24.12.2023

Carina Roth: „Ich kann nicht warten, bis die Gesellschaft bereit ist für mein Scheitern“

Gründer:innen sprechen nur selten über das Scheitern des eigenen Startups – Carina Roth ist eine Ausnahme. Nach dem Zusammenbruch ihres Unternehmens WisR spricht sie offen über den steinigen Weg in ihrer persönlichen Karriere, der sie schlussendlich in die Welt der Investor:innen führte.
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Carina Roth gründete 2017 das Startup WisR. Nach der Liquidation ihres Unternehmens heuerte sie als Investorin beim Wiener VC Calm/Storm an. | (c) Studio Koekart

In der Startup-Welt herrscht oft ein überwältigender Glanz: Wir hören von den Visionär:innen, die Millionen verdienen, von disruptiven Technologien, die unser Leben verändern, und von jungen Unternehmer:innen, die die Welt erobern. Doch hinter diesen Erfolgsgeschichten verbirgt sich eine Realität, die oft übersehen wird – die des Scheiterns. In der Regel sprechen Gründer:innen lieber über ihre Erfolge als über ihre Misserfolge.

Das Schweigen über das eigene Scheitern hat verschiedene Gründe, die oft tief in unserer Kultur und unserer Psyche verwurzelt sind: In vielen Gesellschaften und Kulturen wird Erfolg hoch geschätzt, Misserfolg oder Scheitern werden dagegen stigmatisiert. Dieser soziale Druck kann dazu führen, dass Menschen aus Angst vor Urteilen oder Ablehnung ihr Scheitern verbergen. Scheitern kann mit Schamgefühlen verbunden sein – Menschen können sich schämen, weil sie die Erwartungen, die sie an sich selbst oder die andere an sie gestellt haben, nicht erfüllt haben. Ein weiterer Aspekt: Das Fehlen von Vorbildern und positiven Beispielen von Menschen, die offen über ihr Scheitern sprechen.

Carina Roth ist eine Ausnahme. Ihr Startup WisR wurde im Oktober 2021 liquidiert – und sie spricht offen über den wohl schwierigsten Schritt in ihrer Karriere. WisR war auf die Arbeit mit Senior Talents in Unternehmen spezialisiert. Über seine Recruiting-Plattform vermittelte WisR zunächst Menschen in Pension. Damit gewann das Startup große Kund:innen wie die ÖBB, Hornbach oder Ritz-Carlton – und überzeugte Investor:innen. Doch nach vier Jahren musste das Startup seinen Betrieb einstellen.

Carina Roth | (c) Studio Koekart

Die Coronakrise und die damit einsetzenden Veränderungen am Arbeitsmarkt zwangen das Unternehmen zu einem Richtungswechsel. Zu diesem Zeitpunkt bereitete das Startup eine große Finanzierungsrunde mit einem Investor aus Deutschland vor. Kurz vor dem Closing der Runde dann der Super-GAU: Der Investor ließ die geplante Finanzierung mit den ersten Corona Lockdowns kurzfristig platzen. Gemeinsam mit ihrer Co-Founderin Klaudia Bachinger launchte Roth noch im Herbst 2020 zusätzlich zur Recruiting-Plattform ein Senior-Experten:innen Netzwerk. Die Idee dahinter: Unternehmen konnten so mit Mitarbeiter:innen, die bereits im Ruhestand sind, in Kontakt bleiben. „Nachdem die Finanzierungsrunde geplatzt ist, haben wir uns dann nur mehr auf die Enterprise-SaaS-Lösung bzw. das Netzwerk konzentriert und keine Ressourcen mehr in die Recruiting-Plattform gesteckt“, erzählt Roth.

