19.12.2025
KRYPTOBÖRSE

Bybit-EU-CEO über Standort Wien: „Erhalten hier sehr viel Unterstützung“

Interview. Die in Singapur gegründete Kryptobörse Bybit hat vergangenem Sommer ihren EU-Hauptsitz in Wien eröffnet. Im brutkasten-Interview zieht Bybit-EU-CEO Mazurka Zeng eine erste Bilanz.
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Makurza Zeng, CEO Bybit EU
Makurza Zeng, CEO Bybit EU | Foto: Bybit EU

Als Bybit vergangenen Herbst ankündigte, seine EU-Zentrale in Wien aufzubauen, sorgte dies über die österreichischen Kryptoszene hinaus für Aufmerksamkeit. Ende Mai folgte dann der nächste Schritt: Die Finanzmarktaufsicht (FMA) erteilte Bybit eine Lizenz gemäß der EU-Krypto-Regulierung Markets in Crypto Assets (MiCAR) (brutkasten berichtete). Damit darf die Börse ihre Dienste im Europäischen Wirtschaftsraum anbieten und auch bewerben.

Gemessen am Handelsvolumen gehört ByBit zu den größten Kryptobörsen der Welt und wird je nach Datenanbieter manchmal sogar als zweitgrößter Handelsplatz hinter Binance geführt. ByBit wurde in Singapur gegründet, der internationale Hauptsitz liegt mittlerweile aber in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Im Juli stellte Bybit sein Wiener Büro offiziell vor und präsentierte das EU-Leadership-Team rund um EU-CEO Mazurka Zeng (brutkasten berichtete). Aktuell arbeiten rund 20 Personen für Bybit in Wien, langfristig soll die Zahl bis auf 100 anwachsen.


brutkasten: Bybit hat im Juli das Büro in Wien offiziell eröffnet. Was ist dein erstes Fazit nach diesen ersten Monaten in Wien?

Mazurka Zeng: Wir haben das Gefühl, dass wir hier sehr viel Unterstützung erhalten. Wir haben unseren Dienst sehr erfolgreich gestartet, nachdem wir Ende Mai die MiCAR-Lizenz erhalten hatten. Im Juli erfolgte dann der offizielle Start. Im September haben wir zudem mit der Bybit Card ein sehr erfolgreiches Produkt eingeführt.

Nach diesem Prozess haben wir nun eine erste Version unseres Produktangebots, um Neueinsteiger abzuholen und ihnen bei ihren ersten Krypto-Investments zu helfen. Das ist ein sehr wichtiger Rahmen, den wir bisher aufgebaut haben. 

Wir haben aber auch einen mittel- und langfristigen Plan. Wir wollen das Geschäft in Österreich aufbauen, um die hier vorhandene „Sandbox“ zu nutzen und unsere global erfolgreichen Finanzinstrumente auch hierher zu bringen.

Du hast jetzt die MiCAR-Lizenz erwähnt, die Bybit in Österreich erhalten hat. Wie schwierig war es, diese Lizenz in Österreich zu bekommen?

Es war nicht einfach. Das ist auch das erste Mal, das wir so etwas gemacht haben. Es gibt da kein Lehrbuch, dem man folgen kann. Wir haben also unsere globale Erfahrung angewendet – insbesondere unsere sehr guten AML-Verfahren (Anti-Geldwäsche) und unsere Risikokontrollrichtlinien – und diese mit den lokalen gesetzlichen Bestimmungen kombiniert. Mit der Hilfe unserer Rechtsberater haben wir sehr große Anstrengungen unternommen, um die Lizenz zu erhalten.

Wie ist euer Eindruck von der Zusammenarbeit mit der zuständigen Behörde in Österreich, der Finanzmarktaufsicht (FMA)?

Zu meiner Überraschung waren sie sehr unterstützend. Unsere frühere Annahme war, dass der Umgang mit einer Regulierungsbehörde nicht so einfach ist, weil man oft denkt, sie verstehen das “große Ganze” nicht. Aber sie gaben uns sehr wichtige Leitlinien vor. 

