07.05.2018

Blockchain: Ein Blick hinter den Hype

Die Blockchain gilt als Technologie der Zukunft. Auch in Österreich gibt es spannendende Projekte. Aber der Sektor steckt noch in den Kinderschuhen. Eine Beta-Phase, quasi.
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Blockchain - hinter dem Hype
(c) fotolia.com - Denys Rudyi

Man muss sich die Blockchain wie eine Prominente vorstellen. Eine Sängerin oder Schauspielerin, die von heute auf morgen Kultstatus erreicht hat und nun keinen Schritt tun kann ohne von Fans belagert zu werden. Millionen von Menschen blicken zu ihr auf, projizieren ihre Träume und Wünsche auf sie. PR-Berater und Medien spinnen eine Story nach der anderen: Was hat sie gestern getan? Wo wird sie morgen sein? Aber trotz all der Scheinwerfer und der Aufmerksamkeit geht der Blick aufs Wesentliche immer mehr verloren. Die Person hinter dem Image wird vom Hype verschlungen. Ihre eigentlichen Fähigkeiten und ihre Fehler sind kein Thema mehr.

+++ Grundwissen: Die Blockchaín – einfach erklärt +++

Der Blick auf das Wesentliche

Ganz genauso ist es bei der Blockchain. Die Technologie und ihre Möglichkeiten werden von einem ohrenbetäubenden Hype begleitet, der den Blick aufs Wesentliche verstellt. Aber nicht für alle. Mitten in der von Bitcoin angeheizten Manie, die derzeit alle Ökonomen, Finanzminister und Notenbankchefs zu beschäftigen scheint, arbeiten viele Menschen und Unternehmen bereits an Blockchain-Anwendungen für die richtige Welt. Ihre Ideen gehen weit über Kryptowährungen hinaus – und haben oft rein gar nichts damit zu tun. Banken, Versicherungen, Regierungen, Logistikfirmen, Luxusanbieter, Energieanbieter, Nahrungsmittelindustrie – alle machen was mit Blockchain. Die Liste ließe sich lange fortführen. Auch in Österreich tut sich einiges.

Logistik als Blockchain-Thema der Stunde

Zum Beispiel im siebten Wiener Gemeindebezirk Neubau. Dort sitzt das Startup Riddle & Code. Gegründet 2017. Mitarbeiter: 16 Personen. Selbstbeschreibung: „Blockchain Interface Company“. Die Idee: Die reale Welt mit der Blockchain zu verbinden – mit Hilfe von NFC und RFID Tags. „Wir sind bisher die einzige Firma in Europa, die diese Hardware anbietet“, sagt Thomas Fürstner von Riddle & Code. Dass Lieferketten und Logistik Felder sind, in denen mit Hilfe der Blockchain viel an Effizienz gehoben werden könnte, leuchtet rasch ein. Überhaupt ist die Logistik derzeit das Blockchain-Thema der Stunde: „Voriges Jahr war es die Energiewirtschaft. Jetzt ist die Logistik dran“, sagt Andreas Freitag, Blockchain-Experte bei Accenture: „Die Verbindung zwischen der physischen und der digitalen Welt. Das ist auch ein Riesen Thema beim Kampf gegen Fälschungen.“ Was viele nicht wissen: Gerade bei Industrieteilen, etwa im Flugzeugbau, wird gefälscht was das Zeug hält. Dem könnte die Blockchain entgegen wirken.

Chips mit den Fähigkeiten eines iPhones

Güter reisen oft monatelang um die Welt, über viele Grenzen. Sie werden ständig kontrolliert und umgeladen. Ein bürokratischer Albtraum, der noch dazu der Manipulation und Korruption Türen und Tore öffnet. Riddle & Code baut heute schon vor für eine Zukunft, in der dieser Güterverkehr auf einer Blockchain abgebildet wird. Dank winziger Chips und Sensoren, die sich in ein paar Jahren überall finden werden. „In 2026 werden wir Chips haben, die Cents kosten, Mikrowatt an Energie verbrauchen aber die Fähigkeiten eines heutigen iPhones haben. Wir werden diese Chips überall einbauen und alles messen, was es zu messen gibt. Diese Dynamik ist nicht mehr aufzuhalten – aber durch die Blockchain werden die Daten beherrschbar gemacht“, sagt Thomas Fürstner.