Der Schlussstrich und die Öffentlichkeit

„Wir hatten viele Ideen, aber irgendwann bist du dann an einem Punkt angelangt, wo du merkst, dass der Runway immer kürzer wird“, sagt Roth. Dazu kam die damalige Marktlage: Diese war laut Roth von „Hiring Freezes“ gekennzeichnet. So fiel die Entscheidung: Roth und Bachinger machten den Laden sprichwörtlich dicht. Vor dieser Entscheidung erstellten die Gründerinnen zunächst eine Prioritäten- und Szenarienliste. Diese arbeiteten sie bis zum letzten Punkt – der Schließung des Startups – ab. Beide Gründerinnen wollten keine verbrannte Erde zurücklassen. Sie wollten WisR in geordneten Bahnen liquidieren: Mitarbeiter:innen sollten ausbezahlt, mit Bestandsinvestor:innen sollte offen kommuniziert werden. Das Abarbeiten der Prioritätenliste bis dahin beschreibt Roth auch als eine Art „Mental-Fading-out“. „Irgendwie hat es sich dann auch gut angefühlt, weil ich wusste, dass ich alles gegeben habe“, beschreibt Roth das Ende.

An die Vorbereitung des LinkedIn-Postings kann ich mich noch gut erinnern. Es war schon sehr aufregend, als wir den Send-Button gedrückt haben.

Carina Roth

Der schwierigste Schritt stand den Gründerinnen jedoch noch bevor: Sie mussten das Ende ihres Unternehmens auch der Öffentlichkeit kommunizieren. „An die Vorbereitung des LinkedIn-Postings kann ich mich noch gut erinnern. Es war schon sehr aufregend, den Send-Button zu drücken“, erinnert sich Roth. Und sie merkt an: „Ich hatte dabei allerdings keine Angst. Ganz ehrlich, als Gründerin stehst du nun mal in der Öffentlichkeit und wirst ständig beobachtet. Irgendwann legst du diese Angst ab. Es war eher so ein Gefühl des Excitements: Was kommt als Nächstes auf uns zu?“

Ein Plan danach?

Einen konkreten Plan, was als Nächstes kommt, hatte Roth in dem Moment noch nicht: „Früher war das vielleicht so, dass man einen Job erst kündigt, wenn man etwas Neues hat. Als Founderin bist du jedoch bis zum Schluss so eingebunden, dass du gar keine Zeit und keinen Kopf dafür hast, dir zu überlegen, was danach kommt.“

Lange still sitzen musste die Gründerin allerdings nicht. Bereits kurz nach dem Bekanntwerden der Schließung von WisR erhielten Roth und auch ihre Mitgründerin zahlreiche Anfragen von Menschen, die gemeinsam neue Projekte umsetzen wollten. Roth: „Dadurch, dass wir sehr laut gegangen sind, haben wir kurz nach dem Posting bereits die ersten Angebote bekommen.“ Rückblickend betrachtet ging ihr das vielleicht doch eine Spur zu schnell: „Vielleicht hätte ich gerne einfach zwei Monate gar nichts gemacht. Ursprünglich hatte ich den Wunsch, nach Japan zu reisen, was aber aufgrund der damaligen Corona-Bestimmungen nicht möglich war.

Neuorientierung mit Höhen und Tiefen

Das Sondieren von möglichen neuen Projekten hatte jedoch auch seine Höhen und Tiefen: „Es gab natürlich auch Momente, die superfrustrierend waren. Wenn nach dem 15. Gespräch noch immer nichts dabei ist, das einen so richtig begeistert, dann ist das natürlich auch immer ein kleiner Failure. Im Prinzip kann man es vielleicht auch ein Stück weit mit Dating vergleichen.“ Natürlich spielten auch die finanziellen Mittel in der Phase der Neuorientierung eine Rolle. „Zum Glück musste ich keinen Kredit abbezahlen und war nur für mich selbst verantwortlich – und hatte so ausreichend Zeit und Ressourcen, mir jedes Angebot anzuhören“, so Roth. Ihre persönliche Situation in der Übergangsphase sei somit durchaus privilegiert gewesen.

Vor meinem Scheitern kannte ich nur die Fuckup-Nights und viel- leicht zwei, drei Fälle, in denen Gründer:innen in der Öffentlichkeit of- fen darüber gesprochen haben. Ich wusste daher selbst nicht, wie sich das anfühlen wird.