Wie lange hat der Prozess gedauert, bis Wien als EU-Hauptsitz feststand?

Die Wahl für den europäischen Hauptsitz ist ein langfristiger Prozess. Unser Gründer Ben Zhou hat ebenfalls mit vielen Regulierungsbehörden und Beratern gesprochen, um Meinungen einzuholen. 

Auch wenn es am Ende wie eine schnelle Entscheidung wirkte, ging dem eine lange Überlegungszeit voraus – mehr als ein Jahr. Wir haben aber schon vor langer Zeit beschlossen, dass Europa definitiv ein sehr wichtiger Markt für uns ist und haben einen langfristigen Plan erstellt.

Wie blickt Bybit generell auf die MiCAR?

Ich weiß, dass es Meinungen gibt, dass Regulierung Sorgen bezüglich Steuern oder anderer Einschränkungen mit sich bringt. Aber für uns als Börse ist langfristig definitiv ein Compliance-Rahmenwerk nötig, um das Geschäft zu regeln. Nach meinem persönlichen Verständnis hat MiCAR sehr strikte Richtlinien für den Verbraucherschutz und die Risikokontrolle. Kombiniert mit europäischen Regelungen wie DORA oder ICT-Richtlinien entsteht ein Rahmenwerk, das Investor:innen und Nutzer:innen langfristig ein sichereres Gefühl gibt.

Kurzfristig betrachtet gibt es natürlich Herausforderungen oder Hindernisse, die zu überwinden sind. Aber langfristig sehe ich es positiv. Das EU-Compliance-Rahmenwerk spielt weltweit eine sehr wichtige Rolle, da viele Regulierungsbehörden in anderen Ländern nun ansehen, was die EU getan hat, und welche Erfahrungen sie daraus ziehen können.

Du hast bereits die Bybit-Card erwähnt, die seit September auch Österreich am Markt ist wurde. Wie groß ist der Use Case Payment mit Kryptowährungen generell?

Es ist ein riesiger Markt. Nicht nur beschränkt auf Karten, sondern Krypto-Zahlungen allgemein. Ein Beispiel dazu: In Brasilien oder einigen lateinamerikanischen Ländern machen Zahlungen mit Stablecoins bereits 80 bis 90 Prozent aus. Das ist enorm. Warum brauchen die Leute das? Weil traditionelle Zahlungen oft hohe Kosten und geringe Effizienz bedeuten. Auch grenzüberschreitende Überweisungen dauern oft länger.

Wenn wir diesen Fall auf die EU übertragen: Wenn man zwischen verschiedenen lokalen Währungen transferieren muss, ist das manchmal immer noch ein Schmerzpunkt – man muss Swift oder ähnliches nutzen. Beim Euro ist es besser, weil es das SEPA-Netzwerk gibt. Aber wenn man darüber nachdenkt, kann man das mit Stablecoins kombinieren und diese auch für grenzüberschreitende Transfers nutzen. Das Volumen ist riesig.

Wie genau funktioniert die Karte? Wenn ich zum Beispiel im Supermarkt bezahle, was passiert technisch?

Man kann an jedem POS-Terminal bezahlen, der ein Mastercard-Label hat. Zuvor hat man seine Assets auf die Karte geladen, entweder Krypto oder Fiat, und bei der Zahlung in Krypto wird in Fiat getauscht. Wir führen einen Echtzeit-Swap durch und ziehen den Betrag in Fiat-Währung ab. Man könnte es als eine fortschrittliche Debitkarte betrachten. Derzeit unterstützen wir hauptsächlich acht Kryptowährungen.

Aber ist die Zahlung ein steuerpflichtiges Ereignis, d.h. verkaufe ich technisch gesehen eine Kryptowährung und muss damit unter bestimmten Bedingungen Kapitalertragssteuer abführen?