„Wir machen nur Projekte mit Leuten, die Blockchain schon kennen und damit arbeiten wollen.“

Für die immer noch weit verbreitete Ignoranz gegenüber der Technologie hat Riddle & Code eine elegante Lösung gefunden. „Wir machen nur Projekte mit Leuten, die Blockchain schon kennen und damit arbeiten wollen. Sonst ist es sinnlos. Aber wir merken schon auch, dass wir bei diesem sehr neuen Thema vor allem Partner und Begleiter unserer Kunden sind“, so Fürstner. Mit der Standortpolitik Österreichs zeigt er sich zufrieden. Dass es an der Wiener Wirtschaftsuni jetzt ein eigenes Forschungsinstitut für Kryptoökonomie gibt, sei ein Schritt in die richtige Richtung.

Ein Institut ganz am Anfang

Alfred Taudes stimmt ihm da zu. Alles andere wäre auch eigenartig, denn Taudes ist der wissenschaftliche Leiter des neuen Instituts. Als Direktorin konnte Shermin Voshmgir gewonnen werden, die in Berlin das BlockchainHub gegründet hat. In Sachen Lehre und Forschung steht das Institut noch ganz am Anfang. Taudes ist dabei, die Landkarte der Community zu zeichnen. Seit März gibt es an der WU auch regelmäßige Veranstaltungen. Und dann sind da noch die heimischen Unternehmen, die längst auf die Blockchain aufmerksam geworden sind, aber bisher noch nicht so recht wissen, was sie damit machen sollen. „In den meisten großen Unternehmen ist es so, dass der jüngste Informatiker zum Blockchainbeauftragten erklärt wird“, sagt Taudes.

Aktivitäten von „Big Blue“

Immerhin: In den 1990er-Jahren gab es kaum Internet-Beauftragte in Firmen. Damals waren viele unvorbereitet auf die neue Technologie. Diesmal scheint es ein bisschen anders. International das beste Beispiel ist wohl IBM. „Big Blue“ gilt als besonders aktiv im Blockchain-Bereich. Gerade erst hat man ein Joint Venture mit dem dänischen Logistikgiganten Maersk aus der Taufe gehoben. Das Ziel: Die Schaffung einer neuen Handelsplattform auf Basis der Blockchain, die internationale Lieferketten effizienter gestalten soll. Aber IBM ist auch an anderen Blockchain-Fronten sehr aktiv: Dank einer Partnerschaft mit Stellar will man sogar ins Geschäft mit Kryptowährungen einsteigen.

Mehr noch: IBM will die Technologie bieten, die Notenbanken für ihre eigenen Kryptocoins nutzen können. Ein entscheidender Punkt dabei ist aber, dass man mit Stellar an einem offenen Netz arbeitet, das von jedermann genutzt werden kann ohne Gebühren zu zahlen, ähnlich wie E-Mail oder das Web. In einem sehr ausführlichen Artikel hat die „New York Times“ erst kürzlich festgestellt, dass dieser Trend vielleicht der allerwichtigste im Zusammenhang mit Blockchain sein könnte: Die Schaffung neuer offener Standards, etwa für Identitäten, Werte und andere Daten. Das würde einer Tendenz entgegenwirken, die wir im Web derzeit sehen: Dass immer weniger Riesenfirmen immer mehr Daten kontrollieren.

Keine Revolution über Nacht

Aber Niemand glaubt ernsthaft an die Revolution über Nacht. Mit Bitcoin hat das Baby Blockchain seine ersten Schritte getan. „Das gibt es seit 10 Jahren und hat gezeigt, dass das technische Konzept funktioniert“, sagt Ökonom Taudes: „Kann auch sein, dass Bitcoin irgendwann abgelöst wird. Aber Kryptowährungen werden bleiben. Ich habe das Gefühl, dass die jungen Leute das einfach wollen und ich glaube nicht, dass Kryptowährungen einfach wieder verschwinden werden.“ Tatsächlich hat der Auftritt von Bitcoin ziemlich rasch auch zu einem Innovationsschub in der klassischen Finanzwelt geführt. Praktisch alle Großbanken arbeiten in Konsortien an der Nutzung von Blockchain für den Zahlungsverkehr. Da gibt es noch viel zu verbessern und verbilligen. Und sogar die Notenbanken zeigen nun, dass sie mehr können – und pushen neue Technologien. So wird es in Europa auch im klassischen Geldsystem bald möglich sein, Überweisungen in Sekundenschnelle zu tätigen.

