20.04.2015

Brutkasten.Interview: Wiener macht mit Pommes McDonald’s Konkurrenz

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Ein junger Wiener bringt Surf’n’Fries nach Österreich- und hat eine große Vision.

Es klingt ein wenig nach David gegen Goliath. Ein Wiener, der McDonald’s und Burger King mit Pommes Frites und innovativer Verpackung Konkurrenz machen möchte. Dafür benötigt er Kapital. Und dieses möchte er von der Crowd. Zwei Tage läuft die Kampagne noch. Aktuell haben bereits 137 Crowd-Investoren 99.500 Euro investiert.

Dem Brutkasten erzählt Lukas Lenzinger, wie er auf die Idee kam, ins FastFood-Business einzusteigen, ob Österreich der richtige Ort ist, um durchzustarten, wieso Scheitern hierzulande nicht erlaubt ist, Freunderlwirtschaft aber dazu gehört und wieso kurze Hosen einer jener Gründe ist, weshalb er Unternehmer geworden ist.

Elevator Pitch: In kurzen Sätzen, was ihr macht und welches Problem ihr damit löst…

Surf’n’Fries ist eine international agierende Fastfood-Kette, die es innerhalb von 5 Jahren geschafft hat, bereits in 10 Länder von Österreich bis in die Türkei und sogar nach Vietnam zu expandieren. Der Star der Produktpalette sind unsere Fries, die wir nicht nur als bloße Sattmacher und fade Beilage interpretieren.

Wir überzeugen aber auch vor allem durch unsere weltweit patentierten Verpackungen, mit denen es möglich ist, ein vollständiges Menü – bestehend aus beispielsweise Fries, einem Burger, 2 Saucen und einem großen Getränk – in nur einer Hand zu halten und somit auch unterwegs problemlos essen zu können. Dadurch können wir den stetig wachsenden Zweig der ToGo-Gastronomie perfekt bedienen.

Wer hatte die Idee, Surf’n’Fries nach Österreich zu bringen? Und, wie kam es zum Team?

Ich war im Sommer 2012 in Kroatien auf Urlaub und am Strand von Zrce stand ein mobiler Verkaufswagen von Surf ́n ́Fries, eine Pomfree Bar, wie wir sie seit knapp 2 Jahren in Österreich betreiben. 
Ich war sofort großer Fan von den unglaublichen Fries und den einzigartigen Verpackungen! Im Laufe der nächsten Monate ist mir die Idee, Surf’n’Fries nach Österreich zu holen, nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Im April 2013 bin ich dann in die Zentrale nach Rijeka gefahren, um diesen Schritt zu verhandeln. Wir wurden uns glücklicherweise relativ schnell einig und im Juni hatten wir bereits unsere erste Veranstaltung auf der Hohen Warte.

Ich bin gut mit Zahlen und in der strategischen Planung, aber mir war klar, dass ich sowohl einen Fachmann für Gastronomie als auch einen für PR brauchen würde, da wir ja auch eine ganz neue Marke in Österreich aufbauen wollen. So kamen vorerst Josef Daublebsky Sterneck und Sebastian Dachtler an Bord von Surf’n’Fries Österreich.

Ihr seid recht viele im Gründungsteam (sechs an der Zahl)- gibt es eine klare Aufgabenverteilung?

Allerdings! Wir haben uns bewusst bereits jetzt schon möglichst breit und professionell aufgestellt. Obwohl ich jedem meiner Mitgründer schon lange freundschaftlich verbunden bin, habe ich jeden Einzelnen ausschließlich deshalb mit an Bord geholt, weil er oder sie einen Mehrwert für das Unternehmen darstellt und fachliche Kompetenzen mitbringt, die mir teilweise fehlen.

Ramona Hudelist ist ausgelernte Bürokauffrau im Rechnungswesen und hat mehrere Jahre Berufserfahrung in der Buchhaltung. Lisa-Maria Kepplinger hat Marketing studiert und die nötige Kreativität zum Aufbau einer Marke, zu der mir komplett der Zugang fehlt. Marc Reiner ist seit mehreren Jahren im Venture Capital tätig und ist in enger Abstimmung mit mir für das Business im Hintergrund verantwortlich.

