20.04.2015

Brutkasten.Interview: Wiener macht mit Pommes McDonald’s Konkurrenz

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Ein junger Wiener bringt Surf’n’Fries nach Österreich- und hat eine große Vision.

Es klingt ein wenig nach David gegen Goliath. Ein Wiener, der McDonald’s und Burger King mit Pommes Frites und innovativer Verpackung Konkurrenz machen möchte. Dafür benötigt er Kapital. Und dieses möchte er von der Crowd. Zwei Tage läuft die Kampagne noch. Aktuell haben bereits 137 Crowd-Investoren 99.500 Euro investiert.

Dem Brutkasten erzählt Lukas Lenzinger, wie er auf die Idee kam, ins FastFood-Business einzusteigen, ob Österreich der richtige Ort ist, um durchzustarten, wieso Scheitern hierzulande nicht erlaubt ist, Freunderlwirtschaft aber dazu gehört und wieso kurze Hosen einer jener Gründe ist, weshalb er Unternehmer geworden ist.

Elevator Pitch: In kurzen Sätzen, was ihr macht und welches Problem ihr damit löst…

Surf’n’Fries ist eine international agierende Fastfood-Kette, die es innerhalb von 5 Jahren geschafft hat, bereits in 10 Länder von Österreich bis in die Türkei und sogar nach Vietnam zu expandieren. Der Star der Produktpalette sind unsere Fries, die wir nicht nur als bloße Sattmacher und fade Beilage interpretieren.

Wir überzeugen aber auch vor allem durch unsere weltweit patentierten Verpackungen, mit denen es möglich ist, ein vollständiges Menü – bestehend aus beispielsweise Fries, einem Burger, 2 Saucen und einem großen Getränk – in nur einer Hand zu halten und somit auch unterwegs problemlos essen zu können. Dadurch können wir den stetig wachsenden Zweig der ToGo-Gastronomie perfekt bedienen.

Wer hatte die Idee, Surf’n’Fries nach Österreich zu bringen? Und, wie kam es zum Team?

Ich war im Sommer 2012 in Kroatien auf Urlaub und am Strand von Zrce stand ein mobiler Verkaufswagen von Surf ́n ́Fries, eine Pomfree Bar, wie wir sie seit knapp 2 Jahren in Österreich betreiben. 
Ich war sofort großer Fan von den unglaublichen Fries und den einzigartigen Verpackungen! Im Laufe der nächsten Monate ist mir die Idee, Surf’n’Fries nach Österreich zu holen, nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Im April 2013 bin ich dann in die Zentrale nach Rijeka gefahren, um diesen Schritt zu verhandeln. Wir wurden uns glücklicherweise relativ schnell einig und im Juni hatten wir bereits unsere erste Veranstaltung auf der Hohen Warte.

Ich bin gut mit Zahlen und in der strategischen Planung, aber mir war klar, dass ich sowohl einen Fachmann für Gastronomie als auch einen für PR brauchen würde, da wir ja auch eine ganz neue Marke in Österreich aufbauen wollen. So kamen vorerst Josef Daublebsky Sterneck und Sebastian Dachtler an Bord von Surf’n’Fries Österreich.

Ihr seid recht viele im Gründungsteam (sechs an der Zahl)- gibt es eine klare Aufgabenverteilung?

Allerdings! Wir haben uns bewusst bereits jetzt schon möglichst breit und professionell aufgestellt. Obwohl ich jedem meiner Mitgründer schon lange freundschaftlich verbunden bin, habe ich jeden Einzelnen ausschließlich deshalb mit an Bord geholt, weil er oder sie einen Mehrwert für das Unternehmen darstellt und fachliche Kompetenzen mitbringt, die mir teilweise fehlen.

Ramona Hudelist ist ausgelernte Bürokauffrau im Rechnungswesen und hat mehrere Jahre Berufserfahrung in der Buchhaltung. Lisa-Maria Kepplinger hat Marketing studiert und die nötige Kreativität zum Aufbau einer Marke, zu der mir komplett der Zugang fehlt. Marc Reiner ist seit mehreren Jahren im Venture Capital tätig und ist in enger Abstimmung mit mir für das Business im Hintergrund verantwortlich.