Carina Roth

Erster Kontakt zu Calm/Storm Ventures

Der perfekte Match sollte jedoch nicht lange auf sich warten lassen: Rund sechs Monate nach der Ankündigung, die Pforten von WisR endgültig zu schließen, meldete sich Lucanus Polagnoli, Gründer und Co-Founder der Wiener Venture-Capital-Gesellschaft Calm/Storm Ventures, bei Roth. Der Wagniskapitalfonds ist aktuell in mehr als 70 Startups investiert; der Fokus liegt auf digitalen Produkten für unterschiedliche Gesundheitsthemen – angefangen von Hormontracking über digitale Medikamentensuche bis hin zur Analyse der Zahngesundheit mit dem Smartphone.

Als Polagnoli die ehemalige Gründerin kontaktierte, arbeitete sie bereits an einem neuen Beratungsprojekt, unter anderem mit ihrer Co-Founderin Bachinger. „Ich habe zu Lucanus gesagt, dass ich aktuell noch sehr busy bin und mir noch ein paar andere Sachen ansehen möchte. Er hat das damals als Absage verstanden. Ich wollte halt ausloten, ob aus anderen Projekten noch was wird“, so Roth. Aus den besagten Projekten sollte schlussendlich nichts werden – „für mich war dann sehr schnell klar, dass es Calm/ Storm Ventures und Investing wird.“

Carina Roth im Büro ihres neuen Arbeitgebers Calm/Storm Ventures | (c) Studio Koekart

Die Vorbereitung auf ihre neue Rolle

In der Phase der Neuorientierung streckte Roth im Sommer 2022 die Fühler zu den Investor:innen in ihrem Netzwerk aus. Sie wollte mehr über das Leben als Investor:in erfahren. Im Dezember 2022 war es dann beschlossen: Sie wechselte von der Seite der Founder:innen auf die Seite der Ivestor:innen. Trotz des Rollentauschs in ihrer Karriere hält sie fest: „Meine Karriere habe ich nicht gepivotet. Ich arbeite noch immer im Startup-Umfeld mit den gleichen Leuten. Der rote Faden wurde somit nicht zerrissen.“ Roth sieht aber auch Unterschiede zwischen der Arbeitsweise einer Startup-Founderin und jener einer Investorin: „Als Gründerin bist du sehr stark in einem Thema drinnen und blendest vielleicht andere Bereiche gänzlich aus. Als Investorin arbeitet man hingegen sehr branchen- und technologieübergreifend – und trifft noch viel mehr Menschen als Gründerin“, erläutert sie.

Einer der wichtigsten Aspekte in der Neuorientierung sei für sie das Thema Impact gewesen. Roth: „Mir war schon sehr früh klar, dass ich nicht des Gründens wegen gründen möchte. Auch als Investorin kannst du Impact haben, indem du Geld richtig einsetzt und somit die passenden Hebel in Bewegung setzt. Bei Calm/Storm Ventures wusste ich, dass endlich wieder eine Flamme in mir brennt.“ Einer der größten Unterschiede zwischen den beiden Welten, jener der Gründer:innen und jener der Investor:innen, sei jedoch der Aspekt, wann Erfolg sichtbar wird. „Als VC kannst du in der Regel erst nach zehn Jahren sagen, ob dein Investment erfolgreich war, hier sind die Feedbackzyklen natürlich viel länger“, sagt Roth. Seit ihrem Start bei Calm/Storm Ventures war sie übrigens bei 14 Investments in Startups involviert.

Carina Roths bisher größter Erfolg

Was war Roths bisher größter Erfolg in ihrer Karriere? Sie antwortet entschlossen: „Obwohl ich mit WisR gescheitert bin, wollen die Leute noch immer mit mir zusammenarbeiten.“ Damit das gelingt, müsse man allerdings zum richtigen Zeitpunkt den Schlussstrich ziehen und bereits dann aufhören, wenn es einem selbst oder den anderen Menschen im Umfeld noch gut gehe. Auch die offene Kommunikation mit den eigenen Gesellschafter:innen sei eine Voraussetzung. „Ich kann wirklich von uns behaupten, dass wir damals keine verbrannte Erde hinterlassen haben. Wir sind heute noch gut mit unseren Investoren, und zwei davon sind jetzt sogar Limited Partner (LPs, Anm.) bei Calm/Storm Ventures geworden.“