Ich wollte von Anfang an klare und professionelle Strukturen, wofür ich teilweise belächelt wurde. Aber sobald wir das erste Lokal eröffnen, noch dazu wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Start der Festivalsaison, wird es Schlag auf Schlag gehen. Erfahrungsgemäß ist es ungemein schwieriger, professionelle Strukturen erst im Nachhinein zu implementieren, wenn man bereits in Arbeit untergeht.

Hattet ihr bereits Investoren, oder habt ihr bis jetzt „Bootstrapping“ betrieben? Ich könnte mir vorstellen, dass Euer Start und auch die „PomFree Bar“ nicht gerade billig war.

Am Anfang hatten wir unsere Ersparnisse und einen kleinen geförderten Mikrokredit. Wie viele Gründer sind wir relativ rasch draufgekommen, dass das nicht ganz reichen wird. Zum Glück hatten wir aber bald nach Gründung mehrere Veranstaltungen, die überaus erfolgreich waren und so haben sich unsere Sorgen durch das operative Geschäft beseitigen lassen, worauf ich nach wie vor sehr stolz bin.

Nun habt ihr euch beschlossen, über Crowdinvesting zu gehen. Wieso Crowdinvesting? (Und nicht zum Beispiel ein Business Angel?)

Wir hätten auch von institutionellen Geldgebern geförderte Kredite aufnehmen können, was wir für die Zukunft zusätzlich auch nicht ausschließen. Es ist aber wie beschrieben so, dass wir nicht nur ein einziges Lokal eröffnen wollen, um uns selbst gemütliche Jobs zu verschaffen.

Wir wollen einen neuen Brand in Österreich etablieren; die Marke Surf’n’Fries soll in einem Atemzug mit McDonald ́s, Burger King und Subway genannt werden. Diese Bekanntheit zu erreichen kostet viel Geld. Die überaus starke Reichweite und Medienpräsenz, die wir durch unsere Kampagne auf Conda erreichen konnten, hätten uns ohne Crowdinvesting Unsummen gekostet.

Es gab bei Crowdinvesting also die gleiche Überlegung wie bei unserer Eventschiene: Es ist eine riesige Marketingkampagne, die Geld abwirft.

Wieso Crowdinvesting? Die überaus starke Reichweite und Medienpräsenz, die wir so erreichen konnten, hätte uns ohne Crowdinvesting Unsummen gekostet.

Ihr habt die minimale Fundinggrenze bereits überschritten. Habt ihr damit gerechnet?

Wir haben unsere Kampagne mehrere Monate sehr gewissenhaft vorbereitet und hart darauf hingearbeitet, unsere Wachstumsschritte erfolgreich via Conda finanzieren zu können. Auch wenn natürlich ein Restrisiko bleibt, stand es für mich nie zur Debatte, dass wir es eventuell nicht schaffen könnten. Auch wenn ich mit dieser Aussage auf Außenstehende vielleicht arrogant wirken mag, ich bin generell der Meinung, dass ständige Selbstzweifel hinderlich sind und ein Vorhaben nur bremsen. Gesteckte Ziele, so hoch sie auch sein mögen, sind da, um sie zu erreichen.

Ständige Selbstzweifel sind hinderlich und bremsen ein Vorhaben bloß. Gesteckte Ziele, so hoch sie auch sein mögen, sind da, um sie zu erreichen.

Wie war das Gefühl, als es sicher war, dass ihr das benötigte „Investment“ bekommt? Könnt ihr bereits realisieren, dass es nun richtig “losgeht”?

Es war ein netter Zwischenschritt und eine erste Bestätigung unserer Arbeit, über den wir uns gefreut haben. Aber es war von Anfang an klar, dass wir uns nicht „nur“ mit Erreichen der Fundingschwelle zufrieden geben werden, sondern bis zum Ende unserer Kampagne mit Vollgas weitermachen, um möglichst viele Investments an Land zu ziehen.

Richtig losgegangen ist es bei uns ja schon vor fast 2 Jahren, aber ich freue mich natürlich auf unser erstes Lokal und die erste Eventsaison mit dem neuen, großen Verkaufsanhänger.

Wie sehen die nächsten Schritte aus? Wenige Tage sind noch übrig – erreicht ihr die Höchstgrenze?