Ich wollte von Anfang an klare und professionelle Strukturen, wofür ich teilweise belächelt wurde. Aber sobald wir das erste Lokal eröffnen, noch dazu wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Start der Festivalsaison, wird es Schlag auf Schlag gehen. Erfahrungsgemäß ist es ungemein schwieriger, professionelle Strukturen erst im Nachhinein zu implementieren, wenn man bereits in Arbeit untergeht.

Hattet ihr bereits Investoren, oder habt ihr bis jetzt „Bootstrapping“ betrieben? Ich könnte mir vorstellen, dass Euer Start und auch die „PomFree Bar“ nicht gerade billig war.

Am Anfang hatten wir unsere Ersparnisse und einen kleinen geförderten Mikrokredit. Wie viele Gründer sind wir relativ rasch draufgekommen, dass das nicht ganz reichen wird. Zum Glück hatten wir aber bald nach Gründung mehrere Veranstaltungen, die überaus erfolgreich waren und so haben sich unsere Sorgen durch das operative Geschäft beseitigen lassen, worauf ich nach wie vor sehr stolz bin.

Nun habt ihr euch beschlossen, über Crowdinvesting zu gehen. Wieso Crowdinvesting? (Und nicht zum Beispiel ein Business Angel?)

Wir hätten auch von institutionellen Geldgebern geförderte Kredite aufnehmen können, was wir für die Zukunft zusätzlich auch nicht ausschließen. Es ist aber wie beschrieben so, dass wir nicht nur ein einziges Lokal eröffnen wollen, um uns selbst gemütliche Jobs zu verschaffen.

Wir wollen einen neuen Brand in Österreich etablieren; die Marke Surf’n’Fries soll in einem Atemzug mit McDonald ́s, Burger King und Subway genannt werden. Diese Bekanntheit zu erreichen kostet viel Geld. Die überaus starke Reichweite und Medienpräsenz, die wir durch unsere Kampagne auf Conda erreichen konnten, hätten uns ohne Crowdinvesting Unsummen gekostet.

Es gab bei Crowdinvesting also die gleiche Überlegung wie bei unserer Eventschiene: Es ist eine riesige Marketingkampagne, die Geld abwirft.

Wieso Crowdinvesting? Die überaus starke Reichweite und Medienpräsenz, die wir so erreichen konnten, hätte uns ohne Crowdinvesting Unsummen gekostet.

Ihr habt die minimale Fundinggrenze bereits überschritten. Habt ihr damit gerechnet?

Wir haben unsere Kampagne mehrere Monate sehr gewissenhaft vorbereitet und hart darauf hingearbeitet, unsere Wachstumsschritte erfolgreich via Conda finanzieren zu können. Auch wenn natürlich ein Restrisiko bleibt, stand es für mich nie zur Debatte, dass wir es eventuell nicht schaffen könnten. Auch wenn ich mit dieser Aussage auf Außenstehende vielleicht arrogant wirken mag, ich bin generell der Meinung, dass ständige Selbstzweifel hinderlich sind und ein Vorhaben nur bremsen. Gesteckte Ziele, so hoch sie auch sein mögen, sind da, um sie zu erreichen.

Ständige Selbstzweifel sind hinderlich und bremsen ein Vorhaben bloß. Gesteckte Ziele, so hoch sie auch sein mögen, sind da, um sie zu erreichen.

Wie war das Gefühl, als es sicher war, dass ihr das benötigte „Investment“ bekommt? Könnt ihr bereits realisieren, dass es nun richtig “losgeht”?

Es war ein netter Zwischenschritt und eine erste Bestätigung unserer Arbeit, über den wir uns gefreut haben. Aber es war von Anfang an klar, dass wir uns nicht „nur“ mit Erreichen der Fundingschwelle zufrieden geben werden, sondern bis zum Ende unserer Kampagne mit Vollgas weitermachen, um möglichst viele Investments an Land zu ziehen.

Richtig losgegangen ist es bei uns ja schon vor fast 2 Jahren, aber ich freue mich natürlich auf unser erstes Lokal und die erste Eventsaison mit dem neuen, großen Verkaufsanhänger.