Flexibles Mindset und die viel zitierte Kultur des Scheiterns

Was gibt Roth nun Gründer:innen mit, die sich ebenfalls in einer Phase der Neuorientierung befinden? Und warum spricht sie so offen darüber? „Vielleicht ist es eine meiner Aufgaben im Leben, Leuten zu zeigen, dass nichts dramatisch enden muss, sondern es danach genauso weitergehen kann.“ Gründer:innen sollten ein flexibles Mindset mitbringen – „natürlich muss man sich ambitionierte Ziele setzen, allerdings darf man nicht den Kopf in den Sand stecken, sofern man sein Ziel nicht erreicht.

Die Geschichten über das Scheitern in der Startup-Welt werden Roths Meinung nach in der heimischen Medienlandschaft zu selten erzählt. „Vor meinem Scheitern kannte ich nur die Fuckup Nights und vielleicht zwei bis drei Fälle, wo Gründer:innen in der Öffentlichkeit offen darüber gesprochen haben. Ich wusste daher selbst nicht, wie sich das anfühlen wird – und vor allem, wie Menschen auf mein Scheitern reagieren werden.“

Trotz des häufig bemängelten Fehlens einer Kultur des Scheiterns in Österreich habe sie jedoch meist nur positive Reaktionen erfahren. Die Gründe dafür liegen Roths Meinung nach in der offenen Art, wie sie damals mit dem Scheitern von WisR umgegangen sei. Das Vorhandensein einer gewissen Schadenfreude in der Gesellschaft streitet sie jedoch nicht ab: „Das ist tief verwurzelt in unserer Gesellschaft. Es fängt an beim Gossip im eigenen Freundeskreis, reicht aber auch bis hin zur Erziehung der eigenen Kinder“, sagt Roth. Während in den USA das Scheitern als wertvolle Erfahrung angesehen wird, unter anderem auch von Investor:innen, gebe es hierzulande in Bezug auf die Kultur des Scheiterns noch viel Aufholbedarf. Trotz der gesellschaftlichen Stigmatisierung sollten sich Gründer:innen jedoch nicht davor scheuen, über die eigenen Fehler zu sprechen. Roth: „Ich kann jetzt nicht warten, bis die Gesellschaft für mein Scheitern bereit ist.“


Der Artikel erschien zuerst in unserem neuen Printmagazin in der Ausgabe Dez/2023. Mehr darüber könnt ihr hier erfahren.

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Christoph Knogler führt Keba als CEO und steht gemeinsam mit A1-CEO Thomas Arnoldner der KI-Taskforce der Industriellenvereinigung vor. © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen„ erschienen

28 Standorte in 16 Ländern, drei Geschäftsbereiche von der Industrie- über die Handover- bis zur Energy-Automation, dazu seit Kurzem eine eigene KI-Einheit: Keba aus Linz baut Steuerungen für Maschinen und Anlagen und steckt über Trumpf mit einer Komponente in den Lithografiemaschinen von ASML. Christoph Knogler führt das Unternehmen als CEO und steht gemeinsam mit A1-CEO Thomas Arnoldner der KI-Taskforce der Industriellenvereinigung vor, die bis Sommer 2027 die AI Maturity der heimischen Industrie messen und steigern soll. Der erste Befund: Österreich liegt unter dem EU-Schnitt. Warum das ein Leadership-Thema ist und kein technologisches, wieso die Hyperscaler die europäische Industrie dringender brauchen als umgekehrt – und was Industrial Intelligence von einem Hype-Begriff unterscheidet.


Die österreichische Industrie liegt bei KI unter dem EU-Schnitt – das zeigt die McKinsey-Studie „State of AI in Austria 2025″, die im Rahmen der Taskforce entstanden ist, der du vorsitzt: ein AI-Quotient von 30 gegenüber 34 im EU-Schnitt. Wie kam es zu diesem Befund?