Wir befinden uns derzeit in sehr fortgeschrittenen Vertragsverhandlungen für gleich 2 Lokale und haben deshalb unsere Kampagne kürzlich um 10 Tage verlängert (Die Kampagne läuft aktuell noch 2 Tage, Anm.d.Red), da wir glauben, dass dies weitere Investoren anziehen kann. Es ist daher meiner Meinung nach auch nicht gänzlich unrealistisch, dass wir das Fundinglimit von 120.000€ erreichen.

Wien: Der richtige Ort, um durchzustarten? Bzw. generell Österreich: Viele Gründer meinen, dass es hierzulande schwierig ist, als Jungunternehmer durchzustarten. Bist Du ebenfalls dieser Meinung?

In Österreich ist sicherlich Wien der beste Ort um durchzustarten, es gibt aber ohne jeden Zweifel zahlreiche Länder, in denen es einfacher wäre; nicht nur für Jungunternehmer, sondern ganz allgemein für Unternehmer. Jungunternehmer haben aber natürlich traditionell weniger Geld, Nerven, Erfahrung und vertraute Ansprechpartner, mit denen man die zahlreichen stumpfsinnigen Schikanen und teilweise dummen Vorschriften besser bewältigen könnte.

Obwohl es vermehrt Initiativen gibt und man durchaus Verbesserungen feststellen kann, helfen meiner Meinung nach all die Förderungen und Erleichterungen nichts bzw. nicht so viel wie gewollt, wenn sich nicht ganz allgemein die österreichische Mentalität in Bezug zum Unternehmertum ändert. Es herrscht hier die Meinung, Unternehmer seien die Bösen, die die Arbeiterklasse ausbeuten und wenn dann auch noch junge Leute mit großen Visionen kommen, deren Lebenstraum nicht die Frühpension ist, dann wird die österreichische Missgunstkeule geschwungen und sehnsüchtig darauf gewartet, dass sie scheitern und nach ihrem Größenwahn gefälligst irgendeinem anständigen, todlangweiligen Beruf nachgehen, wie alle anderen normalen Menschen auch.

In Österreich muss sich ganz allgemein die Mentalität in Bezug zum Unternehmertum verändern. Hier herrscht die Meinung: Unternehmer seien die Bösen.

Das wirklich Traurige ist aber, dass dieses Denken nicht nur bei älteren Generationen zu finden ist, sondern durchaus auch bei Menschen in meinem Alter.

Eure bisherigen Learnings? (zB. möglichst früh Feedback einholen,…)

Wir alle haben so viel dazugelernt und tun es nach wie vor, dass es schwierig ist, hier nur ein oder zwei Dinge zu beschreiben.
 Feedback und Tipps einzuholen ist natürlich nicht verkehrt und wichtig. Ich höre mir alles an und finde es auch wichtig, andere Sichtweisen kennenzulernen, aber im Endeffekt höre ich dann auf mein Bauchgefühl. Es ist mir noch nie schwergefallen Entscheidungen zu treffen, die nicht dem Mainstream entsprechen.
 Ich tue mir sehr schwer damit, verallgemeinerte Tipps von Leuten anzunehmen, die halt einmal etwas so oder so gemacht haben und damit zufällig erfolgreich waren. Genauso möchte ich anderen keine diese Tipps geben. Keiner kennt mein Unternehmen und mein Business so gut wie ich, daher kann meiner Meinung nach auch keiner so gut bzw. richtig entscheiden wie ich.

Wenn ich allerdings falschliege, kann ich das aber sehr wohl auch akzeptieren, einsehen und daraus lernen; ich bin also kein Tyrann.
 Ein Tipp, den ich allerdings doch noch geben möchte, ist: Unternehmer müssen an ihr Produkt oder ihre Dienstleistung glauben; rund um die Uhr, im Gespräch mit ausnahmslos jedem und bedingungslos. Wenn man selbst nicht von seiner Idee überzeugt ist, braucht man gar nicht erst versuchen, Partner, Investoren, Kunden oder Mitarbeiter davon zu überzeugen. Mit offen zur Schau gestellten Zweifeln und Ängsten wird es sogar bei Oma oder Tante schwer.

Ich bin kein Tyrann, wenn ich falschliege, kann ich das sehr wohl auch akzeptieren. Allerdings muss man schon von von seiner Idee überzeugt sein: Mit offenen Zweifeln und Ängsten wird es sogar bei der Oma schwer.