Wie sehen die nächsten Schritte aus? Wenige Tage sind noch übrig – erreicht ihr die Höchstgrenze?

Wir befinden uns derzeit in sehr fortgeschrittenen Vertragsverhandlungen für gleich 2 Lokale und haben deshalb unsere Kampagne kürzlich um 10 Tage verlängert (Die Kampagne läuft aktuell noch 2 Tage, Anm.d.Red), da wir glauben, dass dies weitere Investoren anziehen kann. Es ist daher meiner Meinung nach auch nicht gänzlich unrealistisch, dass wir das Fundinglimit von 120.000€ erreichen.

Wien: Der richtige Ort, um durchzustarten? Bzw. generell Österreich: Viele Gründer meinen, dass es hierzulande schwierig ist, als Jungunternehmer durchzustarten. Bist Du ebenfalls dieser Meinung?

In Österreich ist sicherlich Wien der beste Ort um durchzustarten, es gibt aber ohne jeden Zweifel zahlreiche Länder, in denen es einfacher wäre; nicht nur für Jungunternehmer, sondern ganz allgemein für Unternehmer. Jungunternehmer haben aber natürlich traditionell weniger Geld, Nerven, Erfahrung und vertraute Ansprechpartner, mit denen man die zahlreichen stumpfsinnigen Schikanen und teilweise dummen Vorschriften besser bewältigen könnte.

Obwohl es vermehrt Initiativen gibt und man durchaus Verbesserungen feststellen kann, helfen meiner Meinung nach all die Förderungen und Erleichterungen nichts bzw. nicht so viel wie gewollt, wenn sich nicht ganz allgemein die österreichische Mentalität in Bezug zum Unternehmertum ändert. Es herrscht hier die Meinung, Unternehmer seien die Bösen, die die Arbeiterklasse ausbeuten und wenn dann auch noch junge Leute mit großen Visionen kommen, deren Lebenstraum nicht die Frühpension ist, dann wird die österreichische Missgunstkeule geschwungen und sehnsüchtig darauf gewartet, dass sie scheitern und nach ihrem Größenwahn gefälligst irgendeinem anständigen, todlangweiligen Beruf nachgehen, wie alle anderen normalen Menschen auch.

In Österreich muss sich ganz allgemein die Mentalität in Bezug zum Unternehmertum verändern. Hier herrscht die Meinung: Unternehmer seien die Bösen.

Das wirklich Traurige ist aber, dass dieses Denken nicht nur bei älteren Generationen zu finden ist, sondern durchaus auch bei Menschen in meinem Alter.

Eure bisherigen Learnings? (zB. möglichst früh Feedback einholen,…)

Wir alle haben so viel dazugelernt und tun es nach wie vor, dass es schwierig ist, hier nur ein oder zwei Dinge zu beschreiben.
 Feedback und Tipps einzuholen ist natürlich nicht verkehrt und wichtig. Ich höre mir alles an und finde es auch wichtig, andere Sichtweisen kennenzulernen, aber im Endeffekt höre ich dann auf mein Bauchgefühl. Es ist mir noch nie schwergefallen Entscheidungen zu treffen, die nicht dem Mainstream entsprechen.
 Ich tue mir sehr schwer damit, verallgemeinerte Tipps von Leuten anzunehmen, die halt einmal etwas so oder so gemacht haben und damit zufällig erfolgreich waren. Genauso möchte ich anderen keine diese Tipps geben. Keiner kennt mein Unternehmen und mein Business so gut wie ich, daher kann meiner Meinung nach auch keiner so gut bzw. richtig entscheiden wie ich.

Wenn ich allerdings falschliege, kann ich das aber sehr wohl auch akzeptieren, einsehen und daraus lernen; ich bin also kein Tyrann.
 Ein Tipp, den ich allerdings doch noch geben möchte, ist: Unternehmer müssen an ihr Produkt oder ihre Dienstleistung glauben; rund um die Uhr, im Gespräch mit ausnahmslos jedem und bedingungslos. Wenn man selbst nicht von seiner Idee überzeugt ist, braucht man gar nicht erst versuchen, Partner, Investoren, Kunden oder Mitarbeiter davon zu überzeugen. Mit offen zur Schau gestellten Zweifeln und Ängsten wird es sogar bei Oma oder Tante schwer.