Ein wesentlicher Aspekt unserer KI-Taskforce ist, dass wir die AI Maturity unserer Mitglieder und so auch der gesamten österreichischen Industrie quantitativ messbar machen, mit je einem Assessment zu Beginn, zur Mitte und zum Ende der Laufzeit, pro bono begleitet von McKinsey. Mit dem ersten Assessment im vergangenen Jahr hat sich die Vermutung der Industriellenvereinigung bestätigt: Wir liegen in Österreich unter dem Niveau des EU-Durchschnitts und damit auch des weltweiten Durchschnitts. Das zweite Assessment wurde nun im Juli dieses Jahres abgeschlossen, die Veröffentlichung ist für Anfang Oktober geplant. Wir sind schon gespannt, ob wir das schaffen, was wir uns vorgenommen haben – nämlich eine konsequente Steigerung der AI Maturity der österreichischen Industrie.

Warum gibt es diesen Rückstand?

Es gibt ihn sicher auch, weil es uns als Industrie schon sehr gut gegangen ist und so der Veränderungsdruck in vielen Unternehmen nicht groß genug war, KI konsequent einzusetzen. Wir haben als Industrie den Startschuss verpasst. Es gibt aber auch in Österreich Frontrunner; in der Studie sieht man etwa die Telekommunikationsunternehmen vorne. Aber im produzierenden Bereich und im Maschinenbau waren wir überrascht, dass selbst hoch innovative Unternehmen bei der Nutzung von KI im internationalen Vergleich nicht vorne mit dabei sind. Wenn man genauer hineinschaut, ist es weniger ein technologisches Thema, sondern sehr oft ein Leadership-Thema: Dort, wo die strategische Aufmerksamkeit des C-Levels ist, fließt auch die Energie hin. KI war zu Beginn oft ein IT-Thema statt ein strategisches Positionierungsthema. Das hat sich im ersten Jahr unserer Taskforce aber massiv gedreht. Andritz hat beispielsweise aufgezeigt, wie KI die Automatisierung einer Anlage so weit optimiert, dass eine Art Dark Factory vorstellbar wird; Voestalpine hat anhand umgesetzter Use Cases gezeigt, wo ganz konkrete Einsparungseffekte gehoben wurden; und Miba hat gezeigt, wie KI als übergreifendes Thema in der Unternehmensgruppe verankert wurde.

© Antje Wolm

Regeln und Ausblick

Bremst der AI Act die Industrie?

Für Branchen, in denen der AI Act tatsächlich wie ein Korsett wirkt, kann er dazu führen, dass man im Sinne des Risikomanagements sehr zurückhaltend wird. Der Ruf nach Regulatory Sandboxes ist dort laut; ich denke beispielsweise an Life Sciences und an das Bankenwesen. Bei Produktionsunternehmen und im Maschinenbau – dazu zählen wir uns als Keba – gibt es diese Einschränkungen aus eigener Erfahrung weniger. Ich habe es bisher nicht so wahrgenommen, dass der AI Act ein wesentlicher Technologie-Showstopper wäre. Deswegen plädieren wir auf Selbstwirksamkeit: nicht die Rahmenbedingungen bekämpfen, sondern sich fragen, wie man innerhalb dieser vernünftig arbeitet. Aber viel wichtiger war: mit KI losstarten, es zum Leadership-Thema machen, sich um Daten und Legacy-Systeme im Unternehmen kümmern und vor allem die Menschen auf diese Innovationsreise mitnehmen.

Die Taskforce läuft bis Sommer 2027. Was kommt danach?

Anfang 2027 werden wir entscheiden: Braucht es weiterhin eine Taskforce für KI, die Eintrittsbarrieren abbauen und zur wertschöpfenden Nutzung anregen will? Oder braucht es dann ein anderes Format? Unabhängig vom Format ist für uns wichtig, dass die bisherigen Erkenntnisse und Best Practices weitergetragen werden; da spreche ich auch für meinen Co-Vorsitzenden Thomas Arnoldner. Dazu kommt, dass sich immer mehr kleinere Industrieunternehmen mit KI beschäftigen, für die so eine Plattform hilfreich sein kann.

Was Europa in der Hand hat

Blicken wir über Österreich hinaus: Europa habe das Rennen um generative KI verloren, heißt es. Bleibt Industrial Intelligence als zweite Chance?