Ja, es ist ein Steuerereignis. Aber wir berichten diese Transaktionen für Kunden in Österreich automatisch. Der Kunden muss nur bezahlen, wir machen den Rest. 

Und ganz konkret auf Bybit bezogen: Welche Rolle spielt der Krypto-Use-Case Payment, verglichen mit dem Use Case Trading? Wie wichtig ist er?

Ich denke, es ist 50/50. Wir haben festgestellt, dass Nutzer:innen unterschiedliche Portfolios haben. Manche Nutzer sind Basis-Investor:innen. Sie wissen, wie man richtig auf der Plattform investiert, wollen aber nur Assets halten. Andere Nutzer:innen sind professionelle Trader:innen. Sie bevorzugen fortschrittliche Trading-Tools.

Aber was Zahlungen angeht: Ich denke, die meisten Nutzer:innen, die Krypto-Assets halten, wollen diese auch ausgeben. Viele Trader:innen auf unserer Plattform lieben diese Karte, weil sie sich leicht mit ihrem täglichen Leben verbinden lässt. Sie können das, was sie verdient haben, einfach tauschen und ausgeben. Früher mussten sie auf einer Plattform die Gewinne liquidieren, sie auf die Bank verschieben und dann mit einer Debitkarte ausgeben. Wir haben das mit nur einer Karte zusammengeführt.

In welchen Märkten in Europa siehst du Wachstumspotenzial für Bybit?

Mazurka Zeng in der Bybit-Europazentrale in Wien im Interview mit brutkasten-Chefredakteur Dominik Meisinger
Mazurka Zeng (rechts) in der Bybit-Europazentrale in Wien im Interview mit brutkasten-Chefredakteur Dominik Meisinger | Foto: Bybit EU

Westeuropäische Länder sind sehr reife Märkte, viele Menschen kennen Krypto. Daher ist es eine gute Chance für uns, ihnen professionelle Produkte anzubieten. Viele haben früher Mining betrieben, wollen aber nun wissen, wie sie mit den Assets umgehen können. Also bringen wir ihnen verschiedene Produkte näher, wie die Tokenisierung von Assets. In der Zukunft wollen sie vielleicht strukturierte Produkte handeln oder Krypto mit traditionellen Investments kombinieren.

In osteuropäischen Ländern sind sie offener und flexibler. Einige bevorzugen neue Token-Listings, wollen High-Yield- oder Hebelprodukte.

Würdest du sagen, dass der typische Bybit-Kunde im Moment jemand ist, der schon recht stark im Krypto-Bereich verankert ist?

Es sind eher Neueinsteiger. Da wir unser Compliance-Rahmenwerk gerade erst aufgebaut haben, können wir jetzt das Marketing aggressiver betreiben. Unser neues Produktmodell ist attraktiver für Neueinsteiger. Da wir früher keine Werbung gemacht haben, wussten viele gar nicht, was Bybit ist.

Einige neue Kunden, wie Family Offices oder privates Kapital, sind nun aber interessiert, weil wir eine MiCAR-Lizenz haben. Sie sehen uns als sichereren Service. Es gibt aber auch bestehende, erfahrene Trader, die eher noch abwartend sind, weil sie sehen möchten, welche Produkte für fortschrittlichere Trader wir in Zukunft anbieten können. Deshalb treiben wir unsere Produktentwicklung sehr aggressiv voran.

Du hast jetzt Family Offices erwähnt. Wie wichtig ist die Zielgruppe der institutionellen Investoren perspektivisch für Bybit? Aktuell hat Bybit noch kein spezifisches Angebot für institutionelle Investoren in Europa, richtig? 

Genau, aber es ist in unserem Plan. Basierend auf meiner langjährigen Erfahrung im europäischen Geschäft muss ich sagen, dass das ein großer Markt ist. Sie halten Vermögenswerte, und immer mehr von ihnen wollen diese tokenisieren und einen Teil als Krypto-Assets in ihrem Portfolio halten. Sie betrachten das bereits als Teil ihrer Asset-Management-Lösung. Auch für Broker oder Treasury-Manager ist das interessant. Ich denke also, es ist ein gutes Geschäft und macht ein großes Volumen aus.

