt sich der entscheidende Wettbewerbsfaktor: weg vom reinen Produkt, hin zum Vertrauen. „Founder Led Branding“ heißt das Konzept, das Gründer:innen dazu bringt, sich selbst als sichtbare Persönlichkeiten ihrer Unternehmen zu positionieren – authentisch, strategisch und mit klarer Botschaft. Anders als beim klassischen Personal Branding geht es dabei nicht nur um die eigene Person, sondern um die enge Verzahnung von Founder-Identität und Unternehmensmission. Studien und Beobachtungen auf LinkedIn zeigen: Beiträge von Personen erzielen deutlich höhere Reichweiten als jene von Unternehmensseiten. Investoren prüfen Profile, bevor sie ein Meeting zusagen. Kunden googeln Gründer, bevor sie kaufen. Wer als Founder unsichtbar bleibt, verliert Deals – noch bevor sie überhaupt verhandelt werden.

Eine, die dieses Thema international bearbeitet, ist Lirone Glikman. Die israelisch-französische Branding-Expertin begann bereits mit 16 Jahren ihre Karriere, indem sie beim CEO eines israelischen Radiosenders an die Tür klopfte und kurz darauf jüngste Radiomoderatorin des Landes wurde. Heute leitet sie ihre Agentur The Human Factor, die sich auf Founder-Led Branding spezialisiert hat, unterrichtet seit über zwölf Jahren in 28 Ländern und ist Autorin des Buchs „The Super Connector’s Playbook“. Zudem ist sie Executive Director des NGO Committee on Sustainable Development – NY, das mit der UNO affiliiert ist. Im Interview spricht sie über die Trust Economy, häufige Fehler von Gründern und darüber, warum es heute nicht mehr genügt, einfach nur ein gutes Produkt zu haben.

brutkasten: Frau Glikman, beginnen wir mit einer einfachen Frage: Wer sind Ihre Kundinnen und Kunden?

Glikman: Ich pendle zwischen Berlin und Tel Aviv. Meine Klienten sind Startups in frühen oder späteren Phasen, die Sichtbarkeit brauchen; meist dann, wenn sie Kapital aufnehmen, Kunden gewinnen oder in einen neuen Markt eintreten wollen. Dazu kommen Innovationsmanager in Konzernen.

Ein Beispiel ist Celleste Bio, ein israelisches Startup, das als erstes Unternehmen der Welt Milchschokolade mit echter Kakaobutter aus Zellsuspensionskultur-Technologie vorgestellt hat; ein Meilenstein für eine skalierbare, kommerziell tragfähige Kakao-Lieferkette. Jüngst wurde gemeinsam mit Mondelez die erste Tafel produziert, deren Kakaobutter zu 100 Prozent bio-identisch im Labor erzeugt wurde.

Wie nähern Sie sich einem Founder, der mehr Sichtbarkeit braucht?

Zuerst geht es um die Bereitschaft. Viele Gründer wissen, dass sie sichtbar sein müssen – bevor sie einen Raum betreten, ist die Entscheidung beim Investor oft schon teilweise gefallen. Er googelt, schaut auf LinkedIn, gleicht ab, ob das Gesagte zum Gesendeten passt. Unsere Marke arbeitet für uns, bevor wir den Raum betreten – aber zwischen dem Wissen und dem Tun klafft eine Lücke. Viele sind kamerascheu oder arbeiten lieber am Produkt.

Wenn sie zu mir kommen, beginnen wir mit der Strategie. Founder-Persönlichkeit und Unternehmenswerte liegen am Anfang oft sehr nah beieinander. Wir bauen eine Markenidentität auf – authentisch, nicht aufgesetzt. Welche Botschaften, welche Werte, welche Stärken? Ist die Person warm, eher kühl, fürsorglich? Wir nehmen, wer sie sind, und betonen die relevanten Aspekte online.

Was unterscheidet Founder-Led Branding vom klassischen Personal Branding?

Personal Branding ist ein abgenutzter Begriff – wir alle haben eine Marke, ob wir wollen oder nicht. Founder-Led Branding bedeutet, dass man als Gründer bewusst Botschaften platziert, die einem selbst und dem Unternehmen dienen. Heute vertrauen wir Institutionen, großen Namen und Regierungen weniger – wir vertrauen einander.

Wenn Vertrauen zur Währung wird – gerade in einer Welt, in der KI Posts schreibt und Unternehmen über Nacht entstehen lässt – bleibt das Menschliche. Wenn Sie mir vertrauen, vertrauen Sie vielleicht auch meinem Unternehmen.

Auf LinkedIn performt Founder-Content stärker als Unternehmenscontent. Warum?

Der Algorithmus will, dass Sie sich mit einer Person verbinden. Unternehmensbeiträge werden weniger ausgespielt. Es geht um die Verbindung von Mensch zu Mensch.

Was sind die größten Fehler, die Gründer machen?

Erstens: Viele halten Sichtbarkeit für ein „Nice to have“. Damit fehlt die Konsistenz.

Zweitens: Es gibt keinen roten Faden. Wenn man sich Posts der letzten Monate ansieht, sollte ein Muster erkennbar sein. An einem Tag der Urlaub, am nächsten das Unternehmen, dann etwas anderes – das funktioniert nicht. Es braucht Markensäulen.

Drittens: Viele teilen nur Beiträge ihrer Firmenseite oder von Kollegen. LinkedIn mag das nicht. Die Plattform will wissen, was Sie zu sagen haben, was Ihre Kämpfe und Erkenntnisse sind.

Und viertens: Manche gehen zu Medien, die nicht zu ihrer Phase passen. Wenn das Produkt noch nicht reif ist, sollte man etwa in einem Podcast über das Feld sprechen, nicht über die Lösung. Sonst verspricht man zu viel und liefert zu wenig.