Ich habe dazu eine sehr klare Meinung: Die amerikanischen Unternehmen, die in diesem Rennen die Nase vorn haben, brauchen wertschöpfende Prozesse, um ihren eigenen Business Case abzusichern. Auch KI macht nur dann wirtschaftlich Sinn, wenn man sie verkaufen kann. Schaut man sich Europa an – 450 Millionen Konsumenten, eine sehr starke Industrie, im DACH-Raum besonders stark –, dann sind wir der Enabler für die Business Cases der Hyperscaler. Deswegen werden wir auch stark umworben, von genau diesen global denkenden Unternehmen. Sie brauchen dringend Anwendungsfälle für ihre KI-Modelle am Shopfloor, damit der Value Stream entsteht, der die Mega-Investitionen rechtfertigt. Bleibt der aus, wird man die laufenden Infrastruktur-Investitionen über eine kleinere Menge an Anwendern verteilen, was Tokenpreise in die Höhe treiben wird und die Anwendung somit unattraktiver macht. Auf Basis dieser Logik dürfen und müssen wir als europäische Industrie schon selbstbewusst sein.

Also ist das Rennen nicht verloren?

Was für ein Rennen? Wir müssen als Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig sein, um Wertschöpfung zu generieren und unsere Sozialsysteme am Laufen zu halten. Da haben wir noch gar nichts verloren. Verlieren ist gar keine Option! Ich frage mich oft, was aus unserem Selbstbewusstsein in Europa geworden ist. Das sehe ich viel optimistischer, und Industrial Intelligence ist das Schlagwort. Aber dann kommt natürlich die Folgefrage: Wie geht es uns mit den eigenen KI-Unternehmen, mit der Infrastruktur, mit den eigenen europäischen Modellen? Da stehen wir, wie generell im Thema Software, nicht besonders gut da. Es braucht jemanden, der investiert, und jemanden, der das dann auch nutzt, bevorzugt gegenüber Infrastruktur, die vielleicht günstiger ist und anfangs mehr kann. Damit das gelingt, braucht es wohl fast so etwas wie einen Orchestrator im europäischen KI-Konzert. Klug wäre ein progressiver Impuls der EU, aber nicht als weiterer Zwang, sondern indem die Nutzung europäischer Infrastruktur, beispielsweise für die öffentliche Beschaffung, besonders attraktiv wird. Ohne einen Masterplan wird das aber schwierig; die Hyperscaler sind bestens positioniert, brauchen die europäischen Kunden und werden nicht tatenlos zusehen, wie sich Europa plötzlich verselbstständigt.

Wo hängt umgekehrt die Welt an Europa?

Wir reden viel über die Abhängigkeit von den USA, China bzw. Asien. Wir reden leider ganz wenig darüber, dass diese Regionen genauso von uns abhängig sind. Bestes KI-Beispiel: ASML. Das niederländische Unternehmen hat das Herstellen von Mikroelektronik mit einem speziellen Lithografieprozess perfektioniert, im Zusammenspiel mit zwei weiteren europäischen Playern, Trumpf und Zeiss. Wir sind als Keba stolz, dass wir für Trumpf eine Subkomponente dieser faszinierenden Maschinen beisteuern dürfen. Ohne diese gäbe es keinen KI-Chip, keine Hochleistungs-GPUs. Was wir oft nicht am Radar haben: dass wir als europäische Hightech-Unternehmen mit unseren Technologien vieles möglich machen. Allerdings finden dann die Produktion und die Wertschöpfung leider zu oft in anderen Ländern statt.

Keba ist auch Teil der Initiative Digitale Souveränität. Was heißt Souveränität für ein Unternehmen mit 28 Standorten in 16 Ländern?