Tipps für eine erfolgreiche Crowdinvesting Kampagne?

Das Wichtigste ist eine ständige Kommunikation über alle zur Verfügung stehenden Medien, in enger Absprache mit der Plattform. Das Feuer muss über die gesamte Dauer einer Kampagne am Leben erhalten werden.
Und man selbst muss ständig Feuer und Flamme bleiben, mit jedem reden und jedem ein Investment egal welcher Größe schmackhaft machen. Man darf sich nicht entmutigen lassen, mir haben beispielsweise Leute abgesagt oder mich hingehalten, mit denen ich fix gerechnet hatte. Auf der anderen Seite haben wir auch teilweise sehr namhafte Investments von Leuten bekommen, mit denen keiner von uns jemals gerechnet hätte.

Uns war es außerdem wichtig, überall so aufzutreten, dass wir ein risikohaftes, aber wahrscheinlich sehr lukratives Investment anbieten und nicht um Geld schnorren. Aber auch hier gilt: Diese Dinge haben bei uns gut funktioniert, andere Kampagne waren gänzlich anders aufgezogen und trotzdem erfolgreich.

5€ ins Phrasenschwein: Jeder muss seinen eigenen Weg gehen.

Die Marketing-Strategie. Du hast erwähnt, dass ihr bereits bei Großveranstaltungen vertreten wart. Wie seid ihr dazu gekommen? Cold Calling oder übers Netzwerk. Ein Tipp, wie man an die richtigen Partner heran geht? 

In unseren Anfängen waren persönliche Kontakte sehr wichtig, so waren unsere ersten Veranstaltungen zum Beispiel Footballspiele auf der Hohen Warte. Josef Daublebsky-Sterneck und ich haben viele Jahre bei den Vikings gespielt und somit ist es uns sicher leichter gefallen, einen Standplatz zu bekommen.

Auch die erste Großveranstaltung – der Surf Worldcup in Podersdorf – konnten wir aufgrund unseres Netzwerks an Land ziehen. 
Bei den restlichen Festivals haben wir uns ganz normal beworben und teilweise sofort Zusagen bekommen.

Ohne jede Frage ist ein gutes bestehendes Netzwerk sehr hilfreich. Oft ist man sich gar nicht bewusst, wie viele Leute man in hilfreichen Positionen eigentlich kennt, bis man angestrengt darüber nachdenkt. Und gerade in Österreich ist es schwierig, gänzlich auf ein bisschen Freunderlwirtschaft zu verzichten.

Man darf aber auch keine Angst davor haben, auf gänzlich Fremde zuzugehen und zu sagen: „Hallo, hier bin ich, auf mich und mein Unternehmen haben Sie gewartet!“.

Was ist euer Ziel? Kurzfristig, mittelfristig und langfristig („Die Vision“)?

Kurzfristig wollen wir in den nächsten eineinhalb Jahren zumindest drei Lokale eröffnen, die wir auch selbst betreiben. Parallel dazu wollen wir mit Franchise-Partnern schnell wachsen.
 In weiterer Folge wollen wir in den nächsten Jahren zu den Top 3 – McDonald ́s, Burger King und Subway – aufschließen.

Surf’n’Fries ist ein vergleichsweise sehr junger Brand, weshalb viele interessante Länder noch nicht erschlossen sind. Langfristig wollen wir in Europa expandieren.

Lukas, Du hast schon früh begonnen, Events und Clubbings zu organisieren. War die Selbstständigkeit immer schon dein erklärtes Ziel?

Selbstständigkeit ist ja nicht nur ein beruflicher Terminus, meine persönliche Freiheit war mir immer schon sehr wichtig, was mir meine Eltern glücklicherweise auch vorgelebt haben. 
Es hat sich schon in der Schule sehr früh abgezeichnet, dass ich mir ungern etwas von Leuten sagen lasse, von denen ich der Meinung bin, dass Sie den geforderten Respekt und Gehorsam nicht verdienen. Das ist bei Lehrern, Magistratsbeamten, Polizisten oder sonstigen sogenannten Respektspersonen das Gleiche. Respekt ist nichts, das automatisch mit einer Stellenbeschreibung oder auch einem Verwandtschaftsverhältnis einhergeht. Natürlich hat das auch etwas mit meinem gesunden Selbstbewusstsein zu tun.