Wie viele Posts pro Woche sind realistisch sinnvoll?

Optimal wären zwei pro Woche. Realistisch reicht ein guter, tiefgehender Post pro Woche, der eine eigene Perspektive zeigt. LinkedIn liebt sogenannte „Scar Stories“ – Geschichten von Verletzungen, aus denen man gelernt hat.

Über Fehler zu sprechen ist guter Content?

Ja, weil es verbindet. Es muss nicht der größte Fehler sein. Sie können sagen: Wir haben anfangs in diese Richtung investiert, dann hat sich der Markt verändert, also haben wir gepivotet. Das ist „Building in Public“ – Sie nehmen Ihre Follower mit auf die Reise. Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihre eigene Show!

Im DACH-Raum spricht kaum jemand über Misserfolge. Wie ist das in anderen Kulturen?

Es geht nicht darum, sich in schlechtem Licht zu zeigen, sondern Lernerfahrungen zu teilen. Die israelische Kultur ist sehr expressiv und leidenschaftlich. Wir haben Gründer, die ihre tiefen Kämpfe und Frustrationen während des Aufbaus ihres Unternehmens radikal offen teilen. Das gibt anderen Gründern die Erlaubnis, es ihnen gleichzutun – was am Ende sowohl persönlich als auch für das Unternehmen hilfreich ist.

In asiatischen Kulturen, im Baltikum, im DACH-Raum oder in Skandinavien sind Menschen reservierter und risikoaverser. Das ist nicht schlecht – Israelis springen auf jede Idee; manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Die Frage ist: Wie viel kann ich teilen, das mir dient, anderen Wert gibt, mir aber nicht schadet?

Wie misst man eigentlich, ob Sichtbarkeit auch Umsatz bringt?

Anders als im Vertrieb, wo Sie 50 Leute ansprechen und zwei Deals abschließen, geht es hier um Signale. Verbinden sich qualitativ relevante Menschen aus Ihrer Zielgruppe mit Ihnen? Merken Sie, dass Investoren Sie schon kennen, bevor Sie den Raum betreten? Sprechen Menschen über Sie? Das nennt man „Dark Social“ – wenn das passiert, funktioniert Ihre Marke.

Ein konkreter Tipp zur Monetarisierung: Vor jedem Meeting werden Sie beobachtet. Posten Sie zwei oder drei Tage vorher etwas, das Fragen oder Einwände beantwortet, die im Gespräch kommen werden. Wenn Investoren an der Skalierbarkeit zweifeln könnten, schreiben Sie über die Skalierbarkeit Ihrer Branche.

Das ist strategische Kommunikation pur…

Genau. Wenn Sie sich auf ein Meeting vorbereiten, gehört ein LinkedIn-Post auf die To-do-Liste. Sichtbarkeit ist kein Privileg, sondern ein Business-Tool, eine Infrastruktur.

Wie viel Zeit sollte ein Gründer investieren?

Mit KI ist das heute leichter. Erstellen Sie ein Projekt in ChatGPT oder Claude, füttern Sie es mit Ihrer Marke, Werten, Botschaften, kopieren Sie E-Mails oder Texte hinein. Dann sagen Sie: Ich möchte über die Skalierbarkeit unseres Geschäfts schreiben, hier sind drei Punkte. So entstehen Posts in Ihrer Stimme. Minimum: ein Post pro Woche. Sie können sich 30 Minuten wöchentlich Zeit nehmen oder einmal im Monat ein, zwei Stunden für alle Posts.

LinkedIn ist mit KI-Content geflutet. Sehen wir eine Gegenbewegung hin zu mehr Authentizität?

Es heißt, etwa 80 Prozent der Posts seien KI-generiert – ich denke, es sind mehr. Was Sie vermeiden sollten: den langen Gedankenstrich, den alle KI-Tools lieben; und typische Strukturen wie „Don’t do X, do Y“ oder kurze Sätze mit Punkt am Ende. Ich habe gestern in einem Post einen Tippfehler gefunden und ihn drin gelassen – weil er menschlicher ist. Verwenden Sie keine Wörter, die Sie sonst nie benutzen. KI können Sie trainieren, aber vertrauen Sie ihr nicht zu 100 Prozent.

Welche Trends sehen Sie auf LinkedIn?

Authentizität mit eigenem Stil und visuellen Wiedererkennungsmerkmalen. Und Spezifität: LinkedIn will Sie mit relevanten Menschen vernetzen – fokussieren Sie sich also auf Ihr Fachgebiet.

In Österreich gibt es Gründer, die sehr laut auftreten. Birgt das Risiken?

Kulturell, ja. Wenn Sie Wertvolles teilen, das anderen hilft, ist Lautstärke okay. Aber im DACH-Raum kann das Türen schließen. In Israel sind die Menschen wie gesagt von Natur aus lauter und leidenschaftlicher. Heute sehen wir auch einen Shift zu Solopreneuren oder Drei-Personen-Unicorns. Als Solopreneur müssen Sie Ihre Marke draußen haben – das Ziel sind Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Gibt es internationale Vorbilder?

Jensen Huang von Nvidia versteht, dass er das Gesicht des Unternehmens ist. Auf seinem LinkedIn-Profil steht Nvidia und davor ein Job als Tellerwäscher in einem Burgerladen.

Oder Sam Altman: Vor drei Jahren, als die Menschen Angst vor OpenAI hatten, machte er mit seinem Mitgründer eine Welttournee, traf Menschen auf Events. Sie nutzten ihre Founder-Marke, um Botschaften zu transportieren und Vertrauen aufzubauen.

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