19.12.2025
KRYPTOBÖRSE

Bybit-EU-CEO über Standort Wien: „Erhalten hier sehr viel Unterstützung“

Interview. Die in Singapur gegründete Kryptobörse Bybit hat vergangenem Sommer ihren EU-Hauptsitz in Wien eröffnet. Im brutkasten-Interview zieht Bybit-EU-CEO Mazurka Zeng eine erste Bilanz.
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Makurza Zeng, CEO Bybit EU
Makurza Zeng, CEO Bybit EU | Foto: Bybit EU

Als Bybit vergangenen Herbst ankündigte, seine EU-Zentrale in Wien aufzubauen, sorgte dies über die österreichischen Kryptoszene hinaus für Aufmerksamkeit. Ende Mai folgte dann der nächste Schritt: Die Finanzmarktaufsicht (FMA) erteilte Bybit eine Lizenz gemäß der EU-Krypto-Regulierung Markets in Crypto Assets (MiCAR) (brutkasten berichtete). Damit darf die Börse ihre Dienste im Europäischen Wirtschaftsraum anbieten und auch bewerben.

Gemessen am Handelsvolumen gehört ByBit zu den größten Kryptobörsen der Welt und wird je nach Datenanbieter manchmal sogar als zweitgrößter Handelsplatz hinter Binance geführt. ByBit wurde in Singapur gegründet, der internationale Hauptsitz liegt mittlerweile aber in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Im Juli stellte Bybit sein Wiener Büro offiziell vor und präsentierte das EU-Leadership-Team rund um EU-CEO Mazurka Zeng (brutkasten berichtete). Aktuell arbeiten rund 20 Personen für Bybit in Wien, langfristig soll die Zahl bis auf 100 anwachsen.


brutkasten: Bybit hat im Juli das Büro in Wien offiziell eröffnet. Was ist dein erstes Fazit nach diesen ersten Monaten in Wien?

Mazurka Zeng: Wir haben das Gefühl, dass wir hier sehr viel Unterstützung erhalten. Wir haben unseren Dienst sehr erfolgreich gestartet, nachdem wir Ende Mai die MiCAR-Lizenz erhalten hatten. Im Juli erfolgte dann der offizielle Start. Im September haben wir zudem mit der Bybit Card ein sehr erfolgreiches Produkt eingeführt.

Nach diesem Prozess haben wir nun eine erste Version unseres Produktangebots, um Neueinsteiger abzuholen und ihnen bei ihren ersten Krypto-Investments zu helfen. Das ist ein sehr wichtiger Rahmen, den wir bisher aufgebaut haben. 

Wir haben aber auch einen mittel- und langfristigen Plan. Wir wollen das Geschäft in Österreich aufbauen, um die hier vorhandene „Sandbox“ zu nutzen und unsere global erfolgreichen Finanzinstrumente auch hierher zu bringen.

Du hast jetzt die MiCAR-Lizenz erwähnt, die Bybit in Österreich erhalten hat. Wie schwierig war es, diese Lizenz in Österreich zu bekommen?

Es war nicht einfach. Das ist auch das erste Mal, das wir so etwas gemacht haben. Es gibt da kein Lehrbuch, dem man folgen kann. Wir haben also unsere globale Erfahrung angewendet – insbesondere unsere sehr guten AML-Verfahren (Anti-Geldwäsche) und unsere Risikokontrollrichtlinien – und diese mit den lokalen gesetzlichen Bestimmungen kombiniert. Mit der Hilfe unserer Rechtsberater haben wir sehr große Anstrengungen unternommen, um die Lizenz zu erhalten.

Wie ist euer Eindruck von der Zusammenarbeit mit der zuständigen Behörde in Österreich, der Finanzmarktaufsicht (FMA)?

Zu meiner Überraschung waren sie sehr unterstützend. Unsere frühere Annahme war, dass der Umgang mit einer Regulierungsbehörde nicht so einfach ist, weil man oft denkt, sie verstehen das “große Ganze” nicht. Aber sie gaben uns sehr wichtige Leitlinien vor. 

Wie lange hat der Prozess gedauert, bis Wien als EU-Hauptsitz feststand?