Du hast das Thema Tokenisierung von bestehenden Assets angesprochen. Welche Entwicklungen erwartest du in dieser Hinsicht, was bringt bringt die Zukunft?

In Europa wollen viele traditionelle Finanzinstitute Assets konvertieren und mit Krypto kombinieren. Sie sind sehr daran interessiert. Das ist nicht auf Europa beschränkt, sondern passiert weltweit. Für uns als lizenzierte Börse ist das auch eine gute Gelegenheit, weil wir unter demselben Compliance-Rahmenwerk stehen. 

Wenn wir uns mit anderen Playern im Ökosystem zusammentun, ist das eine sehr gute Lösung für uns alle. Einerseits verbessert es die Effizienz der veranlagten Gelder, andererseits ermöglichen wir mehr Nutzern den Handel. Es ist ein Win-Win-Modell.

Die vergangenen Wochen waren am Kryptomarkt ziemlich schwierig. Wie bewertest du die Entwicklungen am Markt?

Wir halten das für recht normal, wir sind ja auch schon lange im Krypto-Geschäft. Aber aus unserer Perspektive bedeutet eine Marktbewegung oft auch eine Chance. Nach der Abwärtsbewegung sehen wir oft, dass die Werte wieder nach oben gehen, weil Investoren auf ein gutes Timing warten. Ich hoffe, dass der Markttrend am Ende dieses Quartals wieder nach oben geht. Aber basierend auf den politischen Entwicklungen in den USA sind wir langfristig positiv gestimmt.

Welche Entwicklungen erwartest du im Krypto-Bereich generell in den kommenden Jahren?

Ich möchte das in drei Dimensionen beantworten. Die erste Dimension betrifft die Infrastruktur und unser Compliance-Rahmenwerk. Das nächste Jahr ist dabei wichtig. Ende dieses Jahres werden viele Börsen, wenn sie keine MiCA-Lizenz haben, vor Herausforderungen stehen. Das gibt den Regulierungsbehörden mehr Druck, das Rahmenwerk aufzubauen. Wir freuen uns darauf, denn das bedeutet auch, dass wir einen „First-Mover“-Vorteil in Österreich haben.

Die zweite Perspektive ist die Kooperation mit traditionellen Finanzinstituten, zum Beispiel Banken. Ich denke, dass immer mehr Krypto-Börsen hierherkommen und Rahmenwerke aufbauen, ist wichtig, denn derzeit haben Banken noch sehr konservative Haltungen gegenüber Krypto-Börsen. Wenn wir ein sehr reifes Rahmenwerk aufbauen, bedeutet das mehr Zusammenarbeit mit Banken und Finanzinstituten. Das kann attraktivere Modelle schaffen, besonders wenn diese ihren Kunden Krypto-Dienste anbieten wollen. Die Grenzen zwischen Krypto- und Bankprodukten werden noch mehr verschwimmen.

Der dritte Punkt betrifft die gesamte Branche. Man muss Themen wie Zahlungen und RWA (Real World Assets) kombinieren und über EU-Länder hinweg zusammenarbeiten. Das kann mehr Einfluss für die gesamte Branche schaffen. Aber für diese Infrastruktur brauchen wir Stablecoins – besonders für Emittenten muss das reifer werden und Liquiditätsprobleme lösen. Auch bei Zahlungen müssen Hindernisse gelöst werden, und bei RWA müssen Lizenz- und Tokenisierungsfragen geklärt werden. Diese Probleme lassen sich nicht einfach in einem Jahr lösen. Vielleicht sehen wir in den nächsten zwei Jahren, wenn wir die Infrastruktur aufgebaut haben, einen Krypto-Boom, der von Europa ausgeht.