Ich bin kein Tyrann, wenn ich falschliege, kann ich das sehr wohl auch akzeptieren. Allerdings muss man schon von von seiner Idee überzeugt sein: Mit offenen Zweifeln und Ängsten wird es sogar bei der Oma schwer.

Tipps für eine erfolgreiche Crowdinvesting Kampagne?

Das Wichtigste ist eine ständige Kommunikation über alle zur Verfügung stehenden Medien, in enger Absprache mit der Plattform. Das Feuer muss über die gesamte Dauer einer Kampagne am Leben erhalten werden.
Und man selbst muss ständig Feuer und Flamme bleiben, mit jedem reden und jedem ein Investment egal welcher Größe schmackhaft machen. Man darf sich nicht entmutigen lassen, mir haben beispielsweise Leute abgesagt oder mich hingehalten, mit denen ich fix gerechnet hatte. Auf der anderen Seite haben wir auch teilweise sehr namhafte Investments von Leuten bekommen, mit denen keiner von uns jemals gerechnet hätte.

Uns war es außerdem wichtig, überall so aufzutreten, dass wir ein risikohaftes, aber wahrscheinlich sehr lukratives Investment anbieten und nicht um Geld schnorren. Aber auch hier gilt: Diese Dinge haben bei uns gut funktioniert, andere Kampagne waren gänzlich anders aufgezogen und trotzdem erfolgreich.

5€ ins Phrasenschwein: Jeder muss seinen eigenen Weg gehen.

Die Marketing-Strategie. Du hast erwähnt, dass ihr bereits bei Großveranstaltungen vertreten wart. Wie seid ihr dazu gekommen? Cold Calling oder übers Netzwerk. Ein Tipp, wie man an die richtigen Partner heran geht? 

In unseren Anfängen waren persönliche Kontakte sehr wichtig, so waren unsere ersten Veranstaltungen zum Beispiel Footballspiele auf der Hohen Warte. Josef Daublebsky-Sterneck und ich haben viele Jahre bei den Vikings gespielt und somit ist es uns sicher leichter gefallen, einen Standplatz zu bekommen.

Auch die erste Großveranstaltung – der Surf Worldcup in Podersdorf – konnten wir aufgrund unseres Netzwerks an Land ziehen. 
Bei den restlichen Festivals haben wir uns ganz normal beworben und teilweise sofort Zusagen bekommen.

Ohne jede Frage ist ein gutes bestehendes Netzwerk sehr hilfreich. Oft ist man sich gar nicht bewusst, wie viele Leute man in hilfreichen Positionen eigentlich kennt, bis man angestrengt darüber nachdenkt. Und gerade in Österreich ist es schwierig, gänzlich auf ein bisschen Freunderlwirtschaft zu verzichten.

Man darf aber auch keine Angst davor haben, auf gänzlich Fremde zuzugehen und zu sagen: „Hallo, hier bin ich, auf mich und mein Unternehmen haben Sie gewartet!“.

Was ist euer Ziel? Kurzfristig, mittelfristig und langfristig („Die Vision“)?

Kurzfristig wollen wir in den nächsten eineinhalb Jahren zumindest drei Lokale eröffnen, die wir auch selbst betreiben. Parallel dazu wollen wir mit Franchise-Partnern schnell wachsen.
 In weiterer Folge wollen wir in den nächsten Jahren zu den Top 3 – McDonald ́s, Burger King und Subway – aufschließen.

Surf’n’Fries ist ein vergleichsweise sehr junger Brand, weshalb viele interessante Länder noch nicht erschlossen sind. Langfristig wollen wir in Europa expandieren.

Lukas, Du hast schon früh begonnen, Events und Clubbings zu organisieren. War die Selbstständigkeit immer schon dein erklärtes Ziel?