Die Wahl für den europäischen Hauptsitz ist ein langfristiger Prozess. Unser Gründer Ben Zhou hat ebenfalls mit vielen Regulierungsbehörden und Beratern gesprochen, um Meinungen einzuholen. 

Auch wenn es am Ende wie eine schnelle Entscheidung wirkte, ging dem eine lange Überlegungszeit voraus – mehr als ein Jahr. Wir haben aber schon vor langer Zeit beschlossen, dass Europa definitiv ein sehr wichtiger Markt für uns ist und haben einen langfristigen Plan erstellt.

Wie blickt Bybit generell auf die MiCAR?

Ich weiß, dass es Meinungen gibt, dass Regulierung Sorgen bezüglich Steuern oder anderer Einschränkungen mit sich bringt. Aber für uns als Börse ist langfristig definitiv ein Compliance-Rahmenwerk nötig, um das Geschäft zu regeln. Nach meinem persönlichen Verständnis hat MiCAR sehr strikte Richtlinien für den Verbraucherschutz und die Risikokontrolle. Kombiniert mit europäischen Regelungen wie DORA oder ICT-Richtlinien entsteht ein Rahmenwerk, das Investor:innen und Nutzer:innen langfristig ein sichereres Gefühl gibt.

Kurzfristig betrachtet gibt es natürlich Herausforderungen oder Hindernisse, die zu überwinden sind. Aber langfristig sehe ich es positiv. Das EU-Compliance-Rahmenwerk spielt weltweit eine sehr wichtige Rolle, da viele Regulierungsbehörden in anderen Ländern nun ansehen, was die EU getan hat, und welche Erfahrungen sie daraus ziehen können.

Du hast bereits die Bybit-Card erwähnt, die seit September auch Österreich am Markt ist wurde. Wie groß ist der Use Case Payment mit Kryptowährungen generell?

Es ist ein riesiger Markt. Nicht nur beschränkt auf Karten, sondern Krypto-Zahlungen allgemein. Ein Beispiel dazu: In Brasilien oder einigen lateinamerikanischen Ländern machen Zahlungen mit Stablecoins bereits 80 bis 90 Prozent aus. Das ist enorm. Warum brauchen die Leute das? Weil traditionelle Zahlungen oft hohe Kosten und geringe Effizienz bedeuten. Auch grenzüberschreitende Überweisungen dauern oft länger.

Wenn wir diesen Fall auf die EU übertragen: Wenn man zwischen verschiedenen lokalen Währungen transferieren muss, ist das manchmal immer noch ein Schmerzpunkt – man muss Swift oder ähnliches nutzen. Beim Euro ist es besser, weil es das SEPA-Netzwerk gibt. Aber wenn man darüber nachdenkt, kann man das mit Stablecoins kombinieren und diese auch für grenzüberschreitende Transfers nutzen. Das Volumen ist riesig.

Wie genau funktioniert die Karte? Wenn ich zum Beispiel im Supermarkt bezahle, was passiert technisch?

Man kann an jedem POS-Terminal bezahlen, der ein Mastercard-Label hat. Zuvor hat man seine Assets auf die Karte geladen, entweder Krypto oder Fiat, und bei der Zahlung in Krypto wird in Fiat getauscht. Wir führen einen Echtzeit-Swap durch und ziehen den Betrag in Fiat-Währung ab. Man könnte es als eine fortschrittliche Debitkarte betrachten. Derzeit unterstützen wir hauptsächlich acht Kryptowährungen.

Aber ist die Zahlung ein steuerpflichtiges Ereignis, d.h. verkaufe ich technisch gesehen eine Kryptowährung und muss damit unter bestimmten Bedingungen Kapitalertragssteuer abführen?

Ja, es ist ein Steuerereignis. Aber wir berichten diese Transaktionen für Kunden in Österreich automatisch. Der Kunden muss nur bezahlen, wir machen den Rest. 

Und ganz konkret auf Bybit bezogen: Welche Rolle spielt der Krypto-Use-Case Payment, verglichen mit dem Use Case Trading? Wie wichtig ist er?

Ich denke, es ist 50/50. Wir haben festgestellt, dass Nutzer:innen unterschiedliche Portfolios haben. Manche Nutzer sind Basis-Investor:innen. Sie wissen, wie man richtig auf der Plattform investiert, wollen aber nur Assets halten. Andere Nutzer:innen sind professionelle Trader:innen. Sie bevorzugen fortschrittliche Trading-Tools.

