02.06.2021

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

Vöslauer investiert sieben Millionen Euro in die erneute Einführung der PET-Mehrwegflasche. Im Interview schildert Geschäftsführerin Birgit Aichinger außerdem, wie das Unternehmen die digitale Transformation vorantreibt.
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Birgit Aichinger Vöslauer
Brigit Aichinger, Geschäftsführerin Vöslauer Mineralwasser GmbH

Birgit Aichinger steht seit Juli 2018 als Geschäftsführerin an der Spitze von Vöslauer, dem zur Ottakringer Getränkegruppe gehörenden Mineralwasserabfüller. Gemeinsam mit ihrem Geschäftsführungs-Kollegen Herbert Schlossnikl treibt sie die Geschicke des Unternehmens voran, bei dem sie bereits seit dem Jahr 2000 an Bord ist. Vor ihrem Wechsel in die Geschäftsführung zeichnete sie für die Leitung des Verkaufs in Österreich sowie das Marketing des heimischen Mineralwasser-Marktführers verantwortlich. Mit brutkasten Wirtschaft spricht die Kulturliebhaberin über ihre Bewunderung für mutige Jungunternehmer, die herausfordernde Corona-Pandemie, die neue Art des Arbeitens, den Status quo in der digitalen Transformation und das Bekenntnis von Vöslauer zum Klimaschutz.

Frau Aichinger, Sie haben kürzlich die Einführung der PET-Mehrwegflasche im ersten Quartal des Jahres 2022 bekannt gegeben. Damit wagen Sie ein Projekt, das in Österreich ja bereits einmal gescheitert ist. Was macht Sie so sicher, dass die Konsumenten das Verpackungskonzept diesmal gut annehmen werden?

Es hat sich natürlich einiges verändert seit damals, vor allem haben sich die technischen Gegebenheiten enorm verbessert, PET-Mehrwegflaschen sind jetzt leichter im Gewicht und Dank dieser neuen Technologien sehen die Flaschen trotz vieler Umläufe trotzdem noch appetitlich aus. Das war nicht immer so und dadurch war die Akzeptanz nicht sehr hoch. Was unsere KonsumentInnen betrifft, so haben sich deren Bedürfnisse stark in Richtung nachhaltige und ökologisch sinnvollere Produkte entwickelt. Wir sehen es als unsere Aufgabe darauf zu achten, wie sich Lebensstile verändern, was den Menschen wichtig ist und was sie brauchen, damit sie in ihrem Alltag Unterstützung haben. Und hier schließt sich der Kreis, denn unsere neue PET-Mehrwegflasche erfüllt alle diese Komponenten – sie ist umweltfreundlich und klimaschonend sowie leicht im Gewicht, damit sie auch einfach transportiert werden kann.

Sie haben sieben Millionen Euro in die Umstellung investiert. Was waren dabei die größten Kostentreiber?

Das ist richtig, wir investieren sieben Millionen Euro und das ist in Zeiten, wie wir sie gerade erleben, herausfordernd. Der größte Anteil an diesem Invest ist sicherlich die Maschinentechnik, die wir für unsere neue PET-Mehrwegflasche benötigen.

Wie herausfordernd war denn das Ausnahmejahr 2020 generell für Vöslauer?

2020 war aufgrund der Pandemie für uns, wie für viele andere auch, kein einfaches Jahr. Besonders der Totalausfall der Gastronomie, der Event- und Kongressbranche aber auch des Tourismus hat sich auf unser Geschäft inklusive dem Impuls- und „To go“-Bereich ausgewirkt. Und das schlägt sich natürlich auch im Umsatz nieder, weshalb wir unsere Erwartungen korrigieren mussten.

Und wie stellt sich die aktuelle Geschäftsentwicklung dar?

Wir sind laut Nielsen IQ im Lebensmittelhandel exklusive Hofer und Lidl mit mehr als 40 Prozent Marktanteil Marktführer am österreichischen Mineralwassermarkt (exkl. Near Water; Anm.) und Vorreiter bei Pfandgebinden mit über 50 Prozent. Unser Hauptexportland ist nach wie vor Deutschland und auch die Ungarn trinken gerne Vöslauer Mineralwasser. Die Exportquote lag 2020 bei rund 17 Prozent. Wir blicken optimistisch in die Zukunft, denn mit den Lockerungen werden die Menschen hoffentlich auch wieder mehr unterwegs sein.
Was sich durch die Pandemie aus unserer Sicht aber deutlich verstärkt hat, ist ein stärkeres Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz. Und diese Haltungsänderung bringt beispielsweise auch ein höheres Bedürfnis nach umweltschonenden Verpackungen, wie Glas-Mehrwegprodukten mit sich. Das sehen wir an der Beliebtheit unserer 8×1-l-Glas-Mehrwegflasche, für die wir eine Umsatzsteigerung von rund 8 Prozent für 2020 verzeichnen. Man kann auch sagen, dass das unser krisenfestes Gebinde im letzten Jahr war.