Selbstständigkeit ist ja nicht nur ein beruflicher Terminus, meine persönliche Freiheit war mir immer schon sehr wichtig, was mir meine Eltern glücklicherweise auch vorgelebt haben. 
Es hat sich schon in der Schule sehr früh abgezeichnet, dass ich mir ungern etwas von Leuten sagen lasse, von denen ich der Meinung bin, dass Sie den geforderten Respekt und Gehorsam nicht verdienen. Das ist bei Lehrern, Magistratsbeamten, Polizisten oder sonstigen sogenannten Respektspersonen das Gleiche. Respekt ist nichts, das automatisch mit einer Stellenbeschreibung oder auch einem Verwandtschaftsverhältnis einhergeht. Natürlich hat das auch etwas mit meinem gesunden Selbstbewusstsein zu tun.

Meine persönliche Freiheit war mir immer schon sehr wichtig. Das hat sich schon in der Schule abgezeichnet, dass ich mir ungern etwas von Leuten sagen lasse, von denen ich der Meinung bin, dass Sie den geforderten Respekt nicht verdienen.

Diese Einstellung hat natürlich auch meine beruflichen Pläne beeinflusst. Viele meiner Freunde und Bekannten streben hohe Positionen in Konzernen an, was sie auch tun sollen, wenn es sie glücklich macht. Für mich wäre das unvorstellbar.
 Es war mir immer klar, dass ich lieber mein eigener Chef sein und aktiv gestalten möchte, als bloßer Befehlsempfänger und Fußsoldat zu sein. Mir geht es nicht um Reichtum oder Ruhm und Ehre, sondern darum, selbstbestimmt leben und arbeiten zu können, von persönlich hervorgeführten Erfolgen auch persönlich zu profitieren, aber auch selbst verursachte Misserfolge wieder geradezurücken.

Außerdem trage ich gerne kurze Hosen, wenn es heiß ist und schlafe gerne bis zumindest kurz vor 09:00 Uhr, arbeite andererseits aber auch gerne am späten Abend; das lässt sich als Chef sicher besser ausleben als als Angestellter.

 

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Es war ein seltener Moment der Unverblümtheit, als mich Lukas Zitz, der stellvertretende österreichische Wirtschaftsdelegierte in New York, vor einigen Monaten kontaktierte: „Mario, we have to talk.“ Seine Botschaft aus dem Epizentrum der globalen Wirtschaft: In den USA geht gerade richtig die Post ab, und zwar bei einem Thema, das man dort bis vor kurzem kaum buchstabieren konnte: Apprenticeships. Der klassischen, praxisnahen Berufsausbildung nach europäischem Vorbild.

Während wir in Österreich und Europa seit Jahrzehnten ein Narrativ pflegen, das möglichst jeden Jugendlichen in die Hörsäle der Universitäten treibt, vollzieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt eine radikale Kehrtwende. Im April 2025 unterzeichnete US-Präsident Trump eine weitreichende Executive Order mit dem vielsagenden Titel „Preparing Americans for High-Paying Skilled Trade Jobs of the Future“. Das Ziel ist brutal ambitioniert: Die Zahl der registrierten Lehrlinge soll auf eine Million hochgeschraubt werden. Angetrieben von einer Reindustrialisierungsstrategie, die Fabriken aus Asien zurückholt, und getragen von den größten Playern der Tech- und Finanzwelt. Weniger „College for All“, heißt das neue Motto in Washington.

Der Irrtum der akademischen Elite

Wir haben uns in Europa schlichtweg kaputt studiert. Wir haben Generationen eingeredet, dass Wohlstand und gesellschaftlicher Status nur über einen akademischen Titel führen. Das Ergebnis? Ein dramatischer Überschuss an Absolventen in Fächern, die der Markt in dieser Dichte schlicht nicht braucht, während uns an allen Ecken und Enden die Praktiker fehlen.

Die Quittung liefert der heimische Arbeitsmarkt unmissverständlich. Auswertungen der Agenda Austria auf Basis von AMS-Daten zeigen: Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern steigt zuletzt deutlich an, während Menschen mit einer klassischen Lehrausbildung zu den krisenfestesten Gruppen auf dem Arbeitsmarkt zählen. Mehr noch: Das alte Vorurteil, dass sich nur ein Studium finanziell lohnt, gerät zunehmend ins Wanken. In Deutschland etwa verdienen Beschäftigte mit Meister-, Techniker- oder Fachschulabschluss laut Statistischem Bundesamt (Verdiensterhebung, April 2025) im Schnitt 5.405 Euro brutto im Monat und damit mehr als Bachelor-Absolventen mit 5.289 Euro.