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Fedor Holz | (c) Haris Dervisevic / brutkasten
Fedor Holz | (c) Haris Dervisevic / brutkasten

Mit Anfang 20 führte er die Poker-Weltrangliste an und erspielte insgesamt Preisgelder im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Doch nach nur wenigen Jahren widmete sich Fedor Holz anderen Herausforderungen. Seine zwei Startups gründete der deutsche Wahl-Wiener in der österreichischen Hauptstadt. Als Investor stieg er bei rund 30 Startups und 20 Fonds ein. Die daraus gewonnene Expertise setzt er nun gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner Christoph Zöller im Fund of Funds „Drafted Ventures“ mit Sitz im deutschen Heidelberg um. Im Interview erzählte uns Holz mehr über seine Beweggründe und seine Strategie.


brutkasten: Du hast als Poker-Spieler internationale Bekanntheit erlangt . Vor zehn Jahren hast du dann zum ersten Mal ein Unternehmen gegründet. Wie war das damals?

Fedor Holz: Genau, da war ich sehr unerfahren. Ich war Anfang 20 und wir hatten eine ganz typische Startup-Reise. Ich habe mit dem Pokern aufgehört und meine erste Firma gegründet: Primed Mind. Das war sehr ähnlich zu Headspace [Anm. bekannte Meditations-App], die eine starke Konkurrenz waren. Wir hatten eine sehr gute Anfangs-Traction. Dann haben wir die Series A nicht bekommen, das Blatt aber noch gedreht und die Firma profitabel gemacht, bevor ich den Großteil meiner Anteile verkauft habe.

Die zweite Gründung, Pokercode, folgte 2019. Das war ein ganz anderer Hintergrund und rund um meine eigene Brand aufgebaut. Aus dem anfänglichen Masterclass-Kurs wurde ein breiteres Produkt und schließlich eine Mitgliedschaft. Kurzfristig hat uns das Umsatz gekostet, langfristig hat es das Produkt deutlich besser gemacht. Das Team führt das heute komplett eigenständig und ich bin seit zwei Jahren operativ nicht mehr involviert.

Du hast in dieser Zeit aber auch Einzel-Business-Angel-Investments in Startups gemacht, oder?

Ich habe mittlerweile wirklich viele Investments gemacht. Ich schätze es sind etwa 30 Direktinvestments und 20 Fondsinvestments über die letzten zehn Jahre.

Und nun gründest du selbst einen VC-Fonds, genauer gesagt einen Fund of Funds. Was kannst du uns dazu erzählen?

Das ist aus meiner eigenen Investmentstrategie heraus gewachsen. Als ich mit Anfang 20 sehr viel Geld beim Pokern verdiente, verspürte ich einen großen Druck, dieses Vermögen sinnvoll anzulegen. Aktien und Private Equity wirkten auf mich etwas altbacken, Venture Capital schien mir dagegen viel näher an den Gründern zu sein – in deren Rolle ich mich potenziell auch selbst sah.

Über die letzten zehn Jahre habe ich als Investor und Gründer viel gelernt. Beim Pokern ist es sehr wichtig, Vergleichswerte zu kalibrieren: Was ist gut, was ist herausragend? Genau diese Vergleichswerte fehlten mir anfangs. Erst mit der Zeit habe ich besser einschätzen können, wie ein wirklich guter Founder oder Investor aussieht. Heute liegt meine Messlatte hoch. Ich möchte viele gute potenzielle Investments sehen und nur die besten daraus auswählen.

Dabei habe ich gemerkt, dass für mich Fondsinvestments sinnvoller sind. Mit einzelnen Direktinvestments bin ich weit weg von einer statistisch relevanten Strategie. Deshalb habe ich gemeinsam mit meinem guten Freund Christoph Zöller unseren Dach-Fonds Drafted Ventures gestartet. Wir haben gerade unser First Closing mit 15 Millionen gezeichnet; das Hardcap liegt bei 25 Millionen. Wir werden jeweils rund eine Million Euro in etwa 20 der besten frühphasigen Venture-Capital-Fonds investieren. Wenn diese wiederum in je 20 Companies investieren, haben wir ein Portfolio von 400 Startups. Das bringt eine hervorragende Streuung und ermöglicht es, eine deutlich diversifiziertere VC-Allokation zu haben.