Was waren die größten Veränderungen, die Corona abseits der vorhin angesprochenen Umsatzeinbußen zum Beispiel hinsichtlich neuer Arbeitsmodelle mit sich gebracht hat?

Grundsätzlich waren wir, was das Arbeiten betrifft, für die „neuen“ Anforderungen recht gut gerüstet, da wir neben Krisenplänen – die wir von Jahr zu Jahr überarbeiten – flexibles, agiles und mobiles Arbeiten schon seit längerem forcieren und leben. Wir konnten also letztes Jahr ohne größere Reibungsverluste sofort auf Homeoffice umstellen, weil alles bereits vorhanden war. Wir arbeiten schon seit geraumer Zeit flexibel, mit großzügiger mobile Work Regelung, wir haben unsere Büros insofern umgestellt, als dass es für die allermeisten inkl. der Geschäftsführung keinen eigenen Arbeitsplatz mehr gibt und sich jeder den Platz sucht, den er gerade braucht. Unsere KollegInnen in der Produktion sind natürlich von der Möglichkeit des Homeoffice ausgeschlossen. Aufgrund der Tatsache, dass wir als Lebensmittelerzeuger aber ohnehin strenge Hygienevorschriften haben, waren hier vergleichsweise wenige Schrauben zu drehen. Was aber mit der Zeit immer mühsamer geworden ist, waren die fehlenden persönlichen Kontakte, der persönliche Austausch, das Treffen der KollegInnen im Büro. Und viele von uns waren natürlich auch durch Mehrfachbelastungen gefordert – Homeschooling, Online-Meetings, alle Familienmitglieder zuhause und vieles mehr. Das Gute daran? Es hat Online-Meetings salonfähig gemacht – mit allen Vor- und Nachteilen – und es ist absolut kein Thema, wenn im Hintergrund die Kleinen „herumzischen“.

Was von den vorgenommenen Änderungen im Unternehmen wird bleiben, was nicht?

Zum einen hat sich in der letzten Zeit so einiges verändert und unser Job ist es unter anderem, neue Werte, Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu beobachten und mit den unseren zu verknüpfen. Wir sehen, dass die Menschen mobiler und flexibler werden, sie viele Dinge unter einen Hut bringen müssen – Privates und Berufliches –, ihnen Nachhaltigkeit immer wichtiger wird und sie von Firmen und Marken Haltung und Lösungen erwarten. Und was für KonsumentInnen gilt, gilt auch für uns und unsere KollegInnen, denn wir sind doch alle demselben Wandel unterworfen. Aus meiner Sicht werden Online-Meetings bis zu einem gewissen Grad bleiben, es wird weniger Dienstreisen geben und Themen rund um Nachhaltigkeit werden sich noch stärker etablieren. Und dann gibt es Dinge, die sich nicht verändert haben und denen wir treu bleiben wollen. Unsere Mission zum Beispiel: Die Quelle ist unser Ursprung. Wir schaffen Wohlbefinden und löschen den Durst der Zeit.
Wir schaffen Wohlbefinden nicht nur für unsere KonsumentInnen, sondern auch für unsere KollegInnen. Und wir löschen den Durst der Zeit, weil wir auch weiterhin gute Köpfe halten und neue anziehen wollen. Im Grunde genommen ist neues Arbeiten schon seit jeher in unseren Werten verankert: Zusammen arbeiten, Klartext reden, Vereinbarkeit von Familie & Beruf. Diese neue Art des Arbeitens wird bleiben bzw. werden wir sie ständig weiterentwickeln und an aktuelle Bedürfnisse und Rahmenbedingungen anpassen.