Aber was Zahlungen angeht: Ich denke, die meisten Nutzer:innen, die Krypto-Assets halten, wollen diese auch ausgeben. Viele Trader:innen auf unserer Plattform lieben diese Karte, weil sie sich leicht mit ihrem täglichen Leben verbinden lässt. Sie können das, was sie verdient haben, einfach tauschen und ausgeben. Früher mussten sie auf einer Plattform die Gewinne liquidieren, sie auf die Bank verschieben und dann mit einer Debitkarte ausgeben. Wir haben das mit nur einer Karte zusammengeführt.

In welchen Märkten in Europa siehst du Wachstumspotenzial für Bybit?

Mazurka Zeng in der Bybit-Europazentrale in Wien im Interview mit brutkasten-Chefredakteur Dominik Meisinger
Mazurka Zeng (rechts) in der Bybit-Europazentrale in Wien im Interview mit brutkasten-Chefredakteur Dominik Meisinger | Foto: Bybit EU

Westeuropäische Länder sind sehr reife Märkte, viele Menschen kennen Krypto. Daher ist es eine gute Chance für uns, ihnen professionelle Produkte anzubieten. Viele haben früher Mining betrieben, wollen aber nun wissen, wie sie mit den Assets umgehen können. Also bringen wir ihnen verschiedene Produkte näher, wie die Tokenisierung von Assets. In der Zukunft wollen sie vielleicht strukturierte Produkte handeln oder Krypto mit traditionellen Investments kombinieren.

In osteuropäischen Ländern sind sie offener und flexibler. Einige bevorzugen neue Token-Listings, wollen High-Yield- oder Hebelprodukte.

Würdest du sagen, dass der typische Bybit-Kunde im Moment jemand ist, der schon recht stark im Krypto-Bereich verankert ist?

Es sind eher Neueinsteiger. Da wir unser Compliance-Rahmenwerk gerade erst aufgebaut haben, können wir jetzt das Marketing aggressiver betreiben. Unser neues Produktmodell ist attraktiver für Neueinsteiger. Da wir früher keine Werbung gemacht haben, wussten viele gar nicht, was Bybit ist.

Einige neue Kunden, wie Family Offices oder privates Kapital, sind nun aber interessiert, weil wir eine MiCAR-Lizenz haben. Sie sehen uns als sichereren Service. Es gibt aber auch bestehende, erfahrene Trader, die eher noch abwartend sind, weil sie sehen möchten, welche Produkte für fortschrittlichere Trader wir in Zukunft anbieten können. Deshalb treiben wir unsere Produktentwicklung sehr aggressiv voran.

Du hast jetzt Family Offices erwähnt. Wie wichtig ist die Zielgruppe der institutionellen Investoren perspektivisch für Bybit? Aktuell hat Bybit noch kein spezifisches Angebot für institutionelle Investoren in Europa, richtig? 

Genau, aber es ist in unserem Plan. Basierend auf meiner langjährigen Erfahrung im europäischen Geschäft muss ich sagen, dass das ein großer Markt ist. Sie halten Vermögenswerte, und immer mehr von ihnen wollen diese tokenisieren und einen Teil als Krypto-Assets in ihrem Portfolio halten. Sie betrachten das bereits als Teil ihrer Asset-Management-Lösung. Auch für Broker oder Treasury-Manager ist das interessant. Ich denke also, es ist ein gutes Geschäft und macht ein großes Volumen aus.

Du hast das Thema Tokenisierung von bestehenden Assets angesprochen. Welche Entwicklungen erwartest du in dieser Hinsicht, was bringt bringt die Zukunft?

In Europa wollen viele traditionelle Finanzinstitute Assets konvertieren und mit Krypto kombinieren. Sie sind sehr daran interessiert. Das ist nicht auf Europa beschränkt, sondern passiert weltweit. Für uns als lizenzierte Börse ist das auch eine gute Gelegenheit, weil wir unter demselben Compliance-Rahmenwerk stehen. 