Meine persönliche Freiheit war mir immer schon sehr wichtig. Das hat sich schon in der Schule abgezeichnet, dass ich mir ungern etwas von Leuten sagen lasse, von denen ich der Meinung bin, dass Sie den geforderten Respekt nicht verdienen.

Diese Einstellung hat natürlich auch meine beruflichen Pläne beeinflusst. Viele meiner Freunde und Bekannten streben hohe Positionen in Konzernen an, was sie auch tun sollen, wenn es sie glücklich macht. Für mich wäre das unvorstellbar.
 Es war mir immer klar, dass ich lieber mein eigener Chef sein und aktiv gestalten möchte, als bloßer Befehlsempfänger und Fußsoldat zu sein. Mir geht es nicht um Reichtum oder Ruhm und Ehre, sondern darum, selbstbestimmt leben und arbeiten zu können, von persönlich hervorgeführten Erfolgen auch persönlich zu profitieren, aber auch selbst verursachte Misserfolge wieder geradezurücken.

Außerdem trage ich gerne kurze Hosen, wenn es heiß ist und schlafe gerne bis zumindest kurz vor 09:00 Uhr, arbeite andererseits aber auch gerne am späten Abend; das lässt sich als Chef sicher besser ausleben als als Angestellter.

 

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Datenströme, Trainingsarbeit und digitale Aufmerksamkeit flossen jahrelang selbstverständlich zu den großen Tech- und KI-Zentren in den USA und China. Europa diskutiert derweil Regulierung und Eigenständigkeit – und übersieht dabei einen Raum, in dem KI längst eigene Dynamiken entfaltet: Afrika. Abseits der bekannten Achsen entsteht dort kein reiner Nachzüglermarkt, sondern ein vielschichtiges KI-Ökosystem, das mit lokalen Lösungen, politischen Strategien und wachsender Infrastruktur – trotz bleibender Hürden – zunehmend eigene Spielregeln definiert.
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Bild KI-generiert

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Der Fokus im österreichischen KI-Diskurs ist meist auf die AI-Mächte in Übersee und im Osten beschränkt. Dabei wäre ein Blick zum Nachbarkontinent im Süden bemerkenswert und würde Möglichkeiten für die heimische Innovationsszene bieten.

Afrika ist gesamtkontinental schwer zu fassen, dennoch lässt sich festhalten: Die KI-Entwicklung befindet sich hier in einer Phase vergleichbar mit dem unerwarteten Boom der Telekommunikation und des mobilen Bezahlens in den frühen 2000er-Jahren.

Das ist auch die Analogie von Kwame Odame-Darkwah, Consultant des Distributed AI Research Institute (DAIR) und Fellow des International Strategy Forum (ISF), einer von Eric und Wendy Schmidt gegründeten globalen Fellowship an der Schnittstelle von Technologie, Geopolitik und Demokratie: „Ein bekanntes Beispiel aus der frühen Mobilfunkära zeigt, wie schwierig es ist, die Verbreitung neuer digitaler Infrastrukturen linear vorherzusagen. Anfang der 80er-Jahre wurde das Potenzial von Mobiltelefonie deutlich unterschätzt. Afrika wurde später zu einem der stärksten Gegenbeispiele zu solchen Annahmen; nicht, weil der Kontinent einfach bestehende Modelle kopierte, sondern weil mobile Netze, Mobile Money, digitale Durchdringung und finanzielle Inklusion eigene Leapfrogging-Dynamiken entwickelten. Beim Roll-out von KI sehen wir heute eine ähnliche Möglichkeit. Der Ausgangspunkt ist infrastrukturell herausfordernd, aber das Wachstum kann sehr schnell kommen, wenn die Technologie reale lokale Probleme löst“, sagt Odame-Darkwah.

Kwame Odame-Darkwah | Foto bereitgestellt

Afrika umfasst 55 Länder mit diversen Entwicklungsständen. Faktoren wie der Zugang zu Elektrizität beeinflussen Industrialisierung und Automatisierungsmöglichkeiten weiterhin. „Andererseits merkt man im Austausch mit Regierungsvertretern und Akteuren aus dem Privatsektor eine große Begeisterung. Diese wollen von bloßem Enthusiasmus zu konkretem Handeln übergehen“, so Odame-Darkwah.