„Unser nachhaltiges Engagement ist eng mit unseren Unternehmenszielen verbunden, festgeschrieben in unseren Werten aber vor allem auch in unserer Strategie. Das legt man nicht einfach beiseite. Auch nicht in einer Krise.“

Das Bekenntnis der Konsumenten nach nachhaltigen Produkten hat sich verstärkt, viele Unternehmen haben ihre Engagements in Sachen Klimaschutz im Zuge der Bewältigung der Coronakrise aber – zumindest kurzfristig – zurückgefahren. Wie ist Ihnen der Spagat zwischen dem Managen der Krise und dem Festhalten an Ihren Nachhaltigkeitszielen gelungen?

Wir sehen das Thema Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Ziele nicht als „zusätzliches“ Projekt, das man stilllegt, wenn es kompliziert oder schwierig wird. Unser nachhaltiges Engagement ist eng mit unseren Unternehmenszielen verbunden, festgeschrieben in unseren Werten aber vor allem auch in unserer Strategie. Das legt man nicht einfach beiseite. Auch nicht in einer Krise. Wir sind der Meinung, dass wir Verantwortung als Unternehmen und als Einzelpersonen tragen und diese nehmen wir wahr. Wie ist das in der Krise gelungen? Eben weil es ein selbstverständlicher Teil unseres Unternehmens ist, weil es vom gesamten Team getragen wird und weil es auch sehr präsent in unseren Produkten ist: Unsere Verpackungen bestehen z. B. entweder aus 100 % rePET, also recyceltem PET, oder Glas-Mehrweg oder eben ab 2022 auch aus PET-Mehrweg. Wir achten aber ebenso bei allen anderen Materialien, Inhaltsstoffen und beispielsweise auch bei unseren Promotions, Büromaterialien usw. auf nachhaltige Lösungen. Transport ist klarerweise auch ein großes Thema. In Summe gilt bei uns die Devise, dass jedes Produkt nachhaltiger als sein Vorgänger sein muss und alles was wir tun prinzipiell auch mit der Nachhaltigkeitsbrille beurteilt wird.

Ärgert es Sie eigentlich, dass Plastikverpackungen in der Öffentlichkeit so ein schlechtes Image haben?

Nein es ärgert uns nicht. Plastik ist, bei richtigem und sparsamen Einsatz, ein schlaues Material. Aber es ist klarerweise entscheidend, wie damit umgegangen wird. Achtlos weggeworfen ist es ein Problem und wir sind auch dankbar, dass das thematisiert wird. PET ist ein wertvoller Rohstoff, der wiederverwertet werden soll und nichts im Straßengraben zu suchen hat. Wir haben viel Energie in die Entwicklung einer PET-Flasche gesteckt, die zu 100 % aus rePET besteht. So konnten wir vergangenes Jahr unser gesamtes Sortiment auf 100 % rePET umstellen, und sind dabeigeblieben. Trotz der Tatsache, dass sogenanntes Virgin Material aufgrund der niedrigen Rohölpreise zeitweise günstiger ist, als PET-Rezyklate. Was wir als Unternehmen noch beitragen können, ist Bewusstseinsbildung. Dass PET nicht in den Restmüll oder eben achtlos weggeworfen werden darf, sondern dieser wertvolle und gut recycelbarer Wertstoff richtig gesammelt wird. Nur so kann er im Kreislauf gehalten und wiederverwertet werden, das spart Ressourcen und schont die Umwelt. Diese Bewusstseinsbildung treiben wir auf allen uns zur Verfügung stehenden Kanälen voran – auf digitalem Wege, über klassische Medien, aber auch auf den Gebinden selbst.

„In der derzeitigen politische Lage rund um die Maßnahmen zur Single-Use Plastics-Verordnung würde uns mehr Planungssicherheit helfen.“

Glauben Sie, dass Pfand auf Einwegplastikflaschen dabei helfen kann, dass weniger Plastik achtlos weggeworfen wird bzw. wie sehen Sie den Vorstoß von Umweltministerin Leonore Gewessler, ein verpflichtendes Pfandsystem einzuführen?

Ob ein verpflichtendes Pfandsystem eingeführt wird oder nicht und wie sehr es nützt, müssen ExpertInnen und die Politik entscheiden, das liegt nicht in unserer Kompetenz. Wir sind daran interessiert, die richtigen Lösungen für unsere KonsumentInnen zu bieten und wir glauben, dass wir das mit unserem Angebot tun. Schließlich geht es am Ende darum, die Umwelt zu schützen und nachhaltige Produkte auf den Markt zu bringen und mit unseren 100 % rePET-Flaschen und Glas-Mehrwegprodukten leisten wir unseren Beitrag dazu.