Gleichzeitig offenbart eine großangelegte Unternehmensbefragung des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) aus dem Jahr 2023 das ganze Dilemma unserer Wirtschaft: Satte 60,9 Prozent aller Betriebe klagen über massive Schwierigkeiten, Stellen mit Lehrabschluss zu besetzen. Universitätsabsolventen werden dagegen nur noch von mageren 8,1 Prozent der Unternehmen dringend gesucht. Wir bilden am Bedarf vorbei. Dabei ist die Lehre die beste Medizin gegen soziale Krisen: Daten des ibw („Lehrlingsausbildung im Überblick“, 2023) belegen, dass jene Bundesländer mit einer hohen Lehranfängerquote wie Oberösterreich, Salzburg oder Tirol die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweisen, während das akademisierte Wien mit fast 12 Prozent Jugendarbeitslosigkeit das Schlusslicht bildet.

Die USA bauen die „neue Elite“ mit unserem Modell

Ein Blick nach Übersee zeigt, wie blind Europa für die eigenen Stärken geworden ist. Bei einer Delegationsreise von Advantage Austria durch Chicago und Atlanta konnte ich mit österreichischen Vorzeigebetrieben wie Palfinger, KNAPP, Inteco oder STIWA sprechen, die vor Ort produzieren. Sie alle stehen vor derselben Herkulesaufgabe: Workforce Development.

Doch die Dynamik in den USA hat sich komplett verändert. Für den aktuellen KI-Boom, für den Bau und Betrieb gigantischer Rechenzentren und hochautomatisierter Logistikzentren braucht es keine Menschen, die auf niedrigstem Niveau stupide Handgriffe wiederholen. Und es braucht dafür überraschenderweise auch keine Master-Absolventen, die komplexe Systeme nur aus dem Lehrbuch kennen. Für moderne Wartung (Maintenance), Automation und Mechatronik braucht es Fachkräfte, die in der Lage sind, hochkomplexe, reale Probleme direkt an der Maschine zu lösen. Köpfe, die mit den Händen denken.

Bisher hinken die USA beim Fachpersonal im internationalen Vergleich zwar hinterher: rund 700.000 Apprentices auf 340 Millionen Einwohner, verglichen mit 1,2 Millionen Azubis im deutlich kleineren Deutschland. Genau dieser Unterschied erklärt, warum amerikanische Unternehmen derzeit so intensiv nach Vorbildern aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz suchen. Das Problem für uns: Die Amerikaner holen im Eiltempo auf. Seit Beginn der aktuellen US-Administration wurden laut US-Arbeitsministerium bereits über 386.000 neue Apprentices registriert. Das entspricht einem gewaltigen Zwischenspurt.

Ein Weckruf für Europa: Es ist eins vor zwölf

Österreich hat rund 100.000 Lehrlinge, ein historisches Pfund, um das uns die Amerikaner beneiden. Doch während die USA die bürokratischen Hürden für Betriebe radikal abbauen, Qualifikationen wie Micro-Credentials anerkennen und das System mit Milliarden professionalisieren, verwalten wir in Europa den Mangel und klammern uns an den kollektiven Titel-Wahn.

Wir müssen aufhören, die Lehrlingsausbildung als gesellschaftliche „Notlösung“ abzutun. Es ist für Europa nicht mehr fünf vor zwölf, es ist eins vor zwölf. Während wir uns in endlosen Debatten über Vier-Tage-Wochen und akademische Befindlichkeiten verlieren, zieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt mit unserem eigenen Modell im Sprint an uns vorbei.

Wo bleibt unser großer Aufbruch? Wo bleibt das laute, stolze Begehren für das Handwerk? Wir müssen uns in Europa endlich zusammenreißen, den akademischen Hochmut ablegen und die Macher wieder zu den echten Helden unserer Wirtschaft machen. Wenn wir das System jetzt nicht radikal modernisieren und aufwerten, stehen wir bald mit einer Million theoretischer Master-Arbeiten da, aber ohne eine einzige Hand, die die Welt von morgen überhaupt noch bauen oder warten kann.

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