Für mich war letztes Jahr in Alpbach Hermann Hauser besonders inspirierend. Er hat die digitale Souveränität mit einer Zwiebel verglichen: Die globalen Tech-Giganten sind weltweit fest in Unternehmen und Prozessen verankert; es ist unrealistisch und naiv, sie komplett aus der Gleichung zu nehmen. Und sie sind für die äußere Zwiebelschicht auch in Ordnung. Doch je näher wir ins Innere der Zwiebel vorstoßen – und das können für jedes Unternehmen andere kritische Prozesse sein –, desto stärker muss man sich bei der aktuellen geopolitischen Lage fragen, in welcher Abhängigkeit man tatsächlich steht. Wir schauen uns unsere Prozesslandschaft an und entscheiden Fall für Fall. ERP zum Beispiel wandert in die Cloud, und da stellt man sich natürlich die Frage, auf welcher Infrastruktur Kernprozesse laufen sollen. Für unser Produktportfolio haben wir entschieden, weitestgehend agnostisch ins Rennen zu gehen, also technologisch offen zu bleiben und je nach Markt und Bedarf die passende Lösung zu wählen. Keba braucht auch Antworten für unsere amerikanischen und asiatischen Kunden.

Was Industrial Intelligence wirklich heißt

Industrial Intelligence steht inzwischen in jedem Wirtschaftsprogramm, vom Bund bis zur Stadt. Was ist damit gemeint?

Ja, das stimmt, Industrial Intelligence ist momentan in aller Munde, sogar im Wirtschaftsprogramm der Stadt Linz. Ich glaube, dass es jetzt etwas braucht, das den Begriff einordenbar macht, denn er darf nicht der nächste Hype-Begriff werden. Industrial Intelligence heißt ja nicht einfach, dass die Industrie irgendwo KI anwendet – es geht darum, mit KI Industriestandards zu erfüllen. Das bedeutet, hochverlässliche, wiederholbare Prozesse zu schaffen, in denen die KI nicht einfach „irgendetwas” tut, sondern kontrolliert in einem definierten Rahmen Arbeitsschritte besser, sicherer, schneller, günstiger oder einfach anders ermöglicht, als das bisher mit normalen Rechnern möglich war. In einer industriellen Produktion muss ein Prozess auch beim tausendsten Durchlauf noch stabil, sicher und reproduzierbar funktionieren. Genau dieser Anspruch unterscheidet Industrial Intelligence von vielen anderen KI-Anwendungen, bei denen ein gewisser Spielraum in den Ergebnissen eher akzeptabel ist.

. © Antje Wolm

Viele KI-Projekte, auch von Startups, sterben nicht am Algorithmus, sondern beim Produktionsleiter. Warum?

Weil man mit Daten, die gerade verfügbar sind oder gemacht werden, schnell einmal etwas bauen kann. Wenn man aber nachhaltig in die wertschöpfenden Prozesse hineinwill, dann wird das kein Produktionsleiter zulassen, solange nicht klar ist, dass es verlässlich funktioniert. Wenn ich KI so baue, dass sie mit verlässlich verfügbaren Daten arbeitet, also mit Daten, die im System entstehen oder zugeliefert werden, und daraus ein konkreter Nutzen erzeugt wird, etwa ein effizienteres Produktionssystem oder ein besserer Qualitätsprozess, dann habe ich verstanden, was die Industrie braucht. Heute werden für nette Prototypen oft eigens Daten zusammengestellt, die im späteren Betrieb so nicht zur Verfügung stehen. Das Verständnis dafür, wie die Industrie tickt, differenziert einen Industrial-AI-Anbieter von einem regulären IT-Unternehmen. In der Industrie braucht es wahre Domänenexpertise, sonst ist man in Prozessen nicht anknüpfungsfähig und kann KI nur zum Drüberstreuen verwenden. Und das mag kein Produktionsleiter.

Wo ist KI bei Keba bereits im laufenden Betrieb im Einsatz?

Beispielsweise in der Elektronikfertigung, das heißt, in der Bestückung von Leiterplatten zu Flachbaugruppen. Wir prüfen dort seit vielen Jahren jedes einzelne Produkt am Ende der Linie mittels AOI, also Automated Optical Inspection, und gleichen es mit einem definierten Sollbild ab. Das war früher ein statischer Prozess: War die Toleranz eng eingestellt, wurde alles aussortiert, was auch nur ein bisschen anders als das Sollbild aussah, und ein Mensch musste sich die Baugruppe noch einmal genauer ansehen. Das System hat dabei nicht dazugelernt. Heute lernt unser System über Machine Learning laufend dazu. Seit wir vor eineinhalb Jahren gestartet haben, sparen wir uns mittlerweile bis zu 70 Prozent unserer Qualitätsaufwendungen in diesem Prozess. Hätten wir aber niemanden gehabt, der zwischen unserem Produktionsleiter – hochkompetent in der Produktion, aber eben kein KI- oder IT-Experte – und unserem IT-Team übersetzt hätte, dann hätte die Produktion wohl gesagt: Lasst uns mit diesem Thema besser in Frieden. Ich bin stolz, dass wir diese Übersetzer- und Katalysator-Expertise im eigenen Unternehmen aufgebaut haben. Das macht vieles leichter; und schneller.