Welche Wünsche haben Sie – auch diese Diskussion betreffend – an die Politik?

Grundsätzlich fänden wir es gut, dass jene Unternehmen, die nachweislich einen wesentlichen Beitrag für mehr Umwelt- und Klimaschutz leisten, auch mehr unterstützt werden. Letztendlich versuchen wir alle ein gemeinsames Ziel zu erreichen, um für eine enkeltaugliche Zukunft zu sorgen. In der derzeitigen politische Lage rund um die Maßnahmen zur Single-Use Plastics-Verordnung würde uns mehr Planungssicherheit helfen.

Ein weiteres Thema, das durch Corona einen neuen Schub bekommen hat und das nahezu alle Unternehmen beschäftigt, ist die digitale Transformation. Wie gut ist Vöslauer hier bereits aufgestellt?

Wir wollen überall da, wo es möglich und sinnvoll ist, digitalisieren und die Chancen, die sich dadurch bieten, nutzen. Aktuelle Projekte sind beispielsweise Digitalisierung beim Onboarding oder von Spesen- und Reisekostenabrechnungen und es gibt auch ein CRM-Projekt, das im Juli live gehen wird. Abgesehen von der digitalen Kommunikation über Soziale Medien wie Instagram, Facebook oder Podcasts ist unser Jungbleiben-Magazin ein digitales Medium und auch digitale Unternehmensführungen sind immer mehr Thema – nicht zuletzt, weil Besuchergruppen-Führungen ja lange Zeit nicht möglich waren und aktuell auch noch nicht sind. Ein sehr innovatives Element haben wir zuletzt aber auch mit dem Redesign unserer Vöslauer Junior Flaschen gelauncht, nämlich ein Augmented Reality Projekt, mit dem die Tiere auf den Flaschen animiert durchs eigene Zuhause bewegt werden können – so geht Spielen und Lernen Hand in Hand. Als internes digitales Kommunikationsmittel nutzen wir eine APP „Vöslaura“, sie ist sehr beliebt bei unseren KollegInnen, weil darin alle relevanten Informationen kompakt und gebündelt zu finden sind. Egal, ob es sich beispielsweise um Neuigkeiten im Unternehmen handelt, aber auch Nachhaltigkeitsthemen, Goodies und Umfragen haben dort Platz. Besonders gut finden wir, dass diese APP auch sehr interaktiv genutzt wird. KollegInnen kommentieren, liken oder posten Fotos zu den unterschiedlichsten Themen. Digitalisierung hat bei Vöslauer also viele Gesichter und ist definitiv ein Thema, das uns auf mehreren Ebenen begleitet und beschäftigt.

Haben Sie bereits mit Künstlicher Intelligenz experimentiert bzw. kommt diese im Unternehmen bereits zum Einsatz?

Derzeit haben wir diesbezüglich noch nichts im Einsatz. Aber wir verfolgen das Thema sehr interessiert.

Am Getränkemarkt mischen auch Startups verstärkt mit und kurbeln den Wettbewerb an. Wie sehen Sie den Markteintritt dieser jungen Unternehmen und was können Sie sich von Startups vielleicht sogar abschauen?

In dieser Szene gibt es sehr innovative Produkte ebenso wie MeToos. Von ersteren kann man sich auf jeden Fall Erfindergeist, Begeisterungsfähigkeit und Mut abschauen. Oft sind das Konzepte, die sich an eine ganz besondere Nische wenden oder eine spezielle Anwendung im Blick haben. Da gibt es oft sehr kompromisslose Projekte und das finde ich verdient doch einige Bewunderung. Wenn das mit guter Qualität, Konsequenz und etwas Geschäftssinn in Verbindung steht, stellt sich auch der Erfolg ein.

Könnten Sie sich vorstellen auch mit Startups zu kooperieren?

Selbstverständlich. Wir sind für Kooperationen jeglicher Art offen.

Welchen Tipp würden Sie Jungunternehmern mit auf den Weg geben, um das Ziel einer Listung im Handel zu erreichen?

Ich denke, dass sich das viele leichter vorstellen als es dann schlussendlich ist. Wichtig ist, dass man weiß wofür man steht und wofür nicht. Das bedeutet nicht, dass man nicht lernen kann, aber man wird es auch nie allen recht machen. Was man auch mitbringen sollte ist ein langer Atem. Der Markt ist umkämpft und es braucht seine Zeit, bis man sich etabliert.