OpenAI und Anthropic in Afrika

Auf staatlicher Ebene entstehen Partnerschaften mit lokalen wie internationalen Unternehmen. OpenAI etwa hat eine starke Präsenz bei afrikanischen Regierungen und bietet Zugangsstufen wie „Lower-Cost-Access“ für Studierende in Schwellenländern. Anthropic arbeitet mit der Regierung von Ruanda zusammen, um KI-Systeme in das Bildungssystem zu integrieren.

„Eine übergreifende kontinentale KI-Strategie wird von der Afrikanischen Union vorangetrieben, die mit der ‚Agenda 2063‘ verknüpft ist“, erklärt Odame-Darkwah. Diese Strategie zielt auf Wohlstand, Einheit und nachhaltiges Wachstum bis 2063. „Auch im Privatsektor entstehen zunehmend sogenannte Talent-Hubs.“

Afrika zwischen individuellem Handeln und Kontinental-Agenda

Während Europa auf eine einheitliche Herangehensweise setzt, kristallisiert sich in Afrika eine Mischform heraus: eine kontinentale Strategie als Rahmen, ergänzt durch nationale Ansätze. „Ein weiteres Beispiel ist der südafrikanische Entwurf einer nationalen KI-Policy, der auf mehr als drei Jahren gesellschaftlicher Konsultation basiert“, erklärt Odame-Darkwah. „Er steht im Einklang mit der Strategie der Afrikanischen Union, ist aber zugleich auf die spezifischen Bedürfnisse Südafrikas zugeschnitten. Auch Ghana hat inzwischen seine nationale KI-Strategie vorgestellt.“

Zentrales Thema ist die Datensouveränität. Afrikanische Datensätze sind in globalen KI-Modellen unterrepräsentiert; gleichzeitig wollen Regierungen Ausbeutung verhindern. „Afrikanische Regierungen machen nun Souveränitätsansprüche geltend, indem sie Gesetze erlassen, die sicherstellen, dass einheimische Datensätze nicht ausgebeutet werden. Sie verlangen beispielsweise, dass Daten von lokalen Bankkunden auch in Rechenzentren innerhalb des Landes verbleiben“, so Odame-Darkwah.

Wunsch nach Unabhängigkeit

Initiativen wie die „Africa’s AI Factory“ des Telekom-Milliardärs Strive Masiyiwa zielen auf lokale Rechenzentren und GPU-Infrastruktur. Auch Startups mischen mit: Terra aus Nigeria baut eine KI-gestützte nationale Verteidigungsinfrastruktur auf und konnte prominente Backer aus dem Silicon Valley gewinnen.

Die im Juli 2024 verabschiedete „Continental Artificial Intelligence Strategy“ der Afrikanischen Union sowie ergänzende Initiativen positionieren KI gezielt als Treiber sozioökonomischen Fortschritts: durch massive Investitionen, lokale Expertise, digitale Infrastruktur und afrikanische Datensätze – um technologische Abhängigkeiten zu vermeiden und ethisch fundierte Governance-Strukturen zu etablieren.

60-Milliarden-AI-Fonds

Verstärkt wird dies durch die „Africa Declaration on Artificial Intelligence“ und einen geplanten Africa AI Fund von rund 60 Milliarden US-Dollar, die explizit das Leitprinzip „KI mit Afrika, durch Afrika und für Afrika“ verfolgen, wie Carnegie Europe im September 2025 beschrieb. Laut dem „Daily Africa AI Intelligence Report“ von April 2026 ergänzt das Africa AI Policy Lab diesen Ansatz, indem es eine „Dekolonisierung der KI“ vorantreibt und kontextspezifische, auf afrikanischen Werten wie Ubuntu basierende Regulierungsmodelle entwickelt.

Codeswitching

Doch wo liegen die größten Hebel im Alltag? Unter anderem in der Sprache: Viele Menschen wachsen zweisprachig auf und wechseln fließend zwischen Amtssprache (Englisch, Französisch) und lokaler Sprache – eine Art „Codeswitching“.