Wenn wir uns mit anderen Playern im Ökosystem zusammentun, ist das eine sehr gute Lösung für uns alle. Einerseits verbessert es die Effizienz der veranlagten Gelder, andererseits ermöglichen wir mehr Nutzern den Handel. Es ist ein Win-Win-Modell.

Die vergangenen Wochen waren am Kryptomarkt ziemlich schwierig. Wie bewertest du die Entwicklungen am Markt?

Wir halten das für recht normal, wir sind ja auch schon lange im Krypto-Geschäft. Aber aus unserer Perspektive bedeutet eine Marktbewegung oft auch eine Chance. Nach der Abwärtsbewegung sehen wir oft, dass die Werte wieder nach oben gehen, weil Investoren auf ein gutes Timing warten. Ich hoffe, dass der Markttrend am Ende dieses Quartals wieder nach oben geht. Aber basierend auf den politischen Entwicklungen in den USA sind wir langfristig positiv gestimmt.

Welche Entwicklungen erwartest du im Krypto-Bereich generell in den kommenden Jahren?

Ich möchte das in drei Dimensionen beantworten. Die erste Dimension betrifft die Infrastruktur und unser Compliance-Rahmenwerk. Das nächste Jahr ist dabei wichtig. Ende dieses Jahres werden viele Börsen, wenn sie keine MiCA-Lizenz haben, vor Herausforderungen stehen. Das gibt den Regulierungsbehörden mehr Druck, das Rahmenwerk aufzubauen. Wir freuen uns darauf, denn das bedeutet auch, dass wir einen „First-Mover“-Vorteil in Österreich haben.

Die zweite Perspektive ist die Kooperation mit traditionellen Finanzinstituten, zum Beispiel Banken. Ich denke, dass immer mehr Krypto-Börsen hierherkommen und Rahmenwerke aufbauen, ist wichtig, denn derzeit haben Banken noch sehr konservative Haltungen gegenüber Krypto-Börsen. Wenn wir ein sehr reifes Rahmenwerk aufbauen, bedeutet das mehr Zusammenarbeit mit Banken und Finanzinstituten. Das kann attraktivere Modelle schaffen, besonders wenn diese ihren Kunden Krypto-Dienste anbieten wollen. Die Grenzen zwischen Krypto- und Bankprodukten werden noch mehr verschwimmen.

Der dritte Punkt betrifft die gesamte Branche. Man muss Themen wie Zahlungen und RWA (Real World Assets) kombinieren und über EU-Länder hinweg zusammenarbeiten. Das kann mehr Einfluss für die gesamte Branche schaffen. Aber für diese Infrastruktur brauchen wir Stablecoins – besonders für Emittenten muss das reifer werden und Liquiditätsprobleme lösen. Auch bei Zahlungen müssen Hindernisse gelöst werden, und bei RWA müssen Lizenz- und Tokenisierungsfragen geklärt werden. Diese Probleme lassen sich nicht einfach in einem Jahr lösen. Vielleicht sehen wir in den nächsten zwei Jahren, wenn wir die Infrastruktur aufgebaut haben, einen Krypto-Boom, der von Europa ausgeht.

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Jonas Jünger (Managing Director, Cyclops Europe) und Alex Wilson | (c) Martin Pacher

Es ist eine Art Homecoming: Alex Wilson, Co-Founder und Co-CEO des US-Stablecoin-Startups Cyclops, wuchs in den USA mit zwei Sprachen und zwei Kulturen auf. Mit seinem Vater sprach er nur Englisch, mit seiner Mutter – einer Tirolerin aus Innsbruck – ausschließlich Deutsch. Die Sommerferien verbrachte er bei den Großeltern in Österreich, Weihnachten ging es zum Skifahren nach Kitzbühel. „Ich hatte das Glück, sozusagen mit zwei Heimatländern aufzuwachsen“, erzählt Wilson im brutkasten-Gespräch.

Jetzt kehrt der Austro-Amerikaner mit seinem aktuellen Unternehmen nach Wien zurück. Vergangene Woche eröffnete Cyclops.io seinen neuen Standort in der Bundeshauptstadt – das EU-Headquarter und gleichzeitig die einzige weitere Niederlassung neben dem Hauptsitz in Miami.