Heißt das, du wirst keine Direct Investments in Startups mehr machen?

Teilweise ja, wir schließen es nicht komplett aus. Wir machen über unseren Fonds gezielte Co-Investments in Portfolio-Companies unserer Fondsmanager. Ein Beispiel ist unsere Beteiligung an Conduct AI, die für alte SAP-Systeme einen „Explainable Layer“ mit KI bauen. Da ein uns sehr naher Fonds dort der erste Investor war, hatten wir früh tiefe Einblicke und Vertrauen auf beiden Seiten. Wir investieren hier nicht in der Pre-Seed-Phase, sondern in wachstumsstarke Firmen mit Millionenumsätzen.

Private Ausnahmen, die nicht in dieses Profil passen, mache ich weiterhin über eigene Vehikel. Das ist aber nur noch ein kleiner Teil, da mein Fokus auf dem Fonds liegt.

Wie bist du als Privatinvestor? 30 Portfolio-Companies können ja extrem viel Arbeit sein. Wie aktiv bist du da involviert?

Man muss bedenken, dass sich das über einen langen Zeitraum aufgebaut hat und manches auch schon abgeschrieben ist. Ich pflege zu zwei oder drei Gründern eine sehr enge Beziehung mit regelmäßigem Austausch. Bei den restlichen bin ich eher passiv und bringe mich nur ein, wenn konkrete Themen oder Probleme aufkommen.

Wird euer Fund of Funds in Europa oder global investieren?

Wir zielen auf 50 Prozent Europa und 50 Prozent USA ab, mit einer kleinen Allokation für spannende Märkte wie Lateinamerika, Israel oder Indien. Da wir extrem return-getrieben sind, suchen wir weltweit nach den absolut besten Early-Stage-Investoren.

Ein wichtiges Kriterium: Wir investieren nur in Fonds unter 100 Millionen Dollar Volumen. Außerdem schließen wir Fonds mit einem Investmentkomitee (IC) aus. Unsere These basiert auf der herausragenden Qualität einzelner Manager. In Komitees entsteht oft Bias; häufig setzt sich einfach die lauteste Person durch oder es werden nur „sichere“, konsensfähige Deals durchgewunken. Bridgewater analysiert nicht umsonst seine Meetings mit KI, um diesen Bias zu vermeiden. Deshalb fokussieren wir uns auf Solo-GPs oder Zweier-Teams, wo die finale Entscheidung direkt bei den Managern liegt. Strukturell bedeutet das, dass diese Fonds meistens zwischen 10 und 50 Millionen groß sind, mit wenigen größeren Ausnahmen.

Sind da viele First-Time Fund Manager dabei?

Ja, von unseren bisherigen neun Commitments sind drei First-Time Manager. Wir investieren grundsätzlich in keine Fonds, die älter als die dritte Generation sind. Über 10 bis 15 Jahre einen absoluten Top-Dealflow aufrechtzuerhalten, ist ein ziemlicher Grind. Zudem ist Venture Capital auch eine Altersfrage: Der Zugang zur jeweils nächsten Founder-Generation ist ein eigener Skill, den nicht jeder über 15 Jahre hält. 

Was ist dabei euer eigener Wettbewerbsvorteil, eure Edge?

Unsere Edge ist, dass wir einen starken Dealflow haben und oft den Aufwand betreiben, den andere scheuen. Ich kenne nicht viele europäische Investoren mit exzellenten US-Connections, weil das ständige Präsenz vor Ort erfordert. In Amerika sind die Intensität und die „Capital Velocity“ – die Geschwindigkeit, mit der sich Geld bewegt – viel höher. 