Blockchain als DSGVO-Lösung

Anderswo sorgen neue Gesetze plötzlich für einen Auftritt der Blockchain. Stichwort „Datenschutzgrundverordnung“. Vor diesem Gesetzeswerk zittern viele Firmen, weil der Umgang mit Kundendaten in Zukunft viel stärker geregelt sein soll. Es wird hohe Strafen geben. Und auf Wunsch des Kunden wird eine Firma gesammelte Daten ausgeben und auch löschen müssen. All das ist für die oft veralteten Computersysteme eine Herausforderung. Aber nicht für die Blockchain, die ja Daten und Werte dezentral, fälschungs- und angriffssicher speichern kann.

Das Linzer Startup Akarion hat ein Tool entwickelt, das Firmen an ihre Infrastruktur anschließen können um die Daten ihrer Kunden gesetzeskonform verwalten zu können – auf Basis der Ethereum-Blockchain. „Wir können unser System mit den bestehenden verzahnen. Sobald irgendwo personenbezogene Daten eingegeben werden, können wir das sichtbar machen“, sagt CEO Markus Costabiei. Das Ziel: Die Blockchain soll eingesetzt werden, um den Aufwand für Unternehmen in Sachen Datenschutz so gering wie möglich zu halten. Und eine Web App soll die Interaktion mit den Daten ermöglichen, ohne jemals mit der Blockchain direkt arbeiten zu müssen. Auch die Datenabfrage für die Kunden soll per Knopfdruck möglich sein. Wenn das Projekt Erfolg hat, dann hat die Datenschutzgrundverordnung, vor der sich derzeit alle fürchten, den Blockchain-Standort Österreich sozusagen unabsichtlich gestärkt.

„Du musst irgendwo beginnen“

Bei der Post will man sich noch ein bisschen Zeit lassen. Aber immerhin. Auch bei diesem heimischen Riesen gibt es einen „Blockchain-Lead“: Daniel Döller. Er sagt, was in der Welt der großen Corporates alle wissen: „Die Technologie, wie sie heute ausgeprägt ist, hat noch einige technische Hürden zu überwinden. Das dauert noch ein paar Jahre. Als Corporate jetzt schon nach einem super Use Case zu suchen, der das ganze Geschäftsmodell umkrempelt, wäre zu früh. Aber du musst irgendwo beginnen.“

Fachkräftemangel: Noch steckt Blockchain in den Kinderschuhen

Und dann ist da noch dieses Problem. Es fehlt an allen Ecken und Enden an fähigen Programmieren, die Blockchain und Ökonomie verstehen. Darüber beklagen sich alle, die Forscher, die Startups und die Unternehmen. Dieser Mangel kann nicht im Schnellverfahren behoben werden. Aber eine Stärkung der Ausbildung und die Verbesserung der Standortbedingungen sollten helfen, Talente anzulocken. Noch ist ja ein bisschen Zeit. Noch steckt die Blockchain-Sache in den Kinderschuhen.

Jetzt ist die Zeit der Experimente. Bei der Post hat Döller die 10 wichtigsten Abteilungen zusammengetrommelt und einfach mal Ideen entwickelt. Von den besten 30 wurden zwei ausgewählt, die jetzt angegangen werden. Ein wichtiges Feld ist wenig überraschend die Logistik. Was beim Feldversuch rauskommt? Viel zu früh für eine Antwort, sagt Döller. „Jetzt geht es darum, Vertrauen in die Technologie aufzubauen. Niemand weiß genau, was aus der Blockchain wird, wie sie am besten eingesetzt wird und wo. Aber man muss trotzdem vorbereitet sein.“

Dieser Beitrag erschien in gedruckter Form im aktuellen Brutkasten Magazin #6

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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