Vielen Dank für das Interview.

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Hier eine BU zur Maschine selbst, in zwei Schärfegraden: Variante 1, kompakt für Social: Oft als komplexeste Maschine der Welt bezeichnet: Eine EUV-Anlage von ASML besteht aus rund 100.000 Bauteilen und ist etwa so groß wie ein Bus. | (c) ASML

Es gibt Sätze, die mehr über die Lage Europas verraten als jedes Strategiepapier. Einer davon fiel auf der diesjährigen VivaTech, gesprochen von einem Mann, den man schwer des europäischen Selbstmitleids verdächtigen kann: Christophe Fouquet, CEO von ASML.

Fouquet war nach Paris gekommen, um zu erklären, wie ein Chip überhaupt entsteht, etwas, das fast jede und jeder im Publikum täglich nutzt, ohne es zu kennen. Im Zentrum steht die EUV-Lithografie und die Maschine dahinter, die laut Fouquet das Wall Street Journal im Dezember 2024 „die unverzichtbarste Maschine der Welt“ nannte. Sie überträgt mit Licht feinste Strukturen auf den Wafer, die runde Siliziumscheibe, aus der später die einzelnen Chips geschnitten werden.

ASML ist der einzige Hersteller dieser Anlagen weltweit. Ohne sie entsteht kein einziger der fortschrittlichsten Chips, und ohne diese Chips läuft keine der KI-Anwendungen, über die in Paris vier Tage lang geredet wurde. „KI braucht Chips, und Chips brauchen EUV“, brachte es Fouquet auf der Bühne auf die einfachste Formel. So weit, so beeindruckend. Doch der Satz, der hängen blieb, war ein anderer.

Billionen fließen, aber nicht hierher

Fouquet skizzierte, was viele in der Branche längst als Gewissheit handeln: In den kommenden zwei bis drei Jahren werden Billionen in KI-Infrastruktur investiert, in Rechenzentren, Beschleuniger, Wafer. Es ist die erste Runde eines Aufbaus, der KI in jede Industrie tragen soll. Und dieser Aufbau hat eine klare Geografie. Laut BloombergNEF entstanden Ende September 2025 rund drei Viertel der weltweit im Bau befindlichen Rechenzentrumskapazität in den USA. Allein die fünf größten US-Hyperscaler, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta und Oracle, haben für 2026 zusammen zwischen 660 und 690 Milliarden Dollar an Investitionen angekündigt, fast eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. Fouquets Stegreifzahl von 80 Prozent steht also auf solidem Grund, und sein „Europa ein bisschen“ ebenso.

ASML-CEO Christophe Fouquet (links) und Siemens-Chef Roland Busch bei der VivaTech in Paris, wo beide über KI, Industrie und Europas technologische Wettbewerbsfähigkeit sprachen. (c) LinkedIn Christophe Fouquet / VivaTech

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Der Chef von Europas strategisch wertvollstem Technologiekonzern, auf einer europäischen Bühne, vor einem europäischen Publikum, rechnet vor, dass der Kontinent beim wichtigsten Infrastrukturaufbau dieses Jahrzehnts eine Randnotiz ist. Das ist keine Klage eines Subventionsempfängers. Es ist die nüchterne Buchführung dessen, der die Maschinen liefert und daher genau weiß, wohin sie gehen.

Genau hier wird aus einem Technik-Vortrag eine Standortfrage.

Warum ausgerechnet ASML der Hebel ist

Die Wucht der Zahlen, die Fouquet auffuhr, macht klar, worum es geht. Jensen Huangs These „Moore’s Law is dead“ bedeutet in der Praxis: Statt einer Verdopplung der Transistoren alle zwei Jahre verlangt das KI-Zeitalter eine Verzehnfachung. Schon ein einzelner Blackwell-Chip von NVIDIA vereint 208 Milliarden Transistoren. Und der Hunger nach Silizium wächst rasant: Laut ASML beansprucht ein komplettes Blackwell-System heute die Kapazität von rund 50 Wafern, das für 2027 geplante Rubin-Ultra-System soll die fünffache Menge benötigen, also rund 250 Wafer pro System.