Odame-Darkwah dazu: „Der gemeinsame Nenner ist der Zugang zu KI-Modellen in lokaler Sprache, die den Kontext nicht nur auf Englisch oder Französisch, sondern in den indigenen Sprachen des Kontinents verstehen. Wenn man KI-Agenten hat, die darauf trainiert sind, Menschen etwa über WhatsApp in einer lokalen Sprache zu antworten, kann man seine Dienstleistungen massiv ausbauen.“

Emerging Markets im Fokus

Deepali Nangia, Speedinvest-Partner Emerging Markets Fintech und „EIF Empowering Equity“-Mentor, wuchs in Indien auf und kennt die Dynamik von Schwellenmärkten. Sie baut den Bereich Emerging Markets bei Speedinvest auf, mit Fokus auf Afrika.

Deepali Nangia | Foto bereitgestellt

Die afrikanischen Portfoliounternehmen setzen laut ihr verstärkt KI ein – für Kreditwürdigkeitsprüfungen, Forderungsmanagement, Automatisierung. „Zum Beispiel nutzt unser Portfoliounternehmen Leta, eine Logistiksoftware-Firma in Kenia, KI zur Optimierung von Fahrzeugauslastung und Fahrereinsatz und trainiert seine Modelle anschließend anhand von Dispatcher-Feedback weiter“, erklärt Nangia. „Außerdem wird KI eingesetzt, um Bestellungen für Lieferungen, die per E-Mail oder in anderen Formaten eingehen, in Echtzeit zu erfassen, wodurch die manuelle Eingabe reduziert wird.“

Zu wenig grundlegende KI-Technologie

Agnes Aistleitner Kisuule indes ging 2019 nach Uganda. Sie bemerkte Fintech-Aktivität, aber zu wenig Early-Stage-Kapital. Mit Selma Ribica gründete sie 2022 First Circle Capital. Unterstützt wurde sie u. a. von Michael Ströck (Calm/Storm Ventures), PSPDFKit-Gründer Peter Steinberger, Hermann Futter und Oskar Obereder.

„Wenn man heute auf afrikanische Märkte blickt, zeigen sich spannende Entwicklungen vor allem in Ländern wie Südafrika, Ägypten und Marokko sowie punktuell in Subsahara-Afrika“, sagt sie. „Allerdings gibt es insgesamt noch zu wenig Aktivitäten und vor allem deutlich weniger Kapital als in Europa. Was derzeit aufgebaut wird, ist häufig weniger fundamental; viele Startups arbeiten eher mit sogenannten ‚LLM Wrappers‘ – also Anwendungen auf bestehenden Modellen – statt an grundlegender KI-Technologie.“

Regulierung sei oft schwach oder schwer umzusetzen. „Ein wichtiger Grund ist, dass es oft an technischem Wissen und Kapazitäten fehlt. KI spielt in politischen Diskussionen noch keine große Rolle und Regeln werden deshalb häufig nicht durchgesetzt. Oft wird KI einfach laufen gelassen.“ Es gebe Ausnahmen, etwa Kenia, wo ein Datenerfassungsprojekt zum Schutz von Identitäten gestoppt wurde. „Aus afrikanischer Sicht wirkt Europa teilweise überreguliert, während KI in Afrika eher als Chance gesehen wird, besonders wegen der jungen Bevölkerung.“

Kleiner Markt, globales Mindset

Aistleitner Kisuule weiter: „Vor allem im Fintech-Bereich gibt es Investitionen; andere Bereiche sind weniger entwickelt. KI-Tools wie Claude können lokalen Startups helfen, weil die Kosten sinken und der Einstieg leichter wird. Auch Chinas Einfluss wächst, obwohl chinesische KI wegen Sprachproblemen noch weniger genutzt wird. Die Konkurrenz zwischen China und den USA ist aber deutlich spürbar.“

Agnes Aistleitner Kisuule | (c) First Circle Capital

Nangia ergänzt: „In der Regel muss Regulierung mit der Innovation Schritt halten, denn Unternehmer warten auf niemanden. Eine leichte Regulierung ist kurzfristig hilfreich, um schnell zu entwickeln und zu iterieren.“ Langfristig brauche es Compliance, Leitplanken und Datenschutz – auch für Folgefinanzierungen. „Einige afrikanische Märkte arbeiten deshalb derzeit an KI-Gesetzen und -Rahmenwerken, darunter Kenia, Ruanda, Ägypten, Nigeria und andere.“

Es bestehe digitale Abhängigkeit; lokale Infrastruktur und stabile Energieversorgung seien nötig. „Rechenzentrum-Infrastrukturen sind kapitalintensiv und müssen finanziert werden. Hinzu kommt die Koordination über verschiedene Rechtsräume hinweg sowie die Sicherstellung hochwertiger, strukturierter Daten für das Training von Modellen. Veränderungen kommen – aber angesichts des Umfangs und der erforderlichen Investitionen wird es Zeit brauchen, diese digitale Abhängigkeit zu reduzieren“, so Nangia.