Vom Startup zur Keba Digital

Wann war KI bei Keba erstmals Thema?

Das ist schon lange her. Bereits Anfang der 90er-Jahre haben wir drei wissenschaftliche Kollegen in Hagenberg beschäftigt, die das Thema neuronale Netze für unsere Industriesteuerungen einsetzen wollten. Nach zwei Jahren haben wir es damals allerdings wieder beendet. In der Theorie war damals schon viel möglich, aber die Rechnerleistung war noch viel zu gering. Wir waren viel zu früh.

Der zweite Impuls kam vor rund neun Jahren von meinem Vorgänger, dem damaligen CEO Gerhard Luftensteiner: Wäre es nicht sinnvoll, Machine-Learning-Technologie direkt in unseren Steuerungen Cloud-unabhängig „on device” laufen zu lassen? Daraus ist unser erstes KI-Produkt entstanden, eine „On-Device-AI”-Erweiterung für unsere Industriesteuerungen; kurz darauf unser zweites KI-Produkt namens Kebob, ein KI-basiertes Überwachungs- und Assistenzsystem für Bankfoyers. Als dann der ChatGPT-Hype kam, war KI bei uns offen gesagt gar nichts besonders Aufregendes. Wir haben eher gesagt: Das ist jetzt das nächste Level.

Ihr habt mit Keba Digital eine eigene Einheit gegründet und dafür ein Linzer KI-Startup übernommen. Wie kam es dazu?

Was wir in allen unseren Business Units sehen, in der Industrial Automation, in der Handover Automation und auch in der Energy Automation, ist, dass der große technologische Differenzierungsfaktor zunehmend in der Software liegt. Deshalb war es der nächste logische Schritt, unsere jahrzehntelang aufgebaute Softwarekompetenz mit unserer über Jahre aufgebauten und mit dem Startup-Zukauf 7LYTIX verstärkten KI-Expertise zu verbinden und das Ergebnis im Rahmen eines neuen digitalen Businessmodells unter dem Titel Keba Digital auf den Markt zu bringen. Für Keba Digital haben wir Leute mit Erfahrung in softwarebasierten Geschäftsmodellen ins Unternehmen geholt, Positionierung und Strategie gemeinsam erarbeitet und sind nun mitten in der Umsetzung.

Und wohin soll sie?

Sie wird solide auf drei Säulen stehen: Nach innen als unternehmenseigenes KI-Kompetenzcenter für Keba-Produkte und -Prozesse, mit dem Anspruch „Keba als erster Industriekunde”. Das bringt Erfahrung und Glaubwürdigkeit. Nach außen gehen wir als zweite Säule mit industrieller KI in Branchen, die wir als Keba schon kennen, wo wir bereits Domänenwissen haben; oder auch in neue, wo wir mit KI einen Mehrwert generieren werden. Die dritte Säule ist eine KI-Plattform, mit der wir die Interaktion zwischen Mensch und Maschine, also HMI, ganz neu denken, hardwareunabhängig und somit hochskalierbar.

Es war vom ersten Tag an klar, dass hier etwas entsteht, das auch die drei angestammten Geschäftsbereiche nutzen können; und daher ist das in Bezug auf Industrial AI auch so authentisch: Wenn ich zu einem Industriekunden gehe und der fragt mich: „Was habt ihr denn selbst im Qualitätswesen gemacht?”, dann kann ich sagen: „Bei unserem Shopfloor laufen seit 18 Monaten KI-Modelle operativ.” So positionieren wir uns mit Keba Digital als erfahrener industrieller KI-Partner.


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