Wenn beispielsweise ein 24-Jähriger aus dem OpenAI-Umfeld einen 10-Millionen-Fonds auflegt und Top-Leute investieren, wollen wegen des Signaling-Effekts plötzlich viele andere rein. In solchen stark umkämpften Situationen geht es nur über echte Beziehungen und Schnelligkeit. Diesen extremen Wettbewerb auf der LP-Seite gibt es in Europa selten.

Gehen andere LPs das Ganze vielleicht manchmal zu unprofessionell an?

Viele Investoren machen Investments nicht in Vollzeit und investieren in vereinzelte Startups oder Fonds aus ihrem nahen Umfeld. Dementsprechend fehlt es oft an Dealqualität und Diversifikation. Wenn dann nicht ein glücklicher Treffer dabei ist, dann geht die Motivation weiter zu investieren leider oft verloren. Das ist völlig verständlich, niemand macht das nebenbei gut – genau die Lücke wollen wir schließen.

In dieser Größenordnung, wo wirklich alles am GP liegt, kann man das wahrscheinlich mit der Seed-Phase eines Startups vergleichen…

Der Vergleich passt sehr gut. Das Durchschnittsalter unserer Manager liegt zwischen 28 und 35 Jahren. Sie brauchen den Biss eines Gründers, aber eben auch schon echte Erfahrung und Kompetenz. Wir mögen Ex-Founder, die zehn Jahre operativ gearbeitet haben und jetzt zum Beispiel Biotech-Startups in Boston scouten. Aber auch ehemalige Investoren von Top-Fonds wie Sequoia, die sich selbstständig machen, passen in unser Profil.

Sind auch Leute mit Domänenexpertise, zum Beispiel ein ehemaliger Top-Manager in der Pharmaindustrie, gute Fund Manager?

Ein bestimmtes Profil garantiert noch keinen Erfolg. Das Wichtigste ist, dass der Manager einen sehr hohen Qualitätsanspruch hat, mit den Foundern connecten kann und ihre Sprache spricht. Ein Investor, der frische MIT-Absolventen sucht, braucht einen anderen Zugang als jemand, der in etablierte „Second Time Founder“ Mitte 30 investiert.

Das zeigt, dass es ein extremes „People Business“ ist…

Absolut, aber Soft Skills sind am Ende nur Multiplikatoren. Die Basis ist opportunistisches Denken und die Fähigkeit, Qualität schnell zu erkennen. Die Qualitäten eines guten Investors unterscheiden sich von denen eines guten Gründers.

Hummingbird Ventures, die über mehrere Fondsgenerationen fantastische Returns erzielen, suchen zum Beispiel ganz gezielt nach „unbequemen“, edgy Gründern, mit denen man vielleicht nicht unbedingt ein Bier trinken gehen möchte, die aber sofort zur Sache kommen. Als Investor musst du nicht unbedingt 70 Stunden arbeiten, sondern kannst in 40 fokussierten Stunden viel Wert für dein Portfolio liefern. Die einzelnen Investmententscheidungen sind ausschlaggebend. Außerdem ist es ein hartes Signaling- und Reputations-Spiel, bei dem du im Wettbewerb mit anderen Investoren die besten Deals gewinnen musst.

Beurteilst du die Fondsinvestments ausschließlich nach dem potenziellen Return, oder gibt es technologische Spezifikationen, etwa dass ihr nur in KI oder Quantencomputer investiert?

Wir investieren hauptsächlich in Frontier-Technologie-Fonds und achten dabei primär auf zwei Säulen: die Investmentfähigkeit des Managers und strukturelle Vorteile.

Erstens brauchen wir Manager, die dank eines großen Erfahrungsschatzes Qualität sofort erkennen, sich aber nicht blind in Startups verlieben, sondern gleichzeitig das Pricing im Blick behalten. Wenn du 500 Optionen siehst, macht es einen enormen Unterschied, ob du auf einer Bewertung von 15 oder 30 Millionen investierst. Zudem müssen die Manager in der Lage sein, mit wenig Zeiteinsatz großen Wert zu stiften, etwa durch hochkarätige Introductions für neue Mitarbeiter oder zu guten Funds für Follow-on-Runden.