Repeat Founder: Von Giving Block zu Shift4 zu Cyclops

Wilson ist kein Newcomer. Gemeinsam mit seinen Mitgründern Pat Duffy und David Johnson startete er bereits 2018 das Krypto-Startup The Giving Block, eine Plattform, über die Non-Profit-Organisationen Krypto-Spenden entgegennehmen können. „2018 hat man uns angeschaut, als wären wir verrückt“, erinnert sich Wilson. „Aber wir sind dabeigeblieben.“ Das Unternehmen wurde 2022 an den börsennotierten US-Zahlungsdienstleister Shift4 verkauft. Wilson übernahm dort die Verantwortung als Head of Crypto und Head of Stablecoin – und sammelte über drei Jahre lang Erfahrung an der Schnittstelle von Krypto und traditionellem Payments-Business.

Genau diese Jahre wurden zum Ausgangspunkt für Cyclops. „Wir haben bei Shift4 Produkte für Pay-with-Crypto, Stablecoin-Settlement und Stablecoin-Payouts gebaut – mit einem Flickenteppich an bestehenden Lösungen. Es war viel schwieriger, als es hätte sein müssen“, so Wilson. Auf dem Markt habe es zwar viele Krypto-Infrastruktur-Anbieter gegeben, aber keiner sei wirklich auf die Payments-Branche spezialisiert gewesen: „Auf den Websites stand vielleicht: ‚Wir bedienen zehn Industrien, eine davon ist Payments.‘ Aber wenn man unter die Haube schaut, war das Produkt für eine Bank, einen Broker oder einen Payments-Anbieter identisch.“

Cyclops will diese Lücke schließen und fokussiert sich ausschließlich auf Zahlungsdienstleister (PSPs) – ein Hyperfokus, den die Gründer bereits bei The Giving Block (nur Non-Profits) verfolgt hatten. „Wir sind sehr B2B“, betont Wilson. Cyclops ist also keine Kryptobörse für Endkund:innen, sondern eine Infrastruktur-Plattform für Payments-Unternehmen, die ihren Händler-Kund:innen Krypto- und Stablecoin-Funktionalitäten anbieten wollen – ohne selbst zum Krypto-Unternehmen werden zu müssen.

Alex Wilson im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur | brutkasten

Warum Wien? FMA, Bitpanda – und der Talent-Pool

Bei der Standortwahl in Europa habe man einen umfassenden Prozess durchlaufen, betont Wilson: „Wir haben uns Deutschland, Irland, Malta und andere Länder angesehen.“ Ausschlaggebend für Österreich sei am Ende der MiCA-Pfad der Finanzmarktaufsicht (FMA) gewesen: „Die FMA hat einen der klarsten Wege zur Lizenz aufgezeigt. Es gibt viele Länder, die zwar ein MiCA-Framework haben, aber bisher kaum Lizenzen vergeben haben.“

Wilson nennt explizit auch Bitpanda als wichtigen Faktor: „Bitpanda hat hier großartige Vorarbeit geleistet. Danach sind KuCoin, Bybit, Bitget und viele andere gekommen. Das hat eine Community aufgebaut und uns die Tür geöffnet.“

Hinzu komme der Talent-Pool: „Wien ist ein Hub für große Finanzdienstleister. Das ist genau das Profil, das wir für Compliance-, Legal- und Regulatory-Rollen brauchen.“ Die meisten lokalen Hires sollen aus diesen Bereichen kommen, während Vertrieb und Marketing eher remote organisiert werden.

Der persönliche Bezug habe geholfen, sei aber nicht der Hauptgrund gewesen: „Wir hätten Österreich nicht gewählt, wenn die Rahmenbedingungen nicht gepasst hätten.“

Zehn Mitarbeiter:innen bis Jahresende, MiCA-Lizenz erwartet

Aktuell beschäftigt Cyclops weltweit rund 30 Mitarbeiter:innen, das lokale Team in Wien startet in kleiner Besetzung. Bis Ende 2026 soll der Wiener Standort auf rund zehn Mitarbeiter:innen wachsen. Geleitet wird das Büro von Managing Director Jonas Jünger, dazu wurden bereits ein MLRO und ein Deputy MLRO eingestellt – beides regulatorisch verpflichtende Compliance-Funktionen. Die MiCA-Lizenz selbst erwartet Wilson „hoffentlich bis Ende des Jahres“.