Folgen für Österreich

Mit all diesen unterschiedlichen Entwicklungen im afrikanischen KI-Sektor im Hinterkopf stellt sich die Frage, was das für die österreichische Innovationsszene bedeutet und welche Chancen sich für die heimische Startup-Welt erschließen lassen.

Odame-Darkwah sieht klare Ansatzpunkte: „Es gibt das Gesundheitswesen, die Bildung, die Landwirtschaft – das sind die Kerndienstleistungen, auf die jeder Bürger angewiesen ist. Die Bereitstellung dieser Dienste über mobile Netzwerke ist eine großartige Möglichkeit für Zusammenarbeit. Generell gibt es in fast allen afrikanischen Branchen die Chance, Werte zu schaffen. Man trifft auf Regierungen, die so viel wie möglich digitalisieren wollen, und auf eine digital sehr versierte Bevölkerung.“

Der Bericht „Global VCs Entering African AI Markets“ von „aireports.africa“ (Juni 2025) zeigt einen deutlichen Aufschwung: Obwohl diese Summe nur ein Prozent der globalen KI-Investitionen 2022/23 war, flossen rund 641 Millionen US-Dollar in über 100 Deals. Sequoia Capital, Andreessen Horowitz, Microsoft, Google und IBM steigen verstärkt ein. Im Zentrum: Fintech, Agtech, Healthtech. Dabei bleiben jedoch strukturelle Hürden bestehen, etwa der Frühphasen-Fokus, fehlende Cloud-Infrastruktur, und eine unklare Regulierung; zudem gehen nur rund zwei Prozent des Kapitals an von Frauen geführte Startups.

Afrika unter prüfenden Blicken

Nangia verweist an dieser Stelle auf Unternehmen wie Moove, LemFi oder Taptap Send, die weit über Afrika hinaus skalieren. „Manche unserer europäischen Portfolio-Unternehmen prüfen Afrika als potenziellen Wachstumsmarkt. Wir erwarten, dass sich dieser Trend verstärkt, da Schwellenmärkte nicht länger ignoriert werden können. Es gibt noch andere Wege der Zusammenarbeit mit Europa jenseits von Kapital: Wir bringen jahrelanges Skalierungs-Know-how und Erfahrung ein und unterstützen Gründer sowie Fonds.“ Mit dem Micro GP Summit in Wien bringt Speedinvest etwa Erst- und Zweitfondsmanager weltweit zusammen.

Afrika blickt auf große Märkte, aber …

Für Aistleitner Kisuule hingegen können kleinere europäische Märkte wie Österreich in Afrika perspektivisch tatsächlich eine wichtige Rolle spielen; aktuell sei diese aber noch begrenzt, warnt sie. Hohe Markteintrittskosten, begrenzte Rechenkapazitäten in vielen afrikanischen Märkten sowie die noch frühe Entwicklungsphase zahlreicher Ökosysteme stellen heute zentrale Herausforderungen dar.

„In den nächsten zehn Jahren könnte sich dies allerdings ändern“, sagt sie. Südafrika sei weit entwickelt, besonders in Healthtech. Fintech bleibe der spannendste Sektor. Chancen für österreichische Startups sieht sie bei Prozessautomatisierung, Analytics und Enabler-Technologien.

„Die Regulierung wird sich kurzfristig nicht grundlegend verändern, während die Dynamik auf der Innovationsseite hoch ist“, fasst Aistleitner Kisuule zusammen. „Insgesamt ist es aber noch ‚too soon to say‘, wie sich das Kräfteverhältnis langfristig entwickeln wird. Zugespitzt gesagt spricht aktuell vieles dafür, stärker auf die Innovationsgeschwindigkeit afrikanischer Märkte zu setzen als auf europäische Regulierungskompetenz.“

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