(c) ASML

Diese Explosion der Nachfrage trifft auf ein Nadelöhr, und das Nadelöhr heißt ASML. Die Komplexität der Technik ist dabei kein Marketing: Um das nötige EUV-Licht zu erzeugen, beschießt ASML laut Fouquet 60.000 Mal pro Sekunde ein winziges Zinntröpfchen mit Lasern und erzeugt ein Plasma von 220.000 Grad Celsius. Die Spiegel, die das Licht lenken, seien, so Fouquet, tausendmal präziser als jene des Hubble-Teleskops, präzise genug, um vom Boden aus eine Münze auf dem Mond anzupeilen. Vierzig Jahre Entwicklung, 1984 aus einem Joint Venture rund um Philips mit 31 Mitarbeiter:innen hervorgegangen, stecken in diesem Vorsprung. Genau deshalb kann ihn so schnell niemand kopieren, und genau deshalb hängt die Welt an einem einzigen europäischen Unternehmen.

1984 als Joint Venture rund um Philips mit 31 Mitarbeiter:innen gestartet, ist ASML heute Europas wertvollster Technologiekonzern. Im Bild der Hauptsitz im niederländischen Veldhoven. (c) ASML

Das ist die paradoxe Ausgangslage Europas: Es kontrolliert den unverzichtbaren Engpass der KI-Revolution, partizipiert am Wertzuwachs darüber aber nur am Rand.

Die europäische Gegenwette

Dass ASML diese Lücke kennt, zeigt sein eigener Schritt. Im September 2025 führte der Konzern mit 1,3 Milliarden Euro die Series-C-Runde von Mistral an, sicherte sich rund elf Prozent am Pariser KI-Champion und einen Sitz im Strategieausschuss. Bewertung der Runde: 11,7 Milliarden Euro. In Paris erklärte Fouquet die Logik dahinter mit einer These, die man sich merken sollte: Der eigentliche Wert von KI liege nicht im Modell, sondern in den Daten. ASML sitzt auf einem Datenschatz von rund 120 Petabyte, allein in den Fabs der Kund:innen entstehen 15 Terabyte pro Stunde. Mistral bekommt Zugang und bettet eigene Leute bei ASML ein, ASML bekommt maßgeschneiderte Modelle für Design, Fertigung und Forschung.

Im Reinraum von ASML im niederländischen Veldhoven entsteht die EUV-Lithografie, jene Maschine, die laut Fouquet das Wall Street Journal die „unverzichtbarste Maschine der Welt“ nannte. (c) ASML

Es ist, auf dem Papier, die europäische Idealgeschichte: Der Engpass-Monopolist und der Hoffnungsträger der europäischen KI verbünden sich, statt das Geld nach Kalifornien zu tragen. Eine Wette auf Souveränität entlang der gesamten Halbleiter-Wertschöpfungskette.

Nur sollte man sich diese Wette ehrlich ansehen. Mistral ist gegenüber OpenAI und Anthropic weiterhin der kleinere Player, dessen Modelle ihren industriellen Mehrwert erst beweisen müssen. Und die Hardware, auf der am Ende alles läuft, kommt weiterhin von NVIDIA. Europa kontrolliert den Anfang der Kette, die Lithografie, und versucht nun, sich ein Stück der Mitte, die Modelle, zu sichern. Das Ende der Kette, die Beschleuniger und Rechenzentren, in denen das eigentliche Geld verdient wird, liegt anderswo.

Was Fouquets Rechnung für uns bedeutet

Die Botschaft aus Paris ist damit zweischneidig. Europa ist nicht abgehängt, im Gegenteil: Es hält mit ASML den einen Hebel, ohne den die gesamte KI-Welt stillstünde. Aber Hebel und Vorsprung sind nicht dasselbe wie Teilhabe am Wachstum. Solange der Großteil des Geldes anderswo investiert wird, bleibt der Kontinent der unverzichtbare Zulieferer einer Revolution, die anderswo zu Geld gemacht wird.

Die ehrliche Frage, die Fouquets Nebensatz aufwirft, ist nicht, ob Europa mitspielen kann. Es spielt längst mit, an der entscheidendsten Stelle. Die Frage ist, ob es bereit ist, aus einer Position der technologischen Unverzichtbarkeit endlich auch eine Position der wirtschaftlichen Stärke zu machen. Die Antwort darauf wird nicht in Veldhoven oder Paris gegeben, sondern in den Budgets der nächsten zwei, drei Jahre.

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