Damit reiht sich Cyclops in eine wachsende Liste internationaler Krypto-Unternehmen ein, die Österreich als Tor zum europäischen Markt wählen. Nach Bitpanda, Bybit, KuCoin, Cryptonow und 21bitcoin geht das nächste Unternehmen den MiCA-Lizenzweg über die FMA – mit dem Unterschied, dass es sich bei Cyclops nicht um eine Kryptobörse handelt.

Funding: Acht Millionen im Rücken – und mehr in Vorbereitung

Bereits im Oktober 2025 schloss Cyclops eine Finanzierungsrunde über acht Millionen US-Dollar ab, öffentlich kommuniziert wurde sie aber erst Anfang März 2026 – zeitgleich mit dem Stealth-Launch. Investoren waren Castle Island Ventures, F-Prime sowie strategisch Shift4 Payments selbst – also der ehemalige Arbeitgeber, der nun gleichzeitig Anchor-Kunde des Startups ist.

Im brutkasten-Interview bestätigt Wilson, dass aktuell eine weitere strategische Runde über zehn Millionen US-Dollar von Payments-Unternehmen geschlossen wird – noch vor einer formellen Series A, die im kommenden Jahr angepeilt wird. „Wir hatten gar nicht geplant, jetzt zu fundraisen“, so Wilson. „Aber nach dem Stealth-Launch im März waren wir überwältigt vom Inbound – von Kunden, Partnern, aber auch Investoren. Das hat unseren Zeitplan nach vorne gezogen.“

Zu den ersten Kunden zählen unter anderem Blue Origin – wer ein Ticket für einen Weltraumflug des Jeff-Bezos-Unternehmens kaufen möchte, kann die Zahlung über Cyclops in Krypto abwickeln – sowie der New Yorker Helikopter-Service Blade.

EU einfacher als USA – aber Mindset-Frage in Österreich

Wilson, der den US-Lizenzprozess parallel durchläuft, sieht in der EU-weiten MiCA-Regulierung einen klaren Vorteil gegenüber dem US-System: „In den USA brauchen wir Money-Transmitter-Lizenzen in rund 50 Bundesstaaten. In Europa ist es eine hohe Mauer statt 50 kleinen – aber dafür ein einheitlicher Ansatz.“

Kritischer äußert sich der Co-Founder zum unternehmerischen Klima in Österreich und der EU: „Man denkt bei Österreich nicht automatisch an Entrepreneurship. In den USA verbindet man Startup mit Hustle, Silicon Valley. Hier gibt es viele bürokratische Hürden – beim Firmen-Setup, beim Office-Lease, bei den Papier-Anforderungen.“ Es brauche aber nicht nur Vereinfachung der Prozesse, sondern auch einen kulturellen Wandel: „Wenn du wirklich ein Startup-Hub sein willst, musst du in der Schule anfangen, Unternehmertum zu vermitteln. Du musst Risikobereitschaft fördern.“

Gleichzeitig sieht Wilson Chancen in der europäischen Souveränitäts-Debatte: „Wenn man Innovation wie Stablecoins und Blockchain richtig nutzt, kann man digitale Souveränität tatsächlich neu denken – Wallets, Private Keys, alles lässt sich anders organisieren als im traditionellen System.“

Ausblick: B2B-Stablecoins und Agentic Payments

Für 2026 und 2027 erwartet Wilson, dass sich der Stablecoin-Markt primär im B2B-Segment entwickelt – konkret bei der Abwicklung von Merchant-Settlements: „Statt Wire Transfer oder SEPA werden Payments-Unternehmen zunehmend in USDC oder EURC abrechnen. Sieben Tage die Woche, auch an Wochenenden und Feiertagen. Das modernisiert Treasury-Prozesse, gerade für global agierende Unternehmen.“

Zum Hype-Thema Agentic Payments – also KI-gestützte, automatisierte Zahlungen – äußert sich Wilson zurückhaltend, aber überzeugt: „Das ist das Buzzword des Jahres, aber es steckt etwas Echtes dahinter. Wir bauen AI-first, weil wir glauben, dass die Welt dort hingeht. Ob das in einem, zwei, fünf oder zehn Jahren wirklich skaliert – wir müssen bereit sein.“

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