Zweitens suchen wir immer nach strukturellen Marktvorteilen. Das kann ein geografischer Vorteil sein, wie etwa in Boston: Dort gibt es Top-Talente, aber einige der großen Tier-1-VCs haben ihren Fokus auf San Francisco gelegt, wodurch die Bewertungen im direkten Vergleich niedriger sind. Ähnliches gilt für Indien, wo exzellent ausgebildete Tech-Talente günstig zu finden sind. Bringst du so einen Founder in die USA, hast du sofort einen potenziellen Bewertungs-Uplift. Solche strukturellen asymmetrischen Vorteile wollen wir sehen – so wie Y Combinator extrem günstig an gute Assets kommt, weil ihre Finanzierungsstruktur ihnen einen riesigen Wettbewerbsvorteil bietet.

Wie macht ihr bei kleineren Fonds, die kaum Marketingbudgets haben, überhaupt das Sourcing? Wie findet ihr die global?

Marketing spielt bei uns keine relevante Rolle. Zu 70 Prozent läuft das über direkte Relationships. Die Incentives sind perfekt aligned: Wenn unsere GPs einen anderen brillanten Fondsmanager treffen, stellen sie ihn uns vor. Auf der LP-Ebene sind sie ja keine Konkurrenten. Wir bekommen durch unser Netzwerk von mehreren Dutzend Leuten so viele gute Intros, dass wir unsere Pipeline straff managen und den Großteil absagen müssen.

Ist das eine aktuelle Dynamik, dass es mehr spezialisierte kleine Fonds geben wird und nicht mehr so große Strukturen?

Zum Teil schon, aber kleine Fonds haben es aktuell auch sehr schwer beim Fundraising, weil die Qualität heute viel härter hinterfragt wird. Wer heute in Deutschland einen 100- bis 200-Millionen-Fonds für Series-A-Runden auflegt, konkurriert bei Top-Startups direkt mit amerikanischem Geld.

Da stellt sich schnell die Frage nach der echten Edge. Generalistische Fonds haben oft kein starkes Signal mehr im Markt und Investoren werden skeptisch, wenn nach zehn Jahren die Rendite ausbleibt. Venture Capital verzeiht Mittelmäßigkeit nicht: Ein durchschnittlicher Fonds liefert am Ende nur die Rendite des Aktienmarkts oder weniger, allerdings mit deutlich höherem Risiko. Nur die echten Outlier bringen die Performance, für die sich das Risiko lohnt. Genau deshalb ist Selektion alles und genau das ist unser Fokus.

Wer sind die LPs bei euch?

Ohne Namen zu nennen: Es ist ein Mix aus erfahrenen Unternehmern – Leuten, die selbst Firmen aufgebaut und verkauft haben –, Family Offices und Menschen aus unserem langjährigen Umfeld, die unsere Entwicklung von Anfang an verfolgt haben. 

Zum Abschluss: Was hast du als Ziele definiert?

Mein Ziel ist es, mittelfristig einen zweiten größeren Fonds aufzulegen. Ich möchte das aber nicht künstlich aufblähen; wir wollen die Entscheidungen so lange wie möglich zu zweit oder maximal zu dritt treffen und dafür einfach größere Tickets schreiben und uns stetig weiterentwickeln.

Für unsere Investoren wollen wir das Maximum herausholen. Wir als GPs haben 1,5 Millionen Euro eigenes Geld investiert und haben eine Hurdle Rate von 8 Prozent eingebaut. Das heißt, erst wenn unsere Investoren mehr als 8 Prozent jährliche Rendite machen, greift unsere Gewinnbeteiligung überhaupt. Mich würde selbst kein Vehikel interessieren, bei dem den Leuten nur Gebühren aus der Tasche gezogen werden. Es ist absolut leistungsorientiert: Wenn wir einen guten Fonds bauen, haben alle Spaß – wenn nicht, dann eben